Aymarah - Gerd Nover - E-Book

Aymarah E-Book

Gerd Nover

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Beschreibung

Feierliche Verabschiedung eines Abiturjahrgangs an einem Heidelberger Gymnasium. Der absolute Star der Abiturienten ist der sechzehnjährige Silas 'Einstein' Kramer. Nach der erfolgreichen Überwindung eines Hirntumors entwickelte er sich zu einem überragenden Schüler, übersprang zwei Klassen und steht jetzt vor der Aufnahme eines Studiums am IITN, dem Internationalen Institut für theoretische Neurowissenschaften in London. In seiner Abiturrede geht er auf den bevorstehenden Durchbruch bei der Entwicklung des neuromorphen Computers und der damit verbundenen Chancen für die Behandlung von Hirnerkrankungen ein. Damit will er in die Fußstapfen seines Vaters und großen Vorbilds Professor Stefan Kramer, eines weltweit anerkannten Neurowissenschaftlers, treten. Dieser hatte wegen undurchsichtiger Vorkommnisse eineinhalb Jahre zuvor die Leitung des Instituts für experimentelle Neurowissenschaften in Heidelberg verloren und geriet dadurch in eine nicht nur berufliche Krise, die auch den Familienurlaub in einem tropischen Paradies überschattet. Am Ende des Urlaubs setzt ein Strudel von Ereignissen ein, der Silas und seine vierzehnjährige Schwester Mia tief in die dunkelsten Seiten der Hirnforschung verstricken wird. Werden Sie zu Opfern oder können sie Einfluss nehmen? Sind ihre Eltern in der Lage, ihnen zu helfen? 'Aymarah' ist ein Jugendroman, Zielgruppe 13 - 16 Jahre, 30 Kapitel, 280 Seiten. Das Genre? Abenteuer, Spannung, auch Humor stehen zunächst im Vordergrund. Wegen einer noch nicht existierenden Technik liegt er in der Zukunft, ohne im eigentlichen Sinn Science Fiction zu sein. Oft geht es um ganz normale, alltägliche Themen des Lebens Jugendlicher: die Beziehungen zwischen Geschwistern und innerhalb einer Familie, Pubertät, erste Liebe, den Umgang mit schwierigen Situationen, die Verführung Jugendlicher durch frühen Ruhm. Im späteren Verlauf behandelt die Geschichte zunehmend den Umgang von Staaten mit den Chancen und Gefahren neuer Techniken und die Möglichkeiten Einzelner, darauf Einfluss zu nehmen.

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Seitenzahl: 323

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

Buch I

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Buch II

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Buch I

Kapitel 1

Für einen kurzen Augenblick hatte Silas das irritierende Gefühl, er stecke in einem fremden Körper.

Mechanisch, ohne sein Zutun setzte er einen Fuß vor den anderen, wie ferngelenkt, radargesteuert im Anflug auf die Landebahn, den roten Teppich, der sie magisch anzog, den sie entlang schreiten mussten. Sein Blick glitt an seinem weißen Anzug entlang, hinab zu den neuen, schwarzen Lackschuhen, ein kurzer Moment, der ihn noch mehr verstörte und zu lähmen drohte. Die vielen Menschen um ihn herum nahm er kaum wahr, so sehr war er gefangen in seinem für ihn ungewohnten und seelenlosen Aufzug, gefangen in diesem ihm völlig fremden Gefühl von Beklemmung und Fremdbestimmung.

Doch sein Verstand arbeitete noch in der ihm vertrauten, schnellen und präzisen Weise, es gelang ihm rasch, die aufkommende Panik zu unterdrücken. Ruhig bleiben, ist ja nur eine Rede. Und was für eine! In Gedanken ging er im Schnelldurchlauf die einzelnen Punkte noch einmal durch. Er würde es ihnen schon zeigen.

Währenddessen tat sein Körper, was andere von ihm erwarteten. Sie näherten sich im Schneckentempo dem rosenberankten Torbogen vor dem roten Teppich, Chantals unsichere Hand auf seinem angewinkelten Arm. Schon vor seiner flüchtigen Panikattacke hatte Silas seine Begleiterin kaum wahrgenommen, wäre er doch am liebsten allein einmarschiert. Was kümmerte ihn das ganze postpubertäre Gedöns, das narzisstische Getue um Abendkleider, Accessoires und Frisuren, der eitle Stolz der aufgeregten Eltern.

Chantal dagegen genoss ihren Auftritt, zumindest hatte sie sich das so vorgenommen. Zwar konnte man nicht gerade behaupten, dass Babyface Silas als der heißeste Mann des Jahrgangs gehandelt wurde, zwar war er mindestens zwei Jahre jünger als alle anderen und zudem total der Brain, zwar würde voll rot werden, wenn er einmal ein Mädchen anspräche, was er nie tat, aber trotzdem. An der Seite von Einstein zur Abiturfeier einzulaufen, das war doch etwas. Mehr 1,0 geht kaum, 886 von 900 Punkten! Was kümmerten sie die fehlenden 14 Punkte? (Die hatte er in Sport eingebüßt, wie sollte er denn auch mithalten, trotz allem Training, mit seinen 16 Jahren?) Triumphierend schaute Chantal nach rechts und links und sonnte sich im Glanz des Überfliegers, der ja zwangsläufig auch ein bisschen auf sie abstrahlen musste. Dabei war es so einfach gewesen! Kinderleicht! Silas hatte sofort zugestimmt, als sie ihn mit Herzklopfen und etwas unbeholfen gefragt hatte, ob er mit ihr einlaufen wolle. Mut wird belohnt, das würde sie sich fürs Leben merken. Und dass sie dieser Obertussi Milena zuvorgekommen war, die mit gewohnter Arroganz und Überheblichkeit ihren Besitzanspruch auf Einstein großspurig und lautstark verkündet hatte!

Allmählich gewann die Prozession der Abiturienten an Fahrt, nachdem die letzten fotografierenden Eltern mit ihren Spiegelreflexkameras von bemüht freundlichen Lehrern aus dem Weg geräumt waren und die Technik endlich die Tonanlage erfolgreich in Gang gesetzt hatte.

Sophie stupste Mia aufgeregt in die Seite.

„Schau! Da kommt dein Bruder. Der Wuschelkopf sieht richtig gut aus mit Anzug und Fliege. Das Wunderkind ist ja fast erwachsen.“

Doch Mia hatte keine Augen für ihren schlauen Bruder, vielmehr versuchte sie, Tom unter den Mitgliedern des Orchesters zu finden, die am seitlichen Rand der Bühne Platz genommen hatten.

„Was wolltest du eigentlich vorhin bei Tom?“, tuschelte Sophie. „Den Typ würde ich so was von ignorieren. Wie kannst du dem noch hinterherrennen, so wie der dich behandelt hat?“

Trotz aller Vorfreude über ihren Plan verspürte Mia bei dieser Bemerkung kurz einen bitteren Schmerz. Natürlich war sie ein dummes Ding gewesen zu glauben, dass der große Trompetenstar Tom, einer der coolsten Jungs des nächsten Abijahrgangs, es mit der fünfzehnjährigen, O. K., fast fünfzehnjährigen Mia ernst meinen würde. Aber genau das hatte er ihr doch versichert! Und dann hatte er sie nach dieser entsetzlichen Party einfach so vor ihrem Haus abgesetzt, praktisch aus dem Auto geschmissen, mit einem Kindergartenkind könne er doch nichts anfangen. Damals, geschockt, gelähmt, für Minuten unfähig die paar Schritte über die Straße zu gehen und das Gartentor aufzuschließen, die für ihn gestylten Haare durchnässt vom kalten Aprilregen, damals hatte sie sich geschworen, ihm diese Behandlung heimzuzahlen.

„Du hast ihm doch nicht auch noch was geschenkt?“

Sophie hatte beobachtet, wie Mia Tom beim Eintreten in die Aula offenbar etwas in die Hand drücken wollte, es dann aber in den Gesäßtaschen seiner weißen Hose verschwinden ließ.

„Wart’s einfach ab. Du wirst begeistert sein.“ Mia lächelte geheimnisvoll in sich hinein.

Die Prozession der Abiturienten hatte derweil unter dem stolzen Beifall der Eltern und Familienmitglieder den Saal durchschritten und Platz genommen, das Schulorchester intonierte ein feierliches Lied, der Schulleiter begann mit seiner Begrüßung. Silas nestelte an seinem Jackett herum und zog das Manuskript seiner Abiturrede aus der Innentasche. Er war dem Rat seiner Mutter gefolgt, das Manuskript doch mitzunehmen, obwohl er sicher wusste, dass er keinen Blick darauf werfen würde, dass sein Gedächtnis ihn unmöglich im Stich lassen konnte. Als Chantal seine Hand auffordernd berührte, wurde ihm erst bewusst, dass der Direktor seine Begrüßung beendet hatte. Silas stand auf und ging nach vorn zur Bühne.

Seine Rede begann Silas mit den üblichen Begrüßungs- und Dankesworten.

„Vor allem danken wir auch unseren Eltern, die in der stressigen Zeit der Vorbereitung auf das Abitur an uns geglaubt und uns unermüdlich unterstützt haben. Mit gutgemeinten Ratschlägen, sorgenvollen Nachfragen und - in meinem Fall - mit Litern von Kräutertees und Bergen von Apfelschnitzen.“

Höfliches Gelächter. Der eine oder andere der älteren Mitglieder des Lehrerkollegiums starrte gelangweilt in die Gegend. Jedes Jahr dieselben Witze. Und dann noch dieses Wetter. Die Julihitze war unerträglich. Die Sonne brannte von einem wolkenlosen, blauen Himmel unerbittlich auf das Dach der Aula. Fast achthundert Gäste, fast achthundert Öfchen, heizten sie zusätzlich von Innen auf, die Scheinwerfer taten das Übrige.

Auch Silas’ Mutter nahm die ersten Worte der Rede ihres Sohnes kaum war, wenn auch aus ganz anderen Gründen. Erleichtert, stolz, glückselig, verwirrt sah sie ihren fast erwachsenen Sohn am Rednerpult und hatte gleichzeitig die schrecklichen Bilder vor ihren Augen. Die Nacht, als der Freund und Kollege ihres Mannes ihnen erklärte, was der Grund für die ständigen Kopfschmerzen des Elfjährigen war. Als er für sie die Risiken einschätzte, die auch ein erfahrener Hirnchirurg wie er, ausgestattet mit der neuesten Technik, nicht voll beherrschen konnte. Das Glück, als der Tumor erfolgreich entfernt war, dann die quälenden Wochen, in denen die Schmerzen nicht nachließen und die erhoffte Heilung sich nicht einstellte. Warten, hoffen, Rückschläge verkraften. Und dann das Wunder. Wie ihr schüchterner, immer etwas kränklicher Junge zu einem eifrigen, wissbegierigen Schüler geradezu explodierte, der sich in seiner rasanten Entwicklung nicht bremsen ließ. Zwei Schuljahre hatte er übersprungen. Jetzt stand er mit seinen gerade mal sechzehn Jahren vor der Schulgemeinschaft und hielt die Abiturrede, ihr großer Kleiner. Sie sollte jetzt doch lieber auch richtig zuhören.

„Wir haben es also geschafft, wir verlassen den behüteten und geschützten Raum der Familie und der Schule, um unseren eigenen Weg in die Zukunft zu finden. Eine Zukunft, um deren Gestaltung wie so oft in der Geschichte in der Gesellschaft wieder einmal erbittert gestritten wird. Diesen Streit möchte ich zum Thema meiner Rede machen, nicht nur, weil mein Studienwunsch mich im September an das IITN, das Internationale Institut für theoretische Neurowissenschaften in London führen wird, sondern auch, weil die endgültige Erforschung und Simulation des menschlichen Gehirns unsere Welt dramatisch verändern wird.“

„Die Rede hat ihm doch sein Alter geschrieben“, lästerte Dr. Weiß, Silas’ Chemielehrer. „Der kann es nicht verwinden, dass er nicht mehr auf Frankensteins Spuren wandeln darf.“

„Das glaube ich nicht“, flüsterte seine junge Kollegin. „Silas hat seinen eigenen Kopf.“

„Jedenfalls ist es gut, dass er ausgebremst wurde.“

„Mit der vollständigen Erforschung und Simulation des menschlichen Gehirns werden wir einen der letzten weißen Flecken auf der Landkarte des menschlichen Wissens beseitigen. Doch wie immer, wenn die Menschheit den Sprung in eine neue Zukunft wagt, gibt es warnende Rufe. Apokalyptiker wähnen sich schon am Ende der Menschheit und versuchen, sich gegen den Fortschritt zu stemmen, wie die Eiferer, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts Eisenbahnen wegen ihrer unglaublichen Geschwindigkeit von 30 km/h für eine Gesundheitsgefahr hielten!“

Einige der Gäste, vor allem jüngere, lachten ungläubig. Über das Gesicht von Silas’ Vater huschte eine kaum merkliche Bitterkeit. Auch ein sehr sorgfältiger Beobachter wäre bisher nicht in der Lage gewesen, seinen Gemütszustand zu deuten, ganz im Gegensatz zu seiner Frau, deren freudige Ergriffenheit nicht missdeutet werden konnte.

„Wenn es nur bei der kritischen Auseinandersetzung bliebe. Aber nein! Die Gegner des Fortschritts missbrauchen alle rechtlichen und politischen Möglichkeiten, die ihnen zur Verfügung stehen, um dieses vielversprechende Projekt zu kippen. Forscher werden verleumdet und diskreditiert, Forschungsgelder werden gestrichen, ganze Abteilungen geschlossen.“

Stefan Kramers Mundwinkel zuckten bitter bei den Worten seines Sohnes. Vor eineinhalb Jahren hatte ihm der Dekan seiner Fakultät an der Universität Heidelberg die Leitung der experimentellen Neurowissenschaften entzogen. Und das wegen einiger lächerlicher Tierexperimente, nach denen sich ein paar Affen anders als gewöhnlich verhielten. Was macht denn ein Hundebesitzer anderes, wenn er seinen Hund abrichtet? Er kochte innerlich vor Wut bei dem Gedanken, dass es in Deutschland möglich war, dass ein paar Ignoranten die Arbeit eines weltweit anerkannten Spitzenwissenschaftlers torpedieren konnten.

Silas‘ leidenschaftlich werdende Stimme ließ ihn wieder zuhören.

„Die Menschheit hat es geschafft, mit Hilfe von Antibiotika tödliche Seuchen zu stoppen. Es gelang ihr, künstliche Organe zu entwickeln und in den menschlichen Körper einzupflanzen. Sie schaffte es, die Regeneration von geschädigten Nervenbahnen zu ermöglichen. Die Gentechnik versetzte uns in die Lage, zahlreiche Erbkrankheiten und das damit verbundene Leid zu überwinden. Aber jetzt, wo wir dabei sind, den Schlüssel für die Überwindung von Krankheiten wie Depression oder Alzheimer zu finden, vergehen wir uns angeblich am Wesen des Menschseins? Wenn es human ist, einen Herzschrittmacher zu bauen, der das Schlagen eines Herzens unterstützen kann, warum ist es dann inhuman, einen neuromorphen Supercomputer und Gehirnimplantate zu entwickeln, die bei der Arbeit eines Gehirns assistieren können? Wenn ich mich hier so im Saal umschaue, wären nicht wenige froh gewesen, wenn sie etwas Mithilfe bei dem mühsamen und langwierigen Pauken von Vokabeln oder chemischen Formeln gehabt hätten.“

Gejohle in den Reihen der Schüler. Selbst diejenigen klatschten begeistert, die Silas wissenschaftliche Gedanken mehr erlitten als verstanden und das Ende der Feier herbeisehnten. Nur raus hier aus der Sauna, im schattigen Schulhof wartete schon das Festbankett.

„Was hat er gesagt?“

„Egal.“

„Ich vermute auch, dass so mancher Geschichtslehrer für derartige Unterstützung dankbar wäre, wenn er mit seinen Jahreszahlen durcheinanderkommt oder die eine oder andere Französischlehrerin, wenn ihr eine spezielle französische Vokabel im Unterricht gerade nicht einfällt. Je l'ai sur le bout de la langue.“

Begeisterter Applaus. Eine Lehrerin in der dritten Reihe rutschte nervös auf ihrem Stuhl herum, die Kollegen neben ihr schauten bemüht aufmerksam nach vorn zur Bühne. Silas’ Imitation war einfach zu gut gewesen.

„Ich wusste gar nicht, dass Einstein auch noch rednerisches und schauspielerisches Talent hat“, raunte Silas‘ Tutor seiner Kollegin neben ihm zu. „Gibt es überhaupt einen Preis, den er nachher bei der Preisverleihung nicht bekommt?“

Mia nahm vielleicht als einzige von all dem kaum etwas wahr. Ihr schlauer großer Bruder würde das schon hinbekommen, wie immer. Sie war auch die einzige, die sich über die unerträgliche Schwüle im Saal freute. Das Wetter spielte mit, ihr Plan musste einfach gelingen. Tom Shark, du wirst dich noch an das Kindergartenkind erinnern!

Silas’ Rede war inzwischen mit dem gebührenden Beifall bedacht worden, der Elternbeirat und der Schulleiter hatten gesprochen, umrahmt von festlicher Musik, die Zeugnisse waren ausgegeben. Gerade endete die Preisverleihung, so manche Schülerin, so mancher Schüler schritt unter dem Beifall der Schulgemeinschaft vor zur Bühne und kehrte mit einem stolzen Lächeln zurück, den Buchpreis in den schwitzenden, manchmal vor Aufregung zitternden Händen. Nur Silas ließ seine Preise auf der Bühne, man werde sie ihm mit einem Kleinlieferwagen zustellen, scherzte der Direktor. Allerdings sei der neuromorphe Laptop nicht darunter, den müsse er ja erst noch erfinden.

Geschafft. Über zwei Stunden in der stickigen Halle. Den Männern klebten die schweißnassen Hemden und Hosenbeine am Körper, die Frauen hatten es dagegen mit ihren luftigen Abendkleidern vergleichsweise gut. Mias Puls beschleunigte sich. Jetzt noch ein Lied.

„Zum Abschied, liebe Eltern, Schülerinnen und Schüler, liebes Kollegium, hören Sie ein uraltes Lied, die Kenner wissen, dass es aus dem vorletzten Jahrhundert stammt, aber seine Schönheit ist zeitlos. Vor allem, wenn es von der Trompete interpretiert wird. Freuen Sie sich auf unseren Superstar an der Trompete, Tom Shark! Und danach auf die etwas frischere Luft da draußen und das Festbankett. Tom Shark! Time to Say Goodbye.“

Tom, 1,92m, schlank, sonnengebräunt, sein mittellanges Haar topmodisch nach hinten frisiert, bewegte seinen im Fitnessstudio definierten Body mit lässigen, aber doch irgendwie majestätischen Schritten aus der hinteren Reihe des Orchesters nach vorn. Einige Mädchen kreischten. Die ganze Zeit hatte er da hinten gestanden, hatte den einen oder anderen kurzen Einsatz innerhalb des Orchesters gehabt, endlich kam jetzt sein Auftritt. Wenn ein paar der Girls ohnmächtig werden würden, das käme jetzt gut, dachte er kurz. Doch er musste sich konzentrieren, dafür war er Profi genug.

„Was ist denn bloß dein Plan?“ Sophie sah Mias kecke Zungenspitze zwischen ihren geschlossenen Lippen, wie immer, wenn Mia sehr aufgeregt oder konzentriert war. Was konnte jetzt noch geschehen? Die Feier war so gut wie vorbei.

„In drei Minuten ist er am Arsch“, flüsterte Mia ihr ins Ohr.

Tom spielte himmlisch, für ein Schulorchester war er wirklich ein Ausnahmetalent. Für ein paar Minuten waren die schweißtreibende Schwüle und das Verlangen nach Flüssigkeit vergessen. Dann, tosender Beifall. Die Emotionalität des Liedes, die Rührung der Eltern, die Erleichterung über das Ende der Hitzeschlacht entluden sich in Händeklatschen und Jubelrufen. Tom verbeugte sich mehrfach und nahm wie selbstverständlich die Begeisterung der Zuhörer entgegen. Eine eindrucksvolle Figur in der weißen Hose und dem schwarzen Hemd, der Uniform des Orchesters, auf die Musiklehrer Jandl so großen Wert legte. Auf das weiße Jackett hatte er wegen der großen Hitze ausnahmsweise verzichtet. Mias Spekulation ging auf. Die Wettervorhersage war ja auch eindeutig gewesen.

Tom machte eine letzte Verbeugung, drehte sich um und ging zurück Richtung letzte Reihe. Nach zwei Schritten stoppte der Beifall hier und da schlagartig, einige Schüler zeigten ungläubig nach vorn, Sitznachbarn wurden mit einem Ellenbogenrempler darauf aufmerksam gemacht, eine La-Ola-Welle von ersten Lachern ging durch den Saal, eine zweite, stärkere.

Sophie starrte ungläubig auf Toms sexy Hinterteil.

„Der hat sich doch nicht etwa in die Hosen ge ...“

„Morin douce.“

„Was?“

Zunehmend verunsichert durch die unerklärliche Reaktion des Publikums und die unverständlichen Handbewegungen, mit denen Lehrer Jandl ihn offenbar auf etwas aufmerksam machen wollte, war Tom inzwischen auf halbem Weg zu seinem Platz auf der Bühne stehen geblieben.

„Schmilzt sofort auf der Zunge. Ein himmlischer Genuss.“ Mias Imitation des Werbeslogans war gekonnt. Sophie begann zu verstehen.

Tom hatte inzwischen begriffen, dass wohl etwas mit seiner Hose sein musste, und griff an sein Gesäß. Im vollen Scheinwerferlicht stand er da auf der Bühne und starrte auf seine braune Hand. Während viele unter den Erwachsenen sich zu beherrschen versuchten und hofften, Tom würde diese Peinlichkeit schnell beenden, indem er in der letzten Reihe verschwinden würde, legten etliche Schüler erst so richtig los.

„Der Auftritt ist in die Hose gegangen!“

„Hab’ doch gleich gemerkt, dass einer der letzten Töne irgendwie falsch geklungen hat. So bfffff.“

„Hat der jetzt Trompete gespielt oder Po-saune?“

Witzig.

Die Meute der Möchtegern-Stand-up-Comedians kannte keine Gnade. Der Leitwolf war gefallen und das Rudel der Jungwölfe machte sich gierig über ihn her.

„Tom ist halt ein ganz Süßer“, erklärte Mia betont sachlich. „Zwei, drei Stunden ohne Zuckerzufuhr, und das noch vor einem großen Auftritt, ist eindeutig zu lang. Also habe ich ihm zwei halbe Tafeln Schokolade in die Arschtaschen gesteckt, vorne hätten sie die Hose ausgebeult, unmöglich, und das Jackett blieb ja heute wegen der Hitze im Schrank.“

Der Saal leerte sich zügig. Sofort bildeten sich endlose Schlangen vor den Getränkeständen im Schulhof. Small Talk unter den Wartenden und unter den herumstehenden Gästen. „1,0. Unglaublich!“ - „Die Rede fand ich wirklich beeindruckend.“ - „Ach, der weiß doch gar nicht, wovon er redet. Ist doch noch ganz grün hinter den Ohren.“ - „Und Ihre Tochter? Wann ist die soweit?“ - „Haben sie das mit dem Trompetenspieler gesehen? Wie peinlich für den jungen Mann.“

Mia saß allein auf der Bank unter der großen Linde und genoss ihren Triumph. In der gegenüberliegenden Ecke des Schulhofs, umringt von allerlei wichtigen Persönlichkeiten der Schule, sah sie Silas im Interview mit dem Reporter des Gemeindeblättchens. Ihr großer Bruder würde ihr im nächsten Jahr fehlen, auch wenn sie das vor den anderen nie zugeben würde. Niemand stand ihr so nah wie er, auch Sophie nicht. Ihre Mutter, ja, die schon, aber sie war halt ihre Mutter. Und ihr Vater? Na ja.

Ihre Eltern saßen an einem der mit Hussen festlich verkleideten Biertische, unwillig, sich in den Kampf um das schnellste Getränk zu stürzen. Alina Kramer unterhielt sich mit einem Lehrer.

„Ja, am IITN in London, am 10. September, glaube ich. Nicht wahr, Stefan?“

„Wie? Entschuldigung. Ich war gerade in Gedanken.“

Noch vier Wochen Schule, nur noch zwei Klassenarbeiten, dann war es geschafft. Sonne, Palmen, Sand, das Meer. Mia freute sich unbändig auf den gemeinsamen Familienurlaub. Wer weiß, vielleicht würde es ihr letzter sein.

Kapitel 2

„Silas, Mama! - Papa!“ Mia stürmte in das großzügige Wohnzimmer ihres Ferienbungalows, ihre Badetasche segelte durch die Luft und krachte mitten im Zimmer auf den Dielenboden.

„Wahnsinn. Das nächste Mal müsst ihr mit.“

Mia schaute suchend um sich.

„He, wo seid ihr alle?“

„Mmm“, brummte Silas.

Er hatte sich mit seinem Laptop auf den Futon hinter dem Raumteiler aus Bambus zurückgezogen, so dass Mia ihn zuerst nicht bemerken konnte.

„Komm runter, Mi. Ein paar bunte Fische, was soll’s?“

Mia hasste es, wenn ihr Bruder sie Mi nannte. Den Namen hatte sie sich als zweijähriges Kind gegeben, und genau das wollte Silas ihr mit diesem Namen immer wieder vorhalten: Du bist halt noch ein Baby, mit deiner kindlichen Begeisterung, mit deinem ungebremsten, oft unbedachten Überschwang. Dabei würde es ihm überhaupt nicht schaden, auch einmal etwas mehr Enthusiasmus zu entwickeln.

Alina Kramer staunte oft darüber, wie unterschiedlich ihre zwei Kinder in diesem Punkt waren. Mia war schon als Kind keine Mauer zu hoch, kein Graben zu tief, die Welt nie weit genug. Basketball, Klavierspielen, Reiten, Schülerzeitung, Ballett ... Berauscht von der Vielfältigkeit der Welt stürzte sie sich immer wieder mit Leidenschaft auf neue Erfahrungen, um dann doch oft ernüchtert oder gar verkatert wieder aufzuwachen. Silas dagegen durchlief seine Schulzeit mit der ausgeglichenen, ereignisarmen Zuverlässigkeit eines Office-Computerprogramms. Nein, dachte seine Mutter, das ist jetzt doch ein bisschen zu boshaft, aber große Gefühlswallungen waren sicher nicht sein Ding, es sei denn, es ging um seine Hirnforschung.

„Ein paar bunte Fische, das ist natürlich langweilig für unseren großen Forscher. Arbeitest du wieder am Nobelpreis, mein Rehchen?“

Mia wusste genau, wie sie kontern musste, wenn Silas sie mit diesem Mi ärgerte. So gern er sich noch vor wenigen Jahren von ihr mein Rehchen hatte nennen lassen, so sehr ging es ihm inzwischen gegen den Strich. Er gab nach.

„Ist ja gut, komm her, Schwesterherz. Wie war’s?“

Mia warf sich bäuchlings neben Silas auf den Futon, schob seinen Laptop beiseite und sprudelte heraus.

„Unglaublich! Der helle Wahnsinn. Nicht zu toppen. Du glaubst, du bist in einer anderen Welt. Dabei konnten wir heute gar nicht richtig tauchen, irgendwas mit der Ausrüstung. Aber einfach so ein, zwei Meter runter gehen, oder nur Schnorcheln. Die Farben sind irre, alles so hell, die Fische und Pflanzen, du kannst sie praktisch anfassen.“

Silas strich zärtlich mit einer Hand über Mias freche Kurzhaarfrisur, sie war aber viel zu aufgekratzt für diese vertraute, brüderliche Zuwendung. Auf dem Futon kniend, Arme und Hände in ständiger Bewegung, versuchte sie ihre Begeisterung über den morgendlichen Tauchgang in Worte zu fassen. Je länger der Bericht dauerte, desto mehr näherte sich Silas’ Hand seinem Laptop.

„Du hörst ja gar nicht zu.“

„Doch, natürlich. Die Korallen oder was, ja, echt super. Ich war nur gerade mitten in dem Artikel über das Semesterprogramm. Ganz kurz. - Du warst doch auch schon fertig, oder?“

Genervt stand Mia auf und ging in die Küche. Wenige Minuten später kam sie mit einem Glas Saft und einer Tüte Chips zurück, stellte sie neben den Futon auf den Boden und klappte Silas Laptop zu. Silas fuhr mit einem Schrei auf.

„Klappe, Bruder. Jetzt hör mir mal zu. In gut einer Woche bist du in London, wer weiß, wie lange wir uns dann nicht wiedersehen. Wir haben gerade noch die paar Tage zusammen. Kann dein blödes Semesterprogramm nicht noch zwei Wochen warten?“

In den letzten Tagen war Mia bewusst geworden, wie wichtig Silas’ Anwesenheit für sie immer gewesen war. Er war einfach immer dagewesen. Ob Kindergarten, Schule, Feriencamp, jeder ihrer Schritte ins Leben war von dem Sicherheitsnetz seiner Anwesenheit begleitet gewesen. Immer wenn sie sich gleich ohne Stange auf ein Hochseil stürzte, war Silas da, um der Seiltänzerin beizustehen, wie in der ersten Woche im Kindergarten, als sie vom Klettergerüst gefallen und mit drei stolzen Pflastern nach Hause gekommen war. Oder am ersten Schultag im Gymnasium, verloren im riesigen Schulhof zwischen den vielen Gebäuden, da hatte allein sein Winken aus der Ferne die beängstigende Größe der neuen Schule schrumpfen lassen.

Doch da war auch noch diese andere Seite. Die dunklen Monate seiner Krankheit, als der Schreck des Tumors die Kindheit des neunjährigen Mädchens abrupt beendete. So wie sie mit unbedachter Furchtlosigkeit vom 10-Meter Brett gesprungen war, so stürzte sie sich Silas’ Krankheit entgegen, linderte mit ihrer nicht versiegenden Lebenskraft und ihrem unerschütterlichen Optimismus seine Furcht, half ihm durch die langen, quälenden Monate der Genesung. Wie eine Mutter ertrug sie es, dass er ihre Unterstützung damals fast als Selbstverständlichkeit betrachtete und sich eigentlich nie richtig bedankte. Sie litt auch ein bisschen unter seiner unerwarteten Entwicklung zum Genie der Schule, raubte sein Arbeitseifer ihnen doch viel geschwisterliche Zeit, andererseits war das aber auch ein bisschen ihr Erfolg, der Erfolg ihres Kindes.

In zwei Wochen würde sie allein sein.

„Komm her Mia, sorry.“ Silas schob den Laptop beiseite und warf die Kopfhörer in die Ecke.

„Bin ich manchmal etwas egoistisch?“

„Wenn du manchmal und etwas streichst, hast du voll recht, mein Rehchen.“

Mia kuschelte sich trotz der Hitze bei Silas ein, der sich diesmal das Rehchen gefallen ließ. Lange hatte sie ihn nicht mehr so genannt. Ihr Rehchen aus Brüderlein und Schwesterlein, ihrem Lieblingsmärchen aus Kindertagen, das sie ihm oft am Krankenbett vorgelesen hatte, ein Ritual, von dem sie niemandem, nicht ihren Eltern, nicht den besten Freunden etwas erzählten. Das Vorlesen, das Erzählen dieses Märchens war ein Versprechen, das Mia ihrem Rehchen gab. Ich bin bei dir, es wird alles wieder gut, du wirst wieder der Alte. ‚Und als die böse Hexe verbrannt war, wurde auch das Rehkälbchen von dem bösen Zauber erlöst und erhielt seine menschliche Gestalt wieder; Schwesterchen und Brüderchen aber lebten glücklich zusammen bis an ihr Ende.’

„O. K., ich bin egoistisch. Aber weißt du, es ist alles so spannend für mich, London, die Uni, irgendwie kann ich es gar nicht kapieren, was da alles auf mich wartet.“

„Ich warte. Zuhause. In der Scheißschule. Ohne dich.“

„Unsinn. Ich melde mich jeden Tag. Und in den Ferien machen wir gemeinsam London unsicher. Die paar hundert Kilometer, die trennen uns doch nicht.“ Silas begann wieder, Mia übers Haar zu streichen, er wusste, wie er seine Schwester besänftigen konnte.

„Sind sie nicht süß, unsere beiden Herzchen?“, bemerkte Alina Kramer lächelnd zu ihrem Mann. Verborgen hinter dem Bambusgestell hatten sie schon eine ganze Weile ihre Sprösslinge beobachtet.

„Wie war’s auf dem Markt?“, wollte Mia wissen, als ihre Mutter ihr Versteck verließ und zu ihren Kindern trat.

„Bunt, voll, laut, zauberhaft. Zauberhaft, vor allem, weil euer Vater sich ganze drei Stunden seiner wertvollen Zeit genommen hat. Als ob wir Ferien hätten. Oh, Chips. Ist noch was drin? Stefan, komm. Chips! Das ist doch etwas für dich.“

Alina ließ sich auf den Futon fallen, Stefan brummte etwas als Erwiderung und verschwand im Elternschlafzimmer. Obwohl sie sich hinterher dafür hasste, konnte sie es sich nicht verkneifen, mit derartigen Bemerkungen ihrer Enttäuschung über den gemeinsamen Urlaub Ausdruck zu verleihen. Eigentlich hätte sie es ja wissen können. Ging es nicht schon seit Jahren so? Als ihr Mann acht Jahre zuvor die Leitung der Abteilung für experimentelle Neurowissenschaften der Universität Heidelberg übernommen hatte, waren sie sich einig gewesen, dass diese Position nie ihr gemeinsames Leben übermäßig beeinträchtigen durfte. Ein paar Jahre ging das auch gut. Doch Silas’ schwere Krankheit veränderte ihr Verhältnis schleichend, ohne dass sie sich der wachsenden Kluft wirklich bewusst waren. Während die Mutter ihre ganze Zeit ihrem kranken Sohn opferte, oft geplagt von ihrem schlechten Gewissen wegen Mia, die sie vernachlässigen musste, versuchte der Vater Silas auf seine Weise zu helfen. Er organisierte die fähigsten Chirurgen, beriet sich mit den besten Kollegen, begann selbst intensiver mögliche Folgeschäden und deren Behandlung zu erforschen. Während Alina ihre Arbeit als Wissenschaftsjournalistin wegen Silas fast einstellte, vergrub sich ihr Mann zunehmend in seinem Labor. Mit Silas’ Genesung, hoffte sie damals, würde sich das ändern. Hoffte sie.

Dann begannen die Gerüchte. Am Institut gebe es obskure Experimente, von fragwürdigen Tierversuchen war die Rede. Stefan wiegelte ab, alles Unsinn. Wo ist der Unterschied zwischen einem Herzschrittmacher und einem Chip, der ausgefallene Hirnfunktionen übernehmen soll? Soll man so etwas etwa an Menschen ausprobieren? Dann doch lieber an Mäusen und Affen. Würde die Meute der Bedenkenträger auch seinen Rücktritt verlangen, wenn er ihnen nach einem Schlaganfall mit seiner Technik ein neues Leben ermöglichen könnte? Ohne etwas dagegen tun zu können, musste Alina Kramer zusehen, wie ihr Mann ihr in die Arbeit entglitt, in den Kampf um sein Institut und um sein Ansehen als Forscher. Mit der Zwangsschließung des Instituts hoffte sie kurz auf einen Neuanfang, doch es wurde noch schlimmer. Immer unterwegs zu irgendeiner Universität, einer Firma, einer Konferenz, war Stefan zunehmend im Flugzeug zu Hause.

„Ich verspreche dir, es wird bald wieder wie früher. Aber ich muss erst wieder Fuß fassen, ich brauche Geldgeber, ich brauche einen Neuanfang.“

Auf diesen Neuanfang wartete sie nun schon seit eineinhalb Jahren. Selbst während der zwei Ferienwochen verbrachte Stefan mehr Zeit mit seiner Arbeit als mit seiner Familie. Er war schon zweimal weg gewesen. Geschäftspartner treffen. Frag’ nicht. Alles in Ordnung. Morgen machen wir einen Ausflug.

Morgen kam nie.

„Jetzt erzähl doch endlich von eurem Marktbummel. Hast du was mitgebracht?“ Neugierig langte Mia nach der Einkaufstasche.

„Stopp, Naseweiß. Augen zu.“

Erwartungsvoll schloss Mia die Augen. Ihre Mutter holte ein in Seidenpapier gewickeltes kleines Päckchen aus der Tasche, entfernte das Papier und drapierte das zum Vorschein kommende Tuch um Mias Schultern.

„Gefällt es dir?“

„Mama!“ Das Feuerwerk an Farben und Formen dieses Schultertuchs schafften etwas, was selten vorkam. Es verschlug Mia die Sprache.

„Silas, schau mal!“

„Mmm, ja. Bunt.“

Ach, Silas!

„Danke, Mama. Das ist das schönste Tuch der Welt.“

Zumindest war es das schönste Tuch auf dem gesamten Markt gewesen. Alina hatte ja auch genügend Zeit gehabt, es auszusuchen. Zu Beginn ihres Streifzugs durch die engen Gassen zum Marktplatz, eingetaucht in exotische Düfte und Geräusche, Hand in Hand mit ihrem Mann zwischen Buden und improvisierten Markständen, hatte sie endlich das Gefühl von Urlaub, hatte sich sogar ein wenig gewundert über die Aufmerksamkeit und ungewohnte Geduld, die Stefan aufbrachte, während sie langsam von Stand zu Stand ging, Gemüse, Früchte und Gewürze aussuchte, Dutzende von Handarbeiten prüfend in die Hand nahm, mit den Händlern radebrechte und feilschte. Sie wusste, wie schwer ihm solche Einkaufsbummel fielen und liebte ihn dafür in diesen Augenblicken mit einem schon ziemlich verstaubten Gefühl von Zärtlichkeit. Es war ein kurzes Gefühl.

Am westlichen Rand des Marktes, wo die Altstadt in den neueren Teil des Ortes überging und die modernen Geschäfte und Büros lagen, wurde er allmählich unruhig. Sie benötige doch wohl noch etwas Zeit zum Aussuchen, er müsse nur noch einmal kurz ... zwei Querstraßen weiter liege das Büro, in dem er heute mögliche neue Geschäftspartner treffen könne. Es dauere ja nicht lang. Höchstens eine Viertelstunde. Nur eine kurze Absprache.

Nach fast zwei Stunden kam er zurück. Das Treiben auf dem riesigen Marktplatz hatte inzwischen seinen Höhepunkt erreicht, aber der Zauber war für Alina verflogen. Energisch bahnte sie sich einen Weg zurück in Richtung der Ferienhäuser, schweigend. Stefan kam nur mit Mühe hinter ihr her.

Egal. Alina wandte sich Mia zu. Die letzten gemeinsamen Tage wollte sie sich nicht verderben lassen.

„Wie war’s bei dir? Hat das geklappt mit dem Tauchen?“

„Oh Mama, du musst mitkommen. Es ist echt unbeschreiblich.“

„Ich weiß nicht. Ist das wirklich ungefährlich? Gibt es da nicht auch giftige Fische oder so was?“

„Nur ein paar Haie“, lachte Silas. „Die hat Mia aber alle weggebissen. Einer hieß Tom Shark.“

„Ach, ist das der Herr mit dem braunen Hinterteil?“ Stefan war aus dem Schlafzimmer gekommen, ungewohnt erheitert bei der Erinnerung an Mias Triumph bei der Abiturfeier.

„Morgen ist nichts mit Tauchen, es soll stürmisch werden.“

„Dann machen wir einen Ausflug, alle zusammen, ja?“

Mia blickte bettelnd von Mama zu Papa.

„Außer dem Strand und der Altstadt gibt es hier doch nichts in der Nähe.“

„Doch Papa, die Tauchlehrer haben von einem Reservat erzählt. Da leben die Einwohner noch ganz so wie früher. Nicht einmal die Regierung hat dort etwas zu sagen, es ist wie ein eigenes Land. Die leben da wie vor tausend Jahren.“

Stefan Kramer musste lachen.

„Tausend ist ein bisschen übertrieben. Zweihundert, vielleicht dreihundert. Aber da können wir nicht hin. Das ist auch viel zu weit weg.“

„Kennst du das Reservat?“ Einmal hatte Mia gedacht, etwas zu wissen, was alle anderen noch nicht gehört hatten.

„Klar.“

Das Reservat war wirklich zu weit entfernt. Weit im Hinterland lag es, über zweihundert Kilometer von diesem Teil der Küste entfernt, eigentlich nur per Hubschrauber zu erreichen. Die schmale Schotterpiste, die seit Mitte des zurückliegenden Jahrhunderts das Reservat mit der Zivilisation notdürftig verbunden hatte, hatten der Dschungel und die zerstörerische Witterung der Tropen für normale Fahrzeuge praktisch unpassierbar gemacht. Außerdem war es so gut wie unmöglich, Zutritt zu bekommen. Die Stammesführer des Reservats hatten ihr Gebiet in den letzten Jahren abgeschottet, eine Abwehrreaktion gegenüber den Strömen von Forschern, Touristen und Geschäftsleuten. Mit Recht glaubten sie, nur durch Abgeschiedenheit ihre Kultur bewahren zu können.

Silas hatte den Erklärungen seines Vaters interessiert gelauscht. Das war spannender als ein buntes Tuch, das bei der Hitze eh niemand gebrauchen konnte.

„Man müsste die Gehirne dieser Menschen untersuchen. Glaubst du, dass eine so ganz andere Kultur die Struktur eines Gehirns beeinflussen kann? Dass ihre Denk- und Lebensweise Spuren im Gehirn hinterlässt?“

„Ich hinterlasse gleich Spuren in deinem Gehirn!“ Mia fiel über Silas her und verpasste ihm eine Kopfnuss, spielerisch, aber nicht unbedingt sanft.

„Wir haben Ferien, Ferien, Ferien! Mama, sag was.“

Ferien. Familienferien. Kurz dachte Alina Kramer zurück an die Ferien an der Nordsee in Holland, als die Kinder noch klein waren. Das kleine Ferienhäuschen zwischen den Dünen, der kurze Weg zum Meer, die langen Nachmittage am Strand oder bei den Enten am Teich, wenn das Wetter einmal zu kühl war. Gemeinsam kochen, vorlesen, Familienferien eben. Damals waren sie noch eine Familie gewesen. Und jetzt? Gab es überhaupt noch so etwas wie einen gemeinsamen Nenner?

„Vom Hafen aus gibt es Tagestouren zur Bananeninsel. Die Schiffe sind groß genug, sie fahren auch, wenn das Wetter etwas stürmischer ist. Lass uns das morgen machen.“ Alina schaute auffordernd ihren Mann an.

„Tagestour?“ Stefan zögerte.

„Ist das ein Problem?“

„Ich müsste morgen noch einmal kurz diese Leute von heute treffen, nicht lang, aber am frühen Nachmittag. Du wolltest ja nicht, dass sie wieder hier im Haus auftauchen, also muss ich hingehen.“

„Das ist doch nicht der Punkt! Natürlich will ich sie nicht wiedersehen, diese unsympathischen Gestalten. Was für Wissenschaftler sollen das denn sein?“

„Du weißt, dass es keine Kollegen sind. Aber Wissenschaft kostet nun mal Geld. Und wenn die deutsche Regierung zu blöd und zu geizig ist, Spitzenwissenschaft zu finanzieren, dann muss ich mir eben woanders das nötige Geld suchen. Von deinem bisschen Journalismus können wir so eine Reise nicht bezahlen, die kostet nämlich auch etwas!“

Alina platzte.

„Mein bisschen Journalismus! Wovon leben wir denn? Wer hat denn seinen Job leichtsinnig in den Sand gesetzt?“

„Hört auf, hört doch endlich auf zu streiten!“

Mia knallte die Chipstüte auf den Boden und rannte hinaus. Alina starrte ihren Mann feindselig an. Stefan schien langsam klar zu werden, was er da angerichtet hatte und lenkte nach einer längeren Pause ein. Er könne versuchen, seine Geschäftspartner am Abend zu treffen, nach der Rückkehr von der Bananeninsel. Sie könnten dann schön Essen gehen, er werde nachkommen, bis zum Nachtisch sei er bestimmt zurück. Alina akzeptierte schweigend.

Der Ausflug verlief erstaunlich harmonisch. Während schon um die Mittagszeit das Wetter immer stürmischer wurde und auf der Rückfahrt das kleine Boot zunehmend schwankte, beängstigend trotz des übermütigen Lachens des einheimischen Kapitäns, herrschte bei den Kramers Windstille und bestes Strandwetter. Dabei mussten sie sich nicht einmal besonders anstrengen. Der stürmische Streit schien die Gewitterwolken an ihrem Familienhimmel hinweggefegt zu haben. Stefan schaffte es sogar pünktlich zum Nachtisch. Sein Gespräch mit der Mafia, so hatte Silas die unsympathischen Geschäftspartner getauft, war offenbar pünktlich beendet worden.

Der Familienfriede hielt die ganze Woche. Es war fast wie früher am Strand an der Nordsee. Wie so oft damals machten sie auch hier eine Ferienbekanntschaft, ein englisches Ehepaar, das mit seinem siebzehnjährigen Sohn ins Nachbarhaus eingezogen war. Die Mutter erwies sich zwar als etwas nervig, da sie bei jeder Gelegenheit fanatisch ihre vegetarischen Rezepte anpries - Mia wehrte sich gegen sie, indem sie der ziemlich blass und kränklich aussehenden Frau den Titel das vegane Gespenst verlieh - aber mit dem Sohn hatten Mia und Silas ihren Spaß. Zu ihrer Erheiterung hatte dieser den Tick, sein rechtes Bein anzuwinkeln und seinen rechten Fuß in die Hand zu nehmen. So stand er da, auf seinem linken Bein, den anderen Fuß in der Hand, immer wenn er sich unsicher fühlte, was oft der Fall war, vor allem wenn Mia auftauchte. Mia und Silas brauchten nicht lange, den geeigneten Spitznamen für ihn zu finden. Der Flamingo.

Es war eine fröhliche, teilweise ausgelassene Woche, als wäre endlich jedem klargeworden, welches Glück sie mit ihrer Familie die ganzen Jahre gehabt hatten, ein Glück, das sie zumindest in dieser Form nur noch in dieser einen Woche erleben konnten. Silas würde in London studieren, Stefan lebte eh mehr im Flieger, immer irgendwo zwischen San Francisco, Moskau, Peking und sonst wo, Alina wäre auch zunehmend unterwegs in ihrem Beruf und Mia bliebe allein zurück, in der öden Mittelstufe. Na ja, so schlimm war die Schule auch nicht.

Eine kurze, aber wunderbare Woche lang verdrängten alle die Zukunft, bis zum Tag vor Stefans und Silas’ Abflug. Die beiden sollten vom kleinen örtlichen Flughafen zum Hauptstadtflughafen fliegen, von dort gemeinsam weiter nach London. Alina und Mia hatten noch ein paar Tage bis zu ihrem Rückflug nach Frankfurt.

Das war der Plan.

Kapitel 3

Silas war schnell mit dem Packen fertig. Sonnenhut, Badelatschen und Shorts würde er im Londoner Oktobernebel kaum gebrauchen können, der Großteil seiner Klamotten, Bücher und sonstigen Habseligkeiten war vor dem Urlaub von Ladenburg aus bereits nach London geschickt worden. Auch sein Vater reiste mit kleinem Gepäck. Die beiden würden sich hier im Ferienhaus von Mia und Alina verabschieden und sich dann mit dem Taxi zum Flughafen bringen lassen.

Alina hatte es so gewollt. Sie wusste, dass sie dem Abschied am kleinen Flughafen nicht gewachsen war. Sie würde stumm dastehen, einen Kloß im Hals, unfähig zu sprechen, mit pochenden Kopfschmerzen vor lauter Anstrengung, die aufkommenden Tränen zu unterdrücken. So wollte sie ihren Sohn nicht ins Leben entlassen, er sollte frei, erwartungsvoll, mutig gehen, nicht gedrückt vom Abschiedsschmerz einer weinerlichen Mutter. Er flog zuversichtlich in seine Zukunft, die Krönung ihrer Jahre als Mutter, das sollte sein Gefühl beim Abschied sein, nicht ihr Schmerz. Kann ein Kind diesen Schmerz verstehen? Sollte es das überhaupt? Hier im Haus würde alles schneller gehen, keine quälend lange Fahrt zum Flughafen, eingehüllt in bedrückendes, wortloses Schweigen oder, fast schlimmer, übertüncht mit aufgesetztem Gequassel, kein marterndes Warten auf das Einchecken, keine Panik beim Anblick des kleinen, uralten Propellerflugzeugs, kaum mehr als ein Spielzeug. Hier im Haus könnte sie sich mit Geschäftigkeit ablenken, der Abschied würde nur Sekunden dauern. Ein mutiger, grausamer Schnitt. Dann würde die Nabelschnur durchtrennt sein. Diesmal würde nicht das Baby schreien, sondern die Mutter. Aber im Stillen, für sich allein.

„Aber ich fahre mit.“ verkündete Mia. „Ich lass’ doch meinen Bruder nicht einfach so zum Flughafen fahren. Allein sein kann ich noch lange.“

Ihrem Vater war das nicht recht.

„Dann musst du allein mit dem Taxi zurück.“

„Na und?“

„Und wenn etwas passiert?“

„Was soll schon passieren? Der Taxifahrer entführt und vergewaltigt mich?“

„Wir fahren zu zweit. Ende der Diskussion.“ Stefan verließ das Wohnzimmer.

Mia gab aber nicht so leicht auf. Beim Abendessen unternahm sie den zweiten Versuch.

„Ich könnte auch mit dem Bus zurückfahren. Der fährt bis zum Markt.“

Ihr Vater wurde sichtlich böse.

„Fängst du schon wieder damit an! Weißt du überhaupt, wie viele Busse vom Flughafen abfahren?“

„Weiß ich. Genau drei. Und lesen kann ich auch. Ich bin nicht mehr im Kindergarten“

„Werd jetzt bloß nicht noch frech!“

„Wieso frech? Ich will nur meinen Bruder verabschieden. Du bist gemein!“

Alina mischte sich ein.

„Vielleicht können euch auch die netten Engländer vom Haus nebenan fahren, Stefan. Die haben gestern schon angeboten, Mia und mich nächste Woche zu fahren.“

Stefan rastete aus. Er fuhr abrupt von seinem Stuhl hoch, ein Glas zersplitterte auf dem Fußboden.

„Macht hier jetzt jeder, was er will? Habe ich in meinem Haus gar nichts mehr zu sagen. Es bleibt dabei, basta, aus, fertig und Amen! Ich will davon nichts mehr hören.“

Entgeistert schaute Alina ihrem Mann nach, wie er durch die Terrassentür in den Garten verschwand. Ihre Kinder saßen verstummt da. Erschrocken, verwirrt, fassungslos. Natürlich befand sich Stefan seit Monaten in einer schwierigen Lage, natürlich stand seine ganze wissenschaftliche Karriere auf der Kippe, aber wegen einer organisatorischen Kleinigkeit so auszurasten? Seine berufliche Hängepartie war für alle schwierig, nicht nur für ihn. Früher hatten sie Probleme gemeinsam gemeistert. Mia sprach leise aus, was ihre Mutter sich nicht einzugestehen traute.

„Soll er doch wegfliegen. Morgen sind wir allein Mama, ich freu’ mich darauf.“