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David und Salomon Liebermann entstammen einer jüdischen Familie aus Tel Aviv. Die beiden Brüder studieren in Wien. Sal ist Musiker und lernt in einem Irish Pub bei einem Auftritt den pensionierten Howard Bush kennen, der Salomons Band als Künstleragent unter Vertrag nimmt. Wenig später wird von Howard die junge Fotografin Hannah engagiert. Hanna und Salomon verlieben sich und werden ein Paar. Hannahs Vater Franz lebt auf einem Bauernhof in Oberösterreich mit Blick auf das ehemalige KZ Gusen. Es wird immer wieder erzählt, dass die Nazis dort gegen Ende des Zweiten Weltkrieges unter dem Tarnnamen B8 - Bergkristall unterirdische Anlagen gebaut haben. Durch eine zufällige Entdeckung Salomons kommt Franz dem Geheimnis des Nazi-Baus auf die Spur…
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Seitenzahl: 355
Veröffentlichungsjahr: 2015
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Vorwort
Danksagung
„Möge die Arbeit beginnen“
Samuel I
Salomon
Howard
Himmler
Samuel II
David
Bahnhof
Franz
Rosy
Samuel III
Archive
Sal & Friends
Strick
Flohmarkt
Hannah
Studio
Berlin
Buch
Samuel IV
Geburtstag
Begegnung
Alex
Samuel V
Kamerafahrt
Mauthausen
B8.27
Tunnel
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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© 2015 novum Verlag
ISBN Printausgabe: 978-3-99048-172-1
ISBN e-book: 978-3-99048-173-8
Lektorat: Kim Klober
Umschlagfotos: Ifh1985, Thiagiruiz | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Vorwort
Dieser Roman ist eingebettet in einen historischen Hintergrund. Zahlen, Daten und Fakten zur Geschichte sind überprüfbar. Im Vordergrund steht aber die Fantasie und die daraus resultierende frei erfundene Geschichte. Was genau die Nazis in den Stollen von Gusen gegen Ende des Zweiten Weltkrieges gemacht haben, lieferte seither viel Stoff für Spekulationen. Fast 70 Jahre nach Ende der Kampfhandlungen und der Befreiung der KZ-Häftlinge steht nun eine ernsthafte, geschichtliche Aufarbeitung durch eine Expertenkommission vor der Tür. Mögen uns die Forschungen neue Erkenntnisse oder – noch wichtiger – der Wahrheit ein Stück näher bringen.
Danksagung
Ich danke meiner geliebten Ehefrau für ihre Unterstützung und grenzenlose Liebe.
Die Protagonisten des Romans,Howard, David, Salomon, Franz, Hannahund wie sie noch alle heißen mögen, sind ebenso wie die Dialoge allesamt frei erfunden. Eine Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist vom Autor unbeabsichtigt und rein zufällig.
Möge dir/euch/Ihnen das Lesen so viel Freude bereiten wie mir das Schreiben.
Dezember 2014
„Möge die Arbeit beginnen“
Österreich war seit März 1938 an Hitler-Deutschland angeschlossen. Am 12. Mai 1938 reiste Hermann Göring mit seinem Tross nach Linz an der Donau, um am folgenden Tag den Spatenstich für die nach ihm benannten Hermann-Göring-Werke vorzunehmen. Im Beisein zahlreicher hoher Funktionäre der NSDAP schritt Göring ans Rednerpult und hielt eine von frenetischem Beifall begleitete Rede. Er schloss mit den Worten: „Möge die Arbeit beginnen!“
Für das 700 Hektar große Werksgelände wurden die beiden Ortschaften Zizlau und St. Peter vollständig abgesiedelt. Am 15. Oktober 1942 wurde in Linz der erste Hochofen angeblasen. Der Krieg war bereits in vollem Gange und so litten die Werke von Anfang an unter einem akuten Arbeitskräftemangel. Auch in anderen Industrie- und Rüstungsbetrieben des Deutschen Reiches fehlte es an Arbeitskräften. Jeder kampftaugliche Deutsche wurde an der Front benötigt. Als auch durch den immer stärkeren Einsatz von Frauen die Lücke nicht mehr geschlossen werden konnte, begann man Arbeitskräfte in den besetzten Gebieten zu rekrutieren. Fritz Saukel wurde 1942 in der NSDAP zum Generalbevollmächtigen für den Arbeitseinsatz bestellt. Unter Saukels Regie kamen 5 Millionen Arbeitskräfte, davon maximal 200.000 freiwillig, ins Deutsche Reich. Fritz Saukel wurde 1946 im Nürnberger Prozess zum Tode verurteilt.
Die Zwangsarbeiter wurden ganz im Sinne der Rassenideologie der Nazis schlecht behandelt. Ihre Versorgung war ungenügend, ihr Lohn karg und ihre Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt. Zwangsarbeiter aus Polen und anderen Ostländern standen in der Wertschätzung der Nazis am Ende der Skala und viele von ihnen bezahlten ihren Arbeitseinsatz für das Dritte Reich mit dem Tod.
Neben den Zwangsarbeitern kamen auch viele Häftlinge aus dem KZ Mauthausen beim Bau und im Betrieb der Hermann-Göring-Werke zum Einsatz. Speziell ab 1944 stieg ihre Zahl rasant an und so wurde auf dem Werksareal eine Außenstelle des KZ Mauthausen eingerichtet. Für die Bewachung der Häftlinge, die unter menschenunwürdigen Verhältnissen hausen mussten, war die SS zuständig.
In Mauthausen waren ebenso wie in Gusen zunächst die umliegenden Steinbrüche für die Standortwahl eines Konzentrationslagers ausschlaggebend. Die im Eigentum der SS stehende DEST, die Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH, wurde streng betriebswirtschaftlich geführt und spielte als wichtiger Rohstofflieferant für die Prachtbauten und den Straßenbau der Nazis eine wichtige Rolle.
Am 25. Juli 1944 erfolgte der erste Bombenangriff der Amerikaner auf Linz und das Werk. Von 450 Flugzeugen wurden 1600 Sprengbomben abgeworfen. 176 Menschen wurden in den Tod gerissen, weitere 180 zum Teil schwer verletzt. Ab September des gleichen Jahres wurde die wöchentliche Arbeitszeit auf 60 Stunden erhöht und eine Urlaubssperre verhängt. Der Krieg wurde immer mehr zur Materialschlacht.
Sensible Teile der Rüstungsindustrie wurden zum Schutz vor den über das ganze Land verteilten Luftangriffen der Alliierten in unterirdische Stollen verlegt. Zu Jahresbeginn 1944 wurde in St. Georgen an der Gusen unter strengster Geheimhaltung durch den SS-Führungsstab B8 mit dem Bau eines unterirdischen Flugzeugwerkes für die Serienproduktion von Düsenflugzeugen der Marke Messerschmitt Me 262 begonnen. In nur 13 Monaten Bauzeit schufen Häftlinge des Lagers Gusen II eine der größten und modernsten unterirdischen Produktionsanlagen des Deutschen Reiches. Das Projekt wurde unter der TarnbezeichnungB8 – Bergkristallgeführt.
Auf einer Fläche von etwa 45.000 Quadratmetern erzeugten bis zu 10.000 Häftlinge des Konzentrationslagers Gusen II bis Kriegsende etwa 987 voll ausgestattete Flugzeugrümpfe für die Me 262. In der Endausbaustufe sollten bis zu 1250 Einheiten geliefert werden. Koordiniert wurde die Erzeugung durch den Jägerstab und die Oberbayrische Forschungsanstalt Oberammergau. Wo genau das Herzstück der Me 262 produziert wurde, konnte von den Nazis lange Zeit im Verborgenen gehalten werden.
Die Messerschmitt Me 262, eine Entwicklung der Messerschmitt AG in Augsburg, war das erste in Serie gebaute Flugzeug mit Stahltriebwerken. Das Flugzeug wurde von der Propaganda der Nazis zur „Wunderwaffe“ hochstilisiert und sollte den „Endsieg“ bringen. Ende November 1943 wurde die Me 262 in der Version 5, ausgestattet mit einem Bugrad, Adolf Hitler vorgestellt, der darauf bestand, die Me 262 als „Blitzbomber“ und nicht als Abfangjäger zum Einsatz zu bringen. Alle Versuche, Hitler davon abzubringen, scheiterten und führten zu einem Zerwürfnis zwischen ihm und der Luftwaffenführung. Zwei Bomben mit je rund 250 Kilogramm konnten mitgeführt werden. Die Treffsicherheit beim Bombenabwurf war aber schlecht und durch die Außenlast war die Me 262 eine leichte Beute für die schnelleren Abfangjäger der Alliierten.
Ab Anfang 1943 siedelte auch die Steyr-Daimler-Puch AG ihre Rüstungsproduktion zum Teil in Gusen an.
Nach Plänen Himmlers sollten alle Zeugen und Geheimnisträger, insbesondere die Häftlinge der Konzentrationslager Gusen I, Gusen II und Mauthausen, bei Kriegsende in den unterirdischen Anlagen von Bergkristall durch Sprengungen getötet werden. Am 2. Mai 1945 erfuhr der Delegierte des Internationalen Roten Kreuzes, der Schweizer Louis Häfliger, von den wahnwitzigen Plänen Himmlers und entschied alles in seiner Macht Stehende zu tun, um das zu verhindern. Die Produktion wurde am 3. Mai 1945 eingestellt.
Zwei Tage später wurden rund 20.000 unterernährte und in sehr schlechtem Zustand befindliche Häftlinge des KZ Gusen durch die U.S. Army befreit. Insgesamt waren an die 75.000 Häftlinge aus mehr als 20 Nationen in Gusen gefangen gewesen, mehr als die Hälfte von ihnen war gestorben. Das Lager Gusen II, das im März 1944 eröffnet worden war, musste wegen der Seuchengefahr komplett niedergebrannt werden. Die Amerikaner behielten sich nach Kriegsende den Wiederaufbau der unterirdischen Produktionsanlagen vor, mussten aber im Juli 1945 das Areal den Russen überlassen. Die Steinbrüche wurden von den Sowjets als deutsches Eigentum beansprucht und als USIA-Betrieb unter dem NamenGranitwerke Gusenbis 1955 weitergeführt. Alles, was verwertbar war, wurde von der Roten Armee abgebaut und wie bei anderen USIA-Betrieben in den Osten abtransportiert.
Am 15. November 1947 ließ die Rote Armee gezielte Sprengungen durchführen. Die Sprengung misslang und so befindet sich die Tunnelruine noch heute in unmittelbarer Nähe zum Ortszentrum von St. Georgen an der Gusen und trägt seit dem Jahr 2001 die BezeichnungLuftschutzstollen OÖ 020. Verwaltet wird das Areal von der Bundesimmobiliengesellschaft, kurz BIG, in Wien. Ende 2013 gab der Eigentümer, die Republik Österreich, eine Probebohrung in Auftrag, die Aufschluss darüber geben sollte, ob es in den letzten Kriegstagen tatsächlich geheime, unterirdische Atomversuche der Nazis gegeben hatte. Die Suche nach Spuren der Wunderwaffe blieb erfolglos. Seit Jahren wird darüber spekuliert, was in dem unterirdischen Stollensystem unterhalb von St. Georgen an der Gusen geschehen sein mag.
War oder ist das System größer als bisher bekannt?
Warum gab es vor Ort so viele Chemiker und Physiker?
Was wurde auf dem Schienenweg angeliefert?
Wozu wurden die unzähligen Waggons benötigt?
Gelang es den Nazis Uran anzureichern?
Haben die Nazis schon an der Atombombe gebaut?
Waren die Nazis der Wunderwaffe näher als man heute glaubt?
Sollte in Gusen der erste Atombunker zum Abschuss von Mittelstreckenraketen entstehen?
Fragen über Fragen und deren Liste ließe sich beliebig fortsetzen!
Samuel I
Samuel und sein Trupp hatten die Arbeiten am Tunnel B8.27 beendet und er war froh darüber, denn nun konnte für ihn die eigentliche Arbeit beginnen. Mit einem kleinen Stück Holzkohle, das er in seiner Häftlingskleidung versteckt hielt, notierte er in seinem Buch:
Tunnel bis B8.27 fertig
10.2.1944
Er hütete das Buch wie seinen Augapfel. Er war sich der Gefahr dieser Notiz bewusst. Samuel hatte in München Technische Physik studiert und schon als Student als wissenschaftlicher Hoffnungsträger gegolten. Er war ein unverbesserlicher Optimist und in diesem Augenblick sehr glücklich. Er würde den Zweiten Weltkrieg überleben, er würde das KZ überleben und seinen Beitrag zum Ausgang des Krieges leisten. Er und seine Kollegen, die sichdie zwölf Apostelnannten, sie alle würden das tun! „Möge die Arbeit beginnen“ – Ihm kamen die zynischen Worte von Hermann Göring, in sich hineinlachend, in den Sinn, die jeder Häftling im KZ nur zu gut kannte und oft gehört hatte. Er versteckte das Büchlein in seiner Häftlingshose und machte sich auf den Weg. Die SS-Wache stand bereit, um ihn zu eskortieren. Bald würde er dem Lager und den Baracken in Mauthausen Adieu sagen. Die Verlegung stand unmittelbar bevor. Er würde das Thema heute Abend ansprechen.
Die Szene hatte sich in den letzten Monaten schon so oft wiederholt und lief jedes Mal vollkommen gleich ab: Samuel nahm in der Beiwagenmaschine Platz, der Wachsoldat startete den Motor und sie brausten durch die stockfinstere Nacht. Wie gewohnt folgte der zweite Wachbeamte in kurzer Distanz, die Pistole geladen, entsichert und griffbereit. Samuel war an Händen und Füssen gefesselt, zusätzlich mit einer Stahlkette an den Beiwagen gebunden. An Flucht war nicht zu denken und er hatte auch nicht die geringste Absicht es zu tun. Wohin hätte er auch flüchten sollen? Wovor hatten die beiden Wachen solche Angst? Vor einem wehrlosen Juden, der nicht flüchten konnte? Selbst wenn er auf die abstruse Idee der Flucht gekommen wäre – er hätte keine Chance gehabt, weit zu kommen. Als Jude, noch dazu in Häftlingskleidung und ohne Schuhe, war man Freiwild. Oder stand etwa der Feind schon vor der Tür? Auch über die Lage des Krieges würden sie heute reden, so wie jede Woche. Samuels Magen knurrte vor unbeschreiblichem Hunger, er zitterte vor Kälte. Die Decke, in die er gewickelt war, schützte nur wenig gegen den eisigen Wind dieser sternenklaren Februarnacht. Es hatte viel geschneit in den vergangenen Tagen und der Weg war nicht geräumt und gefährlich. Wenigstens ein paar trockene Kekse hoffte er heute Abend zu bekommen und eine Tasse guten Tees.
Die Fahrt endete abrupt, Samuel wurde fast aus dem Beiwagen geschleudert. Es war finstere Nacht, nur der Mond und die Sterne spendeten etwas Licht. Warum stoppte der Fahrer mitten auf dem Weg? Samuel hatte plötzlich panische Angst. Sollte hier mitten im Wald sein Leben zu Ende gehen? Der zweite Wachsoldat hatte aufgeschlossen und blieb schräg hinter ihnen stehen.
„Was ist los, warum hältst du an?“, schrie er durch die Nacht seinem Kollegen zu, die Pistole gezückt und auf Samuel gerichtet.
„Stell den Motor ab und schalte das Licht aus, Aufklärer 12 Uhr“, bekam er zur Antwort.
Nur wenige Augenblicke später hörten sie das Brummen eines Flugzeugmotors. Sie warteten noch einige Minuten, lauschten in die Nacht, bevor sie ihre Fahrt ohne Licht fortsetzten. Samuel fiel ein Stein vom Herzen!
„Ihr seid spät dran!“, schrie ihnen ein SS-Offizier entgegen, als sie endlich ihr Ziel erreicht hatten. „Der Kommandant wartet schon!“
Die Wachsoldaten befreiten Samuel von seinen Fußfesseln und brachten ihn in die warme Stube. Alle Fenster waren abgedunkelt, der Raum mit wenigen Kerzen beleuchtet. Mitten im Zimmer standen zwei bequeme Polstersessel, dazwischen der niedrige, runde Holztisch mit dem Schachbrett. Die Figuren standen bereit. Auch der Kommandant hatte bereits Platz genommen.
„Liebermann, wo bleiben sie so lange?!“, brüllte er zornig durch den Raum.
„Setzen!“, befahl er nicht minder laut nach einer kurzen Pause.
Die Wache verließ den Raum.
„Habe Tee und Kekse bestellt, wird gleich alles kommen“, sagte der Kommandant in bereits freundlicherem Ton. Samuel hatte das schon oft erlebt, dass sich der Kommandant ihm gegenüber in Gegenwart von Untergebenen ganz anders verhielt als wenn sie alleine waren.
„Weiß beginnt“, sagte er und blickte Samuel fest in die Augen, der gegenüber von ihm im Polstersessel Platz genommen hatte.
„Und Schwarz gewinnt!“, fügte er hinzu.
Samuel eröffnete die Partie.
Salomon
Salomon war hochbegabt. Schon als Dreijähriger hatte ihm sein Vater, ein Musiklehrer, eine Kindergeige geschenkt und Salomon hatte das Musikinstrument vom ersten Tag an zu seinem besten Freund gemacht. Alle Stofftiere traten in den Hintergrund. Sie durften zwar nach wie vor sein Kinderbett teilen, aber sie wurden an den Rand gedrängt und dienten ab diesem Zeitpunkt nur noch als Kulisse und stumme Zuhörer für seine „Konzerte“. Es dauerte gar nicht lang bis es ihm gelang, der Geige den ersten Ton zu entlocken, zuerst zupfend, später sogar mit dem Bogen. Auch wenn es sich um ein Plastikspielzeugmade in Taiwanhandelte, so strahlte es Magie aus und wurde zu seinem wahren und besten Freund.
Vor seinen Geschwistern versteckte er die Geige und behütete sie mit aller Konsequenz und Aufmerksamkeit. Seine Eltern, vor allem sein Vater, waren stolz darauf, wie Salomon sich für Musik interessierte, und hofften damals schon insgeheim, ihr jüngster Sohn würde es dem Vater gleichtun und den Weg der Musik gehen. Seine älteren Geschwister, zwei Mädchen und ein Junge, waren ebenfalls begabte und interessierte Schüler, aber Salomon, der Jüngste im Quartett, war der kleine Musikus der Familie. Kaum konnte der Säugling sitzen, da bewegte er sich schon im Rhythmus der Musik. Egal ob Klassik, Jazz oder Pop – er schunkelte, klatschte in die Hände und war ein zufriedenes Kind, sobald Musik an seine Ohren drang. Kaum konnte er krabbeln, war die Küche, wo das Radio den ganzen Tag lief, sein Lieblingsort. Er genoss die Anwesenheit seiner Mutter, räumte mit Begeisterung die Laden aus und entdeckte Töpfe, Pfannen und Plastikgeschirr als wunderbare Musikinstrumente. Das Radio lief den ganzen Tag und solange es Musik zu hören gab, war er glücklich.
Nachrichtensendungen hasste er wie die Pest. Sobald die Signation dazu ertönte, setzte Salomon zu einem gellenden Schrei an und ließ erst wieder davon ab, nachdem Wetter und Verkehrsfunk geendet hatten. Seine Mutter verließ meist für einige Minuten den Raum und hörte die Nachrichten im Wohnzimmer, während Salomon im Stil einer Sirene das Weltgeschehen kommentierte. Seine Geschwister hatten wenig Verständnis für seine Schreiattacken und verbündeten sich gegen ihn. Er wurde gefesselt, getreten, sein Mund mit Klebeband verschlossen und er wurde mit schöner Regelmäßigkeit in den Abstellraum verfrachtet und dort für exakt fünf Minuten eingesperrt. Aber auch das half nichts. Salomon schrie gellend, sobald die Musik durch die Nachrichten ersetzt wurde. Da der Abstellraum belüftet war und die Lüftungsrohre die verschiedenen Stockwerke des Gebäudes verbanden, blieb auch den Nachbarn das gellende Geschrei des kleinen Salomon nicht verborgen. Die meisten von ihnen waren ohnedies berufstätig, an den Wochenenden herrschte auch in den Nachbarwohnungen hektische Betriebsamkeit und so nahm man im Lauf der Zeit kaum noch Notiz davon. Den Spitznamen „Sirene“ bekam er von seinem älteren Bruder und dieser Name sollte ihm sein ganzes Leben lang erhalten bleiben.
Kaum war wieder Musik zu hören, endete das Geschrei und die Küche war auch für den Rest der Familie wieder ein Platz zum Wohlfühlen. Salomons Geschrei im Stundentakt kannte jeder, der auch in diesem Haus wohnte. Und es war ein großes Haus, mitten in Tel Aviv. 40 Parteien lebten auf zehn Etagen und Salomon lebte mit seinen drei Geschwistern und seinen Eltern im neunten Stock, mit herrlichem Blick aufs Mittelmeer. Die Wohnungen waren zum größten Teil vermietet, nur Salomons Eltern hatten sich vor einigen Jahren die Wohnung gekauft, nachdem seine Mutter eine kleine Erbschaft erhalten hatte.
Tante Magdalena hatte keine Nachkommen besessen. Sie hatte ihre letzten Lebensjahre bei ihnen in der Wohnung verbracht, war weit über 90 Jahre alt gewesen und nicht mehr in der Lage für sich selbst zu sorgen. Salomons Mutter hatte sie über mehr als drei Jahre mit großer Fürsorge gepflegt. Tante Magdalena hatte ein kleines Häuschen weit außerhalb der Stadt besessen und nach dem Tod verkauften sie das Haus an eine Immobiliengesellschaft, die schon lange auf diese Gelegenheit gewartet hatte. Der kleine Vorort von Tel Aviv war längst von der wachsenden Stadt verschlungen worden und lag nur wenige Minuten von Ben Gurion entfernt. So verschwanden Tante Magdalenas Haus und auch der kleine Garten, in dem die Kinder gerne gespielt hatten. Schon bald nach Tante Magdalenas Ableben war nichts mehr davon zu sehen und das Häuschen und der Garten mit den vielen Obstbäumen waren einem weiteren Betonsilo gewichen.
Die Wohnung verfügte über einen großen Balkon, ein geräumiges Wohnzimmer und drei Schlafräume. Salomon und sein Bruder teilten sich ein Zimmer. Auch seine beiden Schwestern hatten ihr eigenes kleines Reich. Solange Tante Magdalena bei ihnen gewohnt hatte, hatten sich die vier Geschwister ein Zimmer teilen müssen. Sie hatten nun mehr als 20 Quadratmeter zur Verfügung und reichlich Platz, um ihrer Fantasie freien Lauf lassen zu können. Und darauf legten ihre Eltern großen Wert. Die Kinder sollten möglichst unbeschwert aufwachsen und einfach Kinder sein dürfen.
Joshua und Judith, ihre Eltern, hatten sich an der Uni kennengelernt und waren seit Jahren unzertrennlich. Joshua hatte Musik studiert und unterrichtete Geige und Komposition. Er spielte in einem Streichquartett und einem Sinfonieorchester, ging aber nie auf Reisen. Obwohl das Orchester immer wieder Tourneen machte und Konzerte in Europa und den USA gab, blieb Joshua stets zu Hause. Niemand außer Judith verstand, warum er sein Heimatland nicht verlassen wollte. Aber Joshua hatte seine Gründe. Er fühlte sich in keinem anderen Land wohler und sicherer als in seiner Heimat Israel. Auch wenn es ein kleines Land war, so bot es ihm alles, was er brauchte. Er liebte das Meer, genoss es, darin zu schwimmen und konnte oft tagelang die Einsamkeit der Wüste genießen. Die meiste Zeit verbrachte er aber sowieso mit seiner Musik und die fand er zuhauf.
Er begegnete anderen Menschen stets mit Respekt und für ihn war eine friedliche Koexistenz von Christen, Moslems und Juden gelebte Realität. In seinem Orchester waren alle Weltreligionen vereint. Man verstand sich, hatte Spaß und riss Witze. Die Juden über die Christen, die Araber über die Juden und viele Juden über sich selbst. Er verabscheute die jüdische Siedlungspolitik, die seiner Meinung nach den Frieden im Lande störte. Er hatte Verständnis für die Palästinenser und beteiligte sich gerne an gemeinsamen Friedensprojekten. Die Musik als Band der Versöhnung war seine Antwort auf Hass, Unterdrückung und fundamentalistische Gedanken.
Joshua hatte höllische Angst vor dem Fliegen. Und es gab da noch etwas, was ihn daran hinderte auf Reisen zu gehen: Er war Jude! Er wollte nicht als Jude abgestempelt und als solcher gesehen werden. Ja, er war Jude, er war gläubig, aber nicht orthodox. Er wollte seinen Glauben und sein Leben leben, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen oder gleich von Weitem als solcher erkannt zu werden. Hier in Tel Aviv konnte er einfach Jude sein und er war einer von vielen. Seine Großeltern waren dem Holocaust zum Opfer gefallen. Dank eines Onkels, der selbst Jude war und viele Jahre in Hamburg als Stoffhändler gelebt hatte, war einem Teil der Familie unmittelbar nach der Machtergreifung durch die Nazis die Flucht nach Schweden gelungen. Sein Onkel hatte schon lange davor vor der Gefahr der Nazis gewarnt. Er hatte gute Kontakte und das nötige Geld besessen, um zu helfen. So war seinem Vater, der damals noch ein Kind gewesen war, das Konzentrationslager erspart geblieben. Seine Großeltern hatten ihre Heimat nicht verlassen wollen und waren unter den ersten Opfern der Nazis gewesen.
Joshuas Platten- und CD-Sammlung war immens. In der ganzen Wohnung waren die Schallplatten und CDs verteilt. Er freute sich schon auf den Tag, da seine Kinder das elterliche Heim verlassen würden. Dann würde er endlich Platz für seine Sammlung und die unzähligen Bücher haben. Das große Kinderzimmer sollte sein Musikzimmer werden. In seinem Kopf hatte er alles schon genau geplant und skizziert. Obwohl seine Sammlung aus mehr als 10.000 Tonträgern bestand, wusste er ganz genau, wo sich jede seiner Platten oder CDs befand. Er besaß ein fotografisches Gedächtnis, das gelegentlich durch seine Kinder, aber auch durch seine Frau auf die Probe gestellt wurde. Vor allem Salomon liebte es, sich in der Sammlung zu verlieren, und sein Sinn für Ordnung hatte wenig mit jenem seines Vaters zu tun.
Judith, die Publizistik studiert hatte, arbeitete als freie Journalistin für dieJerusalem Post. Sie hatte gute Kontakte zu internationalen Blättern und so immer wieder Gelegenheit das Land zu verlassen. Sie reiste gerne, wenngleich ihr die Freude darauf von Joshua mit schöner Regelmäßigkeit vermiest wurde. Joshua konnte sehr pessimistisch sein und Berichte über Flugzeugkatastrophen sog er auf wie ein Schwamm, um sie bei entsprechender Gelegenheit bis ins kleinste Detail wiederzugeben. Aber es half alles nichts. Judith reiste trotzdem und nahm das eine oder andere Mal auch eines ihrer Kinder mit. Auch Salomon kam in diesen Genuss und lernte Städte wie London, Paris oder Wien kennen. Besonders Wien hatte es ihm angetan. Er war sieben Jahre alt gewesen, als er das erste Mal seine Mutter nach Wien begleiten durfte. Sie hatten eine ganze Woche in der Stadt verbracht, die Oper und zwei Konzerte besucht und gemeinsam den Straßenmusikanten in den Fußgängerzonen gelauscht. Er fühlte sich in dieser Stadt wohl und spürte ihren Rhythmus. Jedes Gebäude, jeder Park, jedes Kaffeehaus schien diesem Rhythmus zu folgen und er fühlte sich wie in Trance. Schweren Herzens war er mit seiner Mutter wieder nach Israel gereist und er beschloss wiederzukommen, um dort zu studieren und zu leben!
Seine musikalische Ausbildung hatte mit vier Jahren begonnen. Sein Vater hatte ihm eine Blockflöte geschenkt und schon nach wenigen Tagen langweilte ihn dieses Instrument. Er spielte schon am zweiten Tag die Tonleitern rauf und runter und obwohl er noch keine Noten lesen konnte, spielte er eine Vielzahl an Melodien einfach nach. Dennoch war ihm dieses Instrument fremd. Er wollte Geige spielen und so kaufte ihm sein Vater eine Kindergeige und begann ihn zu unterrichten. Salomon lernte schnell und bald schon wusste sein Vater, dass er als Lehrer an seine Grenzen stieß. Salomon war noch keine zehn Jahre alt, da wurde er in die Meisterklasse von Professor Liebermann aufgenommen. Er übte Tag und Nacht wie ein Besessener, achtete kaum auf sein Aussehen und seine Tage waren gefüllt von viel Musik, wenig Schule und noch weniger Lernen. In den kurzen Pausen verschlang er Unmengen an Kalorien und wurde dabei immer pummeliger. Für sein Alter war er viel zu klein und der Hausarzt riet den Eltern zu einer Hormontherapie, als er 14 Jahre alt war. Bei Musikwettbewerben heimste er regelmäßig Auszeichnungen ein und erste Radio- und Fernsehauftritte folgten. Salomon war der Jüngste der Familie und zugleich der Star.
Spät stellte sich jedoch bei Salomon ein Wachstumsschub ein und er wuchs in zwei Jahren um fast 30 Zentimeter. Mit 18 hatte er eine Körpergröße von 1,80 Meter erreicht, war gertenschlank, trug lange schwarze, wuschelige Haare und sein Leben bestand immer noch aus Musik, Musik und nochmals Musik. Er spielte Solokonzerte, jammte mit einigen Freunden in einem Kellerlokal und war über Nacht auch ein Fan irischer Folkmusik geworden. Schuld daran war eine Gaststudentin aus Dublin. Sie hieß Mary und bei ihr verspürte Salomon zum ersten Mal die Macht der Hormone. Er hatte sich Hals über Kopf in sie verliebt und sie verbrachten viel Zeit miteinander. Mary war selbst Musikerin und auf dem Cello eine Augenweide. Mit ihren langen glatten, roten Haaren war sie für Salomon das schönste Geschöpf, das er je zuvor gesehen hatte. Auch Mary hatte Gefallen gefunden an Salomon, der etwas jünger als sie war. Aber für sie waren das Leben und die Liebe ein Spiel und Salomon nicht mehr als eine flüchtige Episode. Salomon tat sich schwer, damit klar zu kommen und begann, sich immer tiefer in melancholische Werke zu flüchten. Auf Cross-Over und Jam-Sessions mit seinen Freunden vom Konservatorium hatte er keine Lust mehr und die Nächte verbrachte er lieber am Strand, ganz allein mit seiner Geige und den traurigsten Liedern, die er nur finden konnte. Er begann zu trinken, wurde immer dünner und auch die gute Küche seiner Mutter half nichts mehr. Er verweigerte das Essen, schlief kaum noch und spielte stundenlang auf der Geige bis zur völligen Erschöpfung.
Seine beiden Schwestern, die auch sehr musikalisch waren, mit vier Jahren schon lesen und schreiben konnten und gerne sangen, versuchten ihn aufzumuntern. Sie hatten viele Freundinnen, die auch oft zu Besuch kamen, und eine von ihnen – sie hieß Barbara – hatte ein Auge auf Salomon geworfen. Salomon fand, dass sie alle nur oberflächlich seien und Barbara war für ihn nur eine blöde Kuh, weil sie sich nicht für Musik interessierte. Das ständige Aufputzen, Schminken und Gekicher der Mädels ging ihm auf die Nerven und er verzog sich in die Wohnung ihrer Nachbarin, der alten Frau Weitzmann, die seine Anwesenheit genoss und ihn tagsüber bei sich üben ließ. Frau Weitzmann war Witwe und ihr einziger Sohn, ein Schlagzeuger, hatte sich in der Wohnung einen schalldichten Proberaum eingerichtet, der nun ohnedies leer stand. Manchmal, wenn Salomon bei ihr übte, durfte sie die Tür zum Proberaum einen Spalt offen lassen. Sie saß im Wohnzimmer bei einem Glas Rotwein und strickte Pullover für ihre Enkel, die noch auf sich warten ließen. Ihr Sohn war schwul und die Gründung einer Familie nichts weiter als Wunschdenken der alten Dame.
Salomon hatte es geschafft! Die Nachricht, dass er ein Stipendium erhalten hatte und in Wien studieren durfte, war wie eine Bombe eingeschlagen und sorgte für Festtagsstimmung. Die ganze Familie befand sich in einem Freudentaumel und es wurde tagelang gefeiert, gegessen und getrunken. Freunde und Bekannte der Familie tauchten auf, beglückwünschten ihn und feierten den Abschied auf ausgelassene Art und Weise. Er las den Brief aus Wien unzählige Male, betrachtete die Marke, den Poststempel und das Kuvert, als wäre es der erste Brief, den er je erhalten hatte. Seine Gedanken an Mary waren mit diesem Brief vergessen und abgehakt. Eine neue Liebe sollte schon auf ihn warten – und das war die Stadt der Musik!
Die Tage bis zur Abreise vergingen schneller als es ihm lieb war. Sein Vater saß mit schlotternden Knien am Flughafen und versuchte vergeblich seine Flugangst zu verbergen, obwohl er selbst gar nicht fliegen musste. Seine Mutter war die Einzige, die nicht heulte, ihn ein letztes Mal in den Arm nahm und ihn gehen ließ. Die Zeit seiner Kindheit war vorbei und Salomon bereit in die Welt der Erwachsenen zu treten. Er stieg in die Linienmaschine der El-Al, flog ganz einfach davon und freute sich auf die Zukunft. Judith wusste, dass die Wohnung nun ein Stück an Lebendigkeit verlieren würde. Die Töchter lebten noch zu Hause und machten, obwohl älter als Salomon, noch keine Anstalten ausziehen zu wollen. Sein älterer Bruder studierte bereits seit drei Jahren Technische Physik in München und interessierte sich mehr für Kernspaltung und die Kernfusion als für das Spiel nach Noten. Er hatte wie alle Geschwister mehrere Instrumente gelernt. David spielte gut Klavier und noch besser Trompete und gemeinsam hatten sie im Kreis der Familie bei jeder Gelegenheit Musik gemacht. Auch Mutter und Vater waren daran beteiligt und für alle in der Familie war das gemeinsame Musizieren ein Teil ihrer Freizeitbeschäftigung gewesen.
Judith musste in Wehmut an diese unbeschwerten Stunden denken. Das Loslassen fiel ihr doch schwerer als sie geglaubt hatte und die Tränen folgten, als Salomon sich längst verabschiedet hatte, in aller Stille. Sie weinte mehrere Nächte im Verborgenen und freute sich über jedes Lebenszeichen ihrer Söhne.
Kaum in Wien gelandet, machte sich Salomon auf direktem Weg ins Studentenheim. Am Empfang lernte er Jonas kennen, den Sohn eines bekannten deutschen Dirigenten. Er studierte Gesang im dritten Semester und wollte Opernsänger werden. Salomon und Jonas waren sich nicht nur äußerlich ähnlich, sodass man sie schon bald im Studentenheim als Zwillinge bezeichnete. Auch ihre Art zu reden, zu diskutieren, sich zu kleiden, ihre Frisur und ihre Begeisterung für Musik sorgten von Beginn an für Verwechslungen und Situationskomik.
Jeder hatte sein eigenes Zimmer, das einfach, aber funktionell eingerichtet war. Sie teilten sich eine kleine Kochnische mit Kühlschrank, Herd, Mikrowelle und ein winziges Bad mit Dusche und Toilette. Kaum angekommen, machten sie sich auf den Weg durch das Studentenheim und lernten viele neue Gesichter kennen. Im Keller befanden sich sechs schalldichte Proberäume, eine Sauna und ein Fitnessraum. Jedes Stockwerk hatte einen großen, gemütlich eingerichteten Gemeinschaftsraum. Es wurde gekocht, gegessen und getratscht. Jeder Neuankömmling musste sich vorstellen und wurde speziell von den Studentinnen der höheren Semester nach Strich und Faden ausgequetscht. Jeder sollte alles wissen!
Salomon gab zum Einstand ein kleines Konzert und wurde spontan von Jonas und anderen Jungmusikern unterstützt. Alles in allem ein gelungener Abend mit reichlich Bier und Wein.
Howard
Howard lebte nun seit fast 30 Jahren in Wien und genoss seinen Ruhestand. Er war Amerikaner – Texaner, um genau zu sein. In jungen Jahren war er zu den Marines gegangen und in der Zeit des Kalten Krieges war er viele Jahre auf See gewesen. Er hatte als Nachrichtenoffizier in der U-Boot Flotte gearbeitet und war zwei Jahre lang in Alaska stationiert gewesen. Dort lauerten sie monatelang den russischen U-Booten auf, die man in der Beringsee vermutete, ohne nennenswerten Erfolg, aber dafür mit hoher Anspannung. Nachdem er seinen Kommandanten wegen einer lächerlichen Streiterei – sie hatten wieder mal geglaubt, den Feind vor Augen zu haben – fast zu Tode geprügelt hatte, wurde er auf einen Flugzeugträger versetzt. Howard galt als impulsiv, war sehr kräftig und athletisch gebaut. Das Mittelmeer, die Adria und der Nahe Osten waren für einige Zeit zu seiner zweiten Heimat geworden.
Howard war in Texas auf einer Ranch aufgewachsen und hatte zwei Geschwister, Tom und Rosy. Sein älterer Bruder Tom hatte die Ranch übernommen und züchtete Rinder, wie es ihre Vorfahren schon über Generationen getan hatten. Er war aber auch erfolgreich im Anbau von Soja und dank einiger Bohrtürme, die unablässig Öl förderten, lebte die ganze Familie in unbeschreiblichem Wohlstand. Howards Eltern lebten zusammen mit Tom und seiner zweiten Frau, die ebenfalls Rosy hieß, auf der Ranch und sie hatten ihr eigenes Haus mit sechs Schlafzimmern und vier Badezimmern, einem großen Pool und einem gut sortierten Fuhrpark. Beide Häuser standen in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander auf einem flachen Hügel und waren durch einen unterirdischen Tunnel, den Tom hatte errichten lassen, miteinander verbunden.
Tom war Pilot in der Air Force gewesen und hatte mit 35 Jahren seinen Dienst quittiert. Nach der Übernahme der Ranch hatte er als erste Baumaßnahme eine Landepiste angelegt und sich eine alte Doppeldeckermaschine gekauft. Später baute er einen Hangar und erwarb drei weitere Flugzeuge. Die Fliegerei war seine Leidenschaft und der widmete er sich so oft es ihm nur möglich war. Am liebsten war es ihm, sich gemeinsam mit seiner Frau Rosy in die Lüfte zu erheben. Das Gefühl von grenzenloser Freiheit liebte er sehr.
Toms erste Frau Susan war früh an Brustkrebs verstorben und ihr gemeinsamer Sohn Alex war sein ganzer Stolz. Alex war clever und interessierte sich für das Fliegen mehr als für die Landwirtschaft. In vielen Dingen war er aber seiner Mutter sehr ähnlich und so lebte ein Teil von ihr auf der Farm weiter. Gerade Alex hatte die letzten Lebenswochen seiner Mutter hautnah miterlebt und sehr unter ihrem frühen Tod gelitten. Drei Jahre nach dem Tod von Susan hatte Tom Rosy in einer Bar in Dallas kennengelernt. Sie saß am Nebentisch, war in Begleitung von mehreren Männern und sie diskutierten lautstark über das Fliegen. Rosy war Pilotin, das war Tom sofort klar, und immer knapp bei Kasse. Das erfuhr er aber erst später. Rosy hatte sich einen alten Doppeldecker gekauft, ihn über Monate hinweg komplett renoviert. Mit dem Verkauf wollte sie sich finanziell freispielen. Die Männer waren Kaufinteressenten. Doch keiner wollte den von ihr verlangten Preis bezahlen. Tom verfolgte das Gespräch einige Zeit lang, bis er sich vorstellte und Rosy auf einen Drink an der Bar einlud. Schnell hatten sie sich auf einen Preis für das Flugzeug geeinigt und, ohne das gute Stück überhaupt gesehen zu haben, kaufte Tom den Doppeldecker. Ein Sofortbild aus einer Polaroid-Kamera und die Zusage von Rosy, ihm jederzeit als Mechanikerin zur Verfügung zu stehen, reichte ihm vollends. Er kaufte die fast 30 Jahre alte, aber bestens renovierte Holzkiste, und als er sie am nächsten Tag in Dallas auf dem Flugplatz in natura sah, hatte er sich verliebt – in beide: Rosy und ihr Flugzeug.
Gemeinsam mit Rosy drehte er eine erste große Runde und er zeigte ihr aus der Luft seine Ranch. Die alte Kiste – sie trug den NamenKitty Hawk – war toll zu fliegen und er spürte sofort, dass es auch Rosy verstand mit ihr umzugehen. Nach der Landung machte er Rosy spontan einen Heiratsantrag, den sie mit einem lautstarken „Ja“ und einer nicht enden wollenden Lachsalve quittierte. Rosy war immer gut drauf und ein breites texanisches Grinsen war ihr Markenzeichen. Auch Tom konnte sich vor Lachen nicht mehr halten, und als er sie dann in ein Restaurant zum Essen einlud und sie in seinem Pick-up saßen, fragte er sie, was sie mit dem Kaufpreis für den Doppeldecker machen würde.
„Ich will Pferde züchten und mein eigenes Geld verdienen. Auf der Ranch ist ja genug Platz dafür“, sagte Rosy spontan. Tom nickte zustimmend und beide brachen wieder in schallendes Gelächter aus. Rosy übersiedelte schon wenige Tage später auf die Ranch und sorgte für viel Schwung und Elan in Haus und Garten. Alex lehnte sie anfangs ab und ging auf Distanz. Es dauerte einige Wochen bis es ihr gelang, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Alex war körperlich schon ein großer Junge, aber immer noch ein verletztes und trauriges Kind. Sehr behutsam gelang es Rosy, sein Vertrauen zu gewinnen. Jahre später, als sie dann mit Tom eigene Kinder hatte, war Alex längst ihr Sohn und Rosy war Alex’beste Freundin. Eigene Kinder zu bekommen, war für Rosy mehr als schwierig gewesen. Erst durch künstliche Befruchtung war es ihr und Tom gelungen, Eltern zu werden. Das Schicksal hatte es aber gut mit ihnen gemeint und sie gebar spontan und ohne Komplikationen Drillinge: Mark, Steven und Jessica.
Mit einem Schlag war Howard mehrfacher Onkel geworden. Die Nachricht ereilte ihn, als er gerade in Berlin seine erste Stelle als Kulturbotschafter angetreten hatte. Obwohl erst kurz in Berlin, flog er zur Taufe der Drillinge nach Hause und genoss zwei weitere Tage unter texanischer Sonne. Die Abende verbrachte er bei ein paar Drinks in den Bars seiner Jugend.
Howard hatte auf eigenen Wunsch hin dem Militär Adieu gesagt und sich als Kulturbotschafter an der Botschaft von Berlin beworben. Zu seiner eigenen Überraschung hatte er schon drei Tage später den Job in der Tasche, allerdings geknüpft an die Bedingung, dass er von nun an für die CIA als Agent arbeiten musste. Howard war dies allemal lieber, als auf irgendwelchen Kriegsschiffen und in der Weltgeschichte herumzutuckern, und er sagte ja. Er erfuhr nie etwas davon, dass sein Vater hinter den Kulissen die Versetzung schon längst eingefädelt hatte. Sein Vater war ein einflussreicher Republikaner und finanzkräftiger Förderer der Politik.
Howard lernte die deutsche Sprache und nach einigen Jahren in Berlin versetzte man ihn überraschend nach Schweden. Er übte weiter eifrig Deutsch und auch Schwedisch und wurde nach drei Jahren Aufenthalt in Stockholm mit der Versetzung nach Wien belohnt.
Dort begann er sofort, Kontakte mit Künstlern zu knüpfen, und dank seiner vertrauenswürdigen Art und seiner Sprachkenntnisse gelang es ihm, über die Jahre ein dichtes Netzwerk an Kontakten aufzubauen. Alles, was in Wien Rang und Namen hatte, alles, was in den nächsten Jahren und Jahrzehnten an Größe gewinnen sollte, ging buchstäblich durch seine Finger. Er pflegte Beziehungen zu sämtlichen politischen Lagern, zu Musikern, zu Schauspielern, zu Bildhauern, zu Malern, zu Architekten, zu Sängern und Tänzern. Kurz und gut: Er war Teil einer stetig wachsenden Kommune von Künstlern. Er liebte sie und sie liebten ihn. Er versorgte sie mit Aufträgen, er kümmerte sich um Förderungen. Er half ihnen, eine Wohnung zu finden, er sorgte für die Finanzierung von Filmprojekten und sie halfen ihm mit wertvollen Informationen, die er bedenkenlos weitergab. Er sammelte alles, was er erfahren konnte, und erstattete seinem Führungsoffizier jede Woche Bericht.
Howard war auf seine Art erfolgreich und ein gern gesehener Gast auf allen Premierenfeiern. Egal, ob Oper, Operette, später auch Musical. Er war immer dabei, wenn es etwas zu feiern und zu tratschen gab. Howard gründete die KünstleragenturBest Friendsohne seine Brötchengeber davon zu unterrichten und erhielt dafür eine kräftige Schelte. Obwohl er selbst nicht in der Agentur tätig war und tüchtige Angestellte besaß, sah man das in Washington gar nicht gerne und plante seine Versetzung nach Afrika. Howard bekam davon Wind und dank seiner entfernten Verwandtschaft zur gleichnamigen, aber wesentlich einflussreicheren Familie Bush aus Texas gelang es ihm, die Versetzung abzuwenden. Er suchte sich einen Geschäftsführer, verkaufte die Mehrheit an der Agentur und blieb so dem Wiener Kulturleben erhalten.
Howard wohnte viele Jahre in einer schönen, hellen Drei-Zimmer-Wohnung in der Nähe der amerikanischen Botschaft. Über die Jahre war fast jede Wand seiner Wohnung zugepflastert mit Fotos. Howard lächelte mit den Präsidenten Nixon, Carter, Bush und Clinton. Howard strahlte mit den amerikanischen Botschaftern in Wien um die Wette. Howard auf Bildern mit Hans Moser, Attila und Paul Hörbiger. Howard mit Leonard Bernstein, Howard mit Maria Callas. Howard mit Franco Zeffirelli, Howard mit Luise Martini, Howard mit den Hörbiger Schwestern, Howard mit Ambros und Fendrich, mit Peter Alexander, mit Karlheinz Böhm, mit Magda Schneider, mit Romy Schneider und Howard mit seinem Lieblingsbaumeister, für den er in die Knie gehen musste, denn der Größenunterschied hätte auf dem Foto lächerlich gewirkt.
Ohne ihn ging in dieser Stadt gar nichts. Jeder kannte Howard und Howard kannte sie alle – den Nietsch wie den Attersee, den Bernhard und den Paymann, den er nicht mochte. Zu Kreisky, zum jungen Androsch, zu Mock, Pittermann, Firnberg und wie sie alle hießen hatte er Zugang. Für sie alle war Howard eine Wiener Institution. Obwohl Amerikaner – Texaner, um genau zu sein –, war er der kulturelle Drahtzieher im Hintergrund. Immer da, immer präsent, aber nie aufdringlich oder gar fordernd. Er bekam, was er bekommen wollte, und so bekamen auch die Amerikaner, was sie bekommen wollten. Ein freies, unabhängiges Österreich, das nicht in die Hände der Sowjets fiel, so wie viele in Washington es befürchtet hatten. Ein Land, das sich seiner Eigenständigkeit und Identität besann und sich dank des Wirtschaftswunders der fünfziger Jahre von einem Zwergstaat zu einem angesehen Player der Weltbühne entwickelt hatte. Howards Wohnung zeugte von dieser Entwicklung und jeder, der diese je betreten durfte, war beeindruckt von den vielen Persönlichkeiten, mit denen er verkehrte.
Mit der Straßenbahn fuhr er jeden Morgen in den ersten Bezirk und traf sich zum Frühstück mit Künstlern und Politikern im Café Landtmann. Auch dort kannte man den schlanken, groß gewachsenen Howard, der stets dunkle Maßanzüge von Adlmüller trug und der niemals ein Hehl daraus machte, dass er Texaner war. Er trug gerne bunte Krawatten oder Stecktücher, die seine amerikanische Herkunft nur allzu deutlich verrieten.
Howard war ein Mensch der Kultur, rund um die Uhr. Jeden Tag ging er abends aus, war ein Teil der Society, der Gesellschaft, gab aber nie Interviews. Er fühlte sich in seiner Rolle als Kontakter und Netzwerker wohl und drängte nie in die erste Reihe. Als man ihm den Job des Botschafters anbot, lehnte er, ohne mit der Wimper zu zucken, ab. Er befürchtete, seine geliebte Stadt Wien verlassen zu müssen. Sechs Tage, Woche für Woche, lebte er für, mit und durch die Kunst, besuchte Ausstellungen, Museen, Premieren, Filmproduktionen, die Oper oder das Theater. Einmal im Monat, immer donnerstags, verzichtete er auf Anzug und Krawatte, trug stattdessen Jeans und ein kariertes Hemd, setzte sich einen Stetson auf und verbrachte den Abend in einer irischen Bar mit guter Livemusik. Er trank einige Whiskys, kam mit anderen Gästen ins Gespräch und ging stets allein hin, aber des Öfteren in Begleitung nach Hause. In den Pubs lernte er auch immer wieder hungrige, junge Künstler kennen, in deren Gegenwart er sich selbst um Lichtjahre jünger fühlte.
Howard war kein Freund von Beziehungen und er war nie verheiratet. Er hatte sich schon das eine oder andere Mal verliebt, aber mehr als einen Monat hatte keine seiner Beziehungen überlebt. Und dass das an ihm lag, war Howard sehr wohl bewusst. Er wollte und konnte sich nicht binden. Die Heirat war für Howard der Tod jeder Beziehung. Er brauchte seine Freiheit und wollte immer tun und lassen können, was ihm gerade beliebte. Jeden Abend zogen ihn die Kulturtempel der Stadt ganz magisch an. Er verbrachte nie einen Abend zu Hause. Er besaß zwar ein Fernsehgerät, aber ein gemütlicher Fernseh- oder Leseabend auf der Couch war ihm fremd.
Nur der Sonntag verlief traditionell anders bei Howard. Dank seiner Künstleragentur, die ihn reich gemacht hatte, und die er ab dem Zeitpunkt, da er in Ruhestand war, auch offiziell besitzen und leiten durfte, gönnte er sich jeden Sonntag einen ganz speziellen Luxus. Er ließ sich das Frühstück vom Hotel Sacher in seine Wohnung liefern. Mittlerweile hatte er sich eine Penthouse-Wohnung im ersten Bezirk gekauft und von der Terrasse aus konnte er auf das seiner Meinung nach schönste Gebäude der Stadt blicken: die Wiener Staatsoper. Jeden Sonntag pünktlich um 8 Uhr wurde ihm ein üppiges Frühstück geliefert. Butter, Käse, Schinken, drei Scheiben Toastbrot, frisch gepresster Orangensaft, zwei weiche Eier, Marillenmarmelade nur von Staud’s, zwei frische Croissants, frisch geschnittenes Obst mit Joghurt und Nüssen und eine große Portion Birchermüsli. Dazu ein Körbchen voller Gebäck. Und das jeden Sonntag!
Den Kaffee bevorzugte er, wie George Clooney, aus der Kapsel. Zuerst ein Ristretto, dann ein Voluto. Und dazu noch mehrere nationale und internationale Zeitungen. Howard zelebrierte den Sonntag Vormittag auf seine ganz besondere Art und Weise. Und dabei durfte er auch nicht gestört werden. Frühestens um 12 Uhr Mittag wechselte er den Morgenmantel gegen einen dunklen Anzug und ging im Stadtpark eine Runde spazieren. Manchmal, wenn das Wetter nass und trüb war, verzichtet er auf den Spaziergang und gönnte sich ein Mittagsschläfchen auf der Couch im Wohnzimmer. Nach einem kleinen Imbiss imPlachuttaan der Wollzeile begab er sich nach Hause, machte sich frisch und besuchte abends die Oper. Egal, was auf dem Spielplan stand: Howard saß Sonntag für Sonntag in der Mittelloge auf seinem Stammplatz, ganz ohne Begleitung. Da er bekannt war wie ein bunter Hund, stellte sich spätestens in der Pause der Vorstellung ein Freund, ein Bekannter, irgendein Künstler ein, mit dem er den Abend noch in einer Bar ausklingen lassen konnte.
