Beschreibung

Der gefeierte Künstler Lukas Abendroth wird kurz vor der Ausstellungseröffnung seiner neuesten Werke erdrosselt - in Babettes Ballhaus, wo ein Ballett junger Mädchen für die Vernissage trainiert. Kommissar Peter Heiland muss feststellen: Der Ermordete hatte viele Feinde. Frauen hat er gedemütigt, seine Modelle verführt, seine Freunde verraten. Peter Heiland taucht in eine fremde Welt ein: Den internationalen Kunsthandel, bei dem es um Millionenbeträge geht. Die Zahl der Leute, die ein Motiv haben, wird mit jedem Ermittlungsschritt größer.

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Felix Huby

Kriminalroman

Impressum

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Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2018

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Broadway lights style light bulb alphabet – © piai/Fotolia.com

ISBN 978-3-8392-5750-0

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

August 2017

1. Kapitel

Durch drei schmale, hohe Fenster, die bis zum Boden reichten, fiel helles Licht in den gut 400 Quadratmeter großen Raum. Vor einer weiß lackierten Wand stand auf der vorletzten Stufe einer Bockleiter aus Aluminium Sibylle Teichmann. Die Galeristin trug enge schwarze Hosen aus einem seiden glänzenden Stoff und einen weißen Rollkragenpullover – eine hochgewachsene, sehr schlanke Frau mit einem knabenhaften Körper. Die kleinen Brüste waren kaum wahrnehmbar. Die blonden Haare hatte sie in einem Pferdeschwanz zusammengefasst. Sie hielt ein Bild in den Händen.

»Höher!« Der Mann, der das rief, stand breitbeinig, die Hände auf dem Rücken verschränkt, in der Mitte des Raumes. Er trug dunkelblaue Jeans und ein weißes Hemd, das fast bis zur Taille offen war. Vor der behaarten Brust baumelte ein silbernes Kreuz an einer dünnen Kette. Die hellen grauen Haare fielen bis auf seine Schultern hinab. Der Künstler Lukas Abendroth war gut 1,90 Meter groß. Seine breiten Schultern, die schmalen Hüften und die muskulösen Oberarme gaben ihm das Aussehen eines durchtrainierten Sportlers.

»Noch höher. Ja, so ist es gut.«

»Aber dann hängt es über Augenhöhe«, gab Sibylle Teichmann zu bedenken.

»Sehr richtig. Sollen die Leute ruhig aufschauen zu meiner Kunst.« Lukas Abendroth lachte. Hinter seinem Rücken wurde eine breite Flügeltür geöffnet. Drei Männer kamen herein.

»Sie müssen die Herren vom Fernsehen sein«, rief Frau Teichmann.

»Ganz recht. Florian Graf mein Name. Wir haben telefoniert«, antwortete ein kleiner, dicklicher Mann um die 30.

Abendroth fuhr zu ihm herum. »Sie sind für 11.00 Uhr angemeldet, jetzt ist es kurz vor zehn.«

»Das Interview mit Ihnen wollen wir auch erst später machen. Jetzt hätten wir vorab gerne ein paar Impressionen Ihrer Ausstellung aufgenommen, falls es Sie nicht stört.« Seine Begleiter stellte Graf als Kameramann und Tontechniker vor.

Sibylle Teichmann stieg von der Leiter herab und reichte dem Fernsehreporter die Hand. »Wir haben gerade das letzte Bild aufgehängt.«

»Ich geh dann mal rüber in ›Babettes Ballhaus‹«, erklärte Abendroth knapp und verließ den Raum, ohne weiter auf die drei Männer zu achten.

»Sehr freundlich«, sagte der Kameramann ironisch.

»Lassen Sie ’s gut sein. Wenn er da bliebe, würde er sofort die Regie für Ihren Film übernehmen.«

»Was macht er denn in ›Babettes Ballhaus‹ um diese Zeit? Die öffnen doch erst um 11.00.«

»Eine Ballettgruppe probt dort. Sie soll bei der Vernissage am Montagabend auftreten.«

»Die Mädchen da auf den Bildern?«, fragte Florian Graf.

»Einige davon, ja. Das kleine Ballett hat er selbst choreografiert. Außerdem ist ›Babettes Ballhaus‹ so etwas wie sein Wohnzimmer. Sein Atelier ist gleich um die Ecke.«

Frau Teichmann wusste, wie wichtig der Fernsehbericht, der hier entstehen sollte, für den Erfolg der Ausstellung werden konnte. Jetzt war Samstag, am Montag sollte die Vernissage stattfinden. Wenn der TV-Bericht in der Kultursendung am Sonntag laufen würde, wäre das die ideale Werbung. »Kann ich Ihnen einen Kaffee anbieten?« Ihre Freundlichkeit wirkte aufgesetzt. Der Reporter lächelte süffisant. »Das wäre wunderbar, gnädige Frau.« Mit einer unbestimmten Geste wies er auf die Bilder. »Sehr erotisch.«

»Das liegt am Betrachter, ob er sie erotisch findet«, sagte die Galeristin. »Ich finde sie einfach nur schön.« Sie ging zu einer Tür, die in den seitlichen Trakt des Gebäudes führte, und rief: »Herr Winkler, bitte drei Mal Kaffee für unsere Gäste. Und ich nehme auch noch einen.«

Der Kameramann begann, einige der Ausstellungsstücke zu filmen. Ein junger Mann um die 30 kam herein. Er trug ein silbernes Tablett, auf dem Kaffeetassen, eine Kanne, ein Milchkännchen und eine Untertasse mit Würfelzucker standen. »Tillmann, ich meine, Herr Winkler ist Abendroths Assistent.« Sie strich dem Mann mit dem Tablett kurz mit dem Handrücken über die Wange. »Ich weiß nicht, wie wir das hier alles ohne ihn schaffen würden.« Winkler lächelte kurz und stellte das Tablett ab. Wortlos verließ er den Raum wieder.

Lukas Abendroth durchschritt den gepflasterten Hof. Sein Blick fiel auf das Schild über der Eingangstür von »Babettes Ballhaus«. Es zeigte ein tanzendes Paar, als habe es Zille gemalt. Ein Plakat kündigte Schwoof, Tanztee und Sonntagskonzerte an. Mit drei Sätzen sprang der Maler die Eisentreppe zum Eingang hinauf und stieß die Tür auf.

In dem großen Ballsaal, der tagsüber mit Tischen und Stühlen als Restaurant eingerichtet war, tanzten acht Mädchen auf einem Podium nach Musik, die eine ältere Dame auf einem Klavier spielte. Mit lauter, für eine Frau sehr tiefer Stimme gab sie kurze Befehle. Die Tänzerinnen hatten die Arme verschränkt und reichten ihren jeweiligen Nachbarinnen links und rechts die Hände, während die Reihe erst nach links, dann nach rechts tanzte.

»Sophie, du bist nicht im Takt!«, rief die Frau am Piano. »Das Ganze noch mal von vorn!« Da erst bemerkte sie Abendroth. Sie stand auf und trat auf den Maler zu. Einen Augenblick sah es so aus, als wolle sie ihn umarmen, aber Abendroth trat einen Schritt zurück. »Sieht ja schon ganz ordentlich aus, liebste Olga Nikolajewa«, sagte er.

»Wir tun alles, um Sie nicht zu enttäuschen«, entgegnete die Angesprochene. Ihr russischer Akzent war nicht zu überhören.

Abendroth lächelte: »Weiß ich doch, und dass Sie als große Ballettmeisterin früherer Tage nie ganz zufrieden sein können, habe ich längst bemerkt. Lassen Sie sich nicht stören. Machen Sie bitte weiter.« Dann trat er dicht an das Podium heran. »Ihr Girls seid bezaubernd. Wenn euch die Gäste bei der Vernissage sehen, wird sich keiner mehr für meine Bilder interessieren.« Damit wendete er sich ab und verschwand durch eine schmale Seitentür in einem Korridor, der in den hinteren Teil des Hauses führte.

»En garde!«, kommandierte die Ballettmeisterin. Die Mädchen nahmen die vorige Stellung ein, überkreuzten die Arme und fassten ihre jeweiligen Nachbarinnen wieder an den Händen. Frau Nikolajewa schlug einen Akkord an und spielte dann eine Polonaise von Frederic Chopin.

Der Fernsehreporter Graf kniff die Augen zusammen und musterte die Bilder. Es waren 17 Gemälde und ebenso viele Fotografien. »Ist er nun eigentlich Maler oder Fotograf?«, fragte er.

»Beides, und in beidem ist er weltberühmt. Die Fotos sind streng limitiert und erzielen oft höhere Preise als die Gemälde«, antwortete die Galeristin.

»Manchmal sind es die gleichen Modelle«, meldete sich der Kameramann. »Aber auf den Fotos wirken die Mädchen irgendwie unschuldiger.«

»Nun, als Maler hat er mehr Möglichkeiten zur Interpretation, wenn ich so sagen darf.« Die Galeristin nahm einen Schluck Kaffee.

»Malt er denn die Bilder nach den Fotos?«, fragte Graf.

»Ganz unterschiedlich. Meistens bittet er die Models noch in sein Atelier. Und dann spielen die Fotos keine Rolle mehr. Er stellt sich ganz neu auf das Sujet ein.«

»Mit Sujet meinen Sie die Mädchen?« Der Reporter sah auf die Uhr. »Viertel nach elf. Wir haben nur Zeit bis 12.00. Ich schau mal, wo er bleibt.« Er verließ die Galerie.

In »Babettes Ballhaus« hatten inzwischen die ersten Mittagsgäste an den Tischen Platz genommen. Die Ballettgruppe war verschwunden. Eine Kellnerin wollte Graf an einem Tischchen gleich neben der Tür platzieren. Der winkte nur ab. »Ich bin auf der Suche nach Lukas Abend­roth.« Die Bedienung deutete mit dem Daumen über die Schulter zu der schmalen Tür, durch die der Künstler vor gut einer Stunde in den hinteren Teil des Hauses gegangen war. Ein schmaler, dunkler Korridor empfing den Reporter. Ein wenig Helligkeit kam nur durch das Oberlicht an einer Tür, auf die der Gang direkt zulief. Graf klopfte, erhielt aber keine Antwort. Er drückte die Klinke nieder. Die Tür war verschlossen. Der Reporter rief Abendroths Namen, aber es geschah nichts. Kurz vor der Tür führte eine schmale Treppe linker Hand nach unten. Graf ging ein paar Stufen hinab und rief erneut nach dem Maler. Keine Reaktion. Er ging in den Saal, griff sich, ohne zu fragen, einen Stuhl und kehrte zu der verschlossenen Tür zurück.

»He, was machen Sie denn da?« Die Kellnerin folgte ihm. Der Reporter kümmerte sich nicht um sie. Er stieg auf den Stuhl, und als er sich auf die Zehen stellte, konnte er durch das schmale Fenster im oberen Teil der Tür in den Raum hineinsehen. »Scheiße!«, entfuhr es ihm.

»Was ist denn los?« Die Kellnerin stand nun dicht unter ihm.

»Haben Sie einen Schlüssel für das Zimmer?«

»Der Chef!«

»Holen Sie ihn!«

»Sagen Sie endlich, was los ist!«

»Der liegt da auf dem Boden wie tot!« Graf sprang von dem Stuhl herunter.

»Das ist jetzt aber nicht Ihr Ernst«, sagte die Bedienung leise.

»Ernster ist es mir noch nie gewesen!«

Die Kellnerin rannte den schmalen Korridor hinunter und riss die Tür zum Saal auf. »Chef! Schnell!«, hörte Graf sie rufen.

Wenige Augenblicke später kam sie in Begleitung eines großen, schlanken Mannes zurück, der eine Kochuniform trug. Wortlos schloss er die Tür auf und trat als Erster ein. Lukas Abendroth lag in einer seltsam gekrümmten Haltung auf dem Boden. Um den Hals war ein Draht geschlungen. Der Koch beugte sich über die leblose Gestalt, legte zwei Fingerkuppen auf den Hals, wartete einen Moment und richtete sich dann wieder auf. »Der ist hin!«, sagte er mit teilnahmsloser Stimme.

Peter Heiland stand an der U-Bahn-Haltestelle Stargarder Straße. Hier fuhr die Untergrundbahn auf Stelzen hoch über der Schönhauser Allee. Kurze, harte Sturmböen trieben die Fahrgäste in den Windschatten hinter einem Kiosk und einer Tafelwand mit Werbeplakaten. Heiland, der die meisten Wartenden um gut zwei Köpfe überragte, stand an der Bahnsteigkante und versuchte, den Reißverschluss an seiner Jacke zu schließen. Aber es gelang ihm nicht. Bei jedem Versuch wurden seine klammen Finger zittriger. Plötzlich trat eine alte Frau vor ihn hin, die ihm kaum bis zur Brust reichte. »Kann ich mal?« Bevor Heiland etwas sagen konnte, fädelte sie geschickt den Reißverschluss ein und zog ihn energisch hoch. Dann klopfte sie zwei Mal mit der Hand auf Peters rechten Oberarm und sagte: »So, mein Junge!«

»Danke!« Der Kriminalhauptkommissar strahlte seine Helferin an. Im gleichen Augenblick klingelte sein Handy. Sein Kollege Carl Finkbeiner war dran. »Mord in ›Babettes Ballhaus‹.«

»Was? Wo ist das denn?«

»Was suchen Sie denn?«, fragte die kleine alte Dame.

»Babettes Ballhaus!«

»Auguststraße. In Mitte«, hörte er fast synchron von der Frau und aus dem Telefon. Aber nur die hilfreiche Dame fuhr fort: »Da bin ich früher oft gewesen. Zum Tanztee am Sonntagnachmittag. Aber wissen Sie, jetzt machen meine Knie nicht mehr so richtig mit, obwohl ich eine ganz neue Hüfte habe.«

»Ich komme direkt dorthin«, rief Peter Heiland ins Telefon.

Die kleine alte Frau sagte: »Ich fand es schön, dass vor jedem dritten Tanz Damenwahl war. Und die Musik hat ein Orchester gespielt.«

Peter Heiland lächelte der Frau zu. »Das würde mir auch gefallen. Jetzt schau ich mir das Ballhaus mal an.« Er verließ die Haltestelle, eilte die Treppe hinunter und winkte ein Taxi ab.

Als er in »Babettes Ballhaus« ankam, waren die Kollegen der Spurensicherung schon eingetroffen. Auch ein Gerichtsmediziner war bereits vor Ort. Er kniete neben der Leiche, grüßte Heiland mit einem kurzen Nicken und sagte: »Der ist noch keine zwei Stunden tot.«

Einer der Spurensicherer hielt ein seltsames Drahtgespinst hoch. »Das ist die Mordwaffe.«

»Und was ist das?«

»Fragen Sie lieber, was das mal war: Ein Kleiderbügel, wie man ihn in der Wäscherei kriegt, wenn man seine Hemden abholt. Der Täter hat ihn aufgebogen.«

Unter dem einzigen Fenster stand ein einfacher, quadratischer Tisch mit einer glatten Resopaloberfläche. »Der Mann muss noch eine Linie Kokain gezogen haben, bevor er sich aus dem Leben verabschiedet hat«, sagte Carl Finkbeiner von dort. Auf der Tischplatte waren noch Spuren eines weißen Pulvers zu sehen und ein Glasröhrchen, durch das der Ermordete wohl den Stoff in die Nase gezogen hatte.

»Wer ist der Mann?«, fragte Peter Heiland.

»Lukas Abendroth, Maler und Fotograf. Er hätte am nächsten Montag die Vernissage einer großen Ausstellung gehabt, drüben in der Galerie ›Teichmann‹.« Das kam von einem kleinen dicken Mann, der sich als Fernsehreporter Florian Graf vorstellte.

»Sie sind wohl von der ganz schnellen Truppe«, sagte Peter Heiland.

»Ich war sowieso da«, antwortete der Fernsehmann.

»Er hat die Leiche gefunden«, ergänzte Carl Finkbeiner.

Graf erzählte sachlich und schnell, wie alles vor sich gegangen war.

»Finde ich anständig, dass Sie hier nicht gleich auch noch versuchen zu filmen«, sagte Kommissar Heiland.

Graf winkte ab. »Ich mache Kulturberichterstattung. Mord ist nicht mein Geschäft.«

Der Mann in der Kochuniform hatte die ganze Zeit im Korridor an der Wand gelehnt und scheinbar teilnahmslos dem Treiben der Polizei und ihrer Helfer zugesehen. Jetzt trat Peter Heiland auf ihn zu.

»Werden Sie nicht in der Küche vermisst?«

»Sind genug Leute da! Ich muss erst am Abend so richtig ran.« Der Koch zog einen Tabakbeutel und ein Schächtelchen mit Zigarettenpapier aus der Brusttasche seines weißen Kittels und drehte sich in aller Ruhe eine Zigarette.

»Wie kommt Herr Abendroth eigentlich in dieses Zimmerchen?«

»Er hat es gemietet.« Der Koch leckte das Zigarettenpapier sorgfältig ab. »Manchmal hat er sich da sein Essen servieren lassen.« Er steckte die fertige Zigarette hinters Ohr. »Der Mann war voller Macken. – Drüben sitzt übrigens die Nikolajewa. Mit der hat er auch seine Besprechungen hier drin abgehalten.«

»Und wer ist das?«

»Eine Freundin von ihm!« Der Koch nickte zu dem Leichnam hin. »Sie hat am Vormittag noch mit ihrer Truppe im Saal geübt. Ich nehme an, unsere Bedienung hat ihr Bescheid gesagt.«

Graf mischte sich ein: »Frau Nikolajewa ist Ballettmeisterin und hat eine eigene Schule in Marzahn. Ihre Schülerinnen sollten am Montagabend bei der Ausstellungseröffnung auftreten.«

»Ein Ballett bei einer Vernissage?«, fragte Finkbeiner verwundert.

»Die Bilder zeigen ausschließlich Ballettszenen und Porträts von jungen Ballerinen«, erklärte der Reporter.

Peter Heiland wendete sich an den Koch. »Gibt es einen anderen Zugang zu dem Zimmer als den durch Ihr Lokal?«

»Wenn sich einer auskennt … – kommen Sie mal mit!« Mit schnellen Schritten ging der Mann zu der Treppe, die seitlich einen Stock tiefer führte. Heiland schloss rasch zu ihm auf. »Darf ich Sie nach Ihrem Namen fragen?«

»Theo, Theo Raspe. Ich bin der Pächter des Ladens. – Vorsicht Kopf!«

Nach einem schmalen Treppenabsatz senkte sich die Decke, sodass der lange Peter Heiland gebückt gehen musste, um nicht anzustoßen.

Sie erreichten einen weitläufigen Keller mit einer gewölbten, grob gemauerten Decke. »Wir lagern unsere Weine hier«, sagte Raspe. Er ging zu einer schmalen Holztür, die einmal grün gestrichen gewesen sein musste. Die meiste Farbe war abgeblättert. Raspe steckte den Schlüssel, aber der ließ sich nicht drehen. Die Tür war unverschlossen. »Sauerei«, schimpfte der Koch. Er stieß die Tür auf. Helles Sonnenlicht flutete herein. Über drei Steinstufen gelangten die beiden Männer in den Hof hinauf. Von hier zur Straße waren es nur ein paar Schritte.

Peter Heiland blieb stehen und sah sich um. In dem gepflasterten Hof standen grob gerechnet 20 Tische. Gartenstühle waren gegen die Tischplatten gelehnt als Zeichen, dass hier derzeit nicht bedient wurde. Dafür wäre es auch zu kalt und zu windig gewesen. »Das war also vermutlich der Weg, den der Mörder genommen hat«, sagte Heiland mehr zu sich selbst als zu seinem Begleiter.

Raspe steckte sich seine selbstgedrehte Zigarette an. »Möglich!«

»Haben Sie den Toten gut gekannt?«

»Ja. Ne! Er war zwar fast jeden Tag da. Ein eingebildeter Fatzke, kann ich Ihnen sagen. Für den waren wir nur Dienstbolzen. Ich glaube, in sieben Jahren hat der kein persönliches Wort mit mir gesprochen.«

»Haben Sie eine Ahnung, wer ihn umgebracht haben könnte?«

»Nein! Wie gesagt, ich weiß ja nichts über ihn, außer, dass er schweinemäßig viel Geld hatte, und dass er wahnsinnig hinter den Weibern her war. Vor dem war keine sicher.« Raspe blinzelte in die kalte Sonne, sah auf seine Uhr und sagte: »Ich muss dann wieder was arbeiten!«

Sie kehrten auf dem gleichen Weg zurück. Auf der Treppe sagte Peter Heiland: »Würden Sie mich bitte dieser Ballettmeisterin vorstellen?«

»Ich zeig sie Ihnen«, gab der Wirt zurück.

Olga Nikolajewa saß an einem Zweiertisch alleine, weit zurückgelehnt, das Gesicht mit beiden Händen bedeckt. Vor ihr stand ein Glas Wein, das sie offensichtlich noch nicht angerührt hatte. Peter Heiland trat hinter sie. »Frau Nikolajewa?«

Sie schreckte auf und warf ihren Kopf in einer heftigen Bewegung herum. »Ja?«

»Darf ich mich kurz zu Ihnen setzen?«

»Wer sind Sie?«

»Peter Heiland, Hauptkommissar beim Landeskriminalamt. Ich leite die Ermittlungen im Mordfall Abend­roth.«

Die Ballettmeisterin wies auf den Stuhl, der ihr gegenüber stand.

»Ich habe gehört, Sie haben den Ermordeten gut gekannt«, sagte Peter Heiland, während er sich setzte.

»Ja!« Olga Nikolajewa saß jetzt sehr gerade und fixierte den Kommissar mit ihren stahlblauen Augen, über denen sich zwei hoch gebogene Augenbrauen wölbten, die sie offenbar rasiert und durch tiefschwarze Farbstriche ersetzt hatte.

»Kannten Sie ihn lange?«

»Ich kenne ihn seit drei Jahren. Ja, drei Jahre ist es her, dass er zum ersten Mal in meiner Schule auftauchte.«

»Und warum?«

»Bitte?«

»Ich meine, er wird ja wohl kaum Ballettunterricht genommen haben.«

»Da ist kein Platz für Ironie, junger Mann«, sagte die Ballettlehrerin streng.

Peter Heiland senkte seinen Blick. »Tut mir leid, war nicht so gemeint.« Er sah ihr wieder in die Augen. »Also: Was war der Anlass seines Besuchs?«

»Er hat damals mit seiner Serie ›Die Elevinnen‹ begonnen. Die Arbeit hat er kürzlich abgeschlossen.«

»Ja, ich habe gehört, die Bilder sollten übermorgen bei einer Ausstellungseröffnung präsentiert werden.«

Olga Nikolajewa verschränkte ihre Hände im Nacken und reckte sich noch ein wenig mehr in ihrer sehr aufrechten Haltung. »Wir hätten dabei ein Ballett nach seiner Choreografie aufgeführt. Für mich und meine Mädels eine ganz außergewöhnliche Chance. Es wäre viel Presse da gewesen und viele wichtige Personen aus der Stadt.«

»Vielleicht ist die Vernissage ja nur aufgeschoben. Das Interesse ist so womöglich noch größer«, meinte Peter Heiland.

Die Ballettmeisterin antwortete nicht darauf. Sie nahm einen Schluck aus ihrem Weinglas. Die Kellnerin trat an den Tisch. Zu Peter Heiland sagte sie: »Kann ich Ihnen irgendetwas bringen?« Und als Peter verneinte, zu Frau Nikolajewa: »Wollen Sie nicht etwas essen?«

»Nein danke, Rosalie!«

»Es tut mir ja so leid für Sie«, sagte die Bedienung noch und ging dann an den Tresen zurück.

Peter wendete sich wieder der Tanzmeisterin zu. »Warum haben Sie hier geprobt und nicht in Ihrer Ballettschule?«

»Dem Meister zuliebe. Hier um die Ecke liegt sein Atelier, und außerdem hatte er in diesen Tagen viel in der Galerie zu tun. Er wollte den Fortschritt unserer Aufführung ständig kontrollieren. Der Raum hier war also geradezu ideal. In der Galerie, wo wir hätten auftreten sollen, ging es ja nicht. Herr Abendroth hat, soviel ich weiß, eine ziemlich hohe Miete bezahlt für die paar Stunden, die wir im Ballhaus proben.«

»Wie war denn Ihr Verhältnis zu Herrn Abendroth?«, fragte Peter Heiland.

»Wir hatten kein Verhältnis!«, fauchte Olga Nikolajewa.

Peter lächelte: »So war es nicht gemeint. Ich frage mal anders: Hat er Ihre Schule unterstützt? War er vielleicht so etwas wie ein Mäzen? Ich meine, wenn er selbst choreografiert hat, müssen Sie doch zusammengearbeitet haben.«

»Ja. Es war eine Arbeitsbeziehung.« Olga Nikolajewa stand unvermittelt auf, strich ihren schmalen schwarzen Rock glatt und verließ wortlos das Lokal.

Die Kellnerin kam an den Tisch. »Jetzt hat sie wieder mal nicht bezahlt.«

»Was macht es denn?«, fragte Peter Heiland. Die Kellnerin legte ein Zettelchen auf den Tisch. Der Kommissar beglich die Rechnung. Als er aufstand, fragte er: »Wissen Sie, wo die Ballettschule der Dame ist?«

»In Marzahn, aber die finden Sie bestimmt im Internet.«

Carl Finkbeiner kam herein.

»Fertig da hinten?«, fragte Peter Heiland.

»Erst mal, ja.«

»Dann lass uns in die Galerie gehen.«

Man erreichte den großen Ausstellungsraum im Hochparterre einer alten Villa aus den Gründerjahren über eine weiße Marmortreppe mit bequemen niedrigen Stufen, die nur zwei Meter hinter der Eingangstür begann und in einem breiten Absatz vor einer verglasten Flügeltür endete. Nach rechts und links gingen zwei schmale Korridore ab. Die Glastür stand offen. In dem Ausstellungsraum fanden sie zunächst niemanden. »Komisch«, sagte Finkbeiner, »hier kann jeder rein- und rausspazieren, dabei hängen da Bilder an der Wand, von denen jedes einzelne mindestens 5.000 Euro wert ist.«

»Es ist alles gut gesichert!«, hörten sie eine männliche Stimme. Sie gehörte einem Mann, der nun hinter einem Paravent hervortrat und mit seltsam tänzelnden Schritten auf sie zukam. »Ich bin Tillmann Winkler«, stellte er sich vor, »Lukas Abendroths Assistent.«

»Wo finden wir denn Frau Teichmann?«, wollte Carl Finkbeiner wissen, während Peter Heiland von einem Bild zum anderen ging und die Werke aufmerksam musterte.

»Man darf sie jetzt nicht stören«, antwortete Winkler.

»Wir schon!«, gab Finkbeiner patzig zurück.

»Nein, tut mir leid!« Winkler strich sich mit beiden Händen über sein dichtes schwarzes Haar, das eng am Kopf anlag.

»Was geht Sie das überhaupt an?«, wollte Finkbeiner wissen.

»Nun, ich arbeite für Frau Teichmann.«

»Ich denke, Sie sind Abendroths Sekretär?«, rief Peter Heiland, der am anderen Ende des Raumes vor einem großformatigen Schwarz-Weiß-Foto stand, das eine Ballettelevin in einer für ihn unangenehm lasziven Weise darstellte. Das Mädchen stand auf der linken Zehenspitze, den rechten Fuß hatte es auf die Lehne eines Stuhls aufgelegt, den Körper weit vorgebeugt. Der Fotograf hatte die junge Tänzerin von unten abgelichtet, sodass der Fokus des Bildes zwischen ihren Schenkeln lag. Der Oberkörper darüber war nur verschwommen zu erkennen.

»Assistent«, verbesserte Winkler. »Aber mein Vertrag läuft Ende des Monats aus.«

»Nun, wie auch immer, das hat sich ja nun erledigt«, sagte Finkbeiner.

»Wieso?«

»Wir hätten uns gleich vorstellen sollen«, sagte Peter Heiland freundlich. »Wir sind vom Landeskriminalamt. 4. Mordkommission.«

»Mordkommission?« Winkler starrte die beiden Beamten an. »Heißt das … heißt das …, heißt das, es ist ein Mord geschehen?«

»In der Regel ist das so, wenn wir tätig werden«, gab Finkbeiner zurück.

Peter Heiland sah seinen Kollegen mit einem leicht unwilligen Kopfschütteln an und trat jetzt vor Winkler hin. »Wir müssen Ihnen leider sagen, dass Lukas Abendroth tot ist. Er wurde erdrosselt. Drüben in ›Babettes Ballhaus‹. In seinem Zimmerchen, das Sie ja sicher kennen.«

»Mein Gott!« Tillmann Winkler schlug die Hände vors Gesicht. »Das ist doch nicht möglich.«

»Er hat Sie also gekündigt?«, fragte Heiland.

»Wie bitte?«

»Sie sagten, Ihr Vertrag laufe Ende des Monats aus.«

»Ja, wir trennen uns. Ich habe einen neuen Arbeitsvertrag mit Frau Teichmann.«

»Seit wann?«

»Ab nächsten Ersten. Aber Herr Abendroth hat mir erlaubt, dass ich ihr auch schon vorher zur Hand gehe.«

»Wie auch immer«, meldete sich nun wieder Finkbeiner. »Wir müssen mit Frau Teichmann sprechen.«

»Am besten schicken Sie ihr eine Mail und bitten um einen Termin!«

Finkbeiner lachte auf. »Ja, soweit kommt’s noch!« Entschlossen machte er sich auf die Suche nach der Galeristin. Winkler rief ihm noch nach: »Moment, das geht nun wirklich nicht.« Aber der Kommissar kümmerte sich nicht darum.

Peter Heiland legte kurz seine Hand auf Winklers Schulter. »Sie müssen das verstehen. Er macht nur seine Arbeit. – Wie lange waren Sie denn Abendroths Assistent?«

»Fest angestellt zwei Jahre.«

»Und davor?«

»Ich bin ein großer Bewunderer des Meisters. Schon immer gewesen. Deshalb hab ich auch schon früher manche Arbeiten für ihn übernommen – ehrenamtlich, wenn Sie so wollen.«

»Und wie war er so … der Meister?«

»Kein einfacher Mensch, persönlich konnte er sehr schwierig sein, unendlich arrogant, verwöhnt vom großen Erfolg und vom Geld. Wissen Sie, es gibt bestimmt viele Menschen, die ihm keine Träne nachweinen.«

»Sie zum Beispiel?«, fragte Heiland.

Winkler antwortete nicht auf Heilands Frage, sondern sagte: »Zum Beispiel seine Frau, von der er sich auf ziemlich fiese Weise getrennt hat.«

»Und was ist mit Ihnen?«, hakte der Kommissar nach.

»Das ist eine komplizierte Geschichte. Ich möchte lieber nicht darüber sprechen«, sagte Winkler. »Der einzige Mensch, der wirklich traurig sein wird, ist seine Galeristin, Frau Teichmann. Sie hat ihr Zugpferd verloren. Die Arbeiten hier waren gestern zwischen 5.000 und 50.000 Euro wert, je Stück. Ab heute kosten sie vielleicht um die Hälfte mehr, wenn nicht gar das Doppelte. Aber das gleicht den Verlust à la longue natürlich nicht aus.«

Carl Finkbeiner hatte am Ende eines schmalen Korridors den Zugang zu einer Wendeltreppe gefunden. Er stieg in den ersten Stock hinauf, sah sich um und entdeckte eine Tür mit einer bunten Verglasung – »Eindeutig Jugendstil«, sagte er zu sich selbst. »Schön. Sehr schön!« Er klopfte an den Türrahmen, und als sich niemand meldete, drückte er die Klinke nieder. Die Tür schwang nach innen auf.

»Habe ich etwa ›Herein‹ gerufen?«, rief die Frau, die hinter einem Empireschreibtisch saß, ohne aufzusehen. Sie starrte unverwandt auf den Bildschirm eines Computers.

»Nein, das haben Sie nicht!«

Jetzt hob sie den Kopf. »Wer sind Sie?«

Finkbeiner zog seinen roten Polizeiausweis aus der Tasche und legte ihn neben den Computerbildschirm. »Hauptkommissar Finkbeiner, Landeskriminalamt.«

»Kommen Sie morgen wieder!« Sie wedelte mit der Hand Richtung Tür.

»Geht leider nicht. Haben Sie schon erfahren, was mit Lukas Abendroth passiert ist?«

»Ja! Aber ich habe jetzt keine Zeit.«

»Von wem haben Sie es erfahren?«

»Von Olga Nikolajewa. Und jetzt raus hier, ja?!«

Finkbeiner steckte den Ausweis wieder ein, zog einen Stuhl heran und setzte sich.

»Haben Sie mich nicht verstanden?«, blaffte die Galeristin.

»Doch. Aber ich muss mit Ihnen reden.«

»Tut mir leid. Bitte verlassen Sie mein Büro.«

»Herr Abendroth war ungefähr eine Stunde vor seiner Ermordung noch in Ihrer Galerie?«

»Hören Sie schwer? Raus, hab ich gesagt. Ich habe zu arbeiten.«

»Ich auch«, entgegnete Finkbeiner.

»Ist mir egal. Ich hab jedenfalls keine Zeit. Verschwinden Sie!«

Finkbeiner zog ein Formular aus der Tasche, füllte ein paar Zeilen aus und schob das Blatt über die fein polierte Oberfläche des Schreibtischchens.

»Was ist das?«

»Eine Vorladung. Und wenn Sie ihr nicht Folge leisten, lasse ich Sie polizeilich vorführen.«

Er hatte erwartet, dass sie nun einlenken und doch mit ihm reden würde. Sie sagte aber nur »Ist gut!« und wendete sich wieder dem Computer zu.

Kopfschüttelnd verließ der Kommissar den Raum.

»Dieses arrogante Weibsbild«, schimpfte Finkbeiner, als er und Peter Heiland eine Viertelstunde später in den Dienstwagen stiegen.

»Es gibt eben Leute, die betrachten uns Polizisten als reine Dienstleister. Immerhin werden wir von ihren Steuern bezahlt.«

»Das heißt aber nicht, dass man sich nicht an die Regeln halten muss. Diese Frau ist eine wichtige Zeugin, wenn nicht mehr.« Finkbeiners Laune wurde nicht besser.

»Lass uns irgendwo einen Kaffee trinken«, sagte Peter Heiland.

»Den kriegen wir auch im Büro«, gab sein Kollege barsch zurück.

»Mann, hast du eine Laune!«

»Diese Galeristin hat doch nur das Geschäft im Sinn. Der Tod eines so berühmten Künstlers hebt den Marktwert ungemein, und diese Frau hat nichts anderes im Kopf als genau das.«

Peter Heiland sagte nichts dazu. Er kannte seinen Freund und Kollegen. Die Wut würde rasch verrauchen, dann konnte man wieder vernünftig mit ihm reden.

Als ob er genau das bestätigen wollte, sagte Finkbeiner nach einer Weile: »Wie geht’s bei euch mit dem Kind?«

»Hanna möchte lieber heute als morgen wieder anfangen zu arbeiten.«

»Ja und dann?«

»Geh ich in Elternzeit.«

»Was?«, Finkbeiner bremste heftig. Ein Autofahrer hinter ihm hupte wild.

»Ja, ist ja gut«, brummte Finkbeiner über die Schulter und fuhr wieder an. »Wie stellst du dir das denn vor?«

»Ist doch ganz einfach. Ich bleibe ein Jahr zu Hause und kümmere mich um Heinrich.«

»Das geht doch nicht.«

»Warum soll das denn nicht gehen? Schließlich gibt es ein Gesetz, in dem das genau geregelt ist.«

»Aber das Gesetz regelt nicht, wer dann die 4. Mordkommission leitet, und wenn es bös kommt, wird Meier in der Zeit unser Chef.«

»Oder du!«

»Nicht um alles Geld der Welt.«

Eine Weile fuhren sie schweigend weiter, bis Peter Heiland sagte: »Wollen wir gleich zu Abendroths Witwe fahren? – Vielleicht kriege ich ja dort auch einen Kaffee.«

»Hast du die Adresse?«, fragte Finkbeiner.

»Ja, Winkler hat sie mir gegeben.«

»Sag mal, der ist ja auch eine komische Figur.«

»Aber offensichtlich sehr tüchtig. Es war sicher nicht leicht für ihn, gleichzeitig zwei Herren zu dienen.«

»Und schwul ist er außerdem.«

»Woher weißt du das?«

»Das sieht man doch!«

»Na und?«

Finkbeiner antwortete nicht darauf.

»Kastanienallee 17, Prenzlauer Berg«, sagte Peter Heiland und gab selbst die Adresse ins Navi ein.

Es war aussichtslos, einen Parkplatz zu finden, also stellte Finkbeiner den Wagen ins absolute Halteverbot und legte das Schild »Kriminalpolizei im Einsatz« aufs Armaturenbrett.

»Wann wird’s mal endlich wieder Sommer«, sang Heiland, als sie ausstiegen. Der Himmel über der Kastanienallee war grau. Der Wind hatte zugenommen und schien sich zu einem richtigen Sturm auszuwachsen. Die beiden Männer rannten die wenigen Meter bis zu dem Haus, in dem Frau Abendroth nach Winklers Angaben wohnte. Sie stiegen in einen altertümlichen Aufzug, dessen Kabine mit einem Gitter und einer Glastür geschlossen werden musste. Carl Finkbeiner drückte auf den Knopf fürs Dachgeschoss. »Winkler meinte, Abend­roth habe sich auf fiese Weise von ihr getrennt«, sagte Peter Heiland.

»Trotzdem ist sie seine Witwe und vermutlich ab heute eine sehr reiche Frau«, gab sein Kollege zurück.

Jacqueline Abendroth erwartete sie unter der Wohnungstür. Sie hatten sich über die Gegensprechanlage angemeldet.

»Kommen Sie bitte herein!« Sie war eine kleine Frau, etwa 1,60 Meter groß und ein wenig füllig. Aus ihrem herzförmigen Gesicht leuchteten zwei ungewöhnlich hellblaue Augen. Peter Heiland suchte nach dem Wort, das ihre Figur am besten beschreiben würde, aber es fiel ihm nicht ein.

Sie betraten eine großzügige Wohnlandschaft, die offenbar zugleich auch Atelier war. Auf einer Staffelei stand eine gerahmte Leinwand mit einem begonnenen Bild. Es war zu erkennen, dass es sich um eine Seenlandschaft handelte. »Sie sind auch Künstlerin?«, fragte Peter Heiland.

»Ja«, antwortete sie knapp. »Ich nehme an, Sie kommen, um mir die Todesnachricht zu überbringen. Das hätten Sie sich sparen können. Frau Teichmann hatte nichts Eiligeres zu tun, als mich sofort anzurufen, nachdem sie von dem Mord an meinem Mann erfahren hatte. – Setzen Sie sich doch!«

Peter Heiland sah die kleine Frau an, und plötzlich fiel ihm das Wort ein, mit dem man ihre Figur am besten beschreiben würde: drall. Er musste unwillkürlich lächeln. Frau Abendroth sah ihn befremdet an. »Amüsiert Sie das?«

Peter Heiland schüttelte den Kopf. »Oh nein. Ganz und gar nicht. Ich war gerade mit meinen Gedanken ganz weit weg«, log er und setzte sich in einen Sessel.

Carl Finkbeiner blieb stehen. »Wir sind gekommen, um Ihnen ein paar Fragen zu stellen«, sagte er ein wenig steif.

»Möchten Sie vielleicht etwas trinken?«

Peter Heiland nickte. »Ehrlich gesagt habe ich darauf gehofft, dass wir bei Ihnen einen Kaffee bekommen.«

Jetzt lächelte auch Frau Abendroth. »Kommt sofort!« Sie ging zu der offenen Küche, die an den großzügigen Wohn- und Atelierraum anschloss. »Mit Milch und Zucker?«

»Schwarz und bitter bitte.«

Carl Finkbeiner nahm das Wort. »Wir haben gehört, dass Sie und Ihr Mann schon länger getrennt leben … lebten.«

»Das stimmt. Sie auch einen Kaffee?«, fragte sie Finkbeiner. Der lehnte mit einem Kopfschütteln ab.

Peter Heiland nahm die Tasse entgegen. »Könnten Sie uns ein bisschen mehr darüber verraten?«

»Was denn zum Beispiel?«