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Sie schämen sich für ihre Tochter. Darum haben sie Natasha seit ihrer Kindheit eingesperrt. Doch endlich gelingt ihr die Flucht. Natasha hat nur einen Wunsch: So wie jeder andere Mensch möchte auch sie geliebt werden. Aber wer verliebt sich schon in eine entstellte Monstrosität? Natasha sucht ihren Prinzen – egal, wie viel Blut das kosten wird … Ein bizarres, brutales Horrordrama, wie man es von Shane McKenzie (Muerte con Carne) erwartet. Bentley Little: »Unerbittlich, extrem, hart, talentiert. Shane McKenzie steht an der Spitze der jungen Horrorautoren.« Jack Ketchum: »Shane, wie kannst du nachts bloß schlafen?«
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Seitenzahl: 348
Veröffentlichungsjahr: 2016
Aus dem Amerikanischen von Michael Krug
Die amerikanische Originalausgabe Monsters Don’t Cry erschien 2015 im Verlag Deadite Press.
Copyright © 2015 by Shane McKenzie
1. Auflage August 2016
Copyright © dieser Ausgabe 2016 by Festa Verlag, Leipzig
Titelbild: BenBaldwin.co.uk
Alle Rechte vorbehalten
eISBN 978-3-86552-427-0
www.Festa-Verlag.de
»Jerry ... Jerry! Komm verflucht noch mal her!«
Hastige Schritte.
»Ja, Schatz?«
»Komm mir nicht mit dieser schwülstigen Scheiße. Bring mir lieber meine verdammten Pillen und mach gefälligst schnell. Es tut verfickt weh!«
Natasha hielt ein Ohr an die Tür gepresst, während ihr gewaltiger Körper eingerollt auf dem Teppichboden lag. Sie kaute auf der überschüssigen Haut an ihrem Knie, während sie lauschte, wie ihre Mutter nach Pillen brüllte und über die Schmerzen in ihrem neuen Gesicht zeterte. So nannte sie es: ihr neues Gesicht. Sie hatte Natasha alles darüber erzählt, bevor sie sich der Prozedur unterzogen hatte, und sie hatte dabei Natashas drahtiges, blondes Haar wild mit der Bürste bearbeitet.
»Und danach wird deine Mami wieder jung aussehen. Genau wie früher in NICU. Damals war deine Mami so wunderschön.« Dabei hatte sie die Borsten der Bürste hart gegen Natashas Kopfhaut gepresst, während sie damit durch die Haare gefahren war, doch Natasha war nicht zusammengezuckt. »Weißt du, manch einer hat damals gemeint, ich hätte eine große Zukunft vor mir. Aber dann hat dein Papa dich in mich reingepflanzt und damit hat sich alles verändert. Damit war alles ruiniert.«
Natasha verstand nicht, was sie mit einem »neuen Gesicht« meinte. Sie fragte sich, ob sich ihre Mutter das alte Gesicht hatte abschneiden und dann durch ein jüngeres, hübscheres hatte ersetzen lassen. Wie die jungen Frauen in den Zeitschriften. Die sahen alle so perfekt, so wunderschön aus. Natasha konnte ihrer Mutter keinen Vorwurf daraus machen, wie sie aussehen zu wollen. Das verstand Natasha durchaus. Hätte sie es gekonnt, sie hätte ihnen allen die Gesichter abgerissen, damit sie jeden Tag auswählen könnte, welches sie tragen wollte. Wie bei Hüten oder Schuhen, wenngleich sie auch davon keine besaß. Oft starrte sie stundenlang auf die Seiten der Magazine, musterte jeden Quadratzentimeter der Frauen und wünschte, sie könnte eine von ihnen sein, Kleider und Make-up tragen wie sie. Wenn sie so aussähe wie diese Mädchen, wenn sie hübsch wäre, dann wäre alles besser. Alles wäre magisch.
»Was soll denn das heißen, sie sind alle? Hast du mir meinen Scheiß gestohlen, du beschissener kleiner Arsch? Ist es so?«
»Du hast die Tabletten gestern aufgebraucht. Das habe ich dir auch gesagt.«
»Na, dann ruf den Arzt an und hol neue! Ich bin hier am Sterben.« Dann fing ihre Mutter zu weinen an, wie sie es immer tat, wenn sie etwas wollte. »Ist dir denn völlig egal, dass ich leide? Bist du nicht angeblich mein Ehemann?«
»Celeste, du ...«
»Dann hilf mir, verfickt noch mal!«
»Du hast zu viele Tabletten eingenommen. Wir kriegen erst in einer Woche ein neues Rezept. Ich habe dir ja gesagt, du sollst dich an die empfohlene Dosierung halten, aber du ...«
»Fick dich! Fick dich! Du siehst mich gern leiden, nicht wahr? Hast du schon immer getan. Deshalb behältst du auch diese ... diese verfickte Mutantin hier, stimmt’s? Weil du weißt, wie weh es mir tut, sie ansehen zu müssen.«
»Sie ist unsere Tochter. Und sie kann dich hören.«
»Sie ist ein gottverdammtes Monster. Wir hätten sie abtreiben lassen sollen.«
Langsame, schwere Schritte.
»Wo willst du hin? Komm zurück, du verfluchter Waschlappen! Wag es bloß nicht, einfach von mir wegzugehen!«
Die Schritte hielten unmittelbar vor Natashas Tür inne und sie huschte davon weg, schnappte sich Honey – ihre Puppe – vom Boden und drückte sie sich an die Brust. Aber nicht zu fest. Sie wollte das Porzellan nicht zerbrechen. Honeys Antlitz war noch schöner als die Gesichter aller jungen Frauen in den Magazinen und aller jungen Frauen im Fernsehen. Etwas an ihrem Lächeln, an der Art, wie es unveränderlich blieb, fand Natasha wunderschön. Der Inbegriff von Perfektion. Dauerhafte Schönheit. Nicht wie bei ihrer Mama, deren Schönheit verschrumpelt war wie die Schale von einem Stück Obst.
Die Tür öffnete sich sachte und Papa steckte den Kopf herein, lächelte Natasha an, wie er es immer tat, wenn ihre Mutter einen ihrer Anfälle hatte, was ziemlich oft vorkam. Natasha wünschte, ihre Mutter wäre mehr wie die Figur, die sie früher in NICU verkörpert hatte.Grace. So hieß sie. So hübsch, so nett. Immer lächelnd und hilfsbereit.
Eine alte Folge der mittlerweile abgesetzten Sendung lief auf dem kleinen Fernseher in der Ecke des Zimmers. Die vollständige Serie auf DVD befand sich auf dem Gerät, das Einzige, was ihre Mutter sie anschauen ließ.
»Hey, BabyDoll«, sagte ihr Vater, als er den Raum betrat und die Tür hinter sich schloss. »Deine Mutter ... Sie hat starke Schmerzen, Schatz. Das ist alles. Sie ist nicht sie selbst.«
Natasha presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf, fuhr mit den Fingern durch Honeys Haare.
»Du hast recht. Sie ist durch und durch sie selbst.« Papa setzte sich aufs Bett und seufzte, ließ den Kopf hängen. Er sah erschöpft aus, wie er seine Knie umklammerte und mit ausdruckslosem Blick auf den Boden starrte. Als er schließlich zu Natasha aufschaute, rang er sich ein Lächeln ab und streckte die Arme aus. »Kriege ich eine Umarmung? Deine Umarmungen sind die besten Umarmungen auf der ganzen Welt. Hast du das gewusst, Schnuckelchen? Deine Umarmungen könnten glatt Krebs heilen.«
Natasha konnte sich ein Kichern nicht verkneifen. Sie stand auf und drehte mit einem Finger zwischen den Zähnen die Hüften von einer Seite zur anderen.
»Jetzt lass mich nicht betteln.«
Natasha setzte sich erst langsam in Bewegung, dann verfiel sie explosionsartig in vollen Lauf und stürzte sich geradezu auf ihren Vater, schlang die Arme um seinen Hals und drückte zu.
Statt ihre Umarmung zu erwidern, tätschelte er sie, schlug ihr mit den Händen auf die Schulterblätter und auf den Rücken. Natasha bombardierte sein kahles Haupt mit Küssen, überzog es mit lippenförmigen Speichelabdrücken.
»B-babyDoll ... ich kann nicht ... Natasha, lass mich los!«
Natasha sog scharf die Luft ein und gab ihn frei, huschte schnell von ihm weg. Dabei fiel sie vom Bett und landete hart mit dem Hinterkopf auf dem Boden, was sie jedoch nicht davon abhielt, rücklings von ihm wegzukriechen. Ein leises Wimmern entrang sich ihrer Kehle, als sie beobachtete, wie sich ihr Vater auf dem Bett krümmte, das Gesicht zu einer gequälten Grimasse verzogen.
»Alles in Ordnung, Schatz«, stieß er hervor und zuckte zusammen, als er sich mühsam aufsetzte. »Es geht mir gut. Dein Papa ist bloß nicht mehr der junge Mann, der er mal war, das ist alles.«
Natasha nickte, blieb jedoch auf Abstand. Sie mochte es nicht, wenn Papa Schmerzen leiden musste. Nicht er. Ihretwegen konnte jeder Mensch Schmerzen haben, nur nicht er. Papa verdiente es nicht, je zu erfahren, wie sich Schmerzen anfühlten.
»Alles gut, Natasha. Bitte. Schwing dein hübsches Gestell wieder hierher und umarme deinen Papa, ja? Nur ein bisschen zarter, in Ordnung?« Obwohl er an der Stelle lächelte, konnte sie ihm die Schmerzen am Gesicht ansehen. Seine Hände zitterten, als er sie anhob.
Natasha schniefte, entfernte mit den Fingern den Rotz von ihrer winzigen Nase und wischte ihn hinten in ihr Nachthemd. Sie schlurfte zu ihrem Vater, schleifte die Füße über den Boden und ließ sich auf dem Bett nieder.
»Ich liebe dich, BabyDoll«, sagte er, als er einen Arm um sie schlang und sie seitlich auf den Kopf küsste. »Ich liebe dich so sehr. Vergiss das nie.«
Natasha lehnte den Kopf an seine Schulter und nickte. Mit einem Finger fuhr sie Honeys lächelnden Mund nach.
Weder Vater noch Tochter nahmen Notiz vom unveränderten Geschrei der Mutter aus dem anderen Zimmer.
»Es ist Zeit für dein Bad.«
Natasha lag bäuchlings auf dem Boden, hatte die Beine in die Luft gestreckt und zappelte mit den Füßen, während sie die Seiten der neuesten Zeitschrift durchblätterte. Papa hatte ihr das Lesen beigebracht, wenn ihre Mutter geschlafen hatte, aber einige der längeren Wörter waren noch zu kompliziert für sie. In diesem Magazin wurden die Kleider verglichen, die all die umwerfenden, berühmten Frauen bei der Oscar-Preisverleihung getragen hatten. Natasha wusste zwar nicht, was die Oscar-Preisverleihung war, dennoch wünschte sie, selbst dabei sein zu können. Sie wünschte, sie könnte ein Kleid wie die Frauen in den Zeitschriften tragen, für Fotos posieren und sich von allen sagen lassen, wie wunderschön sie doch sei. Jedes einzelne Kleid fand Natasha so atemberaubend herrlich, dass sie sich dabei ertappte, den Frauen wehtun zu wollen, die sie trugen. Es erschien ihr nicht fair, dass sie ihre perfekten, schlanken Körper in dermaßen prunkvolle Stoffe hüllen durften. Und wahrscheinlich hatte jede einzelne der Frauen noch unzählige andere Kleider und eine luxuriöse Garderobe, die sie als selbstverständlich betrachtete. Dazu noch Handtäschchen und Schuhe und Schmuck, um ihre makellosen Gesichter zu betonen.
»Zieh diese widerlichen Fetzen aus und schaff deinen Arsch ins Badezimmer. Beeilung.« Ihre Mutter stand an der Tür. Eine glimmende Zigarette baumelte von ihren Lippen. Weiße Verbände bedeckten ihr gesamtes Gesicht außer den Augen, der Nasenspitze und dem geschwollenen rosa Mund. Sie trug nur einen BH und eine Unterhose. Eine Lederpeitsche hing von ihrer Hand wie ein toter Aal. Die Spitze drehte sich unmittelbar über dem Teppich.
Normalerweise kümmerte sich Papa um das Baden. Er saß dann immer auf der Toilettenschüssel und las Natasha vor, während sie sich wusch. Ihre Mutter hatte sie schon lange nicht mehr gebadet, und Natasha war froh darüber. Sie machte es immer viel zu grob, schrubbte Natashas Haut mit Stahlwolle. Am wildesten rieb sie über die Brüste und zwischen den Beinen. Sie war erst zufrieden, wenn sie mehrere Hautschichten abgescheuert hatte und die Wanne rot vor Blut war. Dabei pflegte sie zu sagen, dass sie versuche, die Hässlichkeit abzuwaschen, damit Natasha vielleicht nicht mehr ganz so abstoßend wäre, wenn sie nur brutal genug schrubbte, nicht mehr ganz so peinlich.
Die Peitsche war neu. Was eine Peitsche war, wusste Natasha aus der Zeitschrift Ledersklave, die ihre Mutter ihr geschenkt hatte. Natasha verstand nicht, weshalb ihre Mutter ihr das Magazin gegeben hatte, und vermutete, es könnte ein Irrtum gewesen sein, weil sich die seltsame und anzügliche Zeitschrift in der Mitte eines Stapels von Cosmopolitan und Style verkeilt hatte. Anfangs war Natasha neugierig gewesen, hatte die Seiten langsam durchgeblättert und die Bilder eingehend betrachtet. Statt märchenhafter Kleider trugen die Frauen darin Dinge aus Lederriemen und glänzende Stiefel. Die Männer waren gefesselt oder hingen mit geknebeltem Mund von Vorrichtungen, manche mit engen Ledermasken über dem Kopf. Die Bilder zeigten, wie die Frauen die Männer bestraften, sie schlugen und kniffen, sie mit Peitschen und Stöcken züchtigten und sie schnitten, damit die Frauen das Blut über ihre Körper verreiben und ihre nackten Brüste rot bemalen konnten. Die Männer hatten diese großen Finger zwischen den Beinen, nicht wie die Frauen, nicht wie die behaarte, feuchte Spalte, die Natasha hatte. Und die Frauen berührten die Finger, leckten daran, bissen vereinzelt hinein, bis sie bluteten.
Einige der Bilder zeigten sogar, wie die Männer ihre großen Finger in die feuchten Spalten der Frauen hineinsteckten. Oder auch in ihre Stinkelöcher. Obwohl es so aussah, als müsste es den Frauen wehtun, schienen sie dabei glücklich zu sein. Und je mehr Natasha auf diese Bilder starrte, desto mehr fingen sie an, ihr zu gefallen. Wenn sie die Fotos betrachtete, brachte das ihre Brust und ihren Bauch zum Kribbeln. Es weckte in ihr den Wunsch, ihren Busen zu berühren, sich in die Nippel zu kneifen. Aber mehr als alles andere wurde davon ihre feuchte Spalte noch feuchter. Manchmal so feucht, dass Flüssigkeit heraustropfte. Eines Tages fasste Natasha hinab, ließ einen ihrer Finger in die feuchte Spalte gleiten, genau wie es die Männer bei den Frauen in der Zeitschrift taten. Am Anfang fühlte es sich gut an, besser als alles, was sie sich je vorgestellt hatte. Aber dann wurde das angenehme Gefühl schlecht, und ihr drehte sich der Magen um, als müsse sie sich übergeben. Ein Brennen setzte am Ansatz ihrer Kehle ein, und sie zog die Hand von sich weg, zwang das aufsteigende Erbrechen zurück. Sie versteckte die Zeitschrift ganz unten im Stapel, wollte sich Ledersklave nie wieder ansehen, wollte nie wieder an nackte Männer mit ihren großen Fingern und an ihre eigene triefende, behaarte, feuchte Spalte denken. Das war böse. Es erfüllte sie mit einem Gefühl von Scham und Demütigung und sie konnte nicht verstehen, warum sich irgendjemand so fühlen wollen könnte, warum Leute gegenseitig solche Dinge mit sich anstellen sollten.
Beim Gedanken an Ledersklave und beim Anblick der Peitsche, die von der Hand ihrer Mutter baumelte, spürte Natasha, wie sich ihr der Magen umdrehte und wie schlagartig ein Brennen in ihrer Kehle aufstieg. Ein Schwall heißer Flüssigkeit schwappte gegen die Innenseite ihrer Zähne und überschwemmte ihre Zunge, doch sie wagte nicht, etwas davon herauszulassen. Nicht wenn ihre Mutter dabei zusah. Also presste sie die Lider zu, atmete stoßweise durch die Nase und schluckte alles wieder hinunter.
Natasha schloss die Zeitschrift mit dem Bericht über die Oscar-Preisverleihung und legte sie ordentlich oben auf den Stapel der anderen neben dem Fernseher. Mode- und Kosmetikzeitschriften, die DVD-Sammlung von NICU. Das waren die einzigen Formen von Unterhaltung, die ihre Mutter ihr zugestand.
»So sollten Mädchen aussehen«, pflegte ihre Mutter zu sagen, wenn sie Natasha am Genick packte und ihr Gesicht unsanft in die Hochglanzseiten drückte. »Hübsch. Mädchen sollten hübsch sein. Was du nie sein wirst. Du machst mich krank, hörst du? Jedes verfickte Mal, wenn ich dich ansehen muss, möchte ich am liebsten kotzen.«
Honey war ein Geschenk von Papa gewesen. Der einzige neue Gegenstand, den Natasha je besessen hatte. Er hatte ihr die Puppe vor langer Zeit gegeben. Damals hatte er gemeint, es sei ihr Geburtstag. Natasha wusste zwar nicht, was ein Geburtstag war, dennoch hatte sie sich sehr darüber gefreut, dass sie die Puppe bekommen hatte. Und einen Schokoladen-Cupcake. Sie erinnerte sich noch daran, wie ihr Vater gelacht hatte, als sie die noch angezündete Kerze essen wollte. Hastig hatte er sie ihr weggenommen, bevor sie sich verbrennen konnte, dann hatte er sie auf den Kopf geküsst und ihr das Geschenk überreicht, hübsch in rosa Papier eingewickelt. Mit einer silbrigen Schleife obendrauf.
»Für dich, BabyDoll. Mein wunderschönes kleines Mädchen. Alles Gute zum Geburtstag.«
Natasha verstand nicht, warum Papa sich von ihrer Mutter so behandeln ließ. Sie verstand nicht, wie er so schwach sein konnte. Insgeheim vermutete sie, dass er Angst vor ihr hatte, obwohl er behauptete, sie zu lieben. Solange Natasha zurückdenken konnte, hatte ihre Mutter ihn immer wie einen Sklaven behandelt. Und Papa nahm es einfach hin, tat immer alles, was sie von ihm verlangte. Manchmal wollte Natasha ihre Mutter am liebsten schlagen, ihr den Bauch aufreißen und ihr die eigenen Eingeweide in den Hals stopfen.
Aber das durfte sie nicht tun. Papa liebte ihre Mutter. Und ihr wehzutun, würde ihm wehtun. Natasha wusste, dass er auch sie liebte – er sagte es ihr ständig und war immer so nett zu ihr, auch wenn er zuließ, dass ihre Mutter sie in ihrem Zimmer eingesperrt hielt. Gleichzeitig jedoch wusste sie, dass Papa jene Frau mehr als alles andere liebte. Nicht nur wegen dem, was er sich von ihr gefallen und wie er sich von ihr behandeln ließ, sondern auch wegen der Art, wie er sie ansah. Natasha wusste, was solche Blicke bedeuteten, sie hatte sie viele Male in NICU gesehen, und sie führten immer zu Romantik. Sie wünschte, Papa würde sie genauso sehr lieben, wie er ihre Mutter liebte, andererseits war sie schon froh, überhaupt geliebt zu werden. Papa war ihr bester Freund und sie liebte ihn so sehr, dass es manchmal in der Brust wehtat.
Er verdiente es nicht, Schmerz zu empfinden. Niemals.
Natasha drehte sich ihrer Mutter zu und ballte die fleischigen Hände an den Seiten zu Fäusten, die wie große Steinbrocken anmuteten. Ihre Mutter wich einen kleinen Schritt zurück und ihre Augen weiteten sich einen flüchtigen Moment lang. Dann jedoch kniff sie die Lider zusammen, bleckte die Zähne und stürmte quer durch den Raum.
Die Zigarette zischte, als das glühende Ende seitlich gegen Natashas Hals gedrückt wurde.
Aber Natasha zuckte nicht einmal zusammen. Kein bisschen. Sie starrte nur direkt in die Augen ihrer Mutter, als die Hitze in ihre Haut gepresst und hin und her gedreht wurde.
Klatsch!
»Glotz mich verflucht noch mal nicht so an, du beschissener Freak. Und jetzt schwing deinen zurückgebliebenen Arsch in die Wanne.« Sie schnippte mit dem Handgelenk, um die Peitsche schnalzen zu lassen, dann fasste sie nach oben, packte den Kragen von Natashas Nachthemd und riss ihr das Kleidungsstück vom Leib. Es verfing sich an Natashas Hüfte und hing daran hinab wie ein zerfleddertes Tutu.
Aus dem Fernseher tönte die Titelmelodie von NICU. Sosehr Natasha ihre Mutter verabscheute, sie konnte sich nicht dagegen wehren, von der Serie fasziniert zu sein. Sie stellte sich gerne vor, dass all die Leute nur für sie schauspielerten, gefangen in der kleinen Kiste in Natashas Zimmer. Dazu gezwungen, sich zu Natashas persönlicher Belustigung zu verstellen. Vor allem ihre Mutter. Solche Gedanken verliehen Natasha ein Gefühl von Macht, als gehöre ihr jener Teil ihrer Mutter.
»Sieh dir das an«, sagte sie und schob sich an Natasha vorbei, damit sie sich unmittelbar vor den Fernseher stellen konnte. Ihr jüngeres Gesicht wurde eingeblendet und sie hielt ein winziges, rosa, schrumpeliges, in eine hellblaue Decke gewickeltes Baby in den Armen, blickte mit so viel Liebe und Besorgnis auf das kleine Wesen hinab. Ihr Name wanderte von links nach rechts über den Bildschirm und blieb ungefähr eine Sekunde lang sichtbar, bis der des nächsten Schauspielers erschien.
Jene Bilder zu sehen erfüllte Natasha stets mit Zorn. Sie wusste, dass ihre eigene Mutter sie noch nie so angesehen hatte, nicht einmal als Baby. Natasha vermeinte sich daran erinnern zu können, wie sie geboren worden war, wie sie sich aus dem feuchten, warmen Körper ihrer Mutter gezwängt hatte. Und sie glaubte, auch noch zu wissen, wie sie die Frau und den angewiderten Ausdruck in ihrem Gesicht zum allerersten Mal gesehen hatte. Allerdings konnte sie nicht sicher sein, ob jene Erinnerungen echt waren. Sie brauchte aber gar keine Erinnerungen, um zu wissen, was ihre Mutter von ihr hielt. Die Frau sah Natasha nie mit etwas anderem als Hass und Abscheu in den Zügen an. Die Fernsehversion – Grace – war die Einzige, die jemals lächelte oder lachte oder Zuneigung zeigte. Es war beinah so, als hätte sie alle Freude und Freundlichkeit, die in ihr gesteckt hatten, dafür aufgebraucht, in der Serie Grace zu spielen, sodass für ihr wahres Ich nur noch Garstigkeit und Grausamkeit übrig geblieben waren.
»Damals war ich perfekt. Ich war heiß. Jeder Mann am Set wollte mich ficken. Sie wollten mich alle so sehr ficken, dass ich die Hitze spüren konnte, die aus ihren Hosen aufgestiegen ist. Jede Frau hat mich deswegen gehasst. Ich war ein Star. Ein verdammter aufsteigender Star. Diese Serie sollte eigentlich erst der Anfang sein. Ich hätte die ganze verfluchte Welt erobern können.«
Plötzlich wirbelte sie so schnell herum, dass es wirkte, als wäre ihr Gesicht schlagartig am Hinterkopf erschienen. Die Peitsche schnalzte durch die Luft, knallte über Natashas Rücken, wickelte sich um sie und klatschte brennend auf ihre Brust.
Bevor Natasha bewusst wurde, was sie tat, hatte sie die Finger um die Kehle ihrer Mutter geschlungen. Und drückte zu. Die Verbände färbten sich rot. Die Augen ihrer Mutter weiteten sich, bis ihre Lider in den Höhlen verschwanden, als sie vom Boden gehoben wurde. In der Luft schwebend strampelte sie mit den Beinen und kratzte mit rot lackierten, manikürten Nägeln über Natashas Arm.
Da hörte Natasha Papas Stimme im Kopf. Leise wie eine sanft im lauen Wind treibende Federwolke.
Tu ihr nicht weh, BabyDoll. Sie ist deine Mutter. Und ich liebe sie.
Natasha knurrte, als sie die Finger öffnete und die röchelnde Frau zu einem schlaffen Haufen vor ihre Füße fallen ließ. Nach Atem ringend, beide Hände am Hals.
Der Fernseher befand sich unmittelbar über dem Kopf ihrer Mutter und eine weitere Episode begann gerade. Grace unterhielt sich mit einem Arzt. Flirtete mit ihm. Lächelte so breit, dass man all ihre tadellos weißen Zähne sehen konnte.
Natasha bückte sich und hob die Peitsche auf. Ihre Mutter schüttelte den Kopf und rutschte mit dem Hintern über den Teppich, um von Natasha wegzugelangen. Sie schien etwas sagen zu wollen, konnte jedoch nur röcheln und husten.
Natasha legte die Peitsche behutsam auf den Schoß ihrer Mutter. Dann zog sie das Nachthemd ganz aus und drehte der Frau den Rücken zu.
»S-so ist’s recht, d-du blöde, verfickte F-fotze.«
Peitsch!
»Und jetzt ... jetzt schwing d-deinen Arsch in die ...« Eine kurze Pause. »Was ist denn das?«
Durch einen Blick zu ihrem Bett erkannte Natasha plötzlich, dass sich Honey nicht an ihrer üblichen Stelle befand. Nicht wie sonst immer unter den Laken verborgen. Sie wirbelte herum und ließ sich sofort auf die Knie fallen, als sie die Puppe in den Klauen ihrer Mutter erblickte.
»Woher hast du das? Von dieser verfluchten Schwuchtel, die sich dein Vater schimpft? Hat er dir das gegeben?«
Natasha konnte nur winselnd die Hände ausstrecken. Noch nie hatte sie etwas so sehr gewollt, wie ihre Honey wieder in den Armen zu halten. Um sie zu beschützen.
»Was ist denn los? Will das kleine Monster etwa sein Püppchen zurück?« Ihre Mutter lächelte durch die Verbände, dennoch ließ sich nicht übersehen, dass immer noch Schmerzen durch ihren Hals pulsierten.
Natasha wimmerte, schleppte sich auf den Knien quer durch den Raum und senkte den Kopf, bis ihre Stirn auf den Füßen ihrer Mutter zum Liegen kam.
Etwas traf sie am Hinterkopf. Natasha spürte es kaum. Stattdessen erfüllte das krachende Geräusch ihr Herz mit einem stechenden Schmerz. Das Geräusch von zerbrechendem Porzellan.
Die weißen und pfirsichfarbenen Fragmente regneten rings um sie herab, gefolgt von dem mit Baumwolle ausgestopften Körper.
»Dein Vater ist der Nächste.« Peitsch! »Und jetzt steh auf. Mach schon, verdammt noch mal! Schwing dich in die Wanne und schrubb dir die Scheiße von der Haut!«
Tränen strömten Natasha übers Gesicht, benetzten den Teppich und die Baumwollbüschel, die aus Honeys verheertem Körper ragten. Natasha packte die Reste der Puppe, drückte sie an sich und spürte, wie ihr das Herz in der Brust brach.
Peitsch!
Die Peitsche leckte mit all ihrer Wut über Natasha, doch das spielte keine Rolle. Auch das Geschrei und die Flüche ihrer Mutter spielten keine Rolle.
Natasha tastete sich durch das zerbrochene Porzellan. Die Scherben wurden blutig, als ihr die scharfen Kanten die Fingerspitzen zerschnitten. Als ihr Honeys Gesicht aus den Trümmern entgegenlächelte, hätte Natasha um ein Haar laut aufgeschrien. Die braunen Murmeln, die als Augen gedient hatten, waren verschwunden, irgendwo zwischen den Scherben verborgen, doch es handelte sich immer noch um Honeys Gesicht. Sie wagte nicht, es aufzuheben. Wagte nicht, es zur Kenntnis zu nehmen.
Stattdessen stand Natasha wieder auf. Fuhr sich mit dem Unterarm über die Nase.
Die Peitsche schnalzte über ihren Rücken, als sie sich zur Tür hinaus in Richtung des Badezimmers schleppte.
»Ich liebe dich, BabyDoll. Mein wundervolles kleines Mädchen.« Papa beugte sich über sie und küsste Natasha auf die Stirn, strich ihr mit einem Finger die in ihr Gesicht hängenden Strähnen hinters Ohr zurück. »Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, bringe ich dir eine Überraschung mit, in Ordnung? Etwas Besonderes.«
Natasha nickte und lächelte. Manchmal vermittelte Papa ihr das Gefühl, trotz allem das glücklichste Mädchen der Welt zu sein. Sie wünschte, er müsste nicht nachts arbeiten. Manchmal hörte Natasha Geräusche, wenn er wegging. Stimmen.
Sie erzählte ihm nie davon, denn sie wollte ein großes Mädchen sein. Tapfer.
Schlaf einfach ein, sagte sie sich. Und wenn du aufwachst, ist die Sonne wieder da und nichts Unheimliches kann dich holen und Papa wird eine besondere Überraschung für dich haben!
Sie hielt sich Honeys Gesicht an die Brust und achtete sorgsam darauf, es nicht zu fest an sich zu drücken. Im zunehmend dunkleren Zimmer wurde alles verschwommen, als ihr der Schlaf das Bewusstsein Stück für Stück abgrub.
Plötzlich schlug sie die Augen auf und ein Japsen entrang sich ihrer Kehle. Sie setzte sich auf. Das Laken fühlte sich schweißgetränkt an. Draußen herrschte noch Finsternis. Ihre Mutter hatte das Fenster vor langer Zeit schwarz übermalt, dennoch konnte Natasha den Unterschied zwischen Tag und Nacht feststellen. Ein paar kleine Flecke hatte ihre Mutter beim Übermalen nämlich übersehen. Keine großen Flecke, nur winzige Dreiecke an den Ecken, wo das Sonnenlicht tagsüber hereinschien. Im Augenblick ließ sich dort kein Licht erkennen, daher wusste sie, dass es noch Nacht sein musste und Papa noch bei der Arbeit war.
Und dann hörte Natasha sie. Die Stimmen. Sie drangen durch die Tür herein, kamen von weiter vorne im Gang.
Männer. Mehr als ein Mann. Es klang, als wären sie im Schlafzimmer ihrer Eltern.
Die Stimmen erreichten sie zwar nur gedämpft, dennoch konnte Natasha sie laut genug hören. Manchmal redeten sie oder lachten. Und es waren nicht nur Stimmen. Sie hörte auch Schritte, gelegentlich unmittelbar vor ihrer Zimmertür. Natasha rechnete immer damit, dass die Tür irgendwann auffliegen würde, und dann würde einer dieser Männer, so es sich denn um Männer handelte, hereinstürmen und sie verletzen.
Zumeist hörte sie die ewig gleichen Geräusche. Kein Reden. Kein Lachen.
Stattdessen Stöhnen. Und Schreie. Wenn geschrien wurde, dann wurden manchmal auch Dinge gesagt, aber Natasha konnte die Worte nicht verstehen. Doch die meiste Zeit wurde einfach nur geschrien.
In jenem Augenblick waren es wieder Schreie, die sie hörte. Laut. Lauter als sonst. Und einen klatschenden Laut wie von einem Donnerschlag. Wie das Geräusch, das die Peitsche verursachte, wenn sie über Natashas Rücken schnalzte.
Natasha sprang aus dem Bett und wich von der Tür zurück, schüttelte den Kopf und wünschte innig, die Geräusche mögen verstummen. Sie wünschte, die Stimmen, die Schreie und die Peitschenhiebe mögen einfach verschwinden. Sie betete, Papa möge durch die Tür kommen, sie umarmen und ihr sagen, es würde alles wieder gut werden und sie sei seine kleine BabyDoll und er würde nicht zulassen, dass ihr irgendetwas auf der Welt wehtäte, gar nichts auf der Welt.
Außer ihrer Mutter. Nichts konnte Natasha vor ihrer Mutter beschützen, das wusste sie. Diese Frau hatte über ihren Vater genauso viel Macht wie über Natasha. Sie verkörperte ein waschechtes Monster.
Natasha griff sich ihre Haarbürste aus Holz von der kleinen Kommode, in der sie ihre Unterwäsche und Nachthemden aufbewahrte, von denen ihr kein einziges mehr passte. Was sie früher vom Hals bis zu den Knien bedeckt hatte, reichte ihr inzwischen nur noch ungefähr bis zum Nabel.
Sie hechtete zurück ins Bett, zog die Knie an die Brust und kaute an der überschüssigen Haut. Honeys Gesicht lag neben ihr. Natasha klemmte sich das runde Porzellanstück zwischen die zitternden Oberschenkel und tat so, als würde sie die Haare der Puppe kämmen. Zuerst zog sie die Bürste ganz sanft durch die Luft, als sie die Phantomhaare bearbeitete, doch als sich das Geschrei fortsetzte, wurden Natashas Bewegungen abgehackter und wilder. Sie konnte einfach nicht aufhören zu zittern und bei jedem Schrei, der ertönte, zuckte sie zusammen, sog japsend die Luft ein und die scharfen Kanten von Honeys Gesicht bohrten sich tiefer in die Haut ihrer Beine.
Natasha wiegte sich vor und zurück, während sie bürstete und weinte und wünschte, die Geräusche würden verstummen.
Bitte komm nach Hause, Papa. Bitte pass auf, dass mir nichts passiert.
Sie war nicht sicher, wann sie wieder eingeschlafen war, aber als sie neuerlich erwachte, lag ihr Kopf auf dem Kissen und ihre Decke über ihr. Honeys Gesicht ruhte auf ihrer Brust.
Zuerst fürchtete sie, einer der Männer könnte bei ihr im Zimmer sein, und sie setzte sich rasch auf, ließ suchend den Blick durch die kleine Kammer wandern, doch sie war allein.
Auf dem Boden unmittelbar neben ihrem Bett stand ein Karton. Eingewickelt in hübsches rotes Papier, das schimmerte, als es vom spärlichen, in den Raum einfallenden Sonnenlicht erfasst wurde. Obenauf lag ein Zettel. Natasha ergriff ihn und faltete ihn auseinander.
Für mein wunderschönes kleines Mädchen. Honey ist immer noch da. Du musst nur die Teile wieder zusammensetzen.
Kichernd küsste Natasha den Zettel. Papa musste wohl in ihr Zimmer gekommen sein, während sie geschlafen hatte, und bestimmt hatte er sie nicht wecken wollen. Papa hatte sein Versprechen gehalten und Natasha wäre beim Versuch, den Karton aufzuheben, beinah aus dem Bett gefallen.
Etwas darin klirrte, als sie den Karton hochhievte und an ihre Brust zog, bevor sie im Bett nach hinten rutschte, bis sie an der Wand hinter dem Kopfteil lehnte. Unbewusst klemmte sie die Zunge zwischen die Zähne, als sie den Deckel von dem Karton riss und hineinspähte.
Zuerst verstand sie nicht recht. Der Inhalt sah wie Porzellanscherben aus. Dann erblickte sie den Arm und den Fuß und andere kaum erkennbare Teile. Außerdem enthielt der Karton eine Papiertüte und als Natasha sie öffnete, entdeckte sie darin Honeys mit Baumwolle gefütterten Körper, der noch das Kleidchen trug. Und eine winzige Tube Superkleber.
Es würde sich schwierig gestalten, zu bestimmen, welcher Teil was darstellte und wie alles wieder zusammenpassen würde, aber das war Natasha egal. Selbst wenn es den Rest ihres Lebens dauern würde, es wäre ihr egal.
Sie leerte die Teile auf ihr Bett, legte sich auf den Bauch und sortierte die Trümmer sorgfältig. Zunächst ergriff sie die am Gelenk abgebrochene Hand. Außerdem befand sich in dem Haufen ein kleiner Ring aus Porzellan, den sie ebenfalls ergriff, um die beiden Teile nebeneinander zu studieren. Die unebenmäßigen Ränder des Porzellans passten perfekt zueinander und Natasha quiekte lächelnd, als sie den Verschluss des Superklebers aufdrehte und damit begann, ihre beste Freundin wiederherzustellen.
Bevor Bruno an die Tür klopfen konnte, schwang sie auf, und er sah sich der eingeölten Brust einer von Matildas männlichen Huren gegenüber. Der Typ musterte Bruno von oben bis unten, doch dabei bewegten sich nur seine geweiteten Pupillen. Der Rest von ihm blieb starr wie eine Marmorstatue.
»Ich will zu Matilda. Sie weiß, dass ich komme.«
»Tatsächlich?«
Mit einem Seufzen versuchte Bruno, an dem Mann vorbeizuschauen, aber der Kerl trat zur Seite, um ihm die Sicht zu versperren. Mit nacktem, glänzendem Oberkörper stand er da und spannte die definierten Muskeln an. Die breite Brust zuckte und tänzelte, als wolle sie Bruno davor warnen, allzu verwegen zu werden.
Ein Stöhnen drang aus dem Haus, gefolgt von einem leisen Lachen. »Augustine, geh beiseite. Lass den armen Jungen vorbei.«
Bruno nickte und straffte die Schultern.
Augustine lächelte, bevor er rasch den Arm ausstreckte, die Handfläche auf Brunos Hinterkopf legte und ihn beinah liebevoll zu sich zog. »Dann komm mal rein, Herzchen. Schätze, du hast das eine oder andere zu erklären, nicht wahr?«
Bruno versuchte sich loszureißen, aber Augustine zog ihn mühelos über die Schwelle ins Haus, ehe er ihn vorwärtsstieß.
Bruno fing sich am Ziergeländer am Fuß der Treppe vor ihm ab, dann drehte er sich zu Augustine um und starrte die große männliche Nutte finster an, während er sich sein Hemd glatt strich.
»Bruno, Schätzchen. Komm hier rüber.« Matildas Stimme klang ruhiger als erwartet, was ihn nur noch nervöser werden ließ.
Bruno setzte sich in ihre Richtung in Bewegung, dann jedoch hielt er unvermittelt inne. Die Frau lag splitterfasernackt auf einer großen, pelzigen Couch, die an einen riesigen, zottigen Hund erinnerte. Mit den Fingern einer Hand spielte sie an ihrer Brustwarze herum, verdrehte sie und zog so heftig daran, dass Bruno fürchtete, sie würde sie abreißen. Die andere Hand fuhr durch die Haare des Hinterkopfes des Mannes, der das Gesicht kreisend, vor- und zurückstoßend zwischen ihren Beinen vergraben hatte. Seine Rückenmuskeln zuckten, seine großen Hände mit den dicken Knöcheln wanderten über Matildas blassen, milchigen Körper, kneteten ihre Oberschenkel, liebkosten die Rippen knapp unterhalb der Brüste. Matilda war die wahrscheinlich atemberaubendste Frau, die Bruno je gesehen hatte, und die Szene vor ihm hätte ihn zweifellos erregt, wenn er nicht so verflucht große Angst gehabt hätte.
»Sei nicht schüchtern, Bruno, Schätzchen. Du hast mir gefehlt. Komm her.« Sie klopfte neben sich auf die Couch. »Setz dich zu mir. Rede mit mir.« Matildas Stimme klang sanft und süß, beinah kindlich, dennoch entging Bruno nie die Gefahr, die unterschwellig darin mitschwang. Sie verkörperte die Königin und er wusste, dass jedem, der sich ihr widersetzte, das Urteil »Runter mit seinem Kopf!« blühte.
Als Bruno den Raum durchquerte und im Vorbeigehen Augustines Grinsen bemerkte, löste er seinen Rucksack von den Schultern. Als er Platz nahm, wollte er den Reißverschluss des Rucksacks öffnen, aber Matilda streckte den Arm aus und packte ihn mit kräftigem Griff am Genick.
»Sehe ich wie deine Mama aus, Bruno?«
»Was?«
»Wirf einen Blick auf mich. Auf alles von mir. Sehe ich wie deine Mama aus?«
»Äh ...«
Matilda zog seinen Kopf auf sich zu und presste sein Gesicht gegen ihre Brüste. Ein aufgerichteter Nippel pikte ihm gegen die Lippen, zwängte sich dazwischen wie ein fleischiges Brecheisen. Das Fett ihres Busens umhüllte sein Gesicht und verhinderte, dass er atmen konnte. Sofort breitete sich der Geschmack von Schweiß und Kokosnussöl in seinem Mund aus.
»Mach schon, Bruno, Schätzchen. Saug an Mamas Tittchen. Saug dran!«
Und er tat es. Zärtlich nuckelte er daran, die Hände starr an den Seiten. Trotz der Angst, die durch seine Gedanken wirbelte, konnte er nicht verhindern, dass sein Schwanz reagierte und sich gegen die Polsterung der Couch presste.
»Härter. Saug härter, bevor du noch verhungerst.«
Bruno sog den Nippel und einen großen Teil der wabbeligen Brustmasse in den Mund. Er sog so kräftig daran, dass er beides regelrecht verschluckte.
Matilda stieß ihn weg, dann packte sie mit beiden Händen den Kopf des Mannes zwischen ihren Schenkeln und zog an seinen Haaren, als wolle sie die Wurzeln aus der Kopfhaut reißen. Ihre Hüften zuckten und kreisten, und sie wölbte knurrend den Rücken durch. Mit geschlossenen Augen fuhr sie sich mit der Zunge über die Lippen und schnappte keuchend nach Luft. Schweiß bedeckte jeden Quadratzentimeter ihrer Haut.
Schließlich öffnete sie langsam die Lider und schob den Mann mit dem hohen Absatz einer ihrer Stöckelschuhe von sich.
»Ich bin nicht deine Mama, Bruno, Schätzchen. Ich bin nicht dazu da, um dich zu stillen. Ich liebe dich nicht, verstehst du?«
»Matilda, ich ...«
»Antworte mir!«
»Ich verstehe.«
»Gut. Und jetzt sag mir, was passiert ist, bevor ich dich meinen Schwanz statt meiner feinen, hübschen Titte lutschen lasse. Und Bruno, Schätzchen, mein Schwanz kommt laut und heiß.«
»Es tut mir leid. Es war ... ich hab Mist gebaut. Wir haben die Woche der Abschlussprüfungen und ich dachte, mehr Studenten würden etwas kaufen. Haben sie früher immer gemacht, das weißt du. Aber diesmal ... Ich weiß auch nicht, was passiert ist. Jeder scheint pleite zu sein. Es tut mir leid, Matilda, ich schwöre, ich dachte, ich könnte ...«
»Schhh.« Matilda zog sich ein Tweety-T-Shirt über den Kopf. Ihre harten Nippel zeichneten sich zu beiden Seiten des Schnabels des Zeichentrickvogels ab. Die untere Körperhälfte ließ sie nackt. Sie schlug die Beine übereinander und lächelte Bruno an, als sie sich auf die Armlehne der Couch stützte. »Jetzt schau nicht so verzwickt drein. Wir reden doch nur.«
Bruno nickte und versuchte zu lächeln, war jedoch nicht sicher, ob es ihm auch gelang.
»Hast du in dem Rucksack etwas für mich? Ich vermute mal, es sind keine Hausaufgaben drin, oder?«
»Ach ja. Richtig.« Bruno öffnete den Reißverschluss des Rucksacks und holte das in eine schwarze Mülltüte eingewickelte Bargeld heraus. »Ich weiß, es ist nicht das, wovon wir gesprochen haben, aber das ist alles, was ich eingenommen habe.«
Ohne die Mülltüte zu öffnen, warf Matilda sie zu Augustine, der sie aufriss und durch die Scheine blätterte. Als er aufschaute, hatte er die Augen zu Schlitzen verengt, und ein breites Grinsen ließ sämtliche Zähne erkennen. Er schüttelte den Kopf und gab ein enttäuschtes Ts-ts-ts von sich.
Bruno war überzeugt davon gewesen, während der Abschlussprüfungen das Doppelte seiner üblichen Menge verkaufen zu können. Zuvor hatte er nie genug gehabt und Dirk hatte ihn dazu überredet. Er hatte gemeint, Bruno könne seine Einnahmen allein im Verbindungshaus verdoppeln. Da Bruno im letzten Semester war, hätte er einen ordentlichen Batzen Kohle gut gebrauchen können, um sich über Wasser zu halten, bis er einen Job finden würde. Einen richtigen Job. »Ich weiß, dass ich Scheiße gebaut habe. Ich hätte es nicht riskieren sollen und jetzt hat es mich reingeritten. Aber ich mach’s wieder gut. Sobald die Abschlussprüfungen vorbei sind, läuft es wahrscheinlich wieder besser. Dann werden die Studenten so richtig in Partystimmung sein.«
Matilda schnippte mit den Fingern und der Mann, der das Gesicht in ihrer Muschi vergraben gehabt hatte, schlenderte mit femininem Hüftschwung aus dem Raum, den Mund noch glänzend von ihren Säften. Als er zurückkehrte, hatte er einen neuen Rucksack dabei, den er Bruno zuwarf. Der fing ihn auf und runzelte die Stirn.
»Sodala, Bruno, Schätzchen. Wir sehen uns in einer Woche. Richtig?«
»Warte ... Was ist das?« Er öffnete den Rucksack. Seine Augen weiteten sich beim Anblick der Menge an Drogen darin. »Ich habe noch mehr als die Hälfte von dem übrig, was ich letztes Mal bekommen habe. Ich kann nicht das und diese Menge hier in einer Woche verkaufen. Matilda ...«
Starke Arme packten ihn von hinten und er ließ den Rucksack fallen. Das Gras und die Flaschen mit Tabletten ergossen sich auf den Boden. Durch die ölige Haut, die seinen Hinterkopf befeuchtete, merkte er, dass es Augustine war, der ihn festhielt. Matilda erhob sich von der Couch und hatte plötzlich eine Pistole in der Hand. Bruno hatte nicht gesehen, woher sie die Waffe gegriffen hatte, doch als sie ihm den Lauf in den Mund schob, interessierte es ihn nicht sonderlich. Er versuchte, die Zähne geschlossen zu halten, aber sie drückte so kräftig dagegen, dass er fürchtete, sie würden brechen, also öffnete er sie lieber, und die Pistole glitt so tief in seinen Rachen, dass er würgen musste. Zähflüssiger Speichel troff aus seinem Mund und baumelte von seinen Lippen und von Matildas Fingern, die den Griff der Waffe umschlungen hielten.
»Ich bin doch fair gewesen, oder? Bin ein Risiko mit dir eingegangen. Ich zahle dir mehr, als du je damit verdienen könntest, Lebensmittel in Tüten zu packen oder Frikadellen zu braten. Mir hat dein Ehrgeiz gefallen, Bruno. Ich habe von dir erwartet, dass du mich beeindruckst, aber stattdessen enttäuschst du mich. Ich dachte, du wärst besser als das.«
Bruno versuchte, um den Lauf der Pistole herum zu argumentieren, aber Augustine verstärkte den Griff um ihn und brachte ihn zum Schweigen. Matilda schob den Lauf der Waffe in seinem Mund vor und zurück, biss sich dabei auf die Unterlippe.
»Du wolltest ein wenig zusätzliches Bares verdienen. Daraus kann ich dir keinen Vorwurf machen. Aber lass mich dir erklären, wie diese Scheiße abläuft. Du bekommst einen Vorrat pro Woche. Du verkaufst jedes verfluchte Quäntchen der verfluchten Lieferung, ob die Kids nun kaufen wollen oder nicht. Du findest einfach eine verfickte Möglichkeit. Du sagst, sie sind pleite? Es ist deine Aufgabe, sie davon zu überzeugen, dass Drogen wichtiger als Essen sind. Wenn du glaubst, mehr verkaufen zu können, dann gebe ich es dir. So verdienen wir beide mehr Geld und sind beide glücklich, nicht wahr? Kommst du mir wie heute mit zu wenig an, stauen sich unsere Aufträge auf. Und das macht meine Lieferanten sehr unglücklich. Und wenn sie unglücklich sind ... Na ja, ich denke, du verstehst schon.«
Sie zog den Lauf der Pistole aus seinem Mund und lächelte. Dann trat sie näher zu ihm, damit sie ihn umarmen konnte. Ihre immer noch aufgerichteten Brustwarzen pikten Bruno in den Hals. Eine ihrer Hände wanderte nach unten zu seinem Schritt und massierte ihn.
»Es tut mir leid«, murmelte Bruno und bemühte sich, nicht zu weinen. »Ich bringe das in Ordnung. Ich schwöre, ich bringe das in Ordnung.«
»Ich weiß. Denn ich gebe eine Erklärung immer nur einmal ab. Wir sehen uns in einer Woche, richtig, Bruno, Schätzchen?«
Er nickte. Als ihn Augustine losließ und ihm leicht auf den Hintern klatschte, wollte er schon nach seinem Anteil an dem Geld fragen, entschied jedoch, dass er ausgerechnet dieses Thema im Augenblick wohl als Letztes ansprechen sollte.
»Braver Junge.« Matildas Blick wanderte zu Brunos Schritt, wo sich eine Erektion wie ein strammstehender Soldat abzeichnete. »Sieh mal einer an. Nicht übel. Was hältst du davon, ein Weilchen zu bleiben? Ich weiß, dass du das willst. Der Körper ist immer ehrlich.«
»Ich wünschte, ich könnte. Aber ich habe in einer Stunde meine Abschlussprüfung in Infinitesimalrechnung. Vorher wollte ich alles noch mal schnell durchgehen.« Das entsprach der Wahrheit und als er auf die Uhr blickte, stellte er fest, dass ihm inzwischen nur noch 45 Minuten dafür blieben.
»Jammerschade. Wir sehen uns bald wieder, Bruno, Schätzchen. Ich werde an dich denken.«
Einer der Lustknaben streckte ihr ein verchromtes Tablett mit langen Kokainlinien hin. Matilda setzte einen Strohhalm an einem Nasenloch an und schnupfte kräftig.
Bruno wich rücklings aus dem Raum zurück, bis er die Eingangstür erreichte, dann huschte er hinaus, wo ihn die Sonne erwartete.
Alle anderen Abschlussprüfungen hatte er bereits hinter sich und er hatte bei jeder einzelnen davon ein tolles Gefühl. Infinitesimalrechnung hingegen war eine andere Geschichte. Ganz gleich, wie viele Stunden er hingebungsvoll lernte und über den Büchern brütete, die Informationen wollten sich einfach nicht festsetzen. Und da sich nun zudem seine Gedanken förmlich überschlugen und in seinen Eingeweiden Panik anschwoll wie ein zu stark aufgeblasener Ballon, wusste er, dass es nichts mehr bringen würde, sich den Kram rasch noch einmal anzusehen.
Was soll’s? Ich kann es schaffen. Ich hab’s im Griff.
Ich bin ja so was von im Arsch ...
Natasha kauerte vor dem Fernseher. Sie schaltete ihn und den DVD-Player aus, damit sie den reflektierenden Glasbildschirm als Spiegel benutzen konnte. Für gewöhnlich mochte sie es nicht, sich selbst zu sehen, deshalb ließ sie die Sendung den ganzen Tag lang laufen.
