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Die Familie ist ein Hort der Liebe, Geborgenheit und Zärtlichkeit. Wir alle sehnen uns nach diesem Flucht- und Orientierungspunkt, der unsere persönliche Welt zusammenhält und schön macht. Das wichtigste Bindeglied der Familie ist Mami. In diesen herzenswarmen Romanen wird davon mit meisterhafter Einfühlung erzählt. Die Romanreihe Mami setzt einen unerschütterlichen Wert der Liebe, begeistert die Menschen und lässt sie in unruhigen Zeiten Mut und Hoffnung schöpfen. Kinderglück und Elternfreuden sind durch nichts auf der Welt zu ersetzen. Genau davon kündet Mami. Flüchtig schaute Irene von Rosen über den Rand des Monitors, an dem sie eben die Umsatzzahlen ihres Vertriebsgebiets mit denen des Vorjahres verglich. Ihre Sekretärin hatte ihr den Redakteur der örtlichen Zeitung avisiert, und sie hatte einen grauhaarigen Brillenträger erwartet. Doch genau das Gegenteil betrat ihr Büro. Ein sympathischer junger Mann mit einer unglaublich positiven Ausstrahlung lächelte sie gewinnend an. Dabei wurde eine Reihe Zähne sichtbar, um die ihn sicher jedes Model beneidete. Dichte dunkelblonde Haare, nicht zu kurz und nicht zu lang, waren einfach zur Seite gekämmt und verrieten, dass ihr Träger kein bisschen eitel war. Die blitzenden Männeraugen waren graugrün und harmonierten ausgezeichnet mit dem Wuschelkopf. »Ich komme vom ›Kurier‹. Wir informieren auf der Regionalseite über ortsansässige Firmen und ihre Produkte«, sagte eine äußerst klangvolle Stimme. »Für unsere Leser ist das recht interessant, weshalb ich Sie bitte, mir einige Informationen …« Frieder Fuchs vollendete den Satz nicht, denn die dominante, attraktive Marketing-Direktorin der Firma Böhmer brachte ihn ein wenig aus dem Konzept. Sie saß so unnahbar und so ungeheuer selbstsicher hinter ihrem modernen Schreibtisch, dass er sich reichlich unbedeutend vorkam. Tadellos gestylt war sie außerdem. Vom Lippenstift bis zu den Schuhen passte alles zusammen. Irene vergaß die Umsatzzahlen, die normalerweise sehr wichtig für sie waren, denn der Job war ihr Leben, private Interessen hatte sie nicht. Doch dieser junge Mann sprach etwas in ihr an, das sie bisher erfolgreich übergangen hatte. Außer einigen Flirts in ihrer Studentenzeit gab es für sie keine Beziehung. Energie und oft auch die Nachtruhe, um sich gegenüber den männlichen Kollegen zu behaupten. »Die Firma Böhmer hat ganz neue, verbesserte Geräte entwickelt, die ich Ihnen gerne in unserer Ausstellungshalle zeige.
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Seitenzahl: 125
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Flüchtig schaute Irene von Rosen über den Rand des Monitors, an dem sie eben die Umsatzzahlen ihres Vertriebsgebiets mit denen des Vorjahres verglich. Ihre Sekretärin hatte ihr den Redakteur der örtlichen Zeitung avisiert, und sie hatte einen grauhaarigen Brillenträger erwartet. Doch genau das Gegenteil betrat ihr Büro. Ein sympathischer junger Mann mit einer unglaublich positiven Ausstrahlung lächelte sie gewinnend an. Dabei wurde eine Reihe Zähne sichtbar, um die ihn sicher jedes Model beneidete. Dichte dunkelblonde Haare, nicht zu kurz und nicht zu lang, waren einfach zur Seite gekämmt und verrieten, dass ihr Träger kein bisschen eitel war. Die blitzenden Männeraugen waren graugrün und harmonierten ausgezeichnet mit dem Wuschelkopf.
»Ich komme vom ›Kurier‹. Wir informieren auf der Regionalseite über ortsansässige Firmen und ihre Produkte«, sagte eine äußerst klangvolle Stimme. »Für unsere Leser ist das recht interessant, weshalb ich Sie bitte, mir einige Informationen …« Frieder Fuchs vollendete den Satz nicht, denn die dominante, attraktive Marketing-Direktorin der Firma Böhmer brachte ihn ein wenig aus dem Konzept. Sie saß so unnahbar und so ungeheuer selbstsicher hinter ihrem modernen Schreibtisch, dass er sich reichlich unbedeutend vorkam. Tadellos gestylt war sie außerdem. Vom Lippenstift bis zu den Schuhen passte alles zusammen.
Irene vergaß die Umsatzzahlen, die normalerweise sehr wichtig für sie waren, denn der Job war ihr Leben, private Interessen hatte sie nicht. Doch dieser junge Mann sprach etwas in ihr an, das sie bisher erfolgreich übergangen hatte.
Außer einigen Flirts in ihrer Studentenzeit gab es für sie keine Beziehung. Sie hatte auch gar keine Zeit dafür, denn es kostete viel
Energie und oft auch die Nachtruhe, um sich gegenüber den männlichen Kollegen zu behaupten.
»Die Firma Böhmer hat ganz neue, verbesserte Geräte entwickelt, die ich Ihnen gerne in unserer Ausstellungshalle zeige. Sie haben doch sicher etwas Zeit.«
»Selbstverständlich«, versicherte Frieder rasch, obwohl er genau wusste, dass ihm der Zeitungsverlag nur ein geringes Honorar bezahlen würde, ganz gleich, wie lange er für seinen Artikel brauchte, denn er war als freier Mitarbeiter beschäftigt.
Obwohl es Irene normalerweise als Zeitverschwendung ansah, sich mit Journalisten zu unterhalten, schaltete sie rasch den Computer ab und erhob sich.
Sehr schlank war sie und hatte eine sehr gute Figur, die in einem engen Rock und einer modischen Bluse besonders gut zur Geltung kam. Frieders Blick verweilte etwas länger, als es erforderlich gewesen wäre, auf den aparten Rundungen, die sich unter dem dünnen Stoff abzeichneten.
Natürlich tat Irene, als würde sie es nicht bemerken, registrierte es aber mit Genugtuung. Bisher war ihr das gute Aussehen bei ihrer Karriere nützlich gewesen, doch jetzt erfüllte es plötzlich einen ganz anderen Zweck. Es war ein wichtiger Faktor im uralten Spiel zwischen Mann und Frau. Sie wollte gefallen, zum ersten Mal nicht, um im Job noch eine Stufe höher zu klettern, sondern um etwas zu erreichen, was mit beruflichem Erfolg gar nichts zu tun hatte.
Die Ausstellungshalle war ein modernes einstöckiges Gebäude mit viel Glas, auch im Dachbereich. Tropische Pflanzen gediehen hier, und dazwischen waren die Produkte in vorteilhaftes Licht gerückt.
»Wir gehören zu den Marktführern der Medizintechnik, das ist Ihnen bestimmt bekannt. Unsere neueste Entwicklung sind Computer für Dentalkliniken und Labors, aber auch für größere Zahnarztpraxen.«
Während Irene technische Details erklärte, machte sich Frieder Fuchs entsprechende Notizen.
Sie hatte Gelegenheit, ihn dabei unauffällig zu mustern. Auf seiner Oberlippe und ums Kinn waren gleichmäßig kurze Bartstoppeln, die nicht ungepflegt wirkten, sondern die Männlichkeit des Besuchers unterstrichen. Irene gefiel es. Schöne Hände mit schlanken Fingern hatte er, was sie als weiteren Pluspunkt wertete.
Auf knapp über dreißig schätzte sie ihn und lag damit völlig richtig. Dass sie fünf Jahre älter war, störte ihre Überlegungen nicht.
»Wir verkaufen diese Geräte weltweit, hauptsächlich aber in den USA, weshalb ich in New York ein eigenes Büro und eine Wohnung habe«, ergänzte Irene stolz. »Ich halte mich überwiegend dort auf, bin aber mit den Mitarbeitern hier ständig in Kontakt. Die Elektronik macht’s möglich.« Irene lächelte und wirkte dabei gar nicht mehr so streng und autoritär.
»Einen interessanten Job haben Sie«, meinte Frieder voll ehrlicher Bewunderung. Irene von Rosen stieg in seiner Achtung noch ein Stückchen höher. Dass sie etwas Persönliches preisgegeben hatte, gehörte nicht zu den Informationen über die Produkte ihrer Firma, das war ihm sofort klar.
Der nächste Satz überraschte ihn noch mehr und machte ihn gleichzeitig nachdenklich. »Einen interessanten Job, aber keine Freunde«, bekannte Irene mit einer Offenheit, die sie gewöhnlich nicht einmal ihren Gedanken zugestand.
»Ich werde oft eingeladen, doch nur in der Erwartung, durch solche Gesten günstigere Preise erzielen zu können.« Es war keine Bitterkeit in Irenes Stimme, eher der Wunsch nach einer fairen Partnerschaft.
Frieder spürte das sofort. Es verwirrte ihn etwas, denn eine Frau wie seine Gesprächspartnerin verhielt sich normalerweise eher reserviert. Warum erwähnte sie ausgerechnet gegenüber einem kleinen Zeitungsangestellten, wie er es war, dass sie sich einsam fühlte?
Er gab keine Antwort auf diese vertrauensvolle Information, denn er fühlte sich in Gegenwart dieser erfolgreichen, gut verdienenden Managerin völlig unbedeutend. Eine Frau wie sie hatte einen Lebensstil und Ansprüche, von denen er nicht einmal träumen konnte.
»Es ist längst Mittagszeit«, meinte die elegant gekleidete Powerfrau am Ende des Rundgangs. »Nachdem Sie sich all die Informationen geduldig angehört haben, möchte ich Sie zum Essen einladen. Einverstanden?« Wieder zeigte Irene ein gewinnendes Lächeln.
»In der Redaktion wartet man auf den Bericht«, murmelte Frieder, dem der Kopf brummte von all den technischen Erläuterungen, mehr aber noch von den Andeutungen, die zwischen den Worten herauszufiltern waren. Er wusste nicht, was er davon halten sollte. Machte es Irene von Rosen auf eine ganz raffinierte Art und Weise Spaß, Hoffnungen in ihm zu wecken, die sie ebenso herzlos wieder zerstören würde, oder waren die ausgesandten Signale der Hilferuf einer Frau, die stets Überlegenheit zeigen und ihre Kompetenz beweisen musste, im Grunde aber einsam war?
*
Eine halbe Stunde später saßen sie sich in einem guten, aber nicht zu vornehmen Lokal gegenüber. Irene hatte es mit Bedacht ausgewählt, denn sie wollte nicht, dass der Redakteur, der nur Jeans und einen Pulli von der Stange trug, sich fehl am Platz fühlte.
Mit der Idee, ihn zum Essen einzuladen, verfolgte sie zielstrebig, wie es ihre Art war, einen ganz bestimmten Plan. Dieser junge Mann gefiel ihr. Sie wollte ihn erobern, ähnlich wie den begehrten Job, der ihr viel Freiheit ließ.
»Erzählen Sie mir ein wenig von Ihrer Arbeit für die Zeitung«, ermunterte ihn Irene, als sie ein komplettes Menü mit Vor- und Nachspeise bestellt hatten.
Frieder konnte sich nicht erinnern, jemals so üppig in einem Lokal gegessen zu haben. Sein Verdienst reichte gerade mal für eine Pizza, und das nur zu besonderen Gelegenheiten.
»Viel gibt es da nicht zu berichten. Als freier Mitarbeiter darf ich über die Firmen im näheren Umkreis oder auch über Vereinsfeste, Fußballspiele und Goldene Hochzeiten schreiben. All das, was die Kollegen nicht übernehmen wollen.« Frieder zuckte gleichgültig die breiten Schultern. »Was ich dabei verdiene, reicht fürs Überleben, mehr aber nicht.« Er grinste unbekümmert.
Die Auskunft enttäuschte Irene so sehr, dass ihr der Appetit auf Palmherzensalat mit zart geräucherten, hauchdünnen Scheibchen Fisch verging. Sie legte das Besteck weg. War dieser ausgesprochen sympathische junge Mann mit dem ansteckenden Lachen ein Faulenzer? Solche Typen verachtete sie.
»Wieso haben Sie keine feste Anstellung?«, erkundigte sie sich so streng wie die Vorsitzende einer Prüfungskommission.
Auf Frieder machte das keinerlei Eindruck. Er kannte seinen Platz und wollte nicht mehr sein. »Das ist schnell erzählt. Ich habe nach dem Studium in der Politik-Redaktion einer großen Frankfurter Zeitung gearbeitet und hatte gute Chancen, in einigen Jahren zum Chefredakteur aufzusteigen, denn mein Vorgesetzter war bereits im Rentenalter. Doch dann hatte meine Mutter einen folgeschweren Schlaganfall. Da mein Vater früh gestorben war, lebte sie allein. Es war meine Pflicht, für sie zu sorgen. Also kündigte ich meinen Job und zog ins Elternhaus. Ich pflegte meine Mutter und begann, nebenbei einen Krimi zu schreiben. Leider fand ich keinen Verleger dafür.«
»Es scheint Sie nicht zu belas-ten«, erwiderte Irene, durch Frieders Erklärungen etwas besänftigt. Er schien ein gutes Herz zu haben, dieser junge Mann, der nicht nur zufrieden und ausgeglichen wirkte, sondern es auch war. Obwohl sie der Überzeugung war, dass man durch Nächstenliebe im Leben keine hochgesteckten Ziele erreichte, hatte sie doch Respekt vor seiner Einstellung. »Und wie geht es Ihrer Mutter jetzt?« Die Frage diente nur der Fortsetzung des Gesprächs, denn die Antwort interessierte Irene nicht wirklich.
Frieder wurde für einige Sekunden ernst. Sein hübsches Gesicht zeigte eine tiefe Traurigkeit. »Sie ist vor einigen Wochen gestorben.« Er atmete tief durch, denn er hatte diesen Schicksalsschlag noch nicht verkraftet.
»Dann werden Sie sich wieder um die Stelle bei der Frankfurter Zeitung bewerben.« Für Irene, die stets an den beruflichen Erfolg dachte, war dies eine ganz selbstverständliche Sache.
Frieder, der sich beim Genuss der köstlichen Vorspeise nicht stören ließ, schüttelte kurz den Kopf. »Nein. Die Hektik in den Pressebüros hat mich immer gestört. Man hat mich dazu ermuntert, ein neues Buch zu schreiben, und das werde ich tun. Vielleicht wird es diesmal ein Erfolg. Wenn nicht, ist das auch nicht schlimm, denn ich wohne mietfrei im Haus meiner Eltern und was ich sonst brauche, verdiene ich beim ›Kurier‹.« Er lachte schon wieder unbekümmert.
Dieses Lachen war es, das Irene, die stets alles realistisch sah, alle Bedenken vergessen ließ. »Ihre Lebenseinstellung, die ich allerdings nicht teilen kann, ist bewundernswert. Ich kann mir diese Gelassenheit einfach nicht leisten, denn es gibt zu viele Kollegen, die scharf auf meinen Job sind. Eine kleine Unaufmerksamkeit würde genügen, um mich zurückzustufen.«
»Für Sie lohnt es sich zweifellos, immer am Ball zu bleiben, sich keine Blöße zu geben.« Voll neidloser Bewunderung sah Frieder seine Gesprächspartnerin an. Dabei wurde ihm bewusst, dass dies ein recht vertrauliches Gespräch war, das sie führten. Die selbstbewusste Managerin war kein geschlechtsloses Wesen, sondern eine Frau mit Gefühlen. Diese Erkenntnis bewegte ihn, weshalb er dem leckeren Hauptgericht kaum Aufmerksamkeit schenkte.
Sein Gegenüber aß aus ähnlichen Gründen ohnehin nur ein paar Happen und ließ den Rest zurückgehen. Um so öfter nahm Irene das Glas zur Hand, was sonst nicht ihre Art war, denn einen kühlen Kopf zu behalten war für sie selbstverständlich. Heute gerieten einige ihrer Grundsätze außer Kraft. Dabei machte sie sich nicht einmal Gedanken darüber. Um so mehr überlegte sie, wie sie Frieder Fuchs für sich gewinnen konnte. So routiniert sie in geschäftlichen Dingen war, in punkto Liebe war sie ein unerfahrener Neuling.
Der erfolglose Autor verfügte in dieser Hinsicht über eine beachtliche Erfahrung. Er hatte bereits zahlreiche Freundinnen gehabt, die sich aber alle irgendwann daran störten, dass er ihnen außer Zärtlichkeit nichts bieten konnte. So hatten sie sich ausnahmslos in bestem Einvernehmen von ihm getrennt. Man sah sich gelegentlich bei Freunden und war auch bereit, die Beziehung wieder aufleben zu lassen, sobald sich an Frieders finanzieller Situation etwas änderte.
Ihn belastete das alles nicht, denn es gab immer wieder hübsche Mädchen, die gerne mit ihm flirteten. Bei Irene von Rosen war das allerdings etwas ganz anderes. Sie war eine anspruchsvolle Persönlichkeit, und Frieder war der Ansicht, dass sie eine besondere Behandlung erwartete, weshalb er weitgehend passiv blieb. Schließlich war sie keine Studentin, die ein bisschen Spaß haben wollte, sondern eine schöne Frau, die der Partner in jeder Hinsicht beeindrucken sollte. Er war daher nicht der Richtige, so sehr er das selbst bedauerte.
Allerdings hatte Frieder keine Ahnung davon, was Irene dachte. Ihr gefiel die Natürlichkeit des Journalisten, der keinerlei Versuch unternahm, ihr durch irgendwelche Prahlerei zu imponieren. Er machte keinen Hehl daraus, dass er als erfolgloser Schriftsteller von Gelegenheitsarbeiten leben musste, die nicht ganz seinem Niveau entsprachen. Diese Haltung schuf Vertrauen, was Irene wichtiger war als das eitle Getue geltungssüchtiger Kollegen, die sich von ihr nur Vorteile für ihr Weiterkommen erhofften. Irene, die daran gewöhnt war, sich rasch und sicher zu entscheiden, wusste schon jetzt genau was sie wollte.
*
»Wo steckst du denn so lange?«, fragte Hans Schneider, der für die Regionalseiten zuständige Redakteur, etwas verärgert, als Frieder in den Zeitungsverlag kam. »Die Heimatseiten sind fertig bis auf deinen Beitrag. Sollten eigentlich schon vor einer Stunde in Druck gehen. Wenn in der Druckerei Überstunden gemacht werden müssen, hast du das zu verantworten!«
Schneider war ein griesgrämiger, im Dienst ergrauter Kollege, der auf Frieder etwas eifersüchtig war, denn der Junge kam überall gut an und verstand es, aus jeder Situation das Beste zu machen, womit sich Hans Schneider reichlich schwer tat.
Längst hätte er die freie Mitarbeit einem anderen übertragen, doch die Artikel, die Frieder Fuchs ablieferte, waren gut. Er schrieb interessant und spannend, auch wenn es sich nur um die langweilige Eröffnung eines neuen Baugebiets handelte.
Dass Frieder besser schreiben konnte als mancher Kollege, bewies er auch jetzt wieder. »Irene von Rosen hat mich zum Essen eingeladen«, berichtete er, während er begann, am Computer aus den erhaltenen Informationen einen ansprechenden Text zu machen.
»Diese alberne Zicke?« Schneider, der mit 53 Jahren immer noch Junggeselle war, hatte mit der Marketing-Chefin keine guten Erfahrungen gemacht. Er kam bei Frauen überhaupt nicht gut an, im Gegensatz zu Frieder. »Sie tut, als gehöre ihr die Firma, dabei ist sie nur Ressortchefin«, machte Schneider seinem Ärger Luft, denn Irene von Rosen hatte ihn ganz schön abblitzen lassen.
»Immerhin ist sie am Umsatz beteiligt und führt völlig selbstständig die Geschäfte in den USA. Da gehört viel dazu. So schnell macht ihr das keiner nach. Für eine schöne Frau wie sie ist das eine bewundernswerte Leistung.« Frieder tippte erstaunlich routiniert den Artikel in den Computer. Die Anschlagszahl und der Platz für ein Foto waren vorgegeben, weshalb er aufpassen musste, dass er in dem knappen Rahmen alles erwähnte, was ihm Irene erklärt hatte.
»Dich hats kräftig erwischt«, stellte Schneider mit Genugtuung fest.
»Wie soll ich das verstehen?« Frieder sah nicht von seiner Arbeit auf. Natürlich wusste er genau, auf was Schneider anspielte. Doch über seine Gefühle war sich Frieder selbst noch nicht im Klaren. Er bewunderte Irene von Rosen. Aber mehr …?
»Seit wann stehst du auf dem Schlauch? Ist doch sonst nicht deine Art. Aber eines sage ich dir, du wirst eine Bauchlandung hinlegen, die sich gewaschen hat.« Schneider rieb sich schadenfroh die Hände.
Frieder las seinen Text nochmals durch, bevor er ihn auf elektronischem Weg in die Druckerei schickte. Deshalb antwortete er nicht gleich.
»Ich finde sie großartig«, bekannte er sich mutig zu seinen Empfindungen. »Sie hat für ihren Job eine Menge Opfer gebracht und tut es noch. Trotzdem ist sie gefühlvoll und typisch weiblich geblieben.«
»Dir hat sie die rosarote Brille aufgesetzt. Dadurch hast du ein völlig verzerrtes Bild. Eiskalt und berechnend ist sie, diese Dame. Doch das wirst du auch noch feststellen, da bin ich völlig sicher.« Die kleinen, etwas hervorquellenden Augen hinter den starken Brillengläsern funkelten rachedurstig. »Dir kann ich nur raten, zieh Leine, bevor es zu spät ist. Aber erfahrungsgemäß wirst du dir eher eine blutige Nase holen, als einen gut gemeinten Ratschlag zu befolgen.« Schneider schnaubte verächtlich.
Frieder wusste, dass die Vermutung des älteren Kollegen hundertprozentig zutraf, doch der äußerte sich nicht. Statt dessen lenkte er vom Thema ab. »Was steht morgen an?«
