Baku und der weiße Elefant - Anke Burfeind - E-Book

Baku und der weiße Elefant E-Book

Anke Burfeind

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Beschreibung

Eine mutige und hoffnungsvolle Geschichte ab 9 Jahren über ein Kinderschicksal, wie es immer noch zu häufig der Realität entspricht. Der zehnjährige Baku lebt mit seiner Familie in bitterer Armut in einem nordindischen Dorf. Hunger ist dem aufgeweckten Jungen nicht fremd; oft muss er mit knurrendem Magen einschlafen. Alles kommt aber schlimmer, als der Vater nicht nur das wenige Geld verspielt, sondern dazu Baku als Arbeiter an einen Kinderhändler verkauft. Hunderte Kilometer entfernt soll Baku nun in einer Textilfabrik schuften. Nur mithilfe außergewöhnlicher Freunde gelingt es Baku, die Hoffnung nicht zu verlieren. Die Hoffnung darauf, eines Tages wieder nach Hause zu kommen und Kind sein zu dürfen. Ein Märchen von heute über die bewegenden Schicksale von Kindersklaven – altersgerecht, aufrüttelnd und bewegend erzählt.

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Seitenzahl: 175

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Über dieses Buch

Der zehnjährige Baku lebt mit seiner Familie in bitterer Armut in einem nordindischen Dorf. Hunger ist dem aufgeweckten Jungen nicht fremd; oft muss er mit knurrendem Magen einschlafen. Alles kommt aber schlimmer, als der Vater nicht nur das wenige Geld verspielt, sondern dazu Baku als Arbeiter an einen Kinderhändler verkauft. Hunderte Kilometer entfernt soll Baku nun in einer Textilfabrik schuften. Nur mithilfe außergewöhnlicher Freunde gelingt es Baku, die Hoffnung nicht zu verlieren. Die Hoffnung darauf, eines Tages wieder nach Hause zu kommen und Kind sein zu dürfen.

Ein Märchen von heute über ein Kinderschicksal, wie es immer noch zu häufig Realität ist.

Für Magnus & Alma –

und alle Kinder dieser Welt

Kinder,

die arbeiten müssen,

damit ihre Familien überleben,

sind Kinderarbeiter.

Kinder,

die verkauft werden

und für Fremde arbeiten,

sind Kindersklaven.

Diese Kinder haben keine Kindheit.

Diese Kinder haben aber Rechte.

Wie jedes Kind.

Inhalt

Vorwort

Erstes Kapitel – Ghara

Zweites Kapitel – Die Mutter

Drittes Kapitel – Der Vater

Viertes Kapitel – Laki

Fünftes Kapitel – Der Mangobaum

Sechstes Kapitel – Der Fremde

Siebtes Kapitel – Der Deal

Achtes Kapitel – Die Entscheidung

Neuntes Kapitel – Es ist ja nur für kurze Zeit

Zehntes Kapitel – Abschied

Elftes Kapitel – Der Kinderhändler

Zwölftes Kapitel – Leyla

Dreizehntes Kapitel – Der Fabrikbesitzer

Vierzehntes Kapitel – Molle

Fünfzehntes Kapitel – Poppi

Sechzehntes Kapitel – Die Erkenntnis

Siebzehntes Kapitel – Dargo & der Fabrikbesitzer

Achtzehntes Kapitel – Vermietet

Neunzehntes Kapitel – Bakus Traum

Zwanzigstes Kapitel – Mr. 8

Einundzwanzigstes Kapitel – Baku & Leyla oder – Was ist Freundschaft?

Zweiundzwanzigstes Kapitel – Suri & Laki

Dreiundzwanzigstes Kapitel – Das Wiedersehen

Vierundzwanzigstes Kapitel – Der Plan

Fünfundzwanzigstes Kapitel – Auf dem Markt

Sechsundzwanzigstes Kapitel – Schlechte Neuigkeiten

Siebenundzwanzigstes Kapitel – Das Haus der Kranken und Aussätzigen

Achtundzwanzigstes Kapitel – Die Flucht

Neunundzwanzigstes Kapitel – Die Verfolgung

Dreißigstes Kapitel – Freunde für immer

Einunddreißigstes Kapitel – Die Heimkehr

Epilog

Nachwort

Danke, …

Vorwort

Kinder ohne Kindheit – Schutz und Hilfe für arbeitende Kinder in aller Welt

Hallo Leute!

Schaufeln und schleppen, bis die Hände wund sind. Giftige Dämpfe in stickigen Fabrikhallen oder auf riesigen Müllhalden einatmen. Im Staub und mit gebücktem Rücken den ganzen Tag schuften, bis sie sich kaum noch auf den Beinen halten können: Viele Mädchen und Jungen aus armen Familien leisten täglich Schwerstarbeit und haben weder die Zeit noch die Kraft, zur Schule zu gehen oder einfach nur unbeschwert zu spielen.

Ich habe das gecheckt: Kinderarbeit ist laut Definition Arbeit, für die Kinder zu jung sind oder die gefährlich oder ausbeuterisch ist, die körperliche oder seelische Entwicklung schädigen oder die Kinder vom Schulbesuch abhalten. Es ist ein Teufelskreislauf: Kinder, die nichts gelernt haben, bleiben arm.

Obwohl ausbeuterische Kinderarbeit verboten ist, gibt es Kinder wie Baku und seine kleine Schwester Suri auch heute noch. Nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) müssen 152 Millionen Mädchen und Jungen – fast jedes zehnte Kind – unter Bedingungen arbeiten, die sie ihrer Rechte und Chancen berauben. Die Corona-Krise hat die Situation noch verschlimmert.

Fast alle Staaten der Welt haben sich mit der Agenda 2030 auf das Ziel geeinigt, jegliche Form der Kinderarbeit vollständig abzuschaffen. Das Kinderhilfswerk UNICEF setzt sich dafür ein, dass jedes Kind vor Gewalt und Ausbeutung geschützt ist und in seinem Leben gerechte Chancen bekommt: mit kostenfreien, guten Schulen, wirksamen Gesetzen gegen Kinderarbeit und Unterstützung für benachteiligte Familien.

Nie werde ich die tollen Begegnungen mit den Kindern in den Slums von Mumbai, einer der größten Städte Indiens, vergessen: Hier leben die Ärmsten der Armen – sie alle haben Hoffnungen und Träume von einem besseren Leben, von einem Zuhause, wo sie genug zu essen haben, lernen und einfach nur Kind sein können. Wir alle können etwas dafür tun, dass diese Kinder ihren »weißen Elefanten« haben: etwas, das ihnen Hoffnung gibt, wo sie Schutz und Hilfe finden. Beim UNICEF-Projekt »Kinder weltweit mit Willi« könnt ihr beispielsweise ganz viel über Kinder in anderen Ländern erfahren und ihnen helfen.

Euer Checker Tobi

Tobias Krell

UNICEF-Pate

Wie leben Kinder in anderen Ländern?

Mit »Kinder Weltweit mit Willi« lernt ihr Mädchen und Jungen aus der ganzen Welt kennen und bekommt Post von Willi Weitzel, bekannt aus der Sendung »Willi wills wissen«. Während ihr in aufregende, neue Kulturen eintaucht, helft ihr gemeinsam mit euren Eltern gleichzeitig weltweit Kindern in Not.

Mehr Infos unter: unicef.de/kinderweltweit

Eine Geschichte über Liebe & Freundschaft, Gier & Macht – so fern und doch so nah.

Erstes KapitelGhara

»Baaaakuuuuu! Baaaakuuuuu!«

Leichtfüßig hüpfte Suri den kleinen Trampelpfad entlang. Sie wollte ihren großen Bruder noch vor Einbruch der Dunkelheit abholen. Baku war mit seinen Freunden aus dem Dorf schon den ganzen Nachmittag beim Fußballspielen.

Sie lief an den ärmlichen Hütten vorbei, die im warmen Licht der Abendsonne heimelig wirkten. »Ghara.« So nannten die Dorfbewohner liebevoll dieses kleine Fleckchen Erde. Auf Hindi klang das fast wie das Wort »Zuhause«. Und weil sich alle Dorfbewohner hier zu Hause fühlten, hatte auch noch keiner von ihnen jemals Ghara verlassen. Suri nicht – und ihre Mutter Sarala, ihr Vater Kasi und ihr großer Bruder Baku auch nicht.

Suri liebte ihren Bruder. Er war schon zehn! Und er hatte immer die besten Ideen, sodass ihr nie langweilig wurde. Es sei denn, er war mal wieder beim Fußballspielen …

Der Fußballplatz lag etwas außerhalb und war eigentlich nur ein platt getretenes Feld mit zwei Toren aus dünnen Baumstämmen, die die Dorfjungen in die Erde gerammt hatten. Den Ball hatten sie sich aus alten Stofffetzen selbst gebastelt.

Schon von Weitem rief Suri: »Baku! Baku! Du sollst nach Hause kommen!«

Baku sah seine kleine Schwester fröhlich auf ihn zuhüpfen. »Ja, ich komme gleich!«

Er verabschiedete sich von seinen Freunden und lief Suri entgegen. Noch etwas außer Atem legte er den Arm um Suris Schultern. Gemeinsam gingen sie zurück durch das Dorf nach Hause.

»Und? Weißt du schon, was es zum Abendessen gibt?«, fragte Baku. »Ich habe einen Riesenhunger.«

»Mmh …« Suri blickte zu ihrem Bruder auf. »Bis eben war noch nichts im Topf außer Wasser.«

»Oh, Mann – das klingt gar nicht gut!« Baku war entsetzt.

»Aber Mama hat schon mal das Feuer angemacht«, fügte Suri hastig hinzu.

Baku schaute sie fragend an: »Und wo will Mama jetzt noch was zu essen herkriegen?«

»Na ja, Mama hat gesagt, dass … vielleicht …« Sie brach den Satz ab.

»Dass was?« Baku blieb abrupt stehen, beugte sich zu Suri runter und hielt sie an beiden Schultern fest. »Dass Papa kommt und was zu essen mitbringt?« Seine Stimme klang lauter, als er eigentlich wollte. Sie nickte leicht.

Baku ließ seine Schwester los und kickte wütend eine Dose weg, die auf dem Weg lag. »Papa bringt schon lange nichts mehr mit!« Schweigend setzten sie ihren Weg fort.

»Baku?« Suri war ganz ernst geworden.

»Ja, was denn?« Baku hatte sich wieder etwas beruhigt. Er hatte so einen Bärenhunger, dass er an nichts anderes als Essen denken konnte.

»Papa geht doch arbeiten, oder?«, fragte Suri.

»Ja.«

»Und wohin geht er zum Arbeiten?«

»Auf Baustellen«, murmelte Baku.

»Und da verdient er auch Geld?«, bohrte Suri weiter.

»Ja.« Baku war nicht nach Reden zumute.

Aber Suri blieb hartnäckig. »Und warum kauft er uns davon kein Gemüse?«

Jetzt platzte es wütend aus Baku heraus: »Weil er spielt, Suri! Deshalb!« Vor lauter Wut versetzte Baku der nächsten Dose einen derartigen Tritt, dass sie in hohem Bogen im Straßengraben auf einem Müllhaufen landete.

»Aber ich spiel auch und brauche kein Geld!« Suris Stimme überschlug sich – so verärgert war sie.

Baku schaute sie von der Seite an und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Seine Schwester war zu süß, wenn sie sauer wurde. »Nein, das meine ich nicht«, versuchte er sie zu beschwichtigen.

Aber Suri war jetzt so aufgebracht, dass sie weiterschimpfte: »Und du spielst auch die ganze Zeit!«

Baku probierte es noch einmal mit ruhiger Stimme: »Manche Erwachsene spielen mit Geld und manchmal verlieren sie es dabei. Sie nennen das ›Wetten‹ – oder eben ›Spielen‹.« Er nahm Suri an die Hand. »Komm, lass uns jetzt zu Mama gehen!«

Trotzig murmelte Suri: »Wetten ist ein doofes Spiel!«

Zweites KapitelDie Mutter

Als Baku und Suri zu Hause ankamen, kniete ihre Mutter Sarala an der Feuerstelle in der Hütte und schürte die Glut. Aus einem kleinen Tuch entnahm sie vorsichtig etwas Reis und schüttete ihn in den Topf. Zwei Körner fielen daneben, die sie mit den Fingerspitzen aufhob und sorgsam zu den anderen warf.

»Hallo, Mama! Was gibt es zu essen?« Baku hatte die Hoffnung auf ein Abendessen noch nicht aufgegeben.

»Reis«, flüsterte sie und vermied es, Baku ins Gesicht zu sehen. Sie schämte sich, dass sie ihrem heranwachsenden Sohn kein richtiges Abendessen auftischen konnte, obwohl dieser sie so hungrig ansah.

Das Geld, das Vater Kasi nach Hause brachte, reichte seit einigen Jahren nicht mehr aus, um die Familie zu ernähren. Daher hielt sie nicht nur die Hütte sauber, kochte, flickte und wusch die Kleidung für die Familie, sondern machte auch noch die Wäsche für andere Familien. Aber leider bezahlten ihre Kunden nicht immer pünktlich. Und so gab es immer mal wieder Tage, an denen sie kein Geld hatte, um Essen zu kaufen.

Mit seinen warmen braunen Augen sah Baku sie ungläubig an. »Ist das wirklich alles, was wir noch haben?« Er lugte in den Topf und erblickte nichts als Wasser mit ein bisschen Reis. Das ganze Elend seiner Familie sah er in diesem Moment in dem Topf vereint.

Er schaute sich um: Ja, sie hatten nicht viel. Ihre kleine Hütte bestand aus einem einzigen Raum mit einer Feuerstelle in der Mitte und vier Matten zum Schlafen drum herum. An einer Wand stand eine kleine, kippelige Kommode, der ein Fuß fehlte. Seine Mutter hatte einfach einen Stein daruntergesetzt und jetzt kippelte sie nicht mehr ganz so schlimm. Auf einem Brett darüber standen zwei Töpfe, Schüsseln und ein paar Becher. Sie waren arm. Das wusste er. Aber so arm, dass sie nicht mal mehr was zu essen hatten?

»Ja, Baku, das ist alles.« Traurig blickte Sarala ihren Sohn an. Sie stand auf, drückte ihn kurz an sich, wischte eine Träne weg, füllte die Reissuppe in zwei Schalen und reichte diese ihren Kindern.

»Und du, Mama?«

»Ich habe schon gegessen«, schwindelte Sarala und eilte hinaus, damit Baku ihre Tränen nicht sah. Baku schaute Suri fragend an. Sie schüttelte den Kopf.

Manchmal verstanden sich die beiden auch ohne Worte.

Drittes KapitelDer Vater

Die Kinder lagen schon auf ihren dünnen Matten. Sarala deckte sie gerade liebevoll zu, als sich eine lallende Stimme dem Haus näherte. Sarala hielt inne. »Euer Vater kommt.« Ihre Stimme klang nicht begeistert. Schon wieder kam ihr Mann betrunken nach Hause! Sie gab den beiden noch einen Kuss und lief eilig vor die Tür.

Dort stand er: Kasi. Der Mann mit den schönsten braunen Augen und dem herzlichsten Lachen, das sie je gesehen hatte. Der Mann, der ihr bei Sonnenuntergang die wundervollsten Geschichten erzählt und ihr ein Gefühl von Geborgenheit gegeben hatte. Der Mann, in den sie sich unsterblich verliebt hatte.

Sie hatten geheiratet. Er hatte für sie beide eine Hütte gebaut und viele andere Häuser im Dorf auch. Sie hatten immer genügend zu essen und waren glücklich. Und als Baku und vier Jahre später Suri auf die Welt kamen, war das Glück perfekt.

Irgendwann aber kam der Tag, an dem im Dorf alle ein Dach über dem Kopf hatten und Kasi als Hüttenbauer nicht mehr gebraucht wurde. Das Geld wurde immer knapper. So knapp schließlich, dass Kasi seine Kinder nicht einmal zur Schule schicken konnte.

Wie hatte er sich gefreut, als er hörte, dass im ganzen Land Straßen gebaut werden sollten, sogar bis in die Nähe von Ghara. Er hatte so viel Hoffnung in das neue Straßenbauprojekt gesetzt: Neue Jobs sollte es geben. Gut bezahlte. Kasi hatte davon geträumt, von dem Geld ein kleines Stück Land zu kaufen und einen richtigen Gemüsegarten anzulegen, der sie ernähren konnte.

Aber dann passierte es. Ein Arbeitsunfall. Alle Träume waren in einem Moment zerplatzt: Ein Erdhügel war abgerutscht und mit ihm der kleine Transportwagen, auf dem Kasi saß. Der Transporter überschlug sich und riss ihn mit. Wochenlang hatte er ruhig liegen müssen. Seit diesem Tag humpelte er und sein Arm hing nur noch schlaff herunter. Er konnte ihn nicht mehr hochheben. Damit war er für die Straßenbaufirma nutzlos geworden und sie hatten ihn einfach vor die Tür gesetzt. Nun war er arbeitslos und versuchte täglich aufs Neue, mit Gelegenheitsjobs Geld zu verdienen. Tief enttäuscht betäubte er seinen Kummer mit Alkohol.

Und manchmal, wenn er wieder anfing zu glauben, dass er vielleicht doch noch ein kleines bisschen Glück haben würde in seinem Leben, nahm er sein Geld und spielte damit – in der Hoffnung, es auf einen Schlag vermehren zu können für sich und seine Familie.

Nun stand er da draußen vor seiner Hütte, wie ein Fremder. Mit einer Flasche billigen Alkohols in der Hand.

»So kann es nicht weitergehen! Was machst du?! Die Kinder haben Hunger!« Saralas Stimme überschlug sich, so wütend war sie. »Und ich auch …«, fügte sie leise hinzu.

Grinsend hob der Vater die Flasche und lallte: »Dann muuscht du was trinken!«

»Das ist NICHT lustig!« Sarala dämpfte ihre Stimme. Sie wollte nicht, dass ihre Kinder und die Nachbarn alles mitbekämen. »Du bist nicht mehr du selbst!«

»Das schtimmmt!«, lallte der Vater und hickste.

»Hast du wenigstens was zu essen für deine Kinder mitgebracht?«, hakte Sarala nach. »Oder Geld?«

»Eschtudmirleid, hicks.«

Sarala war verärgert. »Mit dem Nähen allein kann ich uns nicht alle ernähren«, schimpfte sie. »Hilf endlich mit!«

»Isch weiß«, stammelte Kasi. Man konnte ihm ansehen, dass es ihm leidtat.

Das ist nicht mehr der Mann, den ich mal geheiratet habe, dachte Sarala, und schon gar nicht der fürsorgliche und verantwortungsbewusste Vater, der er mal war.

»Tu endlich was, sonst verhungern wir noch!« Wütend und enttäuscht knallte sie die Tür zu. Sie sah und hörte auch nicht mehr, wie ihr Mann traurig zu Boden schaute, ein »tut mir so leid« murmelte und sich davonschlich wie ein geschlagenes Tier.

Sarala kehrte zu ihren Kindern zurück. »Was ist mit Papa?«, flüsterte Baku – Suri war schon eingeschlafen.

»Ich denke, er wird irgendwo seinen Rausch ausschlafen«, erwiderte seine Mutter seufzend und setzte sich zu ihm.

»Und dann?«, wollte Baku wissen.

»Dann hoffe ich, dass er aufhört zu trinken und wieder eine Arbeit findet!«, sagte sie leise. Sie blickte Baku liebevoll an. »Und, dass die vielen Geschichten von Laki, die er euch abends immer erzählt hat, irgendwann wahr werden.«

Baku runzelte die Stirn.

»Bei denen wurde am Ende immer alles wieder gut«, fügte Sarala leise hinzu. Dabei huschte ein zartes Lächeln über ihr Gesicht.

»Was?! Papa hat uns Geschichten erzählt?«, posaunte es plötzlich von Suris Nachtlager. Sie war doch noch nicht ganz eingeschlafen! Baku und Sarala drehten sich überrascht zu ihr um und mussten lachen, wie sie so aufrecht dasaß und grinste.

»Ja, klar! Oft!« Die vertraute Wärme in der Stimme ihrer Mutter war zurückgekehrt und hatte diese ernste Stimme vertrieben, die sie noch kurz zuvor an der Tür gehört hatten. »Vor dem Unfall war euer Papa richtig lustig und hat sich um uns drei gekümmert. Er hat viel gelacht und mit euch rumgealbert. Und er wollte, dass es euch eines Tages besser geht als uns.«

»Schade, dass ich mich daran gar nicht mehr erinnern kann!«, seufzte Suri.

Baku war still geworden. »Du meinst Laki, den kleinen weißen Elefanten, der immer die Kinder beschützt hat?«, fragte er schließlich.

»Ja, genau den meine ich.« Sarala streichelte Baku und Suri zärtlich über den Kopf und gab ihnen einen Gute-Nacht-Kuss. Leise trat sie aus der Hütte. Noch eine ganze Weile lang schaute sie in den Himmel und atmete dabei die frische Nachtluft tief ein.

Viertes KapitelLaki

Baku träumte in dieser Nacht von seinem Vater. Ihm war, als würde dieser ganz nah bei ihm sitzen und ihm von Laki erzählen, dem kleinen Elefanten, der so mutig war, Kinder vor Unheil bewahrte und sie beschützte. All die bunten Bilder aus den Erzählungen seines Vaters tauchten wieder vor ihm auf und es wurde ihm ganz warm ums Herz. Er lauschte der ruhigen und warmen Stimme seines Vaters und sank dabei immer tiefer in den Schlaf:

»Es war einmal ein kleiner Elefant. Der hieß Laki. Er lebte mit seinen Eltern und seiner Herde zusammen in einem riesigen Wald. Doch Laki war anders als die anderen Elefanten – seine Haut war weiß. Das machte den anderen Elefantenkindern Angst und deswegen wollten sie nicht mit ihm spielen.

Aber Laki war ein sehr aufmerksamer und neugieriger kleiner Elefant und anstatt traurig zu sein, machte er sich jeden Morgen auf, um den Dschungel zu erkunden. Er liebte es, an der Wasserstelle seinen Rüssel vollzusaugen und im Spiel andere Dschungelbewohner nass zu spritzen.

Eines Tages kam Laki in ein Waldstück, das ihm fremd war. Überall ragten tote Baumstümpfe aus dem Boden. ›Wer hat dem Wald so etwas Schreckliches angetan?‹, fragte er sich. Laki verspürte plötzlich ein ganz mulmiges Gefühl im Magen und wollte gerade umkehren – als ein Seil über seinen Kopf sauste und sich rasch so zusammenzog, dass es wehtat. Er schrie auf. Menschen umzingelten ihn.

Laki bekam furchtbare Angst und wollte weglaufen. Doch das Seil legte sich nur noch enger um seinen Hals.

Laki saß in der Falle.

Die Menschen brachten ihn in ihr Dorf. Als die Kinder des Dorfes ihn sahen, zeigten sie mit den Fingern auf ihn und lachten ihn aus, weil er so anders aussah. Nur ein kleines Mädchen kam zu ihm, lächelte ihn an, streichelte ihn vorsichtig und gab ihm was zu trinken.

Laki wurde eingesperrt. Die Nacht brach an und Laki fühlte sich unendlich einsam. Er hatte noch nie eine Nacht ohne seine Eltern verbracht und vermisste seine Familie ganz schrecklich. Aber es war ein sehr langer Tag gewesen und irgendwann fiel Laki erschöpft in den Schlaf.

Am folgenden Tag wurde er noch vor Sonnenaufgang geweckt und musste zusammen mit anderen Elefanten im Wald Baumstämme mit dem Rüssel tragen. Zu Lakis Entsetzen sah er viele andere Elefantenkinder, die sein Schicksal teilten.

Wenn Laki abends völlig entkräftet ins Dorf zurückkam, gab das Mädchen ihm zu trinken und pflegte seine Wunden, die die schwere Arbeit bei ihm hinterließ. Und so gingen viele, viele Tage, Monate und sogar Jahre ins Land. Jeden Abend vor dem Einschlafen dachte Laki an seine Eltern. Er sah sie vor sich und war ihnen in seinen Träumen ganz nah.

Eines Abends jedoch, als Laki und die anderen Elefantenkinder von einem schweren Arbeitstag zurück ins Dorf kamen, bemerkten sie schon von Weitem, dass einige Hütten in Flammen standen. Die Männer rannten los und ließen die Elefanten zurück. Laki wollte die Gelegenheit nutzen und fliehen, als er plötzlich einen Hilfeschrei vernahm: Es war die Stimme des kleinen Mädchens, das sich all die Jahre so liebevoll um ihn gekümmert hatte! Das kleine Mädchen war in ihrer Hütte gefangen, weil die Flammen schon so hochschlugen.

Laki wusste sofort, was er zu tun hatte: In Windeseile lief er zum Wasserspeicher des Dorfes und saugte so viel Wasser in seinen Rüssel, wie er konnte, rannte zurück und pustete die Wasserladung mit all seiner Kraft auf das Dach der kleinen Strohhütte. Für einen kurzen Augenblick erstarben die Flammen. Laki überwand seine Angst vor dem Feuer, stieß mit dem Rüssel durch das Strohdach, schlang ihn um das Mädchen und hob es heraus. Vorsichtig legte er sie auf den Boden und streichelte ihr mit seinem Rüssel über das Gesicht.

Die Dorfbewohner waren alle zusammengekommen und hatten die Rettung des Mädchens miterlebt. Als sie sich nun bei Laki bedanken wollten, war dieser schon wieder weg. Mit lautem Trompeten rief Laki die anderen Elefantenkinder zusammen und rannte mit ihnen zur Wasserstelle. Die Elefanten löschten Hütte für Hütte, bis das ganze Dorf gerettet war!

Da schämten sich die Menschen für ihr Verhalten, bedankten sich bei Laki für seinen Mut und ließen die Elefantenkinder frei. Laki brachte alle Elefantenkinder wieder zurück zu ihren Eltern, wo sie glücklich und in Frieden leben konnten.

Diese Geschichte aber sprach sich wie ein Lauffeuer im Wald herum und als Laki schließlich zu seiner Herde zurückkehrte, wurde er nicht nur von seinen Eltern, sondern von der ganzen Herde und allen anderen Elefantenkindern liebevoll aufgenommen und bewundert.

Die Menschen aus dem Dorf respektierten die Elefanten von dem Tag an und ließen sie nie wieder für sich arbeiten. Den weißen Elefanten Laki aber verehren sie seitdem als Retter und Beschützer der Kinder und als ein Zeichen von Glück.«

Baku schlief in dieser Nacht tief und fest und träumte und träumte – mit einem Lächeln im Gesicht.

Fünftes KapitelDer Mangobaum

Über Ghara ging langsam die Sonne auf. Es war noch kühl draußen. Ein einzelner Hahn krähte irgendwo in der Nachbarschaft und kündigte den Morgen an. Suri schlug die Augen auf. Der Atem der Mutter neben ihr ging ganz ruhig und verriet, dass sie noch tief und fest schlief. Aber Suris Magen knurrte so laut, dass Baku davon aufwachte.

»Baku … Baku, bist du wach?«, flüsterte Suri zu ihrem Bruder hinüber.

»Nein, ich schlafe noch!« Baku hob den Kopf und grinste seine Schwester an.