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"Have you ever killed a man?" Jens Mander hätte diese Frage einfach ignorieren können. Er hätte den Fragesteller auch zurechtweisen können. Statt dessen hört er sich die Geschichte des Mannes an, der neben ihm auf der Parkbank Platz genommen hatte. Jens hörte die Geschichte eines Mannes, der behauptete, dass John F. Kennedy 1963 in Berlin hätte getötet werden sollen. Die einzigen Beweise für die Behauptung waren zwei alte Zeitungsausschnitte und ein vergilbter Zettel mit unbekannten Schriftzeichen. Als Jens Mander einen Auftrag zu einer Personenrecherche erhält und der Name der Zielperson auch in einem der Zeitungsberichte erwähnt wird, befasst er sich intensiv mit der Geschichte um das vermeintliche Attentat. Seine Recherchen reichen bis in das Berlin der letzten Tage des "tausendjährigen Reichs". Mander deckt auf, dass aus einer zufälligen Begegnung im Jahr 1945 eine Verschwörung zur Ermordung des amerikanischen Präsidenten geworden war.
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Seitenzahl: 318
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Impressum
Bankgeheimnis
© 2015 Ludwig Schlegel
Cover by © 2015 sfc-media.de
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar
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das Buch
„Have you ever killed a man?“
Jens Mander hätte diese Frage einfach ignorieren können. Er hätte den Fragesteller auch zurechtweisen können. Statt dessen hört er sich die Geschichte des Mannes an, der neben ihm auf der Parkbank Platz genommen hatte. Jens hörte die Geschichte eines Mannes, der behauptete, dass John F. Kennedy 1963 in Berlin hätte getötet werden sollen. Die einzigen Beweise für die Behauptung waren zwei alte Zeitungsausschnitte und ein vergilbter Zettel mit unbekannten Schriftzeichen.
Als Jens Mander den Auftrag zu einer Personenrecherche erhält und der Name der Zielperson auch in einem der Zeitungsberichte erwähnt wird, befasst er sich intensiv mit der Geschichte um das vermeintliche Attentat. Seine Recherchen reichen bis in das Berlin der letzten Tage des »tausendjährigen Reichs«.
Mander deckt auf, dass aus einer zufälligen Begegnung im Jahr 1945 eine Verschwörung zur Ermordung des amerikanischen Präsidenten geworden war.
der Autor
Ludwig Schlegel, Jahrgang 1954, lebt und arbeitet in Berlin-Schöneberg. Bevor er sich dem literarischen Schreiben verschrieb, war er Unix- und Datenbank-Administrator tätig und erstellte als technischer Redakteur Dokumentationen und Handbücher.
Disclaimer
Auch wenn dieser Roman teilweise auf Tatsachen basiert, sind die Firmen, Organisationen und Behörden entweder fiktiv oder wenn real, in einem fiktiven Zusammenhang verwendet. Es besteht keine Absicht, ihr tatsächliches Verhalten zu beschreiben.
Die handelnden Personen in dieses Buch sind der Fantasie des Autors entsprungen und nicht real. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und vom Autor nicht gewollt.
Die namentlich genannte Personen der Zeitgeschichte werden nur in ihrer historisch belegten Bedeutung erwähnt. Für die Handlung selbst sind diese Personen ohne Bedeutung.
Marken und Produkte sind Eigentum der jeweiligen Hersteller und werden nur im funktionalen und wertungsfreien Sinn verwendet.
„Wir Menschen glauben viel leichter eine Lüge, die wir schon hundertmal gehört haben, als die Wahrheit, die uns völlig neu ist.“
(Arthur Schopenhauer)
„Have you ever killed a man?“
Es war ein schöner Sommertag - achtundzwanzig Grad, blauer Himmel und kein Lüftchen. Jens Mander hatte sich erlaubt einige Tage frei zu machen und so saß er bereits eine knappe halbe Stunde auf einer Bank in der Innsbrucker Straße und beobachtete das bunte Treiben auf der Carl-Zuckmayer-Brücke.
Kurz nach dem er auf der Parkbank Platz genommen hatte, setzte sich ein älterer Mann im schwarzen Sportanzug neben ihn.
Jens nickte ihm zu, murmelte ein »Moin« und der Fremde erwiderte seinen Gruß mit einem freundlichen Kopfnicken. Dann hingen sie beide schweigend ihren Gedanken nach, während die Menschen achtlos vorbei gingen.
Manche waren auf dem Weg zur U-Bahn, andere brachten ihre Kinder zur nahegelegenen Kita oder schleppten ihre Einkaufstaschen vom Wochenmarkt auf dem Kennedy-Platz nach Hause; es herrschte ein reges Treiben auf der Straße.
„Haben Sie schon mal jemand getötet?“, wiederholte er auf Deutsch.
Im ersten Moment wusste Jens nicht, ob er gemeint war, aber der Blick des Fremden ließ keine Zweifel aufkommen.
„Haben Sie?“
„Nein“, antwortete Jens Mander und begann seinen Banknachbarn näher zu mustern. „Nein, habe ich nicht.“
Jens schätzte den Fremden auf siebzig bis achtzig Jahre und in etwa seine Größe; das Gesicht schmal, eher hager und ziemlich zerfurcht. Eine dunkle Narbe verlief von der rechten Schläfe über die Wange bis zum Mundwinkel. Langes weißes Haar, hohe Stirn, dunkler Teint, fast schwarze Augen und eine Nase, die einem Adler zur Ehre gereicht hätten. Er musste an Karl Mays Beschreibung von »Winnetou den Häuptling der Apachen« denken.
Jens Mander saß gerne mal auf der Bank um die Umgebung zu betrachten und da kam es schon mal vor, dass er von Banknachbarn oder vorbeigehenden Menschen angesprochen wurde. Aber so was war ihm noch nicht untergekommen.
Vielleicht hätte Jens »Warum fragen Sie« erwidern sollen oder »Was geht Sie das an«, »Scheren Sie sich zum Teufel« oder »Hau ab, Du Penner«“, aber die starke Präsenz seines Banknachbarn ließ eine solche Reaktion nicht aufkommen.
„Und Sie? Haben Sie?“ spielte Jens die Frage zurück.
Im Gesicht des Fremden war keine Regung zu erkennen. Ohne die Lippen zu bewegen sprach er nach einer kurzen Pause weiter.
„Ich beobachte Sie schon eine geraume Zeit. Sie wohnen im Haus hinter uns in der Freiherr-vom-Stein-Straße. Sie gehen wochentags jeden Morgen gegen acht aus dem Haus, arbeiten bei einer Firma in Charlottenburg als Administrator, sind im Nebenberuf als Journalist tätig und schreiben an einem Roman. Übers Wochenende fahren Sie nach Hause, aber manchmal bleiben Sie auch in Berlin.“
Er machte eine Pause als wollte er Jens‘ Reaktion abwarten, bevor er weiter sprach.
Jens Mander verbarg seine Überraschung hinter einem Pokerface und nutzte die Zeit für weitere Beobachtungen.
Im Sitzen waren sie beide ungefähr gleich groß. Nach dem Zustand seiner Hände und den Falten am Hals korrigierte Jens seine ursprüngliche Altersschätzung auf etwa Achtzig. Sein Habitus vermittelte den Eindruck eines leicht untergewichtigen, aber sportlich trainierten Mannes. Aus den wenigen Worten die sie bisher gewechselt hatten, konnte Jens keinen Dialekt heraus hören.
„Sie sind Vierundfünfzig in einer bayerischen Kleinstadt geboren und zur Schule gegangen. Einundsiebzig haben Sie eine Ausbildung begonnen, waren nach dem Abschluss Sechsundsiebzig in einer Klinik tätig, wechselten mehrmals die Dienststellen. Neunundsiebzig begannen Sie als Anfangsprogrammierer in einen Softwarehaus in …“
„Was wollen Sie von mir?“ An dieser Stelle unterbrach ihn Jens.
Ohne auf die Frage einzugehen wiederholte der Fremde seine Frage vom Anfang.
„Haben Sie schon einmal einen Menschen getötet?“ Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Ich habe es getan - ich habe es sehr oft getan - viel zu oft."
Er drehte sich halb zur Seite, so dass er frontal in die Mittagssonne blickte. Dabei schloss er die Augen. Erst nach mehreren Minuten sprach der Fremde weiter.
„Es klingt vielleicht sentimental, aber ich bin jetzt neunundsiebzig Jahre alt und wenn ich großes Glück habe, kann ich in ein paar Monaten noch meinen achtzigsten Geburtstag feiern. Dann ist Schluss.“
Er machte wieder eine Pause und sah Jens an.
„Lungenkrebs mit Metastasen im Gehirn - austherapiert - aussichtslos - Endstadium sagen die Ärzte. Nur die tägliche Dosis Tilidin macht die Schmerzen noch erträglich“.
„Drogen auf Kassenrezept.“ Sein Lachen hatte einen bitteren Unterton. „Und manchmal der Joint, den ich mir am Kottbusser Tor kaufe. Nicht legal, aber an diesem Tagen geht es mir richtig gut. Dann sind die Gedanken an meine Krankheit, den nahenden Tod und die vielen Toten weg. Dann kann ich wieder mal eine Nacht lang gut schlafen“
Er schloss die Augen und blickte wieder in die Mittagssonne.
Jens wollte ihm schon sein Bedauern über die Krankheit ausdrücken als der Mann mit seiner Erzählung fortfuhr.
„Ich habe unter dreizehn Präsidenten gelebt und für acht von Ihnen habe ich auch getötet. Es gab keinen Krieg, keinen Aufstand, keine schmutzige Operation an der ich nicht auf die eine oder andere Art beteiligt war. Der Mann für besondere Fälle - immer im Einsatz und immer im Dienst für das Vaterland.“
Er machte keine Anstalten weiter zu erzählen und so nutzte Jens die Pause.
„Haben Sie auch einen Namen?“
„Ich hatte schon so viele Namen. Es waren so viele, dass ich meinen eigenen schon lange vergessen habe; vergessen und mit den Toten begraben. Nennen Sie mich Hawkeye.“
Mit „Hallo Hawkeye, ich bin Jens“, versuchte er das Gespräch in halbwegs geordnete Bahnen zu lenken.
„Jens. Jens Mander - ich weiß“, antwortete er. „Wollen wir was trinken gehen? Ich lade Sie ein."
Er stand auf und so wie er in seiner schwarzen Jogginghose, schwarzem T-Shirt und den schwarzen Turnschuhen neben Jens stand korrigierte er seine Schätzung. Der Fremde war doch um einiges größer.
Jens blickte auf seine Uhr - es war kurz vor Zwölf. In ein paar Minuten würde die Friedensglocke im Schöneberger Rathaus mit dem Mittagsläuten beginnen.
Auf der Bank sitzend hatten sie noch Schatten durch einen Baum gehabt, jetzt standen beide voll in der Sonne.
„Wie wäre es über der Brücke?", fragte ihn Jens. „Etwa zweihundert Meter weiter ist ein nettes Steakhaus.“
Hawkeye blickte Jens an und nickte nur mit dem Kopf. Nach den ersten fünfzig Metern merkte Jens, wie Hawkeye das Atmen immer schwerer fiel. Jens ging langsamer; sie hatten nicht mal die Hälfte der zweihundert Meter zurückgelegt, als Hawkeye die Luft komplett ausging und er sich auf eine Bank auf der Carl-Zuckmayer-Brücke setzen musste. Er atmete schwer und laut. Die Farbe seiner Lippen war zu einem kräftigen Blau mutiert.
So saßen sie beide mehr als zehn Minuten nebeneinander. Hawkeye rang nach Luft und Jens fragte sich, worauf er sich da eingelassen hatte.
„Geht's wieder oder soll ich einen Arzt rufen?"
Hawkeye schüttelte nur den Kopf. „Keinen Arzt“, kam zwischen zwei Atemzügen über seine blauen Lippen. Dann stand er auf und sie gingen fast im Schneckentempo die restlichen Meter. »Mein Gott« dachte sich Jens, »ich wollte schon den Italiener am Bayerischen Platz vorschlagen. Die Strecke hätte Hawkeye aber in diesem Zustand nicht geschafft.«
Hawkeye steuerte sofort auf einen freien Tisch zu, der im Schatten etwas abseits in einer Ecke stand. Ohne lange zu überlegen setzte er sich auf einen Stuhl, von dem aus er alle Richtungen überblicken konnte und selbst den Rücken frei hatte.
Noch reichlich außer Atem bestellte er bei der Kellnerin einen Kaffee und eine Flasche Tafelwasser. Dabei sah er Jens an und als der keine Regung zeigte fügte er „mit zwei Gläsern und noch einen Kaffee für meinen Freund“, hinzu.
Teils durch einen riesigen Sonnenschirm teils durch Büsche und Bäume verdeckt, war es trotz des stechenden Sonnenscheins angenehm. Er sprach immer noch kein Wort und langsam beruhigte sich auch sein Atem. Als nach zehn Minuten die Bestellung auf dem Tisch stand, war seine Atemfrequenz halbwegs wieder auf normal und noch ein paar Minuten später sah er so aus, als wäre nie was gewesen.
Hawkeye nippte an seiner Kaffeetasse und murmelte etwas, das sich nach „Bullshit“ anhörte. „Ich habe schon befürchtet, dass heute die Friedensglocke zum letzten Mal für mich geläutet hat“, beendete er das Schweigen. „Aber ich bin doch noch nicht für den letzten Trail in die ewigen Jagdgründe vorgesehen.“ Er formte die Lippen zu etwas, das wie ein Grinsen aussehen sollte, seinem Gesicht aber einen nahezu bösartigen Ausdruck verlieh.
„Ich weiß, “ er ging einfach zum formlosen Du über „dass Dich jetzt die Frage «was will der Alte von mir» am meisten beschäftigt. Aber ich werde Dir diese Frage nicht beantworten, weil nur Du diese Frage beantworten kannst.“
Er trank einen Schluck Wasser und fuhr fort:
„Und ich hoffe, dass Du mir am Ende die Antwort geben wirst.“
Er blickte Jens an, sah in sein Gesicht und doch hatte Jens den Eindruck, als würde er durch ihn hindurch blicken; gerade so als wäre das Gesicht von Jens das Fenster zu seiner eigenen Geschichte.
„Ich könnte Dir jetzt lang und breit meinen Lebenslauf erzählen, von meiner Geburt und meiner Kindheit im Reservat, von der Verachtung durch den »Weißen Mann« und meinem ewigen Kampf gegen die Diskriminierung durch die »Bleichgesichter«.
Aber das tut hier wenig zur Sache. Ich erzähle Dir nur das, was Du wissen musst. Wenn Du mehr willst, musst Du selber nachlesen. Bücher über das Volk der Diné und deren Leben und Leiden gibt es allemal.
Ja, ich bin ein Sohn des Volkes der Diné - Du würdest wahrscheinlich Navajo Indianer dazu sagen. Das Tipi meiner Eltern stand am Little Colorado River.
Für eine »Rothaut« gab es in der Zeit nach dem großen Krieg keine Arbeit. Also ging ich mit sechzehn zu den «Eisenmännern» nach Las Vegas - die Stahlgerüste für Hochhäuser bauen. Nach zwei Jahren war ich wieder bei meinem Stamm und hing im Reservat ab. Mit Zwanzig hatte ich immer noch keinen Job. Draußen leben oder im Reservat zum Säufer werden - mehr Optionen hatte ich nicht. Also verließ ich meinen Stamm und meldete mich freiwillig bei der Army.
Meine Ausbildung machte ich im »Recruit Training Depot« San Diego, California. Ende Siebenundfünfzig wurde ich auf die USS Midway CV41 versetzt, mit der ich dann auf dem Pazifik rum schipperte. Pearl Harbor, Straße von Formosa und Taiwan - mit Atomwaffen an Bord war das während des Taiwan-Konflikts eine brandheiße Kiste. Erst Anfang Neunundfünfzig betrat ich wieder amerikanischen Boden.
Mit den Jahren hatte ich an der geordneten Welt des Militärs meine Freude gefunden und da ich mit meinem Stamm gebrochen hatte und auch sonst keine Bindungen mehr gab, meldete ich mich noch im selben Jahr zu den Special Forces. Neben dem allgemeinen Drill bei der »1st Special Forces Training Group« bekam ich noch eine Schieß-Ausbildung an einer modifizierten Remington 700 P verpasst. Ich trainierte hart - zweitausend Schuss die Woche, alles Lagen, alle Distanzen.
Ende Einundsechzig ging es dann mit der Fünften das erste Mal nach Vietnam - bewaffnete Aufklärung.
Wegen meiner hohen bestätigten Trefferquote war ich bald der Mann für besonders heikle Angelegenheiten. Im Frühjahr Dreiundsechzig kam ich dann zur 78th Special Operations Unit nach Berlin. Vierundsechzig in Laos, Fünfundsechzig in die DomRep, Sechsundsechzig und Siebenundsechzig Bolivien und immer wieder zu geheimen Operationen nach Vietnam und Kambodscha.
Irgendeiner hat mal in meine Akte geschrieben: seine Motivation ist der Dienst am Vaterland. Während einer Mission wurde verwundet und dann ausgemustert. Nach meiner Genesung bin ich dann nach Deutschland gegangen und in Berlin geblieben.“
Hawkeye griff nach seiner Kaffeetasse und nahm einen kräftigen Schluck bevor er weiter sprach.
„Ist alles dokumentiert und die Akten lagern vermutlich ganz unten in den geheimsten der geheimen Archive.
Top Secret - höchste Geheimhaltungsstufe und ich nehme an, dass in meinen Akten mehr Zeilen geschwärzt als lesbar sind. Ich weiß nicht mal, ob sie inzwischen nicht gar Teile der Akten vernichtet haben.
»Ein Amerikaner in Berlin isst einen Amerikaner«. Er fing an zu lachen und sein Lachen ging nach wenigen Sekunden in einen heftigen Hustenanfall über. Nachdem sich der Husten gelegt hat, trank er einen Schluck Wasser.
„Als ich Dreiundsechzig das erste Mal nach Berlin kam, waren trotz der regen Bautätigkeit immer noch die Spuren des Kriegs zu sehen und die Stadt durch eine trostlose Mauer zerschnitten. Begeistert war ich von dem Pragmatismus, mit dem sich die Berliner mit der Situation arrangierten und das Beste daraus machten. Der Winter war vorbei, die Tage wurden länger und die Sonne war schon ziemlich kräftig.
Ich sprach damals nur wenige Brocken Deutsch. Gerade so viel, dass ich mir ein Bier und eine Bulette bestellen konnte.“
Er winkte der Kellnerin und bat sie um die Speisekarte.
Jens Mander befürchtete, dass durch Zwischenfragen sein Gegenüber den Gesprächsfaden verlieren könnte, deshalb wartete er geduldig darauf, dass er sein Schweigen beenden würde.
Hawkeye bestellte aus der Karte ein Filetsteak mit einer Folienkartoffel und Speckbohnen; Jens entschied sich für einen Salatteller mit Putenbruststreifen. Während die beiden auf ihr Essen warteten und auch während des Essens sprachen sie kein Wort miteinander. Mit einem Anflug von Gereiztheit schickte Hawkeye die Kellnerin weg, als sie die weiteren Genüsse des Hauses anbieten wollte.
„Ich weiß, dass Du Raucher bist und von mir aus kannst Du Dir eine Deiner heiß geliebten Zigarillos anzünden. Ich darf zwar nicht mehr, aber ich rieche es immer noch gern“, beendete Hawkeye das Schweigen.
Während Jens sich eine Biddies anzündete, zog Hawkeye aus seiner Hosentasche ein Fläschchen, öffnete es, setzte es an seine Lippen und kippte den Inhalt in seinen Mund.
„Sorry, mein Freund. Das war meine Mittagsration an Tabletten.“
Er schluckte zweimal und schickte dann einen großen Schluck Wasser hinterher. „Die Quacksalber sind zwar der Meinung, dass die Tabletten vor dem Essen eingenommen werden sollten, aber da gehen sie mir auf den Magen …“
Hawkeye lehnte sich in seinen Stuhl und begann wieder mit seiner Geschichte.
„Da war ich also in Berlin - in der geteilten Stadt. Es war Frühling und ich war bester Laune. Mein Marschbefehl enthielt keine besonderen Instruktionen - nur wann und wo ich mich zu melden hätte - Turner Barracks am Hüttenweg. Merkwürdig war nur, dass ich ohne meine Ausrüstung in Marsch gesetzt wurde.
Ich war schon fast vier Wochen in Berlin, bis ich in den Situation-Room des Clay Headquarters in der Clayallee in Dahlem, zitiert wurde. Als ich den Raum betrat, waren zwei Zivilisten und mein Commander anwesend.
Die Besprechung begann mit der Vorstellungsrunde. Der eine war ein Bundesmarshall, seinen Namen habe ich vergessen. Der andere Zivilist, der aussah, als hätte man ihn vom Golfplatz geholt, hielt sich abseits und hüllte sich in ein bedeutungsvolles Schweigen. Dann kamen die üblichen Belehrungen zur Einleitung: dass nichts vom dem, was besprochen werde, den Raum verlassen dürfe und diese Besprechung eigentlich nie stattgefunden habe. Keine Notizen, keine Bandaufzeichnungen, alles nur Face-to-Face.
Da ich in der Vergangenheit schon mehrfach für geheimste Spezialeinsätze instruiert wurde, war mir das nichts Neues.
Außer dass diesmal der »United States Marshals Service« beteiligt war. Das und der »Golfspieler« machten mich schon stutzig - aber nicht besonders.“
Hawkeye fügte wieder eine Pause an und winkte die Kellnerin an den Tisch. „Ein Bier“. Jens bestellte sich eine große Fassbrause.
Mit seiner Erzählung fuhr er erst fort, als die Getränke vor ihnen auf dem Tisch standen.
„Um es kurz zu machen - ich wurde informiert, dass der US Präsident in den nächsten Tagen Deutschland besuchen würde und eine Station dieser Reise Berlin sei. Für den Schutz des Präsidenten seien zwar der »United States Marshals Service« zuständig, aber an besonders exponierte Stellen wären noch Spezialkräfte des »Airborne Command« postiert. Zwei Teams und ich würden den Rudolf-Wilde-Platz sichern.
Mein Team würde aus einem »Spotter« und einem »Coordinator« bestehen. Wir würden unabhängig von der Berliner Polizei, dem Berliner Staatsschutz, dem Bundeskriminalamt und der Sicherungsgruppe Bonn agieren.
Der »Golfspieler« hatte mich während der ganzen Zeit schweigend gemustert.
Erst, nachdem der Commander und der Marshal ihre Ausführungen abgeschlossen hatten, verlangte er mit mir alleine zu sprechen und nachdem die Türe schon einige Minuten geschlossen war, begann er mit seiner Rede.
»Sergeant Major, um es kurz zu machen. Wir haben Erkenntnisse, dass der Präsident während des Aufenthalts in Berlin Ziel eines Anschlags werden könnte. Wir vermuten drei Attentäter und glauben, dass der Angriff auf den Präsidenten am Rathaus Schöneberg erfolgen könnte«
Er sah mich bedeutungsvoll an.
»Den Hitman1 und seine Schussposition konnten wir noch nicht identifizieren; ein Attentäter könnte auf der Pressetribüne sein. Einen Angriff von der Pressebühne halten wir für eher unwahrscheinlich. Wenn wir uns aber irren, ist es Ihre Aufgabe sich um den Mann zu kümmern; Ihr Auftrag: schalten Sie ihn aus. Der Koordinator wird zu gegebener Zeit ihr Ziel markieren«
Ich hatte bis dahin schon einige heikle Aufträge erledigt, aber das war sehr seltsam - einen Killer zu liquidieren gehörte ja zu meinem Job, aber der Killer wurde in einer Menschenmenge vermutet. Das bedeutete unter Umständen Kollateralschäden.
Aber beim »Airborne Command« werden Befehle nicht hinterfragt; lautet der Befehl »spring« fragt man nicht »ob« sondern nur »wie weit«.“
Er unterbrach mit einem bitter klingenden Lachen.
„Zwei Tage nach dem Briefing traf mein Beobachter (Spotter) ein. Auf dem Schießplatz »Keerans Range« im Grunewald in der Kronprinzessinnenallee stimmten wir unsere Ausrüstung ab. Ich hatte ein »Savage 10FPXP-LEA« Scharfschützengewehr, ein Zielfernrohr und .308 Winchester Spezialmunition erhalten. Ich machte einige Shot‘s.
Am frühen Morgen des sechsundzwanzigsten Juni bezogen wir unseren Posten in einer Wohnung. Aus einem der Fenster, von dem wir den Blick auf das Rathausportal und die aufgebaute Pressetribüne hatten, entfernten wir die Glasscheibe. Kurz nach uns traf auch der Koordinator ein - ein schmalbrüstiger Latino. Nicht dass ich was gegen Latinos hätte, aber der war ein »slimeball«, ein richtiger Kotzbrocken. Nicht nur, dass er uns ständig erklärte wie wir unser Business zu erledigen hätten, er wäre am liebsten jedem Rock nachgelaufen, den er mit seinem Fernglas ausmachen konnte.
Kurz vor Eins kam dann JFK um die Ecke gefahren, hielt seine Rede und verschwand im Rathaus und um Drei war der Spuk vorbei. Aber es war nichts passiert, keine Auffälligkeiten, kein Attentat - nichts.
Um Vier zogen wir ab, ohne dass wir aktiv werden mussten.
Eine Woche später hatte ich meinen Marschbefehl, kehrte Berlin den Rücken und setze mein bisheriges Leben fort. Mit meinem »Spotter« war ich nochmals im Kambodscha in einem Einsatz mit neun bestätigten Hit‘s. Den Latino habe ich nie wieder getroffen.“
Jens wollte gerade anfangen seine aufgestauten Fragen zu stellen, aber Hawkeye gab ihm keine Chance.
„Das was ich Dir bisher erzählt habe, mein Freund, wäre alles ohne große Bedeutung, wenn es da nicht noch zwei Vorfälle gegeben hätte.
Der Erste - der Präsident wurde einige Monate später tatsächlich ermordet und der Attentäter später liquidiert. Und dann dieser Zettel.“
Während er die letzten Worte sprach, hatte er ein altes, vergilbtes und zerknittertes Stück Papier aus seiner Brieftasche gezogen und Jens zugeschoben.
Jens nahm es in die Hand und versuchte die Schrift zu entziffern, aber es waren nur aneinander gereihte Buchstaben und diakritische Zeichen.
„Sorry, das versteh ich nicht“, sagte Jens und gab ihm den Zettel wieder zurück. „Das könnte alles Mögliche heißen oder auch nur die Kritzelei eines Kindes sein.“
„Das ist Diné Bizaard - meine Muttersprache und das ist Navajo-Code.“ Er grinste Jens an. „Du kennst doch die Code-Talker, die im letzten Krieg die geheimen Nachrichten übermittelt haben und deren Code nie entschlüsselt werden konnte?“
Jens nickte.
„Ende letzten Jahres musste ich mal wieder zu einer stationären Behandlung ins Benjamin Franklin. Wenn sie mir die Medikamente infundieren und ich dabei bei Verstand bleibe, nutze ich die Zeit zum Lesen. Ich hatte mir diesmal in der Luther-Straße ein paar antiquarische Bücher besorgt. Eines der Bücher hatte den Titel »700 Jahre Schöneberg«. Auf der Innenseite fand ich die handschriftliche Widmung des Autors in der er sich bei einer Dame für die Unterstützung bei der Entstehung des Buchs bedankte.
Und dann fand ich diesen Zettel mit dem Text
NAZ-TSAID BE-TKAH TKELE-CHO-G TSA-E-DONIN-EE BA-AH-NE-DI-TININ und zwei Ausschnitte23 aus einer Berliner Tageszeitung.
Da ich bereits am nächsten Tag in die Klinik musste, legte ich den Zettel und die Zeitungsartikel zuerst mal zu den Dokumenten in meinem Safe um mich nach dem Krankenhausaufenthalt damit zu beschäftigen.“
Jens merkte, dass Hawkeye immer hektischer wurde und die Luft seiner Lunge eigentlich schon vor dem Satzende verbraucht war.
„Zehn Tage später wurde ich aus dem Benjamin Franklin entlassen. Dieses Mal ging es mir besonders dreckig und so dauerte es nochmals fast zwei Wochen, bis ich wieder auf die Beine kam.
Mein Plan um das Rätsel zu lösen war ganz einfach - ich wollte die Lebensgeschichte des Buchs zurückverfolgen.
Aber das ging nicht so einfach, wie ich mir das vorstellte. Der Buchhändler konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie das Buch in seinen Besitz kam und meinte nur dass er es vermutlich von einem professionellen Wohnungsauflöser zum Kilopreis gekauft habe. Meine Nachforschungen brachten mich keinen Schritt weiter und alle meine Versuche über den Besitzer oder die Besitzerin des Buches was rauszukriegen endete in Sackgassen.
Mit der Notiz kam ich auch nicht weiter. Ich spreche zwar noch die Sprache meiner Ahnen und konnte den Text entziffern, aber da ich den WortCode nicht kannte, ergab die Inschrift keinen Sinn.“
Hawkeye unterbrach seine Erzählung wieder für mehrere Minuten.
„Ende Januar flog ich dann in die Staaten. Ich hatte Karten für den Superbowl in Indianapolis. Der Rückflug nach Berlin war für eine Woche nach dem Spiel gebucht. Also blieb mir Zeit für einige Recherchen und um ein paar alte Verbindungen wieder aufzuwärmen.
Ich wollte Jack Elder überprüfen, aber irgendwie lief ich immer gegen eine Wand; kein Wort, keine Info, nur bedauerndes Achselzucken. Da es in den Sechziger Jahren auch nicht viele Zeitungen in den Staaten gab, die ihre Journalisten nach Deutschland schickten, waren die wenigen ganz schnell angerufen. Aber keiner kannte einen Jack Elder. Einen Zwischenstopp in New York nutzte ich, um dem Archiv der New York Times einen Besuch abzustatten. Aber auch hier konnte ich keine Informationen ernten. Die Nachfrage bei der »American Writer‘s Association« war ebenfalls ein Fehlschlag.“
Er machte eine Pause. Seine lebhaften Augen waren ruhig geworden und Jens hatte das Gefühl, als würde seine Lebensenergie verpuffen.
Sie waren jetzt an dem Punkt gekommen, an dem Jens seinen Rucksack voll Fragen los werden musste und mit der wichtigsten wollte er gleich anfangen.
„Deine Geschichte klingt ja sehr interessant und spannend, aber was steht auf dem Zettel und warum erzählst Du mir das alles? Wir kennen uns doch gar nicht.“
„Das mag schon so sein“, erwiderte Hawkeye. „Du kennst mich nicht, aber wir haben einen gemeinsamen Bekannten.“
„Germut Kärmeren", fügte er einen Atemzug später noch hinzu.
Jens war eine fatale Sekunde sprachlos, als er den Namen hörte. Plötzlich spürte er dieses Kribbeln auf seiner Kopfhaut und ein Ziehen in der Magengrube.
Mit Germut Kärmeren verband Jens nicht nur eine verwandtschaftliche Beziehung. Germut war auf eine markante Weise auch für sein jahrelanges Doppelleben im Dunstkreis einer Schattenwelt verantwortlich.
„Das ist nicht Dein ernst - oder? Germut, der Name ist aber nicht unbedingt eine Empfehlung“, erwiderte Jens Mander mürrisch.
„Er hatte mir gesagt, dass Du nicht mit einem »Heureka« sondern eher mit Ablehnung reagieren würdest.
Ich weiß nicht, was zwischen euch beiden vorgefallen ist und es interessiert mich auch nicht. Das ist euer Krieg und nicht meiner. Er hat aber Deine Recherchen und Deine Fähigkeit gelobt, in ein Thema einzutauchen und es umfassend analysieren zu können.
Er hat mir auch keine Grüße an Dich aufgetragen - von einem «der soll zum Teufel gehen» und einem »son of a bitch« abgesehen.“
Hawkeye gab mit einer Pause Jens die Möglichkeit einer Erwiderung, doch Jens hatte beschlossen, das Gesagte nicht weiter zu kommentieren oder neue Informationen preiszugeben.
„Auch wenn es Dich nicht interessiert, Einundneunzig hatten wir eine gemeinsame Operation durchgeführt. Heute lebt Germut in Florida und trotz seiner sechsundsiebzig Jahre ist er immer noch als Seniorberater für Blackwater aktiv. “
Mit einem „in welcher Zeit leben wir denn?“ sah Jens auf seine Armbanduhr, und stellte fest, dass sie seit knapp drei Stunden am Tisch saßen.
Hawkeye steckte seine Zettel wieder in seine Brieftasche, winkte die Kellnerin an den Tisch und bat um die Rechnung.
„Ich muss jetzt gehen“, meinte Hawkeye. „Mir geht es nicht besonders gut und wenn meine Krankenschwester kommt und ich nicht da bin, dann macht sie wieder Terror.“
Er stand auf, nachdem er die Rechnung beglichen hatte.
„Eine Frage hätte ich dann doch noch.“ Hawkeye blieb stehen und wandte sich wieder dem Tisch zu. „Warum ich? Warum hast Du mir das alles erzählt und was steht auf dem merkwürdigen Zettel?“
„Es bedarf zwei Sachen um diesen Job zu erledigen: Eier und Integrität. Und beides hast Du.“
Noch bevor Jens Mander ihn fragen konnte, wie es denn jetzt weiter gehe, kam er ihm mit seiner Antwort zuvor.
„Ich werde morgen Abend um sechs wieder auf der Bank sitzen und auf Dich warten. Wenn Du kommst, werde ich wissen ob Du meine Frage verstanden hast und wie Deine Antwort aussieht.“
Mit diesen Worten trat er zwischen zwei geparkten Autos auf die Straße und noch bevor Jens protestieren konnte, stieg er in einen schwarzen Volvo. Jens Mander konnte gerade noch das amerikanische Kennzeichen »Nevada Hawkeye 1« erkennen, dann war der Wagen um die Ecke Richtung RIAS - Deutschlandradio verschwunden.
Nicht einmal eine Minute später klingelte Jens Manders iPhone. Jens nahm das Gespräch an und meldete sich mit „Ja, bitte.“
„Auf dem Zettel steht, dass Kennedy getötet werden soll.“
Auf dem Weg zu seinem Appartement begann Jens Mander über die Geschichte nachzudenken und aus dem Gedächtnis die Fakten zu sammeln.
Sein ehemaliger Boss schickt ihm einen Navajo-Indianer, einen früheren Angehörigen der US Special Forces. Der wiederum erzählt ihm fragmentarisch eine oder vielleicht sogar seine Lebensgeschichte, eine Story von Scharfschützen und von Operationen in Krisen- und Kriegsgebieten. Dann hält er ihm einen Zettel mit irgendwelchen Schriftzeichen unter die Nase, behauptet, dass da die Anweisung drauf steht, Kennedy zu töten und verschwindet dann ganz einfach. Die Schriftzeichen auf dem einen Zettel hätten durchaus Diné Bizaard und damit eine, im sogenannten Navajo-Code verschlüsselte Nachricht sein können. Das Papier, auf dem die Zeichen standen, sah alt und abgegriffen aus.
In seinem Appartement angekommen, machte er sich erst mal ein Glas Cola mit Eiswürfel, startete sein MacBook und die Textverarbeitung. Mit der Diktierfunktion machte Jens ein Gedächtnisprotokoll des Gesprächs mit Hawkeye, einen Zusatz mit seinen unbeantworteten Fragen und seinen Eindrücken.
Sicherheitshalber verschlüsselte er das Dokument mit zwei verschiedenen Verschlüsselungssystemen.
Das Merkwürdige an der Geschichte war, dass er außer dem Kennzeichen des Volvo keine nachprüfbaren Fakten hatte.
Jens griff zum Telefon und wählte aus dem Gedächtnis eine Telefonnummer in der Schweiz. Die Nummer gehörte einem Versicherungskonzern und der Apparat stand im Leitstand des Rechenzentrums in Zürich.
„Gruezi Christian, comment ça va mon ami?“
Es dauerte ein paar Sekunden, bis Christian gemerkt hatte, wer ihn da anrief.
„Moin moin Jens, Du lebst auch noch?“.
Wie Jens war auch Christian Freelancer. Sie hatten in mehreren Projekten zusammengearbeitet. Aber im Gegensatz zu Jens hatte sich Christian auf seine alten Tage eine Festanstellung als Betriebsführer geangelt.
In den folgenden Minuten tauschten sie sich über ihre jeweilige Lebenssituation aus und versprachen sich den obligaten gegenseitigen Besuch.
„Jens, Du rufst doch nicht nur an um mit mir Smalltalk zu machen. Was kann ich für Dich tun?“
Jens stieg auf das Wortgefecht ein und versicherte Christian, dass er in erster Linie wegen ihrer beider Freundschaft angerufen habe, aber wenn er so direkt frage.
„Kannst Du mal über Deine Verbindung ein PKW-Kennzeichen checken? Nevada - Hawkeye 1 - schwarzer Volvo Kombi - vermutlich XC90.“
„Das tönt nach harter Arbeit. Wie schnell brauchst Du eine Antwort?“, kam aus dem Telefon zurück und wie unter ihnen üblich sagte er „So schnell wie möglich, aber nicht gestern.“
Christians Antwort dauerte wieder ein paar Sekunden.
„Ich schau mal, was ich machen kann. Wenn ich was habe, schicke ich Dir eine EMail. Wird aber ein paar Stunden dauern. Und jetzt halt mich nicht von meiner Arbeit ab.“
Das war für Jens das Zeichen sich tunlichst zu den zwischen beiden üblichen scherzhaften Grobheiten zu verabschieden.
Als nächstes wollte Jens noch Hawkeye‘s Geschichte mit dem Flug nach Amerika überprüfen. Nach etwas mehr als zwanzig Minuten hatte er die möglichen Fluglinien und Flugrouten gegoogelt. Es gab zwar keine direkten Flugrouten von Berlin nach Indianapolis, Hawkeye musste offensichtlich in New York umsteigen und da waren American Airlines, US Airways und Lufthansa die allgemein bevorzugten Fluglinien. Jens versuchte sein Glück bei Lufthansa und wählte die Telefonnummer des »Controldesk« der Ticketabrechnung. Hier war sein ehemaliger Kollege Günni im Leitstand, der Jens noch mehrere Gefallen schuldete.
Günni war offenbar allein in seinem Büro, da er die Daten sofort überprüfen konnte.
„In der fünften Kalenderwoche habe ich keine Daten über eine LH-Buchung von Berlin nach IND via New York, aber ich habe elf Buchungen von Fraport, Direktflug nach IND. In ein paar Minuten hast Du die Daten in Deiner Mailbox.“
Nach dem zweiten Telefonat war Jens schon ein ganzes Stück weiter und so legte er sich auf das Sofa und schlief sofort ein. Erst der Wecker holte ihn am Morgen aus seinen unruhigen Träumen.
Jens litt an diesem Tag im Projekt unter seiner mangelnden Konzentrationsfähigkeit und er hatte das Gefühl, dass der Arbeitstag nicht enden wollte. Gegen Fünf machte er Feierabend und fuhr mit der U-Bahn nach Hause. Vom Balkon seines Appartements hatte er freie Sicht auf die Bank, auf der ihn Hawkeye angesprochen hatte. Jens schloss seine Webcam an den Rechner an und positionierte sie so zwischen den Blumenkästen, dass sie direkt auf die Bank gerichtet war und startete die Aufnahme. Fünf vor Sechs machte er sich auf den Weg und Punkt Sechs saß er auf der Bank.
Nur wer nicht kam war Hawkeye.
Er kam nicht um sechs, nicht um sieben und um acht war er immer noch nicht da und so gab Jens auf und ging wieder in seine Wohnung. Irgendwie kam er sich verschaukelt vor. Hawkeye‘s Geschichte hatte gut geklungen und die Namensnennung von Germut hatte zusätzlich sein Interesse geweckt.
An den folgenden Tagen war von Hawkeye ebenfalls nichts zu sehen, obwohl Jens jeden Abend von seinem Balkon aus die Bank beobachtete und so stellte sich Jens darauf ein, von seiner neuen Bekanntschaft nichts mehr zu hören. Eine Woche nach dem mysteriösen Treffen auf der Parkbank, es war kurz vor zweiundzwanzig Uhr, klingelte es an der Wohnungstüre.
„FedEx - eine Sendung für Jens Mander“, sagte eine Stimme in die Türsprechanlage und nachdem Jens den Türöffner gedrückt und den Empfang der Sendung bestätigt hatte, hielt er ein Päckchen in der Hand.
In seinem Gehirn klingelten sämtliche Alarmglocken.
Wenn man weiß, dass man sich selbst kein Päckchen geschickt hat und sieht, dass Empfänger und Absender identisch sind, sollte man doch Vorsicht walten lassen.
Nach der Codierung war das Päckchen am Vortag in der Niederlassung in Tempelhof eingeliefert, die aufgeklebte Paketkarte war mit einem Drucker erstellt worden.
Jens holte seine Gummihandschuhe aus der Küche, legte sein Taschenmesser bereit, stellte seine Werkzeugtasche neben sich und öffnete alle Fenster. Dann begann er das Päckchen eingehend zu untersuchen.
Mit einem gewöhnlichen Leitungsdetektor, den man zum Auffinden von Stromleitung und Wasserrohren im Mauerwerk in jedem Baumarkt kaufen kann, prüfte er das Päckchen auf Metallteile - negativ, das Gerät machte keinen Pieps.
Dann zog er seine Gummihandschuhe an und öffnete das Päckchen mit einem Schnitt an der Seite. Vorsichtig zog er den Inhalt heraus, wobei er die Öffnung von sich weg hielt. Am Ende der Prozedur hatte er ein Buch, drei transparente Prospekthüllen und einen Briefumschlag vor sich liegen.
„Puh, kein Explosivstoff“, murmelte Jens halblaut.
Das Buch hatte den Titel »700 Jahre Schöneberg«, in den Prospekthüllen steckten jeweils eine Kopie der Zeitungsausschnitte und der Zettel mit der handschriftlichen Nachricht.
Nachdem er sich sicher war, dass da keine bösen Überraschungen lauerten, war er dann doch so mutig, den Karton ganz zu öffnen, aber da war nichts mehr.
Immer noch durch Handschuhe geschützt, öffnete er den Briefumschlag. Darin waren zwei Polaroid Bilder. Auf einem der Bilder war eine, «Dog Tag« genannte Erkennungsmarke für Soldaten zu sehen und auf dem anderen war Hawkeye im Kampfanzug der Green Berets zu erkennen.
Das war alles - keine persönliche Nachricht.
Mit den Angaben auf dem «Dog Tag» hatte er erstmals konkrete Information über seine Bankbekanntschaft - Name und Vorname: Pete Hok‘ee Wolfe, die Sozialversicherungsnummer sowie als Blutgruppe: RH Positive.
Jens holte die Mailnachricht seines Kollegen Günni auf den Bildschirm meines MacBooks. Wie versprochen hatte er die Liste aller Lufthansa Buchungen Frankfurt - Indianapolis geschickt.
Von den elf Buchungen waren nur drei mit einer Heimatanschrift Berlin und die hatten so typisch Deutsch klingende Namen, dass sie nicht infrage kamen.
Schade, das war wohl nichts.
Die Nachforschung beim Zentralruf der Autoversicherer hatte auch nicht viel eingebracht: das Auto war in Nevada auf eine Meredit Foundation zugelassen.
Christian hatte sich in seiner EMail beklagt, dass Jens ihm da ganz schön Arbeit aufgehalst habe und er ein paar lange Telefonate hatte führen müssen und ihm jetzt Jens Mander einen Gefallen schuldig sei.
Jens war mit der Info nicht geholfen - bei der Foundation hätte es sich zwar um eine der vielen Tarnfirmen der Agency handeln können, aber das wäre letztlich zu augenscheinlich gewesen und wahrscheinlich war es eine der vielen harmlosen Foundations im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Jens Mander beschloss noch einmal ganz von vorne anzufangen.
Mit seiner Kamera, die er auf einem Stativ befestigt hatte, fing Jens an die Kopien und das Buch abzufotografieren und auf seinem Mac zu speichern. Ein Duplikat der Bilder speicherte er auf einem USB-Stick und eine weitere Kopie brannte er auf eine CDROM, die er in einem Briefumschlag an seinen Anwalt adressierte und ihn bat, das gute Teil bei Jens Manders hinterlegten Unterlagen aufzubewahren.
Den USB-Stick, das Buch und die Dokumente wollte er am Morgen in seinem Bankschließfach deponieren.
Es war fünf Uhr morgens, als er alles erledigt hatte und sich für ein kurzes Nickerchen auf sein Bett legen konnte.
Das Klingeln seines Telefons riss ihn jäh aus seinen Träumen. Aber es war nur sein Projektleiter, der Jens daran erinnerte, dass er auch noch einen Job zu erledigen hätte.
Schnell ins Bad - Toilette machen, MacBook einpacken, Brief für den Anwalt in den Pilotenkoffer stecken und anziehen waren eine Sache von fünfundzwanzig Minuten. Dann war Jens schon mit dem Auto in Richtung Charlottenburg unterwegs.
Den Stick und die Originale wollte er am Nächsten Tag in das Bankschließfach bringen.
Wegen seiner morgendlichen Verspätung und eines Meetings, das nicht enden wollte, kam er am Abend ziemlich spät nach Hause und wollte nur noch ins Bett. So kam es, dass er erst am Morgen den ungebetenen Besuch in seinem Appartement bemerkte: auf dem Stapel der Sachen für das Bankfach war eine Haftnotiz angebracht worden.
BE-KI-ASZ-JOLE BE-TKAH BEH-EH-HO-ZINZ
An jedem anderen Tag hätte Jens fast eine Stunde Zeit und zwei Tassen Kaffee gebraucht, nun aber war er sofort hellwach.
Ungebetener Besuch in seinem Appartement?
Als erstes schickte Jens seinen Kollegen eine SMS, dass er noch ganz schnell auf der Bank etwas erledigen müsse. Dann machte er eine Kopie von der Notiz, die er auf seinem Rechner speicherte und auf dem USB-Stick aktualisierte. Es war Sieben Uhr und um Neun konnte er erst an sein Schließfach. Damit war noch Zeit für einen Pott Kaffee. Er erledigte seine Morgentoilette und warf sich in Schale. Bei einer Zigarillo plante er seine nächsten Schritte.
Seit dem Vorfall mit den Toten Indern im Rudolf-Wilde-Park im Dezember des letzten Jahres, war Jens nachlässig geworden. In den seltensten Fällen und nur wenn er länger unterwegs war, aktivierte er die Videoüberwachung und die Alarmanlage. Für den Moment also war die Chance den oder die unbekannten Besucher seines Appartements ausfindig zu machen, eher gering um nicht zu sagen aussichtslos.
Zwischenzeitlich war es kurz vor Neun Uhr und Jens machte sich auf den Weg zur Bank in der Badenschen Straße, wo er das Buch, den USB-Stick und die Dokumente deponierte. Aus einem Notizbuch notierte er sich zwei Nummern.
Zum Glück waren im Büro an diesen Tag keine wichtigen Aufgaben zu erledigen. Nachdem er den Projektplan überprüft und mit seinen Arbeitskollegen anstehende Arbeiten abgestimmt hatte, erklärte er seinem Projektleiter, dass er aus persönlichen Gründen die nächsten zwei Wochen nicht im Büro sein würde, aber in dringenden Fällen telefonisch erreichbar wäre.
