Bärenschwur - Ryan Gebhart - E-Book

Bärenschwur E-Book

Ryan Gebhart

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Beschreibung

Tyson ist dreizehn. Über seine Eltern kann er sich nicht beklagen. Nur dass ihn sein bester Freund gegen ein Footballteam und kichernde Mädchen eingetauscht hat, wurmt ihn. Wirklich versteht ihn aber nur Gramps, sein Großvater, zugleich sein bester Kumpel. Doch dann kommt Gramps in ein Seniorenheim und die Pläne der beiden, noch vor dem Ende der Sommerferien auf die Jagd zu gehen, scheinen zu platzen. Zudem melden die Zeitungen jede Woche neue Opfer von Bärenangriffen in den Wäldern des Grand Teton Nationalpark. Für Tysons Eltern ist klar, dass der Ausflug nicht stattfinden wird. Doch Tyson und Gramps wären nicht das beste Team der Welt, wenn sie keinen Weg fänden, das Verbot zu umgehen.

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Veröffentlichungsjahr: 2015

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Ryan Gebhart

Aus dem Englischen von Eike Schönfeld

Saft von sonnengereiften Pflaumen steht auf dem Etikett des Kartons vor mir. Dieser dicke, braune Saft, dieses heftige Abführmittel – gleich trinke ich das ganze Zeug leer.

Irgendwo habe ich gehört, dass Mut heißt, vor etwas Angst zu haben und es trotzdem zu tun. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich mal so sehr vor einem Fruchtsaft fürchte, doch mein Herz wummert und meine Handflächen sind schweißnass. Soweit ich weiß, ist noch niemand an einer Überdosis Pflaumen gestorben.

Google, lass mich jetzt bitte nicht im Stich.

Gramps sitzt mir gegenüber am Küchentisch, er trommelt mit den Fingern auf seiner Tüte, den Blick auf die Gänseuhr über der Spüle gerichtet.

In vierundfünfzig Sekunden wird es fünf Uhr sein.

Tick.

In dreiundfünfzig Sekunden wird die Gans anfangen zu schreien.

Tick.

In zweiundfünfzig werden Gramps und ich je einen Liter Pflaumensaft auf ex weggluckern.

Pflaumen nennt Gramps das. Bevor er auf seine alljährliche Wapitijagd geht, pflaumt er, um sich für die Wildnis bereit zu machen. Er meint, es sei gut für den Verdauungstrakt, lasse einem Haare auf der Brust wachsen und gebe einem das Gefühl, ein neuer Mann zu sein. Und zu meinem dreizehnten Geburtstag haben mir Mom und Dad versprochen, dass ich ihn dieses Wochenende begleiten darf. Wir fahren in den Bridger-Teton National Forest in Wyoming, das ganze Jahr warte ich schon darauf. Dann jage ich nicht nur mit dem coolsten alten Typen in ganz Colorado, es wird auch meine Chance sein, einen Grizzlybären in natura zu sehen. Seit ich die Doku von Timothy Treadwell ge­sehen habe, bin ich von denen besessen. Er hat dreizehn Sommer lang mit den Bären gelebt, bis ihn dann einer gefressen hat. Das war so cool. Aber Gramps sagt, wenn ich mitkommen will, muss ich erst mit ihm pflau­-men.

Mom würde mich nie mit Gramps pflaumen lassen – sie findet es unreif und widerlich –, aber Mom ist ja nicht da. Und was Mom nicht weiß, macht sie nicht heiß. Zwar könnte die Toilette verstopfen, aber das schiebe ich dann einfach auf Ashley.

»Bist du so weit, Tyson?«

Es geht los. Und zu meiner Überraschung habe ich keine Angst. Die kanadische Gans schreit, ich schließe die Augen und würge das Zeug runter. Mir tränen die Augen, mein Hals macht zu, und ich bin drauf und dran, alles über den Tisch zu reihern, als Gramps zufrieden aufseufzt.

»Das ist das Wahre.« Er wischt sich den Mund mit dem Ärmel ab.

Nun trinkt der typische alte Mensch morgens ein Gläschen Pflaumensaft zu seinem Toast und seinem weich gekochten Ei, um fit zu bleiben, aber Opa Gene ist eindeutig verrückt. In der Kirche behält er seinen zerknautschten Cowboyhut auf und setzt sich in die erste Reihe. Und in der Rodeo Tavern tanzt er mit jeder Frau. Egal, ob es eine scharfe Mittzwanzigerin ist oder eine Mollige in den Fünfzigern. Er tanzt einfach gern.

Gramps ist so ziemlich mein bester Freund. Na ja, streng genommen ist Brighton mein bester Freund, aber in letzter Zeit ist er ständig beim Football-Training und trifft sich mit seiner neuen Freundin aus GMK. Das letzte Mal, als wir zusammen was unternommen haben, war im Juli, da haben wir an seinem Geburtstag Karaoke gesungen. Heute Abend hat er ein Spiel, dann seh ich ihn wenigstens von der Tribüne aus.

»Und nun?«, frage ich, einen säuerlichen Nachge­schmack im Mund, und tief in meinem Magen hockt ein lila-braunes Rätsel.

Eine Hand am Tisch, hievt Gramps sich hoch. »Gucken wir Glücksrad.«

Ich folge ihm ins Wohnzimmer. Dort stehen noch immer ein paar unausgepackte Kisten von letztem Monat, als Mom, Dad, Ashley und ich hier eingezogen sind. Es fühlt sich schon wie zu Hause an, alles alt und eingefahren. Schließlich haben wir ja seit meiner Geburt auch jeden Urlaub hier verbracht. An dem Haus kenne ich alles, von dem niedrigen Keller bis zu dem Bild von Michael Jordan im Badezimmer, wie er gerade einen Slamdunk macht.

Im Badezimmer. In dem einen.

Bei Gramps gibt’s nämlich bloß ein Bad.

Warum ist mir das nicht schon früher aufgefallen? Was machen wir denn jetzt?

»Wann hat dein Freund heute Abend sein Spiel?«, fragt er. Er ächzt entspannt und lässt sich in seinen Ruhesessel sacken.

»Äh, was machen wir denn mit dem Badezimmer?«

»Wie meinst du das?«

»Wer kriegt es?«

Mit einem fiesen Grinsen sagt er: »Der Schnellste eben.«

Mein Magen gurgelt, als hätte gerade jemand die Toilette gespült. »Hä?«

»Deine Großmutter und ich haben zweimal im Jahr gepflaumt. Einmal im Frühling, einmal im Herbst. Wir haben uns Glücksrad und Jeopardy angesehen, dann sind wir zum Bad gerannt.«

»Was macht der andere?«

»Muss irgendwie zurechtkommen. Jetzt pscht.«

Es ist die gruseligste Glücksrad-Folge überhaupt. Wie können Leute um diese Zeit Rätsel lösen? Wen inte­ressieren schon ein neues Auto oder zehntausend Dollar Preisgeld?

Nach sechzig quälenden Minuten bin ich wie ein übervoller Wasserballon, der über einer Nadel hängt und jeden Moment von Pflaumensaft und Nummer zwei explodiert.

Ich kann keine abrupten Bewegungen mehr machen.

Gramps senkt die Beinstütze und geht in die Startposition.

Beide visieren wir die geschlossene Tür am Ende des Flurs an.

Sobald Jeopardy zu Ende ist, rennen wir Richtung Bad los wie Football-Spieler, die hinter einem fallen gelassenen Ball her sind. Er rempelt mich mit der linken Hand weg und ich falle hin, wobei ich jeden Muskel anspanne, um diesen Kategorie-4-Hurrikan in mir zurückzuhalten. Gramps ist zwar größer, aber ich zwänge mich unter ihm durch und habe es praktisch schon zum Bad geschafft, als –

»Was wird das denn?« Dad stoppt uns beide, als er die Tür zur Garage aufmacht.

»Wir wollten gerade –«

Gramps schließt die Badezimmertür hinter sich ab. Ich höre das schreckliche Klicken des Schlosses und wie der Entlüfter angeht.

»Mann, du hast geschummelt!«

Dad sagt: »Tyson, was ist hier los?«

Mit zusammengekniffenen Arschbacken jage ich zur Haustür raus. Wo erledige ich das jetzt? Bei den Privetts oder bei den Castillos? Wer wäre empörter, wenn ich bei denen ins Bad rase?

Die Privetts.

Also renne ich zu den Privetts.

Mr Privett schaut mich ganz komisch an, als er die Haustür aufmacht. Er kann gar nicht anders, weil sein Gesicht in dem Rollkragenpulli wie in einer Schlange mit ausgehängtem Kiefer steckt.

»Hallo, Mr Privett.«

»Ty. Kann ich was für dich tun?«

O Mann. Kat-5! Ich stürze an ihm vorbei und renne zum Badezimmer, schließe hinter mir ab. Ich lasse die Hose fallen und … verdeckel, Mr Privett hat es sich hier ja richtig hübsch gemacht. Es gibt einen ganzen Stapel Zeitschriften, ein echt neckisches Potpourri, und sein Klopapier ist um Längen besser als das, was wir bei Gramps haben.

Jetzt kann ich mich endlich entspannen.

Er klopft. »Tyson –«

Nein! »Komme gleich raus.«

Hier drin ist alles bestens. Hier kann ich nach Herzenslust Schöner Wohnen lesen.

Er klopft erneut.

»Ich hab’s Ihnen doch gesagt, ich komme gleich.«

»Tyson Eugene Driggs, hier ist dein Vater. Du kannst nicht einfach so bei Mr Privett reinplatzen.«

»Tut mir leid, Dad. Ich musste aufs Klo, und Gramps war gerade auf unserem.«

»Dann hättest du eben nicht einen ganzen Karton Pflaumensaft trinken sollen.«

»Hab ich gar nicht.«

»Lüg mich nicht an.«

»Ich hab bloß eine halbe getrunken.«

»Warum trinkt man denn überhaupt einen halben Karton Pflaumensaft?«

»Weil’s cool ist.«

Es folgt eine lange Pause, und ich fülle das Schweigen, indem ich ein wenig »Bergluft im Frühling« versprühe.

Er sagt: »Wir beide werden ein kleines Gespräch führen.«

»Was? Warum?«

»Um halb sieben in der Küche. Dann reden wir.«

»Ich bin momentan ziemlich beschäftigt. Sagen wir lieber halb neun.«

»Tyson«, sagt er und macht eine lange Pause. »Du gehst dieses Wochenende nicht jagen.«

Dad nimmt am Küchentisch neben Mom Platz und setzt sein väterlich-strenges Gesicht auf. Aber er kriegt mich nicht klein. Mein Körper hat sich schon lange nicht mehr so sauber angefühlt. Wahrscheinlich gibt eine Kost, die hauptsächlich aus Fruchtgummis, Cornflakes und Pizza besteht, einem Kraft.

Er sagt: »Wir müssen uns mal über deinen Großvater unterhalten.«

Ich hebe eine Braue. Ich dachte, jetzt würde über mich geredet. »Warum?«

»Ich möchte nicht, dass du noch einmal mit ihm pflaumst.«

»Aber das tut gut. Pflaumen enthalten viele Antioxidantien und Kalium.«

»Wie du weißt, hat dein Großvater gesundheitliche Probleme. Hoher Blutdruck, die Nieren –«

»Ja schon, aber jetzt hat er einen absolut sauberen Verdauungstrakt.«

Mom kichert, aber Dad hält an seinem Todesblick fest.

»Und ich möchte auch nicht, dass ihr zusammen jagen geht.«

»Warum denn nicht?«

Mom sagt: »Schatz, wo das jetzt mit dem Mann aus Portland passiert ist, das ist einfach nicht sicher.«

»Was für ein Mann aus Portland?«

»So ein Tourist, der in der Nähe der Tetons wandern war, erst vor drei Tagen, und ohne jeden Grund hat ihm ein Grizzly einen Arm abgerissen. Er hat Glück, dass er noch am Leben ist.«

»Heftig.«

»Es stimmt! Das kam überall in den Nachrichten.«

»Und wenn schon. Gramps ist auch vorher schon Bären begegnet, und das war nichts Besonderes.«

»Vor über zehn Jahren«, sagt Dad. »Aber jetzt ist er siebenundsiebzig. Glaubst du denn, er kann in dem Alter einem Bären davonlaufen?«

»Auf der Strecke zum Badezimmer hat er mich jedenfalls geschlagen.«

Dad reibt sich die Schläfen, dann die Augen. »Vielleicht nächstes Jahr.«

Das ist seine Art zu sagen, dass wir nie gehen werden.

»Dad, du weißt doch, wie viel mir das bedeutet.«

»Seit wann interessierst du dich denn fürs Jagen?«

»Ich mag Jagen. Ich habe alle Great American Hunter-Spiele, und Gramps ist mit mir ein paarmal auf dem Schießstand gewesen. Er sagt, ich schieße richtig gut. Und ich liebe die Natur. Ich habe alle Planet Earth-DVDs.«

»Willst du denn wirklich ein Tier töten?«, sagt Mom.

»Ja, sicher.«

»Warum?«

»Das kommt von diesen ganzen Videospielen«, sagt Dad, der ja immer alles genau weiß. »Ständig wird da was erschossen.«

»Nein! Nein, das ist es nicht. Es geht nicht ums Töten. Es geht um … Ich weiß auch nicht. Was anderes.« Ich fläze mich hin und brummle: »Wir sind diesen Sommer gar nicht weggefahren.«

»Was hat das denn damit zu tun?«

Wir haben uns immer alle sechs in Omas Minivan gezwängt und sind an die Westküste gefahren. Am besten hat es mir gefallen, als wir nach Los Angeles und dann den ganzen Pacific Coast Highway bis San Francisco gefahren sind. Wie wir so dicht aufeinanderhockten und alle müde waren und rochen, bin ich mir wie ein ­Bärenjunges in der Höhle vorgekommen. Als wir einen Platten hatten, hat Gramps den Reifen gewechselt. Als ich ein Stück Pizza von der Tankstelle wollte, hat Dad bezahlt. Als ich auf Ashley sauer war, weil sie gefurzt und es auf mich geschoben hat, hat Mom uns angeschrien und Oma hat gelacht. Unsere Ferien waren super.

Aber davon sage ich jetzt nichts. Das ändert ja doch nichts bei ihnen.

Dad sagt: »Es wird spät. Hast du morgen nicht einen Test in Gemeinschaftskunde?«

»Doch.«

»Na, dann ab mit dir.«

Wenn Gramps mit mir auf die Jagd gehen will, welches Recht hat Dad, es ihm zu verbieten? Schließlich ist das Gramps’ Haus. Er hat uns hier einziehen lassen, als Dad arbeitslos wurde, das Haus nicht mehr abbezahlen konnte und Konkurs anmelden musste.

Ich stecke mein Handy in die Anlage und schlage mein GMK-Buch beim Kapitel Die Beziehungen USA–Großbritannien vor dem Revolutionskrieg auf. Nachdem ich es durchgelesen habe, beantworte ich die Fragen am Ende des Kapitels, über die Hälfte falsch.

Mann, nie kriege ich die Details hin. Bescheuert ist, dass Ms Hoole in dem Test eben genau die Details abfragt. Der Arzt sagt, das liegt an dem ADS oder ADHS oder so was. Er sagt, ich kann mich nicht konzentrieren oder bin hyperaktiv, und Brighton sagt, das erklärt, warum ich so von Bären und Taylor Swift besessen bin.

Es klopft an meiner Tür. Das kann nur Gramps sein. Mom und Dad klopfen nie.

»Komm rein.«

Er setzt sich aufs Bett, ein Buch in der Hand. »Hey, tut mir leid, dass ich dir Schwierigkeiten bereitet habe.«

»Ist nicht deine Schuld, dass Dad so lahm ist.«

»Sei nicht so hart mit ihm.«

Jetzt tut es mir leid, aber nur kurz. »Dann gehen wir also nicht jagen?«

»Doch. Jawohl, du und ich, wir holen uns einen Sechsender. Eine echte Trophäe. Vielleicht fahren wir nächstes Wochenende, wenn dein Vater bessere Laune hat.«

»Großes Indianerehrenwort?«, frage ich.

»Großer Bärenschwur.«

»Hä?«

»Mach das mit den Händen.«

Er formt die Hände zu Bärentatzen, ich ebenso. Er verhakt seine Finger mit meinen, brummt dabei und schüttelt mir kräftig die Hände.

»Einen Bärenschwur bricht man nie«, sagt er. Ich habe keine Ahnung, was das bedeutet, aber ich lache ohne Ende.

Er reicht mir ein abgegriffenes gebundenes Buch mit dem Bild eines Bären darauf und dem Titel Grizzlys im Nordwesten Wyomings. »Das habe ich auf dem Speicher gefunden, hab gedacht, vielleicht möchtest du mal reinschauen. Ich weiß ja, wie sehr du Bären magst.«

Auf dem Umschlag brüllt ein Grizz und zeigt mir die Zähne. Sie sind vom Blut der weniger Glücklichen braun gefärbt. Die Augen sind seelenlose schwarze Pünktchen. Er frisst, und es ist ihm gleich, was es ist.

Gott, ich würde alles darum geben, einen Grizz aus der Nähe zu sehen.

Ich sage: »Was ist deine beste Bärengeschichte?«

»Hab ich dir die noch nicht erzählt?«

»Du hast immer gesagt, ich bin zu klein dafür.«

»Ach, na ja, jetzt bist du dreizehn. In vielen Kulturen werden Jungs in dem Alter zum Mann.«

Ich bin auf keinen Fall ein Mann. Also, ich hab ja noch nicht mal ein Mädchen geküsst.

»Meine beste Bärengeschichte also? Tja, das dürfte wohl die sein, als mein Jagdführer Brendan Rien und ich einer Wapitiherde auf der Spur waren, das war, hm … 2003. Der Wald wurde zu dicht für die Pferde, also haben wir sie an einen Baum gebunden und sind zu Fuß weiter. An dem Vormittag kriegten wir keinen Wapiti zu Gesicht, aber als wir zurückkamen, du glaubst es nicht – waren von unseren Pferden bloß die zwei Köpfe übrig; die waren noch immer am Baum festgebunden.«

»Boa. Was war das denn?«

»Ein Grizz war das.«

»Der hat zwei Pferde gefressen? Was?«

Er schüttelt den Kopf. »Rund zehn Meter weiter waren zwei Erdhaufen. Überall war Blut, und es hat gestunken, du glaubst es nicht. Er hat ihre Kadaver vergraben. Also, kannst du dir die Kraft vorstellen, die dafür nötig ist? Löcher für zwei Pferde zu graben?«

»Aber warum hat er sie denn vergraben?«

»Er hat darauf gewartet, dass sie verderben. Grizzlys mögen vergammeltes Fleisch.«

Jetzt fröstelt es mich am ganzen Körper und mein Magen ist wie eingefroren. Ich habe ein allzu realistisches Bild von vergammelten Pferden im Kopf und kriege es nicht mehr raus.

»Der Hammer«, sage ich, als würden mir vergammelnde Leiber oder Erde mit Lachen aus Pferdeblut darauf gar nichts ausmachen. Aber ich muss dringend an was anderes denken. Ich versuche es mit dem Bild des neuen Mädchens im Chor, aber das mit dem Pferdekopf steckt fest in meinem Kopf.

Ich markiere ein Lachen und sage: »Weißt du, wenn in der Nähe eine Pizzeria gewesen wäre, dann hätte er die Pferde gar nicht töten müssen.«

Gramps schüttelt den Kopf. »Du magst Pizza richtig gern, nicht?«

»Du magst den Wettersender richtig gern. Nichts für ungut.«

»Du wirst eine ganze Menge lernen. Deshalb gehe ich auch jedes Jahr in den Tetons jagen.«

»Dad sagt, du musst auf deinen Blutdruck achten.«

»Seit ich dreizehn bin, jage ich Wapitis, Hirsche und Schwarzbären. Ich muss auf gar nichts achten.«

»Du jagst, seit du in meinem Alter warst?«

»Ja. Dein Urgroßvater hat mich in die Tetons mitgenommen, und auch er war in deinem Alter, als sein Vater mit ihm hin ist. Das ist Familientradition – alle Männer jagen mit dreizehn einen Wapiti und brechen ihn auf.«

»Dad auch?«

»Na ja, er hat einen Wapiti geschossen, einen traurigen Vierender, nicht größer als ein Maulesel. Aber das Aufbrechen hat er mir überlassen.«

»Unfassbar! Dad war jagen? Und warum hat er mir nie davon erzählt?«

Gramps lacht. »Ein Tier zu töten bedeutet viel Verantwortung. Zu viel für deinen Vater.«

»Aber nicht für mich.«

»Er konnte kein Blut sehen.«

»Deshalb ist Dad schwach.«

Er lächelt. »Wie ist das Spiel deines Freundes gelaufen?«

»Dad hat mir das Handy weggenommen und das Internet ist platt. Ich kann ihn in der Schule fragen.«

Er furcht die Stirn und schüttelt den Kopf. »Geh deinen Freund besuchen. Ich fahr dich hin.«

»Und was ist mit Dad?«

»Der ist schon im Bett.«

Ich ziehe die Schuhe an. Wenn Gramps Probleme mit der Gesundheit hat, können sie nicht so schlimm sein. Er ist so, wie er immer war. Jagt immer noch Wapitis und pflaumt, und er behandelt mich nicht wie ein Kind wie Mom und Dad.

Ich sage: »Vielleicht können wir dann ja noch eine Pizza bestellen.«

Gramps schüttelt den Kopf. »Wir machen noch einen Mann aus dir.«

Ich folge Gramps die Treppe runter. Er hat das Haus mit Oma in dem Jahr gekauft, als Ashley geboren wurde und wir am anderen Ende der Stadt wohnten. Sicher, alle anderen Häuser in der Siedlung sind schöner und neuer, aber sie sehen aus, als hätte jemand eine Ausstechform genommen und genau denselben zweistöckigen Würfel hundertmal gebacken.

Gramps’ Haus hat eine Seele. Die Kiefern im Vorgarten sind riesig, während alle Nachbarn bloß Schösslinge haben, die von Stricken und Metallstangen aufrecht gehalten werden. In manchen Gärten ist das Gras nicht angewachsen, deshalb gibt’s überall Stellen mit gelbem Gras.

Mr Privett hat zwar echt gute Bäder, aber er hat keinen von Omas Gartenzwergen. Klar, dass wir deshalb gewinnen.

Ich mache die Tür zu und gehe zum Pick-up.

Gramps stellt das Radio auf 96,9 – KBCR Big Country Radio, die spielen gerade Willie Nelson und Merle Haggard. Einen von Gramps’ Lieblingssongs. Ich lehne mich zurück und stelle mir vor, wie ich mit Gramps’ Cowboyhut auf dem Kopf in meinem Pick-up durch den Canyon fahre, um wieder einen Tag bei Henry Feed and Tractor Supply in Hayden zu arbeiten. Ein Arm liegt auf dem Fensterrahmen, und ich esse Fruchtgummis, die mir meine bessere Hälfte eingepackt hat, weil sie weiß, dass ich die Dinger für eine Wucht halte, wie Oma sagen würde.

Wir biegen in Brights Einfahrt ein, in seinem Zimmer über der Garage brennt noch Licht.

Gramps bleibt im Wagen sitzen, ich klingle. Chloe bellt los.

Brights Mom öffnet mir, und Chloe kommt rausgerannt und schnüffelt mir schwanzwedelnd um die Knöchel. Ihre Augen treten aus ihrem gequetschten Mopsgesicht wie bei einer Maus in der Falle.

»Tyson, hallo. Was machst du denn hier noch so spät?« Seine Mom klingt ganz förmlich mit ihrem starken britischen Akzent. Bright ist in England geboren und in der ersten Klasse nach Colorado gezogen, aber bloß wenn er lacht, klingt er noch ganz entfernt britisch.

»Ist Brighton zu Hause?«

»Ich hol ihn mal.«

Es klingt, als würde er stolpern und die Treppe runterpurzeln. Aber er erscheint in einem Stück, in seinem grünen Polohemd und der teuren Jeans. Oder, wie ich sie nenne, seiner Dandyhose. »Hey, Ty.« Er lockt Chloe ins Haus und macht die Tür hinter sich zu. »Was gibt’s?«

»Ich wollte bloß mal hören, wie dein Spiel gelaufen ist. Habt ihr gewonnen?«

Er kratzt sich an seinem Stoppelkopf. Bright und seine Mitspieler haben sich zu Beginn der Spielzeit als eine Art Glücksbringer die Köpfe kahl rasiert. Ohne seine Zottelhaare sieht er viel älter aus.

»Nee, verloren.«

»Wie hoch?«

»Einunddreißig zu dreiunddreißig.«

»Hey, immerhin war’s knapp. Hast du Feldtore geschossen?«

»Eins aus fünfundzwanzig und eins aus neunzehn Yards.«

»Fünfundzwanzig Yards? Gutes Ding, du Footballbär.«

Er grinst schief. »Das dritte aus fünfzehn Yards war daneben, deshalb haben wir verloren.«

»So was kommt vor. Also, hey, mein Gramps und ich, wir gehen erst nächstes Wochenende jagen. Hast du Bock, dass wir morgen was machen? Es soll schneien. Vielleicht können wir ja am Snowshoe rodeln.«

Er schüttelt den Kopf, blickt zu Boden. »Ich gehe vielleicht mit ein paar aus der Mannschaft Ski fahren.«

»Oh«, sage ich. Ich kriege so ein Gefühl in der Brust. Wie ein Schmerz, aber nicht richtig. Also, ich hab das ja schon seit dem Sommer kommen sehen. Bright wird jetzt beliebt.

Ich sehe schon, wie er auf Partys geht und »vergisst«, mich einzuladen, und am nächsten Tag gehen dann Leute zu ihm hin und sagen Sachen, die ich nicht verstehe. Dann frage ich ihn, wovon sie sprechen, und er sagt: »Ach, nichts weiter. Hättest dabei sein müssen.«

Schon bald bin ich bloß irgendein Junge, dem er in GMK zunickt. Schon bald habe ich nicht nur einen Freund, sondern überhaupt keinen mehr.

Es ist, als würde mir was gegen den Brustkorb stoßen.

»Cool«, sage ich. »Und tut mir leid, dass ich’s zu deinem Spiel heute Abend nicht geschafft habe. Mir ist was dazwischengekommen.«

»Was denn?«

»Ich hab bei unserem Nachbarn gekackt.« Ich strenge mich wie blöd an, nicht zu weinen, weil es ein dummer Grund ist, wenn Bright neue Freundschaften schließt. Ist ja keiner gestorben. Ich bin einfach bloß sentimental. Also lache ich stattdessen. »Ich habe mit meinem Gramps ein paar Gläser Pflaumensaft getrunken. Mann, hast du das Zeug mal probiert? Es funktioniert.«

Er hört gar nicht zu. Guckt bloß auf sein Handy.

»Mit wem redest du denn da?«, frage ich.

»Sarah.«

»Sarahlein!«, sage ich in einer Baby-Stimme, worauf Bright kaum lächelt. »Was sagt sie?«

»Sie hat gerade gesagt, dass Amanda Morgan so ein idiotisches Schild für Nico zum Spiel mitgebracht hat.«

»Ah.«

Er lacht. »Hättest eben da sein müssen.«

»Zu deinem nächsten Spiel komme ich bestimmt«, sage ich. »Versprochen.«

Er sagt: »Ich glaub, ich muss jetzt mal weiter für den Test bei der Hoole lernen. Bis dann mal, Ty.«

Und er schließt die Tür. Er hat mir nicht mal die Zeit gelassen, Tschüs zu sagen.

Tut mir leid, dass ich für dich nicht mehr cool genug bin.

Ich steige wieder in den Pick-up.

»Alles in Ordnung?«, fragt Gramps.

»Ach, egal«, sage ich: »Komm, wir fahren zum Wasserturm.«

»Vielleicht fahren wir doch lieber nach Hause. Es wird schon spät.«

Ich sacke in meinen Sitz, beiße die Zähne zusammen. Ich bin lustiger als die Footballkids, aber warum weiß Bright das nach all den Jahren nicht?

Unterwegs sagt Gramps: »Okay, ausnahmsweise.«