Bärensleben - Birgit Hesse - E-Book

Bärensleben E-Book

Birgit Hesse

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Beschreibung

In den Wäldern Westkanadas erleben zwei Freunde abenteuerliche Begegnungen mit einer Bärenfamilie. Von der Neugier getrieben, folgen Forest und Tom den Spuren der Braunbären hinab in ein Flusstal. Zwei kleine Bären vor ihrem Zelt sind noch niedlich. Doch nach einer dramatischen Verfolgungsjagd durch die Bärin und einer aufregenden Rettungsaktion eines Bärenjungen, wird die Erkundungstour durch das Auftauchen eines Wolfsrudels noch gefährlicher ...

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Seitenzahl: 139

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Autorin

Birgit Hesse, geboren in Osnabrück, arbeitete als Textildesignerin und Coloristin für Textil- und Modefirmen. 1996 schrieb sie ihren Abenteuerroman „Bärensleben“, der 2017 in einer Neuausgabe erschienen ist. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Berlin.

Für meinen Sohn Alexander Leonidas

und alle Bärenfreunde

Inhaltsverzeichnis

Samstag, 6 Uhr morgens

Sonntag, 6 Uhr morgens

Samstag, 8 Uhr morgens

Sonntag, 6 Uhr morgens

Montag, 6 Uhr morgens

Dienstag, 6 Uhr morgens

Mittwoch, 2 Uhr morgens

Donnerstag, 7 Uhr morgens

Samstag, 6 Uhr morgens

Warum wurde es Forest, soeben viel zu früh aus den Tiefen des Schlafes geholt, mit einem Mal klar, dass er jetzt schleunigst aus den Federn kommen sollte?

Warum liefen immer dieselben Gedankenvorgänge vor seinen Augen ab?

Aufstehen! Anziehen! Antreten!

Warum gestand er sich nicht einmal hier, mitten in der Wildnis Kanadas zu, liegen zu bleiben und vor sich hin zu träumen?

Fragen über Fragen in einer Umgebung, in der die Antworten völlig egal waren. Hier drängte ihn nichts, so wie in der Army, als das unvermeidliche Gebrüll eines Offiziers die Nähe seines Ohres gestreift und ihm jene Motorik eingeimpft hatte, die nun vollkommen sinnlos geworden war. Sogar nach einigen Wochen hier in der Wildnis, ließ ihn seine Gewohnheit nicht länger ruhen.

Und er wusste, er würde sie nur schwer ablegen können.

Aber heute, heute wollte er liegen bleiben. Schließlich bot sich ihm draußen vor der Hütte ein noch immer winterliches Bild. Forest überzeugte sich rasch mit einem Blick aus dem kleinen Fenster, der ihn lediglich die Landschaft im ersten Morgengrauen erahnen ließ.

Forest wusste es selber nicht, was ihn mit seinen fünfundzwanzig Jahren in diese gottverlassene Gegend getrieben hatte und was er hier eigentlich suchen oder finden wollte, aber irgendwann würde er es schon herausfinden. Und wenn der Aufenthalt nur dazu diente, die alten Gewohnheiten schnellstens abzulegen; das hektische Aufspringen aus dem Bett zum Beispiel, das korrekte Zusammenfalten einer Zahnpastatube oder das Einsortieren der Lebensmittel in die Schränke, was einer Parkplatzordnung gleich kam.

Forest kroch an diesem Morgen nach einer weiteren Stunde ziemlich umständlich aus seinem Schlafsack heraus, der auf einer dick gepolsterten Liege lag. Schnell ertasteten seine Füße die Schuhe, gleichzeitig zog er die dicke Weste über und zündete den kleinen Holzofen an. Weiter schlurfte er zum Fenster. Forest kniete sich auf eine einfache Holzbank und schaute, ob der einsetzende Frühling schon bis in diese Höhen vorgedrungen war. Die heutige, überwiegend weiße Aussicht konnte ihm lediglich ein müdes Lächeln entlocken. Vorbei an zwei ungeschickt zusammengeschusterten Holzsesseln mit dicken Kissen, warf er einen Blick auf das Feuer und ging durch den spartanisch eingerichteten Raum zurück zu seiner improvisierten Waschecke, von einem kleinen Wandspiegel magisch angezogen. Forest strich sich verblüfft über seinen Bart, als würde er ihn erst seit heute tragen. Tatsächlich hatte er sich vor ein paar Tagen dazu durchgerungen und fand, dass diese Veränderung als Gegengewicht zu seinem noch kurzen hellen Haar ihn ein wenig verwegener aussehen ließ und gut zu seiner neuen Lebensweise passen würde. Forest wollte in nächster Zeit, wenn überhaupt, mit dem Rasiermesser langsamer in seinem Gesicht herumkurven, was er bei der Army mit Vorliebe nach der Stoppuhr erledigt hatte. Das Resultat waren meistens unzählige Kratzer, ein dämlicher Gesichtsausdruck und der anschließende Ärger darüber gewesen. Heute reichte ein Schwall eiskalten Wassers aus, den er sich aus einer Schüssel ins Gesicht schüttete, um ihn gehörig wachzurütteln. Eilig griff er zum Handtuch und zog sich ein paar warme, bequeme Sachen an.

Je mehr der Raum vom hereindrängenden Licht erhellt wurde, umso interessierter ging Forest zu einem der Fenster und schaute auf den kleinen See direkt vor der Hütte, der in der Morgendämmerung auf ganz sonderbare Weise glitzerte. Forest mochte diese Stimmung und er betrachtete den See in aller Ruhe, nur sein knurrender Magen erinnerte ihn ständig und ziemlich deutlich an ein geplantes Frühstück, was Forest wiederum ärgerte, da ER es ja nicht eilig hatte. Der Gedanke an einen heißen Kaffee ließ ihn jedoch nicht länger untätig und er verschwand wenig später in seiner improvisierten Küche. Genauer gesagt, war es die kleine Ecke neben dem Eingang, abgeteilt durch einen dicken Balken, mit einem einfachen Holztisch, zwei Stühlen, einer an der Wand befestigten Holzplatte und am wichtigsten – einem Schrank mit dem Proviant. Ein kleines Fenster gab ihm Sicht auf den dichten umliegenden Wald. Forest öffnete es einen Spalt weit und spürte sogleich die frische Morgenluft in seinem Gesicht, die ihm wesentlich angenehmer erschien, als das eiskalte Wasser. Er zündete den Gaskocher an, setzte den Wasserkessel auf und holte aus dem Schrank etwas zum Essen hervor. Teller und Tasse kamen auf den Tisch und schon bald goss er das sprudelnde Wasser auf das Kaffeepulver in seine Tasse. Dieser Duft schaffte es immer wieder, auch seine letzten grimmigen Gesichtszüge zu glätten. Forest holte ein paar Kleinigkeiten aus dem Regal, legte, ohne groß zu schauen, eine neue Kassette ins Radio ein und warf dabei einen flüchtigen Blick aus dem Fenster. Überraschenderweise verharrte er einige Sekunden in seiner bereits vorgenommenen Drehung, bevor er irritiert zum Tisch zurückging; das heißt, er ging einen … nein … keinen Schritt mehr …, blieb wie angewurzelt stehen und legte die auf einmal unwichtig gewordenen Kleinigkeiten wie in Zeitlupe auf den Tisch. Nebenbei stellte er, ohne genau hinzuschauen, das furchtbare Gedudel aus dem Radio ab, wobei ihm nicht entging, wie kleine nasse Perlchen zunehmend seine Stirn überzogen. Nicht einmal die Rasur, die ihm immer zu schaffen machte, hätte ihn so aus der Fassung bringen können.

Er wollte über den Auslöser eigentlich nicht weiter nachdenken; sein Gehirn tat es aber. Es rotierte fürchterlich. Forest traute sich nicht, sich umzudrehen und ging in Gedanken das sonst alltägliche Bild vor seinem Fenster durch:

das kleine Holzboot,

die Ecke des kleinen Sees,

viele Tannen.

Wie eine Strichliste wurde alles abgehakt, aber er konnte sich nicht erklären, was da so großes, dunkelbraunes, dieses Bild gestört hatte. Die Anzahl, der auf seiner Stirn befindlichen Schweißperlen wurde verdoppelt, nein, gleich verdreifacht und Forest blieb nur eines übrig, um Gewissheit zu bekommen: er musste sich umdrehen.

Forest tat es, blitzschnell, mit aufgerissenen Augen.

Er starrte, schnappte nach Luft und drehte sich noch schneller wieder zurück, ohne jedoch richtig geschaut zu haben. Die Zuckungen, die dabei durch seinen Körper fuhren, schien er großzügig zu übersehen.

Lange hielt er diesen Zustand der Ungewissheit nicht mehr aus. Vorsichtig drehte sich Forest nochmals um.

Einen Moment lang hatte er fast geglaubt, er hätte sich alles nur eingebildet. Nichts Ungewöhnliches war zu sehen.

Doch plötzlich dieses fürchterliche Gebrüll, erschreckend nah, irgendwo neben seinem Fenster.

Ihm zog es durch Mark und Bein.

Nie zuvor hatte Forest das Ende der Küche in nur einem Satz erreicht. Er knallte auf den Tisch, fiel mit ihm um, samt dem Frühstück.

Brüllen.

Scherben.

Plötzlich ein offenes Maul vor dem Küchenfenster.

Forest klebte an der Wand. Er glich einer Salzsäule.

Auch die Bärin schien dies zu bemerken. Sie presste ihre Schnute an das angelehnte Fenster, durch das der Duft des verschütteten Kaffees jetzt noch intensiver in ihre Nase zog. Dieser schien sie irgendwie zu besänftigen. Sie schleckte sich einmal über das Maul, bevor sie schnellstens zu ihren kleinen Bärenjungen zurücklief, die ein paar Meter weiter hinter einem dichten Gebüsch völlig verschüchtert saßen und ängstlich piepsten. Nie hätte die Bärenmutter zugelassen, die Kleinen in irgendeine gefährliche Situation zu bringen. Nur der Duft des Kaffees hatte sie ein wenig leichtsinnig gemacht und so nah an die Hütte gelockt, um einen näheren Blick riskieren zu können. Nun sah sie zu, die Kleinen schnellstens zu ihrer Höhle zurückzubringen und sie erst einmal zu beruhigen.

Irgendwie musste es Forest doch geschafft haben, sich an diesem Morgen von der Wand „abzukleben“. Fassungslos, was sich eine Minute lang vor seinem Fenster abgespielt hatte, hob er den Stuhl auf und setzte sich zitternd darauf. Der Schrecken saß so tief in ihm, dass er sich nach einiger Zeit immer noch weigerte, einen klaren Gedanken zu fassen. Ständig lief dieselbe Szene vor seinen Augen ab, nur der Blick auf eine Whiskyflasche ließ ihn innehalten. Schnell stand er auf, wobei er ein wenig in den Knien zusammensackte, griff krampfhaft zur Flasche, versuchte sie noch krampfhafter zu öffnen, was bei der richtigen Drehung auch gelang und nahm einen großen Schluck. Sein Hemd bekam das meiste ab, was er in seiner jetzigen Verfassung kaum noch wahrnahm.

Das Nachsehen, ob sich der Bär tatsächlich zurückgezogen hatte, verschob Forest eine Weile.

»Nur nichts überstürzen«, beruhigte er sich und stellte erst einmal den gekippten Tisch wieder auf.

Kopfschüttelnd schaute er auf das angerichtete Chaos und sammelte nach und nach die Scherben auf, wobei die Angst vor einem erneuten Bärenbesuch ihn ständig aufschrecken ließ.

Nach einiger Zeit der Ungewissheit holte Forest überraschend mutig sein Gewehr und schlich zur Tür. Draußen war alles ruhig, nichts bewegte sich lebhafter als sonst. Sein Blick fiel gleich auf die Spuren in der dünnen Schneedecke, die von einem ausgewachsenen Tier stammen mussten. Er schaute nur flüchtig hin, malte sich jedoch in seiner Fantasie ein noch mächtigeres Bild von dem Bären aus. Auf der anderen Seite des Hauses konnte er keine weiteren Spuren feststellen. Es hatte den Anschein, dass der Bär direkt aus dem Wald gekommen und dort wieder verschwunden war. Kurz schaute er hinter ein dichtes Gebüsch, entdeckte dabei eine Vielzahl kleinerer Tapser im Schnee, die er ebenfalls großzügig übersah und schnellstens wieder in der Hütte verschwand. Sein Herz klopfte. Unruhig rannte Forest umher, setzte sich kurz in den Sessel, sprang wieder auf, versuchte die Gedankenflut in seinem Kopf zu ordnen, vergebens, und lief abwechselnd zu jedem kleinen Fenster, die ganze Zeit mit dem Gewehr in der Hand. Nur zögernd legte er es beiseite, so, dass es ständig griffbereit war.

»Herrje … das darf doch nicht wahr sein«, murmelte er wiederholt völlig aufgelöst vor sich hin und lauschte gebannt auf jedes weitere Geräusch.

***

Außer einer Schnute, die sich in Abständen immer wieder im Eingang der Bärenhöhle zeigte und wieder zurückzog, blieb alles ruhig. Dennoch konnte es jetzt nicht mehr lange dauern, bis die aufkommende Unruhe und der beginnende Frühling die Bärenfamilie ganz aus ihrer Höhle trieb. Genauer gesagt, waren sie zu dritt und die zwei neugeborenen Frühlingsbärchen nutzten jede Gelegenheit, um ihre Schlafenszeit im Warmen möglichst lange auszudehnen. Noch unbeholfen, aber furchtbar neugierig, waren sie schon mehrmals kurz hinausgetappt, jedoch wegen des kalten Schnees schleunigst wieder umgekehrt. Die Bärin hatte schon einige Male vorher den Kopf aus der Höhle gesteckt und sich ins Freie vorgetastet. Zu größeren Anstrengungen war es dabei nicht gekommen. Mehr gereckt und gestreckt hatte sie sich und ab und zu im Schnee herumgewälzt, bevor sie wieder zu den Kleinen zurückgekrochen war. Der heutige Erkundungsgang mit ihrem Nachwuchs war schon etwas weiter ausgefallen und um einiges aufregender gewesen, was die Bärin natürlich nicht beabsichtigt hatte. Die bewohnte Hütte hatte sie neugierig gemacht, da zum Winteranfang, als sie sich in ihre Höhle zurückgezogen hatte, hier kein Mensch aufgetaucht war. Nun lagen alle drei Bären am gewohnten Ort beisammen, noch völlig irritiert von der Aufregung und drückten sich dicht aneinander.

***

Viel war nicht passiert in den vergangenen Wochen und so etwas schon gar nicht. Forest wäre wohl kaum in diese abgelegene Hütte gezogen, wenn ihm jemand eine Geschichte, wie die früh morgens erlebte, erzählt hätte. Allerdings hatte auch niemand Gelegenheit dazu gehabt. Nicht einmal der Vorbewohner dieser Hütte, den er nie angetroffen hatte. Forest selbst war es ja, der hier ohne große Überlegung für ein paar Wochen einfach einziehen wollte. Grobe Fahrlässigkeit, stellte er im Nachhinein mit einem gequälten Gesichtsausdruck fest.

Ganz geheuer war ihm die momentane Situation immer noch nicht. Mit einem Seufzer setzte er sich an den Küchentisch, brach ein Stück Brot ab und versuchte einen Bissen zu essen. Dabei irritierte ihn ein frischer Luftzug, der durch das angelehnte Fenster drang. Forest stürzte auf, drückte es mit einem kräftigen Ruck zu und sank wieder kraftlos auf seinen Stuhl. Zugegeben, er war noch total durcheinander, aber fast ein wenig stolz, so etwas Aufregendes erlebt zu haben. Außerdem wäre dies eine brillante Geschichte für seine Freunde, besonders für Tom. Dazu müßte sie allerdings etwas ausgeschmückt werden, wozu Forest jetzt genügend Zeit hatte; vorausgesetzt, es blieb weiterhin ruhig.

Apropos Tom …

Wie ein Blitz zischte es Forest durch seinen Kopf.

Er reckte sich und starrte auf den Kalender.

SAMSTAG.

KNALLORANGE.

HEUTE!

Forest sackte gleich wieder auf seinem Stuhl zusammen. Für ein paar Sekunden schloss er die Augen, riss sie wieder auf und schaute erneut auf das Datum.

TATSACHE!

AUSGERECHNET HEUTE war eben dieser

KNALLORANGE SAMSTAG.

Heute war der Tag, an dem sein bester Freund Tom ihn wieder besuchen wollte. Forest schlug sich mehrmals an die Stirn, um sich vielleicht genauer an die Abmachung zu erinnern. Leider negativ. Unzufrieden, auf einem Stück Brot kauend, starrte er auf seine Uhr.

10 Uhr.

Sobald würde Tom nicht hier sein, dachte Forest und hoffte, dass kein Bär dessen Weg kreuzen würde.

Tom war Forests bester Freund seit seiner Schulzeit. Jetzt bewohnte er im Zentrum von Dawson Creek ein kleines Appartement, mit Blick auf einige gut besuchte Lokale. Darunter befand sich auch Toms Stammkneipe, in der er samstags gelegentlich jobbte. Unter der Woche arbeitete er in einer Holzfabrik, in der man ihn, ohne groß zu fragen, wohl wegen seiner kräftigen Statur sofort eingestellt hatte. Bei dem Wochenendjob war es ähnlich gewesen. Aber schon bald hatte Tom bemerkt, dass seine Kraft auch hier von Vorteil war, wenn sich ihm einige Fäuste zwecks Geldmangels in den Weg stellen wollten. Dafür bekam er bei Schadensbegrenzung soviel Getränke vom Wirt spendiert, dass er nur hoffte, nicht selbst dadurch Schaden anzurichten.

Da Tom bei seinen bisherigen Besuchen am Nachmittag angekommen war, beseitigte Forest in Ruhe die letzten Spuren des demolierten Frühstücks. Tom sollte schließlich nicht mitbekommen, was sich an diesem Morgen hier ereignet hatte, jedenfalls nicht gleich und nicht in dieser Form. Irgendwann, wenn sich ein guter Zeitpunkt ergäbe, würde Forest ihm SEINE Version dieses Erlebnisses erzählen. Ein bisschen spannender und souveräner vielleicht, was ihn beträfe.

Und er wusste, er hätte seinen Spaß daran.

Dieser Gedankengang allein genügte schon, dass Forest seine Augenbrauen hochzog, die Mundwinkel ausdehnte und sie in einem breiten Grinsen enden ließ.

Nichtsahnend, dass Tom schon vor dem Morgengrauen aufgebrochen war, um zu ihm zu fahren, bastelte er in Gedanken an seiner Geschichte.

Bei weitem gehörte Tom nicht zu der Kategorie der Frühaufsteher, er war, genauer gesagt, diese Nacht gar nicht erst ins Bett gekommen. Nach unzähligen Pokerspielen war sein Bargeld ausgegangen, sodass Tom notgedrungen den Nachhauseweg angetreten hatte. Mit grimmigem Blick und den Händen tief in den Jackentaschen hatte er alles angebrummt, was ihm in die Quere gekommen war. Mehrere Dosen waren dabei infolge heftigster Fußtritte direkt ins Gebüsch gezischt. Seine Hände hatten unentwegt jeden Winkel seiner Taschen durchwühlt, um vielleicht doch einen Geldschein zu finden. Das Einzige, was er dabei locker machen konnte, waren die Fäden des Innenfutters. Bei all diesem Wirrwarr war Tom plötzlich sein bevorstehender Besuch bei Forest eingefallen. Gleichermaßen hatte sich sein chaotischer Gang beruhigt, dafür durchquerten einen Moment lang die tollsten Jagdszenen in den Wäldern seine Gedanken und ließen Toms Augen kurz aufblitzen. So etwas wäre mit Forest doch nicht zu verwirklichen, stellte er resigniert fest. Zu Hause angekommen war er viel zu aufgewühlt, um zu schlafen. Ein Blick auf die Proviantkiste für Forest genügte und für ihn stand fest, dass er möglichst bald aufbrechen und seinen Freund schon am Morgen überraschen wollte. Mit neuem Antrieb stopfte er alles Nötige in seine Tasche und füllte die Thermosflasche mit heißem Kaffee.

So kam es, dass Tom wenig später in seinem schwarzen Jeep Wrangler auf der Hauptstraße stadtauswärts unterwegs war. Mit einem Auge hatte er auf einer kleinen Verkehrsinsel den Meilenstein erfasst: Anfang des Alaska Highway. Hier war Tom schnell vorwärts gekommen und hatte bereits nach einer Stunde Fort St. John hinter sich gelassen. Fünfzig Meilen weiter, ab Wonowon, war die angenehme Fahrt allerdings zu Ende gewesen. Die Straße, die ab hier durch tiefe Wälder führt, war zusehends schlechter geworden, so auch seine Aufmerksamkeit infolge des Schlafmangels. Tom hatte sich verstärkt darauf konzentrieren müssen, die Abfahrt nicht zu verpassen. Was er danach vorgefunden hatte, war ein mit Löchern und Wurzeln abwechselnd durchgrabener Boden, weswegen er ständig durchgerüttelt wurde.

Genauso hartnäckig wie dieser Weg hatte sich auch die Dunkelheit gehalten. Tom hatte dies auf den Mond geschoben, der genauso fad auszusehen schien wie er. Bald war er ganz in dieses Bergmassiv vorgedrungen und hatte nur einen Wunsch: bloß keine Panne zu haben.

Warum musste irgend so ein Idiot am Ende dieses Weges eine Hütte errichten? Ausgerechnet an dieser Strecke, auf der sowieso kein normales Auto vorankommt und an deren Ende sich die Tannen vor einem aufstellen, als wollten sie niemanden durchlassen.