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Im April 1953 wird der 19-jährige Arno Drefke in der DDR als angeblicher Spion des Westens verhaftet. Nach vier Monaten Isolation, psychisch belastenden Verhören mit Schlafentzug und erpressten Geständnissen wird er zu lebenslanger Haft verurteilt. Trotz allem bleibt er optimistisch und erhält sich die Hoffnung auf Freilassung. Seine Eltern, seine Jugendfreundin Gunda und ihre Schwester Brunhilde schreiben ihm Briefe und besuchen ihn. Schließlich wird er begnadigt und endlich gibt es für ihn und Brunhilde die Aussicht auf eine gemeinsame Zukunft. Authentisch und einfühlsam erzählt die Tochter in diesem Roman die wahre Geschichte ihrer Eltern von den Anfangsjahren der DDR bis 1962.
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Seitenzahl: 518
Veröffentlichungsjahr: 2024
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VORWORT
LIEBENWALDE, APRIL 1953
KINDHEIT IN FREYENSTEIN, 1934
U-BOOT BERLIN, APRIL 1953
FREYENSTEIN, 1945
U-BOOT BERLIN, MAI 1953
LIEBENWALDE, 1952
U-BOOT BERLIN, JUNI 1953
ELTERN FREYENSTEIN, 1953
ARNO, AUGUST 1953
GUNDA, SEPTEMBER 1953
ARNO, DEZEMBER 1953
GUNDA, MÄRZ 1954
ARNO, APRIL 1954
GUNDA, JUNI 1954
ARNO, SEPTEMBER 1955
GUNDA, MÄRZ 1956
ARNO, FEBRUAR 1957
BRUNHILDE OKTOBER 1957
ARNO MAI 1958
BRUNHILDE MAI 1958
ARNO OKTOBER 1958
BRUNHILDE NOVEMBER 1958
ARNO JANUAR 1960
BRUNHILDE JUNI 1960
ARNO DEZEMBER 1960
BRUNHILDE AUGUST 1961
ARNO JUNI 1962
NACHLESE
Noch heute erinnere ich mich an den Moment, in dem ich mit meiner Mutter am Küchentisch saß und fast nebenbei eine Wahrheit über die Vergangenheit meiner Eltern erfuhr. Ich war etwa vierzehn und fragte: „Wie hast du eigentlich Vati kennengelernt?“
Sie strich über das Wachstischtuch. Schaute aus dem Fenster. Irgendetwas schien ihr unangenehm zu sein. Dann sah sie mir tief in die Augen.
„Vati war neun Jahre im Gefängnis.“ Sie zögerte, bevor sie fortfuhr. „Da habe ich ihm geschrieben und ihn besucht.“
Entsetzt starrte ich sie an. „Im Gefängnis? Warum?“ Ich kämpfte mit Tränen.
„Aus politischen Gründen – aber er darf darüber nicht reden. Wenn er darüber spricht, besteht die Gefahr, dass er wieder hinter Gitter muss“, flüsterte sie und es war mir klar, dass sie nicht mehr dazu sagen würde.
Lange fragte ich mich: Hat meine Mutter das aus Mitleid getan? Warum erfahre ich das von ihr und nicht von ihm? Was hat er getan? Welche politischen Gründe waren das? War er dort gemeinsam mit Verbrechern und vielleicht sogar Mördern? Wie konnte er das aushalten? Der Blick auf meinen Vater hatte sich mit dieser Information gewandelt. Ich betrachtete ihn mit anderen Augen und fragte mich, welche Geheimnisse er verbarg.
Irgendwann fasste ich den Mut und fragte ihn danach. Er reagierte ziemlich unwirsch. „Das ist lange vorbei!“ Er kann sehr stur sein, wenn ihm etwas nicht passt. Die Tatsache, dass mein Vater im Gefängnis war, erklärte mir seine Angepasstheit und oft negative Einstellung zum Sozialismus, die ich spürte, die er aber nie nach außen zeigte. Das er über seine Gefangenschaft nicht sprechen durfte, konnte ich nicht verstehen und es war für mich schwierig, das einzuordnen.
Der Fall der Mauer veränderte unser Leben in der Familie und wir mussten uns neu orientieren. Doch mein Vater sprach noch immer nicht über die Zeit im Gefängnis, als sei ihm durch das jahrzehntelange, erzwungene Schweigen die Möglichkeit abhandengekommen, darüber zu sprechen. Erst als die Gedenkstätte in Berlin Hohenschönhausen öffnete, lud er uns als Familie dorthin ein und erzählte über seine Haft im U-Boot. Er fand seine neue Bestimmung darin, in den Folgejahren als Zeitzeuge in der Gedenkstätte zu arbeiten. Voller Stolz berichtete er von seinen Führungen und Projekten, die er begleitete.
Einmal gab er mir die Ergebnisse einer Projektarbeit von Schweizer Jugendlichen zu lesen, die ihn befragt hatten. Seine Antworten berührten mich und ich dachte: „Warum habe ich ihn das bisher noch nicht gefragt?“ In mir keimte der Wunsch, mehr darüber zu erfahren. Daraufhin gaben mir meine Eltern und meine Tante Gunda alle Briefe, Dokumente, Tagebücher und Fotos aus dieser Zeit, die sie gesammelt hatten. Ich begab mich auf Spurensuche, recherchierte, befragte meine Eltern und andere Zeitzeugen. Je tiefer ich in ihre Geschichte eintauchte, desto mehr erwachte in mir der Wunsch, ihre Erfahrung in einem Buch zu erzählen.
Es war faszinierend, denn die Materialien und Interviews offenbarten nicht nur Zeitgeschichte und Details aus dem Leben meiner Eltern, sondern eröffneten mir auch Zugang zu Charakter und Ansichten zweier junger Menschen, die in den Anfangsjahren der DDR trotz schwierigster Umstände zueinander fanden.
Birgit Hesse, Januar 2024
Der Tag, an dem Arnos Welt aus den Fugen geriet, begann mit einem nebelverhangenen Frühlingsmorgen. Es war der 19. April 1953, ein Sonntag. Er würde sich später oft fragen, ob er es hätte ahnen können. Weshalb hatte er nichts bemerkt? Wie konnte sich ein so folgenschweres Ereignis in seinem Leben anbahnen, ohne dass er es kommen gesehen hatte? Ausgerechnet er, der Überraschungen verabscheute, seine Vorhaben bis ins Detail plante und als Schachspieler mehrere Züge seines Gegners vorausdenken konnte. Das schrille Rasseln des Weckers riss Arno aus dem Traum. Erwartungsvoll sprang er aus dem Bett. Für gewöhnlich schlief er sonntags aus. Heute war das anders. Aufmerksam betrachtete er sein verschlafenes Gesicht im Spiegel – verdammte Haare, die einfach nicht so wollten wie er. Als Drogist hatte er natürlich Birken-Haarwasser zur Hand und sprenkelte einige Tropfen über seinen Kopf. So bändigte er die abstehenden Strähnen und legte sie korrekt in den Seitenscheitel. Eine frische Duftwolke umhüllte ihn.
Aus dem Krug goss er einen Schwall Wasser in die Blechschüssel und spritzte sich mit beiden Händen kalte Tropfen ins Gesicht. Beim Abtrocknen strich er sehnsüchtig über sein spitzes Kinn. Es war noch kein Barthaar zu fühlen. Wann würde es endlich soweit sein? Bisher kringelten sich nur einige weiche Flaumhaare um sein Kinn. Da gab es noch nichts zu rasieren. Heute, wo er es eilig hatte, empfand er das allerdings als sehr praktisch.
Er lauschte. Es war nichts zu hören. Auf Zehenspitzen schlich er aus seinem Zimmer. Möglichst schnell und unbemerkt wollte er in seine neuen Schuhe und in den Trenchcoat hineinschlüpfen und dann zur Tür hinaus entschwinden. Gerade als er vornübergebeugt dastand und sich die Schnürsenkel zuband, ging die Tür auf. Seine Chefin erschien und musterte ihn mit einem besorgten Blick. Die Art, wie sie sich auf ihn zubewegte, erinnerte Arno an eine Glucke, die ihr weglaufendes Küken einfangen will.
Er richtete sich auf und griente sie an. „Hallo, Frau Sukrow.“
Sie gehörte zu den Frauen um die fünfzig, die früher sicher einmal hübsch gewesen waren. Jetzt war ihr Haar grau meliert, sie hatte eine schlanke große Figur und gleichmäßig strenge Gesichtszüge. Tiefe Kerben und Falten hatten sich ins Gesicht eingegraben. Sie sah älter aus als sie tatsächlich war und wirkte traurig. Weil ihr Mann vor einem Jahr verstorben war, arbeitete Arno seit ein paar Monaten als Drogist bei ihr in Liebenwalde. Er bewohnte das kleine Zimmer zum Hof hinaus. Sie sorgte für ihn und war eine Art Mutterersatz für den gerade Neunzehnjährigen.
„Dachte ich mir, dass ich dich gehört habe“, bemerkte sie. Sie war noch nicht angezogen, hatte sich einen bunten Morgenmantel übergeworfen. Die Glucke trägt ihr Federkleid, dachte er schmunzelnd.
Irritiert stellte sie fest: „Heute ist Sonntag.“
Sonst schliefen sie sonntags aus, setzten sich dann in die Küche und ließen sich die Marmeladenstullen schmecken. Frau Sukrow stellte den Pfeifkessel auf und sie hörten Radio. Sie konnte eine angenehme Fürsorglichkeit an den Tag legen.
„Wie wär’s mit Frühstück?“
„Bin gleich weg“, sagte Arno schnell und schlüpfte in seinen Mantel.
Wenn sie wüsste, was er vorhatte. Weder ihr noch seinen Eltern hatte er von seinem Vorhaben erzählt. Sie sollten sich nicht sorgen. Wenn er seiner Chefin oder seinen Eltern davon berichten würde: Wie würden sie reagieren? Entsetzt? Fassungslos? Sicher hätte es nur so Verbote für ihn gehagelt. Obwohl er mit sich im Einklang war, keine Furcht empfand und überzeugt war, das Richtige zu tun, wurde er einen kurzen Moment das Gefühl nicht los, dass irgendetwas nicht stimmte. Etwas an der Situation behagte ihm nicht, er wusste nicht, was es war. Vielleicht bilde ich es mir nur ein, dachte er.
Er öffnete das große Tor und schob sein Fahrrad hinaus in die Morgendämmerung. Kühle Morgenluft witterte er. Er hob das Hinterrad an und brachte die Pedale in die gewünschte Ausgangsstellung. Mit zwei Stößen verschaffte er sich den nötigen Schwung zum Aufsitzen und fuhr zunächst schlingernd, dann über das Pflaster stuckernd auf das Rathaus zu in Richtung Ortsausgang. Erst vor drei Wochen zu Ostern hatte er sein Fahrrad nach Liebenwalde mitgenommen. Das ewige Warten auf die Heidekrautbahn, die viel zu selten fuhr, hatte er satt. Mit seinem Fahrrad war er unabhängig und frei. Hin und wieder stahl sich ein Streifen Sonne zwischen den Nebelwänden hervor und sickerte über die Gräser und Bäume. Kein Laut war zu hören. Obwohl Arno nach Berlin wollte, die Stadt, die er über alles liebte, hatte er noch einmal ein beklemmendes Gefühl, das er nicht einordnen konnte.
Der S-Bahnhof Oranienburg war noch immer umgeben von einem riesigen Trümmerfeld. In den acht Jahren seit dem schweren Luftangriff auf Oranienburg im März 1945 waren erst vereinzelt die Erdgeschosse einiger Gebäude wiederaufgebaut worden. Es gab immer noch Räume mit drei Wänden, die in der Luft zu hängen schienen. Lichtschalter, Kachelöfen und Tapeten waren noch intakt. In einem der Räume stand ein verrostetes Bettgestell. Als Arno vor der Bahnhofshalle stand, sah er sich suchend um. Ob es hier inzwischen eine Gepäckaufbewahrung gab? Sein wertvolles Fahrrad konnte er nicht einfach am Bahnhof abstellen. Hinter jeder Ecke lauerten Spitzbuben, die sofort ihre Finger ausstreckten, wenn ein herrenloses Rad irgendwo herumstand. In einem Nebengebäude entdeckte Arno eine Gepäckaufbewahrung. Dort konnte er sein Rad sicher unterbringen und erhielt einen Aufbewahrungsschein.
Auf dem Bahnsteig erwartete ihn bereits die S-Bahn mit offenen Türen. Da ertönte die Lautsprecherstimme „Zuuurückbleimbitte!“ Schnell sprang Arno hinein. Am Ostbahnhof stieg er aus. Er hatte etwas Zeit, bis sein Zug nach Erfurt fuhr. Die Radfahrt hatte seine Kehle ausgetrocknet. Er kramte in seiner Brieftasche. Das Geld brauchte er fast vollständig für seine Fahrkarte. Er war bereits Drogist, wurde aber so schlecht bezahlt wie eine Hilfskraft. Ständig litt er unter Geldmangel. Nach längerem Kramen in sämtlichen Taschen seiner Kleidung brachte er fünfzig Pfennige Hartgeld zusammen. Das reichte für eine Brause, die er am Kiosk auf dem Bahnsteig kaufte. Direkt vor seiner Nase befand sich der Ständer des Kiosks mit den Zeitungen des Tages. Wenigstens ging es nicht mehr um Stalins Tod. Gelangweilt las er die Schlagzeilen: „Aufbau des Sozialismus“, „Schaufensterwettbewerb zu Ehren des 1. Mai“. Plötzlich blieb er an dem Wort „Lebensmittelkarten“ hängen. Er verrenkte sich, um ein Stück von dem darunter stehenden Text zu erhaschen. „Ab 1. Mai keine Lebensmittelkarten mehr für Firmeninhaber, Handwerker und Händler.“ Auf Lebensmittelkarten gab es Butter, Margarine, Öl, Zucker und Fleisch. Essbares, das legal auf dem freien Markt überhaupt nicht mehr zu bekommen war. In letzter Zeit nahmen Lieferprobleme bei Brot und Mehl zu. Ohne Lebensmittelkarten konnten sie nur noch in den staatlichen Läden der Handelsorganisation HO einkaufen. Dort war es unverschämt teuer. Ein Stück Butter kostete zum Beispiel zwanzig Mark. Arno fragte sich, ob das nur auf die Drogerie-Inhaberin Frau Sukrow zutraf oder war er als ihr Angestellter ebenfalls davon betroffen?
„Det wird immer schlimmer …“, sagte der Kioskbesitzer, der gesehen hatte, wohin Arnos Augen glitten. „Icke meene, det kann nich so weiterjehn. Keen Wunder, dat die alle inn Westen jehn.“
Ja, es waren Hunderttausende Flüchtlinge pro Jahr, wusste Arno. Wie lange noch würden die Flüchtlinge durch Berlin in den Westen strömen, bevor die DDR aus Mangel an Arbeitskräften einen totalen Zusammenbruch erlitt? Arno murmelte etwas Zustimmendes und wunderte sich über so viel Offenheit des Kioskbesitzers. Er trank seine Brause in einem Zug aus. Das Wechselgeld reichte noch für die „Neue Zeit“, mit der er nachdenklich zum Bahnsteig zog.
In Erfurt stieg er um in den Zug nach Langensalza. Die Abenteuerlust hatte ihn wieder gepackt, die ihn neulich schon zu einer Fahrt nach Bad Schandau gedrängt hatte. Unstillbare Neugier trieb ihn an, neue Orte zu entdecken. Er presste seine Nase ans Zugfenster. Berge rauschten an ihm vorüber. In allen Grüntönen leuchteten die jungen Triebe an den Bäumen in der Sonne. Hier in Thüringen war die Natur etwas weiter als in seiner Heimat, der Ostprignitz. Fachwerkhäuser gab es in Langensalza in allen Variationen. Wie Spinnennetze spannten sich die Balken über die Häuser. So vielfältig geschmückt, eins verwobener als das andere, mit vielen kleinen Fenstern und Erkern. Arno suchte in den verwinkelten Gassen nach der Adresse, die er sich eingeprägt hatte. Da entdeckte er die Hausnummer. Hier musste es sein. Die Eingangstür befand sich in einem großen Rundbogen. Beim Öffnen knarrte sie laut. Es überfiel ihn ein Schauer. Benimm dich nicht so kindisch, sagte er streng zu sich. Du drehst bald durch und das kannst du dir nicht leisten. Er ignorierte sein Gefühl. Leichtfüßig stieg er die Stufen hinauf.
An der Klingel entdeckte er den Namen „Friedrich“. Schrill ertönte die Klingel. Die Tür schlug auf. Sie erkannten einander gleich. Die kalten Augen warfen einen falschen Blick auf ihn. Schnell streckte der Mann Arno die Hand entgegen, begrüßte ihn kurz mit einem laschen Handschlag, der sich ganz plötzlich in einen festen Händedruck wandelte. Friedrich packte zu, zog Arno in den kleinen Flur, trat hinter ihn und verschloss die Tür zur Treppe. Seitlich aus den Augenwinkeln erblickte Arno zwei Männer. Blitzschnell stürmten sie aus der Seitentür auf ihn zu.
„Sie sind verhaftet!“ Das traf ihn wie ein Peitschenhieb und er konnte sich nicht wehren, als sie ihm seine Tasche entrissen. Jetzt hatten sie ihn. Er war ihnen direkt in die Falle gelaufen.
„Gesicht zur Wand! Hände hoch!“, herrschten sie ihn an. Mechanisch folgte Arno den Befehlen ohne nachzudenken, und stützte seine Arme an die Wand. Daraufhin klopfte man gründlich jeden Zentimeter seines Körpers ab. Wie bei einem Verbrecher, der vom Tatort fliehen wollte. Was suchen die nur, fragte sich Arno. Sein Gehirn arbeitete seltsam langsam. Nach und nach wurde ihm klar, dass sie dachten, er habe eine Waffe bei sich. Der Mann, der Arnos Tasche durchwühlt hatte, packte seinen Arm. Instinktiv versuchte Arno, sich dem Griff zu entziehen.
„Mitkommen! Bei Flucht wird geschossen.“
Sie nahmen ihn in die Mitte. Seine Knie wurden weich. Langsam bewegte er sich und hoffte, dass ihn seine zittrigen Beine tragen würden. Eilig schleiften sie ihn die Treppe hinunter. Auf der Straße spähten sie nach rechts und links und winkten ein wartendes Auto heran. Der Unbekannte stieß ihn zum Wagen. Arno musste hinten einsteigen, saß eingerahmt von den beiden Monstern auf der Rückbank des Wagens. Friedrich saß vorn, seine Finger fuhren langsam durch die Haare. Arno blickte auf seinen platten Hinterkopf und fluchte innerlich: Verräter, Verräter! Er ballte die Fäuste, sein Körper zitterte wie Espenlaub. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Alles stürmte so plötzlich auf ihn ein. Nach und nach wurde ihm klarer, was geschehen war. Er stöhnte leise, als ihm aufging, in welche Falle er geraten war: Er befand sich in den Fängen der Staatssicherheit. Es kursierten viele Gerüchte über Folterungen und Misshandlungen durch die Stasi. Arnos Mut sank.
Der Wagen hielt vor einem grauen Gebäude. Rechts und links von seinen Begleitern flankiert, ging Arno die Stufen zur Pforte hinauf. Hinter ihm fiel krachend das schwere Tor zu. Endlos scheinende Gänge, Treppen, wieder Gänge, Türen, Treppen, Gänge. Schließlich blieben sie stehen, öffneten eine Tür und schoben Arno in den Raum dahinter. Dort erwartete ihn ein Uniformierter, der hinter einem Tisch saß.
Mit prüfendem Blick musterte er Arno und las betont langsam vor. „Arno-Gustav-Karl Drefke, geboren 1934 in Wittstock/Dosse. Sind sie das?“
In Arnos Schläfen pochte es. Er nickte.
Der Uniformierte erhob sich und forderte Arno mit einem Fingerzeig auf: „Hosentaschen leeren, Gürtel und Schnürsenkel auf den Tisch!“
Arno kramte mühsam aus der linken Hosentasche die Rolle Pfefferminz hervor. Zwei lose Bonbons rollten in die Mitte des Tisches und blieben hin- und her- schaukelnd liegen. Sein Mund war ausgetrocknet und am liebsten hätte er einen davon in den Mund gesteckt. Das wagte er in dieser Situation nicht. Langsam bückte sich Arno und zerrte die Schnürbänder aus seinen Schuhen. Öffnete den Gürtel und zog ihn aus den Laschen seiner Anzughose. Der Uniformierte verließ mit Arnos Sachen den Raum. Die beiden Begleiter hatten hinter dem großen Tisch Platz genommen und blätterten in Papieren herum, ohne Arno eines Blickes zu würdigen. Sie trugen unterschiedlich karierte Jacketts. Der eine hatte ein scharf geschnittenes eckiges Gesicht und einen gerade gezogenen Seitenscheitel. Der andere war fülliger und fiel durch seine schiefe Nase auf. Friedrich hielt sich stehend im Hintergrund.
„Sie wissen, weshalb Sie hier sind“, knurrte der mit dem Seitenscheitel. Es war keine Frage, das hörte Arno sofort. Er schüttelte den Kopf. Er wollte etwas sagen, Einspruch erheben, seine Kehle jedoch war wie zugeschnürt.
„Spielen Sie hier nicht den Ahnungslosen!“ Der mit der schiefen Nase trommelte mit einem Stift auf dem Blatt herum, das vor ihm lag, erhob plötzlich seinen Arm und zeigte auf Friedrich.
„Kommt Ihnen der bekannt vor?“
Arno warf einen Blick zu Friedrich und schaffte es, mit den Schultern zu zucken.
„Ja“, sagte er schließlich und räusperte sich.
„Ach, was Sie nicht sagen …“, der mit dem Seitenscheitel stieß eine Art Schnaufen aus. „Und Sie haben natürlich nicht das Geringste mit der Sache zu tun?“
„Nein“, schoss es aus Arno hervor.
„In Ihrem eigenen Interesse wäre es besser, wenn Sie hier die Wahrheit sagen.“
Der Schiefnasige fing an zu predigen. Irgendwie ging es um die Pflicht eines sozialistischen Staatsbürgers, den Sozialismus gegen den Klassenfeind zu verteidigen. Immer wieder würden amerikanische und Bonner Kriegstreiber versuchen, junge Menschen für verbrecherische Ziele zu missbrauchen und vor den Karren der amerikanischen und westdeutschen Imperialisten zu spannen. Sich mit einer faschistischen Terrororganisation einzulassen und gegen Jugendgruppen zu arbeiten, die sich für den Frieden und die Einheit Deutschlands einsetzten, das verstoße gegen die Gesetze der Deutschen Demokratischen Republik. In diesem Land werde und könne es keine Betätigungsfreiheit für jene geben, die den Generalkriegsvertrag propagierten, unterstützten und somit Feinde der deutschen Nation waren. Die Rede klang in Arnos Ohren eher allgemein. Wurde sie für ihn gehalten oder für die anderen Anwesenden, die ihn mit ausdrucksloser Miene beobachteten?
„Haben Sie uns jetzt etwas zu sagen?“
Die drei Männer starrten ihn an, als erwarteten sie einen Kniefall und ein Schuldgeständnis. Arno wich den Blicken aus, senkte die Lider. Es beunruhigte ihn, dass die Kerle so lange nicht sprachen. Das Schweigen konnte alles oder nichts bedeuten.
„Wenn Sie uns sagen, was Sie wissen, Arno Drefke, dann kommen Sie schnell wieder hier raus“, sagte der Dicke schließlich.
„Die Regeln bestimmen wir und Sie haben keine Chance, wenn Sie ihnen nicht Folge leisten.“ Die Stimme klang tonlos, neutral, als hätte der Mann vom Wetter erzählt, doch Arno überhörte die Drohung keineswegs: Wenn Sie nicht mit uns zusammenarbeiten, dann haben Sie einiges zu befürchten.
Tapfer blieb Arno dabei: „Ich weiß nichts.“
Der andere Typ hob sein kantiges Kinn jäh in die Höhe, als wollte er einen Angriff starten.
„Wenn Sie stur bleiben, müssen wir Sie woanders hinbringen. Das kann sehr fern sein“, sagte der Stämmige bedauernd.
Erschrocken dachte Arno an die furchtbaren Berichte über Sibirien. Angstvoll flüsterte er: „Wo bringen Sie mich hin, wohin?“
Er bekam keine Antwort. Plötzlich erhoben sich die beiden Männer, kamen um den Schreibtisch herum, einer rechts, einer links, nahmen ihn in die Mitte und führten ihn in eine kleine Zelle. Weiß gekalkte Wände, steinerner Fußboden, eine Pritsche, ein Kübel. Durch das vergitterte Fenster schaute er in die Dunkelheit. Von einer kleinen Lampe über der Tür kam Licht. Hier war er ganz allein. Isoliert. Kaltgestellt. Er war geächtet, ausgestoßen, verbannt. Eingesperrt in beißender Kälte. Sollte er laut aufbegehren? Klein beigeben? Sich wegducken? Er hockte allein in dieser Zelle und fühlte, wie die Kälte in ihn hineinkroch. Ein Zittern am ganzen Körper erfasste ihn. Er setzte sich auf die Pritsche und presste die Hände auf dem Schoß ineinander.
Erst seit Kurzem engagierte er sich beim Bund Deutscher Jugend (BDJ) stärker. Gleich bei seinem ersten Auftrag hatten sie ihn erwischt. Dummerweise hatte er bei dem letzten Treffen mit seinem BDJ-Kontaktmann Kroneck vor vier Wochen zu viel geplaudert. Dieser Spitzel Friedrich war dabei gewesen. Was sie dort besprochen hatten, konnte er schlecht leugnen. Der Verräter Friedrich hatte ihn in diese Falle gelockt. Ein verhängnisvoller Tag. Immer wieder hatten die „Herren“ betont, dass sie ohnehin alles wussten, es aber von ihm bestätigt haben wollten. Wie nur geht das alles hier weiter, fragte er sich.
Er dachte über eine Taktik nach. Sollte er sich vollkommen ahnungslos geben? Was wussten sie alles über ihn? Er versuchte, sich an alle Details des Gespräches beim Treffen mit Kroneck und Friedrich zu erinnern. Wenn er das gewusst hätte. Um keinen Preis hätte er nach Langensalza fahren dürfen. Arno konnte sich seine Verhaftung nur damit erklären, dass Friedrich im Auftrag der Stasi im BDJ eingeschleust worden war. Seine Gedanken kreisten. Wer wagte es, ihn hier einzusperren? Er neigte stets dazu, alles möglichst leicht zu nehmen, das Schlimmste erst bei Eintritt des Schlimmsten zu glauben. So jung wie er war, sorgte er sich selten um seine Zukunft, selbst wenn alles zu zerbrechen drohte. Eine Ahnung sagte ihm, dass die alte Zeit nie wiederkehren würde, er versuchte sich trotzdem an die Hoffnung zu klammern, der Albtraum würde vergehen und alles würde wieder so sein, wie es einmal gewesen war. Wie in Trance bewegte er sich in der Zelle hin und her, bis er irgendwann einschlief.
Am Morgen holten sie ihn. Blieben vor einer Tür stehen, öffneten sie und schoben Arno in das dahinterliegende Zimmer. Geblendet blinzelte er in das Licht einer Lampe, die direkt auf ihn gerichtet war.
„Setzen!“, sagte jemand.
Arno setzte sich auf einen Stuhl, der direkt vor einem Schreibtisch stand. Das grelle Licht wurde abgedreht, und er konnte den Mann erkennen, der ihm gegenüber an der anderen Seite des Tisches saß. Er trug eine Uniform und eine Brille mit schmalem Goldrand. Schmächtig und unscheinbar wirkte er. Arno fielen die unbeweglichen, wie versteinerten Gesichtszüge auf, mit denen er ein Schriftstück auf den Tisch legte.
Mit einem Fingerzeig kam der Befehl: „Hier unterschreiben“.
Rasch überflog Arno das Papier. „Festnahmeanzeige wegen Spionageverdacht“ stand dort. All seine Sachen, die sie ihm abgenommen hatten, waren aufgelistet. Sogar sein Sportabzeichen, ein Ohrenreiniger, Kragenstäbchen und Sockenhalter, sein Schachspiel mit einundreißig Figuren, die Zeitung und so weiter musste er mit seiner Unterschrift bestätigen. Wieder musste er seine Personalien angeben. Jetzt fragte der Uniformierte weiter: „Was sind Ihre Eltern?“
Was interessieren hier meine Eltern, dachte Arno wütend. Seine Eltern hatten mit der ganzen Sache gar nichts zu tun.
Widerwillig antwortete er: „Mein Vater ist Drogist, meine Mutter Hausfrau.“
Dann kamen Friedrich und der Mann mit der schiefen Nase in den Raum und verfolgten die Vernehmung.
„Wann und wo wurden Sie für den BDJ geworben?“
„Ich wurde nicht geworben“, platzte Arno wütend heraus.
Der Uniformierte stöhnte, zog die Stirn kraus und fragte aggressiv: „Wie sind Sie dann zu diesem Verbrecherverein gekommen? Wer hat sie geworben?“
Verbrecherverein? Nach einer langen Pause räumte Arno widerwillig ein: „Niemand hat mich geworben. Mein Cousin Klaus aus Westberlin hat mir davon erzählt.“
Nach einer langen Pause des Schweigens fragte sein Gegenüber gezielt weiter.
„Wofür wurden Sie zur Mitarbeit in der Ortsgruppe herangezogen?“
Ortsgruppe – wie sich das anhörte. Er merkte, wie sein Gesicht heiß wurde. Er war allein und aus eigenem Interesse bei Kroneck aufgekreuzt.
Arno schüttelte den Kopf. „Es war keine Ortsgruppe. Ich war allein.“
„Herr Drefke, ich muss Ihnen sagen, dass es für Sie unangenehm werden könnte, wenn Sie uns nicht alles sagen.“
Arno bemühte sich, nicht zusammenzuzucken.
„Sie wissen schon, dass dieser Bund Deutscher Jugend eine faschistische Organisation ist, die Spionage gegen unser Land betreibt?“
Kalte Augen musterten ihn aufmerksam. Dann mischte sich Friedrich ein.
„Seit wann hatten Sie Ihren Decknamen ‚Kaiser‘?“
„Seit …“ Arno zuckte kurz mit einer Schulter. „Seit Ende Januar.“
Der Uniformierte fragte: „Was war konkret Ihr Auftrag?“
Arno wurde vorsichtig. Zeigte er sich schuldbewusst, wenn er diese Fragen konkret beantwortete? Ein Gefühl sagte ihm, es wäre geschickter, wenn er seine ursprünglich geplante Taktik der vollkommenen Ahnungslosigkeit aufgäbe. Er spürte, dass er diese Herren nicht würde täuschen können. Vielleicht hatte er bessere Karten, wenn er sich aufrichtig zeigte.
„Ich sollte Personen besuchen, die für den BDJ arbeiten. Von diesen Personen sollte ich Unterlagen entgegennehmen und abliefern.“
„Herr Drefke, das wollen wir konkreter wissen.“
Fragen über Fragen prasselten auf Arno ein, die er wahrheitsgemäß beantwortete. Der Brillenmann schrieb und schrieb.
Nach einer kurzen Pause hob er den Blick und las ab: „Ihr Auftrag war es, etwas über das Frauengefängnis in Hoheneck herauszufinden. Über die Bewachung, die Unterkunft und die Verpflegung der Frauen sowie über Fahndungsmaßnahmen bei der Flucht von Häftlingen.“
Arno hatte davon noch nie etwas gehört und schüttelte verzweifelt den Kopf.
„Wie sammelten Sie diese Informationen?“
Arno schwieg und Friedrich lieferte die Antwort: „Sie sollten alte Bilder vom Schloss Hoheneck beschaffen und dann selbst Aufnahmen vom Gefängnis machen.“
Arno zuckte mit den Schultern.
Jetzt wurde der Brillenmensch fordernd. „Was hatten Sie dort vor?“
Friedrich plauderte: „Es ging um ein Mädchen aus dem BDJ, das in diesem Frauengefängnis an offener TBC erkrankt war. Diesem Mädchen wollten Sie schnellstens helfen.“
„Wie wollten Sie ihr helfen?“
Arno blieb weiterhin stumm und starrte entsetzt zu Friedrich, der antwortete: „Sie brauchte dringend Lebensmittel und sie sollte befreit werden.“
„Wie wollten Sie das anstellen?“, bohrte der Uniformierte weiter. Es entwickelte sich ein Dialog zwischen Friedrich und dem Uniformierten.
„Man hatte früher einmal Personen aus einem Gefängnis herausgeholt.“
„Und … wie sollte das gelungen sein?“
„Ein sowjetischer Soldat hatte Entlassungspapiere für den Häftling überbracht.“
„Und diese verbrecherische Tat wollten Sie wiederholen?“, wandte sich der Uniformierte bissig an Arno.
Dieser schüttelte energisch den Kopf. „Nein, ich weiß von alledem nichts.“
Die blassblauen Augen hinter der Brille wurden um eine Nuance kälter.
„Was bekommen Sie für Ihre Kuriertätigkeit?“
Kuriertätigkeit – wie sich das anhörte. Arno merkte, wie ihm ganz heiß wurde. Dabei hatte er bisher noch gar keinen dieser Aufträge erledigt. Es ging ihm überhaupt nicht um Geld dabei.
„Für diese Fahrt sollte ich mein Fahrgeld zurückbekommen“, erwiderte Arno ruhig.
Der Vernehmer sprang auf und schrie Arno an. „Halten Sie mich für dämlich? Ich lasse mich nicht für dumm verkaufen. Wie viel konkret?“
Arno zuckte zusammen und flüsterte ergeben: „Hundert Mark.“
Der Brillenmensch glaubte ihm nicht im Entferntesten. Er dachte sicher, jetzt habe er einen Top-Agenten vor sich. Arnos allmählich immer kläglicher werdende Beteuerungen wertete er vermutlich als Zeichen besonders verdächtiger Verstocktheit. Deshalb wurde der Kampf zwischen ihnen immer verbissener. Arno sagte sich, dass er unter allen Umständen die Nerven behalten müsse. Bleib ruhig, bleib ruhig, befahl er sich selbst. Nach fast vier Stunden wurde er wieder in die kleine Zelle zurückgebracht. Erschöpft ließ er sich auf die Pritsche fallen und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Seit der Festnahme war sein Leben ein böser Traum. Da war er hier in so einer Zelle. Was machte er nur für merkwürdige Erfahrungen? Wem würde er davon erzählen, wenn er hier wieder herauskam? Denn bald würde sich ja der offensichtliche Irrtum herausstellen.
Am nächsten Morgen wurde ihm auf dem Weg ins Vernehmerzimmer bewusst, dass das Erschreckende nicht in dem Gewöhnlichen einer Verhaftung bestand. Es bestand darin, dass er verhaftet wurde, er und kein anderer. Warum war es kein Angsttraum, aus dem er aufwachte und schrie? Warum war das die Wirklichkeit? Sie drängten ihn zur Eile und zwangen ihn, das Vernehmungsprotokoll vom Vortag zu unterschreiben. Einige Minuten später landete Arno auf der Rückbank eines Wagens, eingekesselt zwischen zwei Bewachern.
„Wohin gehts?“, erkundigte er sich vorsichtig.
Das habe ihn nicht zu interessieren, brüllte ihn sein rechter Bewacher an. Er habe keine Fragen zu stellen. Sie legten ihm Handschellen an und setzten ihm eine dunkle Brille auf die Nase. Sie ließen ihn nichts sehen. Sie waren drei und er allein. Sie steuerten den Wagen, ohne zu sagen, wohin. Fragen wurden nicht beantwortet. Sie gaben Befehle, die er zu befolgen hatte. Fremder Wille dominierte und ordnete ihn unter. Sie fuhren ungefähr zwei Stunden. Plötzlich drückte eine grobe Hand seinen Kopf herunter, als wollte sie ihn unter Wasser tauchen. Raschelnd falteten sie Papier auseinander und breiteten es über seinen Rücken aus. Er vermutete eine Landkarte, so konnten sie ihn auf dieser Fahrt ins Ungewisse tarnen. Plötzlich drang das Quietschen einer Straßenbahn in Arnos Ohren. Aufgrund der Fahrzeit und des Geräusches der Straßenbahn wurde ihm klar, dass er in Berlin war. Wo in Berlin war er genau?
Sie blieben stehen. Mit einem lauten Krachen öffnete sich vermutlich ein Tor. Sie fuhren weiter und nach einer Minute wieder dieser eiserne Knall. Endlich nahm man ihm die schwarze Brille ab und zog ihn aus dem Auto. Geblendet vom Tageslicht taumelte er auf ein rotes Backsteingebäude mit Gitterfenstern zu. Arno kam gar nicht zum Denken und Schauen, da war er schon im Inneren des Gebäudes. Desorientiert wurde er in einen kleinen Raum geführt. Nackte Glühbirnen sandten kaltes Licht. Jeweils zwei Männer und zwei Frauen mit versteinerten Mienen hatten sich gegenüber aufgestellt. Er wankte in ihre Mitte. Sie nahmen seine Handschellen ab und stießen ihn in Richtung eines Stuhls.
Der Wortführer fauchte ihn eindringlich an: „Ihr Name existiert hier nicht mehr. Sie haben hier keinen Namen, Sie sind die Nummer 62!“
Dann befahl er: „62, ausziehen. Alles!“
Arno blieb keine Wahl. Langsam begann er, alles auszuziehen bis auf seine Unterwäsche und die Socken. Die Kleidung legte er auf den Stuhl.
„Ganz ausziehen! Socken auch!“, wurde ihm befohlen.
Arno stand splitternackt vor diesen Frauen. Ein Mann mit einer Stablampe trat heran und sagte: „Mund auf!“ Arno öffnete den Mund und ließ sich in den Rachen leuchten.
„Arme hoch!“ Beide Achselhöhlen wurden ausgeleuchtet und betrachtet. Damit war die Prozedur noch nicht zu Ende. Was suchen die nur, fragte sich Arno.
Der mit der Stablampe brüllte ihn an: „Bücken … noch tiefer … und mit beiden Händen Arschbacken auseinander“, wurde er angewiesen, und als er sich wieder aufrichtete, kam der Befehl: „Vorhaut zurückziehen.“
Er hatte kalte, schweißfeuchte Hände und verspürte würgende Übelkeit. Seine Empörung war maßlos. Solange er lebte, hatte er sich nie so gedemütigt gefühlt wie in diesem Augenblick. Er schämte sich, vor den fremden Frauen nackt da zu stehen. Er hoffte, sie würden wenigstens diskret zur Seite blicken, doch sie schienen nicht geneigt, ihm nur im Mindesten entgegenzukommen. Sie glotzten mit einem zynischen Grinsen auf seinen Penis, von dem er die Vorhaut zurückziehen sollte. Zitternd kam Arno der Aufforderung nach. Die Frauen beobachteten jede seiner Bewegungen und machten ein Gesicht, als müssten sie einem besonders widerlichen Vorgang beiwohnen. Der eine, der sich als Befehlsgeber aufspielte, schaute seine grinsenden Kolleginnen an und schien zufrieden mit seiner Macht über einen Wehrlosen. Die Demütigung bohrte sich wie ein Messer in Arnos Herz. Was hatte er getan, dass man ihn so entblößte? Für einen Moment schloss er die Augen. Er hätte heulen können, wenn er nicht zugleich eine kalte Wut in sich gespürt hätte. Nackt war er nun. Kein Mensch mehr mit einem Namen, sondern ein Wesen mit einer Nummer …
Ein Wachtmeister warf ihm Kleidung vor die Füße. „62 – anziehen!“
Arno schlüpfte in die Unterwäsche und streifte sich eine alte blaue Uniform der Kasernierten Volkspolizei über. Das Rückenteil war mit einem breiten gelben Streifen benäht. Die Hose war viel zu groß. Er krempelte sie am Bund um und weil sie rutschte, musste er sie ständig festhalten. Wenigstens war sein nackter Körper jetzt diesen Blicken entzogen. Mit groben Wollsocken schlüpfte er in die hohen Schuhe mit einer Holzsohle. Der Wachtmeister, der ihm die Kleidung vor die Füße geworfen hatte, zischte: „62 – mitkommen!“
Über eine steinerne Treppe ging es hinunter. Zwanzig Stufen oder mehr. Mit jeder Stufe wurde der Modergeruch penetranter. Durch eine schwere Gittertür wurde Arno in den schwach beleuchteten Kellergang geschoben. Es war feuchtwarm und still. Eine gespenstische Welt umfing ihn. Eine Unterwelt. Es schnürte Arno die Kehle zu, wie mechanisch ging er mit. Alles in ihm strebte zurück, ans Licht, an die Luft, raus aus diesen Katakomben. Graue Wände, endlose Korridore, die Gänge waren fünf Meter breit. An beiden Seiten des Ganges lagen rote abgetretene Teppichläufer. In der Annahme, dass man darauf gehen sollte, betrat Arno den Teppich.
Sofort stieß der Wächter ihn herunter und herrschte ihn an: „Da nicht rauf!“
Das hatte er nicht wissen können. Erschrocken klackerte Arno mit seinen Holzsohlen in der Mitte des Ganges auf dem grauen Zementboden entlang. An jeder Seite reihten sich in Abständen von drei bis vier Metern graue Türen, deren Türangeln oben und unten mit gewaltigen Eisenbändern beschlagen waren, die sich über das gesamte Türblatt erstreckten. Die siebente Tür auf der rechten Seite mit der Nummer 62 schloss der Wächter auf. Mit einer Kopfbewegung wies er Arno hinein.
„62, Gesicht zur Wand, neben der Tür aufstellen“, befahl er.
Als Arno neben der Tür stand, hagelte es Anordnungen: „Es ist verboten: zu singen, zu pfeifen, laut zu sprechen, an die Wände zu klopfen, am Tage zu schlafen, sich beim Sitzen an die Wand zu lehnen, im Sitzen den Kopf zu stützen und nachts beim Schlafen die Hände von der Decke zu nehmen. Das Gesicht hat während des Schlafens immer in Richtung Spion zu zeigen. Der Kübel hat zur Vollsicht in der Mitte zu stehen.“
Der Wächter holte kurz Luft, dann ging es weiter.
„Von nun an gilt: Betritt jemand von der Wachmannschaft die Zelle, wird sich ordnungsgemäß gemeldet. Mit 62. Wird also die Tür geöffnet, so weit wie möglich zurücktreten, Hände an die Hosennaht legen und melden mit 62. Verstanden?“
Arno nickte.
„Ob Sie verstanden haben?“
„Ja.“
„Wie melden Sie sich?“
„Mit 62.“
Krachend schlug die Tür zu und wurde mit einem Klack-Klick-Klack-Schlüsseldrehen verriegelt. Als Nummer verschlossen. Kein Entkommen mehr. Arno konnte sich vor Entsetzen kaum rühren. Wo war er hier? Das war kein Gefängnis, das war ein Ort der Verdammnis. Hausten hier unten so gemeingefährliche Verbrecher, dass man sie wie Tiere halten musste? Arno schaute sich um in der Zelle 62. Ein Holzkasten reichte von Wand zu Wand. Er war vorn mit Brettern verkleidet, sodass man nicht darunter kriechen konnte. Der Kasten und ein Kübel. Sonst nichts. Kein Fenster, kein Heizkörper, kein Luftschacht. Nur durch die sieben Löcher mit drei Zentimeter Durchmesser unten an der Tür strömte modrige Kellerluft in die Zelle. Da es kein Fenster gab, durch das Tageslicht eindringen konnte, wurde die Zelle von einer vergitterten Leuchte über der Zellentür ausgestrahlt. Arno hatte sich gewundert, warum er nicht auf dem Teppich gehen durfte. Jetzt wurde es ihm klar. Hier konnte es nichts geben, was beiden diente. Die Teppiche waren nur für die blau uniformierten Ungetüme. In den Zellen sollte ihr Herannahen nicht gehört werden. Durch den Spion – ein Loch mit einer beweglichen Verschlussklappe in der Zellentür – überwachten sie ihn ständig. In unregelmäßigen Abständen von zehn bis zwanzig Minuten warfen sie einen Blick durch das Guckloch, um das Zelleninnere zu kontrollieren. Sie schoben den Deckel des Gucklochs leise zur Seite. Beim Anheben hörte man nichts; erst wenn sie den Deckel zurückfallen ließen, rieb er und es entstand ein leises Kratzen, ein akustisches Signal, das nach jedem Erscheinen an der Zellentür ertönte. Dieses scheinbar geringfügige, nicht einmal laute Signal, brachte Arno immer wieder in Erinnerung, in welcher ausweglosen Situation er sich befand. Natürlich hatte Arno manchmal daran gedacht, dass ihm so etwas passieren könnte. Er hatte versucht, diese Gedanken von sich wegzuschieben. Man konnte leicht allen Mut darüber verlieren, und Mut brauchte er für das Leben, das er führte. Nun hatte er viel Zeit zum Nachdenken und erinnerte sich an seine Kindheit.
Seine dramatische Geburt ereignete sich am 13. März 1934 im Krankenhaus in Wittstock. Nicht einmal zwei Kilogramm brachte der kleine Arno Gustav Karl auf die Waage. Die Ärzte gaben ihn fast auf und die Hebamme empfahl, das winzige Baby nach Wittenberge in die Spezialabteilung für Geburten mit Untergewicht zu geben. Für seine Mutter Betty kam das nicht infrage. Mit viel Geduld nährte, pflegte und schaukelte sie ihr Baby, wie sie es bereits vier Jahre zuvor mit ihrer Tochter Christel getan hatte. Für Arno war diese Familie ein Segen. Wahrscheinlich hätte er nirgendwo anders überleben können. Er gedieh prächtig. Die ersten Monate seines Lebens prägten ihn und er entwickelte eine zähe Konstitution. Wer wie er die Geburt knapp überlebt hatte, ließ sich nicht so leicht aus dieser Welt stoßen, auch wenn er noch so klein war.
Er wuchs in der kleinen Stadt Freyenstein auf. Umarmt von der Stadtmauer drängten sich die zweistöckigen Häuser eng aneinander. Im Zentrum der Stadt führte Arnos Vater Alfred Drefke eine Drogerie, über der die Familie wohnte. Öffnete sich die Ladentür der Drogerie, eilte Arnos Vater herbei und bat den Kunden, auf dem bereitgestellten Stuhl Platz zu nehmen. Manchmal führte er erlesene Düfte und Kosmetika vor. Sein Vater hatte deren Tausende. Das Angebot reichte von Blütenölen und ätherischen Ölen, Tinkturen, Balsamen, Harzen bis hin zu Badewässern, Lotionen oder Riechsalzen.
Natürlich hatte er alles im Sortiment, was in eine Fachdrogerie gehörte: Produkte zur Gesundheits- und Körperpflege oder Reinigungsmittel. Für die Bauern hatte er Sämereien, Salpeter, Farbwaren, Desinfektionsmittel, Chlorkalk, alles zur Weinzubereitung oder zum Gerben von Leder. Unter dem Ladentisch gab es eine kleine Nische, das war Arnos sicherer Hafen. Dorthin verkrümelte sich der Kleine und lauschte den Gesprächen. In der Obhut seines Vaters fühlte er sich geborgen.
Ende August 1939 erhielt Alfred, damals siebenunddreißig Jahre alt, den Einberufungsbefehl. Der fünfjährige Arno musterte seinen Vater aufmerksam, als der seinen Tornister packte.
Neugierig fragte er: „Wie schwer ist das?“
„Der wiegt so fünfzehn Kilo.“
Arno kannte so einen Tornister bisher von seinen Spielzeugfiguren. Er probierte, ihn anzuheben. Trotz größter Kraftanstrengung konnte er ihn nur wenige Zentimeter schieben. Dann erklärte der Vater ihm, wie man den Tornister am besten packte, damit man ihn über lange Strecken tragen konnte.
„Die schweren Inhalte müssen nach oben. Dann wird der Rücken nicht so belastet.“
Vom acht Kilometer entfernten Meyenburg kam ein Zug Soldaten in Zivil. Mit ihren Tornistern auf dem Rücken marschierten sie die siebzehn Kilometer in Richtung Wittstock. Einige Leute standen auf dem Marktplatz, um Abschied zu nehmen. Arnos Vater umarmte die achtjährige Christel und nahm den kleinen Sohn noch einmal kurz auf den Arm und drückte ihm einen feuchten Kuss auf die Wange. Arnos Mutter verzog keine Miene. Als sich die Kolonne in Bewegung setzte, rannte Arno auf seinen dünnen Beinchen nebenher. Hinter der Post am Ortsausgang blieb er stehen und ließ die Kolonne vorüberziehen, bis sie nicht mehr zu sehen war.
Als Arno wieder zurückkam, stand seine Mutter mit Christel an der Hand immer noch am Straßenrand, stöhnte schwer und strich Arno über den Kopf mit der Bemerkung: „Das werden wir packen.“
Jetzt musste sie die Drogerie alleine führen und Arno war der einzige Mann im Hause Drefke. Eine Woche später, am 1. September 1939, erfuhren sie aus dem Radio, dass der Krieg begonnen hatte. Alfred war auf dem Fliegerhorst Wittstock als Kraftfahrer eingesetzt. Täglich musste er Brot zur Versorgung von Wittstock nach Alt Daber bringen. Am Wochenende fuhr er zweimal. An einem Samstag durfte Arno bei der ersten Fuhre in dem großen Kastenwagen zum Flugplatz mitfahren. An der Eingangskontrolle tauchte er flink unter. Danach schaute er aus dem Fenster und bestaunte den Trubel. Es gab vier riesige gewölbte Flugzeughallen. Der Kasernenkomplex war aus roten Klinkern gemauert. Den Fliegerhorst nutzte die Wehrmacht als Fallschirmjägerschule. Die Soldaten wurden dort im Sprungdienst und im Absetzen mit Lastenseglern ausgebildet. Sein Vater zeigte zum Himmel.
„Schau mal dort. Das ist eine JU 52, die fliegt jetzt hoch. Wenn sie eine bestimmte Höhe hat, musst du genau hinschauen.“
Arno starrte aufgeregt nach oben.
„Jetzt springen sie ganz schnell hintereinander.“ Wie verstreute Pilze schwebten die Fallschirmspringer zur Erde. Der Vater beugte sich zu Arnos Seite, um besser nach oben schauen zu können.
„Immer wenn die Luke frei ist, springt der Nächste. Die Fallschirme öffnen sich gleich. Dabei lernen sie, sanft zu landen. Damit sie sich bei der Landung nicht die Beine brechen.“
Das war hochinteressant für Arno. Er war fasziniert.
1940 wurde sein Vater nach Müggelheim bei Berlin versetzt und dort als Sanitäter ausgebildet. An den Wochenenden durfte Betty ihren Mann besuchen und nahm abwechselnd Arno oder Christel mit.
Bettys Eltern hatten in Freyenstein nur eine Querstraße weiter, in der Predigerstraße, seit Generationen einen Bauernhof. Dort lernte Arno Pferde und Schweine kennen. Bereits als er laufen lernte, wusste er, wie Mist stinkt. Im Spätherbst, wenn es kalt wurde, schlachtete Großvater Gustav ein Schwein. Dann gab es Wurstsuppe und Wellfleisch. Arno liebte es, im Winter abends auf der Ofenbank mit seinem Großvater zu quatschen.
Es folgten Jahre, in denen sie den Krieg in ihrem Alltagsleben kaum spürten. Lediglich tägliche Nachrichten im Radio gab es: Von der Westfront, von der Ostfront, von Norden oder Süden. Meistens Nachrichten von Siegen der Wehrmacht. Arno, der seit 1940 die Schule besuchte, war stolz auf die Erfolge, bewunderte die Helden und wäre gern dabei gewesen. Eiserne Kreuze, Deutsches Kreuz in Gold, Ritterkreuze und andere Auszeichnungen faszinierten ihn und ließen ihn an die gerechte Sache Deutschlands und den ihm nicht zu nehmenden Sieg glauben. Die Abgeschiedenheit der Kleinstadt Freyenstein hielt sie fern von Bombenangriffen und Zerstörung, von Kriegsindustrie und Hunger. Als der zehnjährige Arno die dritte Klasse besuchte, belauschte er ab und zu die Gespräche im Laden und schnappte Hinweise auf, dass die Dinge nicht so gut standen. Je länger der Krieg dauerte, desto mehr Todesnachrichten erreichten die Bewohner in Freyenstein. Arno konnte sich keine Vorstellung von einem verlorenen Krieg machen. Die Russen waren tief nach Polen eingedrungen und rückten trotz härtestem Widerstand ständig nach Westen vor. Aus dem Radio kamen keine guten Nachrichten mehr. Weil Arno und seine Familie das nur kurz berührte, wurde es im Tagesgeschehen schnell wieder vergessen. Ab Ende 1944 strömten täglich Flüchtlingstrecks in Richtung Westen. Die Straßen verstopften. Tausende Deutsche hatten im Osten ihre Heimat, ihr Hab und Gut verloren, waren auf der Flucht vor der Roten Armee und kämpften ums Überleben. Freyenstein war überfüllt mit Flüchtlingen, und immer wieder kamen neue Menschen hinzu. Eintausendfünfhundert Menschen lebten jetzt in der kleinen Stadt – das waren dreimal so viele wie vorher. Jeder mögliche Wohnraum wurde belegt.
Zum ersten Mal wurde mit den Kindern erörtert, dass die Situation schwierig war und Deutschland den Krieg verlieren werde. Selbst bei Tag sahen sie bei klarem Himmel die feindlichen viermotorigen Flugzeuge in großer Höhe westwärts in Richtung Berlin ziehen. Und keiner konnte sie offenbar daran hindern. Furchterregend fuhr Arno das tiefe Brummen in den Magen. Abends hörten sie in den Nachrichten, wie viele feindliche Bomber abgeschossen worden waren. Ob das stimmte?
In den letzten Märztagen des Jahres 1945 brach Deutschland zusammen. Die Russen hatten Ostpreußen und Schlesien eingenommen und Polen befreit. Berlin war bereits von den Russen umschlossen. Eine deutsche Armee nach der anderen kapitulierte. Von Westen her marschierten Amerikaner, Engländer und Franzosen immer weiter in Deutschland ein, besetzten Stadt um Stadt, Landstrich um Landstrich. Nicht einmal ein Wunder hätte das zusammenbrechende Dritte Reich noch retten können. Der Krieg war entschieden und es gab beinahe keine Familie in Freyenstein, die nicht mindestens einen Toten aus ihrer Mitte zu beklagen hatte. Auch von Onkel Ernst, dem Bruder von Arnos Mutter, gab es schon lange kein Lebenszeichen mehr.
Seitdem der Vater einberufen worden war, musste Mutter Betty die Drogerie allein weiterführen. Das wurde immer schwieriger, denn in der letzten Zeit war das Warenangebot mehr als bescheiden. Für alles gab es Kernseife: zum Wäschewaschen, zur Körperpflege, zum Putzen. Betty hatte sich an ihr eigenes Kopfschütteln gewöhnt, wenn die Freyensteiner nach begehrten Waren fragten, wie einem Stück Toilettenseife. Sie verkaufte Vaseline als Hautcreme oder Soda als Waschpulver. Betty hortete Kerzen, da es leicht passieren konnte, dass abends urplötzlich das elektrische Licht ausblieb.
An einem Abend im April 1945 saß Betty mit der fünfzehnjährigen Christel und dem elfjährigen Arno zusammen am Ofen. Immer noch erklang im Radio Musik und es ertönten Durchhalteparolen. Betty meinte, sie könne das nicht mehr ertragen, und schaltete das Radio aus. Während Mutter und Schwester Strümpfe strickten, saß Arno vor dem Schachbrett und probierte die Eröffnungen aus dem kleinen „Lehrbuch des Schachspiels“. Als der Strom ausfiel, war es für alle Zeit, ins Bett zu gehen.
Am nächsten Morgen war etwas anders, als Betty ihre Kinder zum Aufstehen weckte. Die Küche war erfüllt von einem blumigen Parfümduft. Was hatte ihre Mutter vor?
Nach dem Frühstück erhob sie sich, ging geheimnisvoll mit den Kindern zur Bodentür und forderte Arno auf: „Jetzt klopf dreimal.“
Sie hörten, wie jemand die schmale Bodentreppe herunter stapfte. Dann öffnete sich die Tür und ihr Vater starrte sie freudig an.
„Da seid ihr ja“, sagte er. Seine Stimme klang heiser. Er sah aus wie früher, bloß mager und grau. Welch eine Überraschung, welch ein Jubel. Sein Vater umarmte Arno, drückte und küsste ihn. Und dann Christel.
„Wir müssen sehr vorsichtig sein“, sagte Alfred eindringlich. „Niemand darf erfahren, dass ich hier bin.“ Mit einer raumgreifenden Armbewegung ergänzte er: „Hier darf nichts von mir liegen. Nichts darf auf meine Anwesenheit hinweisen. Gleich beginnt die Schule, deshalb geht erst einmal. Wenn ihr zurück seid, erzähle ich euch alles.“
War das ein langer Schultag für Arno. Er konnte die Zeit bis zur letzten Unterrichtsstunde gar nicht abwarten. Was hatte sein Vater ihnen zu erzählen? Schnellen Schrittes eilte er nach Hause. Nach Ladenschluss schloss Betty den Torweg ab.
Beim Hochsteigen auf den Boden sagte sie: „Ich bin so glücklich, dass euer Papa wieder bei uns ist. Es kann nur besser werden.“
Alfred empfing seine Familie stehend. Er beugte sich leicht vor, schaute an seinem Körper hinab und zeigte auf seine Füße.
„Diesen Füßen“, sagte er, „habe ich mein Leben zu verdanken. Wenn sie mich nicht so weit getragen hätten, querfeldein bei Nacht und Nebel … Zum Glück bin ich nicht in Gefangenschaft geraten.“
Der Vater zog drei Warenkartons herbei, sie setzten sich darauf und lauschten.
„Ihr wisst ja, dass ich zuletzt als Sanitäter in Kreuzbruch bei Liebenwalde stationiert war.“ Arno nickte zustimmend.
„Dort pflegten wir die vielen Verwundeten.“ Plötzlich verstummte Alfred. Seine melancholischen Augen verschleierten sich, und ein Ausdruck von Trauer und Müdigkeit, der Arno anrührte, legte sich über sein Gesicht.
„Mein Stabsarzt stammte aus Malchow, ganz aus der Nähe. Wir verstanden uns gut. Weil der Krieg endet, wurde ihm ein großer Lastkahn auf dem Finowkanal zur Verfügung gestellt. Auf dem Kahn verteilten wir Stroh und betteten die Verwundeten darauf. Über einen Havelarm tuckerten wir zur Müritz und dann weiter in Richtung Plauer See. Abends gegen zehn legten wir an. Die Frau des Arztes mit zwei Kindern stieg zu. Ich hatte ihn gefragt, ob ich bei der Gelegenheit heimlich den Kahn verlassen kann. Er stimmte zu.“ Dann blickte Alfred wieder auf seine Füße: „So bin ich fast fünf Stunden von Malchow hierher marschiert. Gegen Mitternacht war ich hier. Wie wild habe ich am Torweg geruckelt. Mutti hörte mich und öffnete.“
Betty nickte lächelnd. Alfred betrachtete sie erleichtert. Immer wieder erzählte Alfred seine Geschichte. Als ausgebildeter Drogist hatte er im Krieg als Sanitäter gedient. In Holland musste er beim Start der Kampfbomber, die in Richtung England flogen, neben dem Flugzeug im Saniwagen fahren, denn sie waren so schwer mit der Bombenlast beladen, dass sie kaum von der Startbahn abheben konnten. Wenn so ein Fehlstart passierte, war schnelle Hilfe gefragt. Dann gewann die englische Armee die Lufthoheit und die Deutschen flogen keine Angriffe mehr. Die zerstörten Flugzeuge wurden nicht ersetzt, es gab keine Piloten mehr und Alfred wurde nach Kreuzbruch bei Oranienburg verlegt. Anfangs war Arno fasziniert, was der Vater für Abenteuer erlebt hatte. Irgendwann hörte ihm kaum noch einer zu, weil er immer dasselbe erzählte. Trotzdem stellte Arno ihm zwischendurch Fragen, denn er merkte, dass sich sein Vater über die Anteilnahme freute.
In den Abendstunden des 15. April 1945 wurde Arno von einem Dröhnen geweckt. Keiner konnte begreifen, was geschehen war. Schließlich wurden die Kinder wieder ins Bett geschickt. Die Beklommenheit der Eltern und die Dunkelheit der Nacht lösten in Arno eine nicht zu beschreibende Angst aus und es dauerte lange, ehe er wieder einschlief. Am nächsten Morgen belauschte Arno, wie ein Kunde im Laden vom Fliegerangriff auf das Bahnhofsgelände im zwanzig Kilometer entfernten Pritzwalk berichtete.
Betty flüsterte: „Was ist geschehen?“
Der Kunde erzählte: „Es gab eine mächtige Explosion eines Munitionszuges auf dem Pritzwalker Bahnhof. Viele Menschen mussten sterben. Von dem Bahnhof ist nur noch ein Trümmerfeld mit einem riesigen Bombentrichter übrig.“
Einige Tage später kamen etwa sechzig Flüchtlinge aus Pritzwalk nach Freyenstein. Es klingelte und der Bürgermeister stand vor der Tür der Familie Drefke. Arno sah die Angst im Gesicht seiner Mutter. Vielleicht hatte jemand bemerkt, dass Alfred zurück war und sich auf dem Dachboden versteckte. Erleichtert atmeten sie auf, als der Bürgermeister fragte, ob sie Platz hätten für eine Frau aus Pritzwalk mit ihrem Baby. Es fand sich ein Raum auf dem Hof zwischen Lager und Waschküche.
Arnos Eltern waren übernervös. Es herrschte eine kaum beschreibbare Spannung. Jeder hing von morgens bis abends nur am Radioapparat. Niemand wusste, was kommen würde. Sein Vater wurde immer verzweifelter auf dem Dachboden. Er war verbraucht und hatte nichts Gutes zum Leben beizutragen. An die Stelle des früher lebenslustigen Vaters war für Arno nun ein fremder, zerrütteter Mann getreten, der versuchte, ihn zu erziehen, nachdem er jahrelang fort gewesen war. Die Aussichten auf die Zukunft waren düster – wie sollte da Freude in der Familie sein?
An diesem Mittwoch rannte Arno aus der Schule nach Hause. Ein Kommando der SS zog durch die Marktstraße. Es sorgte dafür, dass alle hinter den Haustüren verschwanden. Dann schlurfte eine Kolonne von Häftlingen in gestreiften Klamotten immer zu fünft nebeneinander und etwa zwanzig Reihen hintereinander die Marktstraße entlang. Das Schlurfen der Holzschuhe dröhnte auf dem Kopfsteinpflaster. Links und rechts der Kolonne marschierten SS-Bewacher. Bewaffnet mit Karabinern, Maschinenpistolen und gefährlichen Bluthunden.
Ein Häftling aus der Mitte drohte zusammenzubrechen. Da hakten ihn links und rechts je ein Häftling unter und sie schleppten ihn an die Seite. Sie lehnten ihn an die Hauswand und gliederten sich wieder in die Kolonne ein. Christel spähte durch den Briefkastenschlitz. Arno stürmte aufgeregt auf den Dachboden zu seinem Vater.
„Papa, sag, was ist da los? Woher kommen die?“, fragte er aufgeregt.
Alfred schaute kurz aus der Dachluke. „Die kommen aus dem Lager. Ich denke aus Sachsenhausen. Das befand sich in der Nähe von Kreuzbruch, wo ich stationiert war, und wurde aufgelöst.“
Aufgeregt flüsterte Arno: „Einer ist zusammengebrochen und sie haben ihn an die Hauswand gelehnt. Dann haben zwei SS-Bewacher den Häftling weggetragen.“ Er fragte entsetzt: „Was machen sie mit ihm?“
„Ja“, entgegnete Alfred betroffen, „du wirst nachher sehen, wahrscheinlich werden sie ihn erschießen …“
Als alles vorüber war, fanden sie die Toten, die im Chausseegraben lagen. Weil sie keine Kraft mehr zum Laufen gehabt hatten, waren sie erschossen worden. Arno sah das erste Mal tote Menschen und war schockiert, wie brutal Menschen sein können.
Das Gefühl von Angst erfüllte seine enge Zelle. Zum Gehen blieb lediglich ein kleines längliches Rechteck zwischen Wand und Tür, genau zwei Schritte in der Breite und drei Schritte in der Länge. Arno entdeckte, dass er fünf kleine Schritte machen konnte, wenn er diagonal von einer Ecke zur anderen tippelte. Damit das nicht zu eintönig wurde, wechselte er immer wieder die Ecken. Dann musste er den Kübel für die Notdurft zur Seite schieben. Wenn er den Deckel des Kübels öffnete, biss der ätzende Geruch von Chlorkalk in seine Nase. Der Kübel war so stark mit Chlorkalk desinfiziert, dass sich oben ein weißer Rand abgelagert hatte. Wenn er Stuhlgang hatte, gab es ein Problem, denn der Kübel hatte keine Brille zum Daraufsetzen. Als Drogist wusste er, wie stark Chlorkalk brannte, wenn es mit der Haut in Kontakt kam. Er stellte seine Schuhe auf den Kübelrand, um nicht mit der Chemikalie in Berührung zu kommen.
In der Zelle gab es keine Ecke, in der er sich dabei verstecken konnte. Der Kübel hatte zur Vollsicht in der Mitte zu stehen! Dort saß er wie auf einem Präsentierteller. Das einzige „menschliche“ Wesen war dieser Wärter. Er sprach kein Wort mit ihm. Immer das Schweigen. Immer der Wärter, der, ohne ihn anzusehen, das Essen hereinschob. Auf dem Holzkasten lagen zusammengelegte Decken und darunter aufgestapelt alte Matratzen: die Nachtutensilien. Irgendwann kam der Befehl „Nachtruhe“. Arno sollte seine Uniform und die Schuhe neben der Tür ablegen. Jetzt durfte er die Matratzen auf der Holzpritsche auslegen und sich ausstrecken. Als er einschlief, glitten seine Hände von der Decke und sein Kopf nickte zur Seite.
Die Tür wurde aufgerissen und der Wärter brüllte ihn an: „Hände auf die Decke! Gesicht zur Tür!“
Spät in der Nacht, Arno war gerade beim Einschlummern, wurde das Schloss seiner Tür erneut krachend geöffnet.
Ein Posten in grauer Uniform sah ihn böse an und schrie: „62 raus! Anziehen!“
Schlaftrunken schlüpfte Arno in die Sachen. Er taumelte aus der Tür. Dann kam der Befehl: „Gesicht zur Wand.“
Kaum hatte er den Befehl ausgeführt, spürte er einen Schlag auf den Hinterkopf und seine Stirn schlug mit einem lauten, dumpfen Knall an die Wand. Ihm wurde kurz schwarz vor Augen. Die Hände musste er auf dem Rücken verschränken. Eine eiserne Handschelle schnitt tief in sein Fleisch. Mit festem Griff packte der Posten Arnos Arm und führte ihn zur Treppe. Als es hochging, griff er in die Handschelle und hob sie an. Das verursachte einen stechenden Schmerz und zwang Arno, halb gebückt die Treppenstufen nach oben zu steigen. Sie verließen das Backsteingebäude und traten hinaus. Der Mond leuchtete schwach. Tief atmete Arno die frische Nachtluft ein. Die Lichtkegel der Sicherheitslampen strahlten, und seine Schritte auf dem Rüttelblech der Rampe hallten in der Nacht. Im nächsten Haus ging es dann eine Stahltreppe hinauf. Der Posten riss die Handschellen nach oben, sodass Arnos Kopf fast die Treppenstufen berührte. Unwillkürlich musste Arno aufschreien. Dann steuerte der Posten ihn einen langen Gang entlang, von dem rechts und links braungestrichene Holztüren abgingen. Mit einem schmerzhaften Anheben der Handschellen brachte der Posten Arno zum Stehen und befreite ihn dann endlich von den Qualen.
Arno wurde angewiesen: „Gesicht zur Tür, Hände auf den Rücken.“
Der Posten wartete, bis Arno die verlangte Position eingenommen hatte, dann klopfte er, schob den Kopf in den Türspalt, flüsterte irgendetwas, öffnete die Tür schließlich ganz. Arno durfte eintreten. Hinter einem Schreibtisch saß ein großer Mann, der Arno prüfend anblickte. Der etwa Vierzigjährige trug ein weiß leuchtendes Hemd. Kastanienbraunes, lockiges Haar umrahmte sein Gesicht, das durch die ausladenden Wangenknochen besonders breit wirkte. Schräge graublaue Augen prüften ihn. Mit einem abfälligen Wink gab der Mann dem Posten zu verstehen, dass er gehen konnte. Dann musterte er Arno kritisch. Er beugte sich über die Tischplatte, deutete mit einem Bleistift in die Ecke neben der Tür.
„Da auf den Hocker. Setzen! Hände auf die Knie!“, befahl er und schrieb weiter. Arno drehte den Kopf zur äußersten Ecke des Raumes und sah einen Hocker, der fest im Boden verankert war. Er nahm auf der Spanplatte Platz und legte die schmerzenden Hände auf die Knie. Von den Handgelenken aus jagten Schmerzen wie Feuerströme durch den Körper. Verstohlen versuchte er, die Gelenke zu reiben, um die Schmerzen zu lindern. Der kahle Raum wurde durch schwaches Mondlicht durch das Gitterfenster beleuchtet. Minuten vergingen, dann rekelte sich der Mann und blickte auf.
„Nun?“, kam es mit heller, spöttischer Stimme. „Gut angekommen?“
„Gut ist etwas übertrieben“, murmelte Arno.
Zum ersten Mal trafen sich ihre Blicke – und die Fronten waren abgesteckt: Zwei Männer, beide voller Vorurteile, würden hier um die Macht unter ungleichen Voraussetzungen ringen.
„Wissen Sie überhaupt, wo Sie sich hier befinden?“
Arno schüttelte den Kopf. Hätte er etwa zugeben sollen, dass er ahnte, wo er sich befand? Er hatte die Geschichte eines S-Bahnführers gelesen, der als SS-Bannführer verhaftet worden war und genau das beschrieben hatte, was er jetzt erleben musste. Deshalb vermutete Arno, im sogenannten „U-Boot“ gelandet zu sein.
„Na, Sie müssen ja nicht alles wissen.“
Der Mann lächelte, legte sich ein Formular zurecht und begann, Arnos Personalien aufzunehmen. Arno antwortete mit gespielter Gelassenheit. Dass sie ihm nicht sagten, wo genau er sich befand, sollte ihn nur verunsichern. Genauso wie die zu große Hose und die Holzklötze an seinen Füßen, wie dieser Hocker, der verhinderte, dass er sich zurücklehnen konnte. Sein Gegenüber tat, als langweilte ihn diese Prozedur. Der Mann schloss die Feststellung der Personalien ab und verlas, was Arno vorgeworfen wurde:
„Boykotthetze gegen demokratische Einrichtungen und Mordhetze gegen demokratische Politiker. Sie haben tendenziöse Gerüchte erfunden und verbreitet, die den Frieden des deutschen Volkes gefährden, indem Sie als Mitglied des BDJ und in dessen Auftrag Spionage zum Nachteil der DDR betrieben haben. Verbrechen nach Artikel VI der Verfassung der DDR, K. D. Nr. 38, Abschnitt II, Artikel II, A III.“
Unter „Boykotthetze“ konnte Arno sich nichts vorstellen. Den Vorwurf der Spionage hatte er erwartet. Das Wort „Spionage“ verband er mit den Bildern von Julius und Ethel Rosenberg, die von den Amerikanern wegen Spionage für die Sowjetunion trotz großer Proteste im April 1951 zum Tode verurteilt worden waren. „Mordhetze“ gegen Politiker und Gefährdung für den Frieden des deutschen Volkes? Was sind „tendenziöse Gerüchte“? Mit den Nummern der Paragrafen konnte er nichts anfangen. Der Mann sah Arno offenbar an, was in ihm vorging.
„Sie hätten zuvor mal die Gesetze studieren sollen“, freute er sich. „Wer mit dem BDJ zusammenarbeitet, macht sich schuldig, gehört hinter Gitter. Und in Ihrem Fall treffen mindestens drei Tatbestände zu.“
Sag nichts dazu, Arno! Sieh ihn dir an, diesen Mann, der so diensteifrig seinen Staat vertritt.
„Wie darf ich Ihr Schweigen deuten? Wollen Sie sich dazu äußern?“
Er musterte Arno kühl. Dann richtete er sich stolz auf. „Ich bin Hauptmann und Sie haben mich bei jeder Ihrer Aussagen ‚Herr Hauptmann‘ anzusprechen. Ich hoffe, Sie sind bereit, mir ein paar Auskünfte zu geben“, sagte er. „Das heißt, ich hoffe das für Sie.“ Der Blick forderte eine Antwort.
„Kommt drauf an, was Sie wissen wollen, Herr Hauptmann“, erwiderte Arno. Da er schlecht Luft bekam, klangen seine Worte schleppend. Seine Zunge fühlte sich dick geschwollen an.
„Alles wollen wir wissen. Sie gehören zur Spionagegruppe des BDJ. Sie haben Hetzschriften verteilt und für den BDJ als Kurier gearbeitet. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Sie Militärspionage betrieben haben. Wir wollen Ihr Geständnis. Und wollen Namen und Aufenthaltsorte weiterer Mitglieder des BDJ. Wobei, das sollte ich dazu sagen, Sie es bitter bereuen werden, wenn Sie uns auf falsche Spuren schicken.“
Auf dem Tisch lag ein Stoß Papier: Die Akten, von denen Arno nicht wusste, was sie enthielten. Und dann begannen die Fragen, die echten und die falschen, die klaren und die tückischen, die Deckfragen und Fangfragen, und während er antwortete, blätterten fremde böse Finger in den Papieren, von denen er nicht wusste, was sie enthielten, und fremde böse Finger schrieben etwas in ein Protokoll, und er wusste nicht, was sie schrieben. Das Fürchterlichste für Arno war, dass er nie erraten und sich ausrechnen konnte, was die Stasi tatsächlich wusste und was sie aus ihm herausholen wollten. Irgendwann konnte er nicht mehr.
„Ich glaube“, stieß er hervor, „ich habe alles ausgesagt, Herr Hauptmann.“
Der Mann atmete tief durch. „Sie machen sich alles unnötig schwer. Früher oder später reden Sie sowieso, nur leider geht es Ihnen dann nicht mehr so gut wie jetzt.“
Dann fuhr er fort: „Ich lese Ihnen die Frage vor und Sie antworten.“ Monoton las er seine Frage vom Papier ab: „Welche Personen, die einer gegen die Deutsche Demokratische Republik gerichteten Tätigkeit nachgehen, sind Ihnen bekannt?“
Müde dachte Arno: Nun geht das wieder los. Warum spricht dieser Typ so kompliziert? Was will der von mir? Alles habe ich dreimal erzählt.
Genervt antwortete er kurz: „Keine.“
„Drefke, nicht mit mir! Nicht mit mir, Drefke. Was glauben Sie denn, wer Sie sind, und vor allem, was Sie sind? Sie sind ein Nichts! Eine tote Nummer sind Sie, ein Stäubchen, das ich ganz einfach wegblasen kann, wenn ich will.“
Arno nickte gequält.
„Ein wenig brauche ich Sie noch. Erst werde ich mich noch ein Weilchen … beschäftigen … mit Ihnen. Die nächste Frage: Wer wusste weiterhin von Ihrer verbrecherischen Tätigkeit?“
Wieso verbrecherische Tätigkeit, fragte Arno sich und antwortete bestimmt: „Niemand.“
Dieses Mal sprang der Vernehmer auf, ging um den Schreibtisch, schwang gefährlich seine Fäuste und packte Arnos Arm. Er dreht durch, dachte Arno, und konnte das verzerrte Gesicht wie das eines Gespenstes vor sich toben sehen. Ein Gespenst geisterte durch den Raum.
Das Gespenst merkte, dass es die Fragen konkreter stellen musste. „Welche Autonummern haben Sie verraten?“
Arno zuckte leicht die Schultern. „Autonummern, die sind ganz allgemein bekannt. Das sind keine Geheimnisse, das weiß jeder, Herr Hauptmann.“
„Das glauben Sie! Sie haben ja noch viel mehr verraten, das wissen wir.“
Als Arno einmal die VoPos erwähnte, sprang das Gespenst auf und schrie ihn an: „Ich verbiete Ihnen, solche Abkürzungen zu benutzen. So etwas will ich hier in diesem Raum nie wieder hören. Das zeugt von einer Nichtachtung unserer Volkspolizei. Welche Informationen haben Sie gesammelt? Was taten Sie zur Erledigung des Auftrages? Welche Personen sind noch für den berüchtigten Bund Deutscher Jugend tätig? Zu welchem Zweck haben Sie Spionage betrieben? Wer hatte von Ihrer verbrecherischen Tätigkeit Kenntnis? Was bekamen Sie dafür?“
