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Korruption, Betrug und ein ungeklärter Todesfall im Spannungsfeld zwischen Wirtschaft, Politik, Banken und Sport - ein Krimi aus dem wahren Leben Luka Pfeil, neu in den Vorstand der Deutschen Bau AG, einer der größten deutschen Baugesellschaften, berufen, kämpft um die Aufträge an drei baulichen Großprojekten: um den Wiederaufbau des durch Brandstiftung vernichteten Opernhauses von Venedig, La Fenice, um den Auftrag für eine eindrucksvolle Schrägseilbrücke über eine Bucht bei Dubrovnik in Kroatien - die Tudjman-Brücke. Und schließlich beteiligt sich Luka Pfeils Firma an der Ausschreibung des neuen Fußballstadions in München für die Fußballvereine FC Bayern München und 1860 München. In seinem eng an die Realität angelehnten Roman schildert der ehemalige Vorstand verschiedener großer Baugesellschaften den Kampf um diese drei Großprojekte und die teilweise kriminellen Machenschaften und undurchsichtigen Vorgänge hinter den Kulissen dieser prominenten Bauvorhaben.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Cover & Impressum
Venedig
Zagreb
München
Martinswand
Dubrovnik
München
Frankfurt
Lago Maggiore
Venedig
Fakten
Unternehmen
Personen
»Attenzione. Signor Feil, soeben angekommen mit Air Dolomiti aus München, bitte begeben Sie sich zum Informationsschalter in der Ankunftshalle.«
»Attention, please. Paging for Mister Peil, just arrived from Munich. Please contact the information desk.«
»Wer? Feil? Peil? Sucht man mich? Was ist denn los?«, murmle ich vor mich hin, während ich Richtung Ausgang gehe. Da ich heute Abend wieder zurückfliegen will, habe ich nur meine Aktentasche dabei. Das endlose Warten am Gepäckband bleibt mir somit diesmal erspart. Während der Suche nach dem Informationsschalter bleibt mir Zeit, mein Mobiltelefon, das ich während des Fluges tatsächlich vorschriftsgemäß ausgeschaltet hatte, aus der Tasche zu holen und wieder einzuschalten. Sogleich meldet sich das italienische Netz mit dem Mitteilungs-Signalton: »Sie haben eine neue Nachricht.« Die muss jetzt jedoch warten, da ich bereits vor dem Informationsschalter stehe. Dort sitzen zwei junge, attraktive Italienerinnen. Dunkle Augen, dunkle Haare, dunkelblaues Kostüm, freundliches Lächeln, offensichtlich frühmorgens schon gut gelaunt. Italien – so lieben wir dich.
»Buon giorno, Signor.«
»Buon giorno, Signore, guten Morgen, schöne Damen.« Oder hätte ich richtigerweise Signorine sagen sollen? »Ich bin Luka Pfeil. Haben Sie mich ausgerufen?«
»Si, si, Signor. Sind Sie Herr Feil?«
»Nein, mein Name ist Pfeil, Luka Pfeil.«
»Scusi, Signor, ja, wir suchen Sie, wir haben eine Nachricht für Sie. Signora Soletti, die Assistentin des Bürgermeisters von Venedig, hat uns diese E-Mail für Sie gesendet.«
Wie heißt sie, Soletti? Ich schmunzle, Assoziationen sind nun unvermeidbar. Na, da bin ich schon echt gespannt.
»Vom Bürgermeister von Venedig?«
»Si, si, Signor Paolo Costa, sehr dringend.«
Die Signora zur Rechten übergibt mir mit einem dunklen Blick ein weißes Stück Papier.
Ich falte das Papier auf.
Buon giorno, Signor Pfeil. Scusi, es tut mir leid, unser Boot kann Sie heute Morgen leider nicht am Flughafen abholen. Unterschrieben: Riccarda Soletti, Sekretariat des Bürgermeisters von Venedig.
Okay, es gibt schlimmere Nachrichten. Zum Beispiel: Tut mir leid, heute leider keine Zeit. Musste wegen eines Termins mit Berlusconi dringend nach Rom.
Dann bleibt mir eben nichts anderes übrig, als mich selbst auf den Weg zu machen; ich werde auch ohne Boot des Bürgermeisters bis zu ihm vordringen.
»Mille grazie, danke für die Nachricht.«
»Hoffentlich war es nichts Unangenehmes.«
»Nein, machen Sie sich keine Sorgen, nichts Tragisches. Wie komme ich denn am schnellsten zum Rathaus?«
»Signor Feil, das ist ganz einfach. Nehmen Sie sich ein Wassertaxi. Die Anlegestelle ist gut ausgeschildert. Vom linken Ausgang sind es gerade mal zehn Minuten zu Fuß. Am besten, Sie lassen sich bis zur Rialto-Brücke bringen. Von dort sind es dann nur wenige Meter bis zum Rathaus.«
»Grazie, molto gentile, herzlichen Dank! Ciao.«
»Arrivederci, Signor. Und viel Spaß in Venedig.«
Ja, den werde ich haben. Zwei freundlich lächelnde Damen blicken mir hinterher, während ich die Flughafenhalle verlasse.
Die Bootsanlegestelle ist tatsächlich gut ausgeschildert, der Weg dorthin führt unter einem gläsernen Halbrund hindurch, das mich an einen Löwengang im Zirkus erinnert. Einige Reisende kommen mir Koffer ziehend und wenig erfreut blickend entgegen. Am Wasser angelangt, werde ich eingewiesen und professionell an Bord eines Wassertaxis bugsiert.
»Welches Hotel?«, fragt mich der Bootsführer, frühmorgens schon überraschend genervt.
»No, no, kein Hotel.«
»Was dann?«, ist die schnelle zweite Frage, bevor ich meine erste Antwort vervollständigen kann.
»Rialto-Brücke, per favore.«
»Si, si, Ponte Rialto. Sind wir komplett? Sind Sie allein?«
»Ja, allein und damit komplett. Ich werde an der Rialto-Brücke erwartet.«
Er sieht mich fragend an, doch ich antworte darauf nicht.
Das Boot legt ab. Wir hätten auch mit zehn Passagieren fahren können, das Platzangebot ist reichlich. Ich setze mich in die geschlossene Kabine; allerdings stinkt es dort schrecklich nach Benzin. Benzingeruch und starker Wellengang führen sicher zu Problemen, die ich nicht haben möchte. Also bevorzuge ich für die Weiterreise den rückwärtigen offenen Teil des Bootes.
Dort stehe ich nun mit dunkler Sonnenbrille, in dunkelblauem Anzug, weißem Hemd und schwarzen Schuhen mit dünnen Ledersohlen und lasse mich an einem Montagmorgen über das Wasser der Lagune zum Bürgermeister von Venedig fahren, um mit ihm über die Verzögerungen beim Wiederaufbau des Teatro La Fenice zu verhandeln. Das kann spaßig werden. Eine für mich sehr ungewöhnliche Situation. Bisher kenne ich Venedig nur als Wochenendurlauber, in leichter Freizeithose und Poloshirt. Während ich am hochglanzlackierten Kajütendach lehne, blicke ich über die markierte Bootsroute Richtung Venedig und denke an Donna Leon und Andrea Camilleri. Ob ich wohl bald Bekanntschaft mit Commisario Brunetti oder Commisario Montalbano machen werde?
Ein erneuter SMS-Signalton bringt mich sofort wieder zurück in die Wirklichkeit. Beinahe hätte ich ganz vergessen, dass ich jeden Morgen die wichtigsten News von meiner Assistentin bekomme. Ich höre ihre hellwache Stimme auf meiner Mailbox.
»Hallo, guten Morgen Herr Pfeil. Hier Sarah Freund. Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Flug. Das Bürgermeisteramt von Venedig hat mir mitgeteilt, dass man Sie leider heute Morgen nicht am Flughafen abholen kann. Wenn Sie Hilfe benötigen, rufen Sie mich doch bitte gleich an. Tschüss, bis später.«
Ja, weiß ich doch schon.
Zweite Nachricht, eingegangen um 8.10 Uhr: »Guten Morgen, Herr Pfeil. Lukele spricht. Ich erwarte Sie im Café Rivo Alto, direkt an der Rialto-Brücke. Bitte rufen Sie mich kurz an, sobald Sie gelandet sind. Auf Wiedersehen. Bis bald.«
Ja, mach ich doch gleich.
Dritte Nachricht, eingegangen um 8.13 Uhr: » Hallo Luki. Hier Carla. Ich hoffe, du bist gut gelandet. Bitte ruf mich doch gleich zurück, wenn du angekommen bist. Wir sind am Wochenende bei Hohlmeiers eingeladen. Bis später. Ciao.«
Genau bei diesem »Ciao« fährt mein Wassertaxifahrer, der in seiner Freizeit wahrscheinlich ein angesehener venezianischer Gondoliere ist, mit seinem schnellen Motorboot über die große Bugwelle eines entgegenkommenden Vaporettos, einem dieser Wasser-Omnibusse von Venedig. Das Boot steigt kurz auf und klatscht dann auf der Rückseite der Welle in das trübe Lagunenwasser. Reflexartig greife ich mit beiden Händen auf das glatte Dach der Bootskajüte. Dabei entgleitet mir mein Mobiltelefon, rast blitzschnell über das Kajütendach davon und verschwindet nach einem kurzen Sprung in der Lagune.
Ein lauter Aufschrei meinerseits, ein hässlicher unitalienischer Fluch donnert durch den venezianischen Morgen Richtung Markusplatz. Der Kapitän dreht sich erschrocken zu mir um.
»Was ist?«
»Telefon für die Fische. Phone for fishes.«
Ich mache eine weit ausholende Armbewegung Richtung Westen.
Welch eine sinnlose Bereicherung des Mittelmeers. Was für ein Wochenstart. Erst ultrafrüh aufgestanden, dann kein Bürgermeisterboot und jetzt auch kein Telefon mehr. Da stehe ich nun in der Morgensonne auf dem Achterdeck eines Wassertaxis und bin von der Außenwelt völlig abgeschnitten – GAK, größter anzunehmender Kommunikationsunfall. Man wird mich für verschollen erklären. Ich sehe schon die Schlagzeile vor mir: »Deutscher Manager in der Lagune von Venedig verschwunden.«
Wie kann man nur auf die Idee kommen, als deutsches Bauunternehmen das von italienischen Bauleuten abgefackelte Opernhaus von Venedig wieder aufbauen zu wollen? Wie kann man dafür einen Pauschalpreis vereinbaren? Wie kann man sich ohne detaillierte Bedingungen und Beschreibungen auf einen knappen Termin für die schlüsselfertige Errichtung eines historischen Gebäudes einlassen? Angeblich hat mein inzwischen vom Aufsichtsrat verabschiedeter Vorgänger diesen Deal zusammen mit dem inzwischen vom Aufsichtsrat verabschiedeten Vorstandsvorsitzenden eingefädelt. War es die Begeisterung für Venedig und deren Kultur? Oder, ganz schlicht, die Begeisterung für Profit? Ist hier Geld geflossen? Gibt es andere, mir bisher unbekannte Verpflichtungen?
Erneuter Gegenverkehr mit den damit einhergehenden Wellen sorgt weiterhin für eine unruhige Überfahrt, aber wenigstens kann mir nichts mehr aus der Hand fallen. Meine Aktentasche mit meinen Ausweisen, meinem Geld und den Dokumenten steht sicher auf einer Bank innerhalb der geschlossenen Kajüte. Wir passieren die ersten Inseln, dann taucht die Silhouette von Venedig vor uns auf. Perfektes Frühsommerwetter. Markusplatz zur Rechten. Einfahrt in den Canal Grande. Langsamfahrt. Palazzo links, Palazzo rechts. Hotel Gritti rechts. Heute brauche ich jedoch kein Bett in Venedig. Der Rückflug ist bereits für 17.20 Uhr gebucht. Vom Boot aus erkenne ich die Beschriftung des Café Rivo Alto direkt am Fuß der Rialto-Brücke. Dort sollte Lukele auf mich warten, der Projektleiter unseres Unternehmens. Ich kenne ihn bisher nur von ein paar kurzen Telefonaten. Das Wassertaxi legt an, ich begleiche die stolze Rechnung.
»Arrivederci, Signor.«
»Ciao, grazie.«
Zügig steige ich aus und eile über den von Touristen erst spärlich okkupierten Uferweg zum Café. Wer ist Lukele? Wo könnte er sitzen?
»Hallo Herr Pfeil, guten Morgen.«
Ich drehe mich nach links; dort winkt mir ein in seinem Berufsleben schon weit fortgeschrittener Herr mit hellem Sonnenhut zu und erhebt sich von seinem Rattanstühlchen, das direkt am Wasser des Canale steht. Wir schütteln uns die Hände.
»Guten Morgen, Herr Lukele.«
»Hatten Sie einen angenehmen Flug? Hatten Sie eine gute Bootsfahrt?«
Wir nehmen Platz. Bevor ich zur Beantwortung übergehe, bestellen wir zwei Cappuccini.
»Ich hatte Sie schon x-mal angerufen.«
Schwingt da ein kleiner Vorwurf mit?
»Hat sich Dorade oder Garnele gemeldet?«
»Wie bitte? Wie meinen Sie das?«
»Ach, war nur ein kleiner morgendlicher Scherz.«
»Scherz? Ich habe es wirklich mehrfach versucht.«
»Das glaube ich Ihnen, aber ich habe leider kein Telefon mehr. Ist ins Meer gefallen.«
»Wirklich? Was? Das ist ja schrecklich. Wie konnte denn das passieren?«
Ich erkläre den Vorgang.
»Wissen Sie, Herr Lukele, dieser Verlust hat Vor- und Nachteile. Und einer der Vorteile ist ganz einfach. Man muss nicht ständig Fragen beantworten, auf die man eigentlich nicht vorbereitet ist, oder mit Leuten sprechen, die man nicht sprechen will. Das ist doch ein echter Vorteil, oder? Aber lassen Sie uns über den bevorstehenden Termin beim Bürgermeister sprechen. Ich weiß bis jetzt nur entsetzlich wenig über diese Theater-Baustelle und die entstandenen Probleme.«
»Gut, ich will mal ganz von vorne anfangen. Das Teatro La Fenice ist das Opernhaus von Venedig. Irgendwann siebzehnhundertsoundso zur Zeit des Rokokos erbaut. Bereits wenige Jahrzehnte nach seiner Eröffnung, das heißt Anfang des 19. Jahrhunderts, ist das Theater einem Brand zum Opfer gefallen, der durch eine kurz zuvor installierte Heizung österreichischer Herkunft ausgelöst wurde. Die Venezianer entschieden sich für einen zügigen Wiederaufbau, und tatsächlich gelang es, das Theater nach nur einem Jahr wiederzueröffnen. La Fenice ist ja das italienische Wort für Phönix, dem berühmten Vogel aus der griechischen Mythologie, der verbrennt und aus der Asche wieder aufersteht. Welch eine Symbolik. Sicher dachte bei der Namensgebung noch niemand bereits an Feuer und Asche. Im Theater, das eigentlich in erster Linie als Opernhaus dient, sind unzählige Opern aufgeführt worden. Rossini, Bellini, Donizetti und Verdi wurden hier gefeiert und vielleicht auch mal ausgebuht. La Traviata und Rigoletto sind hier sogar uraufgeführt worden, und die Traviata war ein totaler Misserfolg. Es soll sogar ein Fiasko gewesen sein.«
»Sie kennen sich ja wirklich gut aus. Und dann ist das Ding wieder eingeäschert worden.«
»Ja, im Januar 1996 ist das Teatro erneut bis auf die Grundmauern abgebrannt. Angeblich war es Brandstiftung. Ein Elektroingenieur namens Carella oder so ähnlich soll zusammen mit seinem Cousin Massimiliano Marchetti das Gebäude in Brand gesetzt haben. Man sagt, sie seien mit ihren Arbeiten in Verzug geraten. Ihnen hätte deswegen eine Vertragsstrafe von 7.500 Euro gedroht. Ja, und dann haben sie das Ding einfach abgefackelt.«
»Das ist ja eine echt heiße Lösung.«
Plötzlich meldet sich Lukeles Mobiltelefon mit »Nessun Dorma!«, einer Arie aus Puccinis Turandot, wahrscheinlich gesungen von Luciano Pavarotti. Das hat Stil!
»Lukele.«
Pause.
»Ja, Herr Pfeil ist angekommen. Er sitzt mir gegenüber. Ja, ihm geht’s gut. Doch.«
Pause.
»Das fragen Sie ihn am besten persönlich.«
Pause.
»Ja, Moment bitte. Ich reiche das Telefon weiter.«
Dann zu mir gewandt: »Hier, Ihre Assistentin.«
Ich übernehme das Telefon. Von wegen Vorteil.
»Sarah Freund. Guten Morgen, Herr Pfeil. Sagen Sie mal, was ist denn passiert? Ich kann Sie nicht erreichen. Ich habe bereits eine längere Telefonliste für Sie. Ist Ihr Akku leer?«
»Guten Morgen, Frau Freund. Nein, keine Sorge, mein Akku ist noch nicht leer! Aber wenn Sie den Akku meines Telefons meinen, der erwärmt gerade das Wasser des Mittelmeers.«
»Wie meinen Sie das?«
»Na, so wie ich es gesagt habe. Ganz einfach: Mein Telefon ist für die Fische, Muscheln und Scampi. Es liegt am Boden der Lagune, umgeben vom Wasser des Mittelmeers. Und ich habe es nicht in einem Anfall von ungezügelter Wut über Bord geworfen … Wer wollte mich denn sprechen?«
Sarah Freund holt tief Luft.
»Tja, zuerst hätten wir da den Aufsichtsratsvorsitzenden, Dr. Emil von Pelzig.«
»Der kann mich mal«, murmle ich am Telefon vorbei, aber meine Frau Freund muss es wohl gehört haben.
»Wie bitte?«
»Der kann mich mal zurückrufen, wenn ich wieder ein Telefon habe. Sagen Sie ihm, ich melde mich später. Wir müssen uns jetzt unbedingt auf das Gespräch mit dem Bürgermeister vorbereiten.«
»Ja, und dann hat sich das Ministerium für Wiederaufbau aus Kroatien gemeldet, eine Frau Mesic. Es sei sehr dringend. Der Minister möchte Sie morgen unbedingt persönlich sprechen. Sie hätten möglicherweise einen gemeinsamen Termin beim Präsidenten Franjo Tudjman. Es geht um den Auftrag für die Brücke in Dubrovnik und um die Autobahn bei Zagreb. Sie sagte, es sei sehr dringend!«
»Wie soll ich das denn machen?«
»Das geht. Ich habe es schon mal gecheckt. Wenn Sie heute Abend zurückkommen, dann könnten Sie doch morgen früh fliegen. 6.30 Uhr mit Croatian Air direkt nach Zagreb. Unser Repräsentant in Zagreb wird Sie am Flughafen abholen und direkt zum Ministerium bringen. Sie könnten sich dann um 9.00 Uhr mit Minister Radic treffen. Soll ich das schon mal so buchen?«
Ich seufze. »Mmh, wenn’s der Sache dient.«
»Das müssen Sie schon selbst beurteilen.«
Ich seufze erneut.
»Soll ich jetzt buchen oder nicht?«
»Ja, bitte buchen Sie. Und schreiben Sie bitte dem Minister eine kurze E-Mail, dass ich sehr gerne komme, dass ich aber gerade in Venedig und hier schlecht erreichbar bin. Und rufen Sie bitte auch diese Frau Mesic zurück. Dazu habe ich jetzt einfach keine Zeit mehr.«
»Gut, verstanden, mache ich. Ihre Frau hat auch angerufen.«
»Ja, ich weiß. Sie hat mir kurz vor Untergang meines Telefons auf die Mailbox gesprochen. Bitte rufen Sie sie an und erklären Sie ihr bitte mein Kommunikationsproblem, ich melde mich nach meinem Termin. Und jetzt muss ich unbedingt mit Herrn Lukele weitersprechen. Tschüss, bis später.«
»Auf Wiedersehen, Herr Pfeil, viel Spaß in Venedig.«
Diese Bemerkung hätte sie sich eigentlich sparen können.
Um 11 Uhr sollen wir beim Bürgermeister sein. Uns bleibt nur noch eine knappe Stunde. Wir sitzen bei wunderbarer Sonne auf der inzwischen voll besetzten kleinen Terrasse des Cafés und haben zwei weitere Cappuccini und eine große Flasche Pellegrino bestellt. Lukele setzt seine Theater-Geschichte fort. Zum Hergang der Brandstiftung gibt es noch einige andere Theorien und Gerüchte. Man sagt, ein venezianischer Bauunternehmer, Placido Berlucci, hätte in einem Anfall von Eifersucht das Feuer legen lassen. Er hätte den fetten Posaunisten des Theaterorchesters, Antonio Struzzi, mit seiner – Berluccis – jungen, erst kürzlich geheirateten Frau in der Königsloge in flagranti erwischt. Berlucci wollte damit seinen fetten Kontrahenten Struzzi beseitigen, einen fetten Bauauftrag an Land ziehen und seine schlanke Frau zurückgewinnen. Alles Spekulationen. Und dann gibt es da noch eine andere Geschichte, die allerdings etwas mehr Brisanz hatte. Der Bürgermeister könnte selbst hinter der Brandstiftung stecken. Seine Wiederwahl schien gefährdet, er konnte während seiner ersten Amtszeit keine nachhaltigen Entscheidungen herbeiführen und auch sonst keine signifikanten Zeichen setzen. Man hielt ihn deshalb für wenig engagiert und einfallsreich, auch verfügte er über keine belastbaren Kontakte nach Rom. Er soll den mit ihm verwandten Feuerwehrmann Flavio Pulpo bestochen haben, das Feuer während der Reparatur des Notbeleuchtungssystems zu legen, und bezichtigte dann die Elektrofirma der Brandstiftung. Auch dafür gibt es keine Beweise. Der Elektroingenieur Carella ist jedenfalls auf der Flucht, angeblich soll er sich in Mexiko aufhalten. Flavio Pulpo erhielt für seinen mutigen Einsatz bei den Löscharbeiten eine Ehrenmedaille der Stadt Venedig. Das hört sich nun an wie einem Groschenroman entnommen, entspricht aber den Tatsachen. Der Bürgermeister setzt sich seit dem Brand mit großem Engagement für den Wiederaufbau ein und wurde tatsächlich auch wiedergewählt.
Bereits ein Jahr nach der Zerstörung des Theaters vollzog die Stadt Venedig eine internationale Ausschreibung für den Wiederaufbau. Fünf Unternehmen bewarben sich um die äußerst schwierige Aufgabe und reichten ihre Angebote sieben Monate später ein. Die Angebote umfassten auch die kompletten architektonischen Planungsarbeiten. Drei Monate später beauftragte die Stadt Venedig dann das Unternehmen Impregilo aus Mailand, dessen Planung von der international anerkannten Designerin und Innenarchitektin Gae Aulenti stammte. Impregilo begann unmittelbar nach Beauftragung mit den Bauarbeiten. Zwei Anbieter vermuteten jedoch Unregelmäßigkeiten bei der Auftragserteilung und rügten die Vergabe an Impregilo. Die Klage wurde zunächst vom regionalen Verwaltungsgericht von Venedig abgewiesen. Die unterlegenen Parteien legten dann jedoch bei der nächsthöheren Instanz Berufung ein. Der Klage unseres Unternehmens, das zusammen mit Romagnoli, einem weiteren Bauunternehmen aus Mailand, angeboten hatte, wurde stattgegeben und der Auftrag unserem Konsortium erteilt. Impregilo musste die Baustelle dann unverzüglich räumen.
Lukeles Pavarotti unterbricht erneut die Schilderung der Auftrags-Historie.
»Lukele hier, wer spricht?«
Pause.
»Ach, hallo Frau Freund. Ja, wir sind noch nicht beim Bürgermeister. Sie wollen Herrn Pfeil sprechen. Ja, Moment bitte.«
Lukele überreicht mir erneut sein Telefon.
»Pfeil. Was ist denn schon wieder?«
»Der Aufsichtsratsvorsitzende ist persönlich am Telefon, er will Sie sofort sprechen.«
»Sagen Sie ihm, ich sei einfach verschollen, unauffindbar. Ich sei zwar in Venedig, seither fehle jedoch jeglicher Kontakt zu mir.«
»Hören Sie auf, ich habe ihm doch schon gesagt, dass ich mit Ihnen gesprochen habe. Er lässt sich nicht mehr abwimmeln. Ich verbinde Sie jetzt.«
Telefonknistern, ich hoffe auf eine Gesprächsunterbrechung.
»Von Pelzig hier. Wo sind Sie? Warum rufen Sie nicht zurück?«, beginnt er unerfreulich das Gespräch.
Ich habe mich schon mal aus meinem Kaffeehausstuhl erhoben, stehend kann ich besser und befreiter sprechen.
»Pfeil. Guten Morgen, Herr Dr. von Pelzig. Ich bin in Venedig. Am Canal Grande.«
»Was machen Sie in Venedig, wenn es hier in Deutschland brennt?«
»Der ehemalige von Ihnen bestellte und dann wieder entlassene Vorstandsvorsitzende hat hier in Venedig einen Auftrag zum Wiederaufbau eines abgebrannten Theaters an Land gezogen. Hier droht uns wegen massiver Terminverzögerungen ein immenser Schaden. Auf Deutsch: Auch hier brennt’s. Genau genommen, hat dieses Theater nie aufgehört zu brennen.«
»Das ist ja äußerst unangenehm.«
»So kann man das auch ausdrücken. Unangenehm ist ein eher sehr bescheidenes Wort. Man könnte auch sagen, wir stecken hier tief in der Kloake. In Kürze haben wir einen Termin im Rathaus. Dann werden wir weitersehen.«
»Pfeil, in Kürze haben wir auch eine ganz wesentliche Aufsichtsratssitzung. Da erwarte ich von Ihnen vorab eine klare Einschätzung zum Thema Abschreibungsbedarf von Forderungen bei Großprojekten in Deutschland und im europäischen Ausland. Und was die Kapazitätsanpassungen angeht, auch dazu benötige ich klare Fakten und Zahlen.«
»Das werden Sie auch diesmal erhalten, aber auch ich bin nur beschränkt multitaskingfähig. Also eins nach dem anderen.«
»Und übertreiben Sie nicht. Viel Erfolg im Rathaus. Auf Wiedersehen.«
Aufgelegt.
»Herr Lukele, bitte schalten Sie jetzt Ihren Pavarotti aus, sonst kann ich mich nicht auf dieses Theater konzentrieren. Noch so ein Anruf und ich bin endgültig schlecht gelaunt. Außerdem haben wir nicht mehr sehr viel Zeit. Also bitte Telefon aus, jetzt gleich. Danke.«
Lukele schaltet sein Telefon ab, ich bin wieder unerreichbar.
»Man hat also Impregilo den Auftrag entzogen. Das fanden die nicht wirklich lustig. Soviel ich weiß, ist da noch eine Klage anhängig. Impregilo will wohl noch ein paar Millionen von der Stadt Venedig. Wir sollten natürlich sofort nach dem Gerichtsentscheid mit den Bauarbeiten beginnen, obwohl uns hier niemand wollte und auch niemand unterstützte. Das Problem begann bereits mit der architektonischen Planung. Die Architektin von Impregilo war diese bereits betagte Grand Dame der italienischen Architekturszene Gae Aulenti. Unser Architekt, Aldo Rossi, auch schon Mitte sechzig, ist kurz vor der letzten Gerichtsentscheidung bei einem Verkehrsunfall am Lago Maggiore ums Leben gekommen.«
»Das hört sich alles an wie aus einem Kriminalroman entnommen. Haben Sie zu viel Donna Leon gelesen? War der Unfall von Rossi denn selbst verschuldet, oder hat man ihn auf geschickte Art und Weise umgebracht?«
»Auch hierzu gibt es einige Geschichten, aber die erzähle ich ihnen lieber erst am Nachmittag. Wir hatten auf Basis der Planung von Aldo Rossi unser Angebot gemacht, nun mussten wir ohne Rossi weitermachen, konnten jedoch auf die Mitarbeiter aus Rossis Büro zurückgreifen. Von Anfang an hatten wir erhebliche Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit mit den verschiedenen Verwaltungsabteilungen der Stadt. Die von Rossis Büro eingereichten Pläne wurden entweder gar nicht oder nur mit monatelanger Verzögerung zur Ausführung freigegeben. Und plötzlich erschien dann auch noch eine Abordnung der für Archäologie und Kunst zuständigen Behörde auf unserer Baustelle. Man hat nach irgendeinem alten Kram gesucht und tatsächlich auch ein paar angeblich antike Teller gefunden. Vielleicht hat diese Teller auch irgendjemand nach der Vertragskündigung dort vergraben, damit die Bauarbeiten nicht wieder begonnen werden können. Reine Spekulation. Jedenfalls war die Fortführung der Gründungsarbeiten durch die Grabungsarbeiten mit Löffelchen und Pinselchen definitiv unterbrochen. Dieser Zustand hat sich bis zum heutigen Tag nicht wesentlich verbessert. Nun wird uns vorgeworfen, dass wir unseren Zeitplan nicht einhalten und damit den Termin für die schlüsselfertige Übergabe nicht gewährleisten können. Ja, es stimmt, wir liegen deutlich hinter unserem Zeitplan. Das hat die Stadt jedoch selbst verschuldet, ich glaube sogar, absichtlich herbeigeführt. Durch die ständigen Behinderungen entstehen uns erhebliche Mehrkosten, die wir gerade zusammenstellen, um sie dann beim Auftraggeber geltend machen zu können.«
»Momentan sieht es aber eher so aus, als ob der Bürgermeister versucht, seine angeblichen Kosten bei uns geltend zu machen, oder habe ich das falsch verstanden?«
»Ja, das stimmt leider.«
Meine Armbanduhr zeigt 11.50 Uhr. Zeit zu zahlen und Richtung Rathaus aufzubrechen. Das Municipio di Venezia liegt direkt am Canal Grande, nur wenige Schritte vom Café Rivo Alto entfernt. Wasser, Sonne, leichter Wind, Motorboote, Gondoliere, Wassertaxis, Vaporettos, Touristen – alles verbindet mich gefühlsmäßig eher mit Urlaub. Es fällt mir schwer, mich auf ein ernsthaftes Gespräch einzustellen. Durch eine hohe zweiflügelige Türe betreten wir die ebenerdige Empfangshalle des Amtsgebäudes, wo uns ein wenig freundlicher, in einer Mikrozelle sitzender Portier zunächst aufhält und nach einer kurzen Erklärung durch Lukele den weiteren Weg in ein rechts abzweigendes Treppenhaus zuweist. Wir müssen zwei Stockwerke nach oben steigen. Die Luft ist abgestanden, abgenutztes Ambiente, alles etwas duster. Ein kleines Türschild »Segreteria di Sindaco« weist uns auf das Sekretariat des Bürgermeisters hin. Ich klopfe an die gläserne Tür und trete ein. Eine schlanke, dunkelhaarige Mittdreißigerin sitzt an einem Schreibtisch. Ich tippe auf Soletti.
»Buon giorno, Signora Soletti.«
An meinem deutschen Akzent erkennt sie mich sofort als den bestellten Besucher und blickt mir staunend in die Augen.
»Buon giorno, Signori. Ich hatte versucht, Sie unter all Ihren Telefonnummern zu erreichen. Aber niemand hat sich gemeldet, weder Sie noch Signor Lukele. Es tut mir sehr leid. Der Bürgermeister ist leider verhindert, er musste soeben weg, er hat einen sehr wichtigen Termin mit dem Presidente del Consiglio.«
»Ich bin extra heute Morgen wegen dieses Gesprächs aus München angereist! Auch ich habe einen sehr wichtigen Termin, allerdings nicht mit dem Presidente, sondern mit dem Sindaco. Und ich muss heute Abend unbedingt wieder zurück! Ich muss Signor Costa heute sprechen.«
»Der Bürgermeister bat mich, Ihnen mitzuteilen, dass er Ihnen für heute Nachmittag um 15 Uhr einen neuen Termin anbieten kann. Es tut mir wirklich leid.«
»Das ist ja super. Morgen habe ich einen Termin beim Präsidenten von Kroatien, übermorgen bin ich beim russischen Staatspräsidenten, und am Donnerstag bin ich vom Papst zu einer Audienz eingeladen. Das soll ich jetzt alles absagen?«
Ich bin sauer, übel gelaunt. Kein Termin, kein Koffer, kein Telefon, kein Einsehen.
Riccarda Soletti steht etwas verunsichert vor mir, diese Situation ist ihr sichtlich unangenehm.
Ich habe keine andere Chance, das Gespräch mit diesem Paolo Costa muss unbedingt heute stattfinden. Gedanklich checke ich meine Möglichkeiten. Ich hatte bereits die letzte Maschine zurück nach München gebucht. Vielleicht gibt es noch eine andere Möglichkeit für einen Rückflug, vielleicht über Zürich, Wien oder Frankfurt. Oder ich bleibe hier in Venedig über Nacht, dazu müsste ich mir allerdings noch eine Minimalausstattung für Körperpflege und Kleidungswechsel zulegen. Dann müsste ich morgen früh nach Zagreb, entweder direkt oder über Rom oder Mailand. Und ich brauche unbedingt wieder ein Telefon.
»Okay, liebe Signora Soletti. Wir nehmen das Angebot des Bürgermeisters an und kommen um 15 Uhr zurück. Wenn er uns dann nicht empfängt, zünde ich sein Rathaus an.«
Dass ich das Rathaus anzünden würde, hätte ich vielleicht nicht sagen sollen. Auf die Ankündigung von Brandstiftungen könnte man hier allergisch reagieren. Riccarda Soletti bleibt ruhig und lässt sich von mir nicht provozieren.
»Soll ich Ihnen bei der Reiseorganisation behilflich sein?«
»Nein, herzlichen Dank. Das machen wir über unser Büro in München. Also, bis später. Arrivederci.«
Lukele und ich verlassen das Vorzimmer und steigen das dunkle Treppenhaus wieder hinunter bis auf Meeresniveau.
»Das ist doch echt unverschämt. Erst will er uns ganz dringend und sofort sehen und dann so was. Arroganter Sack! Eigentlich habe ich definitiv überhaupt keine Lust mehr auf dieses Gespräch.«
Lukele zieht es vor, nichts zu sagen.
»Und jetzt muss ich sofort meine Reisen umorganisieren. Können Sie mir mal bitte Ihr Telefon leihen?«
Lukele gibt mir sein inzwischen wieder eingeschaltetes Telefon, und ich wähle die Nummer meiner Assistentin.
»Sarah Freund. Hallo, Herr Pfeil. Sind Sie schon wieder fertig?«
»Nein, nichts ist fertig. Termin verschoben. Der große Bürgermeister musste dringend zum Mittagessen mit einem angeblich wichtigen Präsidenten, natürlich ohne uns.«
Ich erkläre meine verschiedenen Reisealternativen und bitte um baldmöglichste Auskunft.
»Und außerdem brauche ich schnellstmöglich ein neues Telefon, ich bin ja völlig isoliert. Herr Lukele und ich werden jetzt erst einmal ein paar Beruhigungsspaghetti um die Gabel wickeln. Also, bis später.«
Ich schlage Herrn Lukele vor, dass wir die Zwangspause nutzen, um uns die Baustelle anzusehen und dort in der Nähe ein Ristorante zu suchen. Er führt mich auf dem kürzesten Weg durch die schmalen Gassen und über einige kleinere Brücken zum Ziel. Viel kann ich nicht sehen, die Baustelle ist umzäunt, das Tor im Zaun versperrt. Der Zugang nur mit einer speziellen persönlichen Erlaubnis, ausgestellt von der Stadtverwaltung, möglich, und diese Erlaubnis habe ich natürlich nicht. Klar ist jedoch, dass neben den anspruchsvollen Bauarbeiten vor allem auch die Logistik eine besondere Herausforderung darstellt. Alle Antransporte und Abtransporte sind nur über einen schmalen Kanal möglich. Für die Befahrung mit Baumaterialien und Baugeräten hat man uns nur sehr kleine Zeitfenster in den frühen Morgenstunden und in den späten Abendstunden eingeräumt. Das sind spezielle Restriktionen für Firmen, die nicht aus Venedig oder der direkten Umgebung stammen.
Unser Mittagessen nehmen wir in der Trattoria Da Arturo ein, einem winzigen Restaurant in der zur Theaterbaustelle führenden Calle degli Assassini. Der Chef kocht hier selbst und ist stolz auf seine seit zwanzig Jahren unveränderte Speisekarte. Die Wände zieren Banknoten aus aller Welt und Fotos von Weltstars wie Barbra Streisand, für die Ernesto seinen eigenen Angaben nach mehrfach persönlich gekocht hat. Auch Donna Leon und andere venezianische Größen sind hier häufig zu Gast. Unser Bürgermeister Costa und sein Presidente speisen heute jedoch an einem anderen Ort. Vor ein paar Jahren war ich auch schon einmal hier, um mit meiner Frau einen meiner Geburtstage zu feiern. Beim Wippen mit dem Stuhl kippte ich damals nach hinten um und prallte auf den Marmorboden. Mir passierte glücklicherweise nichts, der Stuhl jedoch zerfiel in seine Einzelteile. Um den ersten Schreck zu bekämpfen, spendierte Chef Ernesto Ballarin damals einen zusätzlichen Grappa; anscheinend war er ebenfalls froh, dass der Schaden auf das Mobiliar beschränkt blieb. Heute wird nicht gewippt. Wir bestellen tatsächlich Spaghetti con i Caparozzoli. Venezianische Spezialität. Dazu je ein Glas Wein aus dem Friaul. So sieht die Welt wieder etwas versöhnlicher aus.
»Sagen Sie mal, Herr Lukele, was war da mit diesem Verkehrsunfall des Architekten Aldo Rossi?«
»Es gibt Tatsachen und Gerüchte. Wie die Ereignisse genau zuzuordnen sind, kann ich Ihnen nicht sagen. Rossi hatte direkt am Ufer des Lago Maggiore ein großes Haus, das er wahrscheinlich für Wochenenden und Urlaube nutzte, vielleicht auch für schöpferische Phasen. Er war mit einigen Leuten beim Abendessen in einem Nachbarort, einer der Teilnehmer war Romagnoli. Wer sonst noch dabei war, weiß ich nicht. Auf der Heimfahrt passierte dann dieser Unfall. Er kam mit seinem Maserati von der Straße ab, das Auto überschlug sich mehrfach und blieb schließlich in einem kleinen Waldstück auf dem Dach liegen. Glücklicherweise fand man ihn wohl recht schnell; er lebte noch, war allerdings sehr schwer verletzt und starb wenige Tage später in einem Krankenhaus in Mailand. Er selbst war zum Zeitpunkt des Unfalls wahrscheinlich alkoholisiert. Bei der Untersuchung seines Wagens stellte man fest, dass der rechte Vorderreifen eine Beschädigung aufwies, die möglicherweise von einem Einschuss stammte. Aber der Gutachter war sich nicht ganz sicher. Die Staatsanwaltschaft stellte das Ermittlungsverfahren wenig später ein. Ich kannte Rossi, er war ein feiner Mann. Ehrlich, kreativ, immer gut aufgelegt.«
Lukele atmet tief durch.
»Er fehlt uns sehr. Wenn er noch leben würde, wäre die Zusammenarbeit mit der Stadt sicher viel leichter.«
»Das ist ja echt mysteriös. Gab es sonst noch irgendwelche Unfälle oder gar Todesfälle in Zusammenhang mit unserem Projekt?«
»Mir ist bisher nichts bekannt, und ich hoffe, das bleibt auch so.«
Ich nehme meinen letzten Schluck Weißwein und bezahle unsere sündhaft teuren Nudeln, die hier wahrscheinlich nach Stück oder Zentimeter abgerechnet werden. Den obligatorischen Espresso wollen wir in der benachbarten Bar Brasilia einnehmen.
Langsam wird es Zeit, meine weiteren Reisestationen festzulegen. Frau Freund hat keine wirklich guten Neuigkeiten. Außer einem Flug über Barcelona, Ankunft morgen früh um fünf, gibt es keine Flüge mehr nach München. Nach Zagreb gibt es keine Direktflüge, Flüge mit Zwischenlandungen dauern eine halbe Ewigkeit, auf keinen Fall kann ich morgen um neun im Ministerium in Zagreb sein.
»Frau Freund, jetzt brauchen wir einen Notfallplan. Ich schlage vor, sie buchen mir zuerst ein Zimmer im Gritti, dann bin ich heute Nacht schon mal von der Gasse weg. Unter den Brücken kann man in Venedig ja auch nicht schlafen. Und dann brauche ich eine Privatmaschine, die mich morgen früh in Venedig abholt, nach Zagreb fliegt und im Anschluss an meine Termine nach München zurückbringt. Es muss kein Jet sein, mir reicht eine kleine zweimotorige Turboprop, Beech 90 oder so. Am besten Sie fragen in München oder Augsburg nach. Und ich muss morgen unbedingt ein Telefon haben.«
»Okay! Ich gebe mein Bestes. Ich rufe zurück, sobald ich Genaueres weiß.«
»Ja bitte, Ihr Bestes. Bis später dann.«
»Halt, ich habe ganz vergessen, Ihre Telefonliste ist wieder deutlich länger geworden. Kann ich Ihnen die Anrufer gleich durchgeben. Fast alles dringend bis sehr dringend. Und Frau Mesic hat den Termin mit Minister Radic vorhin bestätigt. Er erwartet Sie um 9 Uhr.«
»Bitte erst die Reise. Die Anrufer müssen jetzt warten. Adios.«
»Tschüss, Herr Pfeil und vergessen Sie nicht, Ihre Frau zurückzurufen.«
Ich übergebe das Telefon wieder an Lukele.
»Das wird ja richtig lustig mit dieser Reise. Jetzt brauche ich allerdings noch eine Grundausstattung für die Übernachtung. Haben Sie eine Idee, wo wir hier eine Drogerie und ein Herrengeschäft finden. Haben wir noch so viel Zeit?«
Lukele denkt kurz nach und scheint dann auch eine passende Lösung bereit zu haben.
»Wenn wir auf unserem Rückweg zum Rathaus einen kleinen Umweg machen, dann können Sie Ihren Bedarf sicher decken. Zeit haben wir noch ausreichend.«
Nach Einnahme des obligatorischen Espressos machen wir uns auf Einkaufstour. Meinen Notwaschbeutel stelle ich in einer kleinen Drogerie zusammen. Dank der perfekten Italienischkenntnisse von Lukele gestaltet sich der Einkaufsvorgang sehr einfach und schnell, sodass wir zügig zum zweiten Einkaufsteil übergehen können.
Ohne Lukele hätte ich mich längst ein paar Mal verlaufen, was bei einem Ausflug nach Venedig eigentlich sogar dazu gehört. Doch mit einem ortskundigen Führer gibt es dieses Problem natürlich nicht. Wir finden auch den Herrenausstatter auf Anhieb. Ein hoffentlich passender Schlafanzug, Unterwäsche, Socken und ein weißes Hemd sind schnell ausgewählt und dank Kreditkarte auch schnell bezahlt. Auf den Kauf eines Koffers verzichte ich und wähle stattdessen in einem benachbarten Souvenir-Shop eine Sporttasche von AC MILAN, die Bayern-Fans mögen das verzeihen. Gemeinsam machen wir uns wieder Richtung Bürgermeister auf.
Nachdem wir überpünktlich bei Signora Soletti angekommen sind, meldet sich zuerst einmal Lukeles Pavarotti. Soletti bittet uns, auf einer Wartebank Platz zu nehmen.
»Lukele hier. Moment, Frau Freund, ich übergebe.«
»Pfeil.«
»Hallo, Herr Pfeil. So, ich habe einiges buchen können. Zuerst mal Ihr Zimmer im Gritti, geht in Ordnung, mit Blick auf den Canal Grande. Flugzeug habe ich auch gefunden. ExecAir holt Sie morgen früh um 7 Uhr mit einer Beech Kingair 200 ab, eine kleinere Maschine habe ich nicht gefunden. Mit Ihrem Telefon gibt es Schwierigkeiten, unsere IT-Abteilung kann Ihnen kurzfristig nichts zur Verfügung stellen.«
»Wie bitte? Die spinnen wohl! Soll ich mir vielleicht hier in Venedig ein Telefon kaufen?«
»Nein, natürlich nicht, aber die haben wohl nichts auf Lager.«
»Ob die was auf Lager haben oder nicht, interessiert mich eigentlich nicht. Dann muss eben jemand ein Telefon kaufen oder klauen oder mir eines ausleihen. Ich muss morgen ein Telefon haben.«
»Okay, ich gebe wieder mal mein Bestes.«
Riccarda Soletti kommt aus ihrem Büro auf uns zu.
»Frau Freund, ich muss jetzt aufhören, jetzt geht’s endlich zum Bürgermeister. Tschüss.«
»Na dann, gutes Gelingen.« Sarah Freund legt auf.
»Prego, Signori. Signor Costa ist jetzt da, er erwartet Sie in seinem Zimmer. Ich begleite Sie.«
Riccarda Soletti führt uns einen schmalen, kaum beleuchteten Gang entlang. Ich hatte mir das Rathaus wesentlich stattlicher vorgestellt und eher an einen historisch bedeutsamen Palazzo mit viel Stuck, Malerei und Skulpturen gedacht. Davon ist hier erstaunlicherweise nichts vorhanden. Durch eine große dunkle Holztür betreten wir das Zimmer des Bürgermeisters. Er begrüßt uns ziemlich unfreundlich und stellt uns seinen Gesprächskollegen vor.
»Ich habe meinen Anwalt hinzugebeten. Avvocato Magrone.«
Magrone schüttelt uns die Hand und übergibt mir mit versteinerter Miene seine Visitenkarte: Giandomenico Magrone, Avvocato, Roma.
Nun bin ich zugegebenermaßen doch recht erstaunt.
»Signor Costa, wir hatten ein Gespräch ohne Rechtsanwälte vereinbart. Herr Lukele ist unser Projektingenieur hier in Venedig, und auch ich bin Ingenieur. Wir sind hierhergekommen, um mit Ihnen eine Lösung zu besprechen, die es uns ermöglicht, dieses Theater zu bauen. Wir sind nicht gekommen, um eine Rechtsauseinandersetzung einzuleiten. In welcher Sprache sollen wir uns überhaupt unterhalten, Englisch, Deutsch oder Italienisch? Wenn Sie Italienisch sprechen wollen, müsste Herr Lukele übersetzen, denn meine Italienischkenntnisse reichen nur zur Bestellung von Essen und Getränken.«
»Wir können Englisch sprechen«, antwortet Costa und setzt dann ohne Luft zu holen fort:
»Sie stören uns, seit wir den Auftrag an Impregilo erteilt haben. Erst verklagten Sie uns vor dem regionalen Verwaltungsgericht. Nachdem Sie diese Klage verloren hatten, gingen Sie auch noch in Berufung. Dann mussten wir Impregilo den Auftrag entziehen und Ihr Konsortium beauftragen. Dieses Spektakel hat uns viel Zeit gekostet, sehr viel Zeit. Seitdem Sie die Baustelle übernommen haben, ist nicht viel geschehen. Ihr Architekt plant nicht auftragsgemäß. Sie kommen nicht voran. Die Baustelle dümpelt vor sich hin. Sie werden das Theater niemals fristgerecht fertigstellen können. Deshalb werden wir den Vertrag kündigen, die Baustelle übernehmen, Ihre Vertragserfüllungsbürgschaft ziehen und Sie auf Schadensersatz verklagen.«
»Wenn Sie sich schon so sicher sind, was Sie unternehmen werden, hätte ich mir meine heutige Reise durchaus sparen können«, antworte ich aufgebracht.
»Wir haben mit viel Geduld nun lange genug zugesehen, offensichtlich verstehen weder Sie noch Ihr Architekt den Ernst der Lage. Wir haben das Eröffnungskonzert bereits fixiert.«
Nun mischt sich Giandomenico Magrone ins Gespräch ein.
»61 Prozent Ihrer Bauzeit sind bereits abgelaufen, Sie haben aber nur 5 Prozent Ihrer Bauleistung erbracht. Das ist ein schwerwiegender Vertragsbruch.«
Diese Gesprächseinleitung bringt mich in Rage. Ich spüre Adrenalin in meinen Adern, will mich aber nicht provozieren lassen. Diese beiden Italiener gefallen mir nicht. Bei Costa vermisse ich alle italienischen Aussehens-Attribute. Heller Teint, blaue Augen, brünette Haare, breite Nase, breiter Mund, Brille mit goldfarbener Fassung, Bierbauchansatz. Er ginge ohne Probleme als Deutscher durch. Auch bei Magrone vermisse ich dunkle Haare und Augen. Immerhin trägt er mittelbraune Schuhe zu seinem dunkelblauen Anzug.
Jetzt bin ich an der Reihe:
»Wir haben eine Sichtweise, die sich von Ihren Schilderungen deutlich unterscheidet. Das mag in der Natur der Sache liegen, in diesem Fall aber glaube ich, dass Sie weder vollständig noch richtig informiert sind. Die Entscheidung des Gerichtes bestätigte die fehlerhafte Vergabeentscheidung, was Sie uns nicht anlasten können, denn das haben Sie selbst zu verantworten. Die daraus resultierenden Zeitverzögerungen haben wir daher nicht zu vertreten. Unsere Planung stammt von Aldo Rossi, einem international anerkannten italienischen Architekten, der leider wegen eines Verkehrsunfalls sein Leben verloren hat. Wir haben seinen Unfalltod nicht zu vertreten. Sein Büro plant mit großer Kompetenz und in durchaus angemessener Geschwindigkeit. Ihre Behörde tut jedoch alles, um die Planer zu behindern, und ist zu keiner konstruktiven Zusammenarbeit bereit.«
»Das ist frei erfunden«, unterbricht mich Costa.
»Lassen Sie mich erst mal weiterreden. Auch Sie als Auftraggeber haben Pflichten, die Sie jedoch nicht einhalten wollen. Wir haben bisher noch kein Geld gesehen, Sie zahlen unter Zuhilfenahme nicht sachgerechter Argumente einfach nicht. Ihre Archäologen behindern uns nicht nur, nein, sie verhindern jegliche Bauarbeiten. Damit muss endlich Schluss sein. Wäre das Theater nicht abgebrannt, hätte man auch keine Teller ausgraben können. Das sind alles nur Maßnahmen, die dazu dienen, unsere Vertragserfüllung unmöglich zu machen. Wir haben wegen dieser Behinderungen erhebliche Mehrkosten, die wir bei Ihnen geltend machen werden. Auch wir werden vor rechtlichen Schritten nicht zurückschrecken, auch wenn wir das zunächst nicht vorhaben.«
Damit sind die grundsätzlichen Standpunkte erst einmal ausgetauscht. Die anschließende Diskussion bringt uns jedoch auch nicht weiter. Der Bürgermeister hat eine vorgefertigte Meinung, will uns offensichtlich loswerden und uns kräftig zur Kasse bitten. Die Stimmung wird nicht besser, auch meine konstruktiven Vorschläge zur Verbesserung der Zusammenarbeit werden nicht angenommen. Schließlich stellt uns Costa ein Ultimatum. Wir sollen binnen drei Tagen einen Plan vorlegen, wie wir den ursprünglichen Fertigstellungstermin erreichen können. Sollte dieser Plan nicht plausibel sein, will er den bestehenden Vertrag kündigen und unsere Bürgschaft in Höhe von 40 Millionen Euro ziehen.
Costa greift zum Telefon.
»Riccarda, komm doch bitte mal rüber.«
Costa schreibt eine kurze Notiz auf einen Zettel.
Wenig später tritt Riccarda Soletti ein. Costa drückt ihr seinen Zettel in die Hand.
»Okay, meine Herren, ich habe nichts hinzuzufügen. Tut mir leid, dass ich heute Vormittag keine Zeit hatte, ich musste mich dringend mit dem Presidente treffen. Ich hoffe, Sie haben deswegen keine Unannehmlichkeiten.«
Ich kann mich nicht zurückhalten.
»Ich erreiche meinen Rückflug nach München nicht mehr, ich hatte eigentlich keine Übernachtung in Venedig geplant. Die Hotelkosten werden doch sicher von Ihnen übernommen. Aber ich gehe davon aus, dass Sie ein angenehmes Mittagessen hatten. Was hat es denn gegeben?«
Costa tut so, als hätte er nichts gehört.
Wir verabschieden uns mit eisigen Mienen.
Durch den dunklen Gang erreichen wir Solettis Büro.
»Arrivederci, Signora Soletti.«
»Arrivederci, Signor Lukele. Arrivederci, Signor Pfeil.«
Beim Hinausgehen übergibt mir Riccarda Soletti ihre Visitenkarte.
Wir steigen die dunkle Treppe wieder auf Meeresniveau hinab. Draußen angekommen, drehe ich Solettis Visitenkarte um und lese eine handschriftliche Notiz: 20 Paradiso. Solo.
Was soll das denn heißen?
»Was machen wir jetzt, Herr Pfeil?«
»Ich würde gern mal im Hotel einchecken und meine Fußballtasche loswerden.«
»Okay, das ist nicht besonders schwierig. Das Hotel ist nicht weit. Wir können auch mit dem Vaporetto fahren.«
»Guter Vorschlag. Das machen wir.«
Wir gehen die kurze Strecke zur Rialto-Brücke zurück, besteigen das nächste Boot Richtung Markusplatz und betrachten das geschäftige Treiben auf dem Canal Grande und hängen unseren Gedanken nach. Wie können wir einigermaßen unbeschadet aus dieser Theaternummer wieder rauskommen? Kann Costa alleine die angedrohten Entscheidungen treffen, ohne sich mit einem politischen Gremium abzustimmen? Warum hat Costa einen Anwalt aus Rom hinzugezogen, hier in Venedig gibt doch sicher auch einige Rechtsanwälte? Und was bedeutet diese Botschaft auf Solettis Visitenkarte? Mir ist da einiges unklar. An der Ponte Accademia steigen wir aus, von dort sind es nur noch wenige Minuten zum Hotel Gritti.
»Herr Lukele, die Situation scheint mir sehr bedrohlich. Wir müssen uns schnell geeignete Maßnahmen einfallen lassen, aber vorher muss ich in Ruhe nachdenken. Könnten Sie im Hotel bitte so lange warten, bis ich eingecheckt habe? Und dann überlegen wir nochmals gemeinsam, was wir tun können.«
»Selbstverständlich, Herr Pfeil.«
Wir erreichen das Hotel. Ein Portier in standesgemäßer Livree heißt uns überschwänglich willkommen und öffnet die große gläserne Eingangstüre. Seinen Versuch, mir meine Fußballtasche abzunehmen, kann ich erfolgreich abwehren. Lukele setzt sich auf eines der barocken Sofas, während ich die Rezeption anpeile.
»Buon giorno, Signor. Haben Sie eine Reservierung?«
»Buon giorno. Mein Name ist Pfeil, Luka Pfeil.«
»Ah, Signor Pfeil. Willkommen in unserem Hotel. Ihre Reservierung ist vor Kurzem eingegangen. Sie hatten Glück, das war unser letztes Zimmer.«
»Mir reicht das letzte Zimmer. Mit Blick zum Canale?«
»Si, si, selbstverständlich. Ein schönes Zimmer. Sie werden sich wohlfühlen.«
Wir erledigen die Eincheck-Formalitäten, was nicht viel Zeit in Anspruch nimmt. Dann nutze ich die Gelegenheit, um dem Portier ein paar Fragen zu stellen.
»Gibt es hier in Venedig einen Ort oder eine Straße, die irgendetwas mit »Paradiso« zu tun hat?«
»Si, si, gibt es. Die Calle del Paradiso, Paradisogasse.«
»Mmh.«
»Dort gibt es auch ein bekanntes Ristorante. Al Paradiso. Sehr gut. Guter Koch. Soll ich einen Tisch für Sie bestellen?«
»Nein, einen Tisch brauche ich nicht. Aber könnten Sie dort mal anrufen, ob dort ein Tisch für heute Abend auf den Namen Soletti oder Costa reserviert ist?«
»Das ist schwierig, ich weiß nicht, ob ich da eine Auskunft erhalte.«
Ich schiebe einen 20-Euro-Schein in sein Blickfeld über den Tresen. Eine kurze Gesprächspause entsteht.
»Es wäre sehr wichtig für mich, denn wenn der Tisch schon reserviert ist, muss ich nicht noch einen Tisch reservieren. Ich müsste auch die Uhrzeit wissen.«
»Si, si, grazie. Ja verstehe.«
Er nimmt den Schein und steckt ihn unter einen Stapel Papier.
»Ich werde es versuchen. Müsste schon klappen. Ich rufe Sie in Ihrem Zimmer an, sobald ich was weiß.«
»Grazie.«
Ich nehme meine Fußballtasche vom Boden auf und gehe Richtung Aufzug.
Mein Zimmer befindet sich im zweiten Stock, aufs Feinste barock ausgestattet, Riesenbett, Blick auf den Canal Grande, Badezimmer mit allem Komfort, Bademantel, Obstteller, gut gefüllte Minibar, TV, Telefon und Internet. Der Kommunikation und einer guten, wenn auch erwartungsgemäß kurzen Nacht steht nichts mehr entgegen. Meine wenigen Reiseutensilien sind schnell auf die richtigen Stellen verteilt. Endlich habe ich Ruhe und Zeit für ein Telefonat in die Heimat. Statt Mobiltelefon nutze ich das sonst auf hausinterne Telefonate beschränkte Festnetztelefon.
»Hallo Carla, ich bin’s, tut mir leid, dass ich mich nicht früher melden konnte. Wie geht’s dir?«
»Hallo Luki. Wo bist du denn? Ich versuche schon den ganzen Tag, dich zu erreichen. Ist was passiert?«
»Nichts passiert und doch einiges geschehen. Erst ist mir mein blödes Telefon saublöd ins Meer gefallen, dann haben wir mit diesem Blödmann von Bürgermeister herumgekaspert. Und weil er unbedingt mit irgendeinem anderen Blödmann zum Mittagessen gehen wollte, konnte ich meinen Rückflug nicht antreten und muss hier übernachten. So, und jetzt bin ich im Gritti. Wäre superschön, wenn du auch da wärst. Allerdings muss ich morgen früh raus. Ich fliege dann direkt nach Zagreb und komme hoffentlich am Abend wieder nach Hause. Ich bin superhappy.«
»Na, das hört sich aber nicht so an. Wann kommst du denn morgen zurück?«
»Ich peile mal einen Abflug in Zagreb zwischen 3 und 4 Uhr am Nachmittag an. Ich lande also zwischen 6 und 7 Uhr in München.«
»Fliegst du selbst?«, fragt Carla verwundert.
»Nein, das geht wohl nicht. Ich werde geflogen.«
Dann erzähle ich kurz die Erlebnisse des Tages.
»Heute Abend steht wahrscheinlich noch ein Essen an, ich melde mich dann anschließend wieder vom Hotel aus.«
Wir verabschieden uns. Wie so oft gibt es auch heute keinen Familienabend.
Ich habe gerade aufgelegt, da meldet sich die Rezeption:
»Signor Luka, ich habe das Paradiso erreicht. Ja, da ist auf den Namen Soletti ein Tisch für vier Personen bestellt. Habe ich das richtig verstanden, dass Sie dort Gast sind? Soll ich für Sie ein Wassertaxi bestellen?«
»Gute Idee! Sagen wir 19.45 Uhr. Reicht das?«
»Si, si, perfettamente, ich werde das gleich erledigen.«
Mit »Grazie« beende ich das Telefonat und frage mich, was das für ein Treffen im Paradiso werden soll. Wer ist da noch dabei, und vor allem: Was will man da von mir? Ich könnte Riccarda Soletti anrufen, entscheide mich dann aber doch für den Überraschungseffekt. Schließlich kann sich die einladende Abendgesellschaft nicht sicher sein, ob ich einer knappen handschriftlichen Notiz Folge leisten werde. Wenn man mich ernsthaft treffen will, dann muss man heute Abend antreten, auch wenn ich das nicht bestätige.
Ein weiteres Telefonat mit Sarah Freund klärt mich über meine unerledigte Telefonliste auf.
»Herr Pfeil, da sind noch ein paar ganz dringende Anrufe eingegangen. Von Pelzig hat nochmals anrufen lassen, er möchte von Ihnen auch noch eine Einschätzung über die Werte der Auslandsimmobilien und Grundstücke.«
»Keine Ahnung. Die kenne ich ja noch nicht einmal. Können Sie bitte eine Zusammenstellung mit den üblichen Daten besorgen. Ich brauche den genauen Ort, Größe, Nutzung, Buchwerte, vielleicht gibt es auch ein paar Fotos. Bitte geben Sie Ihr Bestes.«
»Ich mache mich gleich dran. Und dann hat da noch jemand von Dorsch Consult angerufen, Sie seien das überwachende Ingenieurbüro unserer Baustelle auf dem Flughafen Tirana in Albanien. Irgendwie gibt es dort massiven Ärger. Sie möchten doch bitte sofort zurückrufen.«
»Ärger, Ärger, das wird ja immer ärger. Kann vielleicht auch mal jemand anrufen und seinem unendlich großen Dank für unseren unermüdlichen Einsatz Ausdruck verleihen? Haben Sie noch was Erfreuliches für mich?«
»Ja, Ihr neues Mobiltelefon. Das kommt morgen per Privatmaschine zu Ihnen nach Venedig.«
»Herzlichen Dank. Das ist Luxus. Ich werde das Telefon dann festbinden.«
»Der Betriebsratsvorsitzende wollte Sie auch dringend sprechen. Wegen der geplanten Schließung unserer Niederlassung in Potsdam.«
»Muss warten. Ich muss mich jetzt unbedingt noch mit Lukele abstimmen. Wenn noch was ist, hinterlassen Sie bitte eine Nachricht hier im Hotel.«
»Mache ich. Tschüss, schönen Abend in Venedig.«
Ich verlasse meinen barocken Schlafraum und treffe mich mit Lukele zum vereinbarten Nachdenken.
»Herr Lukele, wir werden wohl einen ortskundigen Anwalt brauchen. Am besten einen, der nicht der Partei des Bürgermeisters angehört und nicht zusammen mit Magrone studiert hat. Können Sie mal recherchieren? Zu welcher Partei gehört Costa, wer sind seine politischen Gegner, was gibt es da für eine Verbindung zu diesem Magrone und wie kommt der überhaupt hierher nach Venedig? Und wer könnte uns hier anwaltlich begleiten?«
»Ich habe schon einige Informationen eingeholt. Costa hat hier in Venedig Wirtschaftswissenschaften studiert, war dann eine Zeit lang an amerikanischen Universitäten und zuletzt Rektor der Universität von Venedig; politisch gehört er zur liberalen Fraktion. Über Magrone weiß ich nur so viel, dass er hier in Venedig in Dorsoduro eine Wohnung haben soll und außer in Rom auch in Mailand ein Büro hat. Man sagt ihm eine gewisse Nähe nach zu CONDIVEN, einem venezianischen Bauunternehmen. Seine Frau hätte verwandtschaftliche Beziehungen zu den Eigentümern. Mehr weiß ich noch nicht, aber ich habe da einen verlässlichen venezianischen Informanten, der uns sicher weiterhelfen kann.«
»Na ja, aber ein paar interessante Informationen haben Sie ja schon. Heute Abend bin ich übrigens zu einem Abendessen in ein Restaurant Al Paradiso in der Calle del Paradiso eingeladen. Soletti hat mir da so eine Art Einladung zugesteckt, ziemlich mysteriös. Ich soll um 8 Uhr dort sein, ein Boot wird mich hinbringen. Da ich kein Telefon habe, möchte ich Sie bitten, um Mitternacht hier im Hotel anzurufen, um zu überprüfen, ob ich auch wieder zurückgekommen bin. Falls das nicht der Fall sein sollte und auch keine Nachricht von mir bei der Rezeption vorliegt, bitte ich Sie, nach mir zu suchen. Und schrecken Sie nicht zurück, die Polizei zu informieren, wenn Sie mich nicht innerhalb kürzester Zeit ausfindig machen können.«
»Wo soll ich Sie denn suchen?«
»Viele Möglichkeiten fallen mir da tatsächlich nicht ein. Das Paradiso oder eben hier, oder ich bin in meinem Zimmer schon eingeschlafen. Reine Vorsichtsmaßnahme.«
»Ich hoffe mal, dass ich Sie nicht suchen muss, schon gar nicht zusammen mit der Polizei.«
»Und dann diese Sache mit unserer Bürgschaft. Das gefällt mir gar nicht. Wer kam denn auf die Idee, eine derart hohe Bürgschaft herauszureichen?«
»Soviel ich weiß, ging das alles über Dr. Schrayer, unseren damaligen Vorstandsvorsitzenden«, erwidert Lukele ohne nachzudenken.
»Das ist brandgefährlich. Wenn die Bürgschaft erst einmal gezogen ist, werden wir große Schwierigkeiten haben, wieder an unser Geld zu kommen. Wir müssen die Auszahlung unbedingt verhindern, dazu brauchen wir ein Auszahlungsverbot oder eine einstweilige Verfügung oder was auch immer das richtige Vorgehen hier in Italien ist.«
Wir unterhalten uns noch eine Weile über unsere Theater-Baustelle, bevor sich Lukele in Richtung seiner Dienstwohnung aufmacht und ich mich wieder in mein Barockzimmer zurückziehe.
Punkt 19.45 Uhr stehe ich an der Rezeption und gebe sicherheitshalber auch hier noch eine Vermisstensuche in Auftrag. Sollte ich um 0.30 Uhr noch nicht wieder im Hotel sein, muss die Polizei informiert werden.
»Machen Sie sich keine Sorgen, in Venedig verschwindet nur ganz selten jemand.«
»Das ist ja echt beruhigend«, verabschiede ich mich.
»Dann bis später.«
