Beautiful Venom (Vipers, Band 1) - Rina Kent - E-Book
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Beautiful Venom (Vipers, Band 1) E-Book

Рина Кент

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Beschreibung

Beautiful Venom ist SPIEGEL-Bestseller! In einer Höhle voller Vipern ist Rache das tödlichste Gift. "Sie haben meine Welt zerstört und jetzt werde ich ihre zum Einsturz bringen." Ein Elite-College-Hockeyteam, das das Eis und die Schatten dahinter beherrscht – die Vipers sind Dahlias einzige Spur, um die Strippenzieher, die hinter ihrem Unglück stecken, aufzuspüren. Unter ihnen befindet sich Kane Davenport, eine einsame Green Flag in einem Nest voller Schlangen – und die einzige Möglichkeit, um an die Mannschaft heranzukommen. Doch zu spät wird klar, hinter seiner Fassade schimmern die giftigen Schuppen eines Raubtiers. Der Auftakt der heißbegehrten Dark-Romance-Reihe von Rina Kent und der Start in ein neues Kapitel des Rinaverse! - Die Infiltration einer Eishockey-Mannschaft - Rina Kents heißerwartete Dark Romance mit giftiger Rache, eiskalten Geheimnissen und leidenschaftlicher Erotik! - Er ist der Jäger und sie eine Gejagte - Eine Geheimorganisation, die die Strippen einer Stadt zieht - Eishockey-Dark-Romance mit Revenge: Ein College-Team mit dunklen Geheimnissen und eine Heldin, die alles riskiert, um sie zu Fall zu bringen. - Eine Undercover-Mission mit Konsequenzen: Was als kalkulierter Racheplan beginnt, wird zu einem brandgefährlichen Spiel aus Verlangen, Macht und tödlicher Anziehung.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 622

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für alle, die durch die Dunkelheit laufen, in der Schönheit und Gefahr zwei Seiten derselben Medaille sind.

Liebe Leser*innen,

Viper – Beautiful Venom ist für Personen ab 18 Jahren und enthält Inhalte, die triggern können. Diese Geschichte dient der Fantasieanregung und stellt keine realen Beziehungsmuster dar. Sie ist für Personen, die fiktive Inhalte von der Realität unterscheiden können. Bitte achtet auf eure mentale Gesundheit und lest das Buch nur, wenn ihr emotional mit diesen Themen umgehen könnt.

Wir möchten vor folgenden potenziellen Triggern warnen:Explizite Darstellungen von roher und sexualisierter Gewalt (versuchte Vergewaltigung) – Dub-con (Zustimmung ohne Verbalisierung) – CNC (einvernehmliches Rollenspiel mit dem Anschein von Nicht-Einvernehmlichkeit) – Betäubungsmittel – psychische und physische Folter – Freiheitsentzug – Tod und Mord – Erwähnung von Kindesmissbrauch und -misshandlung.

Falls es euch mit den genannten oder anderen Themen nicht gut geht und ihr euch jemandem anvertrauen wollt, findet ihr unter der Nummer der Telefonseelsorge rund um die Uhr kostenlose und anonyme Hilfe. Eure mentale Gesundheit ist wichtig.

0800-1110111/0800-1110222

www.telefonseelsorge.de

Wir wünschen euch das bestmögliche Leseerlebnis!

Euer dark Intense-Team

Anmerkung der Autorin

Liebe Leserinnen und Leser,

Beautiful Venom ist der Auftakt einer neuen, packenden Serie im #Rinaverse, kann aber auch als Standalone gelesen werden.

Wer meine Bücher kennt, weiß, dass ich düstere Geschichten schreibe, die intensiv, beunruhigend, ja sogar verstörend sein können. Meine Figuren und ihr Vorgehen verstoßen gegen gesellschaftliche Normen und sind nicht jedermanns Sache.

Beautiful Venom enthält Themen wie Dub-con, CNC und Primal Play. Es enthält außerdem detaillierte Beschreibungen eines traumatischen Verkehrsunfalls und von Gewalt. Bitte achtet auf eure Trigger, bevor ihr in das Buch eintaucht.

Alles Weitere rund um Rina Kent findet ihr auf

www.rinakent.com

Playlist

The Girl Who Stole My Heart – Blue October

Little Girl Gone – CHINCHILLA

Rip Me Apart – Unlike Pluto

Black Dahlia – Hollywood Undead

Shadow – Livingston

Cake – Melanie Martinez

Sick Thoughts – Lou Bliss

Hell of a good time – Haiden Henderson

Bad Timing – Blindlove

Backbone – KALEO

I Can’t Go on Without You – KALEO

Lilith – Halsey & SUGA

Vicious – Bohnes

Neon Gravestones – Twenty One Pilots

Game Of Survival - Ruelle

All That Pretty Love – Atom & Breathe

SINS – Red Leather

Feeling You – Harrison Storm

Fickle Game – Amber Run

Inhalt

  1  Dahlia – Das Leben, wie …

  2  Dahlia – Mein Herz schlägt …

  3  Dahlia – Enttäusch mich nicht …

  4  Kane – Es ist nicht …

  5  Dahlia – Monate des sorgfältigen …

  6  Dahlia – Mein Herz bleibt …

  7  Dahlia – Kane ist verschwunden …

  8  Dahlia – Nach dem, was …

  9  Kane – Callahan Die Stimme …

10  Dahlia – Der Kriminalbeamte, der …

11  Dahlia – Meine Nägel graben …

12  Kane – Die Fahrt zum …

13  Dahlia – Die DNA-Proben …

14  Dahlia – Hush now, my …

15  Kane – Ich sehe rot …

16  Dahlia – Der Morgen bricht …

17  Dahlia – Zwei Tage später …

18  Dahlia – Mein Atem geht …

19  Kane – Atme Atme ein …

20  Dahlia – Ich kann nicht …

21  Kane – Ich warte in …

22  Dahlia – Ich finde nichts …

23  Dahlia – Drei Tage bin …

24  Kane – Nach dem Treffen …

25  Dahlia – Kane hat sein …

26  Dahlia – Wärme blüht in …

27  Kane – Ich habe einen …

28  Dahlia – Liebling Wach auf …

29  Dahlia – Etwas … hat …

30  Kane – Seit Dahlia – gegangen …

31  Dahlia – Ich hätte ihn …

32  Kane – Irgendetwas Neues über …

33  Dahlia – Eine tiefe Stimme …

34  Dahlia – Ich muss eingeschlafen …

35  Kane – Nachdem ich meinen …

36  Kane – Ist das das …

37  Dahlia – Ich habe so …

38  Dahlia – Die letzten Tage …

39  Dahlia – Am nächsten Morgen …

40  Dahlia – Die Menge vibriert …

41  Kane – Epilog: Mein Herzschlag ist …

1

Dahlia

Das Leben, wie ich es kannte, ist in winzig kleine, nicht wiederzuerkennende Stücke zerschmettert worden.

Das Gute daran? Ich habe nichts mehr zu verlieren.

Niemanden, zu dem ich zurückkehren könnte.

Kein Zuhause.

Nichts hält mich davon ab, den blutigen Pfad weiterzugehen, den ich so sorgfältig gewählt habe.

Meine Finger streifen den Plastik-Stadionsitz, hinter dem ich mich versteckt halte. Meine Muskeln brennen und meine Knie zittern und ächzen in der gebückten Haltung, in der ich jetzt schon seit über zwanzig Minuten ausharre.

Ein eisiger Luftzug hüllt mich ein und lässt die Schweißperlen auf meinen Schläfen und meiner Oberlippe gefrieren.

Eigentlich sollte ich gar nicht hier sein.

Und damit meine ich nicht nur an genau dieser Stelle, sondern den ganzen Ort.

Eigentlich hätte ich keinen Fuß in Graystone Ridge oder auf den riesigen Campus der Graystone University – auch GU genannt – setzen sollen. Und vor allem sollte ich mich nicht in der berüchtigten Vipers Arena herumtreiben. Der Heimat des renommierten Eishockeyteams der Schule, das gerade ein spektakuläres Spiel gewonnen hat.

»Gerade« ist metaphorisch gemeint, denn das Spiel ist schon seit Stunden vorbei und alle haben das Gelände verlassen.

Alle, außer mir.

Und den drei Spielern der Vipers auf dem Eis.

Lautes Krachen hallt in meinen Ohren, wenn der Puck gegen die Bande knallt. Das Schleifen der Kufen auf dem Eis bildet dazu eine Symphonie purer Gewalt.

Ich spähe zwischen den dunkelblauen Sitzen hindurch und halte trotz der lauten Geräusche im Stadion den Atem an.

Die Plätze der Vipers Arena, die über zehntausend Leute fasst, steigen steil an und der Blick auf das Eis unten ist schwindelerregend. Ich kann noch immer das Brüllen der Menge hören, noch immer spüren. Wie eine physische Kraft lässt es meine Brust von innen vibrieren. Doch das Klatschen und die Gesänge, die von den Wänden widerhallten und zu ohrenbetäubender Lautstärke anschwollen, waren leise im Vergleich zu den Geräuschen, die diese drei Spieler bei ihrem spätabendlichen Training machen.

Oder sollte ich besser Treffen sagen?

Der Name »VIPERS« ist mir gegenüber auf die Bande gedruckt. Das Eis funkelt unter den blendend hellen Lichtern, die dem Spielfeld einen bläulichen Farbton verleihen. Das Kratzen der Schlittschuhe, die über das Eis jagen, lässt mich erschauern, während ich die waghalsigen Manöver der Spieler verfolge.

Bei meinen Nachforschungen habe ich unzählige Male zugeschaut, wie die Vipers die Arena im Griff hatten. Deshalb muss ich nicht mal die Rückennummer ansehen, um zu wissen, wer gerade den Puck hat.

Man könnte es eine Besessenheit nennen und vielleicht ist es das auch, aber wenn es mich dem Team näherbringt, dann bin ich gerne ein Simp. Oder ein Stan. Ein Stalker-Fan? Oder was immer das passende Wort dafür ist, dass ich eine Expertin für diese Schlangen bin.

Ich drehe meine Baseballkappe um und verlagere das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Dann lehne ich meine feuchte Stirn gegen eine winzige Stelle zwischen den beiden Sitzen vor mir.

Die drei sind so schnell, so brutal und so skrupellos, dass es wirkt, als würden sie bei ihrem Zusammenspiel miteinander verschmelzen.

Mir wird ganz schwindelig, während ich versuche, ihnen mit den Blicken zu folgen. Sie spielen abwechselnd zwei gegen einen, wahrscheinlich um ihr makelloses Angriffsspiel zu verbessern, das an diesem Abend so hochgelobt wurde.

Dass diese drei so gut zusammenspielen, liegt wahrscheinlich daran, dass sie, selbst wenn alle anderen längst nach Hause gegangen sind, noch mal aufs Eis gehen.

Ich habe Gerüchte gehört, dass sie öfter diese spätabendlichen »Treffen« abhalten, und musste mich selbst davon überzeugen. Deshalb bin ich vor Spielende auf die Toilette gegangen und dortgeblieben, bis das Stadion leer war. Dann habe ich mich zurück in die Arena geschlichen und mich hinter den Sitzen in der Ecke dicht am Eis, aber außer Sichtweite der Spieler, versteckt.

Allerdings musste ich dabei mucksmäuschenstill sein, weil hier selbst das leiseste Geräusch laut widerhallt.

Die drei kommen in der Mitte der Eisbahn zum Stehen, schlagen klappernd ihre Schläger aneinander und werfen sie aufs Eis.

»Das war eine lausige Verteidigung.« Nummer 71, Jude Callahan, ist der Erste, der seinen Helm abnimmt. Dabei schüttelt er sein klatschnasses schwarzes Haar aus und wirft es dann wie ein Hund nach hinten.

Er ist der größte und kräftigste der drei, misst satte zwei Meter und ist komplett durchgeknallt. Jude ist der gefürchtetste rechte Außenstürmer der College-Liga. Die Angreifer der gegnerischen Mannschaften überlegen es sich zweimal, bevor sie sich ihm nähern, und die Verteidiger können es mit seiner schieren Körpergröße und ungehemmten Energie nicht aufnehmen.

Jude hat Aggressionsprobleme und spielt Eishockey, um Leute zu verprügeln. Das ist allgemein bekannt und jeder, der von einer Eishockeykarriere träumt, weiß, dass er einen Bogen um ihn machen sollte.

Die Nummer 13, Preston Armstrong, wirft Jude seinen Helm an den Hinterkopf. Seine tiefe Stimme hallt sarkastisch in der leeren Arena wider. »Ein Stoß gegen die Brust ist keine Angriffsstrategie. Dafür hättest du eine Strafe bekommen. So wie immer. Hör auf, Probleme zu machen.«

Preston wird oft als der Prinz der Liga bezeichnet, wahrscheinlich wegen seines äußerst attraktiven Gesichts, dem stets gestylten sandfarbenen Haar und den grünen Augen. Trotz seines aalglatten Aussehens und des kultivierten Benehmens ist er auf dem Eis und abseits davon als die bösartigste Schlange von allen bekannt.

Sein Aussehen ist nur ein weiteres Werkzeug, das er benutzt, um seine Ziele zu erreichen. Welche auch immer das sein mögen.

Trotz umfangreicher Nachforschungen ist mir bei Preston noch immer nicht ganz klar, was hinter seiner Fassade steckt, und ich bezweifle, dass seine Mitspieler eine Ahnung davon haben, wozu er wirklich fähig ist.

Im Gegensatz zu Jude, einem notorisch brutalen Muskelprotz, der auf niemanden Rücksicht nimmt, ist Preston ruhiger und kalkulierter, auch wenn er zugleich eine gewisse Dunkelheit ausstrahlt.

Müsste ich zwischen den beiden wählen, würde ich mich trotzdem für Letzteren entscheiden. Mit Psychospielchen komme ich klar, aber Judes rohe Gewalt ist schwer zu verdauen.

Wie aufs Stichwort rammt Jude seinen Körper so heftig in Preston hinein, dass sie beide mit lautem Poltern gegen die Bande knallen.

Ich muss ein Aufkeuchen unterdrücken, als Jude sich auf Preston setzt wie auf einen Stuhl. »Was war das, Wichser?«

Prestons Kopf stößt gegen die Bande, und obwohl er keinen Helm trägt, der einen weitaus lauteren Knall verursacht hätte, hallt der Aufprall in meiner Brust wider.

Sie halten einander am Kragen gepackt und Jude versucht, Preston hochzuziehen, wahrscheinlich um ihn wie ein Neandertaler quer übers Eis zu werfen. Preston ist zwar nicht so kräftig oder so groß wie Jude, doch mit seinen eins neunzig gelingt es ihm trotzdem, gegen Judes brutale Stärke anzukommen. Er dreht ihn um, schleudert ihn aufs Eis und drückt ihm dann einen Ellbogen auf die Kehle.

Die Nummer 13 trägt ein Lächeln im Gesicht, als sie sich tief über die am Boden liegende Nummer 71 beugt. »Ich habe gesagt, du machst Probleme, Wichser. Lern endlich, deine Brutalität zu beherrschen. Es ist okay, wie ein Tier auszusehen, aber sich auch so zu benehmen, ist zu viel des Guten. Findest du nicht?«

Ich nehme alles zurück.

Gegen Preston käme ich nicht an. Ich könnte nicht sagen, ob er den riesigen Kerl unter ihm wieder freilassen oder ihn am Ende doch lächelnd erwürgen würde.

Beinahe hätte ich den Halt verloren und auf mich aufmerksam gemacht, während Judes rotes Gesicht innerhalb von Sekunden blau anläuft.

Blitzschnell verpasst er Preston einen Tritt und dann rollen sie beide übers Spielfeld wie ein paar Eisbären.

Ohne Kopfschutz.

Der dritte Spieler, Nummer 19, nimmt seufzend seinen Helm ab. Darunter kommt feuchtes, zerzaustes dunkelbraunes Haar und ein leises Stirnrunzeln zwischen dichten Brauen zum Vorschein.

Judes und Prestons Kampf tritt in den Hintergrund, als der Anblick des Kapitäns und Mittelstürmers der Vipers mir mit unsichtbaren Händen die Kehle zudrückt.

Und das Schlimmste daran? Es ist nicht das erste Mal, dass er meine Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Aus irgendeinem Grund gleitet mein Blick immer wieder unbewusst zu Kane Davenport – dabei weiß ich nicht mal genau, woran es liegt.

Ja, er ist gut aussehend, wahrscheinlich der attraktivste der drei. Während Jude ein kantiges Gesicht hat und Preston die Ausstrahlung eines Prinzen, ist Kanes Schönheit still und beunruhigend.

Sein scharf gemeißeltes Kinn verleiht ihm von Natur aus ein gebieterisches Auftreten. Sein sonst sauber gestyltes Haar ist durcheinandergeraten und er fährt mit den Fingern hindurch, sodass die dichten Strähnen lässig geglättet aussehen.

Mit seinen eins fünfundneunzig ist er ebenfalls groß, doch nicht so bedrohlich wie Jude. Kanes schlanker, aber muskulöser Körperbau passt zu seiner Rolle als dominanter Spieler auf dem Eis. Sein Körper ist ebenso für Kraft wie für Beweglichkeit geschaffen und seine kontrollierten Bewegungen strahlen ein inneres Führungstalent aus. Er gibt sich selbstbewusst, seine Haltung ist stets aufrecht und beherrscht, umgeben von einer Aura ruhiger Autorität.

Und doch … seine weißblauen Augen sind so hell, dass sie an die eines arktischen Wolfs erinnern, anstatt an die eines Menschen. Sie sind durchdringend, kalt und undeutbar. Trotz seiner äußeren Ruhe scheint unter der Oberfläche stets ein Hauch von Gefahr zu lauern.

Dennoch ist er die einzige sichere Option in der Mannschaft.

Kane ist ein verantwortungsbewusster Kapitän und starker Anführer, der seine Mitspieler beruhigt, wenn sie die Beherrschung verlieren. Außerdem ist er der einzige Spieler im Senior-Team mit einer annähernd normalen Persönlichkeit.

So normal, wie es bei diesen Arschlöchern möglich ist.

Trotzdem ist er Teil dieser verrückten Geheimorganisation, in die kein normaler Mensch freiwillig eintreten würde. Ich betrachte den schwarzen Obsidianring an seinem rechten Zeigefinger, der im Licht nicht glänzt. Genau kann ich ihn nicht erkennen, aber ich weiß, dass darin eine Windrose eingraviert ist – eine Darstellung seines Familienwappens.

Dieser Ring ist einer der Beweise für seine fragwürdigen Verbindungen.

Er fährt zu den beiden anderen hin und trennt sie gewaltsam voneinander, indem er sich zwischen sie schiebt. Preston springt sofort auf und dreht ein paar Kreise, wobei die Art, wie er um Jude kreist, und sein provokanter Gesichtsausdruck Spott ausdrücken, ohne dass er etwas sagen muss.

Jude kämpft gegen Kanes Griff an. Seine Kraft und sein Hunger nach Gewalt erschaffen eine unsichtbare Anziehung, die mir eine Gänsehaut verursacht.

»Genug.« Kane stößt ihn von sich. Die Bewegung sieht entspannt aus, ist sie aber nicht. Sonst hätte er niemals diesen Bären von einem Mann so einfach beiseiteschubsen können.

Das ist die Sache mit Kane. Irgendwie schafft er es, Dinge mühelos aussehen zu lassen, die es in Wahrheit bei Weitem nicht sind.

»Ist das alles, was du zu bieten hast, Großer?« Preston legt den Kopf schief, verzieht schmollend den Mund und sieht Jude an wie ein unschuldiges Kind. »Du enttäuschst mich.«

Jude stürzt sich auf ihn. »Du verfluchter …«

Kane streckt die Arme aus und versetzt beiden gleichzeitig einen Schlag in die Magengrube. »Ich sagte: genug. Spart euch die Energie fürs Eis auf.«

»Ich schlag ihm seine ach so hübsche Fresse ein, wenn er nicht aufhört, Scheiße zu labern«, knurrt Jude.

»Wenn du mein Gesicht ruinierst, hält mich das nicht davon ab, dich weiter zu verarschen.« Prestons Grinsen wird breiter. »Es zeigt nur deine Minderwertigkeitskomplexe auf. Bist wohl neidisch auf mein Aussehen, was, du Prolet?«

»Dein Aussehen?« Jetzt ist es Jude, der spöttisch lacht. »Meinst du etwa deine kranke Hackfresse?«

»Sprich für dich. Aber hey, ich kann dir einen guten Schönheitschirurgen besorgen. Und einen Neurochirurgen, der sich um deine verkorkste Persönlichkeit kümmern kann.«

»Nur wenn du deine auch behandeln lässt.«

»Nicht nötig. An meiner Persönlichkeit gibt es nichts auszusetzen. Du dagegen hast einen Mutterkomplex.« Preston zieht wieder einen Schmollmund.

»Ich bring dich verflucht noch mal unter die Erde.« Jude stürmt vor und Kane fängt den Aufprall mit seinem Körper ab, wird aber trotzdem nach hinten geschoben.

»Pres.« Kane starrt seinen Mitspieler an. Die Dynamik verändert sich, ohne dass er noch etwas sagen muss.

Preston hebt die Schultern. »Was? Es macht Spaß, ihn zu ärgern. Außerdem muss er sich austoben, um schlafen zu können. Wie ein kleines Kind.«

»Was zum Teufel hast du da gerade gesagt?«, fragt Jude bedrohlich.

»Siehst du?« Preston hebt die Hände, als wäre das der Beweis für seine Worte.

»Heb dir den Trashtalk fürs Spiel auf«, sagt Kane.

»Hmm … lass mich nachdenken.« Preston tippt sich gegen das Kinn. »Ich lehne dankend ab.«

Kane seufzt, als hätte er die Antwort schon erwartet. »Hast du auf diese Weise auch den Spieler vorhin dazu gebracht, sich die Strafe einzuhandeln?«

»Vermutlich. Ich hab ihm gesagt, seine Mutter lässt sich von seinem Trainer in sämtliche Löcher ficken, damit ein mittelmäßiger Spieler wie er in der Mannschaft bleiben kann.«

Krankes Arschloch.

»Kein Wunder, dass er dich fast umgebracht hätte und für fünf Minuten auf die Strafbank musste. Zweimal«, sagt Kane in beunruhigend gelassenem Ton. »Du bist mit Abstand die größte Nervensäge.«

Preston grinst. »Ja, oder?«

»Das war kein Kompliment.«

»Und, hat sie?«, fragt Jude, der seinen Schwur, Preston umzubringen, offenbar vergessen hat.

»Hat sie was?«

»Sich für ihren Sohn vom Trainer in sämtliche Löcher ficken lassen?«, fragt Jude mit verhaltener Stimme und Kane beobachtet ihn, als hielte er nach etwas Ausschau, obwohl ich nicht sagen könnte, wonach.

»Keine Ahnung. Vielleicht? Wen kümmert’s, solange die Story ihren Zweck erfüllt.« Preston stößt ein Seufzen aus. »Die Leute sind so leicht zu manipulieren, es wird regelrecht langweilig.«

Jude zieht seine Handschuhe aus und wirft sie Preston ins Gesicht.

Letzterer rümpft angewidert die Nase. »Unkultiviert wie immer, Callahan.«

Mein Blick richtet sich auf den schwarzen Ring an Judes Zeigefinger. Er ähnelt Kanes, trägt aber das Wappen von Judes Familie – ein Hermesstab, um den sich dornige Ranken winden. Preston besitzt ebenfalls einen. Auf seinem ist das Symbol einer Sonne und einer Mondsichel abgebildet.

Während des Spiels haben sie die Ringe nicht getragen, wahrscheinlich wegen der Vorschriften. Dass sie sie jetzt angesteckt haben, liegt vermutlich daran, dass sie allein trainieren.

Vielleicht wollen sie ohne den Beweis ihrer Zugehörigkeit nicht gesehen werden.

Den Beweis für die Macht, die sie über diesen Ort haben.

Die meisten Menschen halten Graystone Ridge für eine wohlhabende Stadt im Nordosten der USA, wo Geschichte und Reichtum sich nahtlos mit modernem Ehrgeiz verbinden. Das Stadtzentrum bietet eine Mischung aus vornehmen Cafés, Designerläden und historischen Sehenswürdigkeiten entlang von Kopfsteinpflasterstraßen.

Und die Graystone University am Stadtrand gilt als eine renommierte Institution, die Top-Akademiker und Spitzensportler hervorbringt. Ihre historische Architektur ist gut gealtert und fügt sich harmonisch in ihre Umgebung ein. Sie bietet namhafte Programme in Ökonomie, Jura, Naturwissenschaften und Sportmedizin an. Ihr wahrer Stolz liegt aber in ihrem Eishockeyprogramm, aus dem schon viele zukünftige NHL-Stars hervorgegangen sind.

Die Studentenschaft besteht aus reichen Erben – wie Kane, Jude und Preston – und ehrgeizigen Stipendiaten, die es aufgrund der Verbindungen und des Prestiges an die Graystone University gezogen hat – wie mich.

Niemand weiß jedoch, dass sich hinter dem strahlenden Äußeren der Universität ein dunkler Einfluss verbirgt: Vencor. Die Geheimgesellschaft, die mit den Gründerfamilien der Universität und der Stadt verbunden ist. Macht verdient man sich hier nicht einfach so, sie wird manipuliert und über Generationen weitergegeben.

Jeder Winkel dieses Ortes strahlt die Macht der Elitenfamilien aus, die diese Stadt geformt haben.

Die Davenports, Callahans, Armstrongs und Osborns wohnen in einer geschlossenen Enklave namens Ravenswood Hill am Stadtrand, inmitten des nebligen Waldes, der sich über der Stadt erhebt. Hinter schweren Eisentoren spiegeln ihre abgelegenen Villen den Einfluss und die Kontrolle wider, die sie über die Stadt haben. Die Straßen nach Ravenswood Hill sind von riesigen Eichen und versteckten Überwachungskameras gesäumt. Sie schaffen eine Atmosphäre der Exklusivität und des Geheimnisvollen.

Für Außenstehende war Hill immer schon tabu, weshalb ich mich am College an diese drei heranmachen muss.

Oder vielmehr an einen von ihnen.

Kane ist meine beste Option. Nicht dass er ein Idiot wäre, der sich leicht an der Nase herumführen ließe, aber immerhin ist er Pazifist. Im Laufe der letzten Wochen habe ich viele seiner Spiele online und im Stadion angeschaut – von mir aus ruft die Stalking-Polizei – und habe ihn nie unnötige Gewalt anwenden sehen.

Nicht ein einziges Mal.

In einem körperlichen Sport wie Eishockey grenzt das fast schon an ein Wunder.

Wenn überhaupt, ist er ein Meister darin, Streits zu schlichten. Er verliert nie die Beherrschung und seine Autorität ist sogar auf dem Bildschirm noch spürbar. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum er sich mühelos die Kapitänsposition sichern konnte.

Am liebsten würde ich mich keinem von ihnen nähern. Aber es geht nicht anders, also muss Kane herhalten.

»Wirst du diesmal jemanden einladen?«, fragt Kane Jude, während er zum Bereich mit den Bänken fährt.

»Nein«, erwidert dieser, ohne sich umzudrehen.

»Bist du sicher?«

»Ja. Lass mich in Ruhe.« Damit verlässt Jude das Eis, geht zum Tunnel und verschwindet außer Sicht.

Das leise mechanische Summen der Eismaschinen übertönt die Stille, während Kane Preston ein paar lastende Sekunden lang anschaut. »Und du?«

»Ich denk drüber nach.«

»Es wird erwartet, dass du jemand Vertrauenswürdiges zur Initiation mitbringst, Pres.«

»Jude hast du das nicht gesagt.«

»Bei ihm ist es besser, wenn er es nicht tut. Er zwingt sonst bloß irgendwen von der Straße, ihn zu begleiten, und den Mist wollen wir nicht aufräumen müssen. Du bist anders. Nutze deine Überzeugungskraft. Ich meine, Manipulationskraft.«

»Beim letzten Mal wollte die Frau einfach mein Blut nicht trinken. Dafür hätte ich sie am liebsten umgebracht, anstatt sie nur rauszuwerfen.« Er runzelt die Stirn. »Wie kann jemand mein Blut nicht wollen?«

»Jeder normale Mensch?«, spricht Kane das aus, was ich denke. Im Ernst, vielleicht ist dieser Typ nur deshalb ein Vencor, weil er in eine Gründerfamilie hineingeboren wurde.

Offensichtlich passt er nicht dorthin.

»Was ist mit dir?«, fragt Preston mit hochgezogener Braue.

»Ich bin vorbereitet. Kümmer dich lieber um deinen eigenen Kram.«

Vorbereitet? Bedeutet das, er hat schon jemanden im Blick?

Eigentlich wollte ich mich an ihn ranmachen, damit er mich auswählt.

Erst vor ein paar Tagen habe ich mich als Praktikantin beim Mannschaftsarzt beworben. Die Entscheidung ist noch nicht gefallen, aber einer meiner Kommilitonen meinte, sie würden niemals eine junge Frau für die Stelle nehmen. Gleichzeitig brüstete er sich damit, dass er angeblich der Beste für den Job sei.

Wenn er recht hat, steht es um meine Chance, näher an die Mannschaft heranzukommen, schlechter als je zuvor. Ich könnte mich als Assistentin der Verwaltung oder als Freiwillige bewerben. Aber bei einer beliebten Mannschaft wie den Vipers stellt auch das keine Garantie des Näherkommens dar.

»Vorbereitet, was?«, wiederholt Preston in wissendem Ton.

»Geh nach Hause, Armstrong.«

»Aye, aye, Captain.« Preston salutiert ironisch und ein sadistisches Lächeln umspielt seine Lippen, bevor er auf seinen Schlittschuhen davongleitet. »Es wird Zeit, Callahan unter der Dusche zu ertränken.«

Schweigen senkt sich über das Stadion und Kane steht noch einen Moment in der Mitte der Eisfläche, dann hebt er die Pucks auf, die sie haben liegen lassen, und verstaut sie im dafür vorgesehenen Fach.

Mir tun die Beine vor Anstrengung weh und ich weiß, wenn ich nicht bald von hier verschwinde, werde ich umfallen und mich verraten.

Ich beiße mir auf die Lippe und verharre weiter reglos.

Ich werde gehen, sobald Kane weg ist.

Es ist unmöglich, sich wegzuschleichen, solange er noch hier ist.

Sei nicht so feige und verschwinde einfach.

Das Geräusch von davongleitenden Schlittschuhen vermischt sich mit dem der Eismaschinen und während ich davon abgelenkt bin, meine Beine zu massieren, fällt mir zu spät auf, dass Kane zu meiner Seite der Ränge herübergekommen ist.

Als ich den Blick hebe, hält er direkt vor meinem Versteck an.

Kälte sickert mir in die Knochen und die Luft wird so eisig, dass es beim Atmen wehtut.

In der bedrückenden Stille hallt Kanes ruhige Stimme durch die leere Arena. »Du kannst jetzt rauskommen.«

Ich verstecke mich weiter und hoffe – nein bete –, dass er jemand anderen meint, der mutig – oder dumm – genug war, sich neben mir spätabends in die Vipers Arena zu schleichen.

»Ich weiß, dass du da bist. Ich rate dir, dich zu zeigen, solange nur ich hier bin. Ich kann dir nicht versprechen, dass die anderen auch so verständnisvoll sein werden.«

2

Dahlia

Mein Herz schlägt so heftig, dass es fast meinen Brustkorb sprengt.

Meine Hände, mit denen ich den Sitz fest umklammere, sind verschwitzt. Die eisige Luft kann das Feuer, das in meinem Bauch auflodert, nicht ersticken.

Kanes Worte hallen in meiner Brust statt in meinem Kopf wider und mir stockt der Atem.

Ja, ich habe vorgehabt, ihn offiziell »kennenzulernen«. Aber nicht so. Ich hatte verschiedene Pläne im Kopf, wie ich es natürlich und glaubhaft aussehen lassen könnte.

Dass er mich beim Herumschnüffeln erwischt, gehört nicht dazu.

Vielleicht, wenn ich schnell weglaufe, könnte ich hier rauskommen …

»Bin ich so furchterregend? Ich verspreche dir, ich beiße nicht.« Die Belustigung in seiner Stimme durchbricht den Strom meiner Gedanken.

Himmel, warum klingt die tiefe, raue Stimme dieses Mannes so, als würde sie aus meinen dunkelsten, köstlichsten Träumen stammen?

Er klingt entspannt. Sogar einladend.

Vielleicht liegt es an seiner Stimme oder vielleicht auch an meinen müden Beinen, aber ich beschließe, die Gelegenheit beim Schopf zu packen. Die Wahrscheinlichkeit, dem Kane Davenport noch einmal allein zu begegnen, ist ziemlich gering. Er ist ständig von Leuten umgeben.

Immerzu.

Überall.

An jedem Ort.

Er ist das Magnetfeld, von dem sich die Leute angezogen fühlen.

Und ich bilde da keine Ausnahme.

Mit einem scharfen Ausatmen stehe ich langsam auf. Meine Knie brennen und meine Beine fühlen sich taub an. Mit einer raschen Bewegung nehme ich die Baseballkappe ab und glätte meine Haare, sodass mir meine langen, welligen braunen Strähnen bis knapp unter die Brust fallen.

Meine Schwester Violet hat mal gesagt, der erste Eindruck zählt am meisten, und ich bin sauer, dass ich für das Treffen, das ich seit Wochen plane, nicht zurechtgemacht bin. Immerhin habe ich zuvor etwas Make-up aufgelegt und eine Jeans angezogen, die sich vorteilhaft an meine Kurven schmiegt. Zusätzlich trage ich ein beigefarbenes Top, das einen schönen Kontrast zu meiner olivfarbenen Haut bildet.

Klar könnte ich besser aussehen, aber für den Moment muss es reichen.

Mein Plan steht und fällt mit diesem Moment.

Ich hole tief Luft und schaue nach unten. Fast hatte ich vergessen, wie mühelos atemberaubend Kane ist.

Fast.

Er lehnt sich mit verschränkten Armen gegen die Bande, den Schläger locker in der Hand, und sieht ebenso lässig wie beunruhigend aus. Die gegensätzlichen Eindrücke, die er ausstrahlt, verursachen mir eine Gänsehaut.

Die dunkelblaue Eishockeyausrüstung verleiht seinem einschüchternden Körperbau etwas Unheilvolles. Trotz der Sitzreihen zwischen uns und meinen durchschnittlichen eins siebzig wirkt er riesig.

Ein leichtes Lächeln umspielt seine vollen Lippen. »Da bist du ja. War doch gar nicht so schwer, oder?«

»Hi.«

Scheiße.

Ich klinge nicht schwach. Niemals. Was zum Teufel stimmt nicht mit mir? Beruhige dich, verdammt noch mal.

»Hallo.« Sein Lächeln bleibt so höflich wie zuvor. Es wirkt sogar einladend. »Darf ich fragen, was du um diese Uhrzeit hier zu suchen hast?«

»Ich bin nach dem Spiel geblieben.«

»Das habe ich gemerkt. Aber warum?«

»Ich … ich bin ein Fan!«, rufe ich das Erste, was mir in den Kopf kommt.

Warum zum Teufel bin ich darauf nicht schon früher gekommen? Ich hatte darüber nachgedacht. Ganz kurz. Aber ich dachte, die Vipers haben schon zu viele Fans, die sich bei jeder Gelegenheit an die Spieler heranschmeißen. Dadurch hätte ich mich nicht genug von der Masse abgehoben.

Aber jetzt, da wir allein sind, könnte es funktionieren.

»Verstehe.« Auf das Wort folgt intensiver Blickkontakt, dem es jedoch seltsamerweise an Wärme mangelt. Ich werde genau gemustert, habe aber nicht den Eindruck, dass dabei eine Verbindung entsteht.

Die eisblasse Farbe seiner Augen erweckt in mir das Gefühl, im Arktischen Ozean zu versinken, während sich mit beängstigender Schnelligkeit Eisschichten auf der Oberfläche bilden.

So muss es sich anfühlen, bei lebendigem Leib zu erfrieren.

Ich schüttele das Bild schnell ab. Das hier ist Kane, nicht Preston oder, Gott bewahre, der unberechenbare Jude. Er ist meine beste – und einzige – Option.

»Ja«, fahre ich in selbstbewussterem Ton fort. »Ich bin erst seit Neustem ein Fan. Früher wusste ich kaum etwas über Eishockey, aber wegen der Mannschaft kenne ich mich inzwischen ganz gut aus. Go, Vipers!«

»Freut mich, dass wir dich für den Sport begeistern konnten.« Seine Worte klingen ruhig. Wie ein stiller Ozean.

Das ist es.

Das ist die Ausstrahlung, die Kane immer schon besessen hat. Tief, beherrscht und vorausschauend. Ein Ozean in all seiner Pracht.

»Du hast mir einen großen Gefallen getan.« Ich lächle breit. Mir wurde schon oft gesagt, dass ich ein schönes Lächeln habe, und ich nutze es gern zu meinem Vorteil. Bettler dürfen nicht wählerisch sein und in dieser Situation bin ich definitiv eine Bettlerin.

»Wer ist dein Lieblingsspieler in der Mannschaft?«

»Du«, sage ich, ohne zu zögern.

»Bist du sicher, dass du das nicht bloß sagst, weil ich jetzt hier bin? Wenn Callahan auftaucht, änderst du deine Meinung, oder?«

»Callahan spielt zu aggressiv. Das gefällt mir nicht.«

»Den meisten Eishockeyfans schon.«

»Mir nicht. Dein taktisches Talent und deine Fähigkeit, nahtlos zwischen Angriff und Verteidigung zu wechseln, sind mir lieber.«

»Ich fühle mich geschmeichelt. Danke sehr.« Seine Stimme bleibt so nüchtern und kühl wie zuvor. Es klingt nicht so, als fühle er sich wirklich geschmeichelt. Vielleicht wurde er aber auch schon so oft gelobt, dass seine Antworten inzwischen rein mechanisch sind.

»Nein, ich danke dir, dass du dir die Zeit nimmst, mit mir zu reden. Auf dem Campus bist du schwer anzutreffen, deshalb bedeutet mir das sehr viel.«

Würg. Ich bin es nicht gewohnt, mich bei Fremden einzuschleimen. Langsam wird mir übel.

»Für meine Fans gebe ich alles. Wenn du ein Autogramm möchtest, musst du nur näher kommen. Ich beiße wirklich nicht.«

Da fällt mir auf, dass ich immer noch hinter der Reihe Plastiksitze stehe und einen davon so fest umklammere, dass meine Finger schon ganz weiß werden. Ich lasse den Sitz los und steige langsam die Stufen hinunter.

Die ganze Zeit über bleiben Kanes Augen auf mich gerichtet.

Sein Blick wirkt an sich nicht bedrohlich, aber er ist intensiv, wie wenn er seine Gegner auf dem Eis taxiert. Es sollte sich wie ein Kompliment anfühlen, aber ich habe diesen Mann so viele seiner Rivalen vernichten sehen, dass seine Aufmerksamkeit eine Welle des Unbehagens in mir auslöst.

Ich bleibe vor ihm stehen und er richtet sich zu seiner vollen Größe auf. Ich bin mir nicht sicher, ob er mich damit einschüchtern will, aber vielleicht habe ich auch unterschätzt, wie groß er wirklich ist. Dazu noch die Schlittschuhe und er ragt förmlich über mir auf.

Aus der Nähe betrachtet, ist sein Kinn schärfer geschnitten und seine Haut bis auf ein paar Bartstoppeln glatt. Und seine Augen sind blasser und noch viel kälter. Leicht verstörend sogar.

Er hingegen wirkt vollkommen entspannt.

Ich bin neidisch. Wie kann jemand so … selbstbewusst sein? So in sich ruhend?

»Können wir das mit dem Autogramm verschieben?«, frage ich, um die unsichtbare Anspannung zu durchbrechen. »Ich habe keinen Stift oder Papier dabei.«

»Wie wäre es dann mit einem Foto?«

»Das wäre toll.« Ich taste in meiner Hosentasche nach meinem Handy und schalte die Kamera ein.

Wegen des Größenunterschieds bekomme ich keinen guten Winkel hin.

»Darf ich?«, fragt er, nachdem ich mich eine Weile lang vergeblich abgemüht habe.

Mit einem entschuldigenden Lächeln reiche ich ihm das Handy und beuge mich näher heran, damit er ein Foto schießen kann. Ein Hauch von Holzrauch und Moschus flutet meine Sinne.

Der Duft ist so intensiv, dass mir schwindelig wird und Hitze meinen Hals hochkriecht. Männer, die gut riechen, habe ich immer schon attraktiv gefunden.

Ein paarmal vergesse ich zu lächeln, während er nacheinander ein paar Fotos schießt.

Als er mir das Handy zurückreicht, starre ich einen Moment zu lange auf seinen schwarzen Ring und hoffe, dass sich meine innere Abscheu nicht auf meinem Gesicht abzeichnet.

»Also, warum sagst du mir jetzt nicht, warum du wirklich hier bist, Dahlia Thorne?«

Meine Finger verharren auf dem Handy, während er das andere Ende festhält. Er lässt es nicht los, als er mir in die Augen schaut. Seine Miene hat sich nicht verändert, aber sein höflicher Gesichtsausdruck ist jetzt von etwas Dunklem überschattet.

»Woher kennst du meinen Namen?«, flüstere ich.

»Du hast dich für ein Praktikum beim Mannschaftsarzt beworben, oder? Bei deinem Lebenslauf war ein Foto dabei und darüber stand dein Name.«

»Und du schaust sämtliche Bewerbungen durch?«

»Als Mannschaftskapitän tue ich das, ja. Niemand kommt in die Nähe der Vipers ohne mein Wissen.« Er hält inne und lässt mein Handy los. »Oder meine Zustimmung.«

Das wusste ich. Ich wusste es, weshalb es nutzlos, wenn nicht gar gefährlich gewesen wäre, sich den anderen zu nähern. Ganz egal, wen ich mir als Zielperson ausgesucht hätte, ich hätte Kanes Aufmerksamkeit erregt. Deshalb hatte ich es von Anfang an auf ihn abgesehen.

»Woher weißt du, dass ich in die Nähe der Mannschaft kommen will?« Ich mache mir nicht erst die Mühe, seine Worte abzustreiten. Kane ist schlau und der Versuch abzulenken, würde nur nach hinten losgehen.

»Du hast dich nicht bloß für die Stelle im Ärzteteam beworben, sondern dich auch noch nach Positionen in der Verwaltung umgehört und versucht, dich mit Leuten anzufreunden, die Spieler der Mannschaft kennen.«

All das hat er herausgefunden? Wie?

Ich starre seinen Ring an. Vencor. Natürlich, als Mitglied kennt er sich in der Stadt aus.

Vielleicht habe ich unterschätzt, wie eng die Organisation mit der Universität und der Mannschaft verflochten ist.

»Und ich habe deinen Verdacht erregt?« Ich lächle und lasse es absichtlich unbeholfen, sogar verlegen aussehen.

»Verdacht würde ich es nicht nennen. Neugier trifft es schon eher.«

Ich muss schlucken. »Was interessiert dich denn an mir?«

»Dein Motiv.«

»Kann ich nicht einfach ein Fan sein?«

»Könntest du. Aber dein Handeln passt nicht zu deiner Behauptung.«

»Inwiefern?«

»Zum einen trägst du keins unserer Trikots. Für jemanden, der ab und zu mal ein Spiel schaut, ist das normal, aber für einen Fan ist es bizarr. Zum anderen hast du gesagt, du hättest bis vor Kurzem noch nicht viel über Eishockey gewusst, dabei scheinst du meinen und Callahans Spielstil so gut zu kennen, als hättest du ihn genau studiert, anstatt nur aus Spaß das Spiel anzuschauen. Und zu guter Letzt, wenn du wirklich ein Fan wärst, hättest du die Gelegenheit genutzt, ein Foto mit Armstrong, Callahan und mir zu schießen. Aber du hast dich weiter versteckt und gelauscht, und das sagt mir, dass du eine Absicht verfolgst. Und die hat weniger mit der Mannschaft und mehr mit meinem Ring zu tun, den du seit dem Beginn unseres Gesprächs schon mindestens dreimal angeschaut hast.«

Verflucht, er ist gut.

Er ist so gut, dass ich sprachlos bin.

Wie er ruhig und präzise seine Analyse dargelegt hat, ist beeindruckend und nervenaufreibend zugleich. Wie weit hat er mich durchschaut?

Ist es überhaupt noch sicher, mit ihm etwas anzufangen?

Er ist erschreckend scharfsichtig und ein Meister darin, Muster zu erkennen und miteinander in Beziehung zu setzen. Auf dem Eis ist das faszinierend, aber im echten Leben könnte es tödlich sein.

Kane hebt seine Hand und hält den Zeigefinger hoch. »Kennst du die Bedeutung dieses Rings?«

»Die kennt jeder in der Stadt«, sage ich leise.

»Das stimmt«, antwortet er, »aber wahrscheinlich nicht so gut wie du. In Wahrheit haben nur wenige die echte Bedeutung entschlüsselt.«

»Ich weiß nicht, wovon du sprichst …«

»Nein. Stell dich nicht dumm. Das beleidigt unser beider Intelligenz.«

»Was soll ich denn sagen?«, flüstere ich und habe das Gefühl, in seinen Klauen gefangen zu sein, obwohl er mich nicht einmal angefasst hat.

»Was bedeutet dieser Ring, Dahlia?«

»Ich … weiß es nicht.«

»Dann sind wir hier fertig.« Er dreht sich um und beginnt davonzugleiten.

Ich gerate in Panik. Mein Atem stockt und ich zeichne mit meinem Zeigefinger endlose Kreise auf meinen Daumen.

Ich weiß einfach, wenn er jetzt geht, wird er nie wieder mit mir sprechen. Meine Antwort scheint ihn enttäuscht zu haben. Ihm war klar, dass ich lüge, und statt es mir auf den Kopf zuzusagen, hat er das Gespräch lieber beendet.

»Warte, ich weiß es! Er bedeutet, dass du im Senior-Rang bei Vencor bist.«

Ein Stückchen entfernt bleibt er stehen und dreht sich langsam um. Seine Miene ist wie immer ruhig und distanziert. »Welche Ränge gibt es?«

»Prüfling, Mitglied, Senior und Gründer«, sage ich langsam und enthülle dabei, dass ich mich viel besser auskenne, als es eigentlich der Fall sein sollte.

Ich habe jetzt alle Karten auf den Tisch gelegt und es ist seine Entscheidung, ob er sie wegwischen oder mich spielen lassen will. Ich hätte lügen und alles abstreiten können, aber Kane hat bewiesen, dass er null Toleranz für Unfug hat.

Seine tiefe Stimme erfüllt die Luft. »Und wie hat es ein College-Student wie ich auf eine hohe Senior-Position geschafft?«

»Weil du …«

»Ja?«

»… aus einer Gründerfamilie stammst.«

»Wahr und falsch. Ich musste genauso im Rang aufsteigen wie alle anderen auch. Ich habe nur früh begonnen.«

Oh. Das wusste ich nicht. Ich dachte, er, Jude und Preston seien allein ihrer familiären Verbindungen wegen Teil von Vencor.

»Wie früh?«, frage ich.

»Früh.« Er sagt das so bestimmt, als würde er keine weiteren Fragen dulden. »Also, warum erzählst du mir nicht, weshalb du dich so gut mit Vencor auskennst, obwohl du in Maine geboren wurdest und in New Jersey aufgewachsen bist, Dahlia?«

Ich schlucke schwer. Diese Informationen sind öffentlich einsehbar und kommen auch in meinem Lebenslauf vor, dennoch macht es mich nervös, dass er sich an jedes kleinste Detail erinnert.

»Du weißt, dass ich Stipendiatin bin?«, beginne ich in gefasstem Ton.

»Ja und?«

»Wenn du deine Hausaufgaben gemacht hast, dann weißt du auch, dass ich Studiengeld bekomme. Ich bin die Tochter eines armen Fischers und einer Näherin aus einem kleinen Küstenstädtchen in Maine, aber ich erinnere mich kaum an dieses Leben, weil meine Eltern gestorben sind, als ich sechs Jahre alt war. Ich weiß noch, dass meine Mutter dasselbe Kleid lieber fünf- oder sechsmal ausgebessert hat, statt mir ein neues zu kaufen. Und dass ich nie genug zu essen hatte, um den Hunger in meinem Magen zu stillen. Als ich ins Pflegesystem gesteckt wurde und von einem schlimmen Zuhause ins nächste umzog, besserte sich das kaum. Kinder wie wir bekommen nichts Schönes. Manche von uns werden drogenabhängig, andere verkaufen ihren Körper und viele sterben bei Unfällen. Die namenlose Leiche am Straßenrand interessiert niemanden. Wir sind nur Statistik, die das System am Laufen hält. Die wenigen, die es schaffen, so wie ich, werden immer noch wie Außenseiter behandelt und diskriminiert, egal, wie belesen oder clever wir sind.«

Ich halte inne, weil sich ein Kloß in meinem Hals gebildet hat. So persönlich wollte ich eigentlich gar nicht werden, aber ich habe das Gefühl, Kane nur mit der Wahrheit überzeugen zu können. Wenn ich lüge, verachtet er mich womöglich dafür – immerhin wollte er das Gespräch in dem Moment beenden, als ich es versucht hatte.

Obwohl ich gerade mein wenig glamouröses Leben vor ihm ausgebreitet habe, reagiert er nicht. In seiner steinernen Miene zuckt es nicht einmal. Er scheint auch nicht darüber nachzudenken, ob ich die Wahrheit gesagt habe oder nicht.

»Und?«, ist alles, was er sagt. Er verlangt nach mehr, durchforstet mit geisterhaften Händen mein Gehirn, als wolle er es Stück für Stück auseinandernehmen.

»Und ich habe es satt, eine Außenseiterin zu sein. Ich will endlich Teil von etwas sein. Ich will morgens aufwachen und mir keine Gedanken darüber machen müssen, wie ich einen weiteren Tag überlebe. Ich habe gehört, Vencor kann dabei helfen. Wenn ich Mitglied werde, dann ist meine Zukunft garantiert wie bei vielen Politikern, Geschäftsleuten und sogar Ex-Präsidenten. Ich will zu den Mächtigen statt zu den Schwachen gehören.«

»Und du dachtest, das könntest du am ehesten erreichen, indem du dich an das Eishockeyteam heranmachst, wo drei Spieler Seniors sind und ein paar andere einfache Mitglieder, um dich von einem Senior zur bevorstehenden Initiation einladen zu lassen.«

Es ist keine Frage, aber ich sage trotzdem: »Ja.«

»Du hast richtig gedacht. Ich werde dir deinen Wunsch erfüllen.«

Meine Lippen teilen sich.

Hat Kane sich gerade bereit erklärt, mir zu helfen, ohne dass ich auf all die diabolischen Pläne zurückgreifen musste, die ich mir zurechtgelegt habe?

Wie bitte?

Warum?

Hat er vielleicht Mitleid mit mir?

Ehrlich gesagt ist es mir egal. Ich spiel gern den bemitleidenswerten Hundewelpen, wenn ich dafür reinkomme. In Situationen wie diesen kann ich auf meinen Stolz keine Rücksicht nehmen.

»Wirklich?«, frage ich, weil ich meinen Ohren immer noch nicht traue.

»Ja. Ich hatte zwar schon jemand anderes für die Initiation im Sinn, aber ich nehme stattdessen dich.«

Ein Schauer durchläuft mich bei seinen Worten. Sein Tonfall bleibt gleich, aber seine Miene hat sich auf seltsame Weise verändert.

Seine Lippen haben sich zu einem arroganten Lächeln verzogen und ich starre ihn unverwandt an. Will er damit attraktiv wirken?

Dann verschwindet das Lächeln wieder und seine ausdruckslose Stimme erfüllt die Luft. »Eine Warnung. Es ist keine gewöhnliche Initiation oder Aufnahmezeremonie, bei der du alberne Mutproben absolvieren musst. Du wirst auf die Probe gestellt. Du wirst an deine Grenzen gebracht. Und du wirst deinen Körper und deine Seele auf dem Altar von Wahnsinnigen opfern müssen. Wenn du ablehnst, bist du raus und auf Lebenszeit verbannt. Wenn du nicht bereit bist, dich von Vencor so benutzen zu lassen, wie sie es vorsehen, wird man dein Leben sabotieren, bis du aus dem Land fliehst oder dich selbst erschießt. Und wenn du Vencor verrätst, wird niemand je deine Überreste finden. Bist du immer noch sicher, dass du mitmachen willst? Manchmal ist es weniger gefährlich, ein Außenseiter zu sein als ein Eingeweihter, der durch einen Blutschwur gebunden ist.«

Wieder durchläuft mich ein Schauer und ich packe mein Handy fester. Ich habe eine Menge Gerüchte gehört und bin in einigen Foren im Darknet unterwegs, in denen Theorien und Geschichten darüber ausgetauscht werden, wozu diese Leute fähig sind.

Kanes Worte, die er im neutralen Ton eines Nachrichtensprechers vorgetragen hat, sollten mich nicht erschüttern, tun es aber doch.

Hätte ich das vor einem Jahr gehört, dann hätte ich mich auf der Stelle umgedreht und wäre gegangen, aber jetzt?

Jetzt habe ich nichts mehr zu verlieren. Und wenn ich mein Leben dafür geben muss, um das meiner Schwester zu rächen, dann sei’s drum.

Also sage ich dumpf und entschlossen: »Ich bin sicher.«

Kane mustert mich weder überrascht noch wohlwollend. »Solltest du es dir anders überlegen, bevor du angenommen wurdest, sag ein Wort, das nur wir beide kennen, und ich sorge dafür, dass es aufhört. Egal, was es ist. Wie wäre es mit … Rot.«

Ich nicke. »Warum hilfst du mir?«

Er tippt mit dem Zeigefinger, an dem er den Ring trägt, gegen meine Wange. Das kalte Metall schickt einen Schauer durch mich hindurch. Doch das ist nichts im Vergleich zu dem elektrisierenden Feuer, das sich in meinem Bauch ausbreitet, als er mich berührt.

»Ich bin neugierig, ob du durchhältst und wie weit du es bringst, mein falscher Fan.« Sein Lächeln verschwindet, als er mir noch einmal über die Wange streicht. »Enttäusch mich nicht.«

3

Dahlia

Enttäusch mich nicht.

Enttäusch mich nicht.

Enttäusch. Mich. Nicht.

Eine Woche ist es her, seit Kane das zu mir gesagt hat. Seitdem haben wir nicht miteinander gesprochen und aus irgendeinem Grund bekomme ich diese Worte nicht aus dem Kopf.

Ich habe versucht, mich wieder in die Arena zu schleichen, um den Vipers beim Training zuzuschauen und vielleicht auch um Kanes Aufmerksamkeit zu erregen und ihn zu fragen, was als Nächstes passieren wird. Aber ihre Security ist wirklich kein Witz. Für Außenstehende zeigen sie null Toleranz. Selbst wenn sie die größten Fans der Mannschaft sind. Und egal, ob sie auf die GU gehen.

Gäbe es nicht die sehr realen Fotos auf meinem Handy, würde ich denken, dass das ganze Gespräch mit Kane und sein Versprechen, mich zur Initiation mitzunehmen, nur in meiner Fantasie stattgefunden haben.

Niemand weiß, wann und wo die Initiationen von Vencor stattfinden. Um den Geheimnisfaktor aufrechtzuerhalten, ändert sich das gerüchteweise ständig.

Aber Kane ist Teil des inneren Kreises. Der Senior-Rang ist nach dem der Gründer der höchste, den Mitglieder erreichen können. Ich habe keine Ahnung, welche Prüfungen sie durchlaufen oder wie viele Seelen sie an den Teufel verkaufen müssen, um dorthin zu gelangen, aber ich habe den Verdacht, dass ihre eigene Seele nicht ausreicht.

Stirnrunzelnd betrachte ich das Foto von Kane und mir auf meinem Handy. Neulich habe ich es online gepostet und ihn getaggt, aber nur ein Like von ihm bekommen. Mehr nicht. Keine DM oder sonst einen Hinweis darauf, dass er weiß, dass ich existiere.

Nichts.

Eigentlich sollte ich lernen, aber ich starre bloß das Selfie an.

Schon wieder.

Kanes Ausdruck ist ruhiger als der Himmel einer sternlosen Nacht und genauso tief. Ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen, dass er seine Seele verkauft. Er ist ein guter Zuhörer und weder so zwielichtig wie Preston noch so brutal wie Jude.

Während eines Spiels kann er, wenn es notwendig ist, gnadenlos sein. Dass er aggressiv wurde, hatte ich jedoch noch nie beobachten können. Weder auf dem Eis noch abseits davon.

Ich zoome auf seine Hand, an der der Ring zu sehen ist. Er ist immer noch ein Vencor, ein Senior. Irgendwie scheine ich dieses Detail immer unter den Teppich zu kehren, wenn ich an Kane denke.

Was ich seit unserer letzten Begegnung ständig tue.

Vencor oder nicht, ich glaube nicht, dass er der Typ ist, der haltlose Versprechungen macht.

Aber warum hat er mich dann seitdem nicht mehr kontaktiert? Auf dem Campus ist er so ziemlich unantastbar. Ich kann also nicht einfach zu ihm gehen, als wären wir alte Bekannte. Wir studieren völlig verschiedene Fachrichtungen, in Gebäuden, die an entgegengesetzten Enden des Campus liegen. Er Betriebswirtschaftslehre. Ich Pre-Med, ein vorbereitendes Medizinstudium. Es wäre also schwierig, dort aufzutauchen und so zu tun, als wäre es ein Zufall.

Außerdem, wäre das wirklich klug? Ein Treffen in der Öffentlichkeit einzufädeln? Neulich hat er gewartet, bis seine Teamkollegen außer Hörweite waren, bevor er mich angesprochen hat. Wahrscheinlich würde er nicht wollen, dass unsere Abmachung herauskommt.

»Kane Davenport. Na, da hat wohl jemand einen neuen Crush.«

Mein Kopf zuckt hoch. Ich war so konzentriert und in Gedanken versunken, dass ich gar nicht bemerkt habe, wie Megan an meinen Schreibtisch herangetreten ist.

Ich drehe schnell das Handy um. »Er ist nicht mein Crush.«

Megan ist meine Zimmergenossin im Wohnheim der GU und eine Stipendiatin wie ich. Somit stehen wir gesellschaftlich auf einer Stufe. Aber im Gegensatz zu mir stammt sie aus einer glücklichen Familie und ich sehe sie oft mit ihren Eltern oder Geschwistern in den Cafés der Stadt, wenn sie zu Besuch sind.

Ich bleibe für mich und sie tut es auch. Anfangs hat sie versucht, wie die Extrovertierte, die sie ist, sich mit mir anzufreunden. Nachdem sie aber gesehen hat, wie verbissen ich für die Noten arbeite, die ich für mein Stipendium brauche, hat sie sich zurückgezogen und verbringt jetzt mehr Zeit mit ihren Freunden aus den Sozialwissenschaften.

Megan ist ein Rotschopf mit dunkler Haut und einem auffälligen Modestil. Bis eben hat sie sich zum Ausgehen fertig gemacht und trägt ein kimonoartiges Kleid in Rot, Weiß und Grün mit einem an der Seite geschlitzten Rockteil und funkelnden Kettchen als Träger.

»Du hast diesen Kerl angestarrt, als wäre er ein Snack und du am Verhungern.« Megan betrachtet sich in dem Ganzkörperspiegel neben der Tür unseres Zimmers.

»Hab ich nicht.«

»Hm-mh.« Sie macht ein paar Selfies im Spiegel.

Auf ihrer Seite des Zimmers stapeln sich bunte Klamotten auf dem Bett, aus denen sie ihr Outfit ausgewählt hat. Ein paar Handtaschen sind auf den Boden gefallen, aber ihr Schreibtisch ist makellos und ihre Lehrbücher sind wie Schätze ordentlich aufgereiht.

Bei mir sieht es mit meinen Medizinbüchern und dem Laptop ziemlich minimalistisch aus. Nur auf meinem Nachttisch liegen eine Menge College-Eishockey-Magazine, mit denen ich mich viel ernsthafter befasst habe als mit meinen Uniprojekten.

Auf meiner Schrankseite stehen drei Paar weiße Sneaker, während sich auf Megans bunte Schuhe aller Arten drängen.

»Ich hab mich schon gefragt, warum du dich in letzter Zeit so für Eishockey interessierst. Ich muss schon sagen, du hast einen exquisiten Geschmack. Ein unbedeutender Nobody im Team hat dir wohl nicht gereicht, was?«

Ich drehe mich auf dem Stuhl zu ihr um. Der andere Unterschied zwischen Megan und mir ist, dass sie schon seit dem ersten Semester an der GU studiert. Ich selbst habe in der Nachbarstadt Stantonville angefangen. Ursprünglich hatte ich mich an der GU und dem Stanton River College – oder SRC – beworben, war jedoch nur am SRC angenommen worden. Das war zwar schade, aber zumindest konnte Violet ebenfalls am SRC anfangen, deshalb zogen wir von New Jersey nach Stantonville.

Zu meiner großen Überraschung bekam ich dann für mein Abschlussjahr ein Stipendium an der GU. Ich war gelinde gesagt im siebten Himmel. Das Medizinprogramm an der GU ist einzigartig, weswegen ich mich von Anfang an hier hatte einschreiben wollen. Diese Gelegenheit für mein Abschlussjahr zu erhalten, kam mir völlig unglaublich vor.

Violet wirkte ein bisschen besorgt, aber sie kaufte mir trotzdem einen kleinen Kuchen und wir feierten an dem Abend.

Ich dachte, es würde ein Neuanfang für mich sein.

Und das ist es auch, nur dass ich jetzt Violet nicht mehr bei mir habe.

Megan stammt aus Stantonville und hätte auf das SRC gehen können, aber sie hat sich absichtlich für ein Stipendium an der GU beworben, und zwar in ihren Worten: »Weil die Uni hier der Hammer ist. Abgesehen von seinem berühmten Eishockeyprogramm hat das SRC nicht viel zu bieten.«

Die Stanton Wolves sind der größte Rivale der Vipers. Beide Teams sind dafür bekannt, die besten NHL-Spieler hervorzubringen und ihre »Kalter Krieg«-Spiele sind bei Weitem das Highlight der College-Liga.

Obwohl Megan sich für Eishockey nicht sonderlich interessiert, ist sie umgeben von diesen beiden Legenden aufgewachsen. Daher weiß sie mehr als die Gerüchte, die ich gehört habe, und was ich sonst noch herausfinden konnte.

»Ich war nur zum Spaß dort«, sage ich, um das Gespräch am Laufen zu halten. »Es war nett von ihm, nach dem Spiel noch ein Fan-Selfie mit mir zu machen.«

Sie dreht sich vom Spiegel weg und stemmt eine Hand in die Hüfte. »Du willst ernsthaft behaupten, dass du dir nicht wünschst, mehr als nur ein Fan zu sein?«

Ich drehe meinen Stift zwischen den Fingern, schweige aber.

»Das dachte ich mir«, sagt sie breit grinsend und schaut wieder in den Spiegel, um ihre roten Locken zu glätten. »Aber mach dir nicht zu viele Hoffnungen. Er ist ganz oben in der Nahrungskette, gehört praktisch zum Königshaus, am College, in der Stadt und allgemein in der Welt. Leute wie du und ich können uns an einem wie ihm nur die Finger verbrennen. Also senk lieber deine Erwartungen … es sei denn, du willst nur mit ihm vögeln? In dem Fall stell dich hinten an. Von dem Mann würde ich mich herumwirbeln lassen wie einen seiner Pucks. Die Freundin einer Freundin hat mir mal gesagt, er hätte einen Riesenschwanz und jede Menge Energie.«

»Megan!«

»Was? Man sollte immer gut informiert sein, bevor man die Beine breit macht. Und jetzt hab ich mein Wissen an dich weitergegeben. Gern geschehen.«

Ich muss unwillkürlich lachen. »Was weißt du sonst noch über ihn, außer den Gerüchten über seine Schwanzgröße?«

»Das ist alles, was ich wissen muss.« Sie wirft mir einen Seitenblick zu. »Und auch alles, was du wissen musst, wenn du dir Ärger ersparen willst.«

»Ich will bloß wissen, wie meine Chancen stehen.«

»Gleich null. Die Leute auf dem Hill gehen nur Beziehungen untereinander ein. Sie heiraten untereinander und kriegen Kinder, die genau wie sie selbst sind, und der Kreislauf wiederholt sich. Als Außenstehende haben wir bei denen keine Chance.« Sie schaut hoch. »Lieber Gott, im nächsten Leben möchte ich als reicher Mann wiedergeboren werden. Amen. Halt. Als reicher Mann mit einem Riesenschwanz. Amen.«

»Außenstehende haben also keine Chance, aber Vögeln ist okay?«

»Na klar. Vögeln ist harmloser Spaß. Alles, was darüber hinausgeht, ist es nicht. Realistisch betrachtet hast du wahrscheinlich noch eine bessere Chance, Preston ins Bett zu bekommen. Dieser notgeile Bock sagt zu keiner Frau Nein. Selbst Jude wäre vermutlich leichter zu kriegen als Kane. Der Mann interessiert sich nur für Eishockey. Geht kaum aus. Entweder bereitet er sich darauf vor, Mönch zu werden, oder er lässt seine Bekanntschaften Geheimhaltungsvereinbarungen unterschreiben. Alle Mädchen wollen ein Stück von ihm, aber kaum eines hat es je geschafft, und die, die Erfolg hatten, reden nicht drüber.«

Mit Kane zu schlafen, ist das Letzte, woran ich gerade denke. Okay, nicht ganz das Letzte. Ich würde lügen, sollte ich behaupten, dass ich ihn nicht heiß finde. Unter anderen Umständen wäre ich zu ein bisschen harmlosem Spaß genauso bereit wie Megan, aber in meiner Situation brauche ich etwas Ernsteres.

Etwas viel Ernsteres.

»Warst du schon mal auf dem Ravenswood Hill?«, frage ich. »Du weißt schon, ein bisschen herumschnüffeln und schauen, wie sie dort wohnen?«

»Auf keinen Fall. Siehst du diesen hübschen Kopf hier?« Sie deutet auf ihr Gesicht. »Ich will, dass er auf meinem hübschen Hals bleibt. Vielen Dank auch.«

»Ist es so gefährlich?«

»Scheiße ja. Hör zu. Ich weiß, du bist wahrscheinlich eine dieser Studentinnen, die den Nervenkitzel von geheimen Welten, Spukhäusern und verzauberten Wäldern lieben, aber das hier ist kein Horrorfilm. Leute, die es gewagt haben, sich Hill zu nähern, sind spurlos verschwunden. Wir wollen ja nicht, dass du der nächste Eintrag in der Statistik wirst.«

Das bin ich längst. Ich habe nichts mehr zu verlieren.

Aber Megan hat recht. Zum Hill zu gehen und dort herumzuschnüffeln, ohne einen Plan, wie man hinein- und wieder herausgelangen kann, ist reiner Selbstmord.

Deswegen wollte ich mir ja auch über die Mannschaft Zutritt verschaffen.

Megan sprüht sich mit einer Parfümwolke ein, bevor sie aufbricht, und versucht ein letztes Mal, mich zu der neusten »wilden« Party einzuladen. Sie gibt jedoch auf, als ich ihr sage, dass ich heute Abend lernen muss.

Zumindest habe ich das vor.

Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren, und ich schaffe es gerade mal, eine Fallstudie für den Ethik-Kurs zu lesen, als mein Handy aufleuchtet. Ich sehe nach, um mir anzuschauen, was ich laut Megan »verpasse«.

Doch dann erstarrt der Stift zwischen meinen Fingern und fällt auf das Lehrbuch, als ich eine DM von @kane.davenport vorfinde.

Hast du heute Abend Zeit?

Mein Herz hämmert so laut, dass ich es in meinen Ohren höre, als ich tippe: Hi! Ja.

Ich merke, dass das zu verzweifelt klingt, und lösche es wieder.

Warum?

Die Initiation ist heute Abend. In zwei Stunden.

Oh Gott.

Das kommt schneller als erwartet. Nicht dass ich mit einer Vorankündigung gerechnet hätte. Aber ein Vorlauf von gerade mal zwei Stunden?

Ich bin noch nicht einmal mental darauf vorbereitet.

Bist du dabei?

Ja. Wo?

Ich schicke dir den Ort. Sei in anderthalb Stunden dort.

Okay. Danke.

Ich gehe schon davon aus, dass das Gespräch beendet ist, weil er meinen Text gesehen hat und nicht darauf antwortet, aber dann taucht doch noch ein einzelnes Wort auf dem Display auf und mein Herzschlag beschleunigt sich.

Dahlia.

Ja?

Rot. Sag das Wort jetzt und dieser Albtraum wird nicht stattfinden. Wenn du es nicht tust, wirst du nachher keine Chance mehr dazu haben.

Meine Augen überfliegen immer wieder das, was er geschrieben hat. Genau wie neulich, als er von meinem Interesse erfahren hat, bietet er mir einen Ausweg an.

Aber was er nicht weiß: Wenn ich mir einmal etwas vorgenommen habe, ziehe ich es durch, bis es geschafft ist.

Jemand von Vencor war für den Angriff auf meine Schwester verantwortlich, seit welchem sie im Koma liegt. Wegen ihnen habe ich das einzige noch lebende Mitglied meiner Familie verloren. Und ich werde erst ruhen, wenn ich den Schuldigen unter die Erde gebracht habe. Hoffentlich stirbt er einen qualvollen Tod.

Also nein. Selbst wenn es mich mein Leben kostet, ich werde den Ausweg, den Kane mir anbietet, nicht annehmen.

Auch wenn es nett von ihm ist, mir die Möglichkeit zu geben.

Ich werde da sein.

Eine Weile herrscht Schweigen von seiner Seite, bevor schließlich noch eine Nachricht aufploppt.

Zieh dir was Bequemes an. Es wird die längste Nacht deines Lebens.

4

Kane

Es ist nicht das erste, zweite oder sogar hundertste Mal, dass ich eine solche Szene erlebe.

Und es wird auch nicht das letzte Mal sein.

Es interessiert mich einfach nicht. Nicht die Schreie, nicht das spritzende Blut und auch nicht der Gestank der Furcht, vermischt mit der Erkenntnis, dass sie einen Fehler begangen haben.

Den letzten Fehler, den sie je begehen werden.

»Hört zu … hört zu … bitte hört mich an …«, fleht Fred, der Vizekanzler, auf den Knien. Sein Bauch quillt zwischen den abgerissenen Hemdknöpfen hervor und sein hässlicher lila Schlips ist ihm so fest um den Hals gebunden, dass sein Gesicht rot anläuft.

Jude, Preston und ich haben Fred gebeten, nach den Vorlesungen eine Spritztour mit uns zu machen.

Er hat freudig gelächelt, in der Ansicht, dass wir ihm eine Gelegenheit anbieten wollen. Eine Einladung zu einem Treffen mit drei Senior-Mitgliedern von Vencor, die nach ihrem Studienabschluss de facto zu Gründern werden, erhält ein einfacher Vizekanzler nicht jeden Tag.

Wie jedes Vencor-Mitglied weiß Fred, dass nur die Nachkommen der vier Gründerfamilien in den obersten Rang aufsteigen können. Deswegen ist das Machtgleichgewicht auf dem Campus stets zu unseren Gunsten verschoben, obwohl wir noch Senior-Mitglieder sind. Eine Position, die Fred niemals erreichen wird.

Statt des vielversprechenden Treffens, das er erwartet hat, haben wir ihn zu einem Lagerhaus gefahren, das meiner Familie gehört und so weit außerhalb der Stadt liegt, dass niemand seine Schreie hören wird.

Die Leute meines Vaters warten draußen, bis wir unseren Spaß hatten, um danach aufzuräumen.

Allerdings sind es eher Jude und Preston, die Spaß haben. Ich bin nur hier, um eine »Enthauptungsmission« durchzuführen. Das heißt, einer Schlange den Kopf abzuschlagen, bevor sie die Chance hat, ihren Meister zu beißen.

Vencors Macht hat neben den starken Geschäftsverbindungen zwischen den vier Gründerfamilien vor allem mit Kontrolle zu tun. Wenn sich uns eine Gelegenheit bietet, dann packen wir sie nicht bloß am Schopf, wir eliminieren auch jeden, der irgendein Risiko darstellt.

Vencor ist eine Geheimgesellschaft, die stark von ihren Gründungsmitgliedern und deren Beziehungen abhängt. Aber im Gegensatz zu anderen ist sie keine Bruderschaft und interne Kämpfe unter den vier Gründerfamilien um die Oberherrschaft sind durchaus an der Tagesordnung.

Senior-Mitglieder – die höchste Position, die ein Außenstehender erreichen kann – sind dazu bestimmt, einflussreiche Posten in der Gesellschaft zu übernehmen wie Senator, Anführer einer politischen Partei oder eine ranghohe Stelle beim Militär oder im Finanzwesen. Ihre Aufgabe ist es, Vencors Beziehungen zu verbessern und den Zwecken der Gesellschaft zu dienen. Meist haben sie einfache Mitglieder unter sich, die ihnen zuarbeiten, ihre Befehle ausführen, aber auch ein Auge auf sie haben, für den Fall, dass sie auf Abwege geraten.

Dass ein einfaches Mitglied zum Senior aufsteigt, nachdem es den Verrat eines anderen Seniors aufgedeckt hat, für den es gearbeitet hat, ist schon vorgekommen.

Da Leute, die nicht aus den Gründerfamilien stammen, keinen höheren Rang als wir erreichen können, sind Preston, Jude und ich eine Besonderheit auf dem Campus. Wir haben in der Mannschaft das Sagen und auch an der Universität selbst befolgen alle unsere Anweisungen.

Eigentlich wollte ich die Mission heute allein durchführen, die beiden anderen hätten also nicht mitmachen müssen, aber Jude hat eine lästige Lust am Töten entwickelt und Preston leidet unter einem unstillbaren Blutdurst.

Als Senior-Mitglieder geben wir solche Missionen normalerweise an unsere Untergebenen weiter. Unsere Rolle ist es nur, aus den Schatten heraus zu beobachten und einzugreifen, falls etwas außer Kontrolle gerät.

Aber ich habe mir immer schon gern selbst die Hände schmutzig gemacht. Ich will nicht darauf vertrauen, dass jemand anderes die Aufgabe genauso effizient erledigt wie ich.

»Was sollen wir uns anhören?« Ich lehne mich auf dem Metallstuhl gegenüber von Fred zurück und wische gemächlich meine Pistole mit einem Tuch ab, wobei ich darauf achte, sie ihm die ganze Zeit über zu zeigen. »Dass du hinter unserem Rücken auf dem Campus mit Drogen dealst?«

»Es war eine einmalige Sache … bitte … Ich habe Familie«, bettelt er und Schweißtropfen sammeln sich auf seiner Oberlippe und seiner fettigen Nase.

»Dann hättest du an sie denken sollen, bevor du uns hintergangen hast.« Ich stehe auf. »Vencor hintergeht man nicht. Du bist nur ein kleines Werkzeug, das wir benutzen. Bild dir ja nicht ein, du hättest selbst etwas zu sagen. Wir übernehmen das Denken, nicht du.«

»Ich verspreche, dass ich es nie wieder tun werde, wenn ihr mir noch eine Chance gebt.«

»Sei nicht naiv. Es gibt keine zweiten Chancen. Ein Fehler und du bist raus.«

»Besonders weil du dachtest, du könntest damit durchkommen.« Jude gleitet hinter Fred, packt seinen Schlips und zieht ihn so weit nach hinten, dass es mich überrascht, dass er ihm nicht den Hals bricht.

»Wie dreist kann man sein?« Preston geht vor Freddie auf die Knie und dreht den Griff seines Messers zwischen den Fingern. »Ich verrat dir was: Uns entgeht nichts. Du kannst dich verstecken, aber weglaufen kannst du nicht.«

»Andersrum: Du kannst weglaufen, aber verstecken kannst du dich nicht«, sagt Jude.

»Ich meinte es aber genau so, wie ich es gesagt habe.« Preston drückt sein Messer an Freds Hals, der den Atem anhält. Ob es an Prestons Klinge liegt oder daran, dass Jude ihn mit dem Schlips würgt, kann ich nicht sagen.

»So funktioniert das nicht, du Idiot.«

»Ha. Da redet die Pfanne über den Tiegel.«

»Da redet der Topf über den Tiegel, nicht die Pfanne.«

»Ist doch genau dasselbe.« Preston reißt die Hände hoch und schlitzt dabei aus Versehen Fred die Kehle auf. Blut strömt wie aus einem Brunnen hervor und rote Spritzer verteilen sich auf ihren Gesichtern, Haaren und Kleidern.

Überallhin.

Selbst meine Jeans und meine Schuhe bekommen etwas ab.

Was für ein Scheiß.

Freds Mund steht offen und seine Augen starren ins Leere, während er innerhalb weniger Sekunden verblutet.