Consumed by Deception - Rina Kent - E-Book

Consumed by Deception E-Book

Рина Кент

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Beschreibung

Die Wahrheit ist nicht immer so, wie es scheint. Das hat Lia noch nicht erkannt, aber das wird sie. Schon bald. Ich habe mich für dieses Leben entschieden. Für diesen Weg. Für dieses verdrehte Arrangement. Für sie habe ich einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Für sie habe ich mit dem Schicksal und dem Tod gespielt. Es gibt kein Zurück. Ich habe sie gestohlen, und wie jeder Dieb werde ich sie nicht zurückgeben. Lia ist meine Sucht. Meine Besessenheit. Meine Liebe. Sie gehört mir. Leseempfehlung: ab 18 Jahre

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Anmerkung der Autorin
Playlist
Was bisher geschah …

Rina Kent

 

Consumed by Deception

 

 

Consumed by Deception

Die Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel

»CONSUMED BY DECEPTION«.

Copyright © 2022. CONSUMED BY DECEPTION by Rina Kent

the moral rights of the author have been asserted.

 

Deutschsprachige Ausgabe © 2025. Consumed by Deception

by VAJONA Verlag GmbH

 

 

Übersetzung: Anne Masur

Lektorat: Alexandra Gentara

Umschlaggestaltung: Haya In Designs

Satz: VAJONA Verlag GmbH, Oelsnitz

 

VAJONA Verlag GmbH

Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3

08606 Oelsnitz

 

Für das kleine Mädchen in mir, das Helden langweilig findet und Hals über Kopf den Bösewichten verfällt.

Anmerkung der Autorin

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

falls du bisher noch keines meiner Bücher gelesen hast, könnte das neu für dich sein, aber ich schreibe düstere Geschichten, die aufregend und verstörend sein können. Meine Bücher und Charaktere sind nichts für schwache Nerven.

 

Consumed by Deception ist das letzte Buch einer Trilogie, die zusammenhängend gelesen werden sollte.

 

Deception Trilogie:

 

#1 Vow of Deception

#2 Tempted by Deception

#3 Consumed by Deception

 

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Mein Ehemann. Mein Monster.

 

Die Wahrheit ist nicht immer so, wie es scheint.

Das hat Lia noch nicht erkannt, aber das wird sie. Schon bald.

Ich habe mich für dieses Leben entschieden. Für diesen Weg. Für dieses verdrehte Arrangement.

Für sie habe ich einen Pakt mit dem Teufel geschlossen.

Für sie habe ich mit dem Schicksal und dem Tod gespielt.

Es gibt kein Zurück.

Ich habe sie gestohlen, und wie jeder Dieb werde ich sie nicht zurückgeben.

Lia ist meine Sucht. Meine Besessenheit. Meine Liebe.

Sie gehört mir.

 

Playlist

 

True Love – Coldplay

Let it Go – James Bay

Infinity – Jaymes Young

Flying High Falling Low – Walking on Cars

Breath – Breaking Benjamin

Lost it All – Black Veil Brides

Fallen Angel – Three Days Grace

Everyone Changes – Kodaline & Gabrielle Aplin

Learning to Breathe – Switchfoot

Remedy – Thirty Seconds to Mars

Closer to the Edge – Thirty Seconds to Mars

Make Believe – The Faim

My Heart Needs to Breathe – The Faim

Never Know – Bad Omens

Second Chances – Imagine Dragons

 

Die ganze Liste findet ihr auf Spotify.

 

Was bisher geschah …

 

Bei einer Feier innerhalb der Bruderschaft vereitelte Lia einen Mordanschlag auf Adrian. Um ihren Ehemann zu retten, erschoss sie den Attentäter und erfuhr von Luca, dass sie die uneheliche Tochter von Lazlo Luciano ist, dem Don der italienischen Mafia, und Adrian sie nur benutzt, um an diesen heranzukommen.

Danach litt Lia sehr, ging aber trotzdem ihrer gemeinnützigen Arbeit im Obdachlosenasyl nach, wo sie auf Winter traf, ihre Doppelgängerin, und sie schmiedeten einen Plan, um die Plätze zu tauschen.

Adrian bemerkte den Unterschied sofort und machte sich auf die Suche nach Lia.

Unter Druck gesetzt durch seine Verfolgung stürzte sie sich vor seinen Augen von einer Klippe ins Meer.

Ich werde in die kalte, dunkle Nacht hinausgeworfen.

Zuerst kann ich mit meinem benommenen Kopf nicht mithalten, während ich den Schlaf aus meinen Augen blinzle.

Es dauert einen Moment, bis ich meine Umgebung wahrnehme und mir sicher bin, nicht in einem Tagtraum über das letzte Buch festzustecken, das ich gelesen habe.

Seit Tante Annika fort ist, sind Bücher meine einzige Zuflucht. Sie starb allein bei einem brutalen Autounfall, und mein Vater war nicht für sie da. Stattdessen war er bei uns. Meine Eltern haben mich ins Krankenhaus gebracht, wo mir ein Gipsverband um den Arm gelegt wurde, den Mom mir gebrochen hatte.

Ich habe nicht geweint. Der Schmerz in meinem Arm war nicht so schlimm wie der konstante, endlose Schmerz in meiner Brust, und die Tatsache, dass Tante Annika nicht da sein würde, um mich zu umarmen, dass sie den Schmerz nicht mehr vertreiben konnte, hat mich davon abgehalten, zu weinen.

Dad war stolz, weil ich so stark war und sein Sohn keine Tränen vergoss. Ich habe darüber nachgedacht, ihm alles zu erzählen, aber bevor er kam, um mich ins Krankenhaus zu bringen, sagte Mom, wenn ich Dad gegenüber irgendwas erwähnen würde, würde sie mich genauso loswerden wie Tante Annika.

Ich wollte ihn und Mom schlagen. Ich wollte sie beide aus dem Auto werfen, denn damals dachte ich, Tante Annika würde zurückkommen, wenn sie verschwinden.

Aber sie war bereits von uns gegangen und ist jetzt nicht mehr als ein Grabstein. Ein Grabstein, den niemand mehr besucht.

All die Wärme und Freude, die sie ins Haus gebracht hat, sind verschwunden, seit Mom ihren Platz eingenommen hat.

Dad hat Mom geheiratet, obwohl seine Freunde aus der Bratva sie nicht mögen.

Sie ist zu klug für ihr eigenes Wohl, habe ich einen von ihnen sagen hören. Ich schätze, das liegt daran, weil sie alles wissen möchte und sich zu sehr einmischt.

Sie streitet viel mit Dad, weil er nicht will, dass sie »Teil des Geschäfts« wird. Einmal sagte Mom, dass er der Pakhan werden könnte, wenn er nur auf sie hören würde, woraufhin er sie ins Gesicht schlug.

Ich mag es nicht, wenn Dad Mom schlägt. Weil sie zurückschlägt und sie sich dann beide anschreien, Dinge kaputtmachen und bluten.

Wenn ich ihnen in die Quere komme, schubst Mom mich gegen die nächste Wand, und dann schlägt Dad sie noch härter.

Aber ich schätze, es ist besser, wenn sie sich streiten. Denn wenn sie es nicht tun, schlägt Mom mich für den kleinsten Fehler und Dad lässt mich Bücher auswendig lernen und seine Freunde aus der Bruderschaft kennenlernen.

Anhand der Schmerzen in meinem Arm zu urteilen, ist es Mom, die mich herumzerrt. Sie ist die Gewalttätige von den beiden, zumindest zu Hause. Dad wird ihr gegenüber auch gewalttätig, aber nie bei mir. Immer, wenn sie mich verletzt, wird er wütend, deshalb macht sie es hinter seinem Rücken.

Ich blinzle, als ich auf die Beine gehoben werde, nicht sicher, warum sie mich aus dem Bett gezerrt und mir kaum genug Zeit gegeben hat, meine Schuhe anzuziehen, bevor sie mich nach draußen geführt hat.

Nachdem ich ins Bett gegangen bin, lässt sie mich für gewöhnlich in Ruhe.

»Beeil dich, Adrian!« Mom schubst mich nach vorn, ihre roten Nägel bohren sich in mein Handgelenk und unter dem schwachen Licht der Straßenlaterne sieht ihr Gesicht blass aus.

»Mom …? Wohin gehen wir?«

»Sei still!« Ihr Blick zuckt zur Seite, dann rennt sie zu ihrem Jeep und drückt mich auf den Beifahrersitz. »Schnall dich an.«

Bevor ich noch mehr fragen kann, eilt sie zur Fahrerseite und steigt ein. Die Reifen quietschen und das Auto schießt in Richtung des Ausgangs.

Meine Hände zittern leicht, als ich mir den Sicherheitsgurt umlege. Mom ignoriert ihren, während sie mit einem Tempo die Straße hinunterrast, das mich in meinen Sitz zurückdrückt und mir den Atem raubt.

Ich klammere mich mit beiden Händen an den Sitz, während ich meine Umgebung in mich aufnehme. Es ist dunkel, aber hin und wieder kommt eine Straßenlaterne. Keine anderen Menschen oder Fahrzeuge sind unterwegs. Ich recke meinen Hals und sehe auf der roten Neonanzeige auf dem Armaturenbrett vor Mom, dass es 2:25 Uhr in der Nacht ist. Mit jeder Sekunde tritt sie das Gaspedal weiter runter.

Sie war noch nie eine umsichtige Fahrerin. Sie gehört eher zu den Leuten, die hupen und andere Verkehrsteilnehmer anschreien und beleidigen. Allerdings ist es das erste Mal, dass ihre Knöchel weiß hervortreten, während sie zitternd das Lenkrad umklammert.

»Mom? Wohin fahren wir?«

Ihr Kopf dreht sich in meine Richtung, auf ihrem Gesicht liegt ein seltsamer Ausdruck, als würde sie gerade erst bemerken, dass ich da bin. Dann konzentriert sie sich wieder auf die Straße. »Weg von deinem verdammten Vater.«

Ich weiß, dass sie sich wieder gestritten und Dads Wachen über sie getuschelt haben, aber ich dachte, sie würden sich wieder versöhnen, so wie immer. Es gibt Phasen, in denen sie einander tolerieren, doch die halten nie lange an, ehe sie sich wieder schlagen und einander beleidigen.

Sie fährt eine Kurve, ohne abzubremsen, und ich schlage gegen die Tür, stoße mir die Seite. Mein Griff um den Sicherheitsgurt wird fester. »Warum?«

»Weil er ein Idiot ist«, zischt sie. »Er könnte so viel mehr sein, aber er lässt sich von seiner Angst bremsen. Wenn er mir meinen Ehrgeiz nimmt, dann nehme ich ihm seinen kostbaren Erben.«

»Also wohnen jetzt wir zusammen, nur du und ich?«

»Das ist der Plan. Bis Georgy aufhört, sich wie ein beschissener Narr aufzuführen.«

Ich will nicht allein mit Mom leben. Zumindest schlägt sie mich in Dads Anwesenheit nicht. Wenn er nicht da ist, wird sie nichts mehr zurückhalten.

Gleichzeitig hasse ich ihre Streitereien, also wird es vielleicht besser, wenn sie nicht zusammen sind.

»Das Arschloch weiß gar nicht, wie weit er es bringen oder wozu ich ihm verhelfen könnte. Dieser Sack, Nikolai, verdient es nicht, der Anführer zu sein.«

»Aber er ist der Pakhan«, sage ich leise.

»Das macht ihn nicht zum bedingungslosen Herrscher. Denk immer daran, Adrian, Macht wird einem nicht geschenkt, man muss sie an sich reißen. Wenn sich dir eine Chance bietet, dann ergreifst du sie, ohne zu zögern oder Fragen zu stellen.«

»Auch wenn man andere damit verletzt?«

»Auch wenn man andere damit verletzt. Sie sind diejenigen, die zugelassen haben, dass man sie verletzt, also musst du dir um solche Idioten keine Gedanken machen …« Sie bricht ab, als ihr Blick auf den Rückspiegel fällt, dann schlägt sie auf das Lenkrad und flucht auf Russisch.

Ich schaue hinter mich und entdecke mehrere Autos, die uns folgen.

»Verdammte Scheiße!« Mom tritt hart auf die Bremse, als ein Wagen horizontal vor uns auftaucht und stehen bleibt.

Ich werde nach vorn geschleudert, nur der Sicherheitsgurt hält mich in meinem Sitz. Drei Männer stürmen aus dem Auto, und bevor ich weiß, was vor sich geht, werden unsere Türen aufgerissen. Mom wird von zwei Männern von ihrem Sitz gezerrt, während Pavel, Dads Senior-Wachmann, meinen Sicherheitsgurt öffnet und mich deutlich sanfter, als die anderen Wachen mit Mom umgehen, aus dem Auto zieht.

Pavel lässt mich vor sich stehen, seine Hände liegen auf meinen Schultern, während wir zwischen Moms Auto und dem Wagen stehen, der uns den Weg abgeschnitten hat.

Sie setzt sich gegen die Wachen zur Wehr, die sie festhalten, und flucht in einem Mix aus Russisch und Englisch. Sie tritt mit den spitzen Absätzen ihrer Schuhe nach ihnen, aber sie zerren sie weiter. Ich stehe ein paar Schritte entfernt, halte unter Pavels Griff vollkommen still. Nicht, dass ich fliehen wollen würde oder auch nur eine Ahnung hätte, wohin ich rennen sollte.

Dann schlendert Dad von der Seite herbei. Obwohl Mom eine große Frau ist, ist er größer und muskulöser, und auf seinem Gesicht liegt der wie immer finstere Ausdruck, der sich nie verändert. Ich kann die Male, an denen ich ihn lächeln gesehen habe, an einer Hand abzählen, und es passierte immer, wenn er mit seinen Freunden aus der Bratva zusammen war.

Sobald er vor meiner sich windenden Mom zum Stehen kommt, spuckt sie ihm ins Gesicht.

Er hebt seine Hand und schlägt so hart gegen ihre Wange, dass ihr Kopf nach hinten schnellt und Blut aus ihrer Unterlippe spritzt. Es läuft über die helle Haut ihres Kinns und des eleganten, langen Halses.

Ich zucke zusammen, weil es mir immer noch nicht gefällt, wenn er sie schlägt. Bei Tante Annika hat er das nie gemacht, zumindest nicht, wenn ich dabei war. Aber bei Mom ist er gewalttätiger.

»Dämliche Schlampe.« Dad wischt sich mit einem Taschentuch das Gesicht ab. »Ich wusste, dass du mehr Probleme machen würdest, als du wert bist.«

»Fick dich, Georgy!«, faucht sie und versucht, ihn zu treten, aber da die Wachen sie immer noch festhalten, erwischt sie ihn nicht.

»Ich soll mich ficken? Ich? Fick dich, Dominika, und all die Probleme, die du mir beschert hast, seit ich dich geheiratet habe. Ich habe dir gesagt, dass du dich aus den Angelegenheiten der Bratva heraushalten sollst. Ich habe dir gesagt, dass du deine hinterhältigen Gedanken für dich behalten sollst. Und was hast du getan? Du hast dich hinter dem Rücken von Nikolai und mir mit den italienischen Capos und ihren Frauen getroffen. Hast du ernsthaft gedacht, wir würden das nicht herausfinden?«

»Ich habe es getan, um dir mehr Macht zu verschaffen, du verdammtes Arschloch! Nikolai ist altmodisch, aber du könntest stärker sein als er, du könntest besser sein.«

»Er ist mein Pakhan! Man plant keinen Putsch hinter dem Rücken seines Vors. So funktioniert das verdammt noch mal nicht, und das habe ich dir schon eine Million verfluchte Male gesagt. Jeder Akt des Verrats wird mit dem Tod bestraft.«

»Niemand wird dich bestrafen, wenn du ihr verdammter Anführer bist!«

»Aber das bin ich nicht.« Er stößt schwer den Atem aus. »Du hast mich und die Bruderschaft verraten, Dominika.«

»Nein.« Sie windet sich, wehrt sich, tritt und schreit.

Ich hasse es, Mom so zu sehen. Für mich war sie immer übermächtig und stark. Manchmal regelrecht hasserfüllt. Ich habe ihr nie vergeben, mir Tante Annika genommen zu haben, trotzdem will ich sie nicht so hilflos sehen, vollkommen ohne Ausweg.

»Das kannst du mir nicht antun! Ich bin die Mutter deines Sohnes!«

»Das wird deine Strafe nicht abmildern.« Dad zieht seine Waffe und gestikuliert damit zu seinen Wachen. »Bringt sie runter auf die Knie.«

Die Männer drücken sie runter, bis ihre Knie auf den Boden treffen. Ihre Schuhe geben gespenstische Geräusche von sich, während sie über den Asphalt kratzen. »Nein! Nicht! Ziehst du Nikolai etwa mir vor?«

»Ich ziehe die Bruderschaft dir vor. Wenn du nicht angemessen bestraft wirst, wird Nikolai mir das, was er für meinen Verrat hält, nie vergeben.« Er macht eine Pause und sieht zum ersten Mal in dieser Nacht zu mir. »Komm her, Adrian.«

Pavel schiebt mich leicht, dann lässt er meine Schultern los, bleibt aber dicht hinter mir. Meine Beine fühlen sich schwer an, als ich sie bis zu Dad schleppe.

»Du bist jetzt alt genug, also hör gut zu, mein Junge.« Dad drückt die Pistole gegen Moms Stirn, die mit ihrem üblichen Trotz zu ihm hochstarrt, nicht eine Träne zeigt sich in ihren Augen. »Das machen wir mit Verrätern, ganz egal, wie nahe sie uns stehen.«

Dann drückt er den Abzug.

Ein lauter Knall hallt durch die Luft, als mir eine heiße Flüssigkeit ins Gesicht spritzt.

Ich habe Leben direkt vor meinen Augen enden sehen.

Nicht einmal.

Nicht zweimal.

Sondern unzählige Male.

Nachdem ich gesehen habe, wie das Leben den Körper meiner Mutter verließ, als ich gerade mal zehn Jahre alt war, hatte ich eine Offenbarung.

Ah. So leicht ist der Tod.

Der Tod ist ein Drücken des Abzugs, ein Spritzer Blut und leere Augen.

Wenn Mom, die furchtlose Dominika, die stärker war als alle anderen, so leicht getötet werden konnte, dann kann die Tat selbst nicht so schwer sein.

Deshalb habe ich den Tod nie gefürchtet. Ich habe mich nie abgewendet. Habe in seinem Antlitz nie gezögert.

Tatsächlich stürze ich mich direkt auf ihn. Ich habe ihn besiegt und vor mir in die Knie gezwungen, genau wie Dad es mit Mom getan hat, und ihm dann ins Gesicht geschossen.

Ich bin den gnadenlosen Fängen des Todes so oft entkommen, dass ich mich selbst als immun gegen ihn ansehe.

Dass der Tod aus irgendeinem Grund nicht mich betrifft.

Dass er mich nicht anrührt.

Dass er es nicht wagen würde, mich anzurühren.

Das war ein Fehler. Die Störung in meinem System.

Obwohl ich mich seit Moms Hinrichtung nie vor dem Ende – oder vor überhaupt irgendwas – gefürchtet habe, fürchte ich mich davor, etwas zu verlieren.

Oder jemanden.

Die Welt dreht sich in Slow Motion, aber immer noch zu schnell und unmöglich, aufzuhalten.

Als ich Lia hierher gefolgt bin, nachdem sie eine Doppelgängerin nach Hause geschickt hat, um fliehen zu können, habe ich nicht damit gerechnet, dass so etwas passieren würde.

Lia stürzt wie ein Blatt die Klippe hinunter, leicht, winzig und so verdammt zerbrechlich.

Ich strecke meine Hand aus, ergreife jedoch nichts weiter als Luft.

Panik, wie ich sie noch nie zuvor empfunden habe, schießt durch meinen Körper und lässt mich an Ort und Stelle erstarren.

Scheiße, nein.

So wird es nicht enden.

Ich klettere die Klippe hinunter, schlittere über die Erde, bis ich beinahe das Wasser erreiche. Die Wunde in meinem Oberarm schreit auf und meine Sehnen spannen sich mit jeder Bewegung.

Ich ziehe mein Handy hervor und drücke auf das Symbol für die Taschenlampe, sodass ein Lichtstrahl die kraftvollen Wellen erleuchtet, die auf die Felsen treffen.

Der Gedanke, dass Lia hier unten festhängen könnte, umhergewirbelt von dem wütenden Wasser, verspannt meinen Körper und zerrt an meinen Nerven.

Dann entdecke ich eine kleine Gestalt, die sich an einen Felsen klammert, während sie im Wasser treibt, doch sie wird nicht fortgerissen.

Die Stimmen meiner Männer kommen näher, und Kolyas große Silhouette ist die erste, die auftaucht, bevor auch er sich den Weg über die Klippe nach unten bahnt.

»Holt Seile!«, brülle ich, dann lege ich mein Handy auf einen kleinen Felsen, richte die Taschenlampe nach vorne aus und tauche direkt in das eiskalte Wasser.

Ein Schock durchfährt meinen Körper und meine Wunde, die Wunde, die sie mir bei ihrem Fluchtversuch zugefügt hat, doch ich ignoriere das Unbehagen, während ich gegen die reißende Strömung anschwimme.

Die tosenden Wellen versuchen unnachgiebig, Lia wegzutreiben, ihren zierlichen Körper gegen die gnadenlosen Felsen zu schlagen und ihr das Leben auszusaugen.

Als ich sie erreiche, erkenne ich, warum das Wasser keinen Erfolg hatte, sie mit sich zu reißen. Ich dachte, sie würde sich an einem Felsen festhalten, doch sie steckt zwischen zwei Steinen fest. Einer von ihnen ist nicht sichtbar, hält aber ihre untere Hälfte gefangen.

Ich greife nach ihrem kalten, nassen Handgelenk und halte den Atem an, während ich ihren Puls fühle.

Der Bruchteil einer Sekunde vergeht.

Zwei …

Drei …

Ein winziger Herzschlag klopft unter meinem durchgefrorenen Finger, und ich sauge tief Luft ein.

Einen der Felsen benutze ich als Anker, während ich Lia aus den beiden Steinen befreie. Sobald sie frei ist, schlinge ich einen Arm um ihre Taille und halte ihren kalten Körper nah an meinen.

Dunkle Strähnen kleben in ihrem Gesicht, und ich schiebe sie zur Seite. Selbst unter dem schwachen Licht der Taschenlampe kann ich sehen, wie blass ihr Gesicht und wie blau ihre Lippen sind, die mit jeder Sekunde dunkler werden.

Sie muss medizinisch versorgt werden, und zwar sofort.

»Boss!«, ruft Kolya vom Ufer.

Ich schaue auf und sehe ihn, Yan, Boris und ein paar andere meiner Männer am Rand der Klippe stehen. Mein Senior-Wachmann wirft ein Seil, doch es wird vom Wasser fortgetragen.

Er versucht es erneut, und diesmal schnappe ich es mir in letzter Sekunde und lege es um Lias Mitte. Als meine Finger über den zerrissenen Stoff ihres Kleides fahren, halte ich inne, dann taste ich vorsichtig nach der Stelle.

Meine Hände werden langsamer, als sie eine klaffende Wunde an ihrem unteren Bauch entdecken. Eine verdammt tiefe Wunde, in der mein ganzer Finger verschwinden kann.

Hastig ziehe ich meine Hand zurück, während ich sie immer noch festhalte. Wenn sie zusätzlich auch noch verletzt ist, ist es noch viel ernster, als ich zunächst dachte. Diese Komplikation könnte zusammen mit ihrer Unterkühlung fatal sein.

»Zieht uns raus!«, rufe ich über die Strömung hinweg.

Kolya und Yan ziehen an dem Seil, während die anderen Männer in zweiter Reihe die Verstärkung bilden.

Ich halte Lia vor mich, um nicht auf ihre Wunde zu drücken, ein Arm liegt um ihre Brust und der andere hält das Seil fest.

Das Wasser trägt unser Gewicht, während meine Wachen uns ans Ufer ziehen. Schließlich gibt Kolya das Seil an den Mann hinter sich ab, und Yan und er eilen uns entgegen.

Ich lasse Kolya Lias Körper annehmen, damit ich mich selbst aus dem Wasser hieven kann. Meine Muskeln schmerzen vor Erschöpfung, und in der Wunde an meinem Bizeps pulsiert ein greller Schmerz. Doch sobald ich wieder festen Boden unter den Füßen habe, löse ich das Seil von Lia und ziehe ihren fragilen Körper fest an mich. Sie ist immer noch verdammt kalt und ihre Lippen sehen blau aus … und falsch.

»Einer muss ihr seine Jacke geben«, befehle ich auf Russisch.

Yan zieht seine aus und wirft sie über Lias Körper, ohne dabei seinen hasserfüllten Blick zu verbergen, der mir gilt.

»Ins Krankenhaus, sofort!« Ich beginne mit dem Aufstieg der Klippe, halte sie dabei so ruhig wie möglich.

Das Leben weicht langsam aus Lia heraus, und bald wird es ganz fort sein.

Alles an ihr wird nur noch ein Teil meiner Erinnerungen sein.

Nicht, wenn ich auch noch ein Wörtchen mitzureden habe.

Sie mag von der Klippe gesprungen sein, um mir zu entkommen, aber dazu wird es in diesem Leben nicht kommen.

Sie ist meine Frau.

Die Mutter meines Sohnes.

Verdammt noch mal die Meine.

Und um sie bei mir zu behalten, würde ich auch durch die Hölle gehen.

Lias Zustand ist kritisch.

Seit Dr. Putin diese Worte ausgesprochen hat, habe ich Mühe, sie zu verarbeiten. Er steht auf unserer Gehaltsliste, aber da ich es war, der ihn in die Bratva geholt hat, weiß er, wann er ein Geheimnis für mich bewahren sollte.

Er wird keiner Menschenseele von Lias Verletzung erzählen. Nicht einmal dem Pakhan persönlich. Zumindest, wenn er sich und seine Familie vor meinem Zorn beschützen möchte.

Lias Bauchwunde war tatsächlich sehr tief und musste genäht werden, doch glücklicherweise wurden keine inneren Organe verletzt. Und da wir sie so schnell hierher gebracht haben, hat sich ihre Temperatur wieder normalisiert.

Aber die Tatsache bleibt, dass sie ihre Augen bisher nicht geöffnet hat. Dr. Putin sagte, es gäbe keine Hirnschwellung, aber sie muss hart genug auf das Wasser aufgeschlagen sein, um ohnmächtig zu werden.

Das war gestern.

Es ist einen ganzen Tag her, dass sie sich von der Klippe gestürzt hat.

Ein ganzer Tag, seit ihre Augen das letzte Mal geöffnet waren.

Ein ganzer Tag, in dem ich in ihrem Krankenhauszimmer auf und ab laufe oder ihre zierliche Hand in meiner halte.

Nachdem ich mir trockene Kleidung angezogen hatte, bin ich ihr nicht mehr von der Seite gewichen. Dr. Putin musste meinen Oberarm nähen, während ich in ihrem Zimmer war.

Ich fahre mit dem Daumen über die weiche Haut an ihrem Handgelenk, gleite mit den Fingern über die sichtbaren blauen Adern. »Was hast du nur getan, Lenochka? Warum?«

Es gibt keine Anzeichen dafür, dass sie mich hören kann. Die Frage ist sowieso nutzlos, da ich die Antwort bereits kenne. Ich weiß, warum sie darüber nachdachte, aufzugeben.

Zu verschwinden.

Sie sagte, ich würde sie ersticken.

Ich würde sie foltern.

Diese Worte haben ein tiefes, schwarzes Loch in meine Seele gebohrt, das vermutlich noch schlimmer ist als damals, als sie mir sagte, dass sie mich betrügt.

In den letzten Monaten bin ich unerträglich geworden.

Jedes Mal, wenn ich sie ansah, erinnerte ich mich daran, dass ein anderer Mann sie berührt hatte, dass sie ihn vor mir beschützte, und mit jedem Tag war meine Wut weiter angestiegen.

Sie baute sich auf und wuchs und ich ließ es an ihrer Pussy, ihrem Arsch und ihrem Fleisch aus. Ich habe sie markiert und ihr wehgetan, um den roten Nebel zu vertreiben.

Doch es war nicht genug.

Sobald ich fertig war, kehrte der Nebel mit voller Wucht zurück, und alles, was ich noch vor mir sehen konnte, war, wie sie ihre Beine für einen anderen Mann öffnete. Ihr Stöhnen und Wimmern und Schreien vor jemandem, der nicht ich war.

Dann verwandelte sich meine Wut in ausgewachsenen Zorn und ich musste einen Schritt – oder mehrere – zurück machen, um sie nicht noch stärker zu verletzen.

Ich verabscheue, was sie getan hat.

Manchmal verabscheue ich sogar sie.

Und deshalb habe ich sie offenbar gefoltert, sie erstickt und an den Rand dieser Klippe getrieben, wo der Tod besser war, als mit mir zusammen zu sein.

»Fuck«, fluche ich leise und fahre mir durchs Haar.

Wie kann ich von hier aus einen Schritt in die andere Richtung machen? Denn wenn ich sie nicht ein für alle Mal verlieren will, werde ich genau das tun müssen.

Die Tür gleitet auf und wieder zu. Ich hebe meinen Kopf nicht, als schwere Schritte durch den Flur hallen.

Sowohl Kolya als auch Yan stehen in meinem Blickfeld, ihre Hände sind vor ihnen verschränkt. Die beiden sind schon meine Wachmänner, seit ich noch sehr jung war, weil mein Vater sie praktisch dazu erzogen hat, auf mich aufzupassen. Kolya ist in meinem Alter, doch Yan ist noch ein paar Jahre jünger als Lia. Sie sind beide Waisen und stammen aus den Slums von Russland, was sie zum perfekten Ziel für Dads Absichten gemacht hat.

Was er nicht mit einkalkuliert hat, war, dass ich eine Verbindung zu ihnen aufbauen und ihre Loyalität ausschließlich mir gelten würde. Nicht ihm. Nicht der Bruderschaft. Zumindest ist es bei Kolya so. Seit es meine Frau gibt, wechselt Yan zwischen ihr und mir die Seiten.

Tatsache ist, ich vertraue meinen Männern. Wir haben nicht nur die Tyrannei meines Vaters zusammen durchgestanden, sondern auch unsere militärische Ausbildung. Wir haben uns schon in unseren miserabelsten Zuständen gesehen, und das schafft eine Verbindung, die man mit Geld nicht kaufen kann.

»Wer war es?«, frage ich mit trügerischer Ruhe. »Wer hat ihr geholfen?«

»Wir haben ihre Spur zum Haus des Pakhan zurückverfolgt, bevor sie Richtung Wald fuhr«, sagt Kolya. »Also hätte sie sich dort mit so ziemlich jedem treffen können.«

Ich tippe mit dem Finger gegen meinen Oberschenkel. »Sergei können wir ausschließen, er mag sie nicht. Wenn Vladimir dort gewesen wäre, hätte er sich auch nicht für sie interessiert. Dann bleibt nur noch Rai.«

»Was wollen Sie diesbezüglich unternehmen?«, fragt Kolya. »Wenn Sie sie ganz offen angreifen, wird jeder von Mrs. Volkovs Unfall erfahren.«

»Ich werde einen Weg finden.«

»Das ist jetzt nicht wichtig«, zischt Yan. »Lia wäre beinahe gestorben.«

Mein Kopf neigt sich zur Seite, und ich begegne seinem harten Blick. »Achte auf deinen Ton, wenn du deine Zunge nicht verlieren willst. Und für dich ist sie immer noch Mrs. Volkov.«

»Mir ist egal, ob Sie mir die Zunge oder Hände abschneiden, irgendjemand muss Ihnen das sagen, Boss.«

»Yan«, sagt Kolya warnend.

»Halt verdammt noch mal die Fresse, Kolya. Du hättest ihm das schon vor langer Zeit sagen sollen, aber du hast dich entschieden, blind hinter ihm zu stehen.« Yan atmet schwer durch die Nase, seine Wut ist immer noch auf mich gerichtet. »Sie hat gelitten und das wussten Sie, trotzdem haben Sie sich entschieden zu glauben, sie hätte eine Affäre, und sie Ihren gnadenlosen Zorn spüren lassen. Wann zum Teufel hätte sie Sie denn betrügen sollen, wenn Sie jeden ihrer Schritte überwachen? Sie hat ihr wertvolles Leben verloren und sich Ihrem angepasst. Nach diesem einen Mal hat sie nie wieder versucht zu fliehen, weil sie tief im Innern mit Ihnen und Jeremy zusammen sein wollte, aber Sie mussten sie ja unbedingt ersticken.«

Ich atme tief ein und entscheide, Yans Unverfrorenheit vorerst zu ignorieren. »Bist du fertig?«

»Nein.« Er schluckt, die Wut in seiner Stimme lässt ein wenig nach. »Ich weiß nicht, warum sie Ihnen gesagt hat, sie würde Sie betrügen, aber ich schätze, es lag daran, dass sie erkannt hat, dass sie von Ihnen nur benutzt wurde, weil sie Lazlos uneheliche Tochter ist.«

Meine Augen verengen sich. »Hat sie das gesagt?«

»Das musste sie nicht. Ich konnte es spüren.«

»Hast du jetzt auch noch eine telepathische Verbindung zu ihr?«

»Nein …?«, fragt er unsicher. Es war die richtige Wortwahl. Wenn er gesagt hätte, eine solche Verbindung zu ihr zu haben, hätte ich ihn auf der Stelle umgebracht.

Ich hasse die Freundschaft, die Yan zu ihr aufgebaut hat, jetzt schon. Dass sie ihn in letzter Zeit öfter anlächelt als mich. Und obwohl ich das von Anfang an unterbinden wollte, wusste ich, dass sie einen Freund braucht. Kolya meinte ebenfalls, dass es klüger wäre, sie sich mit einer Wache anfreunden zu lassen, anstatt ihn als Bedrohung anzusehen.

»Reden Sie einfach mit ihr, ohne so verschlossen zu sein.« Yan seufzt. »Danach können Sie mich von mir aus umbringen.«

»Ich verstehe auch nicht, warum sie ihren Platz nicht kennen sollte«, sagt Kolya.

»Was?«, frage ich.

»Sie ist jetzt seit sechs Jahren Ihre Frau, und wenn sie über alles Bescheid wüsste, wäre sie für den Fall der Fälle vorbereitet.«

Yan greift nach seiner Schulter. »Verdammt noch mal, endlich! Genau das meinte ich die ganze Zeit.«

Ich schaue zurück zu Lia. Sie glauben, dass ich das tue, um sie im Dunkeln zu halten, dabei habe ich das alles nur getan, um sie zu beschützen. Ihre Kindheit war nicht die beste und ich weiß, wie sie über meine Welt denkt, also habe ich alles gegeben, um sie so weit wie möglich davon fernzuhalten.

Deswegen und weil ich nicht wollte, dass sie das gleiche Schicksal wie meine Mutter ereilt, wenn sie ihre wahre Identität erfährt.

Das Tippen meines Fingers hört auf. »Was ist mit der anderen?«

»Die andere?«, fragt Yan mit gerunzelter Stirn.

»Die falsche Lia.« Ich werfe ihm einen harten Blick zu. Aber das Gute ist, dass nicht einmal er sie von meiner Lenochka unterscheiden konnte.

»Ihr Name ist Winter Cavanaugh, siebenundzwanzig, Amerikanerin«, beginnt Kolya. »Sie ist seit ein paar Monaten obdachlos, kurz zuvor hatte sie eine Totgeburt. Der Vater des Kindes ist unbekannt. Sie ist alkoholkrank und stammt aus der Unterschicht.«

»Gibt es noch mehr Informationen über ihre Eltern?«

»Nicht wirklich, aber ich werde mich noch mal damit befassen.«

»Wie ist ihr Zustand?«

»Sie liegt im Koma.«

»Behaltet sie im Gästehaus, bis ich weiß, was ich mit ihr machen soll. Ich will nicht, dass Lias Doppelgängerin irgendwo herumstreift.«

»Ja, Boss.«

Lias Finger zuckt in meiner Hand und ihre Augen bewegen sich unter den Lidern, ehe sie sie langsam öffnet.

»Holt Dr. Putin her«, befehle ich und beuge mich vor, während Kolya aus dem Zimmer eilt.

Meine Frau blinzelt ein paar Mal, und als ich beobachte, wie das Leben langsam in sie zurückkehrt, schwöre ich mir, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.

Ganz egal wie.

»Hey.« Ich streichle über ihr Kinn und die Wange. »Wie fühlst du dich, Lenochka?«

Sie starrt an die Decke, blinzelt langsam, aber nichts deutet darauf hin, dass sie mich gehört hat.

»Lia. Ich weiß, dass du wütend auf mich bist, aber sieh mich an.«

Sie tut es nicht.

Stattdessen bleibt sie schlaff, ihr betäubter Ausdruck lässt ihre blauen Augen trüb aussehen, beinahe wie unter einem Schleier.

»Lia«, sage ich noch einmal.

Kein Laut und keine Regung.

»Mit ihr stimmt etwas nicht, Boss.« Yan steht auf ihrer anderen Seite und beobachtet den schnell ansteigenden Puls auf der Maschine, die in einem alarmierenden Tempo piept, während sie still bleibt und ins Leere starrt.

Ihre Lippen zucken und sie stößt einen Laut aus. Ich beuge mich vor, um ihre Worte verstehen zu können. Sie sind leise, schaurig und bohren sich tief in meine Brust.

»Winter … Mein Name ist Winter …«

Dann verdrehen sich ihre Augen und sie verliert das Bewusstsein.

 

Winter.

Lia sagte, ihr Name sei Winter.

Nicht nur das: Abgesehen von diesen fünf elenden Worten hat sie nichts gesagt. Seit drei Tagen fällt sie nach jeder Regung sofort wieder in die Bewusstlosigkeit zurück.

Und wenn sie wach wird, starrt sie ins Nichts und nimmt nicht einmal meine Anwesenheit oder die der anderen wahr.

Dr. Putin sagte, dass es an diesem Punkt rein mental sei und ihr Körper lediglich darauf reagiere.

Ich habe ihre Seelenklempnerin herbestellt, oder ihr vielmehr gedroht, damit sie herkommt und nach Lia sieht. Dr. Taylor ist eine kleine Frau mit dunkler Haut, kurzem schwarzem Haar und aufrechter Körperhaltung, die darauf besteht, allein mit meiner Frau zu sprechen.

Aber das hält mich nicht davon ab, sie durch das Fenster zu beobachten. Überraschenderweise unterhält sich Lia mit der Therapeutin und wiederholt nicht nur ständig die Tatsache, dass sie Winter heißt.

Kolya steht noch immer still an meiner Seite, nachdem ich einen grummelnden Yan nach Hause geschickt habe, um nach Jeremy zu sehen. Während der letzten Tage musste ich immer kurz dorthin gehen, um Zeit mit ihm zu verbringen, bevor er ins Bett musste. Beim ersten Mal hat er geweint, als ich ihm erzählte, dass seine Mutter auf einer Reise sei und nicht so bald zurückkehren würde. Dann weigerte er sich, irgendwo anders als auf meinem Schoß einzuschlafen.

Jeremy ist daran gewöhnt, seine Mutter ständig um sich zu haben, und ich habe keine Ahnung, wie ich ihm diesen Wechsel erleichtern könnte. Fürs Erste muss er nur glauben, dass sie weg ist, aber wiederkommen wird.

Denn sie wird wiederkommen.

Und wenn ich sämtliche Ärzte und Psychotherapeuten des Landes bedrohen und erpressen muss.

Dr. Taylor lächelt Lia an, dann geht sie zum Fenster und zieht die Rollläden zu, um mir die Sicht auf sie zu versperren.

Ich will gerade hineinplatzen, werde aber aufgehalten, als die Therapeutin aus dem Raum tritt und die Tür hinter sich schließt.

»Warum haben Sie das getan?«, frage ich mit ruhiger Stimme, die mit meiner tief sitzenden Wut getränkt ist.

Die Tatsache, dass Lia nicht mit mir spricht, mich nicht einmal wiedererkennt, sticht wie tausend kleine Nadeln. Das Stechen ist nicht scharf, aber konstant, ohne Aussicht auf Besserung.

Dr. Taylor schiebt sich ihre gold-gerahmte Brille auf die Nase. Ihre Hand zittert und ich sehe, dass sie von mir eingeschüchtert wird, aber sie begegnet meinem Blick hocherhobenen Hauptes. »Weil Sie ihr Angst machen.«

»Sie erkennt mich?«, frage ich langsam, hoffnungsvoll, und sogar Kolya beugt sich gespannt auf die Antwort vor.

»Nein, das tut sie nicht, aber sie erkennt Sie als Bedrohung.«

Ich habe Mühe, mir nicht anmerken zu lassen, dass diese Worte mich schlimmer treffen als ein verdammtes Messer. »Das hat sie gesagt?«

»Ja.«

»Was hat sie noch gesagt?«

»Dass ein gruseliger Mann vor ihrem Zimmer steht und sie nichts falsch gemacht habe. Sie scheint zu glauben, dass sie Winter Cavanaugh ist und hat sogar von einigen Ereignissen in ihrem Leben erzählt. Da Sie mir erzählt haben, dass sie Winter bereits getroffen und sich mit ihr unterhalten hat, ist das keine Überraschung.«

»Was ist los mit ihr?«

»Sie zeigt Anzeichen einer Dissoziation, Mr. Volkov.«

»Dissoziation?«

»Es wurde durch das traumatische Erlebnis ausgelöst, das sie durchgemacht hat, aber auch andere Faktoren können dort mit reinspielen. Ihr Kindheitstrauma in Verbindung mit den Traumata ihres Erwachsenenlebens hat sie höchstwahrscheinlich in diesen Zustand versetzt. Ich glaube, sie hat eine Form von dissoziativer Fugue. Sie weiß nicht, dass sie an Gedächtnisverlust leidet, und hat eine neue Identität erschaffen, um die Lücken zu füllen.«

»Und wie können wir sie von dieser Dissoziation befreien?«

»Das können Sie nicht. Im Moment hält sie sich selbst für Winter, und wenn Sie ihr etwas anderes erzählen oder es ihr aufzwingen, könnte es schlimmer werden und sich in eine kritische Form der Dissoziation entwickeln.«

»Wollen Sie mir sagen, dass ich einfach rumsitzen und nichts tun soll?«

»So in der Art. Sie muss selbst zu ihrem alten Ich zurückfinden. Ihre Neurose ist gerade sehr stark. Oder in anderen Worten, ihr Verstand ist sehr fragil und sie ist die Einzige, die ihn wieder aufbauen kann. Jede Form von Zwang wird den gegenteiligen Effekt haben. Tatsächlich fliehen dissoziative Opfer in ihren Verstand, oft als Folge von Traumata oder Missbrauch.« Das letzte Wort betont sie, während sie meinem Blick ausweicht.

Ich muss mich zusammenreißen, um ihr nicht auf der Stelle das Genick zu brechen und ihr zu zeigen, was wahrer Missbrauch ist. Stattdessen gebe ich mich gelassen, um ihr weitere Antworten zu entlocken. »Was braucht sie jetzt?«

»Ein Wechsel ihrer gewohnten Umgebung wäre gut. Sie braucht Unterstützung, ohne wertende Auseinandersetzungen. Um ihren Verstand wieder zu öffnen, muss Lia sich sicher fühlen.«

»Und Sie glauben nicht, dass sie das in meiner Gesellschaft schaffen wird.«

»Das habe ich nicht gesagt.«

»Aber Sie haben es gedacht.«

»Nun, ja, Mr. Volkov. Wie gesagt, sie sieht Sie als Bedrohung an, und da sie sich nicht wirklich an Sie erinnert, würde Ihre Anwesenheit ihren Zustand verschlechtern.«

»Was ist mit unserem Sohn? Er ist fünf Jahre alt.«

»Ich befürchte, in ihrem aktuellen Zustand würde auch er eher schaden als helfen. Sie hält sich selbst für Winter und glaubt, ihr Kind verloren zu haben. Wenn sie so bald ein anderes Kind sieht, könnte das zu weiteren Komplikationen führen. Momentan ist ihre Psychose sehr unbeständig und unvorhersehbar, deshalb ist es besser, keinen Druck auf ihre Mentalität auszuüben. Geben Sie ihr Zeit und versuchen Sie, die Lücke so gut es geht zu schließen.«

»Kann ich mich mit ihr unterhalten?«

»Sie sind der Grund für ihre Panikattacken. Sie glaubt, Winter zu sein, aber Sie nennen sie immer wieder Lia.« Sie macht eine kurze Pause. »Es wäre besser, vorerst etwas Distanz zwischen Sie beide zu bringen.«

Ich möchte ihr sagen, dass das nicht passieren wird.

Dass ich Lia unter gar keinen Umständen alleine lassen werde.

Scheiß auf Psychotherapie und den ganzen Unsinn. Lia und ich werden unsere eigene Geschichte schreiben, und dafür muss sie an meiner Seite bleiben.

Allerdings habe ich die Panikattacken meiner Frau gesehen. Ich habe die Taubheit in ihren Augen gesehen und davor ihre völlige Selbstaufgabe, als sie von dieser Klippe gesprungen ist.

Tief in meinem Innern weiß ich, dass ich sie gehen lassen muss.

Auch wenn es nur vorübergehend ist.

Auch wenn es mein Herz in Stücke reißt.

Dr. Taylor spricht eine Empfehlung für einen anderen Psychotherapeuten aus, wahrscheinlich, damit ich sie in Ruhe lasse, aber ich gebe ihr mit zwei Fingern zu verstehen, dass sie gehen soll. Sie eilt den Flur hinunter, ihre Absätze klackern, während sie immer wieder zu Kolya und mir zurücksieht.

Ich wende mich dem Fenster zu, und obwohl ich nicht mehr hindurchsehen kann, spüre ich Lia trotzdem noch.

Sie ist ein Teil von mir geworden.

Zu Anfang bin ich ihr nur nähergekommen, weil sie eine Rolle in meinem System gespielt hat. Doch langsam, aber sicher, ist sie zu einem integralen Teil meines Lebens geworden.

Sie hat mich meine Kontrolle verlieren lassen, obwohl ich dachte, selbst nicht zu einer solchen Blasphemie fähig zu sein.

Lia hat mich nicht nur herausgefordert, sie ist mir auch unter die Haut gegangen und hat sich in meinen Knochen verankert.

Und jetzt muss ich sie zu ihrem eigenen Wohl gehen lassen.

Denn obwohl ich sie in meinem Leben brauche und mich nach der Sanftheit sehne, mit der sie meine harten Kanten schleift, habe ich offenbar zu tief geschnitten und nicht nur Fleisch verletzt, sondern auch Sehnen und Venen.

Ich habe ihr gesagt, dass ich für sie da sein würde, bis ihre Narben verheilt sind, doch stattdessen habe ich noch meine eigenen hinzugefügt.

»Hey, Kolya.« Meine Stimme ist leise, lethargisch.

»Ja, Boss?«

»Glaubst du auch, dass ich Lia erstickt habe?«

Mein Stellvertreter zögert, bevor er über die kurzen blonden Haare in seinem Nacken reibt. »Ganz ehrlich? Ich glaube, Sie beide haben sich gegenseitig erstickt.«

Ich wende mich ihm zu. »Wie das?«

»Sie haben ihr nicht oft die Wahl gelassen, und sie hat darauf mit Kälte und Distanz reagiert. Ich glaube, das hat sie getan, um sich selbst zu schützen, aber Sie sind kein geduldiger Mann, also hat sich die Situation immer weiter aufgebauscht und uns schließlich bis an diesen Punkt geführt.«

»Hast du schon immer so gedacht?«

»Ja.«

»Warum hast du es dann nie gesagt?«

»Sie haben nicht nach meiner Meinung gefragt, also habe ich sie nicht ausgesprochen.«

»Ich dachte, du wärst da wie Yan.«

»Das bin ich zum Teil. Allerdings kann Yan sehr waghalsig sein. Durch seine Freundschaft zu Mrs. Volkov vergisst er manchmal Ihren Charakter, Boss.«

»Eines Tages wird ihn das umbringen.«

»Er sorgt sich nur um sie.«

»Und du denkst, ich würde das nicht tun?«

»Natürlich denke ich das nicht. Sie … zeigen es nur anders.« Kolya macht eine Pause. »Was werden Sie jetzt machen?«

Ich stoße ein langes Seufzen aus, während ich das Muster der Rollläden studiere. Als die Therapeutin sagte, Lia sollte ihre gewohnte Umgebung verlassen, hat sich in meinem Kopf langsam eine Idee geformt.

Sie gefällt mir nicht, aber womöglich ist es vorläufig unsere einzige Lösung.

»Ich werde sie Winter sein lassen.«

Kolya betrachtet mich eingehend, während sich ein Runzeln auf seiner Stirn ausbreitet. »Das … das werden Sie?«

»Entweder das, oder ich verliere sie für immer.«

»Und wie wollen Sie das anstellen?«

»Hast du noch Kontakt zu deinem Kollegen von den Spetsnaz, der so ausgezeichnet mit Make-up umgehen konnte?«

»Ja. Wofür brauchen Sie ihn?«

»Für Yan.«

»Yan?«

»Dein Kollege wird Yan verkleiden, damit er Lia im Auge behalten kann.«

»Kann er sie nicht einfach so im Auge behalten?«

»Nein. Sie kennt sein Gesicht. Es könnte sie an mich erinnern und ihren Zustand verschlimmern. Er muss anders aussehen und einen anderen Hintergrund haben.«

»Wer soll er sein?«

»Ein Obdachloser. Bringt Lia in das Obdachlosenasyl, das unter unserem Schutz steht, und stellt sicher, dass Richard gut auf sie achtet, aber ihre wahre Identität darf er nicht erfahren. Er hat sie noch nicht kennengelernt, daher sollte das nicht so schwer sein.«

»Boss, sind Sie sich hierbei sicher?«

»Ja, Kolya. Ich werde sie eine Lüge leben lassen. Wenn sie Winter sein will, dann soll es so sein.«

Denn früher oder später wird ihr Weg sie wieder zu mir führen.

Es wird nicht einfacher.

Weder der Teil, sie aus der Ferne zu beobachten.

Noch der Teil, wie leer das Haus ohne sie ist.

Und auch nicht der Teil, wenn Jeremy mich fragt, wann seine Mutter zurückkommt.

Ich rede mir ein, dass es zu ihrem Besten ist, für ihre geistige Gesundheit, und um den Grund zu beseitigen, welcher auch immer sie von dieser Klippe springen ließ.

Ich rede mir ein, dass sie sich an mich erinnern wird, dass sie Yan eines Tages wiedererkennen und ihm sagen wird, dass sie nach Hause kommen möchte.

Bisher ist das nicht passiert.

Vielmehr scheint sie sich für ihr falsches Leben als Winter zu interessieren.

Ich hasse diesen verdammten Namen und die Frau dahinter, die immer noch komatös in meinem Gästehaus liegt. Wenn Lia sie nicht getroffen hätte, wäre sie nicht von dieser Klippe gesprungen und wir befänden uns nicht in dieser Situation.

Doch wahrscheinlich war es nur eine Frage der Zeit, ehe Lia ihren nächsten Fluchtversuch gestartet hätte. Winter zu treffen, war der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, nicht einer der ersten.

Was ich am meisten an dieser Situation hasse, sind die Bedingungen, unter denen sie lebt. Meine Lenochka sollte nicht in Obdachlosenheimen oder auf der Straße schlafen. Sie sollte keine gespendeten Klamotten und zerrissene Handschuhe tragen.

Sie sollte nicht obdachlos sein.

Ihr Zuhause ist bei mir und Jeremy.

Jeden Tag kämpfe ich gegen den Drang an, sie mir zu schnappen und mitzunehmen, sie zu unserem Haus zu fahren, wo sie ohnehin sein sollte.

Doch etwas hält mich auf.

Die Verwandlung in ihr.

Anders als zuvor, lächelt Lia jetzt oft und lacht sogar mit Yan – oder Larry, wie sie ihn jetzt nennt. Wenn ich sie mit ihm reden sehe, verspüre ich verschiedene Impulse, aber vor allem den, das Leben aus ihm heraus zu würgen.

Es gefällt mir nicht, dass sie mit ihm lachen kann, sich jedoch nicht mal an mich erinnert. Ich hasse es, dass sie in kürzester Zeit eine Verbindung zu ihm aufgebaut hat, aber immer nur Panikattacken bekam, wenn ich im Krankenhaus bei ihr war.

Doch gleichzeitig gefällt es mir, dass sie sorgloser ist, dass ihre Dämonen sie in Ruhe zu lassen scheinen.

Yan hat auch erwähnt, dass sie keinen einzigen Albtraum hatte, seit sie obdachlos ist.

Vor ein paar Wochen habe ich Emily, eine unserer Kaufhausmanagerinnen, Lia verwandeln lassen, nachdem sie ein Schlafmittel genommen hatte. Die Managerin hat das Aussehen meiner Frau nach der Vorlage von Winter geändert, von der wir Aufnahmen einer Überwachungskamera gefunden haben. Als sie im Krankenhaus aufwachte, wurde sie von einem anderen Arzt als Dr. Putin entlassen, für den Fall, dass sie sich an sein Gesicht erinnerte. Lia hatte keine Probleme damit, zu glauben, dass sie Winter war, oder sich an ihr Leben anzupassen, als wäre es schon immer das ihre gewesen. Womöglich liegt das daran, dass sie durch ihre Freiwilligenarbeit oft mit Obdachlosen zusammen war.

Einmal hat sie erwähnt, dass sie frei seien.

---ENDE DER LESEPROBE---