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Sabine Brandl

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Beschreibung

Journalistin Karin ist genervt von der jungen und strebsamen Volontärin Eva, die ihre Chefin ihr vor die Nase setzt. Als sich die beiden grundverschiedenen Frauen für das queer feministische FEM Mag auf Recherchereise in den Bayerischen Wald begeben, kommt es zu Spannungen und Herzgewitter. Vor sechzig Jahren ist in dem kleinen Gebirgsort eine lesbische Frau auf mysteriöse Art zu Tode gekommen. Seither spukt angeblich ihr Geist auf dem Wanderweg zum Lusen herum. Plötzlich tauchen Drohbriefe auf, die die Journalistinnen in die Flucht treiben sollen. Dann ist da noch die hübsche Pensionsleiterin, die Karin den Kopf verdreht, während Eva in ihr die Gefahr wittert. Die Lage eskaliert. Wie viel Wahrheit verträgt die Liebe? Ist sie am Ende stärker als Vernunft und Angst?

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Table of Contents

Impressum

BeGeistert von dir - Roman von Sabine Brandl und Julia Dankers

Prolog

1 - Karin

2 - Eva

3 - Karin

4 - Eva

5 - Karin

6 - Eva

7 - Karin

8 - Eva

9 - Karin

10 - Eva

11 - Karin

12 - Eva

13 - Karin

14 - Eva

15 - Karin

16 - Eva

17 - Karin

18 - Eva

19 - Karin

20 - Eva

21 - Karin

22 - Eva

23 - Karin

24 - Eva

25 - Karin

26 - Eva

27 - Karin

28 - Eva

29 - Karin

30 - Eva

Epilog

Danksagung

Über die Autorinnen - Sabine Brandl und Julia Dankers

Zum Verlag

Verlagsprogramm (Auswahl)

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter

https://d-nb.info/1358420386 abrufbar.

Sabine Brandl, Julia Dankers

BeGeistert von dir

Roman

1. Auflage, März 2025

Copyright 2025: muc Verlag GbR, München

Alle Rechte an den Texten verbleiben

bei den Autorinnen.

Das Werk in allen seinen Teilen ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen

Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung der Autorinnen unzulässig und strafbar.

Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmung, Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Satz, Layout, Umschlaggestaltung: Gisela Weinhändler

www.gisela-weinhaendler.de

Covermotive: Canva pro, Gisela Weinhändler

Lektorat: muc Verlag

muc Verlag GbR

c/o Gisela Weinhändler

Gerhart-Hauptmann-Ring 11

81737 München

www.muc-verlag.de

BeGeistert von dir

Roman

von

Sabine Brandl und Julia Dankers

***

Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei

erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen

Personen wären rein zufällig.

***

Um was geht es in dem Buch?

Mein Herz schlägt im Trash-Metal-Takt, in meinen Ohren rauscht das Blut. Ich lenke meinen Blick wieder hinauf zu ihren dunkelbraunen Rehaugen, tauche hilflos und verzaubert darin ein. »Eva, du …«, murmele ich und weiß dann nicht mehr weiter.

»Was?«, fragt sie und streicht mir zart über die Stirn, wo vorhin noch der furchtbare Verband gesessen hat.

»Du bist wunderschön«, will ich sagen, doch mein Mund gibt gerade keine Töne von sich.

Es liebt sich gut bei Unwetter, wenn sich der Himmel schwarz färbt bis hinein in die gute Stube. Wenn Hände im Halbdunkel nach nackter Haut tasten. Wenn waghalsige Wünsche sorglos seufzend erfüllt werden. Wenn Ängste kleiner werden und unser Mut zum Riesen mit Rauschebart wächst, denn eine ganze Menge Mut braucht es schon in der Liebe.

Das weiß auch der Geist von Fanni, der ab und zu immer noch am Lusen im Bayerischen Wald sein Unwesen treibt.

Journalistin Karin ist genervt von der jungen Volontärin Eva, die ihr die Chefin des lesbisch-feministischen FEM Mag vor die Nase setzt. Eva ist hübsch, hip und strebsam, während Karin die Gemütlichkeit ihres Arbeitsalltags liebt.

Als sich die beiden Frauen gemeinsam auf Recherchereise in den Bayerischen Wald machen, ist Stress programmiert. In der Pension angekommen, müssen die Reporterinnen feststellen, dass sie nicht nur ein gemeinsames Zimmer teilen, sondern auch ein Doppelbett mit wahnsinnig hässlichen Bettbezügen. Es ist die Nähe, die zwei Menschen zwingt, sich zusammenzuraufen - oder aber sich gegenseitig an die Kehle zu gehen. Welches Maß derer erträgt das fragile Konstrukt »Team«, wenn es aus zwei unfassbar unterschiedlichen Menschen auf engstem Raum besteht? Und was um Himmels Willen hat sich Redaktionsleiterin Hummel nur dabei gedacht?

Vor sechzig Jahren ist in dem kleinen Gebirgsort, in dem die Zeit stehengeblieben scheint, eine lesbische Frau auf mysteriöse Art zu Tode gekommen. Seither berichten Ausflügler, ihren Geist auf dem Wanderweg am Lusen gesichtet zu haben.

Was ist der toten Fanni Wimberger passiert und welche Rolle spielen ihr Ehemann und ihre Geliebte in der ganzen Geschichte? Wie viel Wahrheit erträgt ein zunächst so simpler Zeitungsartikel und wie viel eine Liebe, die seit über einem halben Jahrhundert in den Köpfen der Dorfbewohner herumspukt?

Plötzlich tauchen Drohbriefe auf, die die Journalistinnen in ihre Schranken weisen. Sie sollen aus dem verschlafenen Bergort verschwinden, so schnell es geht. Auch die Dorfältesten und Stammtischbrüder können es kaum erwarten, dass Karin und Eva sich zum Teufel scheren. Und dann ist da noch die hübsche Pensionsleiterin, die Karin gehörig den Kopf verdreht. Wie schwer wiegt die Liebe gegen die Vernunft und was bedeutet eigentlich Glück?

Zwei Tage, achtundvierzig Stunden - eine halbe Ewigkeit und zugleich ein Fliegenschiss im Universum. Zeit zieht sich zäh, während die Uhr tickt.

Prolog

Martinsklause, Bayerischer Wald, 12. März 1955

Fanni liebte diesen Wald. Er war ihre Heimat, ihr Sehnsuchtsort, ihr Arbeitsplatz und auch ihr Versteck. Hier war sie schon als Kleinkind mit ihrer Mutter spazieren gegangen, hatte die Pilze zu unterscheiden gelernt, die Beeren, Kräuter und die Bäume. Hier verbrachte sie mittlerweile die meiste Zeit des Tages und hier traf sie seit drei Monaten immer wieder auf Lisa.

Mit sechzehn hatte Fanni ihre Arbeit beim Förster aufgenommen, um etwas für ihre Familie dazuzuverdienen. Einige Jahre später begann die gleichaltrige Lisa ebenfalls dort ihre Anstellung, aus denselben Gründen. Die Zeiten waren hart, das Geld reichte oft nicht aus. Dennoch waren beide voller Lebenslust und Energie. Schon vom ersten Tag an löste Lisa bei Fanni ganz ungewohnte, aufregende und intensive Gefühle aus. Und Lisa erging es ihr gegenüber ebenso, das hatte sie ihr vor kurzem gestanden. Die ersten Tage waren sie Kolleginnen, dann wurden sie Freundinnen und seit einem Monat waren sie ein heimliches Paar.

Es geschah vor vier Wochen, während ihrer Mittagspause im Wald, als sie auf einem großen gefällten Baumstamm saßen. Fanni legte ihre Hand auf Lisas und Lisa sah ihr daraufhin tief in die Augen, lächelte sie an, scheu und liebevoll zugleich. Keiner war in der Nähe, der Förster und die anderen Arbeiter waren in einem anderen Teil des Waldes unterwegs, um den Umfang der Bäume abzumessen. Und da wagte es Fanni und küsste Lisa ganz zärtlich auf den Mund. Unzählige Schmetterlinge tobten durch Fannis Bauch und ihr Körper stand unter vibrierender Hochspannung. Lisa erwiderte ihren Kuss, erst vorsichtig und scheu, dann etwas mutiger. Ihre Zungen berührten sich kurz, dann war der magische Moment vorbei. Das Gefühl aber blieb. Sie sahen sich noch einige Minuten still und versunken an, während alles in ihnen und um sie herum in den hellsten Farben erstrahlte.

Auch jetzt lag Fannis Hand auf Lisas, auch jetzt sahen sie einander tief in die Augen, wie beim allerersten Mal. Doch dieses Mal saßen sie auf einer Bank an der Martinsklause, es war Sonntag und sie hatten frei. Es war einer der ersten warmen Frühlingstage nach einem harten und endlos scheinenden Winter. Die Sonne lugte vorsichtig durch die Bäume hindurch und der Himmel war wundervoll bayerisch blau und wolkenlos. Wie beim ersten Mal berührten sich ihre Lippen, erst zart, dann leidenschaftlich und innig. Als sie sich voneinander lösten, sah Fanni, dass Lisas Wangen ganz rosa geworden waren und ihre Augen verklärt funkelten. Fanni liebte diesen Anblick, er war beim ersten Kuss und den unzähligen danach noch immer derselbe.

Liebevoll strich sie durch Lisas volle blonde Locken und gab ihr einen sanften Stups auf die Nasenspitze. Dann blickte sie auf den kleinen Stausee vor ihnen. Ein wunderschöner Platz. Die hohen Bäume um sie herum umzäunten sie wie ein Schutzumhang und spiegelten sich vor ihnen im klaren Gewässer. Die Sonne glitzerte verspielt und malerisch auf der Oberfläche des Wassers. Dieser Ort strahlte Frieden, Ruhe und Geborgenheit aus. Es war ihr geheimer Treffpunkt an vielen Sonntagnachmittagen. Doch es würde nicht ewig so weitergehen, das war ihnen klar. Fannis Blick glitt hinab zu ihrem Oberkörper. Ein Teil ihrer eben noch erlebten Glücksgefühle erstarb. Sie legte die linke Hand auf ihren leicht vorgewölbten Bauch.

»In wenigen Wochen wissen alle, dass ich schwanger bin«, sagte sie leise, »dann ist es nicht mehr zu übersehen.«

Lisa seufzte. »Trotzdem. Musst du Peter wirklich heiraten? Schon nächsten Samstag? Es geht alles viel zu schnell.«

Fanni drückte Lisas Hand. »Es tut mir leid, es geht nicht anders. Ich werde das Kind bekommen, niemals könnte ich es mir wegmachen lassen, schon gar nicht von irgendeiner Kurpfuscherin wie der alten Huberin. Na gut, du weißt ja, ich habe kurz darüber nachgedacht, die Idee aber schnell verworfen. Doch das Kleine muss versorgt sein. Peter hat ein Haus und ein gutes Einkommen. Ich muss nach der Vernunft gehen und nicht nach meiner Sehnsucht.«

Lisas Stimme wurde schrill: »Du liebst ihn doch gar nicht!«

Fanni senkte ihren Blick. »Als ich mich auf Peter eingelassen habe, wusste ich nicht, was Liebe heißt. Ich dachte, jemanden gern zu haben, genügt, um mit ihm zusammen zu sein. Dann habe ich vor drei Monaten dich kennengelernt und mir sind die Augen aufgegangen. Ich war noch nie zuvor verliebt, Lisa! Wie hätte ich denn wissen sollen, wie stark und wunderbar sich das anfühlt?!« Sie sah ihre Geliebte traurig an und schluckte. »Aber nun ist es, wie es ist. Ich darf nicht nur an mich denken, ich muss mich auch um das Kind sorgen. Ich habe keine Ausbildung und kaum Geld. Keiner wird mich unterstützen, wenn ich das Baby bekomme und Peter verlasse. Mein Verlobter ist hier überall sehr beliebt. Und wenn die Leute dann noch von unserer heimlichen Liebe erfahren, ist der Teufel los!«

Eine kleine Stille entstand. Dann sagte Lisa leise: »Wir können uns doch weiterhin sehen?«

»Können wir. Aber wir müssen ab jetzt noch viel vorsichtiger sein.«

1

Karin

FEM MAG, München, 03. Mai 2024

»Frau Schade, Frau Guhl, kommen Sie bitte in mein Büro!«

Frau Schade, das bin ich – und mein Name ist Programm. Immer wieder scheitere ich kurz vor dem Ziel, bin einen Schritt zu langsam, war jemand anderer schneller. So wie Eva Guhl, unsere Volontärin. Sie ist eine von der Sorte, die mir stets eine Nasenlänge voraus ist und das, ohne sich anstrengen zu müssen. Dazu noch perfekt gestylt und mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht. Sie sagt »nice«, wenn ihr etwas gefällt und trägt diese blöden weiten Jeans und kurzen Pullover, die gerade so modern sind, um besonders hip zu wirken – und es funktioniert. Obwohl ich fünfzehn Jahre älter bin und meinen Job hier seit zwölf Jahren mache, scheine ich ihr oft hinterherzuhinken. Und das betrifft sowohl das Tempo, den Ehrgeiz, die Optik als auch die Sprache. Aber man sollte die Rechnung nie ohne mich machen. Manchmal liegt in der Ruhe und Ausdauer die Kraft. Das sieht in der Umsetzung dann halt nicht so fleißig und frisch aus wie bei Fräulein Hip. Nun schießt die junge Streberin auch gleich schon von ihrem Bürostuhl hoch, während ich noch einen Schluck Kaffee nehme und mich dann gemütlich erhebe.

Sogar Frau Guhls schwarzer Pferdeschwanz wippt vor Eifer, als sie vor mir das Büro von Alice Hummel, der Chefin der Zeitschrift FEM MAG, betritt. Sie stellt sich kerzengerade vor die Hummel (die übrigens schlank ist und auch sonst wenig mit einer Hummel gemeinsam hat) und sagt laut und gedehnt: »Hiiii.«

Ich stelle mich neben sie und warte erst mal ab.

»Bitte setzen Sie sich, Frau Schade und Frau Guhl. Ich habe einen Auftrag für Sie beide.«

Wir setzen uns und die Hummel tippt noch schnell etwas in ihren PC ein, schiebt dann ihre Brille nach vorne und lugt uns wie das Klischee einer alten Lehrerin über die Gläser hinweg an. Eigentlich bedauerlich, dass unsere Chefin so komplett anders ist als ihr Nachname. Sie ist hektisch, alles an ihr wirkt spitz, streng und kantig – und niedlich surren kann sie bestimmt auch nicht.

»Frau Guhl, Sie haben doch gestern diesen Anruf von Frau Lender entgegengenommen«, leitet die Hummel ein. »Das, was sie zu erzählen hat, könnte für uns interessant sein. Ich möchte, dass Sie beide sich mit Frau Lender treffen und sie interviewen. Und wenn die Story vielversprechend klingt, werde ich Sie beide für einige Tage in den Bayerischen Wald schicken, um dort Recherche zu betreiben.«

»Welche Story? Und wer ist Frau Lender?«, frage ich verdutzt.

Hummels Augen wirken spöttisch. »Ach, hat Ihnen Frau Guhl nichts von dem Anruf erzählt? Kein Problem, ich bin mir sicher, sie wird das sofort nachholen. Treffen Sie sich mit Frau Lender, wenn möglich noch heute. So, und nun bitte ich Sie, an die Arbeit zu gehen.« Ihr Gesicht wird plötzlich weich und freundlich, als sie sich an die junge Streberin wendet. »Übrigens, herzlichen Dank, Frau Guhl, dass Sie sich der Sache angenommen und mich umgehend informiert haben. Ich hätte Sie auch allein losgeschickt, aber Frau Schade hat jahrelange Erfahrung in der Recherchearbeit und kann noch dazu gut bayerisch. Ich denke, das kann in dem Fall von Vorteil sein.« Sie zwinkert ihr zu, lächelt kurz.

Ich bin mir sicher, dass die Hummel mir noch nie zugezwinkert hat. Hat sie mich überhaupt schon mal angelächelt? Aber sei es drum. Jetzt gilt es herauszufinden, von welcher Story hier die Rede ist und warum mir Fräulein Hip noch nichts davon erzählt hat. Schließlich bin ich so etwas wie ihre Mentorin, das hat die Hummel so bestimmt. Nicht, dass ich mich um die Rolle gerissen hätte.

Still verlassen wir nacheinander das Büro unserer Chefin. Kaum habe ich die Tür hinter uns geschlossen, fixiere ich die Guhl mit meinen Augen. »Warum haben Sie mir nichts von dem Anruf dieser Lender erzählt?«, knurre ich.

Mein Gegenüber zuckt unbedarft mit den Schultern. »Der Anruf kam gestern Abend, als Sie das Büro schon verlassen hatten. Und heute Morgen waren Sie so beschäftigt, da wollte ich Sie nicht stören. Außerdem dachte ich mir, ich warte erst mal ab, was Frau Hummel dazu sagt. Ob die Sache für uns überhaupt infrage kommt.«

Also wirklich beschäftigt bin ich heute Morgen nur damit gewesen, Kaffee zu trinken und mich gelangweilt durch die Mails und dann durchs Netz zu klicken. Na immerhin. Wenn das für Außenstehende wie echte Arbeit aussieht, dann bin ich wohl gut darin, selbige vorzutäuschen.

Ich atme tief durch. »Was hat Frau Lender denn am Telefon gesagt? Worum geht’s da?«

Die Guhl hebt die fein gezupften Brauen, ohne dass auf ihrer Stirn auch nur eine Falte entsteht. »Leider habe ich gerade mal die Hälfte verstanden. Frau Lender spricht mit einem starken niederbayerischen Dialekt. Es geht um eine Geschichte, die ihr ihre Großmutter Waltraut erzählt hat, kurz vor deren Tod vor einigen Tagen. Waltrauts Schwester war in den fünfziger Jahren in eine Frau verliebt. Sie hieß Fanni Wimberger und starb im Alter von achtundzwanzig in der Nähe eines Bergs … Lusen heißt der. Da gibt es dieses Teufelsloch, eine Art Schlucht, da soll sie gestorben sein. Angeblich soll Fanni danach als Geist immer wieder dort aufgetaucht sein und Wanderer erschreckt haben.«

Ich muss grinsen. »Wir sollen also nach einem Gespenst im Wald suchen?«

Fräulein Hip schüttelt energisch den Kopf. »Nein, natürlich nicht. Wir sollen der Geschichte von Fanni Wimberger nachgehen. Es geht darum, ein journalistisches Portrait anzufertigen, eine Erinnerung zu bewahren an eine junge lesbische Frau, die es in der damaligen Zeit in ihrer dörflichen Umgebung sicher nicht leicht hatte – und noch dazu unter ungeklärten Umständen verstorben ist!«

Ich hebe die Brauen. »Ungeklärte Umstände? Die wird halt in der Schlucht abgestürzt sein.«

Die Kleine stützt ihre Hände in die Hüften. »Frau Lender sagt, laut Waltraut kannte Fanni den Wald wie ihre Westentasche. Nein, noch besser als ihre Tasche, jeden Stein und jeden Baum kannte sie. Sie war eine gute Wanderin und wäre nie einfach so abgestürzt.«

»Und wenn schon«, sage ich genervt von Frau Guhls Eifer und ihrer Rechthaberei. »Und diese Frau Lender fährt extra vom Bayerischen Wald nach München, um uns die Story zu erzählen?«

»Nein, Frau Lender wohnt mittlerweile in München. Sie ist außerdem eine treue Leserin des FEM MAG.«

Ich blicke Fräulein Hip skeptisch an. »Mir scheint, Sie haben bei dem Telefonat doch eine ganze Menge verstanden.«

Sie lächelt. »Weil ich ständig nachgefragt habe. Frau Lender war sehr geduldig.«

Ich gebe mich geschlagen. »Na gut. Wer von uns nimmt also Kontakt zu Frau Lender auf und vereinbart ein Treffen?«

Eva Guhl geht zu ihrem Schreibtisch und reicht mir einen Zettel, auf dem eine Telefonnummer steht. »Möchten Sie das machen, Frau Schade? Sprachlich wird es für Sie viel einfacher sein. Ich bin ganz flexibel, was Zeit und Ort betrifft und richte mich da gerne nach Ihnen und Frau Lender.«

Sie strahlt mich an, eine Reihe perfekt weißer Zähne blenden mich. Ihr strahlendes Gebiss ist umrundet von vollen tiefrot geschminkten Lippen. Alles an ihr ist ein bisschen zu viel und ein bisschen zu gut. Das nervt mich. Bestimmt hat sie ihr Germanistik-Studium mit einer glatten Eins abgeschlossen. Summa cum laude, mit höchstem Lob. Nur bayerisch kann sie leider nicht. Als Münchnerin mit niederbayerischer Herkunft ist das für mich jedoch kein Problem. Meine Eltern stammen aus der Nähe von Passau, dort bin ich aufgewachsen. Normalerweise spreche ich Hochdeutsch, um gleich verstanden zu werden, außer ich bin unter Bayern, da zeige ich meine sprachlichen Wurzeln nur zu gerne. Mal sehen, wie viel Fräulein Hip von dem Gespräch versteht, wenn Frau Lender und ich erst mal loslegen.

Ich nehme den Zettel entgegen. »Gut. Ich mach was aus.«

»Oh, das ist nice, vielen Dank!«, zwitschert sie. »Ach, da fällt mir ein, wenn es noch heute sein soll: bitte nicht zwischen eins und zwei. Da treffe ich mich mit einer Freundin zum Sushi-Essen. Und möglichst nicht nach achtzehn Uhr, weil ich heute noch zum Spinning gehe.«

Ich hebe fragend die Brauen. »Sonst noch Wünsche?«

Sie schüttelt lächelnd den Kopf, als habe sie die Ironie in meinen Worten nicht bemerkt. Vielleicht hat sie das auch nicht, da jede Form der Verstimmung oder Kritik an ihrem enormen Selbstbewusstsein einfach abblättert. »Nein, sonst bin ich völlig frei.«

Ich verdrehe die Augen, gehe zu meinem Schreibtisch und setze mich. Frau Guhl wäre ein gutes Gesicht für eine Kaffeewerbung, fällt mir ein. Die ideale Besetzung für diesen Spot, wo die hübsche nimmermüde Frau übertrieben aktiv durch den Tag hüpft und von Jogging am frühen Morgen, Arbeit im Büro, Aerobic-Kurs zur Tanzparty hetzt, dazwischen kleine gesunde Mahlzeiten zu sich nimmt und Kaffee trinkt, um spätnachts mit einem sexy Lover ins Bett zu springen. Wahrscheinlich ist sie genauso drauf wie die in dem Clip. Doch ist jemand, der einer Werbefigur derart gleicht, nicht vielmehr ein Klischee als ein echter Mensch?

Während ich den Zettel in meiner Hand nachdenklich hin und her wende, fallen mir Hummels Worte wieder ein. Wenn die Story gut ist, soll ich mit Fräulein Hip einige Tage in den Bayerischen Wald fahren. Oh, hoffentlich nicht! Hoffentlich ist die Geschichte von Frau Lender total dumm, erlogen und unglaubwürdig!

2

Eva

Das Sonnenlicht, das sich zwischen den grellorangen Schirmchen über den Biergartentischen hindurchzwängt, malt ein heiteres Muster auf Frau Schades Wangen. Klitzekleine Sterne tanzen in ihren hellblauen Augen über den feinen Fältchen, die immer dann zu sehen sind, wenn sie die Augen zukneift. Ich schätze, sie hat keinen blassen Schimmer, wie hübsch sie wäre, wenn sie nicht ständig so verdammt mürrisch dreinschauen würde.

Ein außenstehender Beobachter würde vermutlich annehmen, sie wäre von uns beiden die Norddeutsche, allein schon wegen ihrer unbewegten Mimik, der kühlen Aura und der deutlich zu spürenden Distanz ihren Mitmenschen gegenüber. Der während der Coronapandemie übliche Sicherheitsabstand von einem Meter fünfzig muss eine wahre Wonne für sie gewesen sein. War klar, dass ausgerechnet jemand wie Frau Schade meine Arbeitskollegin wird, obwohl ich für mein Volontariat extra von Hamburg nach München gezogen bin, um der Coolness der Norddeutschen für ein gutes Jahr zu entkommen – und der räumlichen Nähe zu meiner Ex-Freundin Danni, die sich Knall auf Fall in ihren WG-Mitbewohner verliebt hat, während wir noch zusammen gewesen sind.

Im Biergarten riecht es nach Hähnchenfleisch, Hund und Herzlichkeit. Lächelnd reiche ich Frau Lender die Hand, die sich warm und leicht feucht in meiner anfühlt. Unter dem Ausschnitt ihrer knappen, blau-weiß karierten Bluse blitzt ein üppiges Dekolleté hervor. Lächeln und in die Augen schauen, Eva, ermahne ich mich stumm, während ich gegenüber von Frau Schade und Frau Lender Platz nehme. Ein Lächeln entwaffne und lasse uns leichter durchs Leben schreiten, behauptet meine Mutter stets, bevor sie mich ihren Sonnenschein nennt und einen Kuss auf meine Stirn drückt. Seit meinem Auszug habe ich ihren Rat stets beherzigt. Im Moment aber ist mir fast gar nicht danach zu Mute. Zu anstrengend kommt mir der bayerische Dialekt vor, zu abweisend die Art meiner muffeligen Kollegin, zu laut hingegen das Lachen der Fremden im gut besuchten Biergarten.

»Wohl bekomm’s!« Frau Lender hebt ihr Bierglas in meine Richtung, obwohl es erst fünfzehn Uhr dreißig ist. Kein Bier vor vier sagt man da, wo ich herkomme. An den Bierkonsum in München habe ich mich immer noch nicht gewöhnt und schmecken will es mir auch nicht sonderlich, mal abgesehen davon, dass mein Lippenstift sich so gar nicht mit der kunstvoll drapierten Schaumkrone versteht. Verhalten nippe ich an meiner Cola Zero, während Frau Schade sich mit einer Tasse Kaffee begnügt. Wie es scheint, ernährt sie sich beinahe ausschließlich von dem pechschwarzen Gebräu.

»Wie war sie denn, die Fanni?« Mühsam versuche ich, ein Gespräch in Gang zu bringen, während meine Kollegin nur dasitzt, sich zurücklehnt und die Augen verdreht. Seufzend schüttelt sie den Kopf und erklärt Frau Lender in bestem Bayerisch, dass ich neu zugezogen bin und außerdem noch in Ausbildung, bevor sie sie ermuntert zu reden. Jedenfalls vermute ich, dass das der Inhalt ihrer niederbayerischen Äußerungen ist.

»Ja mei«, Frau Lender lacht und beginnt zu erzählen. Das meiste verstehe ich sogar, weil sie sich nun um eine verständliche Sprache bemüht. Immer wenn sie den Kopf in den Nacken wirft, tanzen ein paar ihrer blonden Locken über ihre Stirn und lassen sie jünger aussehen. »Die Fanni Wimberger war die Schwester meiner Omi Waltraut. Freilich habe ich sie nicht mehr kennengelernt. Sie war ja erst achtundzwanzig, als sie gestorben ist. So ein junges Ding und schon mausetot. Verliebt sei sie gewesen, in die Lisa, hat meine Großmutter mir verraten, kurz bevor sie selbst gestorben ist. Geheiratet hat sie den Peter, weil sie ein Baby von ihm im Bauch gehabt hat. Eine Frau hat freilich einen Mann gebraucht in der damaligen Zeit. Zum Schein ist sie eine Beziehung mit ihm eingegangen, aber geliebt hat sie ihn nie. Das muss schwer für sie gewesen sein. Regenbogenfahnen und Paraden hat’s ja lange noch nicht gegeben.« Mühsam unterdrückt Frau Lender einen Rülpser und grinst entschuldigend.

»Lebt Peter noch?«, fragt Karin. Sie klingt leicht gelangweilt.

»Ja, er ist mit seiner neuen Frau nach Grafelsberg gezogen, das ist etwa zwanzig Kilometer von Schönau entfernt, wo er Fanni kennengelernt hat.«

»Und Fanni?«, mische ich mich ein, »weiß man, wie sie gestorben ist?« Unsere Interviewpartnerin wirkt auf mich so heiter und lebensfroh, während meine Kollegin mich augenscheinlich mit ihrem genervten Blick zu töten versucht. Vielleicht schafft sie es irgendwann, wenn sie nur weiter so beharrlich übt.

»Jemand muss sie am Lusen den Abhang hinab geschubst haben«, seufzt Frau Lender, trinkt einen großen Schluck und wischt sich den Schaum von den Lippen. »Die Gerlinde sagt ja nichts, obwohl sie damals im Wald vielleicht sogar dabei gewesen ist, so genau weiß ich das nicht. Gerlinde ist die Tochter von der Fanni Wimberger. Aber damals ist sie erst acht Jahre alt gewesen. Vielleicht ist sie traumatisiert oder kann sich nicht mehr erinnern. Ihre Tochter, meine Cousine Monika, berichtet nur manchmal, dass sie im Schlaf spricht oder schreit. Am nächsten Tag ist sie dann ganz grantig und wirr und noch maulfauler als sonst. Die beiden betreiben zusammen eine Pension in Schönau im Bayerischen Wald. Die Pension Waldfrieden. Seit ich nach München gezogen bin, sehe ich die beiden kaum noch. Ich kann Ihnen aber die Adresse geben, wenn Sie möchten.« Nachdenklich leckt sie ein wenig Bierschaum vom Glasrand und schüttelt den Kopf.

»Das ist also die Geschichte? Eine lesbische Frau heiratet einen Mann, weil sie von ihm schwanger ist und stürzt dann einen Felsen hinab.« Frau Schade spricht extra breites bayerisch, damit ich auch ja nichts verstehe. Sie mag mich nicht, das ist sicher, egal wie positiv ich unsere Zusammenarbeit sehen möchte. Und die Story findet sie auch doof, sonst würde sie sich wenigstens ein bisschen Mühe geben, mit Fannis Schicksal mitzufiebern. »Ich denke, solche nach außen hin vergeblich geheim gehaltenen Familiengeschichten gibt es in jeder x-beliebigen Stadt.« Mit einem süffisanten Lächeln will sie sich erheben. Beinahe wäre sie über eine dicke Taube zu ihren Füßen gestolpert, die den Kopf schräg legt und sie fragend mustert. Immerhin lächelt Frau Schade dem fetten Vogel zu, was sie bei mir vermutlich nie tun würde. Anschließend lässt sie sich zurück auf den Stuhl sinken.

»Freilich ist das nicht die ganze Geschichte.« Energisch schlägt Frau Lender ihre Handflächen auf das blau-weiß karierte Wachstischtuch. Erst jetzt fällt mir auf, dass das Muster dem ihrer Bluse ähnelt. Im Grunde verschwimmt die Kontur ihres Oberkörpers auf groteske Art und Weise mit dem Tischtuch. Verdammt bayerisch wirkt sie so obendrein auch noch.

»Himmel Herrgott Sakrament! Die Fanni ist seitdem als Geist unterwegs. Haargenau an der Stelle, an der das Unglück damals passiert ist, am Teufelsloch, wird ihre schmächtige Gestalt in dunklen, wallenden Gewändern in den frühen Morgen- und späten Abendstunden immer wieder gesehen. Und das seit über sechzig Jahren! Wanderer erschrecken sich zu Tode. Unsere Fanni, die hat es verdient, dass ihre Seele endlich Frieden findet. Deshalb habe ich euch angerufen.« Mit hochrotem Kopf stemmt Frau Lender ihre Hände in die Hüften. »Das FEM MAG lese ich ja jeden Monat. Vielleicht würde eine Art Nachruf Fannis Geist versöhnlich stimmen. Alle Toten haben ihren Frieden verdient. Denen, derer wir gedenken, schenken wir ein kleines bisschen davon.« Den Rest des Bieres kippt sie in einem Zug hinunter und lehnt sich im Plastikstuhl zurück.

»Ja, das finde ich auch«, murmele ich und lege meine Hand für einen Augenblick auf ihre. »Vielen Dank, dass Sie uns die Geschichte erzählt haben.«

»Sagen Sie, Frau Lender, hätten Sie denn ein Foto von Fanni?«, fragt Frau Schade nun.

»Freilich, das wollte ich Ihnen sowieso noch geben«, sagt sie und beginnt in ihrer Handtasche zu wühlen. Sie holt zwei Schwarz-Weiß-Bilder hervor. »Schauens, das ist die Fanni daheim in Schönau neben ihrer Schwester, der Waltraut. Gott hab sie beide selig. Und das andere ist oben im Wald beim Förster entstanden. Das neben ihr ist die Lisa, die Frau, in die sie damals verliebt war. Das halbe Dorf hat’s geahnt und sich das Maul über die beiden zerrissen. Irgendwer muss sie mal erwischt haben, obwohl sie stets versucht haben, ihre Affäre geheim zu halten.«

Frau Schade betrachtet die Bilder, steckt sie in ihre Tasche, so dass ich nur einen kurzen Blick darauf werfen kann. Ebenso wie die blonde Lisa war Fanni eine hübsche junge Frau. Ihr glattes dunkles Haar verleiht ihrer natürlichen Schönheit einen aristokratischen Touch.

»Fanni ist ein Kosename von Franziska, nehme ich an?«, hakt Frau Schade nach.

Frau Lender nickt.

»Wissen Sie, wie Lisa mit Nachnamen heißt und ob sie noch lebt?«

»Sie heißt Lisa Müller. Ich glaube, sie lebt irgendwo in einem Heim im Bayerischen Wald, aber sicher bin ich mir nicht. Vielleicht ist sie auch schon gestorben.«

»Alles klar. Vielen Dank auch von meiner Seite.« Förmlich schüttelt Frau Schade die Hand unserer Interviewpartnerin, als wir das Lokal verlassen. Zuvor hat sie den Namen der Pension in ihren Old-School-Notizblock gekritzelt.

»Und Ihnen viel Spaß beim Spinning, Sushi, Spa oder sonst was. Ich werde der Hummel Bericht erstatten. Mal sehen, was sie dazu sagt.« Ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen, wendet sie sich um und schreitet den Gehweg hinunter wie eine Majestät höchstpersönlich, allerdings eine in Boots und zerschlissenen Jeans. Knallengen Jeans zudem. Fasziniert starre ich auf ihren knackigen Hintern, bis sie um die nächste Häuserecke verschwunden ist. Augenblicklich wünschte ich, auch ich hätte ein Bier getrunken. Dann könnte ich mein Herzklopfen und den leichten Schwindel, der damit einhergeht, mühelos auf diesen Umstand schieben.

3

Karin

Kaum bin ich um die Ecke, greife ich zum Handy, um meine Chefin anzurufen. Nicht, dass mir Eva wieder zuvorkommt, um Fleißbienchen zu sammeln und sich wichtigzumachen. Ich muss zugeben, dass mich die Geschichte durchaus reizt. Weniger reizvoll ist natürlich der Gedanke an einen Kurztrip mit Fräulein Hip. Aber das soll die Hummel entscheiden.

Meine Chefin geht nach dem ersten Läuten ran. »Frau Schade? Was gibt es? Konnten Sie mit Frau Lender sprechen?«

»Wir haben uns gerade mit ihr getroffen«, bestätige ich. Dann berichte ich von unserem Gespräch, die Hummel lauscht.

»Wie hieß die Pension? Waldfrieden?«, fragt sie, als ich mit meinen Ausführungen fertig bin.

»Ja, die ist in Schönau, wo auch Fanni gelebt hat.«

»Sehr schön«, schnurrt sie zufrieden. »Dann sehe ich zu, dass ich für Sie beide Zimmer in dieser Pension ergattere. Wenn alles klappt, können Sie schon morgen losfahren.«

»Hm. Ist recht«, erwidere ich zögernd und lege nach einem dumpfen »Servus« auf.

Nun steht es also fest: Ich muss mit Fräulein Hip in den Bayerischen Wald. Wie »nice« das wird, ist extrem fraglich. Seufzend sehe ich auf die Uhr. Kurz nach vier. Da lohnt es sich nicht mehr, ins Büro zu fahren. Ich kann auch daheim noch ein wenig über Fanni und Co recherchieren, wenn mir danach ist. Nachdenklich gehe ich zu meinem Wagen und fahre nach Hause zu meiner kleinen Wohnung im Stadtteil Neuperlach. Dort angekommen zieht es mich gleich in mein Arbeitszimmer. Ich setze mich an den PC, lege die beiden Fotos von Frau Lender neben die Computer-Maus auf den Tisch. In der Recherche-Phase sehe ich mir immer gerne Fotos der Personen an, um die es geht. Damit ich eine erste Bindung aufbauen, mich in sie hineinfühlen kann.

Als ich nach »Fanni Wimberger« aus Schönau googele, finde ich nichts. Auch über eine Waltraut Wimberger oder Lisa Müller lässt sich nichts finden. Lisa Müllers gibt es im Netz natürlich viele, aber »meine« ist nicht darunter. Fündig werde ich erst, als ich nach Mythen und Sagen suche, die sich rund um den Lusen abspielen. Da stoße ich zuerst auf die alte Geschichte, dass der Teufel bei der Entstehung des Bergs seine Finger im Spiel gehabt hatte. Man sagt, noch heute könne man sein boshaftes Lachen an manchen Tagen im Teufelsloch hören. In dieser Schlucht spukt doch angeblich auch Fannis Geist herum, mal sehen … Ich googele nach Unfällen und unheimlichen Ereignissen im Teufelsloch und da taucht immerhin ein Zeitungsartikel auf. Eine Frau sei Anfang der 60er dort zu Tode gekommen und es gebe Gerüchte, dass sie seither in dem Waldabschnitt als Geist herumwandele. Letztlich lese ich in dem kurzen Artikel nichts Neues, es wird leider rein gar nichts über die Lebens- oder Todesumstände der jungen Frau aus Schönau erwähnt und es tauchen nicht mal Namen auf. Aber es ist interessant, dass es die Fanni-Story sogar in die Zeitung und dann ins Netz geschafft hat.

Ich blicke erneut auf das Foto mit Fanni und Lisa. Hübsch waren sie beide, besonders Fanni. Das dunkle Haar, die strahlenden Augen, das verschmitzte Lächeln, dazu noch ihre drahtige, sportliche Figur. Lisa wirkt auf dem Bild weicher und femininer als Fanni. Sie ist ebenfalls schlank, hat aber volle Rundungen, fast wie Marilyn Monroe. Ein schönes Paar sind sie, gerade durch ihre Unterschiedlichkeit. Wie schade, dass sie miteinander nicht glücklich werden konnten … Ob Lisa noch lebt? Es wäre sehr spannend, sie kennenzulernen.

In dem Moment ploppt auf meinem Bildschirm die Benachrichtigung über das Eintreffen einer E-Mail auf. Sie ist von Alice Hummel und an mich und Eva Guhl gerichtet. Ich öffne sie und lese:

Hallo Frau Schade und Frau Guhl,

ich habe für Sie zwei Übernachtungen in der Pension Waldfrieden in Schönau gebucht. Bei Bedarf kann der Aufenthalt verlängert werden. Bitte fahren Sie gleich morgen früh los und melden Sie sich, wenn Sie angekommen sind. Ich übernehme die Benzinkosten, aber nur für einen Wagen.

Schöne Grüße

Alice Hummel

Na wunderbar. Gleich zwei volle Tage mit der Guhl stehen mir bevor. Aber immerhin spüre ich mittlerweile ein erstes Interesse an der Story in mir aufflackern, eine kleine Flamme aus Neugier und Forschungsdrang. Wir müssen ja nicht immer zusammenkleben, die Guhl und ich, und können jeweils eigene Wege gehen. Ist bestimmt eh sinnvoller. Oder? So in der Teamarbeit? Bisher war ich bei der Recherche immer allein unterwegs, da musste ich über so etwas gar nicht nachdenken. Ich schreibe der Guhl eine Mail und teile ihr mit, dass sie morgen um zehn Uhr vor meiner Wohnung sein soll und dass wir mit meinem Wagen fahren. Zehn Uhr muss reichen, ich bin schließlich nicht die hibbelige Frühaufsteher-Frau aus dieser Kaffee-Werbung. Und lieber nehmen wir mein Auto und ich fahre selbst, das gibt mir mehr Kontrolle. Ob die Guhl überhaupt ein Auto hat? Vielleicht nutzt sie auch einen dieser angesagten E-Roller, die mich als Fußgängerin immer so nerven. Ja, das würde zu ihr passen!

Nachdem ich die Mail verschickt habe, bereite ich mir ein schnelles Abendessen zu: Eine Scheibe Leberkäse in der Pfanne angebräunt, dazu Kartoffelsalat vom Supermarkt. Später lande ich vor dem Fernseher und klicke mich uninspiriert durchs Programm, bis ich schließlich bei einer Netflix-Krimiserie lande. Eine True Crime Story. Ob ich bald selbst einer auf der Spur bin? Kurz nach Mitternacht zieht es mich ins Bett. Ich lege die beiden Fanni-Fotos neben mir aufs Nachtkästchen, bevor ich im bequemen Snoopy-Schlafshirt unter die Decke schlüpfe.

Doch so schnell will der Schlaf nicht kommen. Der Gedanke, zwei Tage mit Eva Guhl im Bayerischen Wald zu verbringen, stresst mich zu sehr. Sie ist einer der Menschen, die mich permanent daran erinnern, wie unperfekt und fehlerhaft ich bin. So eine junge schöne Streberin hat mir vor einem halben Jahr auch meine Freundin Melly weggeschnappt. Melly lernte das junge Ding im Zumba-Kurs kennen und verknallte sich in sie. Vielleicht hätte ich dieses blöde Gehopse mit ihr gemeinsam machen sollen, Melly hat ja lange genug versucht, mich dazu zu überreden. Doch meine Behäbigkeit und Sturheit waren mal wieder stärker. Vielleicht wäre sie dem sexy Sporthäschen nicht so schnell auf die Schaufel gesprungen, wenn ich im Kurs mit dabei gewesen wäre. Aber das weiß man nie. Gut möglich, dass Melly irgendwo anders ein ähnlich hippes Girl kennengelernt hätte, um mich gegen sie einzutauschen. Auch meine jüngere Schwester Amelie ist so eine. Immer adrett, sportlich, zuvorkommend und beliebt. Natürlich wird sie von meinen Eltern bevorzugt und von den meisten anderen auch. Deshalb nerven mich diese perfekten »Eva Guhls« so sehr, die sind ja alle gleich und stechen mich immerzu aus. Sie haben etwas Puppenhaftes und Unechtes an sich mit ihren faltenfreien top geschminkten Werbe-Gesichtern. Ich kann diese Frauen einfach nicht respektieren. Allein schon ihr süßes Lächeln und ihre ewig gute Laune treiben mich in den Wahnsinn. Mag sein, ich bin da unfair und stecke diese Mädels ungefragt in eine Schublade, aber ich kann eben nicht aus meiner Haut. Mancher Groll sitzt zu tief.

Wut lässt einen nicht schlafen, also versuche ich meine Gedanken umzulenken. Stelle mir Fanni und Lisa vor, lasse das Foto der beiden vor meinem inneren Auge lebendig werden. In meiner Fantasie beginnen sie miteinander zu reden, ich kreiere einen kleinen romantischen Film in meinem Kopf. Irgendwann schlafe ich dabei ein.

Mein Gedankenspiel geht nahtlos in einen Traum über. Erst ist die Szene weiterhin wunderschön und harmonisch. Ich sehe, wie Fanni und Lisa an einem kleinen See sitzen, umringt von hohen Nadelbäumen, wie sie miteinander albern und lachen und sich schließlich zärtlich küssen. Ganz warm und kribbelig wird mir da zumute. Doch dann ändert sich die Atmosphäre und die Umgebung bekommt etwas Kaltes und Bedrohliches. Fanni ist plötzlich allein, steht an einem Fels, ihr Gesicht ist verzerrt vor Angst und Verzweiflung. Sie fällt hinab, mehrere Meter tief, rollt über Granitgestein, bis sie verdreht und leblos liegenbleibt. Um ihren Kopf herum bildet sich eine große dunkelrote Pfütze. Hat sie jemand gestoßen? Hat sie sich selbst hinabgestürzt? Nebel lässt mein Traumbild verschwimmen.

4

Eva

---ENDE DER LESEPROBE---