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Rolf Bennett, ein erfolgreicher Architekt in San Francisco, wird seit Monaten von quälenden Albträumen heimgesucht. In diesen Träumen wird er zum Frauenmörder, der nachts die Straßen seiner Stadt unsicher macht. Dies erscheint ihm umso verwirrender, als er in einer glücklichen Beziehung lebt und immer ein gutes Verhältnis zu den Frauen in seinem Leben hatte. Er beschließt, die Hilfe des Psychiaters Liam Villan in Anspruch zu nehmen. Gemeinsam entdecken sie, wie eng Traumwelt und Realität zusammenliegen. Sie werden in Bennetts Kindheit und zu den Menschen, die ihn damals umgaben, zurückreisen, um eine Antwort auf die immer neu auftauchenden Rätsel zu finden. Am Ende muss Rolf Bennett sein eigenes Leben und das seiner Partnerin auf Spiel setzen, um das Geheimnis zu lüften und seine Beziehung zu retten.
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Seitenzahl: 295
Veröffentlichungsjahr: 2022
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George Warren
Bei Erwachen Mord
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
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Epilog
Impressum neobooks
Hör auf, mich so anzustarren! Dieser glasige Blick – ich hasse dich! Ich halte das nicht mehr aus! Dreh deinen Kopf weg! Tu nicht so, als ob du das nicht könntest. Na, dann dreh ich eben deinen Kopf zur Seite …
Ich habe dich um nichts gebeten. Ich habe niemanden jemals um etwas gebeten. Du hast für mich entschieden, und ich musste es ausbaden! Alle haben immer über meinen Kopf hinweg mein Schicksal bestimmt – aber damit ist es schon lange vorbei! Deswegen bin ich heute hergekommen – um dir das zu sagen … Ich bin jetzt mein eigener Herr! Hast du das nicht eben gemerkt?
Oder hattest du etwa geglaubt, ich wäre nach all dem, was du mir angetan hast, einfach still und leise von der Bühne getreten? Da hast du dich geirrt, mein Schatz … Man bezahlt irgendwann für alles im Leben. So oder so – und meistens mit Zinsen …
Du warst nichts für mich. Außer Abscheu, empfinde ich nichts für dich …
Aber das Schlimme ist, dass ich dein Gesicht nicht vergessen kann … Ich kriege es einfach nicht aus meinem Kopf! Es ist immer da – Tag und Nacht – und ich sehe dich überall! Es verfolgt mich, lässt mir keine Ruhe … was für eine Qual!
Vielleicht werde ich dich nach dem heutigen Tag vergessen? Mehr konnte ich dazu wirklich nicht tun … Ich hoffe es – so, wie ich nie etwas erhofft habe.
Aber warum lebe ich überhaupt? Um diese furchtbaren Erinnerungen mit mir herumzuschleppen? Jeder Tag und jede Nacht sind eine Marter. Vielleicht ist es wirklich die größte Gnade, nie geboren zu werden.
Rolf schreckte aus dem Schlaf. Schweiß rann an seiner Stirn hinunter, und sein Laken war klamm.
Da war er wieder, dieser Albtraum, ganz ähnlich wie vor einer Woche. Nur Ort und Personen schienen andere, abgesehen von ihm selbst. Er war der Hauptakteur. Rolf griff sich an die Stirn und wandte seinen Kopf zur linken Bettseite. Monika schlief friedlich. Ihr Gesicht war unter der Masse der blonden Haare kaum zu erkennen. Die Gartenbeleuchtung, die das Schlafzimmer leicht erhellte, tauchte sie und die Gegenstände in ein bläulich kaltes Licht. Ein Blick auf die Leuchtziffern seiner Uhr zeigte ihm, dass es erst kurz vor fünf war.
Rolf richtete sich auf und stieg leise aus dem Bett. Der Traum war noch zu gegenwärtig, an Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken. Er brauchte Luft. Unten trat er durch die Wohnzimmertür in den Garten. Der Morgen graute schon und kündigte einen neuen, warmen Sommertag an. Er setzte sich auf einen der Liegestühle, die um das ovale Schwimmbad standen, und öffnete eine neues Päckchen Chesterfields. Gierig saugte er an der Zigarette.
Langsam verschwand der Druck, den er auf seiner Brust fühlte, und die Bilder des Traumes verloren an Kraft, ihre Konturen lösten sich auf. Er fühlte noch die Anspannung seiner Muskeln, das Aufbäumen des Mädchens, ihre weit aufgerissenen dunklen Augen, die ihn in Todesangst anstarrten, den kurzen Kampf und dann den Geruch ihres verschwitzten, reglosen Körpers. Was für ein absurder Traum!
Wann hatte das alles angefangen? Etwa vor zwei Monaten. Die Träume hatten an Intensität zugenommen. Er konnte sich noch genau an die Gesichter der Frauen erinnern. Seltsam – wenn er früher geträumt hatte, war alles verschwommen und surreal gewesen.
Der Himmel wurde allmählich heller und färbte sich rötlich gelb. Das Wasser im Schwimmbecken schien von roten Schlieren durchzogen. Rolf konnte vom Liegestuhl aus die vom Morgendunst halbverhüllte Pazifikküste sehen.
Noch benommen stand er auf und ging zurück ins Haus. In der Küche setzte er Kaffee auf und zündete sich eine zweite Zigarette an.
„Du bist schon wach?“
Rolf drehte sich um. Monika stand auf der Marmortreppe, die in den Wohnraum herunterführte, die leichte Bettdecke über den Schultern. Er blickte sie an. Obwohl sie jetzt schon zwei Jahre zusammen waren, hatte er sich immer noch nicht an ihre Schönheit gewöhnt. Er konnte sich nicht sattsehen an ihren großen, himmelblauen Augen, den ebenmäßigen Gesichtszügen, ihren sinnlichen Lippen. Er musste unwillkürlich an die berühmten Maler und Bildhauer denken, die seit Anbeginn der Zeit versuchten, die Schönheit der Schöpfung auf einer Leinwand oder mit Hilfe eines Marmorblockes festzuhalten. Es war ihnen im Grunde nie gelungen. Die Natur selbst war die größere Künstlerin.
Rolf nickte. „Ja Spatz – ich bin schon wach – wie du siehst …“
Monika rieb sich ihre Augen. „Irgendetwas scheint dich zu bedrücken. Ist es die Firma?“ Sie sah ihn etwas verschlafen an.
Ralf nahm sie in den Arm und küsste sie auf die Stirn. „Wir kommen kaum mit den Aufträgen mit. Es läuft wie geschmiert. Du riechst gut – nach einem Mädchen, das gerade wach geworden ist …“
„Und wie riecht ein Mädchen, das gerade wach geworden ist?“, fragte Monika lächelnd und zog die Baumwolldecke enger um ihren Körper.
„Nach Honig und Buttermilch.“
„Und du stinkst nach Tabak!“ Monika verzog ihr Gesicht. „So früh am Morgen schon! Irgendetwas stimmt doch mit dir nicht. Du siehst wirklich ziemlich fertig aus.“ Sie fuhr mit ihrem Zeigefinger über die Falten auf seiner Stirn.
Rolf sah sie müde an. „Danke für die Blumen. Ich bin auch zwölf Jahre älter als du. Lass uns in zehn Jahren noch mal darüber reden, wie man beim Aufwachen aussieht – dann wirst auch du die Neonleuchte über dem Spiegel auslassen und nur die Badezimmerlampe anschalten …“
Monika lachte. „Warten wir erst einmal ab, ob wir dann überhaupt noch zusammen sind – vielleicht gebe ich dir ja schon vorher den Laufpass. Auf jeden Fall wirst du in zehn Jahren doppelt so viele Falten haben – ich werde dich da nie einholen. Die zwölf Jahre Vorsprung kann dir niemand mehr nehmen ...“
Rolf fiel wieder ein, dass er die Frauen immer für die Leichtigkeit bewundert hatte, mit der sie selbst am frühen Morgen eine heitere Unterhaltung führen konnten, ohne dass es für sie eine größere Anstrengung zu sein schien. Ihn kostete selbst ein einfaches ‚Guten Morgen‘ eine riesige Überwindung. Er reichte Monika eine Tasse Kaffee und stieg hoch ins Badezimmer. Als er vor dem Spiegel stand und den Rasierschaum anrührte, überkam ihn eine große Mattigkeit – es gab Tage, an denen man nicht in die Gänge kam und selbst die kleinsten Handgriffe zu einer Herausforderung wurden. Er sah genauer in den Spiegel und musste sich rechtgeben – man sollte ab einem gewissen Alter Neonleuchten unbedingt meiden.
Als Rolf in der Firma ankam, stand sein Geschäftspartner schon ungeduldig auf der eisernen Treppe, die zu den Büros im ersten Stock führte. Der Gebäudekomplex aus leichtem Beton lag in Half Moon Bay, etwa dreißig Kilometer südlich von San Francisco. Die Sicht auf die Küstenlinie war atemberaubend, gerade zu dieser Tageszeit, wenn die gleißende Sonne die letzten Nebelbänke über dem Pazifik verdrängt. Aber dies war der einzige Luxus, den sich Rolf und sein Partner John Baudassin gegönnt hatten. Das Bürogebäude erinnerte eher an eine weißgetünchte Kaserne – nicht gerade eine Visitenkarte für die beiden Architekten, die sich durch ihre originellen Entwürfe für elegante Bungalows einen Namen gemacht hatten.
Rolf musste unwillkürlich lächeln, als er John auf der Treppe in der Morgenbrise stehen sah. Sein schütteres, braunes Haar hing ihm wirr ins Gesicht, das eine ordentliche Rasur vertragen hätte. Sein Popelinanzug war wahrscheinlich im vergangenen Sommer zum letzten Mal aufgebügelt worden, und seine Krawatte dokumentierte ziemlich genau, was er gefrühstückt hatte. Die einzige Ausnahme in dem vernachlässigten Erscheinungsbild waren seine cognacfarbenen Oxfords, die in der Sonne glänzten. John war ein Schuhfetischist, nicht nur was Frauen anbelangte.
Sein Geschäftspartner sah ärgerlich von oben auf Rolf herab und tippte nervös auf seine Armbanduhr. „Schön, dass du überhaupt noch weißt, wo unser Büro liegt! Ich sitze schon seit acht in unserem Bunker und habe dir auch die Pläne für deine Verabredung zusammengesucht. Ich hoffe, dass ich nichts auf deinem Zeichentisch liegen gelassen habe. Du hast hoffentlich deinen Termin mit Diana Cleverly nicht vergessen?“
Rolf fiel siedeheiß wieder ein, dass er eine Verabredung mit einer Klientin hatte. „Tut mir leid, dass ich etwas später dran bin … Nein, natürlich habe ich den Termin nicht vergessen.“
„Ich reiße mir den Hintern auf, um neue Klienten an Land zu ziehen, und du bist derjenige, der die Termine platzen lässt. Ja ich weiß, ich bin nur eine emsige Ameise und du der geniale Künstler. Etwas mehr Pünktlichkeit und Liebe zum Detail täten dir trotzdem gut!“ John machte eine ärgerliche Handbewegung und holte Luft. „Hast du dich heute Morgen mit Monika gestritten, oder kamt ihr beide vor lauter Leidenschaft nicht aus den Federn? Dir bleiben noch genau vier Stunden bis zu deinem Termin. Vielleicht schaffst du es ja in dieser Zeit bis zum See Tahoe. Nimm es eben mit der Geschwindigkeitsbegrenzung nicht so genau …“
Rolf wusste, dass John recht hatte. Zum Glück fehlte die Zeit, sich auf eine Diskussion einzulassen, bei der er das hätte zugeben müssen. „Ich hole noch meinen Fotoapparat aus dem Büro und mache mich auf die Socken. Und frage unsere Sekretärin, ob sie mir noch schnell einen Kaffee machen kann – einen starken.“
John hielt Rolf am Ärmel fest, als er die Treppe hinaufstieg. Sein Ärger schien etwas verflogen zu sein. „Du siehst ziemlich müde und abgespannt aus, alter Junge. Vielleicht ist Monika doch etwas zu jung für dich?“
Rolf grinste zurück. „Das gleiche Kompliment hat mir Monika heute Morgen auch schon serviert. Es liegt zwar schon an den Nächten, aber nicht an Monika.“
Die beiden traten in das Innere. Die Büros waren genauso spartanisch gestaltet wie das Äußere des Gebäudes. Die schmucklosen Räume waren nur durch gläserne Wände getrennt. Rolf konnte sehen, wie ihre Sekretärin Susan Harlow eifrig in ihren Telefonhörer sprach. Wie er Susan kannte, ging es wahrscheinlich weniger um etwas Geschäftliches als um ihre nächste Verabredung. John ging in ihr Büro und kam nach einigen Minuten mit einer Tasse Kaffee und Rolfs Skizzen zurück.
„Zunächst einmal der Kaffee, damit du überhaupt wach wirst, und hier – dein Meisterwerk.“ John drückte ihm die Pläne in die Hand, die dieser in eine große, lederne Mappe stopfte. Dann setzte sich Rolf auf den blauen Nierentisch neben dem Eingang und nippte an dem Kaffee.
Er starrte auf die blitzenden Schuhe seines Geschäftspartners. „Geht es dir auch manchmal so, dass du in den Spiegel schaust und das Gefühl hast, dass die Person, die zurückblickt, nicht du selbst bist? Seit einiger Zeit kenne ich mich selbst nicht mehr …“
John trat ungeduldig von einem Bein aufs andere. „Höre auf zu philosophieren und setz dich in deinen Wagen. Du hast noch etwas über drei Stunden bis zu deinem Termin.“
Rolf sah ihn deprimiert an.
Sein Partner klopfte ihm auf die Schulter. „Wenn du etwas auf dem Herzen hast, reden wir am Samstagnachmittag bei meiner Gartenparty darüber. Es kommen auch die Rogers und meine Schwester mit ihrem Mann. Meine Frau kann sich um Monika kümmern, und wir haben Zeit, uns einige Augenblicke auszuklinken. Dann kannst du mir ja erzählen, wo der Schuh drückt.“
Rolf nickte und stand auf. Dann stieg er widerwillig die eiserne Treppe zu seinem dunkelblauen Chevrolet hinunter und legte die Mappe mit den Plänen in den Kofferraum. Er hatte 220 Meilen vor sich und würde es wohl kaum pünktlich zu seinem Termin schaffen. Er zündete sich eine Zigarette an und drückte auf das Gaspedal.
Diana Cleverly war eine dieser kleinen Filmstars, die nur in Nebenrollen auftreten. Rolfs Schätzung nach konnten ihre Auftritte ihr nicht mehr als ein paar hundert Dollar pro Woche einbringen. Dennoch schien sie plötzlich zu Geld gekommen zu sein. Sie hatte sich am See Tahoe in Dollar Point eine imposante Villa aus den vierziger Jahren gekauft und sein Architektenbüro mit der Umgestaltung des Gebäudes beauftragt. Diana Cleverly hatte einen teuren Geschmack, denn ihre Ideen für die Neugestaltung des Anwesens bezifferten sich auf etwa hunderttausend Dollar. Der Vorschuss war pünktlich auf dem Konto des Büros eingegangen.
Als Rolf mit einer Stunde Verspätung die von prächtigen Zedern umgebene Auffahrt zu ihrem Haus hochfuhr, sah er sie schon auf einem der Granitlöwen hocken, die die große Veranda einrahmten.
Sie war eine hübsche Rothaarige von etwa dreißig Jahren, die jetzt ihre vollen Lippen zu einem Schmollmund verzog. „Wenn Sie Ihre Aufträge genauso pünktlich erledigen, wie Sie Ihre Termine einhalten, dann hätte ich lieber nebenan ein Studio gekauft“, sagte sie mit ihrer dunklen, samtigen Stimme. Sie deutete mit ihrer von Sommersprossen übersäten Hand auf einen Gebäudekomplex, der in etwa einem Kilometer Entfernung unten am See zu sehen war – der bekannte Accor Seniorenclub.
Rolf trat näher. Das grelle Sonnenlicht ließ Cleverlys Haut noch weißer erscheinen. Auf ihrer Stirn und über ihrer Oberlippe hatten sich kleine Schweißperlen gebildet. Ein dunstiger Geruch umgab ihre weibliche Figur, die in scharfem Gegensatz zu ihrer Kleidung stand. Zu ihrem streng geschnittenen Kostüm trug sie ein blütenweißes Hemd und eine hellblaue Krawatte.
„Sie wissen ja, wie der Verkehr die beste Planung …“
Diana unterbrach ihn unwirsch. „Natürlich – der Staat Kalifornien hat gerade heute beschlossen, das gesamte Straßennetz zu erneuern – und Sie standen deswegen permanent in Verkehrstaus. Sparen Sie sich die Ausreden für Ihre Frau auf und kommen Sie aus der Sonne.“
Sie traten in die kühle, weite Eingangshalle des Hauses, die durch die schweren Seidenvorhänge in ein grünliches Licht getaucht war. Der spanische Bewurf an den Wänden und die Säulen, die die Halle von dem Salon trennten, waren typisch für den Stil der vierziger Jahre.
„Wollen Sie etwas essen? Der Catering-Service in Dollar Point hat mir eine kalte Platte hochgeschickt.“
Rolf schüttelte den Kopf. „Danke nein, aber ich würde einen Whisky nicht ausschlagen.“ Er bot ihr eine Zigarette an.
Sie reichte ihm ein Glas und wies ihm einen Sessel in der Eingangshalle zu. Dann nahm sie ihm die Mappe mit den Plänen aus der Hand und entfernte sich rauchend in den Salon.
„Ich würde Ihnen die Skizzen gerne erklären“, rief Rolf ihr nach.
Diana verzog spöttisch ihren hübschen Mund. „Nicht nötig, Baupläne sind wie Straßenkarten. Ich habe, wie Sie bemerkt haben, Augen im Kopf.“
Und die hatte sie tatsächlich – mandelförmig und grün. Rolf musste unwillkürlich an eine Katze denken.
Er saß wie ein Examenskandidat vor dem Raum, in dem eine Jury über seine Leistungen berät. Es war das erste Mal, dass ihn ein Kunde so abgefertigt hatte. Er wurde etwas nervös. Die Ideen, die er im letzten Monat auf dem Zeichentisch zu Papier gebracht hatte, überzeugten ihn selbst nicht so richtig. Er war weit entfernt von der Kreativität, die er in früheren Projekten an den Tag gelegt hatte. Wenn er sich nur von dem Druck freimachen könnte, der vor etwa zwei Monaten urplötzlich über ihn gekommen war und den er selbst nur schwer zu fassen bekam.
Rolf stand auf und zog einen der flaschengrünen Vorhänge zur Seite. Er starrte durch die hohen, rechteckigen Fenster der Eingangshalle auf den See hinunter. Er konnte von Weitem einige Kinder im glitzernden Wasser plantschen sehen – wäre er doch nur genauso frei und unbeschwert.
Cleverly kam nach zehn Minuten wieder aus dem Salon. Ohne Umschweife kam sie zur Sache. „Ihre Skizzen spiegeln meine Ideen ziemlich genau wider – aber mehr auch nicht.“
Rolf räusperte sich. „Mehr auch nicht? War das nicht, was Sie von unserem Büro erwartet haben?“
Sie schüttelte ungeduldig den Kopf. „Meine Ideen sollten nur ein Anhaltspunkt sein. Wo ist Ihre Kreativität? Wofür ist Ihr Architektenbüro so bekannt? Um Salon und Speisesaal zusammenzulegen, brauche ich keinen Stararchitekten. Dazu hätte der Maurer aus Dollar Point gereicht. Ich möchte, dass Sie die Natur und das Panorama mit in den Salon integrieren. Sie müssen das Ganze hier zum See hin öffnen. Es ist alles zu beengt und muffig.“ Cleverly machte eine weit ausholende Armbewegung in Richtung der Fenster im Salon. Ihre Stimme nahm einen aggressiven Ton an, und rote Flecken erschienen auf ihren Wangen. Ihre Augen hatten sich zu zwei Schlitzen verengt.
Rolf hatte nicht mit dieser Reaktion gerechnet. Er fühlte sich wie der Teilnehmer einer Safari, der sich verlaufen hat und unversehens einer Löwin gegenübersteht. „Wenn wir die Räume auf der ersten Etage zusammenlegen, ergibt sich automatisch ein Panoramaeffekt, da wir durch eine große, einheitliche Fensterfront …“
Cleverly unterbrach ihn wieder. „Es ist zu heiß, als dass ich Lust hätte, mich weiter mit Ihnen über diese mittelmäßigen Pläne zu streiten. Hunderttausend Dollar sind viel Geld – zumindest zu viel, um es für etwas auszugeben, das mich nicht überzeugt – ich bin nicht so wohlhabend, wie es vielleicht den Anschein hat. Kommen Sie mit etwas Neuem!“
Rolf schaute auf ihren weißen Hals, der durch ihre Erregung leicht angeschwollen war. Es juckte ihn in den Händen, ihren Redeschwall durch einen schnellen Griff zu beenden. Aber er lächelte höflich. „Es tut mir leid, wenn diese Entwürfe Sie nicht überzeugt haben sollten. Ich werde Sie selbstverständlich überarbeiten.“
Das Telefon läutete im Hintergrund. Sie gab ihm die Pläne mit einer resoluten Bewegung zurück.
Bevor Rolf noch etwas sagen konnte, ließ ihn das Geräusch leichter Schritte herumfahren. Ein Mädchen war aus einem der angrenzenden Zimmer in die Eingangshalle herausgetreten. Sie schien sehr jung zu sein. Ihr dunkles Haar und ihre schwarzen Augen, die Cleverly fragend, fast ängstlich anschauten, kontrastierten mit ihrer weißen Haut. Sie trug nur ein leichtes, beiges Baumwollkleid und war barfuß, obwohl es im Innern des Hauses ziemlich kühl war.
„Ich wollte Sie nicht stören, Miss Cleverly, aber Herr … einer Ihrer Klienten hat gerade angerufen.“
Rolf bemerkte ein leichtes Stottern. Das Mädchen sprach mit einem starken spanischen Akzent.
Cleverlys Gesicht entspannte sich beim ihrem Anblick, und der Ausdruck der Härte verschwand aus ihren Augen. „Das ist Joanna, meine … Sekretärin. Lass uns bitte alleine, Joanna, ich bin hier gleich fertig – dann werde ich ihn zurückrufen.“
Das Mädchen blieb unschlüssig stehen und verschwand erst, als Diana ihr nochmals freundlich zunickte.
Dann wandte sie sich wieder Rolf zu. Ihr Blick wurde kalt. „Ich hoffe, dass Sie das nächste Mal etwas Originelleres mitbringen. Und beeilen Sie sich bitte. Ich möchte nicht noch Jahre in dieser Ruine zubringen. Können Sie in zwei Wochen etwas Neues vorlegen? Ich meine, etwas wirklich Neues …“
Rolf nickte. „Unser Büro wird natürlich alles daransetzten, einen neuen Entwurf zu erarbeiten, der Sie zufriedenstellt. In zwei Wochen – nun, wir werden uns bemühen.“
„Bemühen?“ Sie stampfte leicht mit dem Fuß auf. „Ich glaube, dass zwei Wochen eine wirklich großzügige Zeitplanung sind – wenn man bedenkt, dass Sie bereits einen Monat Zeit hatten, um das hier zu produzieren.“ Cleverly deutete auf die Pläne, die Rolf in seinen verschwitzten Händen hielt. Dann drehte sie sich grußlos um und ließ ihn in der Gesellschaft seiner zu Makulatur gewordenen Skizzen zurück.
In der Luft lag noch ein Hauch ihres schweren Duftes.
Als Rolf zu seinem Wagen lief, musste er über sich selbst lachen. War das wirklich er – der große Stararchitekt, dem die Eingebungen nur so zuflogen? Er musste sich eingestehen, dass Cleverly nicht ganz unrecht hatte. Man konnte seinen Entwurf im besten Fall konventionell nennen – dafür hätte er allenfalls im Grundstudium für Architektur eine passable Note eingeheimst.
John Baudassin brach in schallendes Gelächter aus. Die beiden Partner schlürften auf dem Balkon, der vor Rolfs Büro lag, ihren Whisky. Der Nachmittag neigte sich dem Ende zu, und Dunst legte sich langsam über den Pazifik. Rolf hatte den Ventilator aus seinem Büro vor die beiden Korbsessel gestellt, und das Summen des Geräts wirkte beruhigend auf seine Nerven.
„Die hat dich ja heute ganz schön zusammengefaltet. Ein Glück, dass du diesen Auftrag an Land gezogen hast, sonst würdest du mir jetzt Vorwürfe machen. Na ja, irgendwo liegt sie nicht falsch – du scheinst nicht mehr ganz bei der Sache zu sein. Ich fand deine Pläne nicht schlecht, aber sie haben mich auch nicht vom Hocker gerissen … Der Bungalow, den du damals Olrik in San Clemente hingesetzt hast, das war was. Aber vielleicht sind wir wie Schriftsteller. Nach dem Bestseller kommt dann erst einmal eine lange Flaute.“
Rolf schaute in Johns aufgedunsenes, verschwitztes Gesicht. Ein leichter Ekel überkam ihn. Er hatte seinen Partner eigentlich nie richtig gemocht. Es war eher ein Zufall gewesen, der die beiden geschäftlich zusammengeführt hatte. John war ein geschickter Organisator und verfügte über ein weites Netzwerk. Rolf war dagegen ein Einzelgänger und hatte am Anfang seiner Karriere Schwierigkeiten gehabt, seine wirklich originellen Ideen an den Mann zu bringen. Er war nie ein guter Verkäufer gewesen. Die beiden hatten sich auf einem Seminar über die Architektur der dreißiger Jahre kennengelernt und hatten sehr schnell das Potential des jeweils anderen erkannt.
Rolf fühlte, dass sein Partner nicht unbedingt die Person war, vor der er gerne sein Seelenleben ausbreitete. Andererseits kannte er auch niemanden sonst, dem er sich anvertrauen konnte. Monika würde er sicher nicht mit seinen Psychosen belasten.
Er holte aus seinem Arbeitszimmer eine Schachtel Cohibas und bot John eine an. Dann nahm er einen tiefen Schluck. Der Whisky rann warm und ölig seine Speiseröhre hinunter. „Ich schlafe seit mehreren Wochen sehr schlecht …“ Rolf suchte nach den passenden Worten.
„Wenn meine Frau so aussähe wie Monika, würde ich auch nicht schlafen“, grinste sein Partner.
Rolf verzog ärgerlich sein Gesicht. „Das meine ich nicht, John … Ich leide unter … Albträumen … seit etwa zwei Monaten.“
Baudassin zuckte mit den Schultern. „Das passiert uns doch allen. Was meinst du, wie es mir ergeht, wenn ich dem Finanzamt unseren Jahresabschluss verkaufen muss?“
„Diese Albträume wiederholen sich … mit Variationen. Sie sind sehr … beklemmend.“
John sah seinen Geschäftspartner fragend an.
Rolf fuhr fort. „Ich hatte immer ein sehr normales Verhältnis zu Frauen, ich meine …“
John verzog spöttisch sein Gesicht „Normal? Sagen wir, du bist nicht unbedingt monogam. Du hast es nie sehr lange mit einer ausgehalten, und parallel lief auch immer etwas. Vielleicht nennt man das heutzutage normal …“
„Ich wollte sagen, dass ich Frauen mag und ihre Gesellschaft immer gesucht habe …“
„Ja, dass du ihre Gesellschaft gesucht hast, kann ich voll und ganz bestätigen – sogar während unserer Bürozeiten!“,unterbrach ihn John ironisch.
Rolf fuhr mit der Hand durch seine Haare. Wie sollte er seinem spießigen Partner bloß erklären, was ihn bedrückte? „Im Klartext, ich habe mir nie etwas aus sadistischen Spielchen gemacht. Mein Sexualleben ist … normal. Ich kann noch nicht mal sagen, dass ich einen besonderen Fetischismus entwickelt hätte ...“
John kaute auf seiner Zigarre und sah etwas verlegen auf den Kachelboden der Terrasse.
Rolf stand auf. „Vielleicht sollten wir es dabei belassen … Du wirst mich eh nicht verstehen …“
„Setz dich hin und spuck es aus!“
Rolf ließ sich wieder in den Korbsessel fallen und fasste sich an die Stirn. Obwohl es kühler geworden war und der Ventilator einen angenehmen Luftzug erzeugte, rann ihm der Schweiß am Rücken herab. Der Himmel über dem Pazifik hatte jetzt eine lehmartige Färbung angenommen. Die Konturen der Klippen, die steil ins Meer fielen, verschwammen in dem bräunlich-gelben Licht, so als ob man sie durch ein volles Whiskyglas betrachten würde.
„Ich habe zwei Frauen erwürgt – in diesen verdammten Träumen … Und das Schlimme ist, dass ich es genossen habe … ich meine, ich genieße es im Traum. Ich habe das Gefühl einer großen Genugtuung, als ob ich eine lang ausstehende Rechnung begleichen würde – ein Gefühl der Rache. Natürlich ist mir beim Erwachen übel – keine Spur mehr von dieser Genugtuung.“
John wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß aus der Stirn und sah Rolf belustigt an. „Alter Junge, muss ich mir Sorgen machen? Vielleicht sollte ich Monika vor dir warnen? Tja, manchmal könnte ich meine Frau auch erwürgen, und das nicht nur im Traum – besonders, wenn sie fünfhundert Dollar beim Bridge verliert. Wer waren denn die Mädchen, mit denen du diese Gewaltorgien ausgelebt hast? Ich hoffe, sie waren wenigstens hübsch?“
Rolf ging auf Johns ironischen Ton nicht ein. „Etwas anderes ist mir aufgefallen: Die Träume sind sehr real. Ich kann mich danach genau an Farben und Düfte erinnern, an die Frauen … an ihre weit aufgerissenen Augen. Wenn ich früher mal einen Traum hatte, wusste ich beim Aufwachen nur noch dunkel, worum es überhaupt gegangen war…wenn überhaupt. Jetzt ist alles sehr deutlich, als ob ich einfach von einem Raum in den anderen ginge, wenn ich wach werde. Und noch etwas Seltsames … die Mädchen in meinen Träumen haben unterschiedliche Kleidung, Frisuren, Körpergrößen – aber immer das gleiche Gesicht …“
„Das gleiche Gesicht?“ Johns Stimme hatte den ironischen Ton jetzt endlich verloren. „Wessen Gesicht?“
Rolf schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Es ist das Gesicht einer Frau, die ich nie zuvor gesehen habe – jedenfalls nicht bewusst. Aber der Traum ist so deutlich, dass ich dir jede Einzelheit ihrer Physiognomie beschreiben könnte.“
John beugte sich leicht vor und klopfte ihm auf die Schulter. „Nerven – nichts als Nerven, Rolf. Ich glaube einfach, du bist mit den Nerven runter. Vielleicht hat dich der letzte Auftrag zu sehr beansprucht. Du solltest Urlaub machen. Du hast wirklich viel Energie in die Villa Olrik gesteckt und hättest den neuen Auftrag gar nicht übernehmen sollen. Vor allem nicht mit dieser Kratzbürste – keine Wunder, dass du in deinen Träumen Mordlust verspürst.“ John grinste wieder. „Vielleicht solltest du mit einem Seelenklempner reden. Ich habe dir ja gesagt, dass auch mein Schwager am Samstagnachmittag zu meiner Party kommen wird. Liam ist, wie du weißt, Psychiater. Ich persönlich glaube an das ganze Zeug nicht – alles Hokuspokus. Aber vielleicht tut es dir gut, mit ihm darüber zu reden. Er wird sicher eine vollkommen abgefahrene Erklärung finden – genauso abgefahren wie deine Geschichte ...“
Rolf leerte sein Glas und stand auf. „Mal sehen, John – ich werde es mir überlegen. Zumindest weißt du jetzt, was mich in letzter Zeit bedrückt und worunter meine Arbeit leidet. Ich mache mich jetzt vom Acker. Es war ein langer und heißer Tag, und ich muss für Monika noch ein Medikament unten bei Walgreens kaufen.
John erhob sich ebenfalls und trat mit Rolf ins Innere. Dann wandte er sich nochmals an seinen Partner. „Ich werde hier noch etwas arbeiten. Wenn du sowieso bei Walgreens vorbeifährst, könntest du mir vielleicht ein Päckchen Seconal holen? Hier ist das Rezept. Du kannst den Stoff einfach bei mir in den Briefkasten werfen. Vera wird noch nicht zu Hause sein. Sie spielt mit ein paar Freundinnen Bridge. Nun ja, du kommst doch sowieso an meinem Haus vorbei, wenn du zu dir zurückfährst …“
Rolf lächelte. Er schien also nicht der einzige zu sein, der unruhige Nächte mit kleinen, rosafarbenen Pillen zu überstehen versuchte.
Johns Haus lag in der Seymour Street. Ein großer Klinkerbau mit einer von Zypressen umgebenen Auffahrt.
Rolf parkte seinen Wagen unten auf der Straße und wollte gerade die Auffahrt hochlaufen, als er Johns Nachbarn, Bob Rogers, in einiger Entfernung in einer angeregten Unterhaltung mit dessen Frau Molly erblickte. Molly war eine alte Bekannte Monikas, und Rolf hatte die beiden näher kennengelernt, als er anfing, mit Monika auszugehen. Die Rogers schienen in eine heftige Diskussion verwickelt. Die Stimme der Frau hob sich schrill von Bobs Bariton ab. Rolf blieb jetzt stehen – er wollte sich nicht in einen Ehekrach einmischen.
Doch dann bemerkte er, dass etwas nicht stimmte. Die Frau hatte nicht die Figur von Molly Rogers. Sie war sehr schlank und überragte ihr Gegenüber. Ihr dunkelbraunes Haar fiel in leichten Wellen auf ihr stark tailliertes Kostüm.
„Du hast diese Masche schon zu oft angewandt, Bobby! Hör auf, ich hab’s satt … Du wirst es ihr nie sagen. Aber glaube ja nicht, dass ich dich so gehen lasse. So kommst du mir nicht davon. Das wäre zu einfach – viel zu einfach!“ Sie drehte sich mit einem Ruck um und stand vor Rolf. Er starrte in ein paar große, braune Augen, die ihn wütend anblickten. Sie kniff ihren Mund zusammen und drängte sich an ihm vorbei.
Die Frau hatte eine beinah einschüchternde Ausstrahlung. Rolf wusste nicht, ob es an ihrem perfekten Erscheinungsbild oder ihrer augenscheinlichen Wut lag. „Donnerwetter!“, entfuhr es ihm.
Bob Rogers hatte ihn jetzt erst bemerkt. Er schluckte und seine sonst so ölige Stimme klang rau und unsicher.
„Ach Rolf … Na, alter Bursche, ich … Du kennst das ja – unzufriedene Kunden … Heutzutage verfolgen sie dich bis nach Hause … Das war eine Freundin von Johns Schwester. Ich … äh, hatte mich angeboten, ihr bei der Suche nach einer Wohnung in Frisco zu helfen …“
Der sonst so tadellos gekleidete Immobilienmakler sah ziemlich zerzaust aus. Er griff nach seinem Einstecktuch und wischte sich die Stirn ab. Rolf hatte Bobby immer als selbstsicheren Mann erlebt, der es schaffte, seiner Mitwelt auch den größten Schund ohne Schwierigkeiten anzudrehen, und dies auch skrupellos tat. Er war es nicht gewohnt, ihn so aus der Fassung zu sehen.
Rogers wich seinem Blick aus, als ob er fürchtete, dass Rolf seine Gedanken lesen könnte. „Man sollte Geschäft und Freundschaften immer trennen – eine goldene Regel, die ich ständig predige … und an die ich mich selbst nicht gehalten habe ...“
Rolf ärgerte sich jetzt, dass er in Rogers Privatangelegenheiten hineingeraten war. Ja, er kannte Bob, – aber es wäre zu viel, ihr Verhältnis als Freundschaft zu bezeichnen. Hätte er sich doch bloß ferngehalten. „Hallo Bobby, ich wollte mich da nicht einmischen. John bat mich, ihm etwas vorbeizubringen, und ich sah dich neben seiner Auffahrt. Ich dachte, du würdest gerade mit Molly reden. Ich brauche wahrscheinlich schon eine Brille.“
„Einmischen? Du hast mich gerettet!“ Rogers lächelte gewinnend. Er hatte sich jetzt wieder vollkommen im Griff. Er zog einen Kamm hervor und strich seine dunklen, welligen Haare glatt. Da war er wieder – der Schauspieler. „Komm mit rein, wir trinken einen Aperitif. Molly ist mit Johns Frau im Bridgeclub.“
Rolf sehnte sich nach Ruhe und Monikas Gesellschaft. Zuerst Diana Cleverly und jetzt noch einen Absacker mit Bob Rogers wären für einen Tag zu viel des Guten gewesen. „Nichts für ungut, Bobby, aber ich bin heute nicht richtig in Schuss – muss wohl eine leichte Sommergrippe sein. Wir sehen uns ja am Samstag bei Johns Gartenparty.“ Er nickte Rogers zu und wandte sich zum Gehen.
Bobby hielt ihn am Arm fest. „Ja richtig – Johns langweilige Party zum 4. Juli … Ach Rolf, vielleicht könntest du das alles hier für dich behalten … diese geschäftliche Diskussion, die du gerade beobachten musstest.“
„Welche geschäftliche Diskussion, Bobby?“ Rolf zwinkerte ihm zu.
Rogers nickte dankbar. „Nun ja, diese … äh … Kundin, wird wahrscheinlich auch da sein. Sie ist ja eine Freundin von Johns Schwester, die mit ihrem Mann ebenfalls eingeladen ist.“ Rogers hatte seine Selbstsicherheit wieder verloren und sah bedrückt auf den Boden.
Rolf ahnte schon, dass Bobby ihn jetzt gleich auf eine Tournee durch sein Privatleben mitnehmen würde – etwas, das er unbedingt vermeiden wollte – aber es war schon zu spät.
„Wird ein schwieriger Samstag.“ Bob seufzte, dann öffnete er das Ventil. „Ich habe diese Frau bei einer Geburtstagsfeier von Johns Schwester kennengelernt. Und irgendwann ist es dann passiert – es läuft nun schon etwa ein Jahr. Es ist Wahnsinn und ich weiß nicht, wie ich mich in diese Situation hineinmanövrieren konnte. Aber jedes Mal, wenn ich mit ihr Schluss machen will … Ich meine, ich kann einfach nicht die Finger von ihr lassen. Aber ich werde mich nie von Molly trennen … Tja, du hast ja die Szene eben mitbekommen. Ich weiß nicht, wie ich aus dem Mist wieder rauskommen soll …“ Rogers griff sich an den Kragen und lockerte seine Krawatte. Dann holte er tief Luft. „Ich brauche jetzt wirklich einen Drink. Komm doch kurz mit rein …“
„Sonst gerne, Bobby, aber ich bin sehr müde und wäre heute bestimmt kein guter Ratgeber. Wir können morgen telefonieren und uns überlegen, wie wir das Kind am Samstag schaukeln – wir werden schon einen Ausweg finden. Ich werde das hier noch in Johns Briefkasten werfen und dann die Heimreise antreten.“ Rolf klopfte ihm auf die Schulter und wandte sich zum Gehen. Er wusste, dass Bobby in der Gesellschaft seiner gut ausgestatteten Bar bestens aufgehoben war und sich schnell in einen tiefen Schlaf trinken würde.
Wenn er selbst doch auch nur wie früher durch einen einfachen Drink seine innere Ruhe wiederfinden könnte.
Rolf kurbelte das Fenster etwas herunter und ließ die kühle Abendluft in den Wagen strömen, als er die Straße nach El Granada entlangfuhr. Die Sonne glich jetzt einer dunklen Orange, die dicht über dem Meer sanft durch den Dunst leuchtete und die Küste in ein rötliches Licht tauchte. Es war, als ob sich der Tag mit letzter Kraft gegen das Herannahen der Nacht wehrte, indem er ein loderndes Feuer entfachte und es gegen die aufkommende Dunkelheit schleuderte.
Rolf steckte sich eine Zigarette an. Das goldene, waffelförmige Feuerzeug hatte ihm Monika geschenkt.
Er musste an den Augenblick denken, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte. Er hatte seinen Auftrag gerade beendet und aß mit seinem Klienten im Pierre zu Abend. Der alte Grey war von dem neuen Bungalow so begeistert, dass er eine Flasche Krug nach der anderen bestellte. Beide waren leicht beschwipst.
Eigentlich hatte Grey Monika zuerst entdeckt. Rolf erklärte ihm gerade den Vorteil von Spannbeton, wobei er aufgrund seines Pegelstandes immer von Sparbeton sprach, als der Alte geistesabwesend an Rolf vorbeischaute. Dann murmelte er etwas vom Fluch des Altwerdens.
Als sich Rolf dann unauffällig umdrehte, sah er sie. Monika saß mit einem älteren Herrn an einem der Fenstertische. Sie glich einer Elfe. Ihr dichtes, blondes Haar lag wie eine Pelzboa über ihrer rechten Schulter. Sie blickte ihren Tischpartner mit ihren großen, blauen Augen aufmerksam an. Er hatte das Bild noch genau vor Augen und erinnerte sich an seinen ersten Gedanken. Was treibt dieses Mädchen mit dem alten Knacker? Es hatte sich dann später herausgestellt, dass es Monikas Vater war, der in San Francisco vorbeigeschaut hatte.
Er war die ersten Monate ihrer Beziehung so glücklich gewesen wie kaum jemals zuvor in seinem Leben. Als sie zu ihm zog, ließ Monika ihre Arbeit bei Wells Fargo sausen und nahm ihr Kunststudium wieder auf. Halbtags arbeitete sie in einer Galerie. Rolf hatte das Gefühl, nach einer sechsunddreißigjährigen, turbulenten Reise auf einem Seelenverkäufer endlich in einen ruhigen Hafen eingelaufen zu sein. Sein unstetes Leben und seine Streifzüge durch die Nachtclubs Friscos schienen der Vergangenheit anzugehören.
Als er endlich ankam und die beleuchtete Auffahrt zu seinem Haus hinauffuhr, sah er einen dunklen Chrysler vor seiner Garage stehen. Wenn er sich nicht irrte, war das der Wagen von Monikas Vater. Seltsam, er hatte sich doch gar nicht angekündigt?
„Schau, wer vorbeigekommen ist!“ Monika hatte die Tür geöffnet, bevor er noch den Hausschlüssel hervorgezogen hatte, und umhüllte ihn mit ihrer solaren Ausstrahlung. Neben ihr die große Gestalt ihres Vaters. Beide hatten die gleichen himmelblauen Augen, das gleiche einnehmende Lächeln.
Rolf hoffte, dass er im Alter wie Monikas Vater sein würde – genauso gutaussehend. Im Gegensatz zu vielen alleinstehenden, älteren Männern war Earl Lindblad äußert gepflegt. Er trug einen eleganten, dunkelblauen Zweireiher, der seine schlanke Gestalt hervorhob. Sein volles, weißes Haar war sorgfältig mit Brillantine nach hinten gekämmt. Lindblad musste in seinen jungen Jahren sicher Erfolg bei Frauen gehabt haben. Er vermittelte ein Gefühl von großer Gelassenheit – und es gibt im Leben nichts Stärkeres als Gelassenheit.
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