Bella Barks' letztes Like - Michael Buchinger - E-Book

Bella Barks' letztes Like E-Book

Michael Buchinger

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Beschreibung

In seinem ersten Kriminalroman erzählt Star-Influencer Michael Buchinger mit schwarzem Humor und bissiger Ironie von einer Welt, in der nichts so ist, wie es auf den Smartphone-Screens scheint. Leo Escher ist Ende zwanzig und als YouTube-Star gescheitert. Die neue Generation von TikTok- Influencern versteht er nicht mehr. Da erreicht ihn die Einladung der berühmten Petfluencerin Bella Barks. In einem Hotel in den Bergen will sie ihr neues Produkt vorstellen. Doch als der Vorhang der Präsentation fällt, ist Bella Barks tot. Unversehens steht Leo mitten in einem Mordfall, der zeigt: Die Suche nach Followern kennt keine Moral.

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Seitenzahl: 203

Veröffentlichungsjahr: 2025

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BELLA BARKS' LETZTES LIKE

Michael Buchinger:

Bella Barks' letztes Like

Alle Rechte vorbehalten

© 2025 edition a, Wien

www.edition-a.at

Cover: Bastian Welzer

Satz: Nica Steiner

Gesetzt in der Benne

Gedruckt in Europa

1 2 3 4 5 — 28 27 26 25

ISBN: 978-3-99001-834-7

Michael Buchinger

BELLA BARKS'LETZTES LIKE

Kriminalroman

edition a

INHALT

1

INSTA-REEL BELLA BARKS

Eine Woche später DONNERSTAG

2

3

4

5

6

BELLA BARKS' LETZTES LIKE. EPISODE 1. Ein Podcast von Leo Escher

Freitag

7

8

9

10

11

12

13

14

BELLA BARKS' LETZTES LIKE. EPISODE 2. Ein Podcast von Leo Escher

SAMSTAG

15

16

17

18

19

20

BELLA BARKS' LETZTES LIKE. EPISODE 3. Ein Podcast von Leo Escher

SONNTAG

21

22

BELLA BARKS' LETZTES LIKE. EPISODE 4. Ein Podcast von Leo Escher

23

24

25

26

27

28

Danksagung

1

Höher, immer höher!

Was das Lebensmotto von Leopold Escher hätte sein sollen, war bloß der billige Werbespruch eines Trampolinparks in Oberlustendorf. Ein Ort nahe Wien, der nicht mal eine eigene Facebook-Seite hatte. Der Park befand sich in einer reichlich baufälligen ehemaligen Lagerhalle für Getreide.

Leo sprang möglichst hoch, obwohl ihn Bewegung noch nie begeistert hatte. Kinder sowieso nicht. Profi, wie er war, lächelte er trotzdem. Der zwölfjährige Neffe des Betreibers bediente währenddessen mit seinen fetttriefenden Fingern eine steinzeitliche Digitalkamera. »Kannst du langsamer springen?«, fragte der Junge gelangweilt. »Du bist zu schnell für die Kamera.«

Wo war er nur gelandet? Leo sprang noch höher. Immerhin war dieser Werbespot die erste bezahlte Arbeit, die er heuer bekommen hatte, und es war schon Mai. Das war die traurige Wahrheit. Der Betreiber des Parks hatte mit Leos älterem Bruder Betriebswirtschaftslehre studiert. Dabei war er offensichtlich so erfolgreich gewesen, dass er jetzt siebenjährigen Kindern Sprungverbot verordnen konnte, wenn sie über den Rand des Trampolins hinaussprangen. Was in Oberlustendorf schon eine ziemliche Machtfülle bedeutete.

Leos Follower waren nicht gerade die Hauptzielgruppe des Betriebs. Aus Berufsethos hätte er das seinem Auftraggeber sagen müssen. Seine 45.000 Abonnenten auf YouTube mochten seinen zynischen Humor und seinen zum Lebensstil erhobenen Weltschmerz. Sie feierten seine Beobachtungenüber nervtötende Eigenschaften anderer Menschen. Etwa die Oma, die jeden Tag um sechs Uhr früh ihren Hund im Hof spazieren führen musste und ihn mit einem lauten »Geh Karli, jetzt mach endlich dein Kacki!« zu animieren versuchte. Das war sein Content. Keine Trampolinparks. Aber er brauchte den Job.

»Komm schon!«, schrie der Betreiber, ein Typ mit einer türkisfarbenen Baseballkappe, der das Wort »Influencer« aussprach wie die ähnlich klingende Viruserkrankung. »Sag es!«

Leo ignorierte die Kids, die kreischend und lachend um ihn herumsprangen. Der Betreiber hatte sich geweigert, den Trampolinpark während des Drehs zu schließen. »Da geht Geld verloren«, hatte er gemeint. »Ist doch viel authentischer so.«

Leo schluckte Stolz, Scham und etwas Angstschweiß hinunter. Er leitete mit diesem Spruch Videos ein, seit er 18 war. Er war sein Markenzeichen. Simpel und eingängig, dabei ein ironischer Kommentar auf die meisten anderen YouTuber, die immer so fröhlich in die Kameras grinsten. Er war sich so klug vorgekommen, als ihm der Spruch eingefallen war. »Shine shine shine!«, rief Leo mit aller Überzeugung, die er aufbringen konnte.

Wie vereinbart wollte er die Werbebotschaft nachschicken. »Im Trampolinpark Oberlustendorf.« Doch da fuhr ihm der scharfe Geruch von Käsefüßen ins Hirn. Im Bruchteil einer Sekunde begriff er, dass die Füße seinem Gesicht immer näherkamen. Mit Entsetzen stellte er fest, was sich am anderen Ende befand, der Rest eines Jungen, der die Statistiken zum Thema Übergewicht bei Pflichtschülern bereicherte. Ein hässliches Krachen, und seine Wahrnehmungsorgane stellten den Betrieb ein.

»Yo, Leo?«

Er blinzelte. Das weiße Deckenlicht und das vergnügte Kreischen der Kinder ließ seinen Schädel dröhnen. Er spürte etwas Kaltes auf seiner Stirn. Jemand hatte ihm ein nasses Handtuch um den Kopf gewickelt.

»Geht's wieder?«

Der Betreiber des Trampolinparks sah nervös auf ihn herab. Er kniete über Leo und hatte vor Sorge sogar seine Baseballkappe vom Kopf genommen. »Der Junge hat dreißig Minuten Sprungverbot.«

Ächzend richtete sich Leo auf. »Geht schon.« Er warf einen Blick zum Cousin des Betreibers, der die Kamera bediente. »Haben wir etwas Brauchbares im Kasten?«

Der Junge kratzte sich am Kopf. »Da war keine Speicherkarte drin.«

Als Leo zwei Stunden später seine Wohnung nahe der Linken Wienzeile und der U-Bahn-Station Pilgramgasse aufsperrte, waren seine Kopfschmerzen fast verschwunden. Die Ernüchterung war geblieben. Der Betreiber des Trampolinparks hatte sich geweigert, ihn für den Dreh noch einmal auf die Sprungmatte zu lassen. »Vielleicht hast du eine Gehirnerschütterung«, hatte er gemeint.

Er hatte Leo die Hälfte des Honorars gezahlt und ihm als Wiedergutmachung für den »kleinen Unfall« fünf Freikarten geschenkt. »Komm in einer Woche wieder«, hatte er gesagt. »Dann bringe ich dir den Rückwärtssalto bei, falls du mal angeben willst.«

Leo streifte seine Sneaker ab und warf die Bomberjacke über einen Hocker. Der Boden seiner Gründerzeitwohnung knarrte, als ihn sein erster Weg wie immer zu dem kleinen Glasgefäß in einer Ecke des Wohnzimmers führte. »Wie war dein Tag, Goldie?«, fragte er.

Falls der Tag des in Orangetönen schillernden Fisches ebenso mies gewesen war, ließ er sich nichts anmerken. Seelenruhig trieb er vor sich hin. Leo befürchtete regelmäßig, es wäre um ihn geschehen. Jedes Mal war er aufs Neue erleichtert, wenn sich seine Schwanzflosse bewegte. Auch jetzt stieß Goldie wie zur Begrüßung einige Luftblasen aus und schwamm zwischen den Wasserpflanzen und durch sein Haus in Ananasform.

Leo ließ eine Handvoll Trockenfutter ins Wasser fallen. Langsam versanken die kleinen Stückchen, und Goldie schnappte sie sich, noch ehe sie auf dem Boden aufkamen. »Was meinst du, sollte ich mein Leben verändern?«, fragte er den Fisch.

Er betrachtete sein Midcentury-Sideboard aus Teakholz. Er hatte es vor vielen Jahren auf einem Flohmarkt gefunden, noch bevor er wusste, was Midcentury war. Lange war es sein ganzer Stolz gewesen: mit den gewellten Schiebetüren, den eleganten Intarsien und den spitz zulaufenden Füßen. Doch mittlerweile schmerzte ihn der Anblick. Fein aufgereiht standen darauf Trophäen, die Leo einst als YouTuber bekommen hatte. »Newcomer des Jahres«, »Lustigstes Video« und »Hottest YouTuber« waren drei von einem Dutzend Preisen, die eine Zukunft versprochen hatten, die ziemlich genau das Gegenteil von Leos Gegenwart war. Wo war er falsch abgebogen? War Instagram Schuld und all die gefilterten Fotos seiner Konkurrenz, für die Leo sich nie begeistern konnte? Oder deren immer kürzer werdende Videos, die schnelleren Schnitte? Leos Sätze waren zu lang für die Aufmerksamkeitsspanne der neuen Generation. Er hatte nicht mal mehr probiert, einen TikTok-Account zu erstellen. Besser nicht mitmachen, als peinlich zu scheitern.

Den Goldfisch hatte seine Ex vor vier Jahren mitgebracht, als sie zusammengezogen waren. Sie war weg, der Fisch war geblieben. Er machte Leo weniger Vorwürfe und war bei der Freizeitgestaltung nicht so wählerisch.

Mit einem Seufzen ließ sich Leo auf das Sofa vor dem deckenhohen Bücherregal mit farblich sortierten Werken aus allen Epochen fallen. Er hatte keine Lust auf Literatur. Überhaupt kaufte er Bücher seit einer Weile vor allem wegen der Farbe ihrer Einbände. Er wollte heute lieber die letzte Episode von Paradise Island streamen, einer Datingshow, bei der zehn Influencer auf einer Insel zusammenleben mussten.

Wer passte zu wem? Das war das Thema der Show. Die Influencer versuchten sich in verschiedenen Paarungen. Das Publikum stimmte am Ende ab, welches das Traumpaar war. Den Siegern winkten neben dem Preisgeld vier weitere Wochen auf der Insel.

Die Serie, mittlerweile in Staffel sieben, war Leos größtes Guilty Pleasure. Er hoffte mit einer Inbrunst, die ihn selbst rührte, Michele und Christy würden gewinnen. Er ein braungebrannter und, mangels brauchbarer Deutschkenntnisse, schweigsamer Sportinfluencer. Sie eine Beauty-Influencerin, deren großes Lebensthema die Schreibweise ihres Namens mit »y« zu sein schien. Vier weitere Wochen für die beiden auf der einsamen Insel wären ein Geschenk an die restliche Welt, fand Leo. Er amüsierte sich über die Banalität des Formats und der Teilnehmer und machte sich doch nichts vor. Seine Followerzahl hätte auf der Insel nicht einmal für eine Kokosnuss gereicht.

Zum Glück hatte seine Großmutter ihren Mann nach dem Wiederaufbau der Republik zum Kauf dieser Wohnung gedrängt. Heute waren Wohnungen in dieser Lage selbst für die erfolgreichsten Influencer Österreichs kaum leistbar. Er musste hier nur Gas, Strom und Betriebskosten zahlen. Wenn nicht bald neue Aufträge kamen, müsste er sich trotzdem zum ersten Mal in seinem Leben das suchen, was seine Eltern einen »echten Job« nannten. Ein Gedanke, der ihn regelmäßig in Panik versetzte und den er stets schnell verdrängte.

Über seinem rechten Auge hatte sich eine Beule gebildet. Vielleicht ein bisschen Eis aus dem Gefrierfach. Die sorgfältige Anordnung von Fleisch, Eiern, Milch und Aufstrichen in je einem eigenen Fach beruhigte ihn. Den Käse kaufte er bei einem nahen Franzosen, das Fleisch am Brunnenmarkt, die Eier und die Milch lieferte ihm ein Freund, dessen Familie einen Biobauernhof in Niederösterreich betrieb. Die Aufstriche waren selbstgemacht. Solange er noch ein bisschen Geld hatte, würde er es in seinen sorgfältig aufgebauten Lebensstil investieren. Sobald er abgepacktes Gemüse kaufen musste, wäre seine Not offiziell zu Elend geworden.

Das angesparte Geld würde noch ein paar Monate reichen. Dann müsste er sich etwas suchen. Aber welche Fähigkeiten besaß er schon, die in der echten Welt nützlich waren? Er hatte einige Semester Theater-, Film- und Medienwissenschaft studiert und drei Semester Politikwissenschaft belegt. Die meiste Zeit hatte er aber seiner YouTube-Karriere gewidmet. Sollte er es bei PR-Firmen versuchen? Aber ohne Berufserfahrung oder Ausbildung würde er kaum Chancen haben. Noch mal ganz von vorne anfangen? Aber womit?

Wissen vermitteln, das würde ihm Spaß machen. Darin hatte er ein wenig Erfahrung. Vor Jahren hatte er einen Sommer lang junge Menschen in die Social-Media-Kunst eingeführt. Dabei ging es nicht nur um die richtige Technik oder professionelles Auftreten, sondern vor allem darum, Geschichten zu erzählen, die Menschen begeisterten. Ob Finanzen, Tiere, Sport, Ernährung oder Kosmetik: Pack deine Begeisterung in Storys, die andere hineinziehen. Damals wusste er es noch nicht, aber das war der letzte unbeschwerte Sommer seines Lebens gewesen. Danach sanken sein Stern am Social-Media-Himmel wie auch seine Followerzahlen rapide. Wehmütig blickte er auf das Foto, das er am letzten Tag des Kurses aufgenommen hatte. Eine junge Frau darauf stach ihm besonders ins Auge.

Im Gefrierfach des Kühlschranks versteckte er vor sich selbst eine Box mit Schwarzwälderkirsch-Eis. Für emotionale Notfälle und Paradise Island-Binge-Marathons. Die Box Speiseeis gegen die Stirn gepresst, kehrte er zurück zum Sofa.

»It's Britney, bitch!«

Britney Spears kreischte ihm ins Ohr. Sie erinnerte ihn daran, dass Sonntag war. Leo hatte ein penibles System entwickelt, mit dem er bestimmte Aufgaben über die Woche verteilte. Um nichts zu vergessen, hatte er sich Alarme gestellt. Den Müll brachte er jeden Freitag mit Lady Gagas »Pokerface« weg. Beim Staubwischen half ihm jeden Mittwoch Taylor Swift mit »Look What You Made Me Do«. Sonntags war die Post dran, die sich über die Woche angesammelt hatte.

Leo schlüpfte in seine Birkenstocks und machte sich auf den Weg vom dritten Stock nach unten. Lift gab es in dem alten Gebäude keinen, dafür ein kunstvoll gefertigtes schmiedeeisernes Geländer.

Während er den Briefkasten leerte, überlegte er, was er nach dem Eis heute zu Abend essen sollte. Pizza bestellen oder Instant-Nudelsuppe? Die Nudelsuppe war billiger, aber hatte er sich heute nicht eine Pizza Hawaii verdient? Immerhin war er knapp dem Tod entronnen. Leo Escher, vergessener YouTube-Star, mit nur 29 Jahren nach Kollision mit Jungen in einem Trampolinpark verstorben. So hätte wohl die Meldung gelautet, wenn es überhaupt eine gegeben hätte. Leo musste sein Leben tatsächlich dringend ändern.

Er nahm die Post mit aufs Sofa, rief schon einmal die letzte Folge Paradise Island auf und öffnete die Eisbox, ehe ihr Inhalt zerrann. Verdammt, er hatte den Löffel vergessen.

Auf dem Weg in die Küche sortierte er die Post. Viel Werbung. Neuer Sushi-Laden, billigere Schuhe, das Bezirksjournal. Er wollte schon alles im Altpapier entsorgen, da rutschte eine seltsam geformte Broschüre aus dem Stapel. Das Papier war fest und glatt, braun mit goldener Schrift. Das war keine Werbung, sondern eine Einladung. Eine Einladung in Form eines Hundeknochens.

Noch bevor er einen Blick auf den Text warf, wusste er, von wem sie stammte. Aber warum? Warum sollte die erfolgreichste Influencerin des Landes ausgerechnet ihm eine Einladung schicken?

INSTA-REEL BELLA BARKS

Wuff, wuff, meine Hundefreunde! Ich habe eine riesengroße, supergeheime Ankündigung: Nächste Woche launche ich mein erstes großes Produkt für alle Vier- und Zweibeiner dort draußen! Ich bin megastolz darauf und war bei jedem einzelnen Schritt dabei. Das ist mein Baby! Ich kann kaum erwarten, es mit euch zu teilen. Wir haben ein total fancy Berghotel gebucht, superromantisch und natürlich öko-friendly! Von Donnerstag bis Sonntag Action, Events und jede Menge Überraschungen! Es ist kein Weekend, es ist ein Barkend! Wuff wuff!

Am liebsten würde ich euch alle dorthin einladen, aber ich nehme euch hautnah auf meinem Channel mit. Wir haben viele tolle Sachen geplant, und es werden eine Menge eurer Lieblingsmenschen dort sein! Die haben alle so eine megacoole Einladung bekommen, die mein Management für mich gemacht hat – in Form eines Hundeknochens. Ist doch irre, oder?

Und weil das alles ohne euch nicht möglich wäre, verlose ich zwei dieser Einladungen! Das bedeutet, ihr bekommt einen Aufenthalt in einem supertollen Hotel, trefft eine Menge cooler Leute und seid beim Launch meines ersten Produkts mit dabei. Was ihr dafür machen müsst? Einfach liken, teilen und unter das Video kommentieren, warum gerade ihr den Hundeknochen verdient habt! Ich freu mich schon riesig!

Eure Bella

Eine Woche späterDONNERSTAG

2

Der Bus hielt vor einer in die Jahre gekommenen Haltestelle. »Hotel Bergsee« stand auf einer Tafel neben dem Wartehäuschen. Bis auf Leo und den Fahrer war der Bus leer. Kaum war Leo ausgestiegen, wendete der Bus auf dem Parkplatz, auf dem einige Lieferwägen standen, und fuhr an ihm vorbei ins Tal zurück. Das blühende Leben, dachte Leo.

Aus den Lieferwägen hoben Arbeiter die Dekorationen für den viertägigen »Launch«. Leo fühlte sich in die Vergangenheit versetzt, als er noch regelmäßig zu solchen Events eingeladen worden war. Auf dem Weg zum Eingang des Hotels sah er Dinge, die auf jedem Influencer-Event unerlässlich waren. Ein roter Teppich. Selfiehintergründe mit mehr Firmenlogos als auf dem Trikot eines Formel-1-Fahrers. Stehtische mit Give-aways. Fotoboxen mit Requisiten. Ballons, Girlanden und, als Highlight, ein lebensgroßer Pappaufsteller von Bella Barks. Leo trat vor die Figur aus Karton und sah ihr ins Gesicht. Er erkannte sie kaum.

Das Hotel Bergsee lag unweit von Kaprun in Salzburg. Es war weit und breit das einzige Gebäude. Der rustikalen Holzfassade war das Alter anzusehen. Die Fensterläden dunkelgrün, unter den Fenstern hingen rot blühende Blumenstöcke. An beiden Seiten schlossen spitze Türmchen das Gebäude ab.

Das Hotel war eine eigenartige Wahl. Bella Barks war naturverbunden, das gehörte zu ihrer Marke, aber diesem Haus fehlten Glanz und Glamour der Social-Media-Welt. Allerdings gab es immer weniger Hotels, die solche Veranstaltungen kostenlos oder zumindest rabattiert anboten. Mittlerweile hatten selbst die ältesten Hoteliers erkannt, wie kompliziert erfolgreiche Influencer-Werbung war. Ein paar Videos waren das Gratis-Wochenende schlicht nicht wert.

Egal. Er konnte vier Tage an einem für ihn derzeit unbezahlbaren Ort genießen. Vielleicht würde es der letzte Auftritt seiner Influencer-Karriere sein. Vier Tage lang würden junge Menschen Fotos und Videos drehen und ihren hunderttausend Followern das neue Produkt von Bella Barks in den Feed spülen. Veranstaltungen, Unternehmungen und Workshops standen auf dem Programm, aber vor allem ging es um Werbung. Er fühlte sich an diese stille Abmachung nicht gebunden. Er wollte die Zeit bloß genießen.

Leo erschien bei solchen Events gerne früh. Er mochte es, in Ruhe sein Zimmer zu beziehen und für sich zu sein, ehe der Trubel losging. Mit seinem Rollkoffer und einer Umhängetasche für sein Kameraequipment trat er auf eine Frau mit einem Klemmbrett in der Hand zu. »Ich bin für das Barkend hier«, sagte Leo und kam sich noch dümmer vor als sonst bei solchen Veranstaltungen, als er den Namen laut aussprach. »Wo kann ich mich anmelden?«

Die Frau in der weißen Bluse und dem grauen Rock musterte ihn über den Rand ihrer Brille hinweg von Kopf bis Fuß. Schließlich nickte sie. »Die zweite Tür links, ein paar Stufen hinunter und dann einfach den Gang entlang. Dort sind die Zimmer.«

»Und mein Schlüssel?«

Verwundert sah sie ihn an. »Schlüssel? Sie brauchen keinen.«

Ein ging ein paar Stufen hinunter und gelangte zu einer fleckigen kleinen Tür, die kaum benützt wirkte. Sollte das der VIP-Eingang sein? Bei solchen Events war mit allem zu rechnen. Womöglich erwartete ihn eine Überraschung. Vielleicht ein fruchtiger Begrüßungsdrink in der Abstellkammer?

Hinter der Tür roch es im spärlichen Licht gelber Deckenlampen etwas modrig. War das Bellas Ernst? Ihm war mulmig zumute, als er dem schmucklosen Gang folgte. Erst als er an Eisentüren mit den Aufschriften »Heizraum« und »Reinigungspersonal« vorbeikam, begriff er. Die Frau mit dem Klemmbrett hatte ihn nicht für einen von Bella Barks' Gästen gehalten, sondern für einen Mitarbeiter. Deshalb hatte sie sich über seine Frage nach einem Schlüssel gewundert. Wie alt mochte sie sein? Mindestens 25, wenn nicht so alt wie Leo selbst. Trotzdem erkannte sie ihn nicht mehr? Es stand wohl schlimmer um ihn, als er befürchtet hatte.

Er wollte zurück und das Missverständnis aufklären, als ihn ein dumpfes Geräusch innehalten ließ. Gemurmel. Da war noch eine dritte Eisentür, die einen Spalt weit offen stand.

Leo wusste nicht genau, warum er sich nicht bemerkbar machte und warum er nicht einfach verschwand. Alles an dieser Szenerie, das gespenstische Licht, die nackten Wände, diese Stimmen unter der Erde, wirkte verdächtig. Also legte Leo sein rechtes Ohr an den Türspalt und rechnete noch immer halb damit, gleich im Licht einer Kamera zu stehen, inmitten von Gelächter.

»Was meinst du damit?«

Hatte er die Stimme der Frau, die das fragte, schon einmal gehört? Sie klang metallisch und verzerrt.

»Wir müssen den Knochen tief vergraben. Niemand darf ihn finden.«

Die zweite Stimme gehörte einem Mann. Auch sie klang blechern.

Etwas schepperte am anderen Ende des Ganges. Das Gespräch brach ab. Er musste weg. So leise wie möglich eilte er zurück ins Freie.

Die Frau mit dem Klemmbrett war nirgendwo zu sehen. Er würde sie später nach ihrem Alter und ihren YouTube-Vorlieben fragen. Niemand nahm von ihm Notiz, als er über den roten Teppich zum Haupteingang schritt und durch eine Drehtür in das kühle Foyer trat. Hier waren die Wände holzvertäfelt. Ein Kristallluster an der Decke. Die Jagdtrophäen würden in den Storys der Creators kaum auftauchen. Die neue Generation von Influencern nannte sich jetzt so, und um sein Alter zu kaschieren, tat er es ihnen gleich.

Die Rezeption war unbesetzt. Leo versteckte seinen Koffer und seine Tasche hinter dem Tresen und sah sich um. Wo bekam er hier Zimmernummer und Schlüssel?

Er entdeckte einen Speisesaal, der offenbar morgens als Frühstücksraum diente, und ein Lesezimmer. Eine breite Wendeltreppe führte nach oben.

»Tee?«

Leo fuhr herum. Hinter ihn war ein großgewachsener, hagerer Mann mit weißem Schnauzer und altmodischer Hornbrille getreten. Er trug Cordhosen und ein Wollsakko mit Weste. Mit beiden Händen hielt er ein Tablett mit einem Teeservice. »Ich suche mein Zimmer«, sagte Leo überrascht.

Der Mann warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Sie sind früh dran«, sagte er. »Aber Sie haben Glück. Das ganze Hotel ist für die Veranstaltung reserviert, alle Zimmer sind bezugsfertig.« Er balancierte das Tablett auf einer Hand und streckte Leo die andere Hand hin. »Reinhard Fricke. Ich bin der Direktor.« Er wandte sich um. »Sebastian«, sagte Fricke. »Begrüße unseren Gast.«

Erst jetzt bemerkte Leo den Jungen hinter Fricke. Er schätzte ihn auf zwölf, allerdings war er klein für sein Alter. Den Blick hatte der Junge auf sein Smartphone gerichtet. Nur ein Büschel schwarzer Haare war zu sehen. »Guten Tag«, murmelte er.

»Er hat nur Augen für dieses Ding«, seufzte Fricke. »Seine Eltern denken, es wird besser, wenn er mehr Zeit hier oben mit mir verbringt, aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Allerdings brauche ich ihn, denn ich habe von diesem ganzen Internetzeugs keine Ahnung.«

Leo wusste nicht, was er mit diesem kauzigen älteren Herrn anfangen sollte. Warum bot ein Hoteldirektor, der keine Ahnung vom Internet hatte, sein Hotel der reichweitenstärksten Influencerin des Landes an?

»Ohne meinen Papa wäre Bella Barks nie hergekommen«, sagte Sebastian, als hätte er Leos Gedanken gelesen. »Er leitet eine Werbeagentur. Jetzt schießen die Google Reviews endlich nach oben.«

»Sie suchen also Ihr Zimmer?«, unterbrach Fricke seinen Enkel.

Leo nickte. »Escher.«

Fricke führte Leo zurück zur Rezeption, stellte das Tablett ab und schlug ein Buch auf. »Wir tragen alle Gäste mittlerweile online ein«, erklärte er Leo, »aber manche Gewohnheiten sind schwer abzulegen.«

Mit dem Schlüssel für Zimmer 27, dessen Anhänger fast so groß wie ein Reisebügeleisen war, wollte sich Leo schon auf den Weg machen, da räusperte sich Fricke. »Sie haben ja gar keine Hunde.«

Sebastian stöhnte auf. »Ich habe dir doch gesagt, nicht alle Influencer haben Hunde. Die machen verschiedene Sachen.«

»Und was machen Sie?«, fragte Fricke und musterte Leo. Sebastian schlug sich beschämt die Hand gegen die Stirn.

»Ich ... äh ...« Die Wahrheit war, dass Leo so gut wie arbeitslos war. »Ich bin YouTuber.«

»Ist das die Seite mit den kurzen Texten?«

»Das ist X, Opa.«

»Nix?« Fricke wirkte verwirrt.

»X wie der Buchstabe«, sagte Sebastian. »YouTube ist das mit den Videos. Wie viele Abonnenten?«

Leo brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass die Frage an ihn gerichtet war. »45.000.«

Sebastian zog eine Augenbraue hoch, was ihn noch neunmalklüger wirken ließ.

»Ist das viel?«, fragte Fricke arglos.

»Kommt drauf an ...«

»Früher schon, heute nicht mehr«, fiel ihm Sebastian ins Wort. »Ist wie Schilling und Euro.«

Leo bedankte sich für den Schlüssel und suchte das Weite. Auf dem Weg zur Wendeltreppe hörte er Schritte hinter sich.

»Ich habe etwas vergessen!« Fricke keuchte und drückte ihm ein Blatt Papier in die Hand. »Sie haben das Unverträglichkeitsformular nicht ausgefüllt. Sie können sich nicht vorstellen, was Menschen alles nicht mehr essen. Unser normales Menü hätte die Hälfte dieser Gäste glatt umgebracht. Sie essen weniger, klagen dafür mehr. Bitte füllen Sie den Fragebogen aus!«

Als er den Hoteldirektor endgültig hinter sich gelassen hatte, musste Leo feststellen, dass der Lift außer Betrieb war. Dabei hasste er Bewegung! Während er seine Sachen die Stiegen in den zweiten Stock hinaufschleppte, fragte er sich, wer hier deplatzierter wirkte: Fricke oder er selbst.

3

Gast beim eigenen Begräbnis zu sein, das war angeblich ein häufiger Albtraum. Leo hatte davon noch nie geträumt. Nun war er zwar wach, fand sich aber dennoch in einer schrägen Version dieses Albtraums gefangen.

Nach einem Mittagsschlaf in seinem Zimmer war er geduscht und umgezogen pünktlich um sechs Uhr ins Foyer gekommen, wo laut dem Programmheft auf seinem Bett ein »Willkommensdrink« wartete. Das Wochenende war, wie erwartet, genau durchgeplant. Waldbaden, Ziegenyoga, Aura Healing. Begriffe, die in Leo nur vage Bilder hervorriefen. Sie alle waren als Hintergrund für die Inszenierung von Bellas neuem Produkt gedacht.

Unter den Menschen im Foyer fühlte er sich tatsächlich wie auf seinem eigenen Begräbnis. Bei manchen Gesichtern brauchte er etwas, bis sein Gehirn die Filter ausgeglichen hatte, durch die er sie sonst auf Instagram und TikTok sah. Doch während er so gut wie alle aus Reels und Storys kannte, nahm niemand von ihm Notiz, als wäre er ein Geist. Fühlte es sich so an, tot zu sein?

Eine Mental-Health-Influencerin bediente sich an den veganen Tacos. Sie hatte sich aus allen sozialen Netzwerken zurückgezogen, weil sie ständiger Social-Media-Konsum angeblich depressiv machte. Kaum drei Monate später aktivierte sie ihre Konten wieder, weil sie nun zum Schluss gekommen war, wirklich depressiv mache das Leben ohne soziale Netzwerke. Eine Erkenntnis, die sie in einem zwanzigteiligen Reel-Projekt mit ihrer Community verarbeitet hatte.

Leo erkannte auch einen Foodfluencer, der nicht essen ging, sondern dumpstern, also in Mülleimern von Restaurants und Supermärkten genießbares Essen suchte und die Eimer je nach Ausbeute rezensierte. Er hatte sich offenbar von seiner letzten Lebensmittelvergiftung erholt und genoss einen Weißen Spritzer.

Vor dem Hotel waren die Vorbereitungen beendet. Menschengruppen drängten sich lachend in Fotoboxen, mobile Gimbals drehten sich synchron mit den Gesichtern der Feiernden, es lief Popmusik, und alle wirkten gut gelaunt. Überall hielten Menschen ihre Handys bereit, als würde gleich ein Oscar für den besten Auftritt in einer Insta-Story vergeben. Aber wo war der Star der Show? Wo war Bella Barks?

»Das ist sie!«

Aufgeregtes Kreischen, als ein schwarzer Mercedes angerollt kam. Der E-SUV war kaum hörbar. Auf seinem Dach war ein überdimensionierter Knochen mit einer pinken Masche montiert.