Berkamp - Ein langer schwarzer Schatten - Günter Billy Hollenbach - E-Book

Berkamp - Ein langer schwarzer Schatten E-Book

Günter Billy Hollenbach

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Beschreibung

Berkamp wird mit zwei rätselhaften Todesfällen konfrontiert. Herr Marx, ein Mitbewohner, stürzt aus dem achten Stockwerk in den Tod. Wenige Tage später, telefonisch vermittelt durch ihre frühere Studienfreundin Claudia, Berkamps Tochter, bittet eine Frau Dr. Aschauer aus dem Nachbarort Berkamp um Hilfe; wegen dessen Verbindung mit dem K 11 im Polizeipräsi-dium Frankfurt. Denn die Aschauer hat ihre Lebenspartnerin Petra Wernecke weitgehend un-bekleidet, von Unbekannt auf ein Bett gefesselt, tot aufgefunden. In einem für Sex-Spiele aus-gestatteten Kellerraum ihres Wohnhauses. Berkamp und Oberkommissarin Conrad, zwischen denen sich in den vergangenen Monaten eine kollegiale Freundschaft entwickelt hat, beschlie-ßen, dem erkennbar unnatürlichen Tod der Frau nachzugehen; obwohl Hinweise auf äußere Gewalt gegen das Opfer fehlen. Die erste Annahme, dass gehobene Prostitution den Hinter-grund der Tat liefert, erweist sich schnell als falsch. Zufällig in den Tagen begegnet Berkamp vor seinem Haus der gerade vierzehnjährigen Janina Hoffer. Sie will Herrn Marx besuchen, der ihr regelmäßig Nachhilfeunterricht gibt. Und, so zeigt sich bald, ein besonderes Interesse an Janina hatte. Die Nachricht vom Tod des Lehrers trifft das Mädchen unerwartet hart. Janina verhält sich widersprüchlich; mal leichtsinnig, mal kess, fasst aber Vertrauen zu Berkamp. Er und Vera Conrad entdecken, dass Janina die junge Schwester der toten Petra Wernecke ist. Von daheim war Janina der Umgang mit ihrer unmo-ralischen älteren Schwester strikt untersagt worden. Und Frau Dr. Aschauer hält es für ange-bracht, die junge Schwester der Polizei gegenüber unerwähnt zu lassen. Vera Conrads und Berkamps Nachforschungen führen schließlich fast dreißig Jahre zurück nach Weimar in die Zeit der deutschen Wiedervereinigung.

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Seitenzahl: 869

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Ein langer schwarzer Schatten

Ein langer schwarzer Schatten

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Donnerstag, 11. Juli5

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Samstag, 13. Juli

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Mittwoch, 31. Juli

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Donnerstag, 11. Juli

Wie sie da steht, wirkt sie unschlüssig.

Bei genauerem Hinsehen fallen mir Wörter wie ungeduldig und bekümmert ein. Mit leicht nickendem Kopf verfolgt sie wie beiläufig mein Näherkommen seitlich über die Schulter.

Oder insgeheim enttäuscht darüber, dass ich es bin.

Sie steht gut drei Schritte vor den Stufen zum Eingangsbereich meines Wohnblocks. Gegen ein silberblaues Geländefahrrad gelehnt, mit einem viereckigen, schwarzen Drahtkorb auf dem Gepäckträger. Ihre Finger spielen unruhig vor dem Bauch. Offenbar wartet sie auf jemanden. Auf gut einen Meter umweht sie quäkende Musik mit dröhnendem Bass aus zwei kleinen Ohrsteckerhörern. Zu dessen Takt bewegt das Mädchen den Kopf. Oh, oh, denke ich, deine Ohren müssen sich vor Schmerzen winden. Mach weiter so, und dir blüht baldiger Hörverlust.

Sie mag dreizehn, vierzehn Jahre alt sein. Als ich vorbeigehe, schaltet ihr Blick auf Nichtsehen. Dennoch spüre ich, wie sie mir nachschaut, während ich die sechs Stufen im Vorfeld der Eingangstür nehme. Beim Öffnen der Tür drehe ich mich um.

„Was ist? Willst Du mit rein? Dann komm!“

Das Mädchen zuckt ein wenig zusammen, kriegt große Augen, zieht den rechten Ohrhörer heraus, fragt zurück:

„Wie?“

„Willst Du mit rein? Wohnst Du hier?“

Sie greift in ihre Jackentasche, und das quäkende Musikgeräusch verstummt. Nach kurzem Zögern stellt sie fest:

„Er macht nicht auf.“

Sie zieht eine unschlüssige Schnute, lässt den einzelnen Ohrhörer an ihrer Schulter baumeln, fasst flüchtig an das Fahrrad, um sich zu versichern, dass es abgestützt steht.

Weil ich annehme, sie kommt mit, halte ich die Tür weiter offen.

„Wer macht nicht auf?“

„Nicht wichtig.“

Ihr Gesichtsausdruck verrät das Gegenteil. Wie zur Bestätigung kommt sie einen langsamen Schritt näher.

„Herr Marx, kennen Sie den zufällig?“

Gute Frage in einem zwölfstöckigen Wohnblock.

Mir sind gerade mal die Bewohner in drei Apartments, zwei unter mir und eines im ersten Stockwerk, etwas besser bekannt. Wir sprechen gelegentlich miteinander. Eine Frau aus Kroatien kümmert sich um meine Post, wenn ich für mehr als eine Woche auf Reisen bin. Die Gesichter der Nachbarn im vierten Stockwerk, wo meine Eigentumswohnung liegt, sind mir zwar vertraut, ich kann ihnen auch einen Namen zuordnen. Doch wir laufen uns selten über den Weg, grüßen, haben uns wenig mehr zu sagen. Manchen Hausbewohnern begegne ich seit Jahren ab und zu unten an den Briefkästen oder draußen vor den Müll-Containern, nicke ihnen bei der jährlichen Eigentümer-Versammlung zu. Hin und wieder neue Gesichter bemerke ich zwar, wünsche ihnen eine guten Tag und verschwende keinen weiteren Gedanken an sie. Nachbarschaftsumgang im Hochhaus.

„In welchem Stockwerk wohnt der?“

„Im achten. Hätte ja sein können ...“

„Tut mir leid, vielleicht, wenn ich ihn sehe, erkenne ich ihn.“

„Eigentlich müsste er da sein.“

Ein leichtes Flattern in der Stimme, als ob sie ein wenig belegt ist.

„Tja, Mädchen, was soll ich sagen?“

„Kann man nichts machen.“

Dennoch sieht sie mich teils fragend, teils bittend an.

Sie hat eine schlanke, fast schmale Figur, ein hübsches Gesicht zwischen arglosem Unschuldsblick und zaghaft aufkeimendem Pubertätsbewusstsein. Das Mittelbraun ihrer schulterlangen Haaren scheint sich in den Augen mit fast schwarzer Iris zu spiegeln. Sie trägt eine beigegrüne Windjacke über einem blaugrün gestreiften Sweatshirt, eng anliegende, hellblaue Jeans mit einem winkelförmigen Einriss unter dem linken Knie und blauweiße Basketballschuhe, die an den schlanken Beine recht groß, beinahe derb wirken.

„Wartest Du schon lange?“

„Es geht.“

Dass die Kinder in dem Alter so mundfaul sind.

Ich werfe einen kurzen Blick auf das breite Klingelfeld mit seinen Schilderreihen heimischer und fremdländischer Namen. Vier Stockwerke höher findet sich der Name W. Marx, vermutlich eine Wohnung in gleiche Größe und Ecklage wie meine.

„Du kannst Herrn Marx einen Zettel in den Briefkasten werfen.“

„Handy bringt nichts. Er nimmt nicht ab. ... Zettel hab ich keinen.“

Ihr Blick hat sich weit genug geöffnet, um zu zeigen, dass sie sich zum Austausch von ein paar Worten mehr bereit findet.

„Kein Problem, damit kann ich dir aushelfen.“

Kleine Mühe. Damit sie nicht völlig umsonst hierher gekommen ist.

„Ja, schon, ... aber ... eigentlich ... nöh, muss nicht sein.“

Da greife ich bereits nach einem der kleinen Zettel, die gewohnheitsmäßig mit zwei, drei Visitenkarten in meiner Hemdentasche stecken.

„Hier, ich habe auch einen Kugelschreiber; bitte sehr, junge Dame.“

Sie schaut mich unsicher an, errötet ein wenig.

Anziehende, goldbraune und schwarze Augen.

Das Mädchen hat bereits die Hände gehoben, um nach Papier und Stift zu greifen, zuckt jedoch unvermittelt ein wenig mit dem Kopf und senkt den Blick.

„Besser ... ne; ich glaub, ich bin zu aufgeregt; dann wird das ganz krakelig, kann kein Teufel lesen.“

„Ich dachte nur, ... weil ich nicht wissen will, was Du schreibst.“

„Schon gut.“

Sie bleibt stehen, drückt verlegen die Knie aneinander, wirkt etwas verloren.

„Soll ich ... was soll ich schreiben?“

Beinahe erleichtert nickt sie und holt tief Luft.

„Wenn Sie ... das machen?!“

„Na schön, wenn Du es mir zutraust. Was soll ich schreiben?“

Auf ihrer jugendlichen Stirn zieht sich eine unerwartet tiefe Steilfalte zwischen den Augenbrauen zusammen, das Mädchen macht ein-, zweimal „hm“ und bietet mit hellerer Stimme als bisher an:

„Wie wäre das: Lieber Wilfried, kannst du dringend bitte dich melden.“

Sie schafft es, mir einen längeren, prüfenden Blick zu schenken.

„Na ja, etwas umständlich, finde ich. ,Bitte melde dich dringend’ reicht doch, meinst Du nicht?“

„Ja, nur vorher ,lieber Wilfried’.“

Ich nicke und beginne, den Zettel in meiner Handfläche zu beschriften.

Das Mädchen tritt einen Schritt näher und verfolgt aufmerksam die Bewegungen des Kugelschreibers.

„Bitte sehr. Hier, lies, dass ich auch alles geschrieben habe, wie Du gesagt hast.“

„Darf ich?“

Ohne meine Antwort abzuwarten, nimmt sie mir den Kugelschreiber aus der Hand und greift nach dem Papier. Sie betrachtet den knappen Text, lässt einen kleinen Luftstoß hören.

„Bestimmt gut so.“

Mit einem schnellen Schwung malt sie rechts unten ein Smiley-Gesicht auf den Zettel und reicht mir den Kugelschreiber zurück.

„Du musst noch unterschreiben.“

Ihre Augen blitzen auf, kess und vorwurfsvoll zugleich.

„Wie?“

„Na, dein Name. Woher soll der Herr Marx sonst wissen, von wem der Zettel kommt? Ist doch meine Handschrift.“

„Ach so, ja.“

Sie streckt ihre Hand in Richtung Kugelschreiber aus und murmelt:

„Janina.“

Tatsächlich malt sie bedächtig bloß ein geschwungenes J links neben den Smiley.

„Habe ich das richtig gehört, Du heißt Janina?“

„Ja.“

„Na schön, Janina. Also war dein Besuch hier nicht ganz vergeblich. Da, Du musst mit in den Flur kommen. Die Briefkästen sind da drin.“

„Weiß ich.“

Sie geht zögernd zu den bauchhoch in einer L-Form angeordneten Briefkastenreihen, schaut flüchtig zu mir, wie um sicher zu sein, dass ich ihr nicht zu nahe komme. Ihr Blick streift unruhig über die Klappen mit den Namensschildern.

„Acht, er wohnt im achten,“ stellt sie halblaut fest.

Mit dem rechten Zeigefinger tappt sie fahrig von oben nach unten an den Briefkastenklappen unter der Zahl Acht entlang bis hinab zur letzten. Sie wiegt sich verlegen in den schmalen Hüften, dreht den Kopf fahrig in meine Richtung, zieht enttäuscht den Mundwinkel zur Seite.

„Blöd.“

Ich tippe auf den richtigen Briefkasten.

„Hier, Marx.“

„Stimmt, ist so klein, die Schrift.“

Sie hebt den Deckel an, schubst den Zettel erleichtert hinein.

„Okay. Hast Du es weit bis nach Hause?“

„Nöh.“

Ich gehe mit ihr zurück bis vor die Tür, warte, während sie langsam die Stufen hinabsteigt.

„Wohnst Du hier in Steinbach, Janina?“

„Ne, drüben in Weißkirchen.“

Ohne hinzusehen schnappt sie den losen Ohrhörstecker und schiebt ihn in ihr rechtes Ohr. Ihre Art, mir anzudeuten, dass ich entlassen bin. Sie ergreift das Fahrrad am Sattel, klappt den Seitenständer ein, dreht mir flüchtig den Kopf zu und schwingt sich in die Pedalen. Ohne zurückzuschauen, zieht sie die Schultern hoch und fährt davon.

2

Es gibt Ereignisse, die gehen dir unter die Haut.

Obwohl du dich, wie ich, bereits sechzig Jahre auf dieser Erde umtust. Du denkst, so leicht haut dich nichts mehr um. Weil du – gerade in letzter Zeit – Dinge erlebt hast, die Nerven kosten, Angst machen, sogar das eigene Leben in Gefahr bringen. Durch Zufall oder mit Absicht. Auch dank einer Kriminalhauptkommissarin als Lebenspartnerin.

Dank ihres Einflusses bin ich bei manchen Dingen abgebrühter geworden. Abgestumpft hat es mich nicht, glaube ich jedenfalls. Die Bandbreite meiner Gefühle hat zugenommen. Gelegentlich spüre ich, dass ich empfindlicher geworden bin für das Leid von Menschen, zumal wenn ich ihm unmittelbar begegne. Und nachsichtiger bezüglich Irrtümern und Fehlverhalten.

Früher kamen mir schneller abfällige Bemerkungen, laute Zurechtweisungen oder auch beleidigende Sprüche über die Zunge. Jetzt rede ich mit mehr Bedacht, achte stärker auf meine Intuition. Erfahrung ist ein wertvoller Lehrmeister. Als Organisationsberater einer Consulting-Firma habe ich länger als zwanzig Jahre namhafte Zulieferbetriebe für den Automobilbau im In- und Ausland betreut.

Seit gut vier Jahren verdiene ich mein Geld als freiberuflicher Verhaltenscoach. Das gestattet mir einen komfortablen Umgang mit der Arbeitszeit. Auch ohne psychoanalytisches Gefasel, das mir stets zuwider war, vermittelt das Coachen mir immer wieder lehrreiche Einblicke in die inneren Befindlichkeiten von Mitmenschen. Eigenen Abstand zu ihren Seelenfalten zu wahren gehört zu meiner Berufsauffassung als bekennender Anhänger des Neurolinguistischen Programmierens in Verbindung mit Energie-Arbeit.

Mein Verhalten im Alltag hat sich verändert. Rüpeleien oder gar Bösartigkeiten von Mitmenschen nehme ich beinahe sportlich als Denkanstöße; selbstverständlich auch als Aufforderung zum Selbstschutz. Aber erst in zweiter Linie als Anlass zum Einschreiten oder gar Zurückschlagen. Abwarten gilt mir als Zeichen von Umsicht, nicht von Unentschlossenheit. Mit Zögern hat das wenig zu tun. Wenn nötig, entscheide ich sehr schnell. Etwa, wenn jemand mich angreift. Dafür halte ich mich ordentlich fit und beweglich.

Seit einem Jahr habe ich – ausgelöst durch sehr unschöne Erlebnisse – eine neue Einstellung zum Umgang mit Schusswaffen entwickelt. Auch das gehört für mich zur Lernfähigkeit. Früher war ich Kriegsdienstverweigerer. Heute besitze ich eine amtliche Waffenerlaubnis und bin ziemlich gut im Umgang mit Pistolen.

Meine Hauptkommissarin kann es bestätigen.

Wie gesagt, manche Ereignisse gehen mir dennoch unter die Haut.

Nicht das Geschehen selbst. Die Menschen darin berühren mich. Die mit ihrem Tun immer wieder Rätsel aufgeben. Etwa, wie sie ihr Leben in Verschweigen, Lüge und Täuschung einrichten. Und unbeirrbar darauf vertrauen, damit durchzukommen. Aber fast zwangsläufig scheitern; über kurz oder lang, mal erbärmlich, mal grausam.

Es braucht Genauigkeit, um zu unterscheiden, ob die Menschen oder die Umstände verantwortlich sind für das, was geschieht. Um Wegmarken zu finden, an denen eine Person hätte anders handeln können. Wo alles zu einem guten Ende hätte führen können.

Vielleicht.

Oft kommen solche Gedanken später, manchmal zu spät. Weil du längst Teil des Geschehens bist. Es erfasst dich, lässt dich nicht mehr los. Eine ungewöhnliche Beobachtung, eine überraschende Bitte; du gehst darauf ein, zunächst aus reiner Gefälligkeit. Eh du dich versiehst, stehst du betroffen da; begreifst vor allem, wie wenig du verstehst. Siehst nur Schatten von Menschen, findest Spuren ihrer Taten, die zu Bruchstücken hilfloser Einsicht führen. Und gelegentlich einem gehörigen Maß an Trauer.

3

Samstag, 13. Juli

„Fühlen Sie sich in der Lage, Fragen zu beantworten, Herr Berkamp?“

„Ja klar, fragen Sie; ich bin Kummer gewöhnt.“

„Wie darf ich das verstehen?“

„Meine Frau ist Hauptkommissarin im K 11 im Präsidium in Frankfurt.

Da bleibt es nicht aus ...“

„Wie heißt die Dame?“

„Sandner, Corinna Sandner. Haben Sie schon mit ihr zu tun gehabt?”

„Nicht dass ich wüsste. Könnte sich jetzt ergeben.“

„Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen? Lassen Sie uns mit der Todeszeit beginnen. Die kann ich nämlich ziemlich genau angeben, Herr Garster. Sie sind ... Polizei...Obermeister?“

„Ja, bin ich. Schön, dann fangen wir damit an.“

Ein schlanker Beamter von der Dienststelle Oberursel, Polizeidirektion Hochtaunus, in dunkelblauer Uniform mit Schutzweste.

Der Mann, vielleicht Mitte dreißig, mindestens einmeterfünfundachtzig groß, macht einen freundlichen Eindruck. Sein Ton ist verbindlich, sein Verhalten geschäftsmäßig, unaufgeregt. Angesichts der Umstände finde ich das wohltuend. Wir sitzen uns in einem silbern, blau und hinten giftgrün lackierten Mercedes Viano Polizeikleinbus gegenüber.

POM Garster hat mich das Einverständnis zur Befragung als Zeuge unterschreiben lassen, meine Personalien aufgenommen, sich mehrere Notizen gemacht. Jetzt tippt er geruhsam in einen Formularbogen auf seinem Laptop-Computer, der zwischen uns auf einem schmalen Klapptisch summt.

„Wir könnten es auch auf Papier tun; aber ich mag das lieber elektronisch,“ erklärt der Beamte beinahe entschuldigend. Draußen ist es zwar noch taghell. Aber im Schatten der hohen Bäume vor unseren Wohnblocks und hier im Fahrzeug mit den abgedunkelten Seitenscheiben bleibt davon kaum etwas übrig. Das Deckenlicht und eine kleine schwenkbare Arbeitsleuchte verbessern die Sichtverhältnisse nur mäßig. Was soll ’s; solange Garster die Buchstaben auf seinen Computertasten findet, kann es mir recht sein.

„Also, gut, die Uhrzeit.“

„Ja, leicht zu merken. Gleich nach der Tagesschau, zwei, drei Minuten später, habe ich meine Tochter in Santa Fe angerufen. Das ist in New Mexico in den USA. Sie lebt dort mit ihrer Familie. Wir haben gut fünfundzwanzig Minuten miteinander gesprochen. Mein Telefon zeigt die Dauer des Gesprächs an, daher weiß ich das. Das heißt, ich bin gegen zwanziguhrfünfundvierzig in mein Wohnzimmer gegangen.“

„Gut, ich gehe davon aus, das lässt sich überprüfen.“

„Klar, rufen Sie meine Tochter an, oder besser gleich den amerikanischen Nachrichtendienst NSA. Die können das sicher unabhängig voneinander bestätigen.“

Garster grinst wissend, bewegt langsam den Kopf hin und her.

„Ehrlich gesagt, ich finde das eine ziemlich Sauerei, diese Internet-Schnüffelei. Genaugenommen amtliche Straftaten unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung. Wir machen uns verrückt wegen Virenschutz für den Familiencomputer, und diese Geheimdiensttypen fummeln gnadenlos in jedem Computer der Welt rum, wie ihnen der paranoide Sinn danach steht.“

„Das aus Ihrem Munde? Gut zu hören, sehr einverstanden.“

„Na, ich bitte Sie; ich bin auch Staatsbürger und achte auf meine verfassungsmäßigen Rechte. Also, viertel vor neun. Wie ging es weiter, was geschah dann?“

„Ich stand in meinem Wohnzimmer, habe überlegt, wie ich mir den Rest des Abends vertreibe. Plötzlich war da in meinem Fenster, draußen vor dem Balkon, eine schnelle Bewegung abwärts. Es sah aus wie ein langer, schwarzer Schatten. Aber der Schatten hatte Arme. Die waren deutlich zu sehen.“

„Augenblick, bitte langsam jetzt, so gut Sie sich erinnern, Herr Berkamp. Konnten Sie den Kopf erkennen?“

„Nein. Es ging wahnsinnig schnell. Ich habe ja nicht bewusst hingeschaut. Wer rechnet denn mit so etwas? Ich bin sehr sicher, die Beine waren oben, etwas schräg, leicht angewinkelt, in der Bewegung ...“

„Also kopfüber, meinen Sie das?“

„Korrekt. Warten Sie mal.“

Ich schließe die Augen, atme einmal tief durch und rufe den Augenblick in die Erinnerung zurück.

POM Garster wartet geduldig, bis ich ihn wieder anschaue, enthält sich jeder Bemerkung über die kleine Unterbrechung.

„Ja, ja, ziemlich sicher, mit dem Kopf zuerst abwärts.“

„Konnten Sie das Gesicht sehen?“

„Nein. Gut, dass Sie danach fragen. Nein, da war nur dieser lange, schwarze Schatten; dunkle Bekleidung, nichts Helles. Ich unterstelle, ein Gesicht hätte sich deutlich abgehoben in der dunklen Gestalt.“

„Das bedeutet, die Person ist rückwärts über das Balkongeländer gegangen und mit dem Kopf zuerst gefallen. Das passt zu der Auffindlage des Körpers auf dem Rücken.“

Im Tippen sagt Garster halblaut: „Der Mann war mit einem karierten Tischtuch bedeckt, unten am Boden. Wissen Sie, wie das ...?“

„Das gehört mir. Habe ich vom Küchentisch gezerrt, gleich nachdem ich Sie angerufen habe. Ich wollte nicht, dass Leute kommen und glotzen, womöglich Bilder knipsen und ins Internet stellen.“

„Guter Gedanke. Kurz bevor der Schatten, die Gestalt, vor Ihrem Balkon hinabgefallen ist, gab es da besondere Geräusche?“

Nach kurzem Innehalten ergänzt er:

„Geschrei, laute Musik, ungewöhnlicher Krach, Sie verstehen ...?“

„Ja. Nein, da wir nichts zu hören. In meinem Zimmer war es still, der Fernsehen war ausgeschaltet. Wenn es lauten Streit gegeben hätte, zwei oder drei Stockwerke über mir, ich schätze, das hätte ich hören können. Aber, wie gesagt, da war nichts auffällig laut. Der Mann selbst war auch still, jedenfalls gab es keinen Schrei, der von ihm gewesen sein konnte.“

„Unten, direkt um den Toten herum, lagen da irgendwelche Dinge, Gegenstände, die dem Mann aus den Taschen gefallen sein können?“

„Nichts, was mir aufgefallen wäre. Ich habe allerdings auch nicht danach gesucht. Der Gedanke ist mir nicht gekommen. Ich habe seinen Puls am Hals gefühlt und den Mann zugedeckt. Er roch nach Alkohol, Cognac oder Whisky. Das fiel mir dabei auf.“

POM Garster nickt stumm vor sich in, tippt mit gleichmäßig langsamen Anschlägen weiter, während wir sprechen. Gelegentlich schaut er für Sekundenbruchteile zu mir auf.

„Also, Alkohol, muss überprüft werden. Haben Sie Dinge oder Gegenstände entfernt, die der Tote bei sich trug, etwas, was er in Händen hielt oder in den Taschen bei sich trug?“

„Nein, habe ich nicht.“

„Gut, weiter. Kennen Sie den Mann?“

„Nein, jedenfalls nicht mit Namen. Vielleicht sind wir uns schon flüchtig begegnet, an den Briefkästen oder in der Großgarage. Aber ich bin ziemlich sicher, wir haben keine zwei Sätze miteinander gesprochen.“

Das Öffnen der seitlichen Schiebetür des Dienstwagens unterbricht uns. Ein zweiter Polizeibeamter, um die vierzig Jahre alt, mit rundem, etwas rötlichem Gesicht und kurzen, schütteren, grauen Haaren, lehnt sich mit beiden seitlich ausgestreckten Armen an den Türrahmen. Er und ein Kollege sind nach meinem Anruf als erste in einem Opel-Insignia-Dienstwagen hier eingetroffen, haben die Stelle, wo der Tote liegt, weiträumig mit rotweißem Plastikband abgesperrt, um die wenigen Umstehenden auf Abstand zu halten. Einer der beiden hat den Fundort sowie die Leiche fotografiert.

Obwohl der Beamte uns im Gespräch sieht, redet er dazwischen.

„Der Notarzt hat den Tod bestätigt. Der Mann war anscheinend alkoholisiert. Er trägt keine Papiere bei sich, nichts, was auf die Identität hinweisen kann. Und er hat keine Schlüssel bei sich.“

Der Kollege Winkler, berichtet der Uniformierte, ist von oben her durch das Haus gegangen. In den obersten Stockwerken waren die Bewohner der in Frage kommenden Wohnungen anzutreffen. Ohne Auffälligkeiten. Die Frau im neunten Stockwerk hat eine Tochter, die mit ihrem Verlobten seit heute Vormittag unterwegs ist. Laut Auskunft der Nachbarn kommt nur eine Wohnung im achten Stockwerk in Frage. Auf dem Türschild steht W. Marx. Die Tür ist verschlossen; auf das Klingeln des Kollegen hat niemand geantwortet, aus der Wohnung drangen keine Geräusche. Links davon der Nachbar Stielke hat eine Personenbeschreibung gegeben, die zu dem Toten passt. Demnach lebte dieser Herr Marx allein in der Wohnung.

„Jedenfalls hat der Nachbar das ausgesagt; mit der Einschränkung, dass er ist tagsüber in Eschborn arbeitet. Wir könnten den Herrn Stielke um Identifizierung bitten, was meinst Du, Stefan?“

„Mir ist der Tote unbekannt,“ werfe ich ein.

POM Garster dreht sich dem Kollegen zu, drückt die Arme durch und atmet laut aus.

„Mann, Tom, Du stellst Fragen. Für mich sieht das klar nach Selbsttötung aus. Jedenfalls haben wir keine Hinweise auf ein Gewaltverbrechen. Keinen Grund für weitere Ermittlungen. Bleibt die Frage, wohin der Tote gebracht werden soll. Wenn keine Angehörigen da sind, die sich um die Bestattung kümmern. Mist. Wenn wir wenigstens in die Wohnung könnten. Ohne weitere Gefahrenhinweise können wir da nicht einfach einbrechen.“

Er kratzt sich am Kinn und verzieht den Mund.

„Pass auf, lass uns auf Nummer Sicher gehen. Sag den Homburgern bescheid, die sollen jemanden vorbeischicken. Ist der Notarzt noch da? Der soll den Nachbarn an die Hand nehmen und ihm den Toten kurz zeigen. Halt Du dich raus dabei.“

„Klingt gut; das machen wir,“ bestätigt der Kollege „Tom“, stößt sich mit leichtem Ruck vom Türrahmen ab, nickt kurz und läuft mit eiligen Schritten um eine große Buschgruppe herum zu dem Notarzt-Fahrzeug, das auf der Rückseite des Wohnblocks parkt.

Obermeister Garster schaut dem Kollegen versonnen hinterher.

Als er sich langsam zu mir dreht, meint er mit halblauter Stimme:

„Es gibt ja auch so etwas wie den Seelenfrieden eines Toten. Solange wir keine Hinweise auf einen gewaltsamen Tod durch Fremdeinwirkung haben, fühlen wir uns nicht berufen, sein bisheriges Leben umzukrempeln, als müssten wir ein Unrecht aufklären.“

Er starrt auf den Computerbildschirm, oder durch ihn hindurch.

„Wer weiß; der Kerl war vielleicht krass depressiv, hoffnungslos in Liebeskummer versunken oder litt an einer unheilbaren Krankheit. Also schließt er sich in seiner Bude ein, besäuft sich ordentlich, und schickt sich und sein Unglück auf die Reise ins Jenseits. Tja, was soll man da tun? In Bad Homburg sitzt unsere Kriminalpolizei. Kann nicht schaden, wenn die sich eine Meinung bilden.“

POM Garster tippt eine Weile in den Computer. Ohne aufzuschauen, bemerkt er:

„Ich denke, wir sind soweit fertig, Herr Berkamp. Natürlich können sich neue Fragen ergeben, vor allem, falls die Homburger Kollegen auf etwas stoßen, was Zweifel am Hergang des Geschehens weckt. Danke erst mal für Ihre Aussage.“

Ich stehe bereits neben der Wagentür, als er mir nachruft:

„Übrigens, ich habe noch eine Bitte, aber auch nur, weil Ihre Frau im Frankfurter K 11 arbeitet. Unsere Art zu denken dürfte Ihnen nicht fremd sein. Falls Sie in nächster Zeit etwas Ungewöhnliches im Zusammenhang mit der Wohnung im achten Stock oder um diesen Herrn Marx herum bemerken, oder wenn Sie im Gespräch mit Nachbarn etwas hören, was interessant sein könnte, ich will damit sagen, man weiß nie, welche Merkwürdigkeiten bei einem solchen Todesfall auftreten können. Rufen Sie ruhig an. Bei mir oder den Kollegen in Bad Homburg.“

„Ist recht. Übrigens, das Tischtuch, kann einer von Ihnen das bitte in den Müll werfen? Ich nehme es nicht mehr zurück.“

„Kein Thema. Würde ich auch so machen. Also, wiedersehen, Herr Berkamp.“

„Tschüss, Herr Garster, und noch einen guten Abend, falls das geht.“

*

Marx, Wilfried Marx. Einige Schritte weg von dem Polizei-Kleinbus fällt es mir wieder ein. Das Mädchen auf den Geländefahrrad hat nach ihm gefragt; gestern, nein, vorgestern, Donnerstag.

Unwillkürlich bleibe ich stehen.

Ob das wichtig ist für die Polizei?

Nöh, kann ich mir nicht vorstellen. Zumal ich außer einem Vornamen, Jana oder Janina, nichts über das Mädchen und seine Beziehung zu dem toten Marx weiß.

4

Um kurz nach zehn bin ich zurück in meiner Wohnung; Sommerzeit, die Uhr um eine Stunde vorgedreht. Die Dämmerung kommt schnell näher. Dennoch vermeide ich es, das Wohnzimmerlicht einzuschalten.

Zu alldem bin ich heute allein.

Na, bestens. Für einen Samstagabend kann ich mir einen angenehmeren Zeitvertreib vorstellen. Ein Mensch, eigentlich nur ein Schatten, fällt draußen an deinem Balkon vorbei. Eine Stunde später stehst du wieder im Wohnzimmer, und das Geschehen spukt dir im Kopf rum. Aus dem achten Stockwerk bis dort unten ist es ziemlich tief.

Der Vorfall selbst hat mit mir nicht das Geringste zu tun. Doch sein Nachspiel verschafft mir ein graues Druckgefühl in der Magengegend. Und macht nachdenklich. Beziehungen, Vergänglichkeit, Leben und Sterben im Hochhaus.

Meine „Mond-Göttin“ würde nur mit den Schultern zucken, wäre sie jetzt hier. Und erklären: Das wäre nicht passiert, wenn es keine Hochhäuser gäbe. Also, wer trägt letztlich die Schuld?! Sie und ihre bestechende Logik. Und ihre einmalige Art, trübe Gedanken zu verscheuchen.

Tatort Hochhaus.

Ein Mann, allein. Er fällt; einfach so? Wohl eher, weil er sich selbst hinabstürzen ließ. Wenn keiner nachgeholfen hat. Wieso macht der Mann das, vermutlich nicht einmal vierzig Jahre alt? Was könnte mich dazu bringen? ... Nichts und niemand.

Zufällig siehst du ihn abwärts fliegen, traust erst deinen Augen kaum, stakst erschrocken auf den Balkon. Tatsächlich, da unten liegt ein Mensch, still und reglos, gehört dort nicht hin, schon gar nicht in eine sich ausbreitende dunkelrote Lache. Ohne langes Nachdenken gehst du zum Telefon, schnappst das Tuch vom Küchentisch, eilst das Treppenhaus hinab und denkst „Friede seiner Seele“.

Der notwendige Rest geht seinen ordnungsgemäßen Gang.

Beinahe.

Polizeiobermeister Garster gegenüber habe ich die Dinge etwas gerader gerückt als sie sind. Meinem Ansehen bei ihm dürfte es nützen. Für den Umgang mit dem „Fall“ Marx ist es unerheblich. Corinna Sandner, Kriminalhauptkommissarin im K 11, „Kapitaldelikte“, des Polizeipräsidiums Frankfurt, umgangssprachlich zuständig für Mord und Totschlag, ist nicht mehr meine „Frau“, neuzeitlich Lebenspartnerin. Seit ein paar Wochen nur noch meine liebe Freundin. Nennen wir es eine weiterhin vorzügliche Beziehung. Denn trotz ihrer Vorliebe für das Alleinzubettgehen verbinden Corinna und mich ein schwer zu erschütterndes Vertrauen.

Und Mona, ihre Tochter.

Die bestand nach dem Auszug der Mutter darauf, weiterhin bei mir zu wohnen. Alt genug für die Entscheidung ist sie. Fünfundzwanzig Jahre. Ich war darüber mehr als erfreut. Denn vom Augenblick unserer ersten Begegnung an, vor über einem Jahr, mochte ich Mona sehr. Auch dank ihrer attraktiven Erscheinung und patenten Art.

Grüne Augen, mahagonirote Haare. Reicht das?

Ihrer Mutter nicht unähnlich; eben die Tochter. Im Aussehen, ja. Im Wesen? Na ja; zum Glück. Die meiste Zeit erlebe ich Mona als gradlinige, umgängliche Frohnatur; was durchaus erstaunlich ist. Denn verglichen mit anderen jungen Frauen wuchs sie mit den Heimsuchungen eines nichtalltäglichen mütterlichen Berufs auf. Dazu zählen die regelmäßige Befassung mit menschlichen Scheußlichkeiten, zu Misstrauen neigendes Denken, nur in Grenzen planbare Dienstzeiten sowie eine höhere Gefahrengeneigtheit.

*

Es gibt Erfahrungen, die dauerhaft verbinden.

Endgültig besiegelt wurde unsere Beziehung vor über zwei Monaten. Als eine fremde Frau bei einem unerwarteten Racheangriff Mona mit einem Messerstich übel am Hals verletzte. Beinahe wäre sie unter meinen Händen verblutet. Dank tragischer Ereignisse kurz zuvor befand ich mich in der Nähe, presste in Panik eher schlecht als recht gegen die blutspeiende, pulsierende Halsschlagader. Bis Notärzte eintrafen und übernahmen. Buchstäblich in letzter Sekunde.

Seit dem Nachmittag liebe ich Mona grenzenlos, bedingungslos.

Als Geschenk des Lebens, als Kumpel, Freundin, Tochter, Klassefrau.

Was auch immer.

Aus tiefstem Herzen. Ohne Sex.

Obwohl ihre Mutter das nicht glauben will.

Mona ist wieder kerngesund – soweit man sieht, jedenfalls –; hat ihre lebensbejahende Heiterkeit weitgehend zurückgewonnen. Ihren Schlag für ältere Männer hat sie schon früher freimütig gestanden. Gelegentlich neckt sie mich mit der Feststellung, ich sei rundum gut in Schuss, eine Frau im besten Alter. Ich höre es gern und winke innerlich ab.

Passt alles bestens; beinahe kitschig. Oberflächlich betrachtet.

Von wegen.

Kesse Sprüche und ein verschmitztes Lächeln sind das eine. Das andere ist, was sie verdecken. Bekanntlich besteht ein feiner, aber entscheidender Unterschied zwischen zusammen und miteinander schlafen. Mona und ich haben dazu ein wetterfestes Einvernehmen. Seit ihrer Rückkehr aus der Klinik nächtigt sie dort, wo wenige Wochen vorher ihre Mutter schlief. Wir kommen gut damit klar, sprechen nur noch selten darüber. Mona nicht, ich von mir aus sowieso nicht.

Sie mag nachts nicht allein sein. Wir wissen beide bescheid. Noch nach über einem Jahr leidet ihr Innenleben unter einer Beziehung, die als vermeintliches Liebesverhältnis begann. Und mit einer brutalen Vergewaltigung endete.

Mehrere Monate bevor wir uns erstmals begegnet sind.

So weit, so – halbwegs – gut.

Dennoch nicht ganz einfach.

Seit ich Corinna getroffen habe, passt das Wort „einfach“ nur noch in Grenzen zu diesem Haushalt.

*

Für andere mag es abgedroschen klingen. Ich bin fest davon überzeugt, dass das Schicksal uns zusammengeführt hat. Mona und mich sowieso. Und Mahina. Die lebt seit knapp fünf Wochen ebenfalls bei uns. Anrüchig, unmoralisch, verwerflich? Möglich. Na und?

Für uns einfach liebevoll.

Durch ihre Nahtod-Erfahrung nach dem Angriff der „Rache-Hexe“ stieg Monas Interesse an übersinnlichen Erscheinungen beträchtlich. Vor allem deshalb hat sie Mahina kurzentschlossen zu uns eingeladen. Für die war das ein willkommener Anlass, Kalifornien hinter sich zu lassen. Als hätte sie darauf gewartet.

5

Mahina ist hawaiisch und bedeutet „Mond“, auch „Mond-Göttin“.

Mit ihren kurzen, pottschwarzen Haaren, einem Hauch von Olivefarbe in der Haut und etwas exotisch anmutenden, dunklen Augen wird sie gelegentlich für eine Spanierin oder Mexikanerin gehalten. Obwohl sie mit gut Einmetersiebzig größer und schlanker als die typischen Vertreterinnen dieser Länder ist.

Amtlich gilt sie als Amerikanerin. Ihr Reisepass mag das behaupten.

Sie selbst weist es entschieden zurück.

Mahina „Mai“ Ling ist mit Leib und Seele Hawaiianerin.

Gelegentlich auch ungefragt klärt sie Gesprächspartner auf. Schließlich wurde ihr Heimatland mit seinen acht Hauptinseln mitten im Pazifik seit etwa 1820 von rücksichtslosen, habgierigen amerikanischen Landräubern und Missionaren bevölkert, ausgeplündert, wenig später rechtswidrig von den USA in Besitz genommen, mit weiträumigen Militärstützpunkten übersät und viele seiner traumhaft schönen Strände durch Hoteltürme für Touristen verschandelt.

Mahina findet, sie hat gute Gründe, daran zu erinnern.

Geboren wurde sie in Lahaina auf Maui, der zweitgrößten Insel. Als was wohl? Als entfernter Spross eines bigotten, puritanischen, deutsch-amerikanischen Missionars und seines eingeborenen Dienstmädchens. Und deren Kindern, die einen Schuss Blut chinesischer Plantagenarbeiter in den Adern hatten.

*

Begegnet sind wir zwei uns voriges Jahr im Oktober in San Francisco. Nachdem ich zufällig die fünfjährige Janey Wong davor bewahrt habe, entführt zu werden. Als Dank schenkte mir deren Familie Personenschutz und die Einführung in eine alte, chinesische Nahkampflehre. Die Trainerin hieß Mahina Ling. Bald verband uns mehr als die schüchtern eingestandene Zuneigung auf den, ich gestehe es, meinerseits zweiten Blick. Zunächst konnte ich mein Glück kaum fassen. Eine Frau, immerhin achtzehn Jahre jünger als ich, mit beeindruckenden Fähigkeiten und einem Aussehen, das die Titelseite jeder Frauensportzeitschrift zieren könnte.

Mahina wusste von Anfang an, was sie an mir hatte. Mir fiel schwer zu glauben, dass sie allein lebt. Bis sie mir am dritten Tag offenbarte, was uns verbindet. Es war wie ein Blitzschlag, nur ohne Donner. Und hat mich erschüttert, gerührt, beglückt und ernüchtert. Ungefähr in der Reihenfolge, verteilt über zwei, drei Tage.

Mahina und ich teilen – in unterschiedlicher Stärke – das Schicksal „höherer“ sinnlicher Empfindsamkeit; landläufig als Hellsichtigkeit bezeichnet. Ihre Sinneskanäle sind weiter offen als meine. Sie ist, einfach gesagt, nahezu dauerhellsichtig, obendrein mit einem Intelligenzquotient von 160 geschlagen.

Toll? Nein. Wirklich kein Grund, neidisch zu werden.

Das Leben mit diesen Fähigkeiten ist alles andere als ein Vergnügen. Nur wer die uns vorbehaltenen Fegefeuer aus eigenem Erleben kennt und oder den Alltag mit einem solchen Menschen teilt, vermag zu ermessen, welche Seelenpein diese „Gabe“ bereiten kann. Ungezählte Menschen empfinden den Bummel durch ein belebtes Einkaufszentrum als überwiegend vergnügliches Erlebnis. Für Mahina grenzt er an Spießrutenlaufen. Zumal wenn sie müde oder hungrig ist, ihre Aufmerksamkeit nicht voll im Griff hat. Ungewollt hört sie die Gedanken der Menschen um sich herum. Die schlechten und traurigen deutlicher als die heiteren und glücklichen. Was sie empfängt sind äußere, fremde Signale, kleine Einbildung.

Sie hat sich mehr als einmal testen lassen.

Ähnlich geht es ihr, wenn sie ihren „Röntgenblick“ nutzt, um die Energiezentren, die sogenannten Chakras, fremder Menschen zu betrachten. Selten eine schöne Sache. Ungewollt erkennt Mahina darin Teile von deren Lebensgeschichte sowie gesundheitliche oder seelische Störungen. Folglich meidet sie, wenn möglich, größere Menschenansammlungen.

Was tust du, wenn dir ungewollt Hinweise zuteil werden auf ein großes Missgeschick, das in naher Zukunft einen Menschen treffen wird, der dir viel bedeutet? Warte; denk nach, bevor du leichtfertig antwortest. All das mag dazu beitragen, dass Mahina in der Begegnung mit fremden Menschen zurückhaltend, fast schüchtern wirkt.

Ihren Kampfsport übt sie mit Inbrunst aus. Er hilft ihr, die Sinne zu beruhigen und zu steuern. Manchmal denke ich, sie kämpft dabei auch gegen die Dämonen, die sie in bösartigen Menschen entdeckt.

Mit ihrem Alleinleben hatte Mahina sich in San Francisco einigermaßen eingerichtet. Das konnte ich nachvollziehen. „Normale“ Menschen begegnen der übersinnlichen Gabe mit Unverständnis und Angst. Deshalb sprechen wir mit ihnen höchst selten darüber. Du wirst hinterrücks für unheimlich oder plemplem gehalten. Und bekommst kaum eine zweite Chance, zu erklären, dass viele Kinder und in geringerer Zahl Erwachsene zu höheren, nichtalltäglichen Sinnesleistungen fähig sind. Folglich entwickelst du eigenwillige Maßstäbe für in Frage kommende Beziehungspartner.

Corinna hatte mit meinen „Intuitionen“ ebenfalls ihre liebe Last.

Mahinas privater Umgang beschränkte sich auf wenige Personen, die ihr vertraut waren. Sie hockte gern daheim, las bergeweise Bücher im Schnelldurchlauf oder fuhr auf ihrer Harley-Davidson nachts dem Mond hinterher. Für sie war ich ein Geschenk des Himmels.

Und ich, der sonst Urlaubsflirts entschlossen aus dem Weg geht, fühlte mich unwiderstehlich in Mahinas Bann.

Wenn sie dir gestattet, ihr näher zu kommen, und du dich darauf einlässt, entdeckst du eine einmalig faszinierende Frau. Sie zieht die Blicke nicht auf sich. Vielleicht dank des unsichtbaren Energieschutzrings, den sie um sich herum aufgebaut hat. Denn wer genau hinschaut, entdeckt ihre prima Figur und ihr sehr hübsches Gesicht. Mahina schafft es, regelmäßig unterschätzt zu werden. Ihr ist es recht. Sie setzt sich nicht in Szene, schminkt sich kaum, trägt meist unauffälliges Dunkelgrau; Jeans, Lederblouson. Damit böse Geister es schwerer haben, sie zu finden, hat sie mir anvertraut. Bei älteren Hawaiianer und vielen Indianervölkern lebt diese Überzeugung fort.

Mahina macht nicht einfach Kampfsport. Sie trainiert „Ba-Gua“.

Und „Fa Jin“. Das treibt „Ba-Gua“ auf eine gespenstische Spitze.

Beides beherrscht sie wirklich.

Eine seltene chinesische Kampfsportart, abgeleitet aus der Tai-Chi-Tradition. Sie folgt – anders als Kung-Fu – nicht der Lehre des Feuers; wilde Sprünge, harte Schläge, schnelle Tritte.

Sondern der Lehre des Wassers. Die setzt vor allem auf Atmung, entspannte Haltung und kleine Bewegungen mit Händen und Armen. Äußerlich macht das nicht viel her. Es braucht ausdauerndes, jahrelanges Training. Vor allem für das gefährlichere „Fa Jin“. Man baut mit Willenskraft Energie im Körper auf und schießt sie blitzartig in kleinen, gerichteten Bewegungen auf den Gegner, scharf wie ein Meißel.

Das widerspricht fast allem, was die meisten Leute unter Kampfsport verstehen. Und hinterlässt ratlose Ärzte, die keine vernünftige Erklärung finden für Knochenbrüche oder innere Verletzungen ohne die gewöhnlichen, äußeren Schlagwunden. Beispielsweise bei Leuten, die trotz Warnung nicht glauben wollen, dass es unklug ist, Mahina dumm zu kommen. Also meist bei Männern, die es als ihr natürliches Recht betrachten, eine gut aussehende, einzelne Frau anzumachen. Erst mit anzüglichen Sprüchen, dann – falls die Dame mit einem höflichen „Fuck off!“ antwortet – mit Zupacken oder Zuschlagen.

Wenn ein gestandener Kerl plötzlich zwei Meter rückwärts durch die Luft fliegt, und nach dem Koma stotternd schwört, von der Frau weder getreten, gestoßen oder geschlagen worden zu sein – das ist „Fa Jin“. Habe ich selbst erlebt, nur zu Übungszwecken, auf einer Matte.

Und ohne das Koma.

Gebündelte Willensenergie in der härtesten Form.

*

Mahina hat ihr Leben lang gekämpft.

Verstärkt seit der Pubertät. In der Zeit entfalteten sich ihre übersinnliche Fähigkeiten. Ungewollt und anfangs ohne sich selbst darüber zu wundern. Bei all ihren Eigenheiten; dass sie sich ihre seelische Gesundheit bewahrt hat, verdankt sie ihrer Oma Caren. Die begriff, über welche Gabe ihre Enkeltochter verfügte, nahm die Fünfzehnjährige – gegen den entschiedenen Widerstand von Eltern und staatlicher Fürsorge – in ihre Obhut und kümmerte sich um Mahinas Erziehung. Als waschechte Oma und bei älteren Einheimischen geachtete kahuna, eine beherzte Frau reich an huna, Wissen und Weisheit gemäß uralten, hawaiischen Überzeugungen und Gebräuchen.

Das prägte Mahinas Wesen.

Sie tat, was sie sagte. In den ersten Tage bereitete mir das einiges Kopfzerbrechen. Ihre geradeheraus gelebte Zuneigung fand ich ... missverständlich. Dabei folgt Mahina nur dem traditionellen Selbstbewusstsein hawaiischer Frauen. Denen galt ohana – Familie – als das höchste Gut. Die Frauen hatten darin naturgemäß das Sagen, bei vielen Dingen mehr als die Männer. Bis heute.

Nur – ohana konnte das halbe Dorf umfassen.

Die ausschließliche, eheliche Zweierbindung von Mann und Frau, von puritanischen Predigern gnadenlos verbreitet, wurde bald zum Markenzeichen missionarischer Niedertracht und Unmenschlichkeit.

Die alten hawaiischen Überzeugungen leben – dank Oma Caren – in Mahina weiter. Auch wenn es um körperliche Lust und Liebe geht. Wenn du das einmal kapiert hast, wird der Umgang mit ihr eine ganze Ecke leichter. Treue bedeutet für sie Verlässlichkeit, Ehrlichkeit und beständige, liebevolle Beziehungsarbeit. Sex als unverbindliches Zufallsvergnügen lehnt sie ab. Sich von einem Mann gängeln zu lassen, steht für sie ebenso außer Frage wie einen Mann als Besitz zu beanspruchen. Für Mahina kann jeder Mensch mehr als einen mit ehrlichem Herzen lieben, ohne einem anderen etwas wegzunehmen. Vorausgesetzt, die Beteiligten sprechen – immer – offen und wahrhaftig miteinander.

Auf den ersten Blick erscheint dies wie unvereinbare Widersprüche, wenn nicht gar wie die Rechtfertigung einer sehr lockeren Moral. Weit gefehlt. Im Alltag erlebe ich Mahina als eine hübsche, coole, zuverlässige, gelegentlich überaus anstrengende, auf ihre Weise sehr treue und für mich einmalig packende Frau.

*

Verglichen mit ihrem San Francisco-Appartement aus Wohnküche und Schlafklosett empfand Mahina unsere Vierzimmerwohnung in Steinbach als Luxuswohnraum. Mona brachte Mahina seit den ersten Telefongesprächen – auch aus Mitgefühl für deren übersinnliche Fähigkeiten – große Zuneigung entgegen. Dennoch hakte es während der erste Woche nach ihrer Ankunft ein paar mal zwischen beiden.

Mahina lacht eher selten; mit Ironie umzugehen fällt ihr schwer. Sie denkt sehr schnell und kreativ, sagt meist unverblümt, was sie denkt, nicht immer diplomatisch. Ihr meist ruhiger Gesichtsausdruck mag Leuten, die nicht genau hinschauen, wie gleichgültig erscheinen. Dafür lächelt sie innerlich um so öfter und geht gewiss die meiste Zeit zufrieden und vergnügt durch den Tag. Menschen, denen sie vertraut, zeigt sie eine anrührende Herzlichkeit.

Dann brach das Eis. Als Mona die Eigenheiten im Wesen unserer Mond-Göttin besser verstand. Inzwischen sind die beiden enge Verbündete im Herzen. Mona half Mahina beim Zurechtfinden im Alltag und in der deutschen Sprache. Auch wenn deren kreative, meist unbestechlich scharfe Denkweise sowie ihre Lust, über Worte und die Welt zu streiten, Mona mehr als einmal in stille Verwunderung versetzte.

In Sachen Liebe machte sie ebenfalls ganz neue Erfahrungen. Zunächst unsicher, dann zaghaft erfreut erlebte sie Mahinas reihum liebevolle Wertschätzung im alltäglichen Miteinander. Ohne jede Anzüglichkeit, spürbar frei von Eifersucht. Mahinas Umgang mit Sex und Sinnlichkeit – glaubwürdig, zwanglos und ohne Lüsternheit – wirkte für Mona erst missverständlich, dann wie eine innere Befreiung. Das Ergebnis: Auch wenn es gelegentlich anstrengend wird, wir halten zusammen, leben einen überwiegend heiteren, gelassenen Alltag zu dritt.

Bunte Familie.

Ein Stück traditionelles Hawaii in Steinbach.

Ob mit oder ohne Sex – Monas Platz in meinem Herzen oder unserem Haushalt zu schmälern kommt Mahina nicht in den Sinn.

Abgesehen davon, dass ihr dies nicht gelingen würde.

Gegenwärtig weilt Mahina für etwa zehn Tage in San Francisco. Sie will ihre kleine Wohnung für unregelmäßige Ferienbesuche einmotten und sich gebührend von ihrer bisherigen Arbeitgeberin Nancy Wong verabschieden. Außerdem sind noch Formulare für die Entzollung ihrer Harley-Davidson „Road King“ zu beschaffen.

Neulich, nach ihrem Abflug in Richtung San Francisco, standen Mona und ich betrübt am Flughafen rum. Nur wenige gemeinsame Wochen; doch mein Gefühl des Verlusts entsprach dem von Jahren. Mona hatte Tränen in den Augen, ungelogen. Und hat den Unterschied zwischen Corinna und unserer Mond-Göttin so ausgedrückt:

„Mahina ist wirklich anwesend, ganz und gar, wenn sie da ist.“

Treffender lässt es sich nicht sagen.

Jetzt stehe ich im Wohnzimmer und vermisse sie einfach.

6

Eine kleine Ewigkeit stehe ich im halbdunklen Wohnzimmer und sinniere über Leben und Tod und – einmal mehr erstaunt – über die Wirren meines Beziehungslebens. Gedanken sind in kürzester Zeit zu großen Sprüngen fähig.

Mona ist mit ihrer Freundin Sabine ausgehen.

Mit Mahina in San Francisco habe ich vor gut vier Stunden telefoniert und keinen Grund, sie erneut anzurufen. An sie zu denken reicht, um mich in eine bessere Stimmung zu bringen. Recht hat sie; schuld am Tod des Herrn Marx sind die Leute, die Hochhäuser erfunden haben.

Um den letzten Rest unguter Gefühle loszuwerden, wechsele ich in mein Sportdress und lege mich zum Gewichtdrücken auf die Hantelbank in Monas Zimmer. Einen Teil des Raums haben wir mit einer langen, dunkelblauen, spanischen Wand abgetrennt. Die Dojo-Matte, der Boxsack und die Hantelbank sind dahinter verschwunden. Dennoch bietet das Zimmer reichlich Platz für Monas – und mehrere Nächte Mahinas – Bett, einen Regalschank mit Schreibplatte sowie eine Leseecke mit zwei bequemen Sitzgelegenheiten.

Eher beiläufig zwischen meinem Schnaufen und dem schabenden Bewegungsgeräusch der Hantelstange vernehme ich erst die Wohnungs-, kurz darauf die Zimmertür.

„Oh, oh, mein Hauptmann hat Probleme,“ stellt Mona halblaut fest, während sie sich an ihrem Schrank zu schaffen macht. Augenblicke später erscheint sie schräg vor mir hinter der spanischen Wand. Ich beende die Übung, richte mich keuchend auf.

„Huh! Guten Abend, schöne Frau. Danke für den scharfsinnigen Hinweis auf meinen Seelenzustand.“

„Hm, schöne Frau; der meint mich. Hör auf, Berkamp; mir brauchst Du nichts vormachen. Hanteln um die Uhrzeit ist alles andere als üblich. Was ist? Ich koche uns Tee und dann reden wir.“

Mona ist ein echter Sonnenschein.

Wenige Minuten später liegen wir wie gewohnt nebeneinander im Wohnzimmer auf der Ledercouch, ich längs ausgestreckt, sie quer halb sitzend mit angezogenen Beinen.

„War was ... hier im Haus? Unten steht ein Polizeiwagen, zivil, reichlich spät. Riecht nach Kripo, mit Funkgerätgequake durch den Fensterspalt. Erst dachte ich, Mammi wäre hier. Ist sie aber nicht, oder?“

„Nein, Corinna ist nicht hier, ist auch nicht beteiligt. Hattest Du mit Sabine wenigstens einen schönen Abend?“

„Heißt auf Deutsch, deiner war nicht so schön. Hast Du damit was zu tun, unten mit den Bullen?“

Ein altes Ehepaar macht das kaum besser.

Also berichte ich, was vorgefallen, wer wie herabgefallen ist. Möchte es bei einer Kurzfassung belassen. Doch Mona damit abzufertigen ist nahezu ausgeschlossen. Mühelos schüttelt sie etliche Fragen aus dem Ärmel; sachbezogen, folgerichtig, in angemessener Tonlage.

Sie ist nun mal die Tochter ihrer Mutter.

Obendrein angehende Kriminologin.

Anders als ich hat sie eine Vorstellung, wer Herr Marx ist, war.

„Du müsstest öfter mal Fahrstuhl fahren,“ empfiehlt sie.

Kleine Spitze gegen meine Gewohnheit, Treppen zu steigen.

„Dann triffst Du auch die Leute, immerhin unsere Nachbarschaft.“

Seit der ersten Begegnung redet Mona mich hartnäckig mit Berkamp an. Von ihr mag ich das sehr. In jüngster Zeit sagt sie gelegentlich auch „Bear“. Das hat sie von Mahina übernommen.

Als ich bereits denke, damit sei das Thema Marx beendet, drückt Mona mir ihren nackten Fuß gegen den Oberarm.

„Und ... was wird jetzt aus seiner Tochter?“

Oh. Tochter? Die Frage kommt völlig unerwartet.

„Welche Tochter? Laut Aussagen der Nachbarn lebte Marx allein, hat keine Tochter.“

„Na gut, dann hat er halt keine Tochter.“

„Wie kommst Du denn darauf, Mona? Auf eine Tochter?“

„Ach, weil ... da war ein junges Mädchen. Wir sind zwei- oder dreimal zusammen im Fahrstuhl gefahren, mit Marx. Wie die geredet haben, und er mit ihr umgegangen ist, sie angefasst hat. Ich dachte, so vertraut, das muss seine Tochter sein. Für seine Geliebte war die jedenfalls reichlich jung.“

Ich werde hellhörig. Das passt, aber nicht richtig.

„Wie sah das Mädchen aus? Etwa vierzehn Jahre, mittelbraune, halblange Haare, schlank, wache Augen ...?“

„Also kennst Du sie auch? Ja, schlank, schmal, Jeans, nettes Mädchen irgendwie. Nur, wenn das nicht seine Tochter ist ...?“

„Ich hab sie zufällig am Donnerstag vor dem Haus getroffen. Sie wollte zu ihm; aber er hat nicht aufgemacht. Ich glaube, sie heißt Jana. Ich dachte, vielleicht ist Marx ihr Lehrer.“

„Na schön, von mir aus. Aber wie die den angestrahlt hat?! Einfach nur Schülerin? Nee, abgelehnt.“

Mona verdreht die Augen in gespielter Verzückung, verzieht gleich darauf den Mund. „Wer weiß, was der ihr beigebracht hat. Ehrlich gesagt, das macht mich jetzt misstrauisch. Sagen wir besser neugierig.“

Mich auch, überlege ich.

Ihr Fuß schubst mich erneut an.

„Mann, überleg doch mal. Eine Tragödie vom Feinsten. Der Lehrer und die jugendliche Schülerin; eine heimliche Liebesbeziehung. Herzzerreißend, nur leider strafbar.“

Mona findet sichtlich Gefallen an ihren Gedankenspielen.

„Leichtsinnig wie sie ist, fordert sie von ihm, sich offen zu ihr zu bekennen. Er gerät in Panik. Kapiert, welche Schande er über sich und das Mädchen bringt. Abgesehen von dem sicheren Rauswurf als Lehrer und der Aussicht auf Knast. Also entscheidet er sich gegen den Trau- und für den Freiflugschein. Und tut allen anderen einen Gefallen. Wie das Wort zutreffend sagt.“

Ich muss loskichern.

„Mona-Mädchen, Du redest ein Zeug.“

Mona springt unerwartet auf, streckt sich kurz.

„Wieso? Hast Du eine bessere Erklärung? Mach los, trink aus oder lass den Tee stehen!“

„Wieso? Was gibt das?“

„Das will ich jetzt wissen. Wir gehen hoch, reden mit den Kollegen.“

„Welchen Kollegen? Wo oben?“

„Na ja, die Kripo-Leute meine ich. Die sind bestimmt in der Marx-Wohnung. Wir fragen einfach, was Sache ist. Und wenn die mauern oder pampig werden, hetzen wir ihnen Corinna auf den Hals. Wozu haben wir die denn?!“

„Mona, es ist gleich halb elf in der Nacht.“

„Mann, Berkamp, Verbrechen kennt keine Uhrzeit. Wenn Du nicht willst, ich gehe eben allein.“

*

Ich streife mir ein Jackett über und schlüpfe in die Schuhe. Mona mustert ihre Frisur und ihr Gesicht im Dielenspiegel.

„Ich bin tatsächlich sehr hübsch, widersprich mir nicht,“ befindet sie.

„Sage ich doch.“

„Trotzdem hast Du mich immer noch nicht verführt. Irgendwas stimmt mit dir nicht. Jetzt, wo Mahina nicht da ist ...“

„Halt den Mund, Du Schatz.“

„Feigling.“

„Einverstanden.“

Wir steigen durchs Treppenhaus hinauf in den achten Stock.

„Halt, Mona, was sagen oder fragen wir jetzt?“

„Fällt mir schon was ein, keine Bange.“

Die Tür zu Herrn Marx’ Wohnung ist geschlossen. Wir halten den Atmen an und lauschen auf Geräusche von innen. Doch alles ist still, das kleine Guckloch in der Tür schwarz.

Kurzentschlossen klingelt Mona zweimal. Niemand antwortet; die Tür bleibt verschlossen. Für mich fühlt sich die Wohnung leer, unbelebt an – durch die Tür hindurch.

Erneutes Klingeln, wieder keine Antwort, kein Laut aus der Wohnung.

Mona zieht eine Schnute.

„Blöd, wir haben die Bullen verpasst. Jetzt sind wir genau so klug wie vorher.“

„Irrtum, Herzchen. Schau dir die Tür an. Siehst Du auch, was ich nicht sehe?“

„Stimmt, da klebt kein Polizeisiegel. Hach, bemerkenswert. Das heißt, ... für die ist der Fall abgeschlossen. Die Wohnung gilt nicht als gesicherter Tatort.“

„Richtig, Frau Kommissarin. Das wiederum bedeutet ...“

„Die Kollegen schließen eine Gewalttat, also Fremdverschulden bei dem Todessturz des Herrn Marx aus,“ setzt sie meinen Satz fort.

„Womit die Annahme einer Selbsttötung als bestätigt gelten kann,“ füge ich hinzu.

„Na gut,“ bescheidet Mona sich. „Wir haben es versucht, immerhin. Besser als faul auf dem Hintern hocken und rumrätseln.“

Wir trotten stumm hinab ins vierte Stockwerk.

Trotzdem, Monas Einwand von vorhin klingt in mir nach.

Vertraut, wie Vater und Tochter; oder wie ein Paar, dass sich liebt. Merkwürdig ist das schon, was sie berichtet hat.

Ihr muss es ähnlich gegangen sein wie mir. Während wir in der Diele die Schuhe ausziehen, überlegt sie laut:

„Ich bleibe dabei: Das fügt sich nicht zu einer klaren Sache. Oder spinnen wir einfach nur, sehen Gespenster, wo keine sind?“

Ich gehe ins Wohnzimmer, trinke den Rest meines lauwarmen Tees. Mona steht gähnend im Türrahmen.

„Berkamp, lass uns das selbstmörderische Verbrechen morgen aufklären. Ach nee, lieber nicht, morgen ist Sonntag. Da befindet sich mein kriminalistischer Scharfsinn im Ruhezustand. Aber am Montag, ich frage Mammi; die kann sich ja mal bei den zuständigen Kollegen umhören. Und Du ... Du könntest deine Cassandra-Intuition fragen. Wäre hilfreich zu wissen, was die dazu sagt.“

Mona ist eine der wenigen Personen, die von Cassandra weiß, meiner übersinnlichen Begleiterin. Deren tiefdunkelblaue Augen erscheinen vor meiner Stirn, wenn ich sie rufe. Gelegentlich auch ungefragt, wenn ich meditiere oder kurz vor dem Einschlafen

„Einspruch, Mona. Morgen nehme ich mir ebenfalls frei. Übrigens, Du bist mit Kochen dran. Und wenn Du mit Corinna sprichst, sag ihr einen lieben Gruß von mir.“

Was folgt, ist absehbar.

Mona kommt zu mir, nimmt mir die Teetasse aus der Hand und drückt mir ein Küsschen auf die Wange.

„Ooch, Berkamp, Herzblatt. Wollen wir morgen nicht lieber an den Rhein fahren? Du darfst mich auch zu einer leckeren Forelle einladen.“

„Überredet. Aber nur, wenn Du mich vor dir ins Bad lässt.“

„Aye, aye, Sir. Fall nicht ins Klo und schlaf gut.”

„Danke, Du auch, Mona.”

*

Am frühen Sonntag Nachmittag auf einer sonnigen Restaurantterrasse in Eltville, nach einem schmackhaften Lachsauflauf, bei Kirsch-Eis und Espresso, bestätigen Mona und ich uns gegenseitig: Unser Drang, im „Fall“ Marx eingehender zu ermitteln, hat spürbar nachgelassen. Als Freizeit-Kriminalisten steht uns dieser Ermessensspielraum zu. Wozu sich den Kopf zerbrechen, wenn andere Leute dafür bezahlt werden?!

7

Dienstag, 16. Juli

Kurz nach dem Mittagessen. Ich sehe sie, ehe sie mich bemerkt.

Herr Jovanic, unser Hausmeister, hat mich gerade daran erinnert, dass morgen Vormittag das Wasser im Haus abgedreht wird. Die Entkalkungsanlage muss gewartet werden. Wir stehen an den Müllbehältern neben dem breiten Fußweg, der von der Straße zu unserem Hochhaus führt. Mit gleichmäßigem Tritt in die Pedalen biegt das Mädchen auf dem blausilbernen Geländefahrrad in den Weg ein und kommt hinaufgeradelt.

Sie schenkt uns keine Beachtung, fährt zielsicher vorbei.

„Danke noch mal, Herr Jovanic, und tschüss.“

Ich beeile mich, ihr zu folgen.

„Hey, hallo, Jana, warte mal!“

Sie tritt ruckartig in die Bremse, verdreht das Vorderrad, hüpft auf den Weg und schaut seitlich zu mir.

„Meinen Sie mich? Ich heiße Janina!“

„Ach, entschuldige, Janina.“

Sie trägt die gleiche, dünne Windjacke über ihren engen Jeans wie vor zwei Tagen. Links und rechts von ihrem Hals baumeln die zwei kleinen Ohrlautsprecher halblaut vor sich hintönend.

Janina mustert mich unsicher, als ich zu ihr trete.

„Was ist, wollen Sie was?“

„Mit dir sprechen.“

„Wieso? Mit mir? Nöh!“

Wie am Donnerstag brauche ich etwas länger als ihr wahrscheinlich recht ist, um meinen Blick von ihren goldbraunen Augen mit der glänzend schwarzen Iris zu nehmen. Ihr ganzes Gesicht wirkt wie blankgeputzt, mühelos freundlich und hübsch, wie es vielen Mädchen in dem Alter gegeben ist. Mit der winzigen Spur Scheu darin, die erst recht zum Hinschauen anregt; mich jedenfalls.

„Doch, junge Dame, ich muss mit dir reden. Komm, lass uns da auf die Treppe setzen.“

Der Eingangbereich ist von der Mittagssonne aufgeheizt. Ich nehme auf der dritten Stufe Platz. Janina parkt ihr Fahrrad, bleibt zwei Schritte vor mir stehen.

„Komm, setz dich endlich, ich fresse dich nicht.“

„Nöh, ich will zu Herrn Marx.“

„Das geht nicht. Jetzt setz dich schon her.“

Sie bleibt stehen.

„Wieso?“

Ich nehme mir Zeit, drehe mich im Sitzen so, dass mein Bauchbereich ihr unmittelbar zugewandt ist. Eine unbewusst Vertrauen fördernde Haltung.

„Dreh mal die Musik aus, bitte.“

Sie starrt durch mich durch, folgt aber meiner Anweisung.

„Mann! Und jetzt?“

„Es ist etwas passiert, ... mit Herrn Marx. Erst kannte ich ihn ja nicht, ... als Du letztens nach ihm gefragt hast. Aber inzwischen ...“

Sie unterbricht mich:

„Was ist mit ihm?“

Ich schaue ihr ruhig ins Gesicht, hebe beide Arme schulterweit auseinander, die Hände besänftigend auf sie gerichtet.

„Herr Marx ist tot.“

Janina schaut mich reglos an, als habe sie meine Worte nicht gehört.

„Es tut mir leid, dir das sagen zu müssen.“

Für einen kurzen Augenblick bekommt sie erschrocken große Augen, unmittelbar gefolgt von trotzig zusammengezogenen Augenbrauen; sie schnappt nach Luft und plärrt:

„Das ist solch eine widerliche Gemeinheit!“

„Was ist eine Gemeinheit, Janina?“

Mit leichtem Beben in der Stimme blafft sie:

„Lügen, alle lügen mich immer nur an. Statt mir ehrlich zu sagen ...“

Auch wenn ich es im nächsten Augenblick bereue, ich unterbreche sie.

„Janina, ich lüge nicht. Es ist die Wahrheit.“

Noch Tage später bleibt mir mein Missgeschick bei dieser Begegnung mit dem Mädchen lebendig im Gedächtnis haften. Ich hätte nachfragen, sie aussprechen lassen sollen.

Sie bewegt die Lippen wie ein Fisch auf dem Trockenen, bringt schließlich heraus:

„Aber das kann nicht sein! Das darf er nicht!“

Ihre Unterlippe beginnt zu zittern. Ich beuge mich vor, ergreife ihre rechte Hand, ziehe Janina an die Stufen heran. Sie setzt sich willig neben mich.

„Doch, Janina. Es tut mir leid. Aber es ist so.“

„Wieso? Woher wissen Sie das?“

Ich drehe mich ganz ihr zu. Sie schaut mir zum ersten Mal ins Gesicht, lange und unentwegt, als fordere sie mich auf, meine Aussage zu ändern. Ihre Augen werden nass, und große, glitzernde Tränen treten hervor. Ich muss tief Luft holen, bleibe still sitzen, obwohl ich sie lieber in den Arm nehmen oder wenigstens ihre Tränen wegwischen möchte.

„Ich habe es selbst gesehen, Janina.“

Ihr Gesicht bleibt reglos, nur die Augenlider blinzeln mehrfach gegen die Tränen. Ein freundliches Gesicht, ein hübsches Mädchen. Sie lieb zu haben könnte mir leicht fallen. Die Vorstellung dagegen, irgendwie sexuell mit ihr umzugehen, mit dieser schlanken Gestalt mit den Ansätzen entstehender Brüste – ich breche den Gedanken ab, um das Aufkommen eines Brechreizes zu verhindern. Als Tochter Claudia in das Alter kam, was war ich stolz auf sie; und zugleich ängstlicher als zuvor, spürte deutlicher den Wunsch, sie zu beschützen. Jetzt nervt mich Monas Frage: Wer weiß, was dieser Marx ihr beigebracht hat?

„Ich habe gesehen, wie er gestorben ist, Janina.“

„Wie ... gesehen? Ob einer tot ist?!

„Ich habe es zufällig beobachtet. Er ist gefallen. Oben von seinem Balkon. An meinem Fenster vorbei.“

Sie starrt mich mit halboffenen Mund ungläubig an.

„Vom Balkon? Im achten Stock? Das überlebt doch keiner.“

„Ja, richtig, leider.“

„Ganz sicher? Dass er es ist?“

„Ich bin runter gelaufen, habe ihn zugedeckt, die Polizei verständigt.“

„Der Herr Marx? Wirklich tot?“

„Ja. Da kam jede Hilfe zu spät.“

Sie beginnt zu schnüffeln, fährt sich mit dem Jackenärmel über die Augen, schaut mich weiter an, unsicher, verstört.

„Wieso? Verstehe ich nicht. Keiner fällt einfach vom Balkon.“

„Janina, Mädchen, er ist tot, leider. Reicht das nicht?“

Unerwartet heftig fährt sie mich an:

„Sind Sie auch so einer? Der mich nicht ernst nimmt? Der alles verheimlicht?“

Sie zuckt etwas zurück, und ich befürchte schon, sie springt auf und läuft davon. Ich greife kurz nach ihrem Knie und ziehe es ein wenig in meine Richtung. Janina bleibt sitzen, dreht sich mir halbschräg zu.

„Okay, Du willst es genau wissen? Auch wenn es unschön wird?“

Sie schaut mich eindringlich an, nickt kaum sichtbar und erklärt mit dünner Stimme:

„Ja bitte, sagen Sie.“

„Höchstwahrscheinlich hat er sich fallen lassen. Freiwillig. Es war keine andere Person in der Wohnung, niemand hat ihn herabgestoßen. Er muss ziemlich viel getrunken haben, vorher, vielleicht Whisky. Die Polizei hat keine Schlüssel und keinen Ausweis bei ihm gefunden. Die mussten erst die Nachbarn befragen, um herauszufinden, wer er war und aus welcher Wohnung er kam.“

„Oh Gott, nein.“

Wieder kriechen ihr Tränen über die Wangen.

„Und jetzt? Vorbei? Einfach vorbei. Es geht nicht mehr weiter.“

Sie blickt leer vor sich hin, wischt den Ärmel durchs Gesicht.

„Was geht nicht mehr weiter, Janina?“

„Wie, was? Ach so, ist doch egal jetzt.“

Was geht den Kerl da neben mir mein Leben an?

Für sie bin ich fremd und uralt.

„Du mochtest Herrn Marx, richtig?“

Sie presst die Lippen zusammen, nickt sehr langsam, blinzelt mit ihren schwarzen und goldbraunen Augen in meine Richtung.

„Warum hat er mir nichts gesagt? Warum hat er ... einfach so ... weg?!

Ich brauche ihn doch, gerade jetzt, nach der langen Zeit.“

Oh, oh! Da steckt mehr dahinter als der überraschende Verlust eines Lehrers. Lass sie nicht gehen, Berkamp, bring sie zum Reden.

„Hat er dir Nachhilfe gegeben?“

„Wie? Ja, das auch.“

Dranbleiben, möglichst ungenau und unaufdringlich.

„Für dich war das sehr hilfreich, stimmt ’s?“

„Klar, Mann. Er hat sich um mich gekümmert, richtig gekümmert. Hat die ... hat die Polizei nach mir gefragt?“

„Die Polizei? Wieso sollte die nach dir fragen?“

„Ich dachte nur. Weil, die waren doch in seiner Wohnung, oder?“

„Ich weiß es nicht, Janina. Ich war nicht dabei. Ich habe meine Aussage gemacht, hier vor dem Haus. Später war die Kriminalpolizei da, hat aber nicht mit mir gesprochen. Ich glaube, die haben in der Wohnung nachgeschaut. Und das war es.“

„Wie, das war es?“

„Ich vermute, für die Polizei steht fest, dass es freiwillige Selbsttötung war. Kein Grund für weitere Ermittlungen.“

Wir schauen uns an, länger als bisher. Tja, Mädchen, was gibt es da noch zu sagen? Oder zu fragen?

„Sag mal, Janina, hast Du zufällig einen Schlüssel für seine Wohnung?“

„Nee, leider noch nicht. Er war ja bloß Mieter. Die Frau, der die Wohnung gehört, die ist ziemlich lahm. Die braucht ewig, bis sie den Extraschlüssel bestellt. Weil, wegen dem Sicherheitsschloss, da kann man den Schlüssel nicht einfach nachmachen lassen.“

„Also, Herr Marx wollte dir einen Schlüssel geben?“

„Hm, hm, ja.“

„Sind von dir Sachen in seiner Wohnung?“

Sie zögert, errötet und schaut zu Boden.

„Meine Lernsachen. Und mein Radio, so ein kleines gelbes Radio. Hab ich mal vergessen da.“

„Hat Herr Marx Angehörige? Eltern, einen Bruder, eine Schwester?“

„Keine Ahnung, nöh, glaub nicht, weiß ich nicht. Er wohnt ja erst seit zwei Jahren hier. Hab nicht gefragt.“

„Weißt Du, wo er vorher gewohnt hat?“

„In Weimar, das ist in Thüringen, grenzt glaube ich an Hessen.“

Für einen winzigen Augenblick hellt sich Janinas Miene auf.

„Er wollte mal mit mir da hinfahren. Auch so ein Versprechen, was keiner hält.“

„Also hat er ein Auto.“

„Ne, hat er nicht. Der fährt immer Fahrrad, lebt total öko. Wenn er will, mietet er ein Auto. Ist billiger und ganz praktisch, meint er.“

„Er war Lehrer, sagst Du? Hat er hier in der Gegend gearbeitet? Wo, an welcher Schule?

„IGS in Stierstadt.“

„IGS?“

„Integrierte Gesamtschule. Gesellschaftskunde, Sport und Deutsch und nachmittags Werken und Kunst.“

„Da hast Du ihn kennen gelernt?“

Janina nickt stumm.

Ein paar Kleinigkeiten, die sie mir beiläufig mitteilt, passen zu Monas Eindruck. Marx und dieses Mädchen waren sehr vertraut miteinander. Dennoch scheue ich davor zurück, das Verhältnis der beiden zueinander anzusprechen.

„Weißt Du, die Polizei überlegt, wen sie vom Tod benachrichtigen muss. Und wer sich um die Bestattung kümmert. Darf ich denen sagen, dass Herr Marx Lehrer in Stierstadt war, an dieser IGS?“

Janina springt auf.

„Ich muss weg. Nachhause.“

„Augenblick. Also, darf ich denen das sagen?“

„Das machen Sie doch sowieso.“

Ich zögere, bleibe unentschlossen sitzen, möchte gern mehr von ihr und über sie erfahren. Sie fasst den Lenker ihres Fahrrads, überlegt, dreht sie wieder mir zu.

„Bitte, sagen Sie nichts von mir, bitte. Das geht die nichts an. Das geht überhaupt keinen was an.“

„Warte doch mal, Mädchen, Janina. Ich heiße Robert Berkamp und wohne im vierten Stock, unter der Wohnung von Herrn Marx. Wenn Du noch Fragen hast oder reden willst ... komm vorbei, klingele einfach, viertes Stockwerk. Okay?“

Aber Janina hat ihr Fahrrad bereits umgedreht. Sie verzieht das Gesicht zu einem flüchtigen Wer-weiß-Blick, nimmt Schwung und radelt los. Ich stehe erst auf, als sie um die Wegbiegung hinter den Büschen verschwunden ist.

8

Mittwoch, 17. Juli

Mona ist vorgestern nach Giessen gefahren. Um besser über den Studienbeginn entscheiden zu können, ein Gefühl für die Stadt zu bekommen und Wohnmöglichkeiten zu erkunden.

Die Nahtod-Erfahrung nach dem Angriff der „Rache-Hexe“ hat Monas Vorstellungen vom Sinn ihres Lebens tiefgreifend verändert. Aus dem bisherigen Beruf als auskömmlich verdienende Labortechnikerin in einem großen Pharmabetrieb in Frankfurt-Fechenheim hat sie sich verabschiedet. Fest entschlossen, ein Studium in forensicher Psychologie und Kriminologie zu beginnen.

Allerdings schwankt sie noch, mit welchem Fach sie einsteigt. Denn damit ist eine Entscheidung über den Wohnort verbunden. Die Frankfurter Uni glänzt mit dem besseren Angebot in Psychologie. Für Gießen spricht deren guter Ruf im Fach Kriminologie. Insgeheim vertraue ich auf Monas ausgeprägten Sinn für das Alltagspraktische.

Neben der Qualität des Lehrangebots scheinen mir Mahinas Anwesenheit sowie der Vorteil eines fast kostenfreien Lebens mit uns überzeugende Gründe für einen Einstieg mit der Psychologie. Plus – die Nähe zur Arbeit ihrer Mutter liefert reichlich kriminologisches Anschauungsmaterial nebenbei.

Meine Meinung zu dem Thema behalte ich für mich.

Unabhängig von ihrer Standortentscheidung werde ich Mona beim Studium finanziell unterstützen. Wirtschaftlich geht es mir gut. Soll mein Geld unter der Null-Zins-Matratze verschimmeln? Die Möglichkeit, dass Mona verlockt wird, als verwöhnte Freizeitstudentin die Semester zu verbummeln, kann bei ihrer streng verbeamteten Kindheit und Jugend getrost vernachlässigt werden.

*

Ich vertrödele einen Teil des Nachmittags mit Notizen aus dem Gespräch mit Janina und einem unergiebigen Anruf bei der Dienststelle Oberursel. Polizeiobermeister Garster hat dienstfreie Tage.

Zwei Anläufe mit anderen Kollegen ergeben, dass keiner von ihnen weitere Mitteilungen zum Ableben des Herr Marx zu machen hat. Mit dem Hinweis, ich möge mich an die Kriminalpolizei in Bad Homburg wenden, findet das Telefonat ein schnelles Ende.

Na schön. Anruf in Bad Homburg. Nach einigem Hin und Her werde ich zu einem Oberkommissar Ludwig durchgestellt.

„Also Sie sind der, der die Dienststelle Oberursel verständigt hat, über den Tot des, warten Sie ... Herrn Marx, ist das richtig?“

„Ja, das bin ich.“

„Und weshalb rufen Sie jetzt an?“

Der Mann klingt nicht direkt abweisend, eher unbeteiligt.

Ich finde es angebracht, ihm auf die Sprünge zu helfen.

„Tja, Herr Ludwig, das ist eine Art Unart unter Kollegen.“

Er hat zwar noch nichts gesagt, aber ich wette, er hört genauer zu.

„Ich selbst bin zwar kein Bulle, aber meine Frau ist Hauptkommissarin im K 11 in Frankfurt. Die hat meinen Sinn dafür geschärft, Dingen nachzugehen, zumal mit Blick auf die Opfer. Als eine Sache des Respekts und der ordentlichen Polizeiarbeit.“

Na bitte. Schon ändert sich die Tonlage am anderen Ende der Leitung.

„K 11, meinen Sie die Kollegin Veronika Sanders ...?“

„Lassen Sie das, sie heißt Corinna Sandner,“ unterbreche ich.