Beste Freundin, blöde Kuh! - Patricia Schröder - E-Book

Beste Freundin, blöde Kuh! E-Book

Patricia Schröder

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5,99 €

Beschreibung

Miri und Joey sind die besten Freundinnen und einfach unzertrennlich. Doch plötzlich findet Joey das alles blöd und interessiert sich nur noch für BHs, Küssen und Jungs. Miri versteht die Welt nicht mehr. Krach mit Joey hat es doch bisher noch nie gegeben! Miri geht Fußball spielen und trifft neue Freunde, doch dann verliebt sie sich in Cobi - ausgerechnet Cobi, in den sich auch Joey unsterblich verknallt hat.

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Seitenzahl: 210

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Patricia Schröder

Beste Freundin, blöde Kuh!

Inhaltsverzeichnis

 

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Patricia Schröder, 1960 geboren, lebt mit Mann, zwei Kindern und einer Hand voll Tieren an der Nordsee. Sie studierte Produktdesign und arbeitet seit einigen Jahren als freie Autorin. Zuerst schrieb sie satirische Beiträge für den Funk, später Texte für Anthologien, bevor sie ihre Liebe fürs Kinder- und Jugendbuch entdeckte. Inzwischen sind bereits viele Kinder- und Jugendromane bei Arena veröffentlicht. Mehr über die Autorin unter www.patricia-schroeder.de Weitere Titel von Patricia Schröder im Arena Verlag:

Für Oma »Pfullingen«

Veröffentlicht als E-Book 2010 © Arena Verlag GmbH, Würzburg 1999 Alle Rechte vorbehalten Einbandillustration: Kirsten Strassmann Vignetten: Betina Gotzen-Beek ISBN 978-3-401-80101-8

www.arena-verlag.de Mitreden unter forum.arena-verlag.de

Kapitel 1

Puh! So eine Hitze!«, stöhnt Joey und dreht sich auf den Bauch. »Das hält ja kein Mensch aus.« Ich liege neben ihr in der prallen Sonne am Ufer vom Baggersee und rühre mit den Händen im Wasser herum. »Die Brühe hier ist auch schon pisswarm.« Joey grinst. Sie ist meine beste Freundin und heißt eigentlich Joana. Wir wohnen Garten an Garten in der Knippgartenstraße, besitzen haargenau die gleichen Klamotten, Bücher, Schreibtischlampen und Bambusrollos. Wenn wir abends im Bett liegen, schauen wir in dieselbe Richtung, hören die alten Songs von Take That und kraulen dabei unsere braunen Rosettenmeerschweinchen, die beide Angelo heißen und von denen unsere Väter behaupten, sie seien geklont. Wir sind beide zwölf Jahre alt und haben lustigerweise sogar am selben Tag Geburtstag, nämlich am 6. September. Unsere Mütter gähnen gelangweilt, wenn sie uns erblicken, und wünschen sich wohl nichts sehnlicher, als dass Joey sich endlich einen Nasenring verpassen lässt, den ich wegen meiner scheußlichen Nickelallergie nicht vertragen könnte.

Aber genau das wird nicht passieren. Ganz einfach, weil nämlich Joey so etwas niemals tun würde. Und außerdem gibt es inzwischen einen kleinen, aber sehr peinlichen Unterschied. Joey hat vor ein paar Tagen ihre zweite Brust bekommen, während ich noch immer nur diesen einen kleinen Knubbel habe. Und der sitzt noch nicht einmal dort, wo er hingehört, sondern viel zu weit rechts. »Hast du schon Mathe geübt?«, frage ich. Joey schüttelt den Kopf. »Vergiss es.« Eigentlich ist sie ein Ass in Mathematik. Nur wenn wir eine Klassenarbeit schreiben, scheint es jedes Mal so, als hätte sie ihr Gehirn zu Hause vergessen. Deshalb muss sie von mir abschreiben, was fast immer mit einer Vier ausgeht. Vielleicht sollte ich mich neben Daniel setzen, überlegt Joey, stützt sich auf ihren Armen hoch und springt in die Hocke. Ich schaue sie entsetzt an. Seit fast sechs Jahren hocken wir Stuhl an Stuhl hinter dem gleichen Tisch in der Klasse und nun will sie auf einmal neben jemand anderem sitzen? »Doch nur in Mathe«, ruft sie lachend und stupst mich gegen die Stirn. »Komm, steh auf. Ich will nach Hause.« »Ich geb dir eine Woche neben ihm und du bist todsterbenskrank.« »Lieber nicht«, kichert Joey und zupft am Ausschnitt ihres Badeanzugs herum. Dann steht sie ganz auf. »Nun mach schon.« Ich rappele mich langsam hoch, weil ich nämlich noch überhaupt keine Lust auf zu Hause habe, während Joey versonnen zu einer kleinen Frauengruppe hinüberstarrt. »Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie es ist, einen richtigen Busen zu haben.« Und ich kann mir noch nicht einmal vorstellen, wie es ist, wenn man mehr als diesen einen armseligen Knubbel unter der rechten Achselhöhle hat. »Na ja, aber immer noch besser als das da«, sagt sie und zeigt auf einen dicken nackten Mann, der ein paar Meter weiter zum Wasser stapft. »Da muss man doch immer Angst haben, dass ein Fisch anbeißt.« »Die gibt’s hier doch gar nicht«, erwidere ich und merke, dass ich heiße Ohren bekomme. Ich kann machen, was ich will, aber unbekleidete Erwachsene sind mir einfach peinlich. »Ja, was meinst du wohl, wieso der sich traut, mit diesem Wurm hier zu baden!« Ich stöhne, angele nach meinem Handtuch und rolle es in meiner Strandmatte ein. »Können wir nicht über was anderes reden?« »Klar! Über Bienen und Schmetterlinge vielleicht?« Was dieses Thema angeht, ist Joey einfach erbarmungslos. Doch zum Glück ist sie meistens völlig normal. Wir verstauen unsere Sachen auf den Gepäckträgern unserer Räder und sausen den schmalen holperigen Weg entlang zur Tillmanns-Brücke. »Hallo Zwillinge!«, ruft jemand von hinten und schon taucht Daniel mit seinem supertollen 21-Gänge-AngeberMountainbike neben uns auf. Vor Schreck fange ich an zu wackeln und streife ihn beinahe mit dem Vorderrad. »Blödkopf!« Aber dann ist er auch schon vorbei. »Tolles Rad«, höre ich Joey vor mir sagen. »Wirklich.« Ich hoffe, sie meint das ironisch. »So eins hätte ich auch gerne.« Nein, sie hat es tatsächlich ernst gemeint. »Schneller als ein Mofa«, schreit sie. »Ein frisiertes natürlich.« »Quatsch!« »Doch! Guck mal seine blonden Haare, wie die fliegen.« Was interessieren mich seine Haare?! »Was interessieren dich denn seine Haare?«, frage ich zurück. »Eigentlich nichts. Nur wegen dem Rad.« »Deine fliegen auch«, rufe ich ihr hinterher. »Aber nicht so.« Ich glaube, wir haben schon interessantere Gespräche geführt, und deshalb sage ich nichts mehr, bis wir daheim angekommen sind. »Was ist mit morgen Nachmittag?«, fragt Joey, während sie vom Rad springt. »Wieder schwimmen?« Ich denke an all die unbekleideten erwachsenen Menschen und sage: »Och, nö.« Sie runzelt die Stirn. »Kommst du nach den Schularbeiten dann erst mal zu mir?« »Okay.«

Wir besprechen noch kurz, was wir am nächsten Tag anziehen wollen, und küssen uns auf die Wangen. »Mein Vater hat morgen wieder eine Fotosession«, sagt Joey zum Abschied. »Wer kommt denn?« »Vielleicht die Kerstin.« Na, prima. Das gäbe dann jedenfalls einen Riesenspaß.

Gemeinerweise lässt Herr Paul uns einen Test schreiben. Geschichte ist sowieso nicht gerade mein Lieblingsfach, und dann auch noch das! Was interessiert es mich, mit wem sich Ludwig der Vierzehnte zu seiner Zeit so alles herumgeprügelt hat? Aber Herr Paul sieht das leider völlig anders. »Miriam, wenn du nicht endlich ein bisschen was für dieses Fach tust, sehe ich schwarz«, kommentiert er meine fachlichen Ausführungen, als er die Ergebnisse am Ende der Stunde bekannt gibt. »Wieso?«, sagt Daniel grinsend. »Ist doch immer blütenweiß, ihr Blatt.« Ich kneife meine Augen zusammen und strecke ihm, als Herr Paul endlich wieder in eine andere Richtung guckt, die Zunge heraus. Dabei werfe ich Joey einen kurzen Seitenblick zu, weil ich hoffe, dass sie Daniel genauso hart bestraft wie ich. Doch sie lächelt nur blöde vor sich hin.

»Was ist eigentlich los?«, frage ich sie nach dem Pausenzeichen gleich auf dem Gang vor unserem Klassenraum. »Wieso?« Na, weil ich das Gefühl habe, dass in den letzten Tagen vollkommen andere Sachen in ihrem Gehirn vorgehen als in meinem. Aber wie sage ich ihr das? So wie sie da vor mir steht, genau wie ich im blau-weißen Ringelpulli, der gleichen Jeans und den gleichen neuen schwarzen Turnschuhen? »Gar nichts ist los«, sagt sie, legt einen Arm um meinen Nacken und zieht mich auf den Schulhof hinaus. »Was ist? Macht ihr mit?«, ruft Saskia und wedelt uns mit ihrem Gummi entgegen. »Klar«, sage ich. Doch Joey schüttelt den Kopf. »Babykram.« Und sie behauptet, es sei alles so wie immer! »Was willst du denn sonst machen?«, frage ich. »Na, gucken.« »Was gucken?« »Wer hier so alles rumläuft«, erwidert sie. »Ist doch ungeheuer spannend.« Wie kommt es dann, dass sie sich bisher noch gar nicht dafür interessiert hat? Ich fühle mich ganz schön dämlich, wie ich so neben ihr herlaufe und Joey alle, die an uns vorbeischlendern, angafft wie exotische Zootiere. »Hast du gesehen, was die für einen riesigen Busen hatte?« Sie boxt mich in die Seite und fängt an zu kichern.

»Wieso hatte? Er wird ihr in den paar Sekunden doch nicht schon abgefallen sein.« »Mann, bist du doof!« Gestern oder vorgestern hätte sie über meinen Witz bestimmt noch gelacht. Wenn sie den Busen eines Mädchens aus der Oberstufe überhaupt erwähnt hätte. Was ist daran auch schon Besonderes? Immerhin wissen wir, seitdem wir auf dieser Schule sind, dass es hier massenweise große Mädchen mit Busen gibt, während unsereins mit einem kleinen Knubbel unter der Achselhöhle herumläuft und krampfhaft versucht, nicht weiter darüber nachzudenken. »Und die ist erst in der Neunten«, erklärt mir Joey. »Na und?!« »Überleg doch mal.« Sie beugt sich zu mir herüber. »Wir kommen im Sommer in die Siebte.« Ja, sicher. »Wenn du mal genau nachrechnest, bedeutet das, dass wir spätestens in einem halben Jahr einen BH brauchen.« Ich bin mir nicht sicher, ob diese Rechnung Herrn Maisbach, unseren Mathelehrer, überzeugen würde. »Du spinnst ja«, sage ich. Joey tippt sich an die Stirn und schnauft: »Und mit dir kann man ja nicht mal mehr normal reden!«

»Habt ihr etwa Krach?«, fragt mich Saskia in der zweiten Pause. Joey spaziert diesmal alleine über den Schulhof, denn ich habe mich wie gewohnt mit Saskia und Doreen zum Gummitwist aufgestellt. »Blödsinn«, sage ich und schiebe das Band in meine Kniekehlen. Doreen ist dran und schon ganz schön aus der Puste. Saskia zieht ihre Augenbrauen nach oben. »Sie spinnt im Moment nur ein bisschen«, sage ich. »Hätt ich nie gedacht«, schnauft Doreen. »Was? Dass Joey und Miri mal auseinandergehen?«, fragt Saskia. Ich werfe einen scharf gewürzten Blick durch Doreens linke Affenschaukel zu ihr hinüber. »So weit ist es noch lange nicht.« Saskia grinst missglückt und Doreen wischt sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. »Nee, dass ich Knie schaffe«, grunzt sie. »Tatsächlich!«, ruft Saskia. »Und jetzt? Hüfte oder lieber erst mal Oberschenkel?« Doreen ist ziemlich dick und kommt selten mal über Wade hinaus. Ist Saskia nach ihr dran, macht sie die restliche Pause durch und ich oder Joey haben keine Chance mehr. Manchmal halte ich es glatt für möglich, dass Saskia ohne größere Probleme über das Schaukelgerüst springen könnte. Sie macht fast jeden Tag irgendeinen Sport. Mit besonderer Hingabe spielt sie Fußball, diese Verrückte. Na ja, jedenfalls ist sie so durchtrainiert, dass man sie einfach nicht schlagen kann. Weder im Turnen noch beim Völkerball oder im Dreikampf. »Hast du nicht Lust, bei uns mitzuspielen?«, fragt sie mich. »Seitdem Amelie im Krankenhaus liegt, fehlt uns noch eine Frau.« Ich tippe mir an die Stirn. »Fußball! Du bist ja nicht ganz dicht!« »Ich wette, du kannst es.« »Kannst du vergessen. Kein Mädchen ist so verrückt . . .« »Danke«, sagt sie mit ernster Miene, während sich Doreen gerade im Gummiband verheddert und zu stolpern beginnt. Ich schnappe nach ihrem Rock, versuche, sie zu halten, und reiße ein ordentliches Stück heraus. »Oh nein!«, ruft Doreen, nimmt mir den Stofffetzen aus der Hand und hält ihn an das Loch in ihrem Kleid, als könne man es einfach wieder daran festzaubern. »Ist doch nicht so schlimm«, sagt Saskia. »Du hast doch genug Kleider.« Und alle hat Doreens Mutter selbst genäht. Und wenn die nachher sieht, dass dieses kaputt ist, wird sie wahrscheinlich in Tränen ausbrechen und Doreen nie wieder Gummitwist spielen. Oder jedenfalls ziemlich lange nicht. Und das ausgerechnet jetzt, da sie endlich bis Oberschenkel gekommen ist.

Es ist kurz vor drei. Ich stehe in meinem Zimmer und starre aus dem Fenster zu Joeys Haus hinüber. Zum ersten Mal in unserem Leben haben wir uns nicht richtig verabredet und schon gar nicht besprochen, was wir am Nachmittag anziehen werden. Wenn ich eine ältere Schwester hätte, könnte ich mir einen BH ausleihen und mit Joey darüber fachsimpeln, wann wir wohl hineinpassen werden. Das würde sie bestimmt wieder versöhnen. Meine Augen fangen an zu brennen. Jetzt fehlt nur noch, dass meine Mutter ins Zimmer kommt und schlaue Fragen stellt. Wieso ich noch nicht drüben bin und so weiter. Vielleicht könnte ich ausnahmsweise Saskia besuchen. Aber die würde mich wahrscheinlich auch nur wegen Joey ausquetschen. Ich lasse mich auf mein Bett fallen und heule einen feuchten Fleck in meinen Deckenbezug. Und endlich habe ich eine Idee! Der neue Pulli von meiner Mutter! Der ist gerippt, hellblau mit Braun gestreift, also absolut nicht mein Fall und deshalb genau richtig. Er hängt im Schlafzimmer über der Stuhllehne neben Mamas Bett. Damit es nicht gleich so auffällt, tausche ich ihn gegen einen anderen aus dem Vertiko aus und schlüpfe hinein. Ein komisches Gefühl. Doch Joey wird’s garantiert aus den Turnschuhen hauen.

Das tut es dann aber nicht, weil sie gar nicht zu Hause ist. Ich klingele bestimmt fünf oder sechs Mal, aber niemand öffnet. Unschlüssig hocke ich mich auf die Stufe vor den Eingang, stütze das Kinn in meine Hände und überlege. Womöglich durchforstet sie gerade die ganze Stadt nach Busen-und BH-Größen und behauptet hinterher wieder, ich sei zurückgeblieben. Plötzlich quietscht hinter mir die Tür. »Miriam?« Es ist die Stimme von Klaus, Joeys Vater. Ich schrecke zusammen und springe auf. »Ich dachte, ihr seid zusammen weg«, sagt er. »Hat sie zumindest gesagt.« Wirklich? Dann hockt sie vielleicht gerade vor meiner Tür. Klaus hebt den Arm und schaut auf seine Uhr. »Vor gut einer halben Stunde.« Nein, dann kann sie nicht vor meiner Tür sein. Außerdem hätten wir uns auch irgendwie treffen müssen. Es sei denn, sie ist durch die Gärten geschlichen. Mein Herz schlägt so laut, dass das Blut in meinen Ohren pocht. Nein, Joey ist bestimmt nicht da. Sie ist irgendwo anders, aber nicht vor deiner Tür, Miri, sage ich mir und versuche, mich wieder zu beruhigen. »Hast du Lust, mal wieder ein bisschen zuzugucken?«, fragt Klaus und lächelt. »Kannst dabei auf sie warten. Weit kann sie ja nicht von dir weg sein.« Ich seufze, denn im Augenblick habe ich das Gefühl, dass

Joey ohne Probleme die halbe Welt zwischen uns schieben könnte. Aber ich gehe trotzdem mit hinein und folge ihm in sein Atelier. Vor einer Stellwand mit kitschiger Blumentapete und hinter einem Tisch sitzt eine ältere Frau mit einer ziemlich krummen Nase vor einem Teller mit Nudeln und Soße. Sie trägt ein riesiges, mit roter Soße bekleckertes Lätzchen um den Hals und macht einen genervten Eindruck. »Geht sofort weiter«, sagt Klaus. Er verschwindet hinter einer seiner Fotokameras und nickt ihr zu. »Bitte.« Die Frau schiebt sich einen Bissen Nudeln in den Mund, reißt dann ihre Augen auf, hebt ihr Besteck begeistert in die Höhe und macht dicke Backen und einen Knutschmund. »Fantastisch«, ruft Klaus und lässt die Kamera einige Male klicken. »Ich denke, das war’s.« Die Frau stöhnt und spuckt die Nudeln wieder auf den Teller zurück. »Pfui, Teufel, so ein Zeug kann man doch nicht verkaufen.« »Aber natürlich, einige Male schon. Bis es sich herumgesprochen hat«, sagt Klaus und grinst mich an. »So etwas mache ich jedenfalls nie wieder, haben Sie gehört? Nicht, wenn es um Essen geht.« »Dann musst du eben Kerstin engagieren. Die frisst schließlich alles«, sage ich und die Frau guckt mich gepfeffert an. Aber sie kann ja auch nicht wissen, dass Kerstin ein Schwein ist. Für Klaus ist die Fotosession mit dem Schwein natürlich nervtötend gewesen, während Joey und ich einen Riesenspaß dabei hatten. Zuerst wurde Kerstin mit einer Megaportion eingeweichter Laugenbrötchen abgefüttert, damit sie schön satt und zufrieden war. Doch als sie die Schüssel leer gegessen hatte und ihre Besitzerin diese aus dem Atelier brachte, wollte Kerstin möglichst schnell hinterher und hat dabei ein paar Stühle und ein Stativ mit einer teuren Kamera darauf umgerannt. Schließlich hat sie aus Wut und Verzweiflung alles angeknabbert, was ihr vor die Steckdosennase kam: Klaus’ Schnürsenkel, die Schrauben an seinen Stativen, die Tischbeine und so weiter. Dabei sollte sie nur Werbung für eine Versicherung machen, mit Brille und Hut vor einem Aktenkoffer sitzen und möglichst seriös aussehen. Eigentlich hätte man die dicke Frau und Kerstin nur umtauschen müssen und schon wäre alles in Ordnung gewesen, denke ich, obwohl ihre komische Hakennase natürlich auch nicht gerade besonders seriös aussieht. Ich grinse vor mich hin, während die Frau ihr Lätzchen abmacht und hinter dem Tisch hervorkommt. Als ich sehe, dass sie in einem Rollstuhl sitzt, bleibt mir fast das Herz stehen. Ich habe das blöde Gefühl, nicht gerade intelligent auszuschauen, schlucke ein paar Mal und halte mich mit meinen Augen an ihrem dunkelroten, mit riesigen Rosen gemusterten Kleid, dessen Halsausschnitt noch zusätzlich mit dicken grünen Bommeln verziert ist, fest. Die Frau lächelt süßsauer und guckt mich mit stechendem Blick an. »Ja, so ist das eben, mein Kind«, sagt sie. »Ich war damals auch ziemlich überrascht, als ich es erfuhr.«

»Waren wir verabredet?«, fragt Joey und mustert mich von oben bis unten. »Nein. Ich weiß nicht. Ich dachte nur.« Ich stehe vor ihr wie die dümmste Gans aller Zeiten und fühle mich schlimmer als in Mathe an der Tafel. Dabei hatte ich mir vorgestellt, dass der Pulli meiner Mutter sie ungemein erheitern würde, wir uns gegenseitig um den Hals fallen und halb totlachen würden und am Ende zwischen uns alles wieder in Ordnung wäre. »Wir waren nicht verabredet. Und schon gar nicht so.« Sie zupft leicht an dem Pulli herum und lacht. »Keine Titten, aber Altetantenkleider anziehen, was?« »Wieso bist du auf einmal so gemein?« »Wer hat denn angefangen damit?« Ja, wer? Ich etwa? Nein, ich nicht! Aber das kriege ich nicht mehr raus. Ich drehe mich um und renne durch die Gärten nach Hause. Nur nicht heulen. Nicht vor Joey. Erst hinter der Hecke von unserem Grundstück unter dem Kirschbaum, wo mich keiner sieht, halte ich die Tränen nicht mehr zurück. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals in meinem Leben so viel und so lange geweint habe. Und auch nicht, dass mir jemals ein aufgeschlagenes Knie so wehgetan hat wie jetzt die Sache mit Joey.

»Du bist schon da?«, fragt meine Mutter aus der Küche. »Ich muss noch lernen«, murmele ich und gehe schnell an ihr vorbei auf meine Zimmertür zu. »Den kenn ich doch«, sagt sie zu meiner Rückseite. »Wen?« »Na, den Pulli.« Ach, du meine Güte! Den habe ich doch glatt vergessen! Obwohl Joey mich deswegen gerade noch so angemacht hat. »Entschuldigung. Ich wollte ihn nur mal kurz ausleihen.« Ich bleibe stehen, drehe mich aber nicht um, damit sie meine roten Augen nicht sieht. »Gerne, wenn das die ersten Anzeichen sind, mal etwas anders auszusehen als Joana,« erwidert meine Mutter. Ich wette, sie hat ihre Stirn zusammengerunzelt wie einen alten Apfel und außerdem, dass ihre Bluse vor lauter Neugierde schon etwas eng um ihre Brust geworden ist. Aber den Gefallen werde ich ihr nicht tun, ihr zu beichten, dass zwischen Joey und mir seit heute endgültig alles aus ist. »Kannst ihn sofort zurückhaben.« Ich ziehe mir den Pulli über den Kopf, hänge ihn zwischen die Geländersprossen und verschwinde in meinem Zimmer, aber nicht ohne das Schild »Wer mich jetzt stört, hat schon lange niemanden mehr so richtig motzen gehört« nach außen zu drehen.

»Und ihr habt doch Krach«, sagt Saskia, die auf dem Flur neben unserer Klassentür steht und Alarm geben wird, sobald der Duft von Frau Derendorf das Innere ihrer Nasenflügel erreicht hat. Chanel No. 19 ist nämlich immer schon vor unserer Erdkundelehrerin da, und zwar genau kurz bevor sie am anderen Ende des Korridors um die Ecke biegt. »Na, und?« Ich renne an Saskia vorbei in die Klasse und erstarre zu Eis. Joey trägt einen blitzneuen, superkurzen Jeansminirock. Ich versuche, mir mein Entsetzen nicht anmerken zu lassen, und schlucke ein paar Mal, bis der Druck des schmerzenden Hartgummiringes um meinen Hals etwas nachgelassen hat. »Ich kann mich noch ziemlich gut an den Tag erinnern, an dem du geschworen hast, niemals einen Rock anzuziehen.« »Ph!«, erwidert sie und blättert interessiert in ihrem Erdkundebuch, obwohl dies eines der wenigen Fächer ist, die sie eher verabscheut. »Übrigens«, säuselt sie dann. »Ab der Pause sitzt Daniel neben mir.« Ich kneife mir in den Oberschenkel, um ganz sicher zu sein, dass ich nicht in einem Albtraum herumsitze. Außerdem fangen meine Augen schon wieder an zu brennen. Aber ich bemühe mich, cool zu bleiben. »Den fandest du doch immer blöd.« »Ne, da verwechselst du was.« Ich habe keinen Schimmer, was sie damit jetzt wieder meinen könnte.

»Nämlich dich mit mir«, erklärt Joey. Ich zupfe am Saum ihres Minirockes und sage so lässig wie möglich: »Das kann ja jetzt nicht mehr passieren.« Joey schlägt meine Hand weg und schnauft: »Wer hat denn angefangen?« »Ich doch nicht!«, sage ich. »Und was war das gestern mit diesem komischen Pullover?« Meine Güte! »Danach bist du wohl gleich in die Stadt und hast dir diesen Rock gekauft, was?« Sie kneift ihre Augen zusammen. »Stell dir vor!« Der Gummiring um meinen Hals ist wieder da und am liebsten würde ich losheulen. Aber nicht im Erdkundeunterricht und schon gar nicht neben Joey. Auf einmal dreht sich Mascha aus der Bank vor uns um und schiebt einen zusammengefalteten Zettel auf Joeys Buch. »Von Daniel.« »Kannst es wohl nicht mehr aushalten, bis er endlich neben dir sitzt?«, sage ich. »Ach, halt endlich deine Klappe und kümmere dich um die Sachen, von denen du auch was verstehst.« Joey greift nach dem Zettel, wendet sich von mir weg und faltet ihn auseinander. Kurz darauf wird ihr Gesicht vom dämlichsten Lächeln entstellt, das ich je an ihr erblickt habe. »Joana? Bist du auch ganz sicher, dass du dich gerade mit deinem Buch beschäftigst?« Erst jetzt riechen wir, dass sich Chanel No. 19 direkt vor unserem Tisch gefährlich verdichtet hat. »Darf ich mal sehen?« »Das ist . . . das hat nichts mit dem Unterricht zu tun«, stottert Joey, knüllt den Zettel zusammen und steckt ihn in den Mund. »Du wirst es nicht glauben, aber das dachte ich mir schon«, sagt Frau Derendorf. »Und außerdem denke ich noch, dass dir dieses Schriftstück verdammt schwer im Magen liegen wird.« In der Klasse ist es so ruhig wie selten. Und alle starren mit offenen Nasenlöchern zu uns herüber. »Das kann ich natürlich unmöglich verantworten«, fährt Frau Derendorf fort und hält ihre Hand unter Joeys Kinn. »Also spuck’s bitte aus.« Igitt! Joey kaut den Zettel noch einmal kräftig durch, bevor sie ihn beinahe tropfnass in die Hand unserer Erdkundelehrerin fallen lässt. Die verzieht nicht die geringste Miene, als sie sagt: »Lesen kann man das jetzt wohl nicht mehr. Aber ich schätze, dass der Inhalt eher mit Biologie als mit Geschichte zu tun gehabt hat.« Dann manövriert sie den feuchten Klumpen in den Papierkorb und findet mit Leichtigkeit den Übergang zu den klimatischen Verhältnissen in den subtropischen Regenwäldern.

»Eins zu null für dich«, sagt Saskia anerkennend. »Ach, halt dich doch da raus«, ranzt Joey sie an, sucht mit ihren Augen alle Flureingänge ab und rauscht schließlich in Richtung Hinterausgang davon. »Die spinnt ja wirklich«, stellt Saskia fest. »Wie hältst du das nur aus?« Ich zucke die Schultern und versuche, vom Thema abzulenken. »Machen wir Gummi?« »Kannste im Moment vergessen. Doreen darf nicht mehr mitmachen.« »Sag bloß nicht wegen dem Kleid.« »Na logisch.« »Wo ist sie denn überhaupt?« »Am Kiosk«, sagt Saskia. »Holt sich was zu mampfen. Dabei wäre Gummi wirklich gesünder für sie.« »Kann ja nicht jeder so sportlich sein wie du.« Saskia blitzt mich an. »Jetzt lass deinen Ärger mit Joey bloß nicht an mir aus.« »Ich finde es jedenfalls gemein, wenn man sich über Dicke lustig macht.« »Das hab ich doch gar nicht!« Saskia stemmt ihre Hände in die Hüften. »Aber sag’s nur gleich, wenn du vorhast, jetzt auch noch durchzudrehen.« »Tut mir leid«, quetsche ich heraus. »Schon gut.« Sie grinst. Und dann fängt sie wieder von Joey an. »Ist schon dämlich, nicht?« Ich schweige. Warum kapiert sie nicht endlich, dass ich darüber nicht reden will?! Sie schaut mich eine Weile an und legt mir dann eine Hand auf die Schulter. Die schüttele ich aber gleich wieder runter, denn bisher durfte das nur Joey. »Warum kommst du nicht wirklich mal mit? Von ewigem Trübsal kann man nämlich irgendwann ballaballa werden.« »Zum Fußball?« »Ja, im Ernst. Mal ausprobieren wird deinem guten Ruf schon nicht schaden.« Sehr witzig. Es ärgert mich, wie sie mit mir redet, aber wahrscheinlich will sie mich nur aufheitern. Ich zähle die Pflastersteine rund um meine Füße und nicke. »Okay, vielleicht.«

Kapitel 2

In meinem Kopf ist aus dem »Okay, vielleicht« ziemlich schnell ein »Okay« geworden. Was soll ich auch den ganzen Nachmittag alleine zu Hause rumhängen? Und mir dazu noch Mamas blöde Fragen anhören? Warum also nicht so lange Fußball spielen, bis mir etwas Besseres einfällt? Die Frage ist nur, was man dazu überhaupt so anzieht. Turnschuhe sind sicher nicht ganz verkehrt. Und ein T- Shirt. Aber Jeans? Ich renne hinüber ins Wohnzimmer. »Mama, kann ich deine rote Radlerhose ausleihen?« Normalerweise ist es ein Fehler, sie ausgerechnet beim Lesen zu stören! Aber sie lächelt. »Sonst vielleicht noch was? Ich freue mich wirklich, dass dir in letzter Zeit meine Sachen so gut gefallen.« »Nein«, sage ich. »Mehr wirklich nicht.« Sie schiebt ihre Beine vom Sofa herunter, stapft in die Diele und holt einen Zwanziger aus ihrem Portemonnaie. »Hier, kauf dir gleich selber eine. Ich unterstütze nämlich alles, was du tust, um dich von Joana zu unterscheiden.«