Beute - Deon Meyer - E-Book

Beute E-Book

Deon Meyer

0,0
14,99 €

Beschreibung

Jäger oder Beute Bennie Griessel plant zu heiraten – und muss sich dann um einen Fall kümmern, der eigentlich zu den Akten gelegt werden soll. Ein ehemaliger Polizist wurde in einem Luxuszug ermordet, und die geheimen Sicherheitsbehörden Südafrikas tun alles, um es nach einem Selbstmord aussehen zu lassen. Als ein zweiter Todesfall ebenfalls vertuscht werden soll, bekommt Griessel eine Ahnung davon, dass es um viel mehr geht als um Mord. Gewisse Kreise wollen den Präsidenten aus dem Weg räumen. Sie haben dazu jemanden aktiviert, der sich in Bordeaux in Frankreich zur Ruhe gesetzt hat: einen Kämpfer namens Tobela. Ein brillanter, hochaktueller Spannungsroman vom besten und erfolgreichsten Thrillerautor Südafrikas

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 603




Über Deon Meyer

Deon Meyer wurde 1958 in Paarl, Südafrika geboren. Seine Romane wurden bisher in 27 Sprachen übersetzt. Er hat auch zahlreiche Drehbücher für Filme und Fernsehserien geschrieben. Deon Meyer lebt in Stellenbosch, in der Nähe von Kapstadt.

Im Aufbau Taschenbuch Verlag liegen seine Thriller »Tod vor Morgengrauen«, »Der traurige Polizist«, »Das Herz des Jägers«, »Der Atem des Jägers«, »Weißer Schatten«, »Dreizehn Stunden«, »Rote Spur«, »Sieben Tage«, »Cobra«, »Icarus« und »Fever« sowie der Storyband »Schwarz. Weiß. Tot« vor. Zuletzt erschien von ihm bei Rütten & Loening »Die Amerikanerin«.

Mehr zum Autor unter www.deonmeyer.com.

Stefanie Schäfer studierte Dolmetschen und Übersetzen an den Universitäten Heidelberg und Köln. Für herausragende übersetzerische Leistungen wurde sie mit dem Hieronymusring ausgezeichnet. Sie hat bereits mehrere Bücher von Deon Meyer übersetzt und lebt in Köln.

Informationen zum Buch

Jäger oder Beute

Bennie Griessel plant zu heiraten – und muss sich dann um einen Fall kümmern, der eigentlich zu den Akten gelegt werden soll. Ein ehemaliger Polizist wurde in einem Luxuszug ermordet, und die geheimen Sicherheitsbehörden Südafrikas tun alles, um es nach einem Selbstmord aussehen zu lassen. Als ein zweiter Todesfall ebenfalls vertuscht werden soll, bekommt Griessel eine Ahnung davon, dass es um viel mehr geht als um Mord. Gewisse Kreise wollen den Präsidenten aus dem Weg räumen. Sie haben dazu jemanden aktiviert, der sich in Bordeaux in Frankreich zur Ruhe gesetzt hat: einen Kämpfer namens Tobela.

Ein brillanter, hochaktueller Spannungsroman vom besten und erfolgreichsten Thrillerautor Südafrikas

ABONNIEREN SIE DEN NEWSLETTERDER AUFBAU VERLAGE

Einmal im Monat informieren wir Sie über

die besten Neuerscheinungen aus unserem vielfältigen ProgrammLesungen und Veranstaltungen rund um unsere BücherNeuigkeiten über unsere AutorenVideos, Lese- und Hörprobenattraktive Gewinnspiele, Aktionen und vieles mehr

Folgen Sie uns auf Facebook, um stets aktuelle Informationen über uns und unsere Autoren zu erhalten:

https://www.facebook.com/aufbau.verlag

Registrieren Sie sich jetzt unter:

http://www.aufbau-verlag.de/newsletter

Unter allen Neu-Anmeldungen verlosen wir

jeden Monat ein Novitäten-Buchpaket!

Deon Meyer

Beute

Thriller

Aus dem Afrikaans von Stefanie Schäfer

Inhaltsübersicht

Über Deon Meyer

Informationen zum Buch

Newsletter

Teil I

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Teil II

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Teil III

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Teil IV

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Teil V

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Kapitel 76

Kapitel 77

Kapitel 78

Kapitel 79

Kapitel 80

Epilog

Kapitel 81

Danksagung

Glossar mit Erklärungen der afrikaanssprachigen Wörter und anderer Begriffe

Impressum

Für Marianne

in Liebe

Gewiss macht es Spaß, auf etwas, was man sehr gern haben will, eine lange Zeit hindurch Jagd zu machen, überlistet und übertölpelt zu werden und am Ende eines jeden Tages seinen Misserfolg festzustellen, wenn die Jagd weitergeht und man weiß, dass jedes Mal, wenn man draußen ist, sich früher oder später das Glück wenden kann, und dass die Chance, auf die man wartet, kommen wird. Aber es ist kein Spaß, wenn eine Frist gesetzt ist, in der man seinen Kudu kriegen muss oder vielleicht niemals einen kriegen, ja, vielleicht nicht mal einen sehen wird. So sollte man nicht jagen.

ERNEST HEMINGWAY, DIE GRÜNEN HÜGEL AFRIKAS

Teil I

1

AUGUST. DANIEL DARRET. BORDEAUX.

Daniel Darrets seltsame Beziehung zu Madame Lecompte begann mit Gewalt. Und sollte auch so enden.

Die schwüle Augusthitze ließ ihn wieder einmal nicht schlafen. Das Fenster stand sperrangelweit offen, aber die Place Camille Pelletan, zu der es wies, war aufgeheizt wie ein Backofen, windstill und drückend. Nachts um halb eins trieben ihn die Dämonen seiner Vergangenheit schließlich aus dem Bett. Er zog Shorts, T-Shirt und seine schwarzen Nikes an und ging die drei Treppen zur Haustür hinunter. Auf dem kleinen Platz saß die Katze auf dem Dach des alten, schmutzigen Renaults seiner Nachbarn. Verschwörerisch sah sie ihn an; wir zwei ruhelosen Nachttiere.

Dieser verdammte Kater. Wackett. So hatte ihn die damals dreijährige Tochter der Nachbarn aus unerfindlichen Gründen getauft.

Daniel Darret folgte seinem gewohnten Kurs an der Basilika Saint-Michel mit ihrem hohen Glockenturm vorbei. Der Domplatz, tagsüber der reinste Ameisenhaufen, lag jetzt verlassen da. Er überquerte die Straßenbahngleise und die zweispurige Straße und ging bis hinunter ans Wasser, wo er sich Abkühlung versprach. Dann folgte er mit schnellen Schritten der linken Uferpromenade in Richtung Norden. Zu seiner Linken ruhte die Altstadt von Bordeaux in der nächtlichen Stille wie ein schlummerndes Tier.

Im Colbertpark fuhr ein einsamer Teenager Skateboard, hin und her, hin und her, und die kleinen Räder auf den Betonmauern und Holzplattformen waren minutenlang das einzige Geräusch. Er fragte sich, was den Jungen zu dieser späten Stunde wach hielt.

Über die Garonne nahm er den Pont Jacques Chaban-Delmas, das neue Wunderwerk der Ingenieurskunst, und wandte sich am rechten Ufer nach Süden. Eine leichte Brise wehte vom dunklen Fluss herauf und kühlte für einen kurzen Augenblick sein Gesicht.

Seine Gedanken galten dem bevorstehenden Arbeitstag, seinen kleinen, unbedeutenden Aufgaben, während Monsieur und Madame Lefèvre ihren Sommerurlaub in Arcachon verbrachten. Zunächst bemerkte er die hochgewachsene Frau in den Schatten des Parc aux Angéliques nicht einmal.

Erst, als sie einen Laut ausstieß, wurde er auf sie aufmerksam, denn er hörte Angst in ihrer Stimme. Er sah sie und die dunklen Gestalten zwischen den Bäumen, und er bog instinktiv in ihre Richtung ab.

Sie waren zu fünft – sie jagten sie, hetzten sie. Sie waren flink, geschmeidig und stark und mit einem Baseballschläger bewaffnet. Er hörte ihr höhnisches Gelächter, die erregten Rufe wie das Bellen eines Rudels Wildhunde. Zwei hatten sie fast erreicht. Sie waren so auf sie konzentriert, dass sie Daniel gar nicht bemerkten.

Der eine rief: »Girafe!«, und Daniel wusste, warum, denn der Galopp der großen Frau war unelegant wie der des Savannentieres. Er hörte die anderen laut lachen. Der erste Mann beschleunigte, bückte sich und schlug ihr gegen den Knöchel, so dass sie ungraziös und geräuschlos ins Gras fiel.

Der Mann packte sie an den Haaren.

»Nein!«, rief Daniel unwillkürlich aus. Es war ein Reflex, und fast im selben Moment sah er die unmittelbare Zukunft voraus, begriff die Kausalität dessen, was nun geschehen würde. Und er wusste, dass sie für ihn ein großes Risiko barg. Jetzt und später.

Sie blickten sich um, sahen ihn. Der eine zog ein Messer; die Klinge blitzte im Laternenschein vom Kai her auf. Der Typ mit dem Baseballschläger hatte breite Schultern und muskulöse Arme, über die sich schwarze Schlangen-Tätowierungen zogen. Die Waffen bewiesen, dass sie nicht zufällig hier waren. Daniel dachte an die Sensationsberichte in den Medien und den Frust der Polizei wegen der Gewalttäter, die nachts im Ufergebüsch besoffenen Partygängern auflauerten und sie ausraubten.

Sie bildeten einen Halbkreis; junge Männer, knapp zwanzig, voller Selbstvertrauen. Er wusste, dass sie in diesem Alter von Größenwahn und Gruppenzwang getrieben wurden und dass sie gleich alle gemeinsam auf ihn losgehen würden. Er spürte die Last seines Alters, die Amnesie seines Körpers angesichts der drohenden Gewalt.

Einer der Jungs stieß einen Kampfschrei aus. Einen primitiven Laut, ein Angriffssignal.

Daniel spürte das Adrenalin. Er schlug zuerst den Größten, den mit den Schlangentattoos. Sein Timing war schlecht, sein Schlag kraft- und wirkungslos. Blitzschnell stach der Mann mit dem Messer zu; Daniel reagierte zu spät, konnte nicht mehr ausweichen, und die Klinge fuhr über seinen Brustkorb. Ein Fausthieb traf ihn an der Kehle, ein anderer am Jochbein – harte Schläge, die ihn beben und schwanken ließen.

Heute Nacht würde er hier verrecken.

Der Typ mit den Schlangentattoos holte mit dem Baseballschläger aus, und für einen Augenblick wichen die anderen beiseite, um ihm Platz zu machen. Daniel trat verzweifelt nach vorne und schlug ihn mit der Faust gegen die Schläfe, schwungvoll und kräftig. Der Hieb verursachte ein widerliches, hohles Geräusch, wie eine zu Boden fallende Wassermelone. Der Tätowierte kippte um. Ein anderer hob den Baseballschläger auf. Daniel wirbelte auf den Zehenspitzen herum und griff mit der rechten Hand nach dem Messerstecher, aber er war zu langsam, und die Klinge schnitt ihm tief in die Handfläche. Er packte noch einmal zu und erwischte mit der Linken das Handgelenk des Mannes, riss ihn gewaltsam näher und schlug ihn mit der rechten Handfläche vorwärts-aufwärts mit ganzer Kraft auf die Nase. Der Messerstecher taumelte rückwärts, fiel auf den Hintern und wimmerte vor Schmerz. Daniel fühlte, wie warmes Blut über seine Hand lief und aus seiner Brustwunde sickerte.

Zwei von ihnen sprangen gleichzeitig auf seinen Rücken. Er stürmte nach vorn und knallte einen von beiden mit voller Wucht gegen einen Baumstamm. Er hörte Rippen brechen und merkte, wie der Arm um seinen Hals erschlaffte. Doch der andere schlug Daniel von hinten mit der Faust ans Ohr. Ein weiterer Hieb traf ihn am Hals. Der fünfte Mann, dessen bärtiges Gesicht vor Hass und Wut verzerrt war, stürmte mit dem Baseballschläger auf ihn los.

Daniel drehte sich um, um den, der an seinem Hals hing, als Schild zu benutzen. Es funktionierte nicht. Der Baseballschläger traf ihn auf den Muskel seiner rechten Schulter, von wo er abrutschte und gegen sein Ohr krachte. Jetzt strömte ihm das Blut auch am Hals herunter. Das weckte in ihm eine Wut, die den Rost, den inneren Widerstand und die Jahre wegwischte. Kraftvoll packte er den Schläger und wand ihn dem Mann aus den Händen; er sah die Augen seines Angreifers, nun weit aufgerissen und voller Angst vor seiner Kraft und Schnelligkeit. Daniel schlug ihm mit dem Baseballschläger gegen den Kopf. Der Mann stürzte. Daniel stieß den Griff des Schlägers nach hinten und traf den Letzten, der noch auf seinem Rücken hing, gegen die Kehle, so dass der würgende Arm um seinen Hals sich lockerte. Daniel drehte sich um. Der Mann versuchte, sich mit dem Unterarm zu schützen, aber Daniel holte mit dem Baseballschläger aus und brach ihm Speiche und Elle. Ein schriller Schrei gellte durch die Nacht.

Schritte hinter ihm. Gerade noch rechtzeitig entdeckte er den Messerstecher, mit blutüberströmtem Gesicht, in dem das Weiß seiner Augen wild blitzte. Er stieß von unten zu. In einer fließenden Bewegung sprang Daniel zurück und schlug zu. Das Ende des Baseballschlägers traf die Messerhand; die Waffe flog hoch und fiel ins Gras. Daniel trat nach vorn, rammte dem Mann den Schläger in den Bauch und wirbelte herum. Aber niemand wollte mehr kämpfen.

Er musste schnell weg, denn das hier würde Folgen haben. Ein paar von denen waren schwer verletzt.

Er ging zu der Frau. Sie saß da und starrte ihn an. Er erkannte, dass sie älter war, als er gedacht hatte. Ihr Gesicht war äußerst ungewöhnlich, sowohl von seiner Form als auch vom Ausdruck her. Angst und Faszination lagen wie versteinert über ihren eigenartigen Zügen.

»Kommen Sie«, sagte er zu ihr, bot ihr die rechte Hand an, um ihr aufzuhelfen und sah, dass das Blut in Strömen daraus floss. Er wechselte den Schläger in die andere Hand und reichte ihr die linke. Er war sich nicht sicher, ob sie sie annehmen würde, denn er war ein großer schwarzer Mann mit Blut an Händen, Kopf und Kleidern, mitten in der Nacht im dunklen Park.

Doch sie nahm seine Hand, und er zog sie hoch. Verwirrt stand sie da.

»Wir müssen hier weg!«, sagte er drängend.

Sie nickte. Er nahm sie am Arm, und gemeinsam gingen sie durch die Dunkelheit bis zu den Lichtern auf der Rue de Sem.

Er blickte sich um. Niemand folgte ihnen.

Er schleuderte den Baseballschläger bis in die mittlere Fahrrinne des breiten Flusses.

Am Pont de Pierre angekommen sagte er zu ihr: »Gehen Sie einfach immer weiter«, und gab ihr mit der Hand einen leichten Stoß in den Rücken. Sie nickte und ging weiter. Er wollte über das Geländer springen und die Stufen zum Fluss hinuntergehen, um sich wenigstens das Blut vom Gesicht zu waschen, bevor er nach Hause zurückkehrte. Doch er sah, dass sie stehen blieb und sich umdrehte.

»Merci«, sagte sie leise.

2

AUGUST. BENNIE GRIESSEL. BELLVILLE.

Das Arbeitsleben eines Polizisten oder einer Polizistin dreht sich um eine Akte mit drei Bögen, die man auf exakt zwei Zentimeter höher und breiter als A4-Format zusammenklappen kann.

Das legendäre docket.

Ästhetisch gesehen kein schönes Dokument.

Das docket besteht aus dünner, billiger Pappe in einem hellbraunen Farbton, der oft verächtlich mit dem übel riechenden Nebenprodukt von Babys verglichen wird.

Auf der Vorderseite, ganz oben, prangt das Wappen der SAPD. Gleich darunter, in den fettesten, größten Lettern des ganzen Dokuments, steht CASE DOCKET/SAAKDOSSIER, der offizielle, vollständige Titel der Fallakte. Dennoch verweisen Ermittler, Staatsanwälte und Richter praktisch nur als docket darauf, egal, welche der elf Landessprachen sie zu Hause sprechen.

Es besteht aus drei Klappen und sechs Seiten, jede von oben bis unten schwarz bedruckt mit Wörtern, Sätzen und Abkürzungen, Kästchen und gepunkteten Linien, die für das unerfahrene oder unkundige Auge einschüchternd und chaotisch aussehen mögen (eine letzte Behördenbastion für zweisprachige Formulare in Englisch und Afrikaans). Doch für die, die es täglich benutzen, ist das docket ein Meisterwerk der Effizienz. Über Jahrzehnte hinweg hat es sich evolutionär zum perfekten Reiseführer und -genossen eines Falles entwickelt – von der ersten Tatortbesichtigung bis zum endgültigen Schuldspruch. Die sechs Pappseiten enthalten in sich bereits die wichtigsten Informationen, dienen aber auch als überaus praktische und überraschend stabile Hülle für die oft Dutzende, manchmal Hunderte Dokumente, die sich während der Bearbeitung eines Falles ansammeln. Das docket ist Lager und Enzyklopädie, Quellenangabe, Ermittlerbibel und Spannungsroman in einem.

Vorausgesetzt natürlich, man versteht es zu lesen und es ist von einem akribischen, fachkundigen Kollegen angelegt und auf dem neuesten Stand gehalten worden.

Als Kolonel Mbali Kaleni am Ende des Dienstagmorgenappes um kurz vor acht Kaptein Bennie Griessel ein docket übergab, erkannten er und sein Kollege Kaptein Vaughn Cupido auf den ersten Blick zwei wichtige Dinge:

1. Es war nicht ihr eigenes docket, das sie zurückerhielten, nachdem Kaleni es mit ihrer peinlichen Akribie durchgesehen hatte. Denn im ersten Kästchen oben links war als ursprüngliche Dienststelle Beaufort-Wes angegeben, und der Name des ersten Ermittlers lautete »Sers. A. Verwey«.

2. Es war eine heiße Kartoffel. Denn sie sahen sofort auf der Mitte des Titelblattes unter »Straftatcode« nach, und auf dieser Akte standen dort die Zahlen, die das Herz jedes südafrikanischen Ermittlers schneller schlagen ließen:

31984.

Die im gesamten Justizsystem gültige Nummer für Mord.

»Ich möchte, dass Sie und Captain Cupido sich ausschließlich auf diesen Fall konzentrieren«, sagte Kolonel Kaleni auf Englisch mit der Betonung auf »ausschließlich«. Kaleni war im Direktorat für Kapitalverbrechen Leiterin der Einheit für Schwer- und Gewaltverbrechen, besser bekannt als die Hawks oder Valke. Ihr Vorname bedeutete in ihrer Muttersprache Zulu »Blume«.

Griessel und Cupido wussten in diesem Augenblick, dass sich ihre Arbeit in absehbarer Zukunft um dieses spezielle docket drehen würde. Und sie waren nicht begeistert davon. Nicht zuletzt, weil das ein geerbter Fall war, was bedeutete, dass er vermutlich mit Mängeln und diversen Altlasten behaftet war, darunter politischem Gerangel zwischen den Abteilungen sowie beruflichem Neid.

Außerdem war der Fall mindestens acht Tage alt, wie sie an der Fallnummer erkennen konnten (die ganz oben im mittleren Feld des Deckblattes stand). Datum und Zeit der Straftat (zweitgrößtes Feld auf dem Deckblatt, links) lagen fast drei Wochen zurück. Die ersten zweiundsiebzig Stunden, diese entscheidende Phase bei Mordermittlungen, waren längst verstrichen.

Deswegen stöhnte Vaughn Cupido auf und sagte: »Warum kriegen wir immer die zerfledderten Reste von ungeklärten Fällen, Kolonel? Den Bodensatz?«

»Weil Sie die Besten der Besten sind, Captain«, antwortete Mbali Kaleni, die mit ihrer zeitraubenden, minutiösen Art und ihrem frustrierender Buchstabengehorsam den freigeistigeren Cupido oft zur Raserei trieb. Aber sie wusste, wie sie das Beste aus ihren Leuten herausholen konnte: »Und genau die braucht dieser Fall. Weil internationaler Tourismus eine Rolle spielt, die Zuständigkeiten unklar sind und die Polizeiarbeit vor Ort anscheinend nicht gerade beeindruckend war. Daher hat uns der Provinzkommissar gebeten, Amtshilfe zu leisten und ausdrücklich Sie und Bennie angefordert. Er hat gesagt, wenn irgendjemand diesen Fall lösen könne, dann Sie.«

»Da hat er verdammt recht, Kolonel«, sagte Cupido geschmeichelt, ohne dass ihm ihre geschickte Manipulation auffiel.

»Außerdem handelt es sich bei dem Opfer um einen ehemaligen Kollegen«, fuhr Kaleni fort. »Das ist der Johnson-Johnson-Fall.«

Sie wartete darauf, dass den beiden ein Licht aufging, aber wie die meisten anderen Mitglieder der Einheit für Gewaltverbrechen hatten die beiden Ermittler letzten Monat Tag und Nacht gearbeitet, um die Mordserie unter Türstehern von Nachtklubs in Kapstadt aufzuklären. Sie starrten sie verständnislos an.

»Der Mann, der aus dem Luxuszug verschwunden ist«, verdeutlichte Kaleni, als ob sie das doch wissen müssten. »Die Medien haben darüber berichtet.«

»Johnson Johnson? Heißt er wirklich so?«, fragte Cupido.

»Ja.«

Griessel schüttelte den Kopf. »Tut uns leid, Kolonel, wir haben noch nichts davon gehört.«

»Macht nichts. Steht alles im docket«, erwiderte sie.

Aber es stand nicht alles im docket.

In Griessels Büro breiteten sie den Inhalt über die gesamte Oberfläche seines Schreibtischs aus und begannen, ihn zu studieren. Wie alle SAPD-Akten bestand der Inhalt aus drei Teilen: A, B und C.

Teil A enthielt die Verhöre, Berichte, Zeugenaussagen und das Fotoalbum. Im Johnson-Fall war der Inhalt ziemlich mager. Es gab eine Seite mit schlampig hingekritzelten, handschriftlichen Notizen über ein Telefongespräch mit einer Mevrou Robyn Johnson, den vorläufigen Bericht eines Forensikers in George und ein paar schlechte Fotos von einem Mann in schwarzem Anzug und weißem Hemd, der neben einem Gleisbett lag. Die Fotos zeigten eine Leiche, die bereits erste Anzeichen der Verwesung trug. Eine schwere Kopfwunde entstellte die Gesichtszüge. Die Stiefel der uniformierten SAPD-Beamten, die rings um die Leiche standen, waren ebenfalls auf den Fotos zu sehen.

»Jissis!«, schimpfte Bennie Griessel und deutete darauf. Denn diese Stiefel bedeuteten einen unprofessionellen Umgang mit dem Tatort und unendlich viel Mühe für den Staatsanwalt, falls die Sache vor Gericht kam.

»Oh, Gott, Landeier! Was hast du denn gedacht?«, fragte Vaughn Cupido, ohne eine Antwort zu erwarten.

Im Teil B der Akte war die Korrespondenz abgelegt, die mit anderen SAPD-Abteilungen oder Außeninstanzen wie Banken oder Arbeitgebern geführt worden war. Dieser Teil enthielt lediglich die Kopie einer Subpoena nach Artikel 205, mit der der Kollege aus Beaufort-Wes Informationen über ein Handy bei der Vodacom eingeholt hatte.

Teil C war das Ermittlungstagebuch auf dem SAPD5-Formular. Auch das war die reine Schlamperei. Der letzte Eintrag lautete, die Leiche sei zwei Tage zuvor von Beaufort-Wes ins staatliche Leichenhaus nach Soutrivier überführt worden. Eine Autopsie war noch nicht erfolgt, und die Leiche war noch nicht offiziell als die von Johnson Johnson identifiziert worden.

Griessel seufzte.

Cupido stand auf. »Komm, Benna, versuchen wir mal, einen Sinn in das Chaos zu bringen«, schlug er vor und wischte das Whiteboard an der Wand sauber.

Griessel arbeitete sich ganz von vorne durch jeden Akteneintrag, während Cupido an der Tafel mit blauem Marker eine Zeitlinie zog und die Ereignisse darauf schematisch markierte.

Um die Mittagszeit waren sie immer noch damit beschäftigt. Sie bestellten sich aus den Läden am Voortrekkerweg etwas zu essen, Griessel einen Jalapeño-Mayo-Burger mit Fritten von Steers, seinem neuen Lieblingsrestaurant. Er konnte essen, was er wollte, denn er fuhr mit seinem Mountainbike mindestens hundertvierzig Kilometer pro Woche an den Hängen von Kloofnek herum. Er war sieben Kilo leichter als ein Jahr zuvor.

Der Inhalt von Cupidos wohlsortiertem Kleiderschrank saß derzeit jedoch unbequem eng. Vaughn hatte sich nämlich vorgenommen, das Herz seiner neuen Freundin zu erobern, der schönen Desiree Coetzee aus Stellenbosch, und sie kochte gerne und ging auch gerne essen. Doch die Speckröllchen fuchsten ihn, und zwar sehr. Deswegen machte er insgeheim dieselbe Diät, über die er so heftig gespottet hatte, als Kolonel Mbali Kaleni damals damit angefangen hatte – die berühmte Banting-Kur von Professor Tim Noakes. Aus Scham hatte er es nur Griessel anvertraut, weil er in der Vergangenheit so offen darüber gelästert hatte.

Cupido bestellte sich also zwei Fischfilets von Catch of the Day, ohne Pommes und mit einer Cola Zero dazu. Sie aßen und arbeiteten, bis sie gegen drei Uhr nachmittags mehr oder weniger herausdestilliert hatten, wie der Fall zusammenhing:

Johnson Johnson (34) war laut einem Akteneintrag »Berater für Personenschutz« gewesen.

Vor siebzehn Tagen, am Samstag, dem 5. August, war er in Kapstadt zusammen mit einer Klientin in einen Luxuszug von Rovos Rail gestiegen. Die Klientin, als deren Leibwächter er fungiert hatte, war eine niederländische Touristin, eine gewisse Mevrou Thilini Scherpenzeel. Der Zug fuhr quer durch Südafrika bis nach Pretoria.

»Thilini Scherpenzeel«, sprach Cupido den Namen versuchsweise aus. »Was für ein Name, Pappi, elegant von vorne bis hinten. Ich wette mit dir, die ist heiß!«

Johnson war zum letzten Mal gesehen worden, als er sich an jenem Samstag, nachdem er zusammen mit Mevrou Scherpenzeel im Zug zu Abend gegessen hatte, vor der Tür ihres Abteils von ihr verabschiedet hatte. Ein Sprecher von Rovos hatte später bestätigt, dass Johnson nicht im Zug war, als dieser am Montag in Pretoria eintraf. Seine Klientin und das Zugpersonal waren davon ausgegangen, dass er den Zug Samstagnacht freiwillig verlassen hatte, denn seine Reisetasche war ebenfalls verschwunden. Sie wurde erst am Montag gefunden, nachdem der Zug sein Ziel Pretoria erreicht hatte – tief unter sein Klappbett geschoben.

Am Montagabend war Johnson von seiner Exfrau, Robyn, als vermisst gemeldet worden. Sie hatte sich in der Polizeidienststelle von Brackenfell gemeldet, dem Vorort im Norden von Kapstadt, in dem sie und Johnson getrennt lebten.

Doch die Suche nach Johnson war ergebnislos verlaufen.

Eine Woche später, am Montag, dem 14. August, wurde die Leiche eines Mannes neben der Hauptbahntrasse nahe der Hügelformation Three Sisters in der Karoo gefunden. Todesursache war offenbar eine schwere Schädelfraktur. Ein Rechtsmediziner der SAPS in George hatte einen Tag später Blut, Gewebe, Knochensplitter und Haare an einem Strommasten wenige Meter von der Leiche entfernt gefunden, in einer Höhe, die darauf schließen ließ, dass der Tote dagegen geprallt war, als er aus dem Zug sprang oder geworfen worden war.

In der Innentasche seines Jacketts steckte ein kaputtes Handy. Fotos von seiner Leiche befanden sich in der Akte.

Am Montag, dem 16. August hatte der verantwortliche Ermittler von Beaufort-Wes, Sergeant Aubrey Verwey, mithilfe der IMEI–Nummer des kaputten Handys festgestellt, dass es sich bei dem Toten möglicherweise um den verschwundenen Johnson Johnson handeln könnte.

Das war so ungefähr alles, was Griessel und Cupido an Informationen zur Verfügung stand.

Cupido legte den blauen Boardmarker hin und trat zurück. »Ein juristischer Alptraum«, stellte er fest. »Brackenfell, Pretoria, Three Sisters, Beaufort-Wes, und niemand weiß, wo der Typ gestorben ist. Wir müssen bei Ground Zero anfangen.«

Ground Zero war in dem Fall eine Stelle in der Karoo, neben einem Bahngleis jenseits der Three Sisters. Deswegen rief Cupido in Beaufort-Wes an, redete mit Sergeant Aubrey Verwey und vereinbarte mit ihm, am nächsten Tag gemeinsam zu der Stelle zu fahren, wo Johnson Johnsons Leiche gefunden worden war.

Griessel begann, die ausgebreiteten Fotos und Dokumente zusammenzuschieben und wieder in die gelbbraune Akte zu legen. »Komm, wir unterhalten uns mal mit der Ex«, schlug er vor.

»Und Thilini Scherpenzeel müssen wir auch einen Besuch abstatten«, fügte Cupido hoffnungsvoll hinzu, »früher oder später.«

»Bist du nicht der Mann, der so heftig um eine gewisse Desiree Coetzee aus Stellenbosch balzt?«, fragte Griessel.

»Der bin ich«, antwortete Cupido. »Mein Interesse an Mrs Scherpenzeel ist rein beruflicher Natur.«

»Natürlich«, erwiderte Griessel.

Es war kurz nach drei. Sie verließen das Büro und gingen durch den Flur, im Halbdunkel, weil mehrere Neonröhren kaputt waren.

3

AUGUST. DANIEL DARRET. BORDEAUX.

Er war beunruhigt, noch tagelang nach der Schlägerei am Fluss.

Und dankbar, dass seine Arbeitgeber im Urlaub waren, denn sein Gesicht war verfärbt und geschwollen, seine Hand dick verbunden.

Er war beunruhigt wegen des Risikos. Seine Wohnung lag im multikulturellen Saint-Michel-Viertel, nur ein paar Straßen weiter befand sich eine Moschee. Jeder in der Gegend wusste, dass sie von der französischen DGSI, der Direction Générale de la Sécurité Intérieure, überwacht wurde. Daniels Lebensweise und sein Umgang mussten ihn längst als harmlos ausgewiesen haben, aber in irgendeiner Datenbank lagerte garantiert ein Foto von ihm. Und die Polizei von Bordeaux war effizient und konnte auf ein dichtes Netz von Überwachungskameras zurückgreifen. Es wäre kein Ding der Unmöglichkeit, ihn mit der Schlägerei in Verbindung zu bringen und aufzuspüren. Obwohl er auf Selbstverteidigung plädieren konnte, obwohl es eine Zeugin gab, die das bestätigen konnte, wollte er unbedingt vermeiden, irgendwie Aufmerksamkeit zu erregen und Blicke auf sich zu ziehen. Das konnte er sich nicht leisten.

Er war beunruhigt darüber, wie sehr ihm fünf junge Amateure hatten körperlich zusetzen können, in welchem Maß ihn das Alter geschwächt und langsamer gemacht hatte.

Er war beunruhigt, weil er jetzt wieder ständig hinter sich blicken und die Place Camille Pelletan überwachen musste, weil er aufhorchte, wenn er eine Sirene hörte und innerlich erstarrte, wenn er eine Uniform sah.

Er wollte nicht wieder so leben.

Die Zeitungen berichteten über die fünf, die im Park am anderen Ufer »in einen blutigen Bandenkrieg verwickelt« gewesen seien. Zwei von ihnen wurden polizeilich wegen anderer Straftaten gesucht.

Doch niemand klopfte an seine Tür, und kein Polizist sah ihn misstrauisch an.

Bald würde Gras über die Sache wachsen. Die Schwellung in seinem Gesicht ging schon zurück.

Aber nichts war mehr so wie zuvor.

Und dann sah ihn Madame Lecompte.

4

AUGUST. BENNIE GRIESSEL. BRACKENFELL.

Sie stellten den Wagen auf dem Parkplatz der Fairbridge Mall in Brackenfell ab und überquerten die Bahngleise zur großen Zoohandlung gegenüber.

Sie gingen nebeneinander her, Bennie Griessel und Vaughn Cupido. Griessel mit seinem wirren Haar, das immer einen Friseurbesuch hinterherhinkte, und seinen dunklen, mandelförmigen Augen, die häufig als »slawisch« beschrieben wurden. Er war inzwischen über zweihundertvierzig Tage lang trocken, aber der Kampf gegen den Alkohol hatte tiefe Spuren in seinem Gesicht hinterlassen, sodass er zehn Jahre älter als seine amtlichen Sechsundvierzig aussah. Der auffällige, schicke Vaughn Cupido trug seinen eleganten Wintermantel, war einen Kopf größer als Griessel und neununddreißig Jahre alt. Schon seit Monaten jammerte er: »Die Vierzig, Pappie, ich darf gar nicht dran denken! Von da an geht’s nur noch bergab, das weiß jeder.«

Inwiefern es bergab gehen sollte, ließ er offen.

Die Zoohandlung war wie eine Minifarm gestaltet, und auf einem großen Schild am Tor stand Robyns Arche. Sie mussten erst das Tor und dann den Garten durchqueren, in dem sich Hühner, Hasen und Enten tummelten, um zum Eingang des Geschäfts zu gelangen. Drinnen roch es nach Vogelmist, Hundefutter und Katzenurin. Eine Kakofonie von Papageiengekreisch, Kanarienvogel- und Finkengezwitscher und Hundegebell empfing sie. An einer Wand stapelten sich Aquarien bis an die Decke, darin die einzige Lebensform an diesem Ort, die keinen Krach machte.

Eine Frau kam auf sie zu, etwas über dreißig und vollschlank. Ihr Make-up und ihre Frisur waren ein wenig übertrieben, die Ohrringe groß, die Fingernägel lang und dunkel lackiert.

»Ich bin Robyn«, stellte sie sich vor. »Und Sie müssen vom SAPS sein.«

»Von den Valke«, präzisierte Cupido.

»Ich erkenne einen Polizisten, wenn ich ihn sehe, ich war lange mit einem verheiratet«, sagte sie. »Wurde auch Zeit, dass sie die Valke eingeschaltet haben.«

Sie stellten sich vor und fragten, ob sie mit ihr über Johnson Johnson reden könnten.

»Natürlich. Aber bitte sagen Sie J.J.«, erwiderte sie. »Alle haben ihn J.J. genannt. Kommen Sie durch, wir unterhalten uns in meinem Büro.«

»Unser Beileid zu Ihrem Verlust«, sagte Cupido. »Es muss sehr schwer für Sie sein.«

Sie blieb an der Tür stehen, ließ sie vorgehen und sagte dann: »Ja, es ist hart. Besonders für die Kinder. Aber es ist jetzt schon drei Wochen her, und ich fange mich allmählich wieder ein bisschen. Im Grunde habe ich es schon gewusst, als J.J. an dem Abend nicht wie geplant nach Hause kam, ja, da wusste ich es eigentlich schon. Ich hatte also Zeit zu trauern …«

Dann schloss sie die Tür hinter ihnen.

Sie saßen an ihrem Schreibtisch. Robyn Johnson zündete sich eine Zigarette an. Die Ermittler holten Notizbücher und Stifte heraus.

An den Wänden hingen Poster von Tieren – Hunden, Katzen, Enten – mit lustigen Gesichtsausdrücken und witzigen Sprüchen darunter. Die bunten Aktenordner im Regal hinter dem Schreibtisch verliehen dem Raum eine fröhliche Atmosphäre. Auf dem Schreibtisch stand ein gerahmtes Foto von zwei Mädchen mit frechen Pferdeschwänzen, die ihre hübschen Gesichter betonten. Griessel kam es ein wenig seltsam vor, an diesem Ort über den Tod zu reden.

»Entschuldigen Sie, Mevrou, aber wir würden gerne noch einmal ganz von vorne anfangen«, begann Cupido. »Um die Ermittlungen aus einem neuen Blickwinkel heraus zu betrachten.«

»Dazu werden wir Ihnen Fragen stellen müssen, die Sie schon einmal beantwortet haben«, fügte Griessel hinzu.

»Schon okay, legen Sie los«, antwortete sie und nahm einen tiefen Zug von ihrer Zigarette.

»Meneer Johnson war lange im Polizeidienst«, sagte Griessel.

Sie nickte und tippte mit einem langen Fingernagel die Asche von ihrer Zigarette. »Seitdem er achtzehn war, zwei Jahre vor unserer Hochzeit. Damals war er in der Sondereinsatzgruppe in Hermanus, anschließend ging er zur Kripo in Bellville, und dann war er fünf Jahre beim VIP-Personenschutz in Pretoria, bevor er sich selbstständig gemacht hat. Als privater Berater für Personenschutz.«

»Was genau hat diese Beratertätigkeit beinhaltet?«, fragte Griessel.

»J.J. … Er hatte sich in den Kopf gesetzt, sich bei den Fünf-Sterne-Hotels einen Namen zu machen, damit sie ihn engagierten, um die Touristen über sicheres Verhalten in Südafrika zu briefen. Außerdem wollte er sich als Bodyguard zur Verfügung stellen. Aber es war gar nicht so einfach, bei den Hotels einen Fuß in die Tür zu bekommen. J.J. hat gesagt, sie wären ein geschlossenes System und wollten unbedingt verhindern, dass Geld nach draußen fließt. Aber er hat dann bei einigen der kleineren Reiseunternehmen Aufklärungsjobs bekommen und manchmal Touren als Beifahrer begleitet, zur Beruhigung der Touristen, wie er sagte. Aber in den letzten Monaten sind mehr und mehr Personenschutzaufträge reingekommen. Wenn auch nicht offiziell von den Hotels«, fügte sie hinzu.

»Hieß er eigentlich wirklich Johnson Johnson? Genau so?«, fragte Cupido, der ein Faible für Namen hatte.

»Ja, genau so. Seine Mutter hat ihn so taufen lassen. Der Doppelname sollte ihn zu etwas Großem und Besonderem machen, hat sie immer gesagt. Gott hab’ sie selig. Aber alle haben ihn immer nur J.J. genannt.«

»Wie lange war er freiberuflich tätig?«, fragte Griessel.

»Knapp zwei Jahre.«

»Hat er allein gearbeitet?«

»Ja. Body Armour hat ihm ein gutes Angebot gemacht, Sie wissen schon, die Security-Firma in Kapstadt, aber J.J. meinte, wozu zwanzig Prozent seines Einkommens an jemand anderen abtreten? Er wollte erst einmal versuchen, es aus eigener Kraft zu schaffen. In den ersten zehn, zwölf Monaten war es schwer für ihn, doch er hat konsequent Werbung gemacht und sich vernetzt. Überall hat er seine Karte hinterlassen, wirklich überall. Dann kamen langsam die Aufträge herein, und ungefähr seit Januar ging es aufwärts. Aber auch in den mageren Zeiten hat er es kein einziges Mal versäumt, Unterhalt zu zahlen, das sage ich Ihnen. Diese beiden Mädchen«, sie deutete auf das Foto auf ihrem Schreibtisch, »waren sein Ein und Alles.«

»Wann haben Sie sich scheiden lassen?«

»Als er in Pretoria gearbeitet hat, vor drei Jahren. Ich bin hiergeblieben. Wegen des Geschäfts, verstehen Sie, ich hatte keine Wahl, ich bin die alleinige Besitzerin … Und eine Fernbeziehung hat bei uns einfach nicht funktioniert. J.J. … Ich will nur so viel sagen, dass er wie die meisten Männer abends nicht gern allein war … Aber wissen Sie, wir haben es geschafft, die ganze Scheidungsgeschichte auf eine erwachsene und zivilisierte Art über die Bühne zu bringen. Wegen der Kinder. J.J. hat eine Wohnung ein Stück die Straße runter gemietet, und die Kinder haben oft bei ihm übernachtet. Und wir haben uns auch hinterher noch wunderbar verstanden …«

»Er hat hier im Springbokpark in der Olympusstraße gewohnt, oder?«, fragte Griessel.

»Richtig.«

»Können Sie uns vielleicht die Schlüssel zu seiner Wohnung geben?«

Sie öffnete eine Schublade, holte einen Schlüsselbund heraus und legte ihn auf den Schreibtisch. »Bitte hinterlassen Sie keine Unordnung. Ich muss die Wohnung vor Monatsende ausräumen und übergeben.«

»Natürlich nicht«, versprach Griessel.

»Mevrou, könnten Sie uns bitte noch einmal erzählen, was sich genau abgespielt hat, bevor er mit Rovos Trail losgefahren ist?«, bat Cupido.

»Sie haben ihn am Samstag, dem 5. August zum letzten Mal gesehen, oder?«, fügte Griessel hinzu.

»Bitte erzählen Sie uns alles so genau wie möglich, jede Einzelheit, an die Sie sich erinnern können.«

»Verstehe«, sagte sie, nickte und zog erneut an der Zigarette, als verleihe sie ihr Kraft.

Robyn Johnson sagte, ihr Exmann habe am Samstagvormittag seine beiden Töchter um kurz nach neun hier bei der Zoohandlung abgesetzt. Sie hätten bei ihm übernachtet, wie meistens von Freitag auf Samstag. Die Mädchen seien vier und sechs Jahre alt und hätten sofort angefangen zu quengeln, dass sie ihren Vater begleiten wollten.

»Er fährt in einem ganz tollen Zug, Mommy, warum können wir nicht auch mit?«

»Ich habe ihn gefragt, was für ein Job das wäre, auf dieser Zugfahrt. Er sagte, er würde eine Holländerin begleiten, die ihn als Personenschützer engagiert habe, es habe sich mal wieder ausgezahlt, dass er seine Karte überall hinterlassen habe. Der Oberkellner des Cape Grace Hotels habe ihn empfohlen. Die Frau reise mit Rovos Mail nach Pretoria, das wäre dieser Luxuszug, und er würde sein eigenes Abteil bekommen und alles. Und sie würde ihm auch noch gutes Geld für seine Dienste zahlen.«

»Hat er sonst nichts über die Klientin gesagt? Warum sie Personenschutz brauchte?«

»Nein, hat er nicht. Er nahm es sehr genau mit der Vertraulichkeit des Klientenverhältnisses. Und ich habe das respektiert, also habe ich nicht nachgehakt.«

»Und er war cool? Nicht irgendwie besorgt oder so?«, fragte Cupido.

»An dem Tag?«

»Ja, aber auch ganz allgemein in letzter Zeit.«

»J.J. war immer cool. Sich Sorgen zu machen würde nichts bringen, hat er oft gesagt, das würde nur die Energie fressen, die man bräuchte, um die Probleme zu lösen.«

»Okay«, sagte Cupido, »und dann?«

»Dann hat er zu mir gesagt: ›Jewel‹, – er hat mich ›Jewel‹ genannt, weil ich doch ›Rubin‹ heiße –, ›ich fliege am Montag um eins zurück und lande um drei in Kapstadt, dann kann ich um vier Uhr die Kinder abholen.‹ Und dazu muss ich Ihnen ein paar Dinge über J.J. erklären. Erstens: Er war niemals unpünktlich. Vor allem nicht bei seinen zwei Mädchen. Absolut niemals. Zweitens: Wenn irgendetwas Unvorhergesehenes passierte, was ihn möglicherweise aufhalten konnte, hat er angerufen. Immer. Drittens: Jeden Abend hat er seine beiden Mädchen angerufen. Je nach seiner Arbeitszeit irgendwann zwischen sechs und acht, aber er rief absolut jeden Abend an, und wenn nicht, hat er mir vorher Bescheid gesagt: ›Jewel, heute Abend habe ich zu tun, sag’ den Mädchen, dass ich sie liebhabe.‹ Mein Ex hatte seine Fehler, aber er war ein wunderbarer Vater, die beiden Mädchen waren sein Leben.«

»Ich hab’s verstanden«, sagte Cupido.

Griessel nickte und schrieb etwas in sein Notizbuch.

»Gut. Also, am Samstagabend hat er angerufen, und ich habe gehört, wie er den Mädchen erzählte, sie seien jetzt in Matjiesfontein, der Zug habe da einen Zwischenstopp eingelegt, und er erzählte ihnen, wie toll dieser Zug sei, sie hätten tatsächlich High Tea bekommen, und er würde ihnen auf WhatsApp Fotos schicken …«

»Um welche Uhrzeit hat er angerufen?«, fragte Griessel.

»Um kurz nach sechs.«

Griessel machte sich eine Notiz.

»Haben Sie die Fotos noch?«, fragte Cupido.

»Ja. Mein Handy liegt im Geschäft …«

»Wir können sie uns später ansehen, danke. Sind auch Fotos von der Holländerin dabei?«

»Er würde niemals Klienten fotografieren. Dazu war er zu diskret. Er hat nur Fotos von seinem Abteil geschickt, von der wunderschönen Holzverkleidung, von dem Gebäck, das es zum High Tea gab. J.J. mochte so gern Süßes … und von den historischen Gebäuden in Matjiesfontein, vom Zug …«

»Verstehe.«

»Erzählen Sie ruhig weiter«, ermunterte sie Griessel.

»Aber dann, am Sonntagabend, hat er sich nicht gemeldet. Da habe ich mir schon die ersten Sorgen gemacht, dass etwas passiert sein könnte. Weil er einfach immer anrief. Immer. Aber dann sagt man sich eben, er muss arbeiten, bestimmt hat es gerade nicht gepasst. Und dann fragt man sich unwillkürlich, wie alt die Holländerin wohl ist und wie sie aussieht, denn J.J. ist nun mal J.J., wenn Sie wissen, was ich meine … Also habe ich nicht weiter darüber nachgedacht. Bis Montag. Den ganzen Tag über habe ich nichts von ihm gehört, was an sich nicht schlimm war, aber dann wurde es drei, und er kam nicht, und es wurde vier, und er kam nicht, und dann habe ich ihn angerufen, denn, wie schon gesagt, er kommt nie zu spät, wenn er die Mädchen abholen soll. Aber ich erreichte nur seine Mailbox, und ich dachte, okay, vielleicht sitzt er noch im Flieger, vielleicht hat der Flug Verspätung, und ich habe ihm eine Nachricht hinterlassen und ihn gebeten, mich anzurufen, weil ich mir Sorgen um ihn machte. Um sechs war ich mir ganz sicher, dass irgendetwas passiert sein musste. Daraufhin habe ich bei Rovos angerufen. Die Leute da waren sehr nett, aber Sie können sich ja vorstellen, dass sie nicht so ohne Weiteres Informationen über die Passagiere herausgeben. Trotzdem haben sie sich große Mühe gegeben, mir zu helfen, ich glaube, sie haben mir angehört, wie besorgt ich war. Sie haben mir nur so viel gesagt, dass ein Passagier irgendwann zwischen Samstagabend und Sonntagmorgen den Zug verlassen habe, Genaueres dürften sie mir nicht mitteilen, aber ich sollte vielleicht zur Polizei gehen. Ich bin dann also zu unserer Dienststelle hier gefahren, denn da arbeitet ein Stabsfeldwebel, der früher ein ehemaliger Kollege von J.J. in Bellville war – Neville Bandjies, sie haben sich immer noch regelmäßig zum Grillen getroffen –, und er hat mir dann geholfen, die Vermisstenanzeige fertig zu machen. Aber schon da, an dem Abend wusste ich, dass etwas sehr Schlimmes geschehen war, denn Johnson Johnson hat seine beiden Mädchen zu sehr geliebt, als dass er sie im Stich lassen würde.«

5

AUGUST. DANIEL DARRET. BORDEAUX.

Es war Zufall.

Daniel Darret stand genau in dem Augenblick mit dem Schlüssel in der Hand vor seiner Haustür, als die Frau um die Ecke bog.

Der Camille-Pelletan-Platz war klein; im Grunde genommen nur eine Verbreiterung der Rue Marengo dort, wo sie die Rue François kreuzte – wie ein Pfeifenkopf am Ende des Stiels. Der Platz war nicht belebter als viele der Straßen in diesem Teil des Saint-Michel-Viertels. Immerfort strömten Leute zur Basilika oder zum Marché des Capucins, der großen Markthalle. Samstags war entsprechend mehr los.

Seine neue Wachsamkeit nutzte ihm nichts, denn es war einfach das mutwillige Timing des Schicksals: Sie bog um die Ecke, er stand da. Er blickte auf, weil er klappernde Absätze auf den Pflastersteinen hörte. Und sie sah in seine Richtung. Ein Augenblick des Wiedererkennens. Und dann, gerade als es so aussah, als wolle sie ihm verlegen zulächeln, schaute Daniel weg, schloss auf, ging hinein und zog hastig die Tür hinter sich zu.

Er lehnte sich von innen dagegen. Fluchend.

Wackett, der Kater, antwortete von der Treppe her.

6

AUGUST. BENNIE GRIESSEL. BRACKENFELL.

Robyn Johnson sagte, der Schock sei gar nicht mehr so groß gewesen, als Sergeant Aubrey Verwey aus Beaufort-Wes sie anderthalb Wochen später angerufen habe. »In gewisser Weise war es eine Erleichterung. Dann quält man sich nicht mehr die ganze Zeit mit der Frage, ob es wirklich so ist oder nicht. Und dann kommt die Wut: Wer hat das getan? Und warum? Ich meine, J.J. war doch so ein netter Kerl … Und wie? Wie ist J.J. dort neben die Gleise geraten? Diese Riesenwut und der Hass auf die, die das getan haben! Leute, die für mich kein Gesicht haben, Monster, Scheißkerle! Er war ein guter Mensch. Er hatte seine Fehler, aber haben wir die nicht alle? Im Inneren jedoch war er ein guter Mann …«

Sie schüttelte den Kopf, ungehalten, als wolle sie diese negativen Gefühle abschütteln. »Sie müssen sie finden«, sagte sie leise. »Bitte, Sie müssen sie finden!«

Sie drückte die Zigarette mit zitternder Hand aus, und ihre Augen glänzten verdächtig.

»Wir sind die Valke«, sagte Cupido. »Das ist unser Job.«

Griessel ließ ihr einen Augenblick Zeit und fragte dann: »Mevrou, wie war Johnsons … Gesundheitszustand?«

»Sein Gesundheitszustand? Er war topfit. Wieso fragen Sie das?«

»Ich meinte eher seelisch. War er ausgeglichen?«

»Das habe ich Ihnen doch schon gesagt. J.J. war keiner, der sich übertrieben viele Sorgen machte.«

»Mevrou, wir wissen, dass solche Fragen belastend für Sie sind«, beschwichtigte sie Cupido. »Aber wir müssen den Fall aus jeder erdenklichen Perspektive betrachten. Also, Tatsache ist, dass Mister Johnson praktisch unmöglich aus Versehen aus diesem Zug gestürzt sein kann. Das lässt nur zwei Schlüsse zu: Entweder er ist gesprungen oder er wurde gestoßen. Wenn mein Kollege Sie nach der Gesundheit ihres Exmannes fragt, dann, weil wir wissen wollen, ob er vielleicht unter Depressionen gelitten hat. Es ist nur eine andere Formulierung für die unangenehme Frage: Ist er gesprungen?«

»Okay. Tut mir leid. Ich verstehe. Nein. Niemals. Nicht J.J. Er … Es gab Phasen, da dachte ich, er sei vielleicht ein bisschen zu sorglos. Wenn man ihn mit den beiden Mädchen zusammen gesehen hat …«

»Mevrou, die andere Möglichkeit …«, fiel Griessel ein. »Die große Frage, die wir immer bei solchen Ermittlungen stellen ist, ob es irgendjemanden gegeben hat, der ihm vielleicht etwas antun wollte.«

Sie dachte kurz nach und schüttelte dann den Kopf. »J.J. war ein netter Mensch. Genau das war sein Problem. Er war einfach zu nett!«

»Aber er war Polizist. Bei der Kripo. Hat er jemals erwähnt, dass er von irgendjemandem bedroht wurde, vielleicht von jemandem, den er einmal verhaftet hatte?«

Wieder dachte sie nach und schüttelte den Kopf. »Er war ja schon seit zwei Jahren nicht mehr bei der Polizei.«

»Das wissen wir, aber trotzdem, hat er nie etwas erwähnt?«

»Nicht, dass ich wüsste.«

»Irgendwelche Verbindungen zu Banden?«, fragte Cupido.

»J.J. stammte aus Ashton. Da gibt’s keine Banden.«

Es gab Banden in Ashton, aber sie merkten ihr deutlich an, dass sie die Befragung gerne hinter sich bringen wollte.

»Okay. Hat er sich vielleicht in den mageren Zeiten irgendwo Geld geliehen?«, fragte Cupido.

»Sie meinen, bei einem Kredithai?«

»Genau.«

»Nein. Er wusste, dass er immer zu mir kommen konnte. Tatsächlich hat er sich von mir Geld geliehen, Anfang dieses Jahres. Aber bis Juni hatte er alles wieder zurückgezahlt. Und er hatte viel zu tun in den letzten vier Monaten. Er hat gut verdient.«

»Wie hat er seine Buchhaltung erledigt? Hatte er jemanden, der seine Rechnungen verschickt hat? Die Bilanzen für ihn geführt hat?«

»Nein, das hat er alles selbst gemacht.«

»Nach welchem System?«, fragte Cupido.

»Was meinen Sie mit ›System‹?«

»Hat er Akten über seine Klienten und seine Honorare angelegt?« Cupido deutete auf das Regal hinter ihr mit den bunten Ordnern.

»Nein, er hat alles auf seinem Laptop gemacht.«

»Und wo ist sein Laptop jetzt?«

»Ich … Er hatte ihn normalerweise in seiner Wohnung, im Sideboard, und das war abgeschlossen. Oder er hat ihn mitgenommen. Ich habe nicht daran gedacht nachzusehen.«

»Kein Problem, das erledigen wir«, versprach Cupido.

Griessel steckte Stift und Notizbuch in seine Sakkotasche. Sie standen auf.

»Mevrou Johnson, was glauben Sie, was in diesem Zug passiert ist?«, fragte Griessel.

»Wenn Sie raten müssten«, fügte Cupido hinzu.

Sie blickte hinauf an die Zimmerdecke und tippte mit den langen Fingernägeln auf den Schreibtisch. Dann stand sie langsam auf. Aus dem Geschäft, als wüsste er, dass das gutes Timing war, krächzte ein Papagei laut und deutlich: »Fick dich, Fanus!«

Das brach die Spannung im Büro.

»Dieser Vogel«, seufzte sie. »Wie soll ich ihn je verkaufen mit solch einem Schnabel?«

Sie lächelten.

»Wissen Sie, ich habe J.J. von ganzem Herzen geliebt«, sagte Robyn Johnson.

»Das haben wir gemerkt.«

»Erst dachte ich, es sei vielleicht ein Raubüberfall gewesen, denn heutzutage stehlen ja alle in diesem Land. Vom Präsidenten angefangen bis ganz nach unten. Ich wollte wohl, dass es so gewesen ist. Zufall. Pech.«

Sie sagten nichts.

»Aber dann dachte ich, in diesem Zug voller prominenter, reicher Leute, warum sollte da jemand ausgerechnet J.J. ausrauben? Irgendwann musste ich mir dann eingestehen, dass er nun mal ein Womanizer war.«

Sie nickten verständnisvoll.

»Also, wenn ich raten müsste, dann hat J.J. in diesem Zug mit der Frau eines anderen Mannes rumgemacht. Eines Mannes, der das nicht hingenommen hat.«

Auf dem Parkplatz schaute Cupido auf seine Armbanduhr und schlug vor, am nächsten Morgen schon um sechs nach Beaufort-Wes aufzubrechen. Er sei heute Abend noch bei Desiree zum Essen eingeladen, und es dürfe nicht zu spät werden, denn morgen sei Schule, und sie würde peinlich genau darauf achten, dass ihr Sohn Donovan früh genug ins Bett kam.

Deswegen fuhren sie zurück nach Bellville zur Dienststelle der Valke in der Markstraat und einigten sich über die Abfahrt am nächsten Morgen. »Diesmal bist du mit der Musik für unterwegs dran, Benna«, sagte Cupido und ging mit wehendem Mantel den Flur hinunter, unterwegs nach Stellenbosch.

Griessel erledigte die Einträge im C-Teil der Akte, ging dann ebenfalls und verabschiedete sich durch die offenen Bürotüren von den Kollegen.

Als er in seiner Sakkotasche nach dem Autoschlüssel fischte, fand er den Schlüsselbund von Johnson Johnsons Wohnung. Er beschloss, sie jetzt gleich zu durchsuchen. Alexa Barnard, die Frau in seinem Leben, war in Johannesburg, um sich mit den Leuten von ihrem Musiklabel zu treffen, und er hatte keine Lust, allein zu Hause zu sitzen und sich Blödsinn im Fernsehen anzuschauen.

Also fuhr er nach Brackenfell.

Johnson hatte in einem Bungalow gewohnt, in einer Siedlung nur wenige Straßen von den Sorgvry-Polizeihäusern entfernt, in denen Kolonel Mbali Kaleni bis vor ein paar Jahren gelebt hatte.

Griessel stellte das Auto auf dem Parkplatz von Nummer Fünf ab, nahm seine »Mordtasche«, wie er sie nannte, ging zur Haustür und blieb dort erst einmal stehen. Er öffnete die Tasche, holte Latexhandschuhe und die kleine Canon Powershot heraus, schloss die Sicherheitsgittertür und die Haustür auf, nahm seine Tasche und trat ein.

Er schloss die Tür und blieb einen Augenblick stehen.

Es war ihm bis heute unangenehm, die Wohnung eines Mordopfers durchsuchen zu müssen. Es herrschte eine so schreckliche Stille, als wüssten die Räume, dass ihr Bewohner nie zurückkehren würde. Hinzu kamen das unbehagliche Gefühl, trotz allem die Privatsphäre einer Person zu verletzen, und die Sorge, irgendetwas zu übersehen oder ein Beweisstück zu kontaminieren, weil man nicht wusste, wonach man eigentlich suchte.

Griessel begann mit dem offenen Wohn-Ess-Bereich, in dem ein Sofa, zwei Sessel und ein Wohnzimmertisch standen, auf dem ein paar DVD-Hüllen von Kinderfilmen lagen. Außerdem gab es ein TV-Möbel mit Fernseher und Blu-Ray-Player.

Ansonsten: keine Bilder an den Wänden, kein Esstisch, nur ein langes Büfett an der Wand und eine Frühstücksecke mit drei Barhockern neben der Küche. Griessel fotografierte alles, bevor er mit der Durchsuchung begann.

Er fand den Schlüssel für die beiden Türen des Büfetts am Bund in seiner Tasche.

Auf der linken Seite: Teller, Gläser, Kaffeebecher und ein paar Schüsseln. Und Alkohol. Eine Viertelflasche Klipdrift-Brandy, eine halbe Flasche Three-Ships-Whisky und ein paar Piccolos sowie zwei Flaschen Rotwein, noch versiegelt.

Einen Augenblick lang musste er seinen Dämonen in die Augen schauen. Dann schloss er die Tür wieder zu.

Auf der rechten Seite: ein Wirrwarr von Kabeln und Ladegeräten, ein altes ADSL-Modem, die Schachtel eines LG-Handys und aufgerissene Umschläge mit Rechnungen für Nebenkosten und Handygebühren, Quittungen und ein Stick.

Kein Laptop.

Er steckte den Stick in ein Beweismitteltütchen, durchsuchte anschließend die Küchenschränke und den Kühlschrank und danach die beiden Schlafzimmer. Eines war für die Kinder. Er fand nichts Wichtiges in den Schränken und Nachtkästchen.

In Johnsons Zimmer war das Bett gemacht und die Einbauschränke sahen ziemlich ordentlich aus. Vor dem Bett stand eine schöne alte Kommode. In der obersten Schublade befanden sich persönliche Dokumente – unter anderem ein Ausweis, ein im letzten Jahr abgelaufener Führerschein, Scheidungspapiere. Fotos von den Kindern. Ein Foto von der Familie, als sie noch intakt war. Sie saßen auf einem Sofa – nicht auf dem, das hier im Wohnzimmer stand. Johnson saß in der Mitte, umgeben von Robyn und den Kindern.

Er war ein schlanker Mann. Durchtrainiert. Attraktiv. Mit selbstsicherem Lächeln und einem Gesichtsausdruck, der ausstrahlte: Schaut mal, was das Leben mir Wundervolles geschenkt hat!

Während er alles systematisch durchsuchte und mit der Canon festhielt, dachte Griessel über die Bedeutung von Fotos nach.

Manche logen.

Das von der ganzen Familie war ungefähr drei Jahre alt. Damals stand vielleicht dieses hier auf Robyns Schreibtisch im Büro. Oder es hing in Pretoria bei J.J. an der Wand. Es sprach von Glück und Harmonie; es erzählte ein Märchen.

Denn was war aus ihnen geworden?

Er glaubte nicht, dass er solche Fotos besaß. Als er und Anna, seine Exfrau, in diesem Alter gewesen waren, hatte er Tag und Nacht im damaligen Morddezernat gearbeitet. Gearbeitet und gesoffen. Sein Leben war ein Nebel aus Gewaltverbrechen und Alkohol gewesen. Die wenigen Fotos, die existierten, hatte er mit einer einfachen Kompaktkamera aufgenommen, wenn sie im April in Urlaub fuhren. Zehn Tage Nüchternheit am Meer bei Langebaan oder Hermanus, sein Kopf bei der Arbeit, sein Herz beim Branntwein. Nur Anna, seine Tochter Carla und sein Sohn Fritz waren auf den Bildern. Die Kinder ausgelassen, glücklich. Und in Annas Augen – vielleicht bildete er sich das auch im Nachhinein ein – lag ein Quäntchen Angst vor dem Monster in ihrem Mann, den Symptomen für den posttraumatischen Stress, den damals keiner diagnostiziert hatte.

Diese Fotos hatten ihre Zukunft viel deutlicher vorausgesagt als das Bild von den Johnsons. Denn er fehlte.

Carla war inzwischen zweiundzwanzig und arbeitete als Pressesprecherin auf einem Weingut. Sie hatte Schauspiel studiert, aber in der Unterhaltungsbranche keine Arbeit gefunden. Fritz war neunzehn und studierte im zweiten Jahr an der AFDA, der Kapstädter Filmschule, die sich Griessel eigentlich nicht leisten konnte. Anna war mit einem Anwalt verheiratet. Bei den seltenen Gelegenheiten, wenn er sie sah, hatte er jedes Mal den Eindruck, als sei sie erleichtert, von ihm erlöst zu sein. Und als schäme sie sich ein wenig für seine stillose Kleidung und seine devote Haltung.

Und er konnte sie verstehen.

Denn er war bis heute nichts als ein Polizist, ein Alkoholiker, gerade mal seit acht Monaten trocken, und sein größter Wunsch war, der trockenen Alkoholikerin an seiner Seite einen Heiratsantrag zu machen. Der Ring für Alexa Barnard war bereits gekauft und lag, gut weggeschlossen, in seiner obersten Büroschublade.

Er redete sich die ganze Zeit ein, er hätte ihr deswegen noch keinen Antrag gemacht, weil er auf eine besondere Gelegenheit wartete. Ein Anlass, von dem sie voller Stolz und Freude anderen erzählen konnte.

Doch die Wahrheit sah anders aus: Er hatte Angst.

Bennie Griessel seufzte. Er beendete seine Arbeit, schloss das Haus ab und fuhr los.

Er hatte nichts gefunden.

7

AUGUST. DANIEL DARRET. BORDEAUX.

Sein Leben war bewusst einfach gewesen, vor Madame Lecompte und der Gewalt in der Nacht.

Er arbeitete als Gehilfe für den Möbelrestaurator Henry Lefèvre. Der alte Mann mit dem dicken, silbrig weißen Haar und ebensolchem Schnäuzer war ein Genie, das mit Holz wahre Wunder vollbringen konnte. Er verstand es, kostbare Stücke aus dem 17. und 18. Jahrhundert so perfekt aufzuarbeiten, dass selbst Europas intimste Kenner antiker Möbel seine Reparaturen nicht wahrnehmen konnten.

Allerdings litt Lefèvre am Asperger-Syndrom mit Problemen im sozial-emotionalen Bereich des Autismusspektrums. Er konnte einem nicht in die Augen sehen, und weder interessierte er sich für die Gefühle und Intentionen anderer, noch konnte er sich in sie einfühlen. Deswegen war es sehr schwierig, mit ihm zusammenzuarbeiten. Die Leute fühlten sich häufig von ihm beleidigt, gedemütigt oder ignoriert, obwohl das gar nicht seine Absicht war. »Er hat keinen Filter und glaubt, alle wären so wie er«, hatte seine Frau, Madame Sandrine Lefèvre, Daniel erklärt, als sie ihn eingestellt hatte. »Die Gehilfen halten das nur ein zwei Wochen aus, obwohl wir einen höheren Lohn als üblich zahlen. Wenn Sie empfindlich sind, sagen Sie es mir. Dann sollten Sie sich lieber eine andere Arbeit suchen.«

Sie betrieb in der Nachbarschaft, im Chartrons-Viertel, einen Antiquitätenhandel – Madame Lefèvre, Antiquités-Brocante –, in dem sie unter anderem die Arbeiten ihres Mannes verkaufte. Sie war eine sehr kluge Frau.

Daniel hatte ihr damals geantwortet, er glaube, dass er mit Asperger umgehen könne. Und da gab sie ihm den Job – hauptsächlich, weil er groß und stark war und die Bezahlung ohne Zögern akzeptierte. Und weil sie genauso verzweifelt war wie er.

Er hatte Monate gebraucht, um seinen Frieden mit dem merkwürdigen Verhalten des alten Mannes zu machen. Endlich hatte sich eine Beziehung zwischen ihnen entwickelt, unausgesprochen, amorph und seltsam. Sie existierte nur in der Schweigsamkeit der Werkstatt, im Rhythmus ihrer Zusammenarbeit und in dem seltenen, kurzen Aufleuchten von Lefèvres Augen, die eine sanftere, zugänglichere Sprache sprachen.

Und mit der Zeit verliebte sich Daniel in den Lefèvre-Prozess, kaputte Dinge heil zu machen.

Daniel stand an jedem Arbeitstag um sechs Uhr auf, trank starken Kaffee, aß sein Müsli, fütterte den Kater, räumte seine Einzimmerwohnung auf, wusch und rasierte sich und machte sich um sieben auf den Weg zur Boulangerie an der Rue des Faures. Er begrüßte die Bäcker mit Namen, und sie begrüßten ihn. Er kaufte zwei Croissants und zwei Schokocroissants. Letztere aß er im Gehen auf dem Weg zur Arbeit – sie waren noch warm, frisch aus dem Ofen. Die Croissants steckte er in seinen kleinen Rucksack, denn die aß er um zehn zum Tee.

Er war immer als Erster in der Werkstatt. Er schloss auf und atmete die Gerüche von Möbelpolitur und Lack, Leim, Hobel- und Sägespänen und Bretterstapeln ein sowie den seltsamen, mysteriösen Moschusduft der alten, abgelebten Stücke. Jeden Morgen war die Zusammensetzung dieses Aromas ein wenig anders, abhängig von dem, was le génie am Abend zuvor gebeitelt, gesägt, gehobelt oder poliert hatte.

Sein üblicher Tagesablauf, wenn die Lefèvres da waren, sah folgendermaßen aus: Er staubte ab und kehrte, räumte Werkzeuge auf und hängte sie genauso hin, wie Lefèvre es mochte, er stapelte Bretter und Möbel neu, überprüfte die Vorräte, füllte auf, was fehlte, und legte eine Liste der Bestellungen an. Um neun Uhr kam Madame, und sie berieten sich. Er etikettierte die verkauften Möbel und trug sie zum Lieferanteneingang, wo der Lkw sie um kurz vor zehn abholte. Dann aß er seine Croissants zu einer Tasse Tee, und wenn le génie kam, arbeiteten sie nach Lefèvres Anweisungen, bis Madame das Mittagessen nach hinten brachte. Das aßen sie dort getrennt voneinander, jeder auf seiner eigenen Holzkiste auf gegenüberliegenden Seiten der Werkstatt.

Während der Arbeit schaute sich Daniel alles genau ab, was Henry Lefèvre mit dem Holz und den Möbeln anstellte.

Um kurz nach drei kam Madame, winkte ihn unauffällig beiseite, und dann rückte er für sie Möbel im Geschäft, erledigte kleinere Lieferungen oder half beim Transport von Stücken mit dem Lieferwagen. Manchmal arbeitete er auch an seinem eigenen Projekt, wenn der Tagesablauf es zuließ. Um kurz nach fünf ging er nach Hause, ohne sich von Monsieur zu verabschieden, da der Möbelmacher um diese Zeit schon tief in seiner eigenen Welt versunken war.

Es war ein langer und körperlich anstrengender Arbeitstag, denn er war praktisch die ganze Zeit auf den Beinen, musste schwere Gegenstände heben und tragen, rücken und liefern, meistens allein. Aber gerade das mochte er daran. Er blieb fit, und die Arbeit machte ihn so müde, dass er abends keine Energie mehr für Sehnsucht, Trauer oder Erinnerungen hatte.

Nach der Arbeit sah er fern. Fußball. Alte Filme. Die Nachrichten. Oder er las auf seinem gebraucht gekauften Tablet über die Geschehnisse in seinem Heimatland.

Samstags machte er die Wohnung gründlich sauber. Anschließend ging er auf den Markt und erledigte seinen Wocheneinkauf: Käse und Schinken, Scheiben terrine oder pâtée, Wurst und Obst, Fisch für Wackett, und er trank ein Glas Wein und plauderte mit Mamadou Ali, der für die Blumenhändlerin arbeitete und allgemein als Ali du Mali – Ali aus Mali – bekannt war.

Außer ihm hatte er im Grunde keine Freunde. Die Leute wussten nicht viel über ihn.

Sonntags putzte er sein Motorrad in der kleinen Garage, die er in der Rue Permentade gemietet hatte, und dann fuhr er mit der BMW los, allein. Nach Saint-Émilion zum Mittagessen. Oder nach Arcachon, nach Bayonne oder ab und zu sogar bis nach San Sebastián jenseits der spanischen Grenze oder über die kurvenreichen Straßen und durch die malerischen Landschaften des Périgord. Vor Sonnenuntergang kehrte er zurück, stellte das Motorrad unter und kehrte nach Hause zurück. Am Montagmorgen ging er dann wieder früh zur Arbeit.

Das war mehr oder weniger sein Leben gewesen, vor der Begegnung mit der Frau und der Gewalt in der Nacht.

Gut eine Woche nachdem sie ihn vor seiner Tür gesehen hatte, am Dienstagnachmittag, stand sie da und wartete auf ihn. Die Giraffenfrau. Neben dem großen Pflanzkübel mit dem Baum vor dem Eingang seines alten, dreistöckigen Hauses.

8

AUGUST. BENNIE GRIESSEL. THREE SISTERS.

»Genau hier«, sagte Kripo-Sergeant Aubrey Verwey und deutete mit dem Zeigefinger auf eine Stelle in einer donga zwischen einem Tuff Karoosträucher links von den Gleisen. »Genau hier hat er ihn gefunden. Das Gehirn halb raus, und er lag schon acht Tage lang da. Kein schöner Anblick, können Sie sich ja vorstellen.«

»Meinen Sie den Eisenbahnarbeiter?«, fragte Cupido mit unverhohlener Ungeduld. Schon seit sie frühmorgens um sechs in Bellville aufgebrochen waren, hatte er schlechte Laune.

Griessel hatte Cupido unterwegs nach Beaufort-Wes – wo sie Verwey abholen wollten – von der Durchsuchung des Johnson-Hauses erzählt. Doch er merkte seinem Kollegen an, dass er mit den Gedanken woanders war, was er zunächst der frühen Uhrzeit zuschrieb.

Jetzt standen sie neben dem Gleisbett in der Weite der Großen Karoo, neun Kilometer hinter der Three-Sisters-Tankstelle. Sie hatten von dem mit einer Kette abgesperrten Tor neben der N1 aus zwanzig Minuten lang den staubigen Dienstweg entlanglaufen müssen, weil der Mann von Transnet nicht mit dem Torschlüssel aufgetaucht war. Trotz des blauen Himmels war der Augustwind bitterkalt, und weder Cupido noch Griessel hatten warme Kleidung mitgebracht. »Das hier ist eine Halbwüste, verdammt noch mal, da erwartet man doch ein bisschen Wärme«, hatte Cupido empört zu Griessel gesagt, als sie aus dem Auto gestiegen waren.

»Ja, der Streckenarbeiter von Transnet«, antwortete Verwey jetzt. Er war noch jung und trug eine moderne, komplizierte Frisur mit zahlreichen Einschnitten, Kerben und Flächen.

»War das der, der uns den Schlüssel bringen sollte?«, fragte Griessel.

»Richtig.« Als säße er im Kreuzverhör vor Gericht.

Cupido schüttelte langsam den Kopf, seufzte laut und sagte: »Okay, gehen wir alles noch mal von vorne durch.«

»Kaptein?«

»Erzählen Sie uns den Hergang noch einmal ganz genau, Sergeant. Wie hat sich das Ganze nach Meinung des SAPS von Beaufort-Wes abgespielt?«

»Das steht doch alles in der Akte …«

»Ich weiß, dass das in der Akte steht, aber die Akte ist nicht gerade ein Meisterwerk der Genauigkeit und Eloquenz, um es mal milde auszudrücken.«

»Meine Akte ist professionell angelegt«, entgegnete Verwey beleidigt. »Genau nach Vorschrift.«

Griessel ging dazwischen, ehe Cupido reagieren konnte. Die Akte war tatsächlich kein Vorbild an Ausführlichkeit und Präzision, doch er wusste, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt war, um darauf herumzureiten. »Sie wissen ja, wie das ist«, sagte er zu Verwey. »Eine Akte ist eine Zusammenfassung. Wir brauchen das größere Bild.«

Verwey merkte wohl, dass man ihm Honig um den Bart schmieren wollte. Er zog die Schultern ein wenig hoch, warf Cupido einen empörten Blick zu und wiederholte: »Meine Akte ist professionell geführt.«

Griessel nickte. Cupido hielt Gott sei Dank den Mund.

Den Blick über die Ebene gerichtet, begann Verwey: »Der Mann von Transnet … Chungu heißt er, er hat die Leiche hier gefunden.«

Griessel nickte ihm aufmunternd zu.