Bevor es für uns zu spät ist - Toshikazu Kawaguchi - E-Book

Bevor es für uns zu spät ist E-Book

Toshikazu Kawaguchi

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Beschreibung

Die Fortsetzung des Welt-Bestsellers Bevor der Kaffee kalt wird mit vier magischen Geschichten aus dem magischen Café. Wenn du in die Vergangenheit reisen könntest, wen würdest du gern wieder treffen? Der zweite Teil der magischen Cafè-Reihe Bevor der Kaffee kalt wird, erzählt vier berührende Geschichten von Menschen, die in die Vergangenheit reisen. Sie erhalten die Chance, vergangene Situationen zu verändern, Dinge, die sie bereuen, wieder gut zu machen. Vier Menschen, vier Erzählungen über den Sinn des Lebens, Versöhnung, Vergebung oder neue Hoffnung Bevor es für uns zu spät ist bringt uns zurück nach Japan, in das ungewöhnliche Cafè in Tokio, das seinen Besuchern erlaubt, zurück in die Vergangenheit zu reisen - aber nur so lange, "bis der Kaffee kalt wird"! Ihre Motive sind unterschiedlich, doch die gelernte Lektion ist dieselbe: Egal ob Versöhnung, Vergebung oder neue Hoffnung - das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden. Die magische Fortsetzung des TikTok-Phänomens Before the coffee gets cold Im Stil von Das Café am Rande der Welt erzählt der Dramatiker Toshikazu Kawaguchi in Bevor es für uns zu spät ist vier mitreißende "Kurzgeschichten" von Menschen und ihren berührenden Schicksalen: - Dem Mann, der seinen besten Freund, der vor 22 Jahren starb, noch ein letztes Mal sehen will.  - Dem Sohn, der nicht an der Beerdigung seiner Mutter teilnehmen konnte. - Dem Mann, der das Mädchen, das er liebte, nicht heiraten konnte. - Dem Detektiv, der seiner Frau nie dieses eine Geschenk machte.

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Seitenzahl: 217

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Toshikazu Kawaguchi

Bevor es für uns zu spät ist

Aus dem Englischen übersetzt von Friedrich Pflüger und Wolfram Ströle

Knaur eBooks

Über dieses Buch

Die Fortsetzung des Welt-Bestsellers Bevor der Kaffee kalt wird mit vier magischen Geschichten aus dem magischen Café.

Wenn du in die Vergangenheit reisen könntest, wen würdest du gern wieder treffen? Der zweite Teil der magischen Café-Reihe Bevor der Kaffee kalt wird, erzählt vier berührende Geschichten von Menschen, die in die Vergangenheit reisen. Sie erhalten die Chance, vergangene Situationen zu verändern, Dinge, die sie bereuen, wieder gut zu machen.

Vier Menschen, vier Erzählungen über den Sinn des Lebens, Versöhnung, Vergebung oder neue Hoffnung

Bevor es für uns zu spät ist bringt uns zurück nach Japan, in das ungewöhnliche Café in Tokio, das seinen Besuchern erlaubt, zurück in die Vergangenheit zu reisen – aber nur so lange, »bis der Kaffee kalt wird«! Ihre Motive sind unterschiedlich, doch die gelernte Lektion ist dieselbe: Egal ob Versöhnung, Vergebung oder neue Hoffnung – das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.

Die magische Fortsetzung des TikTok-Phänomens Before the coffee gets cold

Im Stil von Das Café am Rande der Welt erzählt der Dramatiker Toshikazu Kawaguchi in Bevor es für uns zu spät ist vier mitreißende »Kurzgeschichten« von Menschen und ihren berührenden Schicksalen:

Dem Mann, der seinen besten Freund, der vor 22 Jahren starb, noch ein letztes Mal sehen will.

Dem Sohn, der nicht an der Beerdigung seiner Mutter teilnehmen konnte.

Dem Mann, der das Mädchen, das er liebte, nicht heiraten konnte.

Dem Detektiv, der seiner Frau nie dieses eine Geschenk machte.

Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de

Inhaltsübersicht

Motto

Karte der Verwandtschaftsbeziehungen

Der beste Freund

Mutter und Sohn

Das Liebespaar

Das Ehepaar

If you could go back, who would you want to meet?

Karte der Verwandtschaftsbeziehungen

Frau im weißen Kleid

Ein Geist, der auf dem Stuhl sitzt, der einen in die Vergangenheit bringt. Einmal am Tag geht sie zur Toilette. Ansonsten liest sie schweigend in ihrem Buch. Wird sie allerdings von jemandem gestört, verflucht sie ihn.

Kiyoshi Manda

Ein Kriminalbeamter an der Polizeistation von Kanda. Er kaufte seiner Frau ein Geburtstagsgeschenk, gab es ihr aber nie.

Kimiko Manda

Ehefrau von Kiyoshi Manda. Sie geriet in ein Verbrechen und verlor dabei ihr Leben.

Kinuyo Mita

Sie kam vor sechs Monaten mit Krebs ins Krankenhaus. Yukio hat sie nie davon erzählt – sie wollte ihn nicht ängstigen. Doch es ging ihr rasch schlechter, und sie starb.

Nagare Tokita

Cousin von Kazu Tokita und Eigentümer des Cafés. Er ist ein Riese, fast zwei Meter groß.

Kei Tokita

Ehefrau von Nagare und Mutter von Miki. Vor sechs Jahren starb sie bei Mikis Geburt, weil sie ein schwaches Herz hatte.

Miki Tokita

Tochter von Nagare und Kei Tokita. Sie besucht die erste Grundschulklasse.

Yukio Mita

Sohn von Kinuyo Mita. Er macht in Kioto eine Töpferausbildung.

Kazu Tokita

Bedienung im Café Funiculi Funicula. Bei der Zeremonie, die Menschen in die Vergangenheit bringt, serviert sie den Kaffee.

Gohtaro Chiba

Führt ein Restaurant für typische japanische Gerichte. Nach dem Tod von Shuichi Kamiya vor zweiundzwanzig Jahren zog er dessen Tochter auf.

Katsuki Kurata

Erkrankte vor drei Jahren. Ihm sollten nur noch sechs Monate bleiben.

Fumiko Kiyokawa

Eine Frau, schön wie ein Filmstar. Vor sieben Jahren reiste sie in die Vergangenheit und traf dort den Geliebten, der sie in diesem Café verlassen hatte.

Asami Mori

Geliebte und Arbeitskollegin von Katsuki Kurata. Bei der Arbeit ist sie Fumiko untergeordnet.

Shuichi Kamiya

Studienfreund von Gohtaro Chiba. Er starb vor zweiundzwanzig Jahren, und seine Tochter wurde Waise.

I

Der beste Freund

Gohtaro Chiba hatte seine Tochter zweiundzwanzig Jahre lang angelogen.

Der Romancier Fjodor Dostojewski schreib einmal: »Das Schwierigste im Leben ist, zu leben und nicht zu lügen.«

Menschen lügen aus unterschiedlichen Gründen. Manche Lügen werden erzählt, um sich interessanter zu machen oder in einem vorteilhafteren Licht zu zeigen; mit anderen sollen Menschen getäuscht werden. Lügen können verletzen, doch sie können einem auch die eigene Haut retten. Aber ganz egal, warum sie erzählt werden – meistens werden sie später bereut.

Genau in diesem Dilemma steckte Gohtaro. Ihm machte seine Lüge zu schaffen. Er ging auf und ab vor dem Café, das seinen Kunden die Rückkehr in die Vergangenheit ermöglichte, und murmelte Dinge wie: »Ich wollte doch gar nicht deswegen lügen.«

Das Café war wenige Fußminuten vom Bahnhof Jimbocho in der Tokioter Innenstadt entfernt. Es war in einer schmalen Seitenstraße zwischen Bürogebäuden gelegen, ausgewiesen durch ein kleines Schild mit seinem Namen »Funiculi Funicula«. Das Café lag im Keller, und ohne dieses Schild wären die Leute achtlos daran vorübergelaufen.

Gohtaro ging die Treppe bis zu der verzierten Tür hinunter. Er murmelte noch immer, schüttelte den Kopf, drehte sich herum und stieg die Stufen wieder hinauf. Dann allerdings blieb er mit nachdenklicher Miene stehen. Eine Weile lang ging er hin und her und stieg die Treppe immer wieder hinauf und hinunter.

»Warum kommen Sie nicht herein und grübeln drinnen darüber?«, war unversehens eine Stimme zu hören.

Erschrocken drehte sich Gohtaro um und sah sich einer kleinen Frau gegenüber. Über der weißen Bluse trug sie eine schwarze Weste und eine Kellnerschürze. Sie war anscheinend die Bedienung des Cafés.

»Ah ja, also …«

Während Gohtaro noch eine Antwort stammelte, schob sich die Frau an ihm vorbei und ging rasch die Treppe hinunter.

Ding, dong.

Eine Kuhglocke läutete, als sie das Café betrat. Obwohl sie ihn eigentlich nicht dazu genötigt hatte, ging Gohtaro abermals die Stufen hinunter. Er verspürte eine merkwürdige Ruhe in sich, fast als wäre das, was ihm auf dem Herzen lag, mit einem Mal offengelegt worden.

Er war beharrlich auf und ab gegangen, weil er sich nicht sicher war, ob es wirklich das Café war, in dem man »in die Vergangenheit reisen konnte«. Eigentlich hatte er seinem alten Freund ja geglaubt, als der ihm von dem Gerücht erzählt hatte – aber wenn das nun doch alles erfunden war, wäre er als Kunde ziemlich blamiert.

Konnte man aber tatsächlich in der Zeit zurückreisen, dann galt es, wie er gehört hatte, einige ärgerliche Bedingungen zu erfüllen. Eine besagte, man könne in der Vergangenheit nichts unternehmen, das die Gegenwart veränderte, so sehr man sich auch bemühte, und Gohtaro fragte sich, warum er dann überhaupt zurückreisen sollte?

Trotzdem stand er jetzt vor der Eingangstür des Cafés und dachte: Ich will es aber trotzdem tun.

Hatte die Frau eben seine Gedanken gelesen? Normalerweise hätte sie ihn in dieser Situation wohl eher gefragt: Möchten Sie hereinkommen? Sie sind herzlich willkommen.

Stattdessen hatte sie gesagt: Warum kommen Sie nicht herein und grübeln drinnen darüber?

Vielleicht hatte sie ja gemeint: Ja, Sie können in die Vergangenheit reisen, aber kommen Sie doch erst einmal herein und entscheiden sich dann dafür oder dagegen.

Das größere Rätsel war, woher die Frau wissen konnte, weshalb er gekommen war. Und doch verspürte er einen Funken Hoffnung. Die beiläufige Bemerkung der Frau hatte bei ihm eine Entscheidung ausgelöst. Er streckte die Hand aus, drehte den Türknauf und öffnete die Tür.

Ding, dong.

Dann betrat er das Café, in dem man dem Vernehmen nach in die Vergangenheit reisen konnte.

Gohtaro Chiba war einundfünfzig Jahre alt und kräftig gebaut, was wohl etwas damit zu tun hatte, dass er während der Highschool und an der Universität Teil der Rugbymannschaft gewesen war. Noch heute trug er Anzüge der Größe XXL.

Er lebte zusammen mit seiner Tochter Haruka, die in diesem Jahr dreiundzwanzig wurde. Als Alleinerziehender hatte er manche Mühe mit ihr gehabt. Sie wuchs auf mit dem Wissen, dass ihre Mutter an einer Krankheit gestorben sei, als sie noch klein war. Gohtaro besaß den Kamiya-Diner, ein bescheidenes Lokal in Hachioji in einem Außenbezirk von Tokio. Man bekam dort Speisen mit Reis, Suppen und Beilagen; Haruka ging ihrem Vater dort zur Hand.

Hinter der zwei Meter hohen Holztür musste er zunächst einen kurzen Gang durchqueren. Geradeaus führte eine Tür zur Toilette; in der Wandmitte rechter Hand lag der Eingang zum Café. Als er dieses betrat, sah er auf einem Hocker an der Theke eine Frau. Diese rief sofort: »Kazu! Kundschaft!«

Neben der Frau saß ein Junge im Grundschulalter. Am hinteren Tisch entdeckte er noch eine Frau in einem weißen, kurzärmeligen Kleid. Sie war sehr blass, las schweigend in einem Buch und schien sich nicht für die Welt um sie herum zu interessieren.

»Die Bedienung ist eben erst vom Einkaufen zurückgekommen, aber Sie können ja schon mal Platz nehmen. Sie wird gleich kommen.«

Um Förmlichkeiten schien sich die Frau an der Theke auch Fremden gegenüber nicht zu kümmern, denn sie hatte Gohtaro wie einen Vertrauten angesprochen. Offenbar war sie hier Stammgast. Statt zu antworten, nickte er nur dankbar. Sie sah ihn unverwandt an, und ihr Blick schien zu sagen: Sie können von mir alles über dieses Café erfahren, was Sie wollen. Er tat aber lieber so, als hätte er es nicht bemerkt, und ließ sich am Tisch gleich beim Eingang nieder. Er blickte sich um. Da waren mehrere alte Standuhren, die fast bis zur Decke reichten. Und wo sich die Deckenbalken kreuzten, zog ein Ventilator träge seine Runden. Der erdfarbene Wandputz erinnerte ihn an beigefarbenes Kinako, geröstetes Sojamehl. Alles wirkte sehr alt, und die Oberflächen hatten im Lauf der Jahre eine wolkige Patina angenommen. In dem fensterlosen und nur von Hängelampen mit Schirmen erleuchteten Kellerraum war es ziemlich düster, das Licht deutlich sepiafarben.

»Hallo. Willkommen!«

Die Frau, die ihn auf der Treppe angesprochen hatte, kam aus dem Hinterzimmer und stellte ihm ein Glas Wasser hin.

Sie hieß Kazu Tokita. Ihr mittellanges Haar war nach hinten gebunden, und über der weißen Bluse mit der schwarzen Fliege trug sie eine schwarze Weste und eine Kellnerschürze. Kazu war die Bedienung des Funiculi Funicula. Sie hatte ein hübsches Gesicht mit mandelfömigen Augen, besaß ansonsten aber keine auffälligen Merkmale, die einen dauerhaften Eindruck hinterlassen würden. Hätte man nach einer Begegnung mit ihr die Augen geschlossen und versuchte, sich an das Gesehene zu erinnern, dann würde einem nichts einfallen. Sie zählte zu den Menschen, die in einer Menschenmenge leicht verschwinden konnten. Kazu wurde in diesem Jahr neunundzwanzig.

»Ah, hm … Ist das hier, wo man …«

Gohtaro war völlig ratlos, wie er die Sache mit der Reise in die Vergangenheit ansprechen sollte. Kazu betrachtete ihn seelenruhig in seiner Not. Dann wandte sie sich zur Küche um und fragte: »In welche Zeit möchten Sie denn zurückreisen?«

Aus der Küche hörte man Kaffee im Siphon gurgeln.

Die Bedienung muss Gedanken lesen können.

Im Raum verbreitete sich feiner Kaffeeduft, der seine Erinnerung an jenen Tag heraufbeschwor.

Genau vor diesem Café war es gewesen, dass Gohtaro zum ersten Mal nach sieben Jahren wieder Shuichi Kamiya traf. Die beiden hatten an der Universität als Mannschaftskameraden zusammen Rugby gespielt.

Gohtaro war inzwischen obdachlos geworden und völlig abgebrannt, denn er hatte seinen ganzen Besitz veräußern müssen, weil die Firma eines anderen Freundes, für den er gebürgt hatte, in Konkurs gegangen war. Gohtaros Kleider waren schmutzig, und er roch schlecht.

Aber Shuichi ließ sich das nicht anmerken, er schien sich über das Wiedersehen wirklich zu freuen. Er lud Gohtaro ins Café ein, und als er erfuhr, was geschehen war, schlug er vor: »Komm doch und arbeite in meinem Lokal.«

Als talentierter Rugbyspieler war Shuichi nach dem Studienabschluss von einem Unternehmen aus Osaka in die Mannschaft für eine Firmenliga berufen worden. Allerdings hatte eine Verletzung seine Karriere nach nicht einmal einem Jahr beendet, und er fand Arbeit bei einer Restaurantkette. Shuichi war unverbesserlicher Optimist. Er nahm dies als Chance, arbeitete dreimal so hart wie alle anderen und stieg bald zum verantwortlichen Manager für ein Gebiet mit sieben Filialen auf. Nach seiner Heirat machte er sich selbstständig und eröffnete gemeinsam mit seiner Frau ein kleines Restaurant. Dort sei viel los, und man könne Hilfe gut gebrauchen.

»Wenn du mein Angebot annimmst, hilfst du damit auch mir.«

Gohtaro, der in seiner misslichen Lage schon alle Hoffnung aufgegeben hatte, brach voller Dankbarkeit in Tränen aus und nickte: »Ja natürlich! Das mache ich.«

Shuichi erhob sich strahlend: »Und warte mal ab, bis du erst meine Tochter zu sehen bekommst!«

Der ledige Gohtaro war einigermaßen überrascht, dass Shuichi schon ein Kind hatte.

»Deine Tochter?«, antwortete er und machte große Augen.

»Genau! Sie ist gerade erst zur Welt gekommen. Sie ist so – süß!«

Shuichi nahm die Rechnung und ging zur Kasse hinüber. »Entschuldigung bitte, ich würde gerne bezahlen.«

Der Mann an der Theke war etwa im Highschool-Alter. Er war hoch aufgeschossen, an die zwei Meter, und hatte schmale, abwesend wirkende, mandelförmige Augen.

»Das macht siebenhundertsechzig Yen.«

Als ehemalige Rugbyspieler waren Gohtaro und Shuichi größer als die meisten, aber beide mussten zu dem jungen Kerl aufsehen. Sie blickten sich sogleich an und lachten, weil sie wahrscheinlich genau dasselbe dachten: Dieser Typ ist fürs Rugby gemacht.

»Hier Ihr Wechselgeld.«

Shuichi nahm es entgegen und ging zum Ausgang.

Bevor er obdachlos wurde, war Gohtaro als Erbe der väterlichen Firma, die jährlich mehr als hundert Millionen Yen eingebracht hatte, wohlhabend gewesen. Eigentlich war er ein ernsthafter Mensch gewesen, aber Geld verändert die Menschen. Er wurde sorglos und verschwenderisch. Zeitweise dachte er, wenn man Geld habe, könne man sich alles leisten. Aber das Unternehmen eines Freundes, bei dem er als Bürge unterschrieben hatte, ging pleite, und die gewaltigen Schulden zogen auch Gohtaros eigene Firma in den Abgrund. Und kaum war das Geld fort, behandelten ihn alle wie einen Aussätzigen. Auch Bekannte, die er für Freunde gehalten hatte, ließen ihn im Stich. Einer sagte ihm sogar offen ins Gesicht: Wozu bist du ohne dein Geld schon gut?

Aber Shuichi war anders; für ihn war Gohtaro immer noch wichtig, obwohl er alles verloren hatte. Es gab wirklich nur wenige Menschen, die jemandem halfen, der in Not geraten war, ohne etwas dafür zu erwarten. Shuichi Kamiya war genau so eine Person. Und während er Shuichi aus dem Café folgte, fasste Gohtaro den festen Entschluss: Ich werde ihm das vergelten!

Ding, dong.

»Das war vor zweiundzwanzig Jahren«, schloss Gohtaro.

Er griff nach dem Glas, das vor ihm stand, befeuchtete seine ausgedörrte Kehle und seufzte. Eigentlich wirkte er jung für seine einundfünfzig Jahre, aber es zeigten sich doch schon die ersten grauen Haare.

»Und so fing ich an, für Shuichi zu arbeiten. Ich kniete mich rein und versuchte, mich so schnell wie möglich einzuarbeiten. Aber dann, ein Jahr später, gab es einen Verkehrsunfall. Shuichi und seine Frau …«

Das war jetzt schon mehr als zwanzig Jahre her, aber er war über diesen Schock nie wirklich hinweggekommen. Seine Augen röteten sich, und er geriet ins Stocken.

Schlüürrrf!

Der Junge an der Theke saugte geräuschvoll die letzten Tropfen Orangensaft durch den Strohhalm.

»Und was passierte dann?«, fragte Kazu beiläufig, ohne ihre Tätigkeit zu unterbrechen. Sie wechselte nie den Tonfall, und mochte die Unterhaltung noch so ernst sein. Mit dieser Haltung wahrte sie wahrscheinlich ihren Abstand zu den Problemen der Kunden.

»Shuichis Tochter überlebte, und ich beschloss, sie großzuziehen.«

Gohtaro hatte die Augen niedergeschlagen und schien vor sich hin zu murmeln. Dann stand er plötzlich auf.

»Ich flehe Sie an. Lassen Sie mich zu diesem Tag vor zweiundzwanzig Jahren zurückreisen.«

Das hier war das Café Funiculi Funicula. Etwa zehn Jahre zuvor war es zu einer modernen Legende geworden, weil man dort dem Vernehmen nach in der Zeit zurückreisen konnte. Legenden sind eigentlich ausgedacht, aber es hieß, hier könne man wirklich in die Vergangenheit reisen.

Es wird allerlei darüber erzählt – beispielsweise von einer Frau, die in der Vergangenheit den Geliebten besuchte, der sie verlassen hatte, oder von jener, die noch einmal ihre jüngere Schwester traf, die bei einem Autounfall umgekommen war, oder von der Ehefrau, die in die Vergangenheit zu ihrem Mann reiste, der das Gedächtnis verloren hatte.

Um in die Vergangenheit zu gelangen, musste man allerdings eine Reihe lästiger Regeln beachten.

Die erste Regel: Man konnte in der Vergangenheit nur Menschen treffen, die mindestens einmal das Café besucht hatten. Waren sie nie dort gewesen, konnte man zwar in der Zeit zurückreisen, sie aber nicht treffen. Das bedeutete, dass Besucher aus entfernten Landesteilen in der Regel vergeblich anreisten.

Die zweite Regel: Nichts, das man in der Vergangenheit unternahm, bewirkte Veränderungen in der Gegenwart. Für die meisten, die das hörten, war das frustrierend, und viele verließen daraufhin das Café unverrichteter Dinge. Denn die meisten Kunden wollten in der Vergangenheit etwas wieder in Ordnung bringen. Nur sehr wenige machten sich dann trotzdem auf die Reise.

Die dritte Regel: Es gab nur einen Platz im Café, von dem aus man auf Zeitreise gehen konnte. Dieser war jedoch besetzt, und man konnte ihn nur einnehmen, wenn die Person zur Toilette ging. Das geschah einmal am Tag, aber niemand konnte voraussagen, wann das sein würde.

Die vierte Regel: In der Vergangenheit durfte man sich nicht vom Platz fortbewegen. Tat man es trotzdem, wurde man gewaltsam in die Gegenwart zurückgeholt. Es war also nicht möglich, das Café zu verlassen, während man in der Vergangenheit war.

Die fünfte Regel: Die Zeit in der Vergangenheit begann mit dem Moment, wenn der Kaffee eingeschenkt wurde, und musste beendet werden, bevor dieser kalt geworden war. Auch durfte nicht jeder den Kaffee einschenken; das musste Kazu Tokita tun.

Trotz dieser ärgerlichen Regeln gab es Kunden, die von der Legende gehört hatten und im Café um eine Reise in die Vergangenheit baten.

Gohtaro war ein solcher Kunde.

»Angenommen, Sie reisen in die Vergangenheit, was wollen Sie dort tun?«, wollte die Frau wissen, die ihm beim Eintreten gesagt hatte, er solle Platz nehmen. Ihr Name war Kyoko Kijima. Sie war Hausfrau und Mutter und häufig hier. Dass sie sich gerade jetzt im Café befand, war Zufall, aber sie starrte Gohtaro voller Neugierde an – vielleicht war er ja der erste Kunde, der in ihrer Gegenwart in die Vergangenheit reisen wollte. »Nehmen Sie mir die Neugierde nicht übel, aber wie alt sind Sie?«

»Einundfünfzig.«

Gohtaro hatte die Frage offenbar als Kritik aufgefasst nach dem Motto: Warum redet ein Mann in Ihrem Alter so blöd über eine Reise in die Vergangenheit daher? Er saß über den Tisch gebeugt und starrte auf seine ineinandergelegten Hände.

»Es tut mir leid«, hakte sie nach, »aber finden Sie nicht, das wäre ein bisschen verrückt? Wenn Shuichi, oder wie er heißt, plötzlich und völlig unvorbereitet auf eine zweiundzwanzig Jahre ältere Version von Ihnen trifft?«

Gohtaro ließ den Kopf hängen.

»Wäre das nicht ziemlich merkwürdig?« Sie blickte nach Zustimmung heischend zu Kazu hinüber.

»Na ja, schon möglich«, antwortete die Bedienung, schien die Meinung aber nicht ganz zu teilen.

»He, Mum, wird nicht dein Kaffee langsam kalt?«, murmelte der Junge, der seinen Orangensaft ausgetrunken hatte und unruhig wurde. Er hieß Yohsuke Kijima, war Kyokos Sohn und sollte im Frühjahr in die vierte Klasse kommen. Sein mittellanges Haar war ziemlich verstrubbelt, sein Gesicht von der Sonne verbrannt, und er trug ein Sportdress des MEITOKU FC mit der Nummer neun auf dem Rücken. Für ihn gab es nur Fußball.

Er deutete auf den Kaffee zum Mitnehmen in der Papiertüte auf der Theke neben Kyoko.

»Ach, das ist egal. Grandma mag sowieso keine heißen Getränke«, antwortete sie, beugte sich ganz nah an Yohsukes Ohr und flüsterte: »Ein bisschen dauert es noch, aber dann gehen wir, okay?«

Sie blickte zu Gohtaro hinüber und wartete auf eine Reaktion.

Gohtaro setzte sich auf und schien sich wieder gefasst zu haben.

»Ja, gut möglich, dass er ausflippen wird«, räumte er ein.

»M-hm«, antwortete Kyoko und nickte vielsagend. Kazu verfolgte die Unterhaltung und stellte Yohsuke einen frischen Orangensaft hin, für den er sich mit einem stummen Nicken bedankte.

»Aber wenn es tatsächlich wahr ist, dass man in der Zeit zurückreisen kann, dann gibt es da etwas, das ich Shuichi unbedingt sagen möchte.«

Obwohl ihn Kyoko gefragt hatte, blickte Gohtaro bei der Antwort Kazu an. Sie ließ sich aber keine Reaktion anmerken.

Gleichgültig wie immer kam sie hinter der Theke vor und blieb vor ihm stehen.

Immer wieder kamen Kunden wie Gohtaro ins Café, die gehört hatten, dass man hier in die Vergangenheit reisen konnte, und bei allen verfuhr Kazu stets auf dieselbe Weise.

»Sind Sie mit den Regeln vertraut?«, fragte sie knapp, denn viele Kunden hatten nicht die geringste Ahnung.

»Mehr oder weniger …«, erwiderte Gohtaro stockend.

»Mehr oder weniger?«, rief Kyoko. Im Augenblick war sie als Einzige im Café etwas erregt. Kazu sah Kyoko schweigend an, wandte sich dann wieder zu Gohtaro um und blickte ihn an. »Beantworten Sie die Frage.«

Gohtaro zuckte entschuldigend mit den Schultern. »Man setzt sich auf einen Stuhl, jemand macht einem einen Kaffee, und dann reist man in die Vergangenheit. Das ist alles, was ich gehört habe«, antwortete er verlegen. Ihm musste vor Nervosität die Spucke weggeblieben sein, denn er griff wieder zum Wasserglas.

»Ganz so einfach ist es nicht. Wer hat Ihnen das erzählt?«, wollte Kyoko wissen.

»Shuichi.«

»Von Shuichi haben Sie das also gehört. Aber … dann ist das ja zweiundzwanzig Jahre her?«

»Ja, bei unserem ersten Besuch hier im Café. Er hatte wohl von der Legende gehört.«

»Ich verstehe …«

»Wenn also eine sehr viel ältere Version von mir plötzlich vor Shuichi auftaucht, wird er zwar erschrecken, aber ich glaube, er wird damit klarkommen«, kam er auf Kyokos Frage zurück.

»Was hältst du davon, Kazu?«, fragte Kyoko. Sie sagte das, als würden alleine sie und Kazu über Gohtaros Reise in die Vergangenheit entscheiden. Allerdings antwortete Kazu nicht, sondern erklärte ruhig und ernst:

»Sie wissen, Ihre Reise in die Vergangenheit wird nichts an der Realität ändern, nicht wahr?«

Damit meinte sie: Sie wissen, dass Sie Ihren Freund nicht vor dem Tod bewahren können!

Allzu viele waren schon ins Café gekommen in der Hoffnung, jemanden in der Vergangenheit vor dem Tod zu retten. Deshalb erläuterte Kazu stets diese Regel.

Es war nicht so, dass sie für den Schmerz der Menschen über ihren Verlust nicht empfänglich war. Aber es führte einfach kein Weg an dieser Regel vorbei – egal für wen, und was immer die Gründe sein mochten.

Gohtaro nahm die Worte ohne jede Regung auf.

»Das ist mir klar«, antwortete er leise und gleichmütig.

Ding, dong.

Ein Mädchen. Und anstatt mit: »Hallo. Willkommen!«, begrüßte Kazu sie mit den Worten: »Willkommen zu Hause!«

Das Mädchen war Miki Tokita, die Tochter des Cafébesitzers Nagare Tokita. Voller Stolz trug sie einen leuchtend roten Randoseru – einen Grundschulrucksack.

»Moi ist zurück, meine Süßen!«, verkündete die Kleine strahlend und so laut, dass es im ganzen Café widerhallte.

»Hallo, Miki, Liebling! Wo hast du denn diesen wunderschönen Randoseru her?«, fragte Kyoko.

»Sie hat ihn für moi gekauft!«, antwortete Miki mit breitem Grinsen und deutete auf Kazu.

»Wow! Der sieht fantastisch aus!«, lobte Kyoko.

Sie blickte zu Kazu hinüber. »Fängt die Schule nicht erst morgen an?«, flüsterte sie.

Das war nicht als Kritik an Mikis Verhalten gemeint, und sie wollte sich auch nicht über das Mädchen lustig machen. Genau genommen musste sie selbst darüber lächeln, dass Miki mit ihrem nagelneuen Randoseru auf dem Rücken so voller Stolz im ganzen Viertel unterwegs war.

»Genau, morgen ist es so weit«, antwortete Kazu und musste ein Lächeln unterdrücken.

»Wie geht es denn Madame Kinuyo? Geht es ihr gut?«, fragte Miki und führte die Unterhaltung so laut fort, dass es im ganzen Café zu hören war.

»Mrs. Kinuyo geht es gut! Wir sind heute ins Café gekommen, um ihr wieder einen Kaffee und ein Sandwich mitzubringen, das dein Daddy gemacht hat.« Kyoko hielt die Papiertüte in die Höhe. Yohsuke auf dem Hocker daneben blieb mit dem Rücken zu Miki sitzen und trank in kleinen Schlucken sein zweites Glas Orangensaft.

»Werden Mrs. Kinuyo Daddys Sandwiches immer noch nicht langweilig? Sie hat all die Tage nichts anderes gegessen.«

»Mrs. Kinuyo sagt, sie liebt die Sandwiches und den Kaffee von deinem Daddy.«

»Ich kann mir gar nicht vorstellen, warum. Daddys Sandwiches sind gar nicht so lecker«, bemerkte Miki immer noch lautstark.

Das war auch in der Küche gehört worden, von wo jetzt eine hochaufragende Gestalt erschien.

»He, he! Wer macht hier widerliche Sandwiches?«, fragte Nagare, der Cafébesitzer und Vater von Miki. Ihre Mutter Kei lebte nicht mehr. Sie hatte ein schwaches Herz gehabt und war vor sechs Jahren nach Mikis Geburt gestorben.

»Hoppala, na so was, meine Süßen. Ich glaube, moi wird jetzt wieder verschwinden«, trällerte Miki gekünstelt. Sie machte eine kurze Verbeugung vor Kyoko und huschte dann ins Hinterzimmer.

»Moi …?«

Kyoko blickte Nagare an, als wollte sie fragen: Wo hat sie denn das her?

Nagare zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung.«

Nach einem Seitenblick auf Kyoko und Nagare begann Yohsuke, seine Mutter am Arm anzustupsen.

»Können wir jetzt bitte gehen!?«

»O ja, stimmt, wir wollten ja los …« Kyoko erhob sich vom Barhocker.

»Also, meine Süßen, für moi ist es jetzt auch Zeit zu verschwinden«, ahmte sie Miki nach.

Sie drückte Yohsuke die Papiertüte in die Hand und legte, ohne auf die Rechnung zu sehen, Geld für das Sandwich, den Kaffee und Yohsukes Getränk auf die Theke – auch für den zweiten Orangensaft.

»Der zweite Saft geht aufs Haus«, sagte Kazu, nahm das Geld abzüglich der Summe für den zweiten Orangensaft von der Theke und tippte den Betrag laut hörbar in die Kasse ein.

»Nein, nein. Den bezahle ich auch.«

»Du brauchst nicht zu bezahlen, was du nicht bestellt hast. Den habe ich ihm doch so hingestellt.«

Kyoko wollte das Geld auf der Theke nicht zurücknehmen, aber Kazu hatte den Rest schon in die Kasse gelegt und reichte ihr den Beleg.

»Oh … Okay.«

Kyoko war es eigentlich nicht recht, das Getränk nicht zu bezahlen, aber sie wusste, dass Kazu kein Geld dafür annehmen würde.

»Also schön, wenn du das sagst«, bemerkte sie und nahm das Restgeld vom Tresen. »Vielen Dank.« Sie steckte die Münzen wieder in ihren Geldbeutel.

»Und bestell bitte viele Grüße an Kinuyo sensei«, sagte Kazu.

Kinuyo hatte Kazu seit ihrem siebten Lebensjahr im Malen unterrichtet. Und Kinuyo hatte ihr auch geraten, sich um ein Kunststudium zu bemühen. Seit ihrem Abschluss arbeitete Kazu als Teilzeitkraft in Kinuyos Malschule. Seit Kinuyo im Krankenhaus war, unterrichtete Kazu alle Kurse.

»Ich weiß, dass du hier auch viel zu tun hast, also danke noch mal, dass du diese Woche wieder alle Stunden übernimmst.«

»Ist doch selbstverständlich, kein Problem«, erwiderte Kazu.

»Danke für den Orangensaft«, sagte Yohsuke und nickte in Richtung Kazu und Nagare, die beide hinter der Theke standen. Yohsuke verließ das Café als Erster.

Ding, dong.