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Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 697
Veröffentlichungsjahr: 2025
Diana Palmer, Gina Wilkins, Melissa Senate, Marie Ferrarella
BIANCA EXTRA BAND 152
IMPRESSUM
BIANCA EXTRA erscheint in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg
Deutsche Erstausgabe 2025 in der Reihe BIANCA EXTRA, Band 152
© 2024 by Diana Palmer Originaltitel: „Rancher’s Law“ erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto in der Reihe: SPECIAL EDITION Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Susanne Weißgerber
© 2008 by Gina Wilkins Originaltitel: „The Man Next Door“ erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto in der Reihe: SPECIAL EDITION Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Patrick Hansen
© 2022 by Harlequin Enterprises ULC Originaltitel: „One Night with the Maverick“ erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto in der Reihe: SPECIAL EDITION Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Rainer Nolden
© 2019 by Harlequin Enterprises ULC Originaltitel: „Texan Seeks Fortune“ erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto in der Reihe: SPECIAL EDITION Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Rainer Nolden
Abbildungen: Harlequin Books S.A., alle Rechte vorbehalten
Veröffentlicht im ePub Format in 08/2025 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.
E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 9783751531313
Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte des Autors und des Verlags bleiben davon unberührt. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY
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Diana Palmer
Connor Fortunado war hin- und hergerissen.
Von seinem Erster-Klasse-Sitz schaute er aus dem Fenster. Die Maschine war soeben gelandet.
Er war fast am Ziel.
Houston.
Zuhause.
Connors Mund verzog sich zu einem Lächeln. Zuhause – besser bekannt als das „Heim der unverbesserlichen Romantiker“. Diese Bezeichnung war ihm kürzlich in den Sinn gekommen, weil alle seine fünf Geschwister entweder geheiratet hatten oder gerade kurz davor standen.
Außer ihm.
Und das, so sagte er sich, würde sich auch so bald nicht ändern.
Oder überhaupt jemals.
Connor war mit seinem Leben sehr zufrieden. Er war einunddreißig, Single, sorgenfrei und konnte tun und lassen, was immer er wollte. Wie er es gerade gemacht hatte. Wäre er verheiratet und hätte eine „bessere Hälfte“, wie manche zu sagen pflegten, würde diese ihm wegen seines Doppellebens wahrscheinlich das Leben zur Hölle machen. Sie wäre bestimmt nicht damit einverstanden gewesen, dass er seinen Geschäftsführerposten in einer Personalberaterfirma aufgab, nur damit er seinen Leidenschaften folgen konnte.
Seine Familie glaubte immer noch, dass er den gut dotierten Job als Manager in seiner alten Firma innehatte. Seine Karriere war beachtlich gewesen – und die Zukunft, die ihn erwartete, eher langweilig. Keiner seiner Verwandten ahnte, dass er sein Talent für die Detektivarbeit entdeckt hatte.
Es hatte ganz harmlos begonnen. Er hatte seinem Chef geholfen, Veruntreuungen innerhalb der Firma aufzudecken. Und nachdem der Übeltäter entdeckt worden war, hatte Connor festgestellt, dass es ihn faszinierte, auf verschlungenen Pfaden dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Nachdem er ein wenig in sich gegangen war, hatte er beschlossen, seine neu entdeckten Fähigkeiten sinnvoller einzusetzen. Also hatte er der Geschäftswelt den Rücken gekehrt, um Privatdetektiv zu werden.
Derlei Karrierebrüche wären bei einer Ehefrau nicht gut angekommen, und sie hätte sich gewiss nicht zurückgehalten, um ihrem Unmut Worte zu verleihen.
Nicht nur ihm gegenüber.
Connor runzelte die Stirn. Der Moment der Abrechnung war gekommen. Mit seiner Familie würde er nach seiner Ankunft in Houston reinen Tisch machen. Seine Geschwister würden Verständnis für seine Entscheidung haben. Sie waren ziemlich unvoreingenommen. Das Problem waren seine Eltern. Die – und vor allem sein Vater – würden seine Entscheidung ganz und gar nicht billigen.
Deshalb sah er dem Gespräch mit gemischten Gefühlen entgegen. Am liebsten hätte er sein Geheimnis so lange wie möglich für sich behalten.
Doch das Schicksal hatte anderes mit ihm vor und zwang ihn, sich zu dieser bedeutsamen Veränderung in seinem Leben zu bekennen. Und alles nur zum Wohl der Familie. Hoffentlich sahen seine Eltern das genauso. Natürlich war er ein erwachsener Mann. Dennoch lag ihm noch immer viel an der Zustimmung seiner Eltern.
Aber er konnte es sich nicht leisten, das Geheimnis länger für sich zu behalten. Denn seine Familie brauchte ihn. Davon war er überzeugt. Und das war alles andere als paranoides Verhalten. Er wusste schließlich, was einigen Familienmitgliedern in den vergangenen zwei Monaten zugestoßen war. Etwa dem Halbbruder seines Vaters. Gerald Robinsons geradezu palastartige Villa war Opfer einer Brandstiftung geworden und fast bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Das familiengeführte Technologieunternehmen Robinson Tech war Opfer eines Hackerangriffs geworden. Und Fortunado-Immobilien, die Firma, die sein Vater gegründet hatte und in der zwei seiner Schwestern und einer seiner Schwager arbeiteten, war ebenfalls Ziel von Sabotage gewesen.
Es sah ganz so aus, als sei niemand, der auch nur im Entferntesten mit der Familie verbunden war – egal, ob sie ihren Familiennamen Fortune oder Fortunado schrieben –, vor derlei Angriffen geschützt.
Und Connor hatte das ungute Gefühl, dass das alles noch schlimmer werden würde, wenn derjenige, der für das ganze Chaos verantwortlich war, nicht bald dingfest gemacht wurde. Er hatte herausgefunden, dass die Fortunados und die Fortunes, also seine eigene Familie, miteinander verbunden waren. Und das bedeutete, dass er nicht einfach untätig zusehen konnte, wie das Drama seinen Lauf nahm.
Er musste unbedingt etwas unternehmen. Er hatte das Talent, er hatte die Verbindungen und das nötige Geld, um die Investigationen durchführen zu können. All das würde ihm bei seiner Suche nach demjenigen helfen, der auf diesem Rachefeldzug gegen die gesamte Familie Fortune war.
Seine Familie.
Im Geiste hatte Connor schon mit den Ermittlungen begonnen, noch ehe die Maschine gelandet war.
Er musste es nur noch seinen Eltern erzählen.
„Meine Damen und Herren, in Kürze beginnen wir mit unserem Anflug auf Houston. Bitte klappen Sie die Tische vor Ihnen ein und stellen Sie Ihre Rückenlehne senkrecht …“
Connor verspürte einen Anflug von Übelkeit. Nicht wegen der Landung, sondern wegen dem, was vor ihm lag.
Die Stunde null war fast gekommen.
Sie alle hatten sich in dem geräumigen Wohnzimmer versammelt: seine Schwester Valene, seine Schwester Maddie und ihr Mann Zach McCarter sowie seine Eltern, Kenneth und Barbara Fortunado.
Jetzt geht’s los, dachte Connor und setzte sein Pokerface auf.
Kenneth Fortunado, ein Schrank von einem Mann, war nicht dafür bekannt, um den heißen Brei herumzureden. Er kam sofort auf den Punkt.
„Nun gut, Connor, was ist das große Geheimnis?“, fragte Kenneth seinen Sohn beim Eintreten. „Warum kommst du aus heiterem Himmel her?“
„Ich vermute, es muss was Wichtiges sein, wenn Connor seinen gut dotierten, bequemen Job in Denver verlässt, um seinen Hintern nach Hause zu bewegen“, vermutete Maddie, während sie es sich auf einem der ausladenden Sofas bequem machte.
„Es sind doch nicht etwa schlechte Neuigkeiten, mein Lieber?“, fragte Barbara Fortunado besorgt. „Bitte keine schlechten Nachrichten. Nach allem, was vorgefallen ist, kann ich nicht noch mehr Negatives vertragen.“
Kenneth musterte seinen Sohn durchdringend. „Du wirkst ziemlich beunruhigt. Raus damit. Was ist los? Warum bist du hergekommen?“
Valene, Connors Schwester, konnte sich nicht länger zurückhalten. „Lasst ihn doch erst mal zu Atem kommen“, forderte sie die anderen auf. „Wir sehen schon überall Gespenster.“ Damit spielte sie auf die Tatsache an, dass bei Fortunado-Immobilien, wo sie alle arbeiteten, unerklärliche Dinge geschehen waren: Sie hatten einen großen Teil ihrer besten Klienten verloren, ohne dafür eine Erklärung zu haben.
Connor schaute sich im Zimmer um. Einige der engsten Familienmitglieder fehlten, obwohl er darum gebeten hatte, mit allen von ihnen reden zu können, denn er hatte keine Lust, dieses Drama zwei Mal zu erleben. Aber offenbar war seine Botschaft nicht angekommen.
„Ich habe gehofft, es allen mitteilen zu können“, erwiderte er.
„Du musst dich eben mit der Hälfte der Familie zufriedengeben.“ Kenneth wurde allmählich ungeduldig.
„Connor, bitte erzähle es uns“, bat Barbara ihren Sohn. „Du machst mich ganz nervös.“
Connor holte tief Luft. „Es ist nichts, weswegen du nervös werden musst, Mutter.“
„Spuck’s schon aus“, befahl Kenneth. „Wenn du in deiner Firma auch immer so um den heißen Brei herumredest, wundert es mich, dass sie dich noch nicht vor die Tür gesetzt haben.“
Das war ein gutes Stichwort, überlegte Connor. „Das ist auch ein Grund, warum ich mit euch reden wollte“, erwiderte er.
„Sie haben dich gefeuert?“ Kenneth war laut geworden.
„Nein“, antwortete Connor mit fester Stimme. „Sie haben mich nicht gefeuert. Aber ich arbeite nicht mehr für sie.“
Sein Vater lief rot an. „Was heißt das – du arbeitest nicht mehr für sie?“
„Kenneth, bitte, lass ihn doch ausreden“, bat Barbara und legte eine Hand auf den Arm ihres Mannes, als ob sie einen wilden Bullen besänftigen wollte. „Ich bin sicher, dass er für alles eine vernünftige Erklärung hat.“
„Also?“, polterte Kenneth, während er Connor mit seinen Blicken durchbohrte.
Erneut holte Connor tief Luft, als ob ihn das vor der Explosion bewahren konnte, mit der er jeden Moment rechnete. „Ich bin nicht mehr bei der Firma, weil ich jetzt als Privatdetektiv arbeite.“
„Privatdetektiv?“, rief Maddie ungläubig. Dann grinste sie. „Du meinst, wie Magnum?“
„Wer ist Magnum?“, fragte Valene ihre Schwester.
„Ein Typ aus einer alten Detektivserie“, erklärte Zach. „Ich habe mal ein paar Episoden auf einem der Fernsehkanäle gesehen, in denen andauernd Serien aus den Siebziger- und Achtzigerjahren laufen.“
„Nein, nicht wie Magnum“, stellte Connor richtig. „Meistens ist die Arbeit nicht so aufregend, wie sie im Fernsehen dargestellt wird. Man braucht viel Geduld und ein Auge fürs Detail.“ Er hoffte, damit genug gesagt zu haben.
Offenbar hatte er sich geirrt. Mit einer energischen Handbewegung brachte Kenneth alle im Raum zum Schweigen.
„Du bist ein Schnüffler?“, rief er ebenso verblüfft wie enttäuscht. „Was zum Teufel hast du dir dabei gedacht?“
„Es heißt ,Privatdetektiv‘, Dad“, erklärte Connor seinem Vater geduldig. „Und ich habe mir gedacht, ich könnte vielleicht herausbekommen, wer verantwortlich für all das ist, was hier in letzter Zeit passiert ist.“
„Dafür gibt es doch Profis, mein Lieber“, schaltete Barbara sich ein.
Connor schaute seine Mutter an. Er hatte gewusst, dass es nicht leicht werden würde. „Ich bin ein Profi, Mutter.“
Kenneth schnaubte. „Seit wann?“
Connor wandte sich an seinen Vater. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Wenn er nun klein beigab, war alles vergebens gewesen. „Seit einigen Monaten.“
Kenneth legte die Stirn in Falten. „Ich glaube dir nicht“, entgegnete er. „Du würdest so etwas Grundlegendes nicht machen, ohne vorher mit mir darüber zu reden.“
„Ich rede ja mit dir“, sagte Connor. „Hier und jetzt. Es gab keinen Grund, es dir früher zu erzählen.“
Für alle im Raum war es offensichtlich, dass Kenneth diese Erklärung inakzeptabel fand.
„Wie ist das passiert?“, wollte sein Vater wissen. „Bist du eines Morgens aufgewacht und hast dir gesagt, hallo, ich habe meinen gut bezahlten Job satt? Pfeif auf das alles und tu etwas vollkommen Sinnloses – etwa Schnüffler werden. War es so?“ Kenneth war wieder laut geworden.
„Privatdetektiv, mein Lieber“, verbesserte Barbara ihn.
„Privatermittler“, erwiderte Connor ruhig. „Und nein, so war es nicht. Mein Chef hatte jemanden in Verdacht, Firmengelder zu veruntreuen, aber er wusste nicht, wie er dem Betreffenden auf die Schliche kommen konnte. Er hat mich ins Vertrauen gezogen, und ich habe ihm versprochen, mich ein wenig umzuhören. Das habe ich getan und denjenigen, der das Geld beiseitebrachte, in weniger als einer Woche entlarvt.“
„Du hattest einfach Glück“, murrte Kenneth.
„Nein, hatte ich nicht“, widersprach Connor. „Ich war hartnäckig. Und habe dabei festgestellt, dass ich ein Talent für derlei Investigationen habe.“
„Mein Sohn, der Maulwurf“, schnaubte Kenneth. „Ich kann es kaum erwarten, den Leuten von deinem neuen Job zu erzählen.“
„Dad, du hast etwas nicht mitbekommen“, schaltete Valene sich ein, um ihrem Bruder zu Hilfe zu kommen. „Connor hat doch gesagt, er will uns dabei helfen herauszufinden, was der Familie in letzter Zeit passiert ist.“
„Das ist Aufgabe der Polizei“, erinnerte Barbara sie. Der Gedanke, dass eines ihrer Kinder in etwas verwickelt wurde, das sich als gefährlich herausstellen könnte, gefiel ihr ganz und gar nicht.
„Und wie weit sind sie bei ihren Ermittlungen gekommen?“, fragte Maddie herausfordernd.
Hilflos zuckte Barbara mit den Schultern. „Sie stehen noch ganz am Anfang.“
„Willst du wirklich warten, bis jemand getötet wird, ehe wir etwas unternehmen?“, fragte Connor seine Mutter ruhig.
Barbaras Augen wurden groß, als hätte sie über diese Möglichkeit noch gar nicht nachgedacht. „Glaubst du wirklich, das könnte passieren?“
Connor hätte seiner Mutter die Wahrheit gern erspart. Aber er beschloss, ehrlich zu sein. „So, wie die Situation eskaliert, gibt es keinen Grund zur Annahme, dass es nicht passieren könnte.“
Kenneth war immer noch nicht überzeugt. „Na gut, du Teufelskerl, dann klär uns auf. Wie schätzt du denn das alles, was passiert ist, ein? Hast du schon eine Theorie?“
Connor wusste, dass sein Vater jedes seiner Worte auf die Goldwaage legen würde. Deshalb sprach er sehr bedachtsam. „Ich glaube nicht, dass es zufällige Vorkommnisse sind, wie die Polizei zunächst vermutet hat.“ Er wartete eine Sekunde, ehe er die Bombe platzen ließ. „Ich glaube, hinter allem, was geschehen ist, steckt eine Person.“
Mit zusammengekniffenen Augen musterte Kenneth seinen Sohn. „Du redest über das Feuer, den Hackerangriff und das Sabotieren der Immobiliendeals?“
„Ja“, antwortete Connor mit fester Stimme.
„Ein Einziger soll für all das verantwortlich sein?“, fragte Zach.
„Ja. Genau das denke ich.“
„Das muss aber eine sehr energiegeladene Person sein.“ Kenneth’ Sarkasmus war nicht zu überhören.
„Man kann Leute für solche Taten anheuern. Aber ich glaube, dass die Fäden für diese Verbrechen bei einem Einzigen zusammenlaufen“, erklärte Connor. Als er in die Runde blickte, stellte er fest, dass seine Mutter und seine Schwestern sowie Zach von seiner Vermutung überzeugt zu sein schienen. Nur sein Vater beharrte auf seinem Standpunkt. Lag es daran, dass er nichts von dieser Theorie hielt oder sauer auf seinen Sohn war, weil der plötzlich den Beruf gewechselt hatte?
Connor wartete auf eine Reaktion seines Vaters. „Und wer soll diese Person sein? Bist du dir da sicher, oder hoffst du bloß, dass wir dir deine Theorie abkaufen?“
Connor wandte den Blick nicht von seinem Vater. „Ich habe Beweise für die Theorie gefunden.“
„Das musst du genauer erklären“, bat seine Mutter.
„Jemand hat im Internet negative Nachrichten über Fortunado-Immobilien gestreut. Daraufhin sind einige Kunden abgesprungen. Wegen dieser Gerüchte haben sie ihre Verträge gekündigt und zu anderen Maklerbüros gewechselt.“
„Und hat dieser Jemand auch einen Namen?“ Kenneth’ ungeduldiger Tonfall deutete darauf hin, dass er ernsthaft bezweifelte, dass sein Sohn bei seinen sogenannten Untersuchungen so weit vorgedrungen war.
Mit seiner Antwort überraschte Connor sowohl seinen Vater als auch seine Mutter. „Ja.“
„Also?“, forderte Kenneth ihn auf, den Namen zu nennen.
„Nach allem, was ich erfahren habe, glaube ich, dass die Person, die all das zu verantworten hat, Charlotte Prendergast Robinson ist.“
„Geralds Frau?“, rief Barbara verblüfft.
„Onkel Geralds Ex-Frau“, verbesserte Connor seine Mutter. Seiner Meinung nach hatte erst die Scheidung Charlotte auf ihren Rachefeldzug geschickt.
Kenneth musterte seinen Sohn skeptisch, obwohl der Name der Frau bei all diesen Vorkommnissen bereits ein paar Mal gefallen war.
„Ich weiß, dass Charlotte wütend ist“, überlegte sein Vater laut.
„Sie ist viel mehr, Dad“, schaltete Valene sich ein. „Du kennst doch den Spruch: ,Die Hölle selbst kann nicht wüten wie eine verschmähte Frauʿ.“
„Val hat recht“, pflichtete Maddie ihrer Schwester und ihrem Bruder bei. „Tante Charlotte war ziemlich durch den Wind, nachdem Onkel Gerald sie für Deborah verlassen hat, die er seine ‚erste Liebe’ genannt hat. Denk mal darüber nach. Ich meine, wer, der halbwegs bei klarem Verstand ist, listet schon die unehelichen Kinder des eigenen Mannes in einem großen Aktenordner auf?“
„Vielleicht wollte die Frau nur ihren Stammbaum mit ihrem Buch dokumentieren“, warf Barbara ein, die immer nur das Gute in allen Menschen sehen wollte.
„Wohl eher, um dieses Buch dazu zu benutzen, alle möglichen Leute zu erpressen“, entgegnete Maddie. „Außerdem bezweifele ich, dass sie die Menschen, die sie in ihrem Buch auflistet, als ihre Familie betrachtet. Es ist eher seine Familie. Onkel Gerald wusste doch nicht einmal, dass es sie gab, ehe Charlotte anfing, ihre Namen zu sammeln.“
„Ich würde Tante Charlotte alles zutrauen“, gab Connor zu bedenken.
„Ich glaube, der Auslöser war die Tatsache, dass Deborah die Mutter seiner Drillinge war“, erwiderte Maddie. „Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht und Charlotte endgültig aus der Spur gebracht hat.“
„Warum sollte das schlimmer sein als das Wissen um die anderen unehelichen Sprösslinge?“, fragte Kenneth mit gerunzelter Stirn. Die Vorstellung, mit Gerald verwandt zu sein, passte ihm ganz und gar nicht. „Dieser Mann hat mehr von seinem Samen verstreut als irgendeine Person aus der Bibel“, fügte er angewidert hinzu.
„Kenneth!“, rügte Barbara ihren Mann empört.
„Na ja, stimmt doch“, verteidigte Kenneth sich. „Ihm war es vollkommen egal, wen er geschwängert hat. Der Mann hätte kastriert werden sollen.“
„Bist du ganz sicher, dass wir tatsächlich mit Gerald Robinson verwandt sind?“, wollte Maddie wissen. „Vielleicht hat sich irgendjemand geirrt.“
Connor hatte Verständnis für den Wunsch seiner Schwester, sämtliche Verbindungen zu kappen. Aber so einfach war es nicht. „Dad und Gerald sind beide Enkel von Großvater Julius.“
„Wir sind Halbbrüder“, korrigierte Kenneth scharf. „Wozu auch immer das gut sein soll.“
„Das war, als Gerald noch Jerome Fortune hieß. Dann entschied er sich, unterzutauchen und eine neue Identität anzunehmen“, erklärte Barbara ihren Kindern.
Maddie kniff die Augen zusammen. „Moment mal – ich kriege Kopfschmerzen.“ Mit einer dramatischen Geste legte sie die Hand gegen die Stirn.
Valene lachte über das theatralische Verhalten ihrer Schwester und schüttelte den Kopf. „Eines muss man dieser Familie lassen. Wir sind alles andere als langweilig.“
„Nein. Gerald und seine umfangreiche Familie sind in der Tat nicht langweilig“, bestätigte Kenneth. „Wir sind eine durch und durch gewöhnliche Familie mit einem ordentlichen Vermögen“, betonte er. „Beziehungsweise waren es“, ergänzte er mit einem Blick zu Connor. „Bis einer meiner Söhne beschloss, sein Leben komplett umzukrempeln und Privatermittler zu werden.“
Connor wollte nicht länger darüber diskutieren. Sein Vater musste verstehen, dass sein neuer Beruf der Familie auf lange Sicht nur helfen konnte und kein Grund war, sich deswegen zu schämen. „Dad, du kommst vom Thema ab“, tadelte er, wenn auch mit gebührendem Respekt.
„Und dein Thema ist, dass all das von Charlotte in die Wege geleitet wurde, um sich zu rächen?“
„Ja“, antwortete Connor schlicht.
„Aber warum sollte sie das tun?“, fragte Kenneth. „Sollte ihre Rache nicht Gerald treffen und nicht den Rest der Familie?“ Er überlegte kurz. „Oder besser noch Deborah? Würde Charlotte in ihrem verwirrten Zustand nicht glauben, Deborah sei dafür verantwortlich, dass ihr Mann sie hat sitzen lassen?“
Darauf gab es keine einfache Antwort. „Ich glaube, wir alle sind der Meinung, dass Tante Charlotte ein komplizierter Mensch ist. Ich möchte nicht wissen, was in ihrem Kopf vor sich geht. Das muss ein ziemliches Chaos sein“, vermutete Connor.
„Und dennoch glaubst du, dass sie hinter alldem steckt?“, fragte Barbara ihren Sohn.
Das eine schloss das andere nicht aus. „Ja, das tue ich“, bekräftigte Connor.
„Sie mag ja eine kalte, rachsüchtige Person sein, aber sie gehört immer noch zur Familie, Connor. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie zu so etwas fähig wäre, nur um sich an Gerald oder Jerome oder wie immer er sich nennen mag, zu rächen“, wandte Barbara ein.
„Nun, Mutter, ich bin nicht so gutgläubig wie du. Und den Beweisen zufolge, die ich gefunden habe, ist sie definitiv darin verwickelt, wenn nicht sogar die eigentliche Urheberin – was ich tatsächlich glaube.“
Schweigend schaute Connor in die Runde und ließ seine Worte auf sie wirken. Er hoffte, seine Familie endlich dazu gebracht zu haben, die Lage mit seinen Augen zu sehen.
Und er war überzeugt davon, dass ihre einzige Hoffnung darin lag, gemeinsam den Gegner – oder die Gegnerin – zu bekämpfen.
„Eine Frage habe ich noch.“ Kenneth hob die Hand wie ein Schüler im Klassenzimmer.
„Nur eine?“ Amüsiert blickte Connor ihn an.
„Eine ist genug“, erwiderte Kenneth streng. „Charlotte Robinson scheint wie vom Erdboden verschwunden zu sein …“
„Ich weiß“, antwortete Connor. „Deshalb habe ich vor, sie zu finden.“
„Und wie willst du das anstellen? Weder der Polizei noch selbst dem FBI ist das gelungen. Und auch Kate Fortune nicht, die, obwohl sie schon in ihren Neunzigern und eine außergewöhnliche Frau ist, erfolglos war. Wieso glaubst du, dass du es schaffen kannst?“, wollte sein Vater wissen.
„Ich bin nicht größenwahnsinnig, Dad“, antwortete Connor milde. „Ich glaube nicht, dass ich der Einzige bin, der sie finden kann. Es ist nur so“, fuhr er fort, ohne auf den sarkastischen Gesichtsausdruck seines Vaters einzugehen, „dass ich zu Ergebnissen gelange, indem ich über den Tellerrand hinaussehe. Und je mehr Menschen sich an der Suche nach Charlotte Robinson beteiligen, desto größer sind die Chancen, sie tatsächlich vor Gericht zu bringen.“
Kenneth atmete lange aus. „Dem habe ich wohl nichts mehr entgegenzusetzen.“
„Gib ihm Zeit.“ Valene zwinkerte Connor zu. „Er wird sich schon damit abfinden.“
Sie klatschte in die Hände, um die Aufmerksamkeit aller zu gewinnen. „Okay, jetzt, da wir über Connors neue Karriere Bescheid wissen und uns zudem einig sind, dass er versuchen sollte, diese schreckliche Frau zu finden, ehe sie noch mehr oder gar noch Schlimmeres der Familie antut, sollten wir zu unserem Lieblingsthema zurückkommen.“
Fragend sah Connor seine Schwester an. „Und das wäre …?“
„Eine Verlobungsfeier“, verkündete sie vergnügt mit glänzenden Augen. Dabei strahlte sie übers ganze Gesicht.
Entnervt schloss Connor die Augen. Verlobungen und Hochzeiten. Themen, die ganz unten auf seiner Liste standen. „Ich denke, das ist mein Stichwort, die Bühne zu verlassen.“
Doch ehe er nur einen Schritt machen konnte, war Maddie bei ihm und hakte sich unter.
„Nicht heute, geliebtes Bruderherz. Mutter hat mir erzählt, dass du die Nacht in deinem alten Heim verbringen wirst“, sagte sie mit einer weit ausholenden Geste.
Zach grinste. „Jetzt steckst du wohl in der Falle.“
„In der Falle? Nein, Zach. In so etwas werde ich niemals hineingeraten“, erwiderte Connor entschieden mit einem Blick in die Runde. „Ehrlich gesagt verstehe ich immer noch nicht, wieso alle auf einmal in den letzten anderthalb Jahren so häuslich geworden sind.“
„Na, deine Zeit wird auch noch kommen“, prophezeite Valene.
„Vergiss es. Das wird nicht passieren.“ Connor war fest davon überzeugt, dass sich an seinem Status nie etwas ändern würde.
„Nur weil du der Letzte deiner Art bist, bedeutet das nicht, dass es so bleibt“, sagte Maddie.
„Du hast recht“, konterte Connor. „Ich bin der Letzte meiner Art, und ich beabsichtige, das auch noch für sehr lange Zeit zu bleiben.“
„Was hast du denn dagegen, glücklich zu sein?“, fragte Zach, während er den Arm um Maddies Schulter legte und sie näher an sich zog.
„Das ist es ja gerade“, erwiderte Connor. „Ich bin glücklich. Ich bin glücklich darüber, frei zu sein und für niemanden verantwortlich, außer mich selbst. Und gelegentlich auch für euch“, fügte er hinzu.
Barbara Fortunado schmunzelte. „Deine Zeit wird auch noch kommen, mein Sohn“, meinte sie.
Connor schaute zu seinem Vater, der sich an dieser Unterhaltung nicht beteiligte. „Du verstehst das doch auch, Dad, oder?“
„Ob ich deine Gefühle verstehe?“ Kenneth nickte. „Das tue ich.“
Connor war froh über die Unterstützung seines Vaters. „Na ja, dann verstehst du ja wenigstens auch …“
„Ich verstehe auch“, fuhr Kenneth fort, als hätte sein Sohn gar nichts gesagt, „dass sich alles ändern wird in dem Moment, wenn die richtige Frau in dein Leben tritt.“
„In mein Leben sind schon viele Frauen getreten, Dad. Und ich bin immer noch frei.“
„Ich habe gesagt, die richtige Frau“, betonte Kenneth. „Und davon wird dich niemand überzeugen können, bis es dir tatsächlich passiert. Bis dahin glaub ruhig, dass du glücklich bist.“
Connor lächelte nur. Er wusste, dass er die Meinung seines Vaters ebenso wenig ändern konnte wie seine eigene. Aber er war tatsächlich glücklich. Davon war er felsenfest überzeugt. Und er war ebenso fest entschlossen, es zu bleiben.
Doch da die bevorstehende Hochzeit seine Schwester so glücklich machte, blieb er im Zimmer und tat so, als würde er den Heiratsplänen interessiert lauschen. Er nickte und lächelte sogar an den richtigen Stellen, obwohl er mit seinen Gedanken ganz woanders war.
„Brauchst du noch irgendetwas, Connor?“, fragte Barbara ihren Sohn später in seinem ehemaligen Kinderzimmer.
„Nein, alles bestens, Mom.“ Connor saß auf der Bettkante und schaute sich um. Er war schon lange nicht mehr hier gewesen. „Obwohl ich zugeben muss, dass es sich ein bisschen seltsam anfühlt, wieder hier zu sein – nach all den Jahren“, gestand er.
Barbara lächelte. Natürlich wusste sie, dass ihre Kinder ihre eigenen Wege gehen mussten. Dennoch sehnte sie sich manchmal nach den Tagen, als alle noch zu Hause gewohnt und ihre Hilfe gebraucht hatten. „Es ist schön, dich wieder bei uns zu haben – auch wenn es nur für ein paar Tage ist und selbst wenn der Grund dafür diese schrecklichen Ereignisse sind, die dich hierhergebracht haben.“
Connor stand auf und legte einen Arm um ihre Schultern. „Du bist der hauptsächliche Grund, der mich zurückgebracht hat, Mom. Das warst du immer schon.“
Barbara lachte leise. „Mit Worten wusstest du schon immer gut umzugehen. Nicht immer wahr, aber sehr süß. Schlaf gut, mein Kleiner.“
Connor grinste. „Du weißt, dass ich schon einunddreißig bin?“
Barbara nickte. „Und du wirst immer mein kleiner Junge sein, egal, wie alt du bist. Gute Nacht, Connor.“
„Gute Nacht, Mom.“
Sobald seine Mutter gegangen war, trat er an den Schreibtisch und öffnete die Schublade, in der er seine Mappe verstaut hatte. Er setzte sich hin und begann, seine Notizen durchzugehen, die er über Charlotte Robinsons Geschäfte zusammengestellt hatte – inklusive ihrem möglichen Aufenthaltsort.
Sorgfältig, als sähe er sie zum ersten Mal, studierte er seine Aufzeichnungen. Dabei stieß er auf den Namen von Brianna Childress, einer freiberuflichen Ermittlerin, die im vergangenen Jahr einige Nachforschungen für Charlotte erledigt hatte.
Nachdenklich betrachtete er die Papiere. Was auch immer diese Brianna für Charlotte recherchiert hatte, musste an irgendeine Adresse gesendet worden sein – selbst wenn es nur ein Postfach sein sollte. Dieses Postfach musste bezahlt worden sein. Also gab es einen Scheck oder eine Überweisung, anhand derer man einem Bankkonto auf die Spur kommen konnte.
Außerdem musste die Ermittlerin für ihre Tätigkeit bezahlt worden sein. Was ihn erneut zum Bankkonto zurückbrachte – oder zu einer Kreditkarte. All das bedeutete, dass es eine Spur geben konnte. Und der würde er nachgehen.
Immerhin ein Anfang, sagte Connor sich. „Morgen bekommst du Besuch, Brianna Childress“, murmelte Connor halblaut, während er die Mappe zuschlug. „Vielleicht kannst du mir ja helfen, Charlotte Robinson Prendergast zu finden, ehe sie neues Unheil anrichtet.“
Connor bezweifelte zwar, dass es leicht sein würde – aber es war immerhin eine Spur. Und vielleicht hatte er ja Glück.
Früh am nächsten Morgen wachte Connor auf und zog sich schnell an. Er schaute noch einmal die Adresse an, unter der er die Frau antreffen konnte. Einen Moment lang überlegte er, ob er seinen Besuch telefonisch ankündigen sollte, entschied sich aber dagegen.
Ein persönliches Treffen wäre der bessere Weg. Vielleicht war das Überraschungsmoment sogar hilfreich. Sollte diese Frau genauso skrupellos sein wie Charlotte, könnte ein Anruf sie möglicherweise zur Flucht verleiten. Sollte Brianna Childress tatsächlich mit Charlotte unter einer Decke stecken, war sie zu warnen das Letzte, das er wollte.
Er würde Charlotte alles zutrauen, egal, für wie unschuldig seine Eltern, vor allem seine Mutter, sie hielten.
Da es noch sehr früh war, beschloss Connor, sich auf den Weg zu machen, ohne jemanden zu wecken.
Je früher er aufbrach, umso schneller würde er die Sache zu einem zufriedenstellenden Ende bringen können.
Es gab noch einen anderen Grund für sein heimliches Verschwinden. Er wollte mit seiner Mutter nicht über Charlotte Robinson diskutieren. Barbara Fortunado schien nur ungern schlecht über die andere Frau zu denken, aber seine Mutter neigte ja ohnehin dazu, in jedem Menschen nur das Beste zu sehen.
Er dagegen war davon überzeugt, dass Charlotte hinter allem steckte, was in letzter Zeit in seiner Familie schiefgelaufen war. Sie war eine gefährliche Frau. Dafür sprach allein die Tatsache, dass sie das Feuer in Gerald Robinsons Haus entweder selbst gelegt oder jemanden mit der Brandstiftung beauftragt hatte.
Die Frau war von Grund auf böse, und je eher er sie ausfindig machte, umso eher würde er sich erleichtert zurücklehnen können.
Niemand sah Connor auf dem Weg zu seinem Wagen. Er gab Brianna Childress’ Adresse in sein Navi ein und fuhr los.
Er rechnete damit, zu einem Geschäftsgebäude irgendwo in Houston geführt zu werden. Stattdessen landete er vor einem kleinen, sehr gemütlich wirkenden Haus.
Erstaunt parkte er seinen Wagen ein paar hundert Meter vom Haus entfernt und überlegte, ob er wohl die falsche Adresse eingegeben hatte.
Aber da er nun schon einmal hier war, konnte er es genauso gut herausfinden.
Vielleicht arbeitete Brianna Childress ja von zu Hause aus. Sie wäre nicht die Erste, die auf diesem Weg ihr Geschäft betrieb. Connor startete den Wagen erneut und fuhr näher ans Haus heran.
Als er ausstieg, bemerkte er einige Büsche im Vorgarten. Er kannte sich nicht gut mit Pflanzen aus. Immerhin konnte er Rosen von Lilien unterscheiden.
Von denen entdeckte er allerdings keine im Garten.
Die Haustür sah aus, als könnte sie einen neuen Anstrich gebrauchen. Er läutete und ging im Geiste noch einmal durch, was er Brianna Childress sagen wollte, damit sie ihn in ihr Haus ließ.
Kaum hatte er geklingelt, da wurde die Tür auch schon geöffnet.
Eine ziemlich verstört dreinblickende junge Frau mit rotbraunen Haaren und herzerweichenden braunen Augen blickte ihn an, als wäre er ihr persönlicher Retter.
Sie trug Jeans und ein T-Shirt, die ihre Kurven aus Vorteilhafteste betonten und ihn fast aus dem Konzept brachten.
Er erkannte ihr Gesicht von dem Online-Foto. Ehrlich gesagt konnte sie ein neues gebrauchen. Denn das, was er im Internet entdeckt hatte, wurde ihr überhaupt nicht gerecht.
„Gott sei Dank, dass Sie hier sind“, begrüßte Brianna ihn mit einem Ausdruck der Erleichterung im Gesicht. „Es ist genau da drin.“
Sie zeigte nach hinten, wo „es“ offenbar war – was immer es auch sein mochte.
Ohne auf seine Antwort zu warten, nahm sie seine Hand und zog ihn in den hinteren Teil des Hauses.
Ihr Griff war ziemlich fest, und Connor blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.
„Ich wusste nicht mehr, was ich machen sollte“, erklärte Brianna. „Zum Glück habe ich neulich Ihre Werbung im Fernsehen gesehen und mich an die Telefonnummer erinnert. Ich hatte gleich das Gefühl, Sie eher früher als später zu benötigen, und ich hatte recht gehabt. Wenn Sie nicht gekommen wären, wäre ich vermutlich im Lauf des Vormittags ertrunken.“
„Ähm …“
Connor wusste nicht, was er erwidern sollte. Er war der Frau ins Badezimmer gefolgt. Das „Es“, von dem sie gesprochen hatte, war die Toilette. Das Wasser stand gefährlich hoch in der Schüssel und drohte jeden Moment über den Rand und auf den Boden zu fließen.
Der muntere Rotschopf stand neben der Toilette, die Hände in die Hüften gestemmt. „Die Kinder“, sagte sie, als erklärte das alles.
„Kinder?“, echote Connor. Er hatte keine Ahnung, was die Frau ihm mitteilen wollte.
„Jedes Mal, wenn ich mich umdrehe, entscheidet eines von ihnen, dass entweder ihr Stofftier oder ihr Spielzeugauto schmutzig ist und gereinigt werden muss. Ich nehme an, sie halten die Toilette für eine Badewanne.“ Sie seufzte. „Also, kriegen Sie das wieder hin?“, fragte sie voller Hoffnung im Gesicht.
Connor kam zu dem Schluss, dass er diesem Gesicht nichts abschlagen konnte. Dennoch zwang er sich, ihr nicht allzu tief in die ausdrucksvollen Augen zu schauen. Er wusste, dass er diese Frau nicht anlügen konnte – nicht, wenn er ihre Hilfe brauchte und auf eine ehrliche Antwort von ihr hoffte. Log er ihr jetzt etwas vor, wäre das ein ziemlich schlechter Start für ihre Beziehung – egal, wie kurz die auch sein mochte. Auf Lügen folgten nur weitere Lügen.
„Ich fürchte, Sie verwechseln da etwas …“, begann Connor.
In Briannas hoffnungsvoller Miene zeichnete sich umgehend Enttäuschung ab. „Sie können es nicht reparieren – so, wie Sie es in der Werbung gesagt haben?“, fragte sie.
„Das ist es nicht. Vielmehr …“
Weiter kam Connor nicht, denn er wurde von einem markerschütternden Schrei unterbrochen, dem ein jämmerliches Weinen folgte. Und dann klang es so, als würde etwas fallen oder hingeworfen werden.
Das Geräusch drang durch Mark und Bein.
„Himmel, was ist denn jetzt passiert?“, schrie Brianna entsetzt.
Ehe Connor etwas erwidern konnte, lief sie aus dem Bad in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war. Jetzt stand er allein im Bad neben einer Toilette, die jeden Moment überzulaufen drohte.
„Hier gibt es bestimmt keine Langeweile“, sagte er zu sich selbst.
Er schaute sich in dem blau-weiß gekachelten Bad um. Es schien nicht das erste Mal zu sein, dass die Toilette Probleme bereitete. Auf dem Boden lagen die Werkzeuge, die Brianna ausgebreitet hatte. Dass sie sie nicht benutzt hatte, verriet ihm, dass sie keine Ahnung hatte, wie man sie anwenden musste. Vermutlich hatte sie mal einem Klempner bei der Arbeit zugesehen und sich auf einen Notfall vorbereitet. Der war jetzt offensichtlich eingetroffen.
Angesichts des Gekreisches von nebenan verspürte Connor nicht den geringsten Wunsch, der Frau zu folgen. Andererseits war er auch keiner, der gerne untätig herumstand.
Er betrachtete das Werkzeug, nahm das ein oder andere Teil prüfend in die Hand. Dann rollte er die Ärmel auf und machte sich an die Arbeit. Während er auf die Rückkehr der Frau wartete, konnte er sich wenigstens nützlich machen.
Die Aufgabe entpuppte sich als leichter als gedacht. Die Ursache der Verstopfung war eine kleine Spielzeuglokomotive, die sich im Rohr verkantet hatte. Der Zug war umwickelt mit mehreren Lagen Toilettenpapier, die einen undurchlässigen Klumpen bildeten.
Nachdenklich betrachtete er das Spielzeug in seiner Hand. So ein kleines Ding verursacht so große Probleme, sinnierte er.
„Sie haben es geschafft“, jubilierte Brianna.
Connor zuckte zusammen. Er hatte sie gar nicht kommen gehört. Sie war nicht allein. Auf dem Arm trug sie ein zappelndes Kleinkind. Einen Jungen. Lächelnd betrachtete sie den Zug in Connors Hand. Der kleine Junge entdeckte ihn im selben Moment.
„Meiner!“, rief er und streckte die Hand aus.
„Was hat er denn dann in der Toilette zu suchen?“ Connor gab sich Mühe, ernst zu bleiben, während er dem Jungen das Spielzeug überreichte.
Das Kind hatte das gleiche strahlende Lächeln wie seine Mutter. Das warf er nun Connor zu, als er sein Spielzeug an die Brust drückte.
„Meiner!“, wiederholte er.
„Das haben wir ja bereits geklärt“, erwiderte Connor, als würde er sich mit einem Gleichaltrigen unterhalten. „Aber warum hast du …?“
Brianna kam ihrem Sohn zuvor. „Von ihm dürfen Sie keine Antwort erwarten. Er weiß, dass er da nichts hineinwerfen darf, aber aus irgendeinem Grund scheint die Toilette eine magische Anziehungskraft auf ihn auszuüben.“ Mit einem nachsichtigen Lächeln schaute sie ihren Sohn an. „Axel hat auch schon einmal einen Hamster ins Klo geworfen, weil er der Meinung war, dass Howard gebadet werden müsste.“
„Lassen Sie mich raten“, sagte Connor. „Howard ist ertrunken.“
„Nein“, antwortete sie zu seiner Überraschung. „Ich habe es geschafft, ihn gerade noch rechtzeitig rauszuziehen.“
„Sie haben Howard also das Leben gerettet“, erwiderte Connor.
„Wie man’s nimmt. Wir haben ihn abgetrocknet und in seinen Käfig gesetzt. Doch am nächsten Morgen war er tot.“
Der Junge schnüffelte ein paar Mal. „Wir hatten ein Begräbnis“, sagte er.
„Er kann ja in ganzen Sätzen reden“, stellte Connor fest. Der Kleine schien noch sehr jung zu sein. Er wusste allerdings auch nicht, in welchem Alter Kinder mit dem Sprechen begannen.
„Nur wenn er will“, antwortete Brianna und nahm ihren Sohn auf den anderen Arm.
„Entschuldigen Sie … ich rede und rede …“ Sie stellte Axel auf die Füße. „Wie viel schulde ich Ihnen?“
Lächelnd schüttelte Connor den Kopf. „Nichts.“
Verwirrt schaute Brianna ihn an. „Aber Sie haben gerade meine Toilette repariert.“
„Das ist schon okay. Geht aufs Haus.“
Jetzt schaute sie noch verdutzter drein. „Ich glaube kaum, dass Ihr Chef es gern sieht, wenn Sie umsonst arbeiten.“
„Im Gegenteil.“ Connor dachte an seinen Vater, für den er im Moment tatsächlich ohne Bezahlung arbeitete, während er seine Untersuchung führte. „Ich glaube, es würde ihm gefallen.“
Briannas Miene nach zu urteilen war diese Antwort für sie völlig unverständlich. „Aber Sie sind doch Klempner. Wie wollen Sie Geld verdienen, wenn Sie die Bezahlung verweigern?“
„Weil ich gar kein Klempner bin.“
Das wurde ja immer verworrener. „Aber in der Firma, die ich angerufen habe, sagte man mir, dass sie umgehend jemanden schicken.“
„Das haben sie wahrscheinlich auch so gemeint. Doch sie haben mich nicht geschickt.“
Allmählich begann Brianna zu verstehen. Mit offenem Mund starrte sie ihn an. Ihr Irrtum war ihr schrecklich peinlich. Er musste sie für eine komplette Idiotin halten.
„Das ist mir so unangenehm“, gestand sie. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“
Connor lachte nur. „Kein Problem“, versicherte er ihr. „Es ist ja alles gut gegangen.“
Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie einen Fremden nicht nur in ihr Haus gelassen, sondern ihn auch noch in ihr Badezimmer geführt hatte.
„Aber wenn Sie nicht der Klempner sind – wer sind Sie dann?“, rief sie und trat einen Schritt zurück. Connor hatte den Eindruck, dass sie in Panik geriet.
Connor lächelte beruhigend. „Connor Fortunado. Stets zu Diensten.“
Wer zum Teufel war Connor Fortunado – und warum war er zu ihr gekommen? Seine Antwort führte nur zu weiteren Fragen.
Ehe sie etwas sagen konnte, klingelte es an der Tür. Sie zögerte kurz, ehe sie hinauslief, um zu öffnen.
„Ist hier immer so viel los?“, rief er ihr hinterher.
„Manchmal“, antwortete sie. Heute zum Beispiel.
Brianna öffnete die Tür. Vor ihr stand ein leicht übergewichtiger Mann in einem schmuddeligen Overall.
„Sie haben einen Klempner bestellt?“, fragte er.
„Ja. Aber ich brauche Sie nicht mehr“, antwortete Brianna und wollte die Tür wieder schließen.
Skeptisch betrachtete der Mann sie und schaute dann auf den Zettel in seiner Hand. „Hat die Toilette sich selbst repariert?“, fragte er sarkastisch.
„Nein, aber …“
Connor wollte sich gerade in das Gespräch einmischen, doch Briannas Sohn kam ihm zuvor. Genauer gesagt, ihr Sohn und ihre Tochter, die ihren Streit um ihren Hund, den sie zuvor begonnen hatten, wieder aufnahmen. Dabei übertönten sie den Klempner, der, seinem verärgerten Gesichtsausdruck nach zu urteilen, sauer war, ohne Bezahlung fortgeschickt zu werden. Dass er gar nichts hatte machen müssen, schien keine Rolle zu spielen.
Mittlerweile war Connor fasziniert von dem Trubel im Haus, in das er hineinmarschiert war. Es gab nicht nur einen Hund und zwei Katzen, einen Jungen und ein Mädchen – das der Junge Ava genannt hatte –, sondern auch noch eine Schildkröte, die in einem Terrarium in einer Ecke des Wohnzimmers untergebracht war. Die Kinder wurden von Minute zu Minute lauter. Mit einem Blick in Briannas Richtung stellte er fest, dass sie vollkommen überfordert wirkte. Aus Mitleid mit der Frau beschloss Connor, die Kinder abzulenken, so dass sie dem Klempner wenigstens die Lage erläutern konnte.
„Hallo, Leute“, sagte er, als er das Kinderzimmer betrat, „was haltet ihr davon, wenn ihr mir eine Geschichte vorlest?“
„Wir können noch nicht lesen“, sagte Ava.
„Nein, können wir nicht“, bestätigte Axel.
„Was haltet ihr denn davon, wenn ich euch eine Geschichte vorlese?“, fragte er.
„Au ja!“, riefen beide wie aus einem Mund.
Und so traf Brianna ihre Kinder wenige Minuten später an: Connor saß im Schneidersitz auf dem Boden, ein Buch auf dem Schoß, und ihre beiden Kinder saßen rechts und links von ihm und lauschten gespannt.
Wie vom Donner gerührt blieb sie im Türrahmen stehen. Einerseits war sie verblüfft, dass es diesem Connor Fortunado gelungen war, den Streit zwischen den beiden zu schlichten. Andererseits machte sie sich immer noch Gedanken darüber, einen vollkommen Fremden in ihr Haus gelassen zu haben.
Gelassen? Sie hatte ihn eher hineingezogen, überlegte sie.
Okay, eine Verwechselung war für ihren Irrtum verantwortlich. Trotzdem – in ihrem Haus war ein Fremder. Das Haus, in dem ihre Kinder lebten. Der Mann konnte schließlich ein Axtmörder oder Serienkiller sein. Und sie hatte sich nicht einmal seinen Dienstausweis – oder was auch immer – zeigen lassen.
Was war sie doch bloß für eine Mutter!
Andererseits schien dieser Fremde einen guten Draht zu Kindern zu haben.
Vermutlich ging ihre Fantasie mit ihr durch. Wäre er wirklich ein Axtmörder oder Serienkiller, würde er wohl kaum im Schneidersitz auf dem Boden sitzen und ihren Kindern eine Geschichte vorlesen.
Außerdem hatte er auch ihre Toilette repariert. Sie bezweifelte, dass Serienkiller zunächst handwerklich tätig wurden, ehe sie ihre Opfer um die Ecke brachten.
Unvermittelt schaute der Mann von seinem Buch auf und musterte sie mit seinen sanften brauen Augen.
Für den Bruchteil einer Sekunde wurde Brianna bei dem Blick ganz anders zumute.
„Alles geklärt?“, fragte er.
Es dauerte eine Weile, bis die Frage zu ihr durchdrang. „Mit dem Klempner?“, fragte sie schließlich. Als er nickte, fuhr sie fort: „Ja. Ich konnte ihn überzeugen, dass es ein falscher Alarm war und dass die Toilette wieder einwandfrei funktioniert. Er war zwar nicht froh darüber, aber er ist gegangen.“ Sie trat näher und streckte die Hand aus. „Wir hatten noch gar keine Gelegenheit, uns richtig vorzustellen. Ich bin Brianna Childress. Und das sind meine Kinder Axel und Ava.“
„Ich weiß“, erwiderte er. „Wer Sie sind, wusste ich bereits. Die Kinder waren eine Überraschung, muss ich gestehen.“ In mehr als einer Hinsicht, dachte er im Stillen.
Sofort wurde Brianna wieder misstrauisch. „Woher wissen Sie, wer ich bin?“
Connor lächelte ihr beruhigend zu im Bemühen, den Argwohn in ihrem Blick zu besänftigen.
„Ich kenne Ihren Namen, weil ich meine Hausaufgaben gemacht habe“, erklärte er.
„Du musst Hausaufgaben machen?“, rief Axel entsetzt. „Aber bist du nicht schon alt?“
„Axel!“, schalt Brianna ihren vierjährigen Sohn.
„Ja!“, rief Ava und kam ihrer Mutter zu Hilfe. „Man sagt alten Leuten nicht, dass sie alt sind.“
In Gegenwart ihrer Kinder konnte sie kein vernünftiges Gespräch mit diesem Fremden führen. „Axel und Ava, warum geht ihr nicht raus und spielt mit Scruffy? Und zwar ohne zu streiten.“
Die Kinder wären am liebsten geblieben, um zu hören, was dieser fremde Mensch in ihrem Haus sonst noch zu erzählen hatte. Aber beim Blick ins Gesicht ihrer Mutter packten sie den Hund am Halsband und verzogen sich in den Garten.
„Das ist alles deine Schuld“, hörten sie Ava im Hinausgehen zu ihrem Bruder sagen. „Du hast Mommy sauer gemacht.“
„Hab ich nicht!“, konterte Axel, als er seiner Schwester folgte.
„Und weg sind sie.“ Brianna seufzte. „Kommen Sie. Gehen wir ins Wohnzimmer. Was haben Sie gemeint, als Sie von Ihren Hausaufgaben sprachen?“, wollte sie wissen, nachdem sie sich hingesetzt hatten.
„Nun, das ist leicht zu erklären.“ Es war wichtig, Brianna zu versichern, dass er ihr nichts Böses wollte. Er zog seine Brieftasche hervor und entnahm ihr eine Visitenkarte. „Ich bin Privatermittler und würde Ihnen gern ein paar Fragen stellen, wenn Sie nichts dagegen haben.“
„Was für Fragen?“, wollte Brianna wissen. Sie hatte keine Ahnung, worum es hier ging oder was sie ihm erzählen konnte. Ihr Misstrauen kehrte zurück. „Sollte ich mir Sorgen machen?“
„Warum?“ Er steckte seine Brieftasche zurück. „Haben Sie etwas Schlimmes getan?“ Amüsiert schaute er sie an.
„Nein“, antwortete sie ein wenig zu schnell.
Sie konnte sich nicht daran erinnern, jemals etwas auch nur entfernt „Schlimmes“ getan zu haben. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, zwei hyperaktive Kinder zu erziehen und mehrere Jobs gleichzeitig zu bewältigen, um halbwegs über die Runden zu kommen.
„Aber Sie sind hier, um mir Fragen zu stellen. Und ich habe nicht die geringste Ahnung, worum es dabei gehen könnte.“ Noch immer wirkte sie ein wenig nervös.
Connor bekam ein schlechtes Gewissen, weil er diese negativen Gefühle in ihr erzeugte. Deshalb fuhr er schnell fort: „Ich suche nach Informationen über einen Job, den Sie im vergangenen Jahr für Charlotte Robinson gemacht haben.“
Brianna blinzelte. Sie war stolz auf ihr gutes Namensgedächtnis – aber dieser Name sagte ihr überhaupt nichts.
„Wer?“
„Charlotte Robinson“, wiederholte Connor ein wenig lauter.
Brianna schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, aber der Name sagt mir überhaupt nichts. Kann es sein, dass Sie mich mit jemandem verwechseln?“
„Vielleicht“, gab er zu, um sie nicht unter Druck zu setzen. Aber er hatte tatsächlich seine Hausaufgaben gemacht und wusste, dass er sich nicht irrte. „Doch eigentlich glaube ich das nicht“, fuhr er höflich fort. „Das ist ein Foto von Charlotte aus den letzten sechs Monaten.“ Er holte sein Handy hervor und scrollte durch ein paar Fotos, bis er das gesuchte gefunden hatte. Er hielt es Brianna hin. „Schauen Sie genau hin. Kommt sie Ihnen bekannt vor?“
Sie nahm das Handy und betrachtete das Foto eine Weile. Schließlich schüttelte sie den Kopf und gab es ihm zurück.
„Nein.“ Als sie seinen enttäuschten Blick sah, fügte sie hinzu: „Aber das hat nichts zu bedeuten. Ich mache all meine Geschäfte übers Telefon oder online. Ich treffe meine Kunden nie persönlich. Aber dieser Name kommt mir überhaupt nicht bekannt vor. Tut mir leid.“
Connor steckte sein Handy weg. „Und wie ist es mit Charlotte Prendergast?“ Charlotte benutzte eine Menge Namen. Vielleicht hatte sie Brianna unter diesem Namen kontaktiert.
Erneut schüttelte Brianna den Kopf. Allmählich hatte sie das Gefühl, dass beide ihre Zeit verschwendeten. Und das konnte sie sich nicht leisten.
„Tut mir leid“, wiederholte sie. „Aber ich muss jetzt wirklich …“
Doch so schnell gab Connor nicht auf. „Und Charlene Pickett?“
Jetzt wurde Brianna aufmerksam. Sie wollte zwar, dass der Mann endlich ging, aber sie war zu ehrlich, um ihn anzulügen. Dieser Name sagte ihr tatsächlich etwas. „Sagen Sie den Namen bitte noch mal.“
„Sie könnte sich Ihnen als Charlene Pickett vorgestellt haben.“ Aufmerksam betrachtete er Briannas Gesicht, um eine Regung darin zu entdecken, falls sie leugnen sollte, die Frau zu kennen.
Aber das tat sie nicht.
„Der Name kommt mir tatsächlich bekannt vor“, gab sie zu. „Was haben denn all diese unterschiedlichen Namen zu bedeuten? Wer ist diese Frau – eine Spionin oder eine Undercover-Agentin?“ Sie konnte sich keinen anderen Grund vorstellen, warum jemand so viele Aliasse benutzte. Betrüger gehörten nicht zu ihrer Welt, und sie machte auch keine Geschäfte mit ihnen.
Connor lachte trocken. „Bei Weitem nicht so etwas Glamouröses oder Interessantes“, versicherte er ihr. Dann wurde er wieder ernst. Es war, als würde er Brotkrumen folgen, die die Frau auf ihrem Weg hinterlassen hatte, von der er annahm, dass sie für alles verantwortlich war, was seiner Familie widerfahren war. „Welche Art von Geschäftsverbindung hatten Sie mit ihr?“
Brianna zuckte mit den Schultern. Sie hatte keine Ahnung, was das mit ihr und ihrer Familie zu tun hatte. „Charlene hat mir erzählt, dass sie einen Stammbaum für die Familie Fortune zusammenstellt. Sie hat mich auch gefragt, ob ich Adressen ausfindig machen könnte – und eventuelle Aliasse mancher Leute, die sie ebenfalls in den Stammbaum aufnehmen wollte.“
Connor wandte den Blick nicht von der Frau, wobei er versuchte, sich nicht von ihren Augen verzaubern zu lassen. Er hatte eine Spur entdeckt und durfte sich nicht ablenken lassen.
„Und – konnten Sie?“
„Ja“, antwortete sie. „Und jetzt bin ich dran. Warum wollen Sie das wissen?“
Ihre Frage kam überraschend. Connor schwieg ein paar Sekunden lang und überlegte, was er sagen sollte. Er beschloss, dass es am besten wäre, so nahe wie möglich bei der Wahrheit zu bleiben.
„Ich bin selbst ein Fortune und mit ihnen verwandt“, erklärte er. „Möglicherweise war eine der Personen, die Sie für sie ausfindig machen sollten, ich selbst.“
Briannas Augen wurden groß. Allmählich bekam das alles einen Sinn.
Connor Fortunado.
Connor Fortune.
Der Mann, der vor ihr stand, war kein Axtmörder. Er war auf der Suche nach seiner Familie – oder zumindest einem Teil seiner Familie.
Brianna musste lächeln. Daran war absolut nichts Schlimmes.
Sie entspannte sich sichtlich. „Ich fürchte, ich bin Ihnen da keine große Hilfe. Seit Monaten habe ich nichts mehr von Charlene gehört – oder wie immer sie sich nennen mag. Tatsächlich schuldet sie mir noch Geld. Die Hälfte hat sie mir bei Auftragserteilung bezahlt. Den Rest sollte ich bekommen, wenn ich ihr die Informationen lieferte. Es hat mich ein wenig Mühe gekostet, aber mir ist es tatsächlich gelungen, die Leute ausfindig zu machen, nach denen sie gesucht hat. Ich habe ihr sämtliche Informationen geschickt, aber …“ Sie verstummte, während sie ihn anschaute, offenbar peinlich berührt wegen ihrer Naivität. „Ich warte immer noch auf den Rest der Summe.“
Connor nickte. „Das klingt ganz und gar nach Charlotte.“ Und leise murmelte er: „Es ist ihr egal, wem sie schadet.“
Er schaute sich im Wohnzimmer um. Eine Menge Spielzeug war auf dem Boden verstreut. Alles sah gebraucht aus. Auch die Möbel zeigten deutliche Spuren von Abnutzung.
Brianna presste die Lippen zusammen und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, während er seinen Blick durch das Zimmer schweifen ließ. Sie konnte sich vorstellen, was er dachte.
Das hätte dieser Frau nicht passieren dürfen, überlegte er. Er fühlte sich mitschuldig, weil sie dermaßen ausgenutzt worden war.
„Wenn ich Charlene – Charlotte“, verbesserte er sich, „finden sollte, kann ich vielleicht dafür sorgen, dass Sie Ihr Geld bekommen. Wie viel schuldet sie Ihnen noch?“
Brianna brauchte nicht lange zu überlegen. Die Summe war in ihr Gedächtnis eingebrannt. „Dreitausend Dollar.“
„Dreitausend Dollar!“ Er überlegte kurz, ehe er weitersprach. „Sie sagten, Sie hätten diese Leute für sie ausfindig gemacht?“
Worauf läuft das hinaus? fragte sie sich. „Die meisten, ja.“
„Ich sage Ihnen was. Wenn Sie mir helfen können, Charlotte zu finden, zahle ich Ihnen die dreitausend Dollar, die sie Ihnen schuldet – und ich erhöhe die Summe noch. Haben wir einen Deal?“, fragte er.
Sie wollte zwar ihr Geld, war aber immer noch misstrauisch. Brianna hatte nicht vor, überhastet irgendeine Abmachung einzugehen.
„Was genau soll ich tun?“ Ehe er den Mund öffnen konnte, fuhr sie rasch fort: „Bevor Sie darauf antworten, muss ich Ihnen sagen, dass ich nirgendwohin fahren kann. Ich muss mich um Axel und Ava kümmern – und natürlich um die Tiere, die uns adoptiert zu haben scheinen. Und da diese Art von Arbeit kein festes Gehalt einbringt, habe ich auch noch ein paar andere Jobs, um über die Runden zu kommen. Die kann ich auch nicht aufgeben.“
Diese Frau hat tatsächlich eine Menge am Hals, überlegte Connor.
„Was für Jobs denn?“, fragte er neugierig.
„Ich bin Arzthelferin und arbeite zusätzlich ein paar Tage pro Woche am Empfang des Tierheims.“ Sie war sicher, dass diese Auskunft die Zusammenarbeit beenden würde, ehe sie überhaupt begonnen hatte.
„Tierheim“, wiederholte er. „Das erklärt den Zoo.“
„Ich habe schon immer Tiere geliebt.“ Fast klang es, als würde sie sich verteidigen. Sie holte tief Luft. „Da wird es wohl nichts mit unserer Zusammenarbeit.“
„Wie kommen Sie darauf?“, fragte Connor überrascht. Aus dem Nebenzimmer erklang ein lautes Scheppern, gefolgt von einem jämmerlichen „Oh nein!“. Connor musste grinsen. „Ich kann auch zu einem günstigeren Zeitpunkt wiederkommen“, schlug er vor.
„Das wäre dann wohl in fünfzehn Jahren, wenn sie beide aufs College gehen – vorausgesetzt, ich schaffe es, sie so lange am Leben zu halten.“
Connor lächelte. „Ich glaube, das schaffen Sie.“ Sie musterte ihn skeptisch. Ihm war klar, dass das nichts mit seiner letzten Bemerkung zu tun hatte. Offenbar hatte er noch nicht all ihre Bedenken vertrieben. „Ich möchte nur von Ihren Recherchen profitieren, Brianna“, antwortete er aufrichtig. „Ich möchte, dass Sie mir die Namen von allen Personen nennen, die Sie in Charlottes Auftrag ausfindig machen sollten. Und ich möchte auch wissen, was Sie über die betreffenden Personen herausgefunden haben.“
Der skeptische Gesichtsausdruck blieb. „Und das ist Ihnen dreitausend Dollar wert?“, fragte sie ungläubig.
„Das wäre mir sogar noch mehr wert“, versicherte er ihr.
Brianna runzelte die Stirn. Sie ließ sich nicht gern auf etwas ein, bevor nicht alle Karten auf dem Tisch lagen – vor allem dann nicht, wenn sie das untrügliche Gefühl hatte, dass noch mehr dahinterstecken musste.
Andererseits konnte sie das Geld sehr gut gebrauchen, und sie vermutete, dass sie es von Charlene, Charlotte oder wie immer diese Frau auch heißen mochte, niemals bekommen würde. Das war mithin ihre einzige Chance, den Verlust wettzumachen.
„Also – haben wir einen Deal?“, wiederholte Connor seine Frage und reichte ihr die Hand.
Ihr gesunder Menschenverstand sagte ihr, dass sie eigentlich noch weitere Einzelheiten klären müsste. Aber die Rechnungen, die sich bei ihr anhäuften, wurden nicht vom gesunden Menschenverstand bezahlt.
Brianna ergriff seine Hand und schüttelte sie. Dabei hoffte sie inständig, dass sie es nicht bereuen würde. „Wir haben einen Deal“, bestätigte sie.
„Großartig.“ Ein markerschütternder Schrei kam aus dem Kinderzimmer. „Brauchen Sie Unterstützung?“, fragte er mit einer Kopfbewegung in die Richtung, aus der das Geschrei kam.
„Das kriege ich hin. Ich bringe Sie erst zur Tür.“
Er wollte ihr schon sagen, dass er alleine hinausfand. Aber irgendetwas an dieser attraktiven Frau verriet ihm, dass sie ihm immer noch nicht hundertprozentig vertraute. Und er wollte es bei ihrer ersten Begegnung nicht übertreiben. „Dann mache ich mich mal schnell auf den Weg, damit Sie zu Ihrem Notfall kommen“, meinte er lächelnd.
„Kein Notfall“, sagte sie im Hinausgehen. „Nur der tägliche Wahnsinn.“ An der Tür fragte sie ihn: „Wäre es falsch von mir zu hoffen, dass die nächsten fünfzehn Jahre so rasch wie möglich vorbeifliegen würden?“
Connor lachte. „In Anbetracht der Situation würde etwas nicht stimmen, wenn Sie sich das nicht wünschen würden. Wenigstens manchmal“, fügte er hinzu, denn er spürte, dass die Frau diese beiden Wirbelwinde wirklich liebte. „Ich rufe Sie an, und dann vereinbaren wir einen Termin.“
„Sie haben meine Nummer?“
„Selbstverständlich.“
Bei seiner Antwort zog sich etwas in ihrem Unterleib zusammen. Offensichtlich interpretierte sie mehr hinein, als drin war. Sie riss sich zusammen. „Auf Wiedersehen.“
Ehe Connor etwas erwidern konnte, hatte sie die Tür bereits geschlossen.
Auf dem Weg zu seinem Wagen begleiteten ihn die kreischenden Kinderstimmen. Dieses Erlebnis bestätigte ihm einmal mehr, dass ein Single-Dasein das Beste war. Die Vorstellung, allabendlich nach Hause zu kommen und ein solches Theater erleben zu müssen, jagte ihm einen Schauer über den Rücken.
Dennoch musste er auf der Rückfahrt unentwegt an die beiden Kinder denken. Irgendwie waren sie ja doch süß.
Von ihrer Mutter ganz zu schweigen.
Brianna eilte ins Kinderzimmer, wo sie die beiden Streithähne voneinander trennte. „Könnt ihr nicht wenigstens friedlich sein, wenn wir Besuch haben?“, schimpfte sie.
„Er ist doch schon gegangen“, konterte Axel.
„Kommt er denn wieder?“, fragte Ava.
„Warum willst du das wissen?“
„Weil er nett ist.“
Na toll, dachte Brianna. Bloß, weil er meinen Kindern etwas vorgelesen hat, hat er schon ihr Herz gewonnen, überlegte sie. Zumindest Avas Herz.
„Er ist wirklich nett“, krähte Axel. „Kommt er bald wieder?“
„Das hat er vor“, antwortete Brianna. Warum klopfte ihr Herz auf einmal schneller?
„Dann kann er uns ja wieder etwas vorlesen“, überlegte Ava. „Wann kommt er denn?“
„Ich weiß es noch nicht.“ Aufmerksam betrachtete sie ihre Tochter. „Du magst ihn, nicht wahr?“
Avas Wangen röteten sich ein wenig. „Hmm … ja.“
„Und warum?“, wollte Brianna wissen.
„Weil er uns was vorgelesen hat. Und er lächelt so nett“, fügte Ava ernst hinzu.
„Und er hat uns auch nicht gesagt, dass wir friedlich sein sollen“, ergänzte Axel.
„Nun, wenn ihr nicht dauernd so herumtoben würdet, müsste ich euch das auch nicht mehr sagen“, erklärte Brianna.
Damit ließ sie die wieder friedlichen Geschwister allein und ging in ihr winziges Arbeitszimmer, in das gerade einmal ein Schreibtisch und ein Stuhl passten. In einer Ecke stand eine Secondhand-Kommode, in der sie diverse Unterlagen aufbewahrte.
Eigentlich hatte sie keine Lust auf die Arbeit, die vor ihr lag, aber irgendwann musste sie ja damit anfangen. Besser früher als später. Sie suchte die Unterlagen zusammen, die sie an diese Frau geschickt hatte, nach der Fortunado suchte. Vor etwa drei Monaten hatte sie zuletzt mit ihr korrespondiert. Brianna erinnerte sich, dass sie ziemlich lange hatte recherchieren müssen, um die Personen ausfindig zu machen, die die Frau ihr genannt hatte. Die Bitte war Brianna ein wenig merkwürdig erschienen. Ihre Klientin hatte ihr erzählt, dass es um die Zusammenstellung eines Stammbaums ging. Doch die Leute, nach denen sie suchte, schienen alle im gleichen Alter zu sein. Damals hatte Brianna sich gesagt, dass es sie ja eigentlich nichts anging. Es war ihr egal, solange ihre Auftraggeberin bereit war, sie für ihre Arbeit zu bezahlen.
Offenbar hatte diese Charlene/Charlotte gar nicht vorgehabt, sich an die Abmachung zu halten. Als Brianna nichts mehr von ihrer Klientin gehört hatte, hatte sie versucht, sie zu erreichen und um ihr Honorar zu bitten. Aber der Brief war zurückgekommen mit einem Stempel auf dem Umschlag: Adressat unbekannt.
Zu diesem Zeitpunkt war sie zu beschäftigt gewesen, um Charlenes Aufenthaltsort herauszufinden. Ihre Kinder hatten nacheinander schwere Erkältungen gehabt, so dass sie sich Tag und Nacht um die beiden hatte kümmern müssen. Irgendwann hatte sie frustriert aufgegeben und beschlossen, die Angelegenheit unter Lebenserfahrungen abzuheften.
Und dann hatte Fortunado vor ihrer Tür gestanden.
Was musste er von ihr gedacht haben, als sie ihn sofort in ihr Badezimmer geführt und ihm die verstopfte Toilette gezeigt hatte?
Brianna musste schmunzeln, als sie begann, ihre Notizen durchzugehen. Das Leben ist unberechenbar, sagte sie sich. Vielleicht würde sie ja doch noch an ihre dreitausend Dollar kommen.
Die Hoffnung starb zuletzt.
„Hast du eine Spur?“, wollte Valene von ihrem älteren Bruder wissen. Sobald er nach Hause gekommen war, hatte sie begonnen, ihn auszufragen.
„Was machst du denn hier?“, fragte er, überrascht, sie zu sehen. Schließlich wohnte sie schon seit Längerem nicht mehr bei ihrer Familie.
„Hochzeitsplanungen. Schon vergessen?“
„Ich dachte, das wäre gestern gewesen“, entgegnete er ein wenig verwirrt.
Val verdrehte die Augen. „Das ist ja mal wieder typisch Mann“, sagte sie seufzend.
„Das liegt wohl in der Natur der Sache“, neckte er sie augenzwinkernd.
„Du hast wohl wirklich keine Ahnung, was es bedeutet, eine Hochzeit vorzubereiten, was?“, fragte sie herausfordernd.
„Da gebe ich dir vollkommen recht. Und ich sehe auch nicht ein, warum ich daran für den Rest meines Lebens etwas ändern sollte.“
„Wirklich? Du willst für den Rest deines Lebens allein bleiben?“
Sein Grinsen wurde breiter. „Das habe ich nicht gesagt.“
Valene seufzte erneut. Connor würde seine Meinung schon ändern, wenn er der richtigen Frau begegnete. „Aber was ich eigentlich gefragt habe: Hast du schon eine Spur?“
„Wie kommst du darauf?“, erkundigte er sich. Schließlich hatte er niemandem etwas gesagt, als er am Morgen losgefahren war.
„Mom hat gesehen, wie du ganz früh das Haus verlassen hast. Kann doch sein, dass du einem Hinweis gefolgt bist“, erklärte Val.
„Was ich momentan habe, ist die Spur einer Spur“, antwortete Connor.
Verwirrt runzelte Val die Stirn. „Was soll das heißen?“
„Es heißt, dass ich jemanden gefunden habe, der für die gute alte Charlotte Recherchen angestellt hat …“
„Was für Recherchen?“
„Erinnerst du dich an den Aktenordner, in dem Charlotte angeblich sämtliche unehelichen Kinder von Gerald notiert hat?“
„Ja.“
„Nun, es sieht so aus, als wollte sie die Aufenthaltsorte von möglichst vielen von Geralds illegitimen Nachkommen herausfinden.“
„Warum sollte sie sich diese Mühe machen?“
„Tja …“ Darüber hatte Connor auf der Rückfahrt intensiv nachgedacht. „Ich vermute mal, dass sie sie finden wollte, um ihnen auf irgendeine Weise zu schaden.“
Valene schüttelte den Kopf. „Selbst sie kann nicht so bösartig sein.“
Connor war nicht ihrer Ansicht. „Würdest du darauf wetten?“
„Lieber nicht. Gerald mag die Moral einer Kanalratte haben, und Charlotte ist gewiss auch keine Heilige. Wenn du mich fragst – die beiden haben einander verdient. Jemand sollte sie in eine Zelle einsperren und den Schlüssel wegwerfen.“
Connor lachte. „Da will ich dir nicht widersprechen. Aber dafür ist es meiner Meinung nach zu spät. Sie haben beide schon viel Unheil angerichtet – jeder auf seine Weise.“
„Was hast du denn nun vor mit der Spur einer Spur?“, kam Valene auf das eigentliche Thema zurück.
Auch darüber hatte er auf dem Nachhauseweg nachgedacht. „Zunächst einmal will ich herausfinden, um welche Informationen genau Charlotte diese Frau gebeten hat …“
„Es ist eine Frau?“, unterbrach Valene ihn.
„Brianna Childress ist definitiv eine Frau“, antwortete er. „Und ich hoffe, sie kann mir die Namen und Adressen nennen …“
Erneut unterbrach Valene ihn. „Eine nette Frau?“
In Connors Augen blitzte es kurz auf. Sehr kurz. Aber Valene war es nicht entgangen. Er runzelte die Stirn. „Was macht das für einen Unterschied?“
Valene schmunzelte amüsiert. „Sag du’s mir.“
„Ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon du sprichst“, erwiderte er gereizt. „Diese ganze Hochzeitsplanerei, von der du andauernd redest, muss dir dein Gehirn geschrumpft haben.“