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Auf der Blumenwiese von Uwe soll ein Erlebnisbad gebaut werden. Pfarrer Bierbaum und seine Freunde sind entsetzt über diese Pläne des korrupten Bürgermeisters. So machen sie sich auf, um Wege zu finden, die geheimnisvolle Blumenwiese zu retten. Dabei wachsen sie jeder für sich und gemeinsam und entdecken sich anders.
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Seitenzahl: 355
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Kapitel - 01
Kapitel - 02
Kapitel - 03
Kapitel - 04
Kapitel - 05
Kapitel - 06
Kapitel - 07
Kapitel - 08
Kapitel - 09
Kapitel - 10
Kapitel - 11
Kapitel - 12
Kapitel - 13
Kapitel - 14
Kapitel - 15
Kapitel - 16
Kapitel - 17
Kapitel - 18
Nachwort und Dank
Biographie
Eigentlich war Bierbaum gerne Pfarrer. Er liebte seinen Beruf. Er liebte vor allem den Sonntag. Seit seine Kirche renoviert war, machte es ihm noch viel mehr Freude am Sonntagmorgen Gottesdienst zu feiern.
Wenn Bierbaum sich in die Sakristei zurückzog, um sich umzuziehen, waren oft nur wenige Menschen im Kirchenraum. Bierbaum hatte dann immer die Befürchtung, dass der Strukturwandel auch ihn erreichen würde und irgendwann gar keiner mehr in die Kirche käme. Trat er dann aber zu Beginn des Gottesdienstes aus der Sakristei, war der Gottesdienstraum meist gut gefüllt. „Das ist jedes Mal ein kleines Wunder. Erst ist keiner da, dann sind die Reihen gut besetzt.", dachte er und freute sich, dass Menschen mit ihm Gottesdienst feiern mochten.
An diesem Morgen würde er dieses Wunder nicht erleben. Bierbaum hatte frei. Dennoch lächelte er über sein Wunder. Nicht über das Wunder des Gottesdienstbesuchs, sondern über das Wunder der Schöpfung, das neben ihm lag.
„Wie wunderbar sind deine Werke, wie wunderbar hast du den Menschen erschaffen!", murmelte Bierbaum lächelnd in freier Anlehnung an einen Schöpfungspsalm. Er streckte sich dabei wohlig und schaute versonnen, mit blitzenden Augen froh auf Sabine, die neben ihm lag und die Augen geschlossen hatte.
„Denk nicht mal dran!", murmelte Sabine. Sie lächelte ebenfalls versonnen, behielt ihre Augen aber geschlossen. Bierbaum wandte sich ihr zu und beugte sich über sie.
„Was war das nur für ein Aufwachen vor einem Jahr? Weißt du noch?", flüsterte er zärdich. Vor einem Jahr war er ebenfalls neben Sabine aufgewacht. Es war der Tag der Kircheneinweihung gewesen. Damals wusste er nicht, wie sie zu ihm ins Bett gekommen war. Heute erinnerte er sich dagegen genau.
Sabine war gestern angekommen, um ihren Jahrestag mit ihm zu feiern- Gemeinsam waren sie mit Uwe und Lena, Hannes und der Gräfin und Elfriede im Grünen Baum gewesen. Erkan hatte sie bedient.
In diesem Augenblick öffnete Sabine die Augen. Sie hatte braune Augen, im Morgenlicht leuchteten sie um die Iris herum grünlich, wie ein Wald in der Morgensonne. Bierbaum betrachtete sie und fuhr langsam mit den Fingerspitzen seiner Hand über die Konturen ihres Gesichtes. „Wer Kaschmir weich nennt, hat deine Haut noch nicht berührt", flüsterte er. „Ist nicht von mir, sondern von Bodo Wartke. Stimmt aber!", sagte er mit Nachdruck.
Bierbaum war verliebt. Sabine ebenfalls. Sie schloss die Augen nun wieder, hob ihm ihr Gesicht entgegen und genoss die Zartheit seiner Berührung. Gerade, als seine Lippen ihre berühren wollten, sagte sie: „Bitte, holst du mir Kaffee?"
Er küsste sie dennoch und rückte mit seinem Körper näher an sie heran. Seine Hand fuhr nun über ihren Rücken und blieb auf ihrem Hintern liegen. Er begann, ihn sanft zu streicheln.
„Hat das nicht noch Zeit?", sagte er und küsste sie wieder. „Bierbaum, wo nimmst du nur die Kraft her? Mir tut alles weh vor Liebe. Ich habe Muskeln bewegt, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie habe."
„Ich könnte schon wieder Muskeln bewegen.", schnurrte Bierbaum. „Auch wenn mir ebenfalls alles weh tut. Vielleicht sollten wir ein wenig Work out machen, um unsere verkrampften und erschöpften Körper etwas zu lockern."
„Mein Gott, du Unersättlicher!", stöhnte Sabine belustigt. „Wer hätte gedacht, dass ich das noch einmal erleben darf. Aber ich brauche erst einmal Kaffee. Bitte. Bitte."
Sie lachte, nahm seinen Kopf in ihre Hände. Dann sah sie ihm in die Augen.
„Bitte! Kaffee!"
Bierbaum erhob sich und ging lachend in die Küche.
Bierbaum schaltete dort die Kaffeemaschine ein und wartete, bis sie sich aufgewärmt hatte. Er mochte es, an einem Sonntagmorgen in der Küche zu stehen und durch das geöffnete Fenster die ersten Orgeltöne aus der benachbarten Kirche zu hören.
Die Kantorin kam immer früh, um in aller Ruhe noch einmal die Lieder für den Gottesdienst zu üben. Manchmal spielte sie ein Orgelstück auch ganz für sich. Da bekam die Orgel einen besonderen Klang, als ob sie entspannter, freier, gelöster wäre. Die Orgel war dann wie eine Katze, die um die Organistin herumstrich und Aufmerksamkeit wollte und wohlig bereit war, ihre Aufmerksamkeit zu empfangen. Es war eine besondere Nähe zu spüren, in der sich in Tönen und Klängen lebendiges Vertrauen ausbreitete, wie bei Liebenden, die sich in ihrer Seele berührt hatten.
In diesem Liebesspiel ging es nicht immer harmonisch zu, Misstöne klangen durch, Widerständigkeit wurde lebendig, mal gab die Orgel die Musik nicht frei, die es brauchte zum Klang, mal musste die Kantorin hart in die Tasten hauen oder lockend streicheln, um den richtigen Zugang zu finden. Hin und wieder probierten beide etwas Neues aus. Dann brauchte es neue, andere Register, zärdiche Zuwendung, wohlige Schläge, zartes Ziehen und Locken. Die Orgel konnte die Kantorin über ihre Grenzen hinausführen, hob sie dann in andere Sphären, bis sie ihr tiefste, klangvolle Lust oder auch betörenden, klingenden Schmerz schenkte. Natürlich veränderte sich der Klang der Orgel, je nachdem, was die Kantorin in ihrem Alltag gerade erlebte, verarbeitete, ersehnte.
An diesem Klang hörte Bierbaum, ob die Kantorin gerade eine anstrengende Woche hinter sich hatte und müde war, oder ob sie voller Kraft und mit sich im Reinen war.
Vor einigen Wochen war Bierbaum wieder eine Veränderung aufgefallen. „Sie spielt eleganter und frischer, wie bei einem Tanz an einem Sommerabend.", dachte Bierbaum eines Sonntagmorgens.
Bierbaum hatte zunächst vermutet, dass sie wieder einen Partner hatte. Aber er hatte sich getäuscht. Und auch nicht. Die Kantorin hatte einen neuen Partner. Die beiden waren unzertrennlich. Sie schenkten sich Liebe und Zartheit, trösteten sich, wenn sie traurig waren, teilten die wertvollen Augenblicke.
Franz war ein großer, eleganter Kater, völlig schwarz wie ein Panther, mit strahlend blauen Augen. Er hatte nur noch einen Eckzahn und manchmal saß er einfach nur da, zog leicht die Mundwinkel nach oben. Dann sah es aus, als ob er lächelte. Manche fanden diesen Blick arrogant, manche süß, andere wiederum spöttisch. Für die Kantorin war es ein Anblick, der ihr Herz höher schlagen ließ.
Kennengelernt hatten die beiden sich in der katholischen Kirche. Während der Renovierung von Bierbaums Kirche war die Gemeinde in der katholischen Kirche zu Gast, eine wunderschöne alte Kirche mit alten Fresken, wunderbar verspielten Heiligengemälden und einem warmen Geruch aus Weihrauch und Maiglöckchen.
Woher dieser Maiglöckengeruch kam, wusste niemand. Die Dachbalken, die dort unter der Decke verbaut waren, verströmten diesen zarten Geruch nach Frühlingsblumen seit vielen Jahrzehnten. Er war nur ganz wenig wahrnehmbar, nur gerade so viel, dass er von den Geruchshaaren in den Nebenhöhlen aufgenommen wurde und das Kleinhirn signalisierte: „Es riecht gut." Allerdings gerade so wenig, dass das Großhirn nicht Alarm schlug und heftig signalisierte: „Maiglöckchen".
Der zarte Duft führte dazu, dass die Gläubigen gerne in der Kirche saßen und sich nach einer kleinen Weile wie frisch ge
badet vorkamen.
Manche konnten in dieser Stimmung loslassen, fühlten sich erneuert und gereinigt. Bei anderen wurden Kindheitserfahrungen lebendig. Sie sagten: „Ich fühle mich geborgen und voll großer innere Freude." Wenn Bierbaum das hörte, lächelte er. „Sie fühlen sich, wie Samstagabend nach einem liebevollen Bad im Bademantel auf dem Sofa und dürfen länger aufbleiben und die Hitparade gucken." Bierbaum war immer wieder fasziniert zu sehen, wie sich ihre Gesichter erkennend veränderten, die Augen sich weiteten und manchmal ein zarter, kindlicher und lebensneugieriger Blick sich zeigte.
Der Maiglöckchendurft führte immer zu guten Erinnerungen. Nie löste er Ängste aus oder Unwohlsein, immer führte er dazu, dass Menschen sich wohl fühlten.
„Ich mag Kirche überhaupt nicht und besonders die katholische Kirche nicht, aber wenn ich hier bin, dann wächst in mir ein Vertrauen und eine Zuversicht, die unglaublich sind. Ich fühle eine Stärke und Sicherheit in mir wachsen, die ich sonst an keinem Ort finde. Daher bleibe ich in der Kirche, weil ich möchte, dass dieser Ort erhalten bleibt." Bierbaum und sein katholischer Kollege freuten sich über solche Aussagen, wussten sie doch selbst sehr gut über ihre eigenen Schwierigkeiten mit Kirche Bescheid und tauschten sich regelmäßig darüber aus.
Die Orgel in der Maiglöckenkirclre wurde von der Kantorin dagegen kritisch betrachtet. Sie war ein älteres Modell, war mehrmals in den vergangenen Jahrhunderten umgebaut worden. „Sie ist wie ein Rolls Royce. Groß, mächtig, 1000 PS. Du kannst darauf spielen, wie am Jüngsten Tag, dich austoben und es ist immer noch Luft nach oben. Aber manchmal ist es einfach für die Seele zu viel. Da ist weniger mehr.", entfuhr es ihr immer wieder. So war sie froh, als die Renovierung der eigenen Kirche beendet war und sie wieder in ihrer eigenen Kirche Orgel spielen konnte.
Franz war eines Tages vor er Tür gestanden. Er stand da einfach. Neben der Tür zum Eingang. Als die Kantorin an der hinteren Kirchentür ankam und mit dem handtaschengroßen Schlüssel die uralte Kirchentür aufschloss, war er ihr um die Beine gestrichen. Die Kantorin mochte keine Katzen. „Geh weg, was willst du?", sagte sie zu ihm und schob ihn mit dem Fuß zur Seite. Als sie dann aber mit einer Hand die Tür öffnete, sie mit dem Fuß aufhielt und mit der anderen Hand ihre Tasche vom Boden aufhob, ging Franz zielstrebig und sicher mit ihr in die Kirche hinein.
Die Kantorin dachte sich nichts weiter dabei. Zumindest an diesem Tag nicht. Als sie aber am nächsten Tag zum Üben kam, lag auf ihrer Orgelbank eine tote Maus. Mit spitzen Fingern und einem Taschentuch entfernte sie das tote Tier von ihrer Sitzbank, überprüfte sie auf mögliche Kadaverspuren und als sie zufrieden feststellte, dass keine Spuren vorhanden waren, setzte sie sich.
Sie übte Bachs Präludium in C. Als sie mitten drin war in einem Teil, in dem ihre Füße besonders aktiv die Pedale bedienten, spürte sie einen stechenden Schmerz in den Beinen. Sie hielt sofort inne und schaute nach unten zu ihren Füßen. Zunächst dachte sie an einen Stromstoß, hatte sie doch in den
vielen Jahren ihrer Orgeltätigkeit viele verschiedene Varianten von Orgelunfällen erlebt. Einklemmte Finger, Stromstöße von Heizungen, Hitze von alten Wärmelampen, die Orgelschuhe in Brand steckten, herausfallende Orgelpfeifen, die für ziemliche Beulen sorgte. Was sie an diesem Nachmittag erblickte war eine Katzenpfote, die mit spitze Krallen nach ihren Wade schlug und sichtlich Vergnügen dabei hatte.
Mit einem schnellen Griff langte die Kantorin nach hinten unter die Orgelbank, wo sie Franz vermutete, schnappte ihn und zog ihn nach oben. Der Kater war überrascht. Noch überraschter war aber die Kantorin, als sich der Kater auf ihren Schoß fallen ließ und dort zusammenrollte. Wie er das gemacht hatte, blieb ihr ein Rätsel. „Er muss sich gleichzeitig mit dem Schwung aus meiner Hand gelöst und die Dynamik genutzt haben, um bei mir zu landen. Und seitdem sitzt er da."
„An was denkst du? Du lächelst so versunken." Bierbaum hörte Sabines Stimme und spürte ihre Hände auf seinem Bauch. Sie war hinter ihn getreten und umschlang ihn. Sein Bademantel hatte sich geöffnet, so dass ihre Hände seinen nackten Bauch berührten.
„Ich habe gerade an die Katze der Kantorin gedacht." Sabine zog ihn näher an sich heran, Bierbaum spürte ihren Körper an seinem Rücken, ihre Hände hielten seinen Bauch, wanderten langsam tiefer. Er spürte, wie sich in eine wohlige Körperspannung in ihm ausbreitete.
„Du sagst es bitte nicht! Auf gar keinen Falk", flüsterte Sabine. Bierbaum drehte sich um. Sabines Hände lösten sich für einen Augenblick, dann legte sie ihm die Arme um den Hals. Bierbaum wiederum legte seine Hände auf ihre Hüften und zog sie an sich.
„Was soll ich nicht sagen?"
„Das weißt du genau. Tu's nicht. Komm lieber wieder mit mir ins Bett. Und bring den Kaffee mit."
Bierbaum nahm den Kaffee und folgte Sabine. Im Bett gab er ihr ihren Kaffee, dann küsste er sie und wanderte mit seinen Küssen langsam ihren Körper hinab, während sie den Kaffeebecher in den Händen hielt.
„Komm, sag es schon, dich zerreißt es ja sonst. Ich spüre das."
„Du meinst, ich soll mich nicht so mit der Muschi der Kantorin beschäftigen, sondern ..."
„Bierbaum, lass es. Tu das, was du gerade tust und sei einfach still."
Uwe war sprachlos. Er brachte keinen Ton mehr heraus. Er wollte schreien. Doch sein wütender Atem blieb ihm im Hals stecken. Sein Kehlkopf vibrierte, rote Flecke waren an seinem Hals zu sehen. Er selbst stand starr, fassungslos, ungläubig, wie vom Donner gerührt.
Uwe stand auf seiner Blumenwiese, schloss mühsam die Augen und atmete tief durch, wie er das von Lena gelernt hatte. Lena hatte ihm einmal die Hand auf den Oberbauch gelegt, ihn angelächelt und gesagt: „Uwe, mein schöner Mann, ich liebe es, wenn du aus dir raus gehst, und ich lade dich ein bis zehn zu zählen, wenn du das Gefühl hast, jetzt reicht es dir." Schon allein Lenas Hand und ihre Stimme hatten damals gereicht, dass Uwe seine Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse wieder in Einklang brachte. Allerdings war ihm das Zählen bis zehn zu langweilig.
Er wollte seine eigene Methode anwenden, mit Zorn umzugehen. Also zählte Uwe für sich die kleinen Propheten auf. „Hosea, Joel, Arnos, Obadja, Jona." Dabei versuchte er im Rhythmus der Silben durch die Nase zu atmen, um Atem, Denken, Körper, Gefühle wieder miteinander in Verbindung zu bringen. „Micha, Nahum, Habakuk, Zefanja."
Hier öffnete Uwe ein Auge. Das Bild, das er sah, hatte sich nicht verändert. So schlimm das war, der rotschwarze Zorn, der in ihm aufgewallt war, verebbte langsam und zog sich zurück wie ein müder Kater in die Sofaecke. „Haggai, Sacharja, Maleachi."
Uwe öffnete nun wieder beide Augen. Noch immer hatte sich das Bild nicht verändert. Uwe fühlte nun eine eisblaue Leere der Fassungslosigkeit in sich. Das, was er sah, konnte er nicht unterbringen in seinem Koordinaten- und Erfahrungssystem. In seiner Blumenwiese steckten Vermessungspfahle.
Nun musst du wissen, dass Vermessungspfahle und Uwes Blumenwiese ungefähr so zusammenpassen wie ein blutroter Mond mit weißer Coca-Cola Schrift, oder ein rosafarbener Elefant im Garten zwischen Kirschbäumen.
Uwes Blumenwiese war ein besonderer Ort, manche sagen, ein heiliger Ort. Hier wuchsen Blumen, die es an anderen Orten nicht gab. Wer mit Uwe auf seine Wiese ging, der wurde gefunden. Von seiner oder ihrer Blume. Uwes Blumenwiese heilte. Sie heilte die Seele, sie heilte von Krankheiten, Allergien, Ausschlägen, nahm Lasten von Schultern, brachte Kräfte wieder zum Fließen.
Manche kamen immer wieder, um ihre Blume zu suchen. Die einen fanden sie dann, saßen auf der Wiese, spürten die Gegenwart ihrer Pflanze und bekamen Kraft. Oder sie nahmen ein Blatt, eine Blüte, einen Stängel mit. Für einen Tee, eine Salbe, eine Berührung, zur Erinnerung.
Andere fanden ihre Blume auch nicht mehr. Das machte sie dann traurig und sehnsüchtig. Wenn Uwe das mitbekam, nickte er nur.
„Dann hat sich dein Leben verändert.", sagte er dann. „Deine Blume ist zurückgekehrt in die Wiese."
„Aber letzte Woche war sie doch noch da."
„Letzte Woche schon. So ist das Leben. So ist dein Leben. Du kannst es nicht festhalten. Das Leben wandelt sich ständig.
Und du darfst erfahren, dass dich eine andere Blume findet." Uwe lud die Menschen dann ein, sich von einer anderen Blume finden zu lassen.
Es faszinierte ihn immer wieder zu erleben, wie dann genau dies geschah.
Elfriede, die befreundete Ärztin, wurde von ihrer Katzenallergie durch das Linsenkraut geheilt. Die feine, hellblaue Kornblume half immer wieder, wenn jemand mit bösen Kräften in seinem Leben rang. Der Quitte, die am Rande der Wiese stand, gelang es mit ihrem besonderen Duft, Paare den entscheidenden Impuls zu geben, wieder zueinander zu finden oder auch loszulassen und der eigenen Sehnsucht in der Partnerschaft zu folgen. In manchen Fällen half sie auch zum Aufbruch und Neuanfang und einer anderen Form von Beziehung. Die Anemone stärkte die inneren Kräfte bei Ungeduld, Thymian gab Energie in Prüftmgsphasen, Verbene sorgte für Frieden, die Rose stärkte die Liebe.
Uwes Blumenwiese war ein besonderer Ort. Uwe pflegte sie mit großer Liebe. Seine Hände strichen über die zarten Pflanzen, die stacheligen Gewächse, die geheimnisvolle Flora. Manche in der Stadt am See sagten, Uwe sei in Wirklichkeit ein Zauberer aus alten Zeiten.
Auch Bierbaum kam immer wieder auf die Wiese, oft gemeinsam mit Uwe. Dann standen sie da, schwiegen miteinander, zwei Männer, verbunden mit sich und der Natur.
Oft pflückte Bierbaum ein paar kleine Blumen, barg sie sorgsam in sein Taschentuch, nahm sie mit nach Hause und stellte sie dann in ein kleines Glas zu seiner Ikone. Die Kraft der Ikone und die Wirkung der Blumen taten den Räumen, den Gedanken und Bierbaum selbst wohl.
Bierbaum und Uwe verband eine langjährige Freundschaft. Im vergangenen Jahr war Lena für Uwe und Sabine für Bierbaum Teil dieser Freundschaft geworden. Lena war mit ihrem Cabrio in Uwes Blumenwiese gefahren und hatte sie zerpflügt. Es war Liebe auf den ersten Blick, auch wenn das Auto zerstört war und die Blumenwiese Schaden genommen hatte. Lena und Uwe waren seitdem ein Paar. Sabine war im Bett von Bierbaum erwacht, kurz bevor dieser seine Kirche nach der Renovierung wieder einweihen wollte. Dann war auch noch ein Toter aus der Orgel gefallen. Bierbaum und seine Freunde hatten das Rätsel damals schnell gelöst. Und Bierbaum und Sabine ihre Liebe zueinander neu entdeckt, nachdem sie sich schon einmal sehr berührt hatten vor vielen Jahren.
Langsam sortierten sich Uwes Gedanken. Sein Kleinhirn hatte längst schon sein Unwohlsein registriert und war wegen der Information in Schock gefallen, sein Großhirn lief auf Hochtouren,
„Welcher Arsch will denn bauen auf meiner Wiese?", entfuhr es ihm. Uwe überlegte schon, ob er mit den großen Propheten des Alten Testaments, den Königen Israels und des Nordreichs weitermachen musste, um sich zu beruhigen, da hörte er eine Stimme.
„Natur und Freude."
Hinter ihm stand ein dicker Mann. Und schwitzte.
„Natürlich ist das Natur und Freude. Es ist schließlich eine Blumenwiese."
„Das auch, selbstverständlich." Der Dicke streckte ihm seine Hand entgegen. Eine Hand, so groß, wie wenn du einen ganzen Schinken nimmst und Fleischwürste dranhängst. Unglaublich groß und fleischig. Nur dass die Fleischwurst schon etwas länger im Kühlschrank gelegen hatte und unangenehm schwitzte. Und roch. Dazu war der Mann von beeindruckendem Format. Uwe war irritiert von der Masse an Mensch, die vor ihm stand und die ihn zu erdrücken schien.
Der Dicke bückte sich, pflückte ein paar Kräuter und stopfte sie sich in den Mund. Seine Kiefer mahlten das Grün, was Uwe an einen seiner Bullen im Stall erinnerte.
Wieder streckte der Dicke seine Hand aus. Uwe ergriff sie. Das Gefühl, das ihn durchströmte, überraschte ihn. Der Händedruck fühlte sich an, als hätte er in eine riesengroße Slime-Masse gegriffen. Diese künsdiche Masse, die sie als Kinder zum Spielen in der Schule gehabt hatten, die sie über Tische und Böden kriechen ließen, versuchten feucht zu halten, die dann irgendwann voller Krümel und Schmutz war und vertrocknete.
Noch mehr überraschte ihn aber das Gefühl, das sich in seinem Inneren ausbreitete. Er fühlte enttäuschte Weihnachtsfreude. Dieses Gefühl aus Kindheitstagen, wenn er sich als kleiner Junge auf ein Geschenk gefreut hatte, das er unbedingt haben wollte, dann aber nicht bekam. Schon lange hatte er dieses Gefühl der Enttäuschung und Leere nicht mehr gespürt.
Uwe ließ die fleischige Hand wieder los und schüttelte sich. Sofort war er wieder auf seiner Blumenwiese. Er war edeichtert. „Natur und Freude — Immobilien, da wo es schön ist. Wir entwickeln hier ein großes Erlebnisbad, die Seetherme.", sagte der Dicke.
„Wis machen Sie? Und wer sind Sie überhaupt?", antwortete Uwe.
„Otto Gleichwohl, mein Name. Ich entwickle Freizeitbäder.
Unsere Gesellschaft wurde beauftragt herauszufinden, wie das Gelände hier am besten für ein Erlebnisbad ausgebaut werden könnte. Tourismus, Familien, Natur, Spaß (am Leben). Sie verstehen."
„Nein, verstehe ich nicht.", entfuhr es Uwe. „Vor allem nicht, was das mit meiner Wiese zu tun hat."
„Eine traumhafte Wiese, da stimme ich Ihnen zu. Eigentlich schade drum. Aber so ist es nun mal im Leben. Alles ist im Wandel. Sie verstehen? Wenn ich es richtig sehe, laut meinen
Unterlagen, gehört die Wiese einem Nick Gruber, wohnhaft im Schwarzen Schwan."
„Es ist meine Wiese, Sie können doch nicht einfach meine Wiese platt machen!"
„Wer redet denn von platt machen. Umwandeln, verändern, entwickeln. Nicht platt machen."
„Und wer erlaubt Ihnen so was? Und wie soll das gehen?"
„Erlauben tut mir das mein Auftraggeber. Das ist alles korrekt und mit den Behörden abgeklärt. Wenn ich es richtig sehe, dann haben Sie die Wiese gepachtet. Aber die Erbpacht läuft nun mal aus. Die dreißig Jahre sind um."
Wieder bückte sich der dicke Herr Gleichauf und pflückte etwas Giersch.
„Mundet ja köstlich, was ist das für ein Kraut?"
„Wissen Sie, das ist an dieser Wiese so besonders. Die Kräuter und Blumen kümmern sich um diejenigen, die sie besuchen.
Sie lassen sich finden und schenken sich dem, der sie braucht.
Der Giersch hier hat sich offensichtlich Sie auserwählt. Manchen hilft er beim Abnehmen. Ich wünsch' Ihnen, dass das was hilft. Und wenn ich Sie nochmal erwische auf meiner Wiese, dann nehme ich Ihre Vermessungsstäbe und stecke sie Ihnen einfach in Ihre Hintern."
„Uwe, mein Lieber. Was ist denn los?" Bestimmt und beruhigend legte sich ein Arm um seine Schultern und er hörte die Stimme von Lena. Den Rest des Satzes, den er sagen wollte, verkniff Uwe sich.
„Hallo Lena, das ist Herr Gleichwohl. Er möchte eine Erlebnisbad auf unserer Wiese bauen."
„Otto Gleichwohl, angenehm.", stellte sich Gleichwohl vor.
„Herr Gleichwohl, meinem Mann gehört die Wiese und nun sagen Sie, sie sei gepachtet."
„Das ist korrekt. Das passiert immer wieder, dass das mit der Erbpacht vergessen wird."
„Wann läuft die Frist denn aus?"
„Eigentlich erst Ende des Jahres. Da mein Auftraggeber aber anscheinend nicht gewillt ist, die Pacht zu verlängern, gehe ich davon aus, dass wir dieses Jahr planen und dann Anfang nächsten Jahres beginnen zu bauen. Aber wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden. Ihr Gatte benötigt Sie sicher viel mehr als ich. Er sieht etwas blass aus.", sprach der dicke Gleichwohl, bückte sich und pflückte noch eine Handvoll Giersch und stopfte sich diesen in den Mund. „Köstlich, eigentlich schade drum", murmelte er und stapfte zu seinem Wagen.
Uwe und Lena schauten ihm fassungslos hinterher. Uwe stand immer noch unter Schock. Lenas Augen dagegen funkelten.
„Was für ein armer Kerb", sagte sie.
„Du hast auch noch Mitleid mit ihm?", entfuhr es Uwe.
„Du nicht? Schau ihn dir doch an! So eine Masse an Mensch.
Was muss der nicht alles tragen?! So einer braucht Liebe und Zuwendung, damit er seine Masse los wird, frei ist. Ich glaube, das ist eine ganz zarte Seele."
„Ich glaub es nicht. Der nimmt uns die Wiese weg und du hast auch noch Mitleid?"
Lena fasst Uwe am Arm. „Komm mal her, mein Schöner! Der Gedanke, dass hier ein Thermalbad stehen und deine Wiese unter sich begraben könnte, schockiert dich. Das ist eine normale Reaktion. Dich schockiert es und du würdest ihm am liebsten seine Spieße in den Arsch rammen."
„Genau, und den Fettsack dann grillen."
„Zumindest gäbe es eine schöne Kruste.", amüsierte sich Lena.
Dann wurde sie wieder ernst.
„Du darfst vertrauen. Deine Wiese sorgt für sich. Sie ist ein besonderer Ort, ein heiliger Ort. Sie sorgt für sich und wir werden einen Weg finden, sie zu unterstützen. Komm, lass uns einen
Augenblick hinsetzen und spüren, was sie uns sagen möchte."
Lena und Uwe setzen sich, sie legten die Arme umeinander und streiften Schuhe und Socken ab, streckten ihre Beine aus und fuhren mit ihren Füßen durch die Kräuter der Wiese.
„Meinst du wirklich, die Wiese sorgt für sich?", fragte Uwe.
„Aber ja doch, hast du es nicht bemerkt?", antwortete Lena erstaunt, hob etwas den Kopf und schaute ihren Geliebten von der Seite an.
„Was gemerkt?", fragte Uwe und blickte weiter vor sich hin.
Lena schaute Uwe weiter an und wartete. Sie ließ ihm Zeit.
Dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Die Blässe und der Ärger verschwanden, sonnige Farbe breitete sich aus und seine Augen öffnete sich weit und Erkennen und Erstaunen mischten sich in ihnen und strahlten.
„Ne, oder?", rief Uwe,
„Der Giersch", sagten sie beide.
„Aber warum Giersch?", fragte Uwe.
„Das hast du doch selber gesagt. Giersch hilft manchen beim Abnehmen. Bei der Körperfülle keine schlechte Idee."
„Was wir beide alles erleben. Was bin ich doch reich beschenkt mit dir. Ich bin so dankbar."
„Und ich erst." Lena küsste Uwe zart und lange. Uwe küsste zurück und beide sanken auf ihre Wiese, umgeben von der Fülle ihrer Kraft und erfüllt von der Liebe zueinander.
„Was ist eigendich mit dem Schwarzen Schwan? Den kenne ich noch gar nicht."
„Stimmt, da waren wir noch nie. Früher war das mal das größte Wirtshaus in der Gegend, inzwischen ist er aber ziemlich runtergekommen. Vielleicht sollten wir dem mal einen Besuch abstatten. Lass uns schauen, was wir herausfinden."
Sie erhoben sich und gingen Richtung Wald, wo ein kleiner Pfad zum Schwarzen Schwan führte.
Dort, wo sie gelegen hatten, waren noch ihre Umrisse zu sehen. Eine Wildrose richtete sich langsam auf und öffnete ihre Blüten.
Von der Blumenwiese kommend waren sie einen verschlungenen Pfad durch den Wald gewandert. Es hatte in diesem Sommer wenig geregnet, aber in diesem Waldstück offensichtlich doch so ausreichend, dass der Farn grün war, die wilden Orchideen blühten, Insekten ihre Nahrung fanden und ein süßer Duft nach Blüten sie umgab.
Ein Buntspecht suchte sich klopfend ein paar Käfer am Stamm, Amseln flogen meckernd von Ast zu Ast, ein Reh blieb scheu und neugierig schauend am Rande einer Lichtung stehen und eine Wildsau hob müde den Kopf, legte sich wieder in ihre Schlammkuhle und grunzte leise. „Das ist Wilma, unsere Waldsau hier.", flüsterte Uwe zu Lena. „Und das Reh?", antwortete sie, unsicher, ob Uwe ihr eine Geschichte erzählte, die er sich in diesem Augenblick ausdachte oder ob er wirklich jedes Tier an seiner Wiese kannte. „Das Reh ist ein Hirsch und ich würde ihn Bambi nennen, kenn ihn aber auch noch nicht. Die Sau kenn ich, manchmal holt sie sich ein paar Wurzeln in der Wiese. Topinambur mag sie besonders. Sie ist eine ganz Süße. Und faul, wie eine Sau. So faul, dass sie hin und wieder zu faul zum Weglaufen ist, wenn ich vorbei komme. Wenn ich dann ein paar Äpfel in der Tasche habe und ihr davon gebe, lässt sie sich sogar hinter den Ohren kraulen."
„Du kraulst Wildschweine hinter den Ohren, gibst den Tieren an deiner Wiese einen Namen und sprichst mit ihnen? Wer bist du, mein Schöner? Was bin ich doch für ein glücklicher Mensch, dich gefunden zu haben.", sagte Lena strahlend, hielt an, stellte sich Uwe gegenüber, nahm seine Hände in ihre und küsste ihn auf den Mund. „Oh, schmeckst du gut.", flüsterte sie nach einer Weile, legte ihre Hände um seinen Hals und sprang ihm auf die Hüften. „Halt mich undküss mich nochmal." Uwe umfasste sie nun am Rücken. „Du fühlst dich an wie ein warmer Wind aus Seide, der sich kühlend und wärmend zugleich voller Glück, Weite, Liebe, Freude und Lebenslust um mich legt, wie ein Mantel aus Leben. Ich liebe dich." So küssten sich beide inmitten des Waldes und waren bei sich und beim Anderen gleichermaßen.
„Bevor wir hier nun im Wald versinken und uns einander hingeben, sollten wir vielleicht doch weiter gehen.", sprach Lena nach einer Weile. „So schwer es mir auch fällt, stimme ich dir zu, meine Liebe, auch wenn ich denke, es wäre wunderschön, hier Liebe zu machen."
„Sicher wäre es das. Wir wären allerdings vermutlich nicht alleine."
Sie schauten sich um. Die Wildsau Wilma hatte sich aufgesetzt und schaute zu ihnen herüber, der Hirsch Bambi blickte sie noch für einen Augenblick an und sprang dann mit einem leichtfüßigen Sprung ins Gebüsch und war verschwunden. Und irgendwo keckerte eine Elster.
Lena und Uwe verließen den Wald und kamen zum Biergarten. Mit jedem Schritt spürten sie, wie der Zauber des Waldes allmählich verflog und einer alltäglichen Banalität wich, die sich beim Betreten des Biergartens ins Unangenehme hinein wandelte.
Der Biergarten war traumhaft. Alptraumhaft. Da konnte auch die Lage nichts mehr retten.
Der Schwarze Schwan lag erhöht auf einem Hügel und bot einen wunderbaren Blick über Stadt und See. Er bot Platz für dreihundert Personen an wunderbaren, grünen Biergartenstühlen und den dazu passenden Tischen, die auf feinem, hellem Kies standen. Zwischen den Tischreihen standen immer wieder alte, mächtige Kastanien. Auf der einen Seite wurde der Biergarten von einer Hain buchenhecke gesäumt, die den Biergarten vom Parkplatz abtrennte. Auf der Seite gegenüber befand sich eine Wiese, die in den Wald überging, aus dem Uwe und Lena kamen. Auf der dritten, schmaleren Seite stand das Wirtshaus „Zum Schwarzen Schwan", das in seiner ursprünglich gedachten, einladenden Freundlichkeit zum Verweilen, Trinken und Feiern einladen sollte. Die vierte, dem Wirtshaus gegenüberliegende Seite war gesäumt von einer Kiesfläche, auf der einige Anhänger mit Biertischen standen.
„Was stimmt hier nicht?", fragte Lena und schaute sich um. Uwe und Lena hatten einen Platz in der Mitte des Biergartens gewählt. Sie saßen unter einer Kastanie, so dass sie genügend Schatten hatten und gleichzeitig ihren Blick in alle Richtungen schweifen lassen konnten. Doch ihre Stimmung hatte sich verändert.
Schnell hatte Lena die Veränderung erfasst. Lena war nicht nur wunderschön. Lena war außerordentlich klug und schnell im Kopf. Sie konnte nicht nur schnell denken, ihre beiden Gehirnhälften arbeiteten auch synchron und in der gleichen Geschwindigkeit miteinander. Normalerweise erfasste das Kleinhirn bei einem Menschen in Millisekunden Stimmungen, Gefühle, Eindrücke, das Großhirn dagegen war langsamer, brachte Analysen, Lösungen, Rationales hervor. Lenas Großhirn war genauso schnell wie ihr Kleinhirn. Das machte es oft herausfordernd für sie und war anstrengend. Oft musste sie sich zügeln. Denn sie konnte Stimmungen und Gefühle blitzschnell erfassen, analysieren und in Worte fassen. Früher hatte das oft zu Konflikten geführt, weil Lena in Gesprächen oft blitzschnell „das Richtige" sagte, die anderen aber vor den Kopf stieß.
Einmal wäre sie fast durch eine Prüfung gefallen. Das war in Makroökonomie. Anstatt auf die Frage des Prüfers nach dem Einfluss der amerikanischen Notenbank auf den Euro zu antworten, sagte sie: „Bitte hören Sie auf darüber nachzudenken, ob mein BH schwarz oder blau ist." Der Prüfer schaute sie erstaunt an und es war ihm anzusehen, dass er ein paar Augenblicke brauchte, um zu verstehen, wovon Lena redete. Wenn du nach der Notenbank fragst und die Antwort bezieht sich auf die Farbe der Unterwäsche, dann rechnest du nicht damit und es braucht eine Weile, bis dein Großhirn darauf reagiert. Reflexartig reagierte dagegen der Beisitzer. Bei ihm funktionierte das männlich eingeübte Muster von Angriff und Gegenangriff. Ohne nachzudenken, ganz spontan sagte er: „Was erlauben Sie sich? Was soll das jetzt?" Lena dagegen antwortete nicht, sondern sagte zu ihm aus dem Bauch heraus: „Und Sie denken darüber nach, ob es Nudeln oder Kartoffeln zum Mittagessen gibt."
Noch während der Beisitzer „Ist die irre?" dachte und damit immer noch seinem Muster von Wertung und Einordnung in eingeübte Muster folgte und schon zu schnauben begann, um die nächste Eskalationsstufe einzuleiten, sagte der Prüfer lächelnd und gelassen: „Schwarz oder blau? Ich habe tatsächlich darüber nachgedacht. Für meine Gedanken möchte ich mich nicht entschuldigen, denn diese sind frei, wenn auch übergrifhg. Ich bin dennoch dankbar, dass Sie mir das sagen, auch wenn ich aktuell irritiert bin, rein sachlich gesehen. In einer Prüfung in Makroökonomie ist dafür kein Platz, auf einer kommunikativen Ebene ist es aber faszinierend, erhellend und erkenntnisreich. Ich weiß nicht, wie Sie das machen, es ist eine besondere Gabe von Ihnen. Das habe ich während unseres Seminars immer wieder feststellen dürfen. Ich habe große Freude daran, das zu erleben. Ich bitte, das jetzt auf einer rein intellektuellen Ebene zu hören und zu verstehen.
Es wird manchmal eine Last für Sie sein, so wahrnehmen und denken zu können, oft wird es Ihnen helfen. Gaben sind Aufgaben. Ihnen alles Gute dafür. Leid tut mir, dass ich mich ablenken ließ und Ihnen nicht meine volle Aufmerksamkeit schenkte. Bei jemanden mit Ihren Fähigkeiten sollten wir als Dozenten mit all unseren Fähigkeiten präsent sein."
Dann wandte er sich zu seinem Kollegen. „So, lieber Kollege.
Was ist nun? Nudeln oder Kartoffeln?" Und dieser schaute ihn völlig perplex an und stammelte nur: „Pasta."
„Sehr gut, dann gehen wir Mittagessen!", sagte der Professor wieder. „Kommen Sie mit? Ich lade Sie ein.".
„Und meine Prüfung?", frage Lena.
„Die haben Sie bestanden. Ehrlich gesagt, wir wissen sowieso, dass es egal ist, was wir Sie fragen. Sie kennen die Antwort.
Manchmal sogar besser als wir. Die Prüfungszeit dürfte nun auch vorbei sein, so dass wir nun auch eine Pause machen können. Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Schein in Makroökonomie. Lassen Sie uns beim Mittagessen darüber sprechen, wie wir Sie fördern können. Ich weiß noch nicht, ob ich Sie weiter in meinem Fachbereich haben möchte. Ich vermute, Sie wird die reine Ökonomie nur langweilen. Vielleicht sollte ich Sie lieber einem oder einer der Kolleginnen empfehlen, damit Sie dort ein wenig Schwung hinein bringen. Wie wäre es denn mit Jura? Oder Medizin? Oder ganz was Abgefahrenes: Theologie?"
Er war schon aufgestanden. Lena dagegen blieb sitzen.
„Habe ich Sie nun überrascht? Wenn ja, freut mich das sehr.", grinste der Prüfer und packte seine Unterlagen in seine Aktentasche.
„Dunkelblau." Lena hatte das gesagt. „Dunkelblau, Sie wollten doch wissen, welche Farbe mein BH hat."
„So genau auch wieder nicht. Vielleicht sollten wir bei Pasta darüber nachdenken, warum manche Gedanken keine Antwort brauchen. Das könnte ein Lernfeld für Sie sein."
Bei Uwe war das anders. Bei Uwe konnte Lena ihren beiden Gehirnhälften freien Lauf lassen und fühlte sich zum ersten Mal in ihrem Leben frei, aufgehoben, ermutigt und geliebt. Uwe hatte die Gabe, Lena so zu begegnen und sie so zu berühren, dass sie in ihrer Geschwindigkeit und Klugheit Resonanz fand in ihrem Herzen. Wenn Lena Uwe berührte, dann war das für sie nach Hause kommen und zu den Sternen fliegen gleichzeitig. Uwe hatte einige Zeit gebraucht, Lena beschreiben zu können, was er für sie empfand bzw. wie er für sie empfand. „Du fühlst dich an wie eine erweiterte Blumenwiese." Vorsichtig und unsicher hatte Uwe Lena damals angeschaut. „Du meinst, du fühlst dich mit mir verbunden, mit dir selbst und allen besonderen und heilenden Lebenskräften der Natur?" „Ja, genauso."
Nun saßen sie im Biergarten Zum Schwarzen Schwan und Uwe hörte Lena aufmerksam zu. „Zunächst einmal der äußere Rahmen.", begann Lena. „Der Biergarten liegt wunderschön, die Aussicht ist ein Traum, das Wirtshaus sieht einladend aus. Und zugleich es ist ein Alptraum." Uwe lachte. „Ich war schon Jahre nicht mehr hier, aber so gruselig habe ich es mir nicht vorgestellt. Mach weiter."
„Es gibt Platz für dreihundert Personen, genauer gesagt, dreihundertachtundsiebzig. Das habe ich nachgezählt. 48 Stühle sind defekt, alle Tische wackeln. Es wächst Gras unter den meisten Tischen. Sie werden also nicht benutzt. Sinalco-Sonnenschirme stehen herum, die Brause gibt es seit zwanzig Jahren nicht mehr. Es sind keine Einheimischen im Biergarten, nach meiner Einschätzung gibt es nur Touristen."
„Was macht es so unangenehm hier?", fragte Uwe.
„Es sieht lieblos aus und ungepflegt. Ich vermute, es ist eine Art morbider Zerfall. Es muss aber noch etwas Anderes geben, das die Atmosphäre so beeinflusst. Entweder das Essen oder das Personal. Ich vermute das Personal. Magst du mir davon etwas erzählen?"
„Schau mal Bierbaum, wer da sitzt! Ist das eine schöne Überraschung!", wurde Uwe unterbrochen, noch bevor er überhaupt begonnen hatte zu sprechen. Uwe und Lena standen auf und begrüßten Bierbaum und Sabine herzlich. „Das ist ja schön, wollt ihr euch zu uns setzen? Uwe wollte mir gerade die Geschichte des Schwarzen Schwanes erzählen und warum es hier so seltsam ist.", erklärte Lena.
„Gerne, Geschichten finde ich immer gut." Sabine nickte und schnappte sich einen Stuhl. Bierbaum setzte sich ebenfalls.
„So, erzähl mal, was gibt es denn Geheimnisvolles über den Schwarzen Schwan zu berichten?", fragte Sabine. „Bierbaum wollte erst gar nicht hierher, aber ich war hier noch nie und wollte mal schauen. Und ein Biergarten mit Seesicht, das fand ich ansprechend. Bierbaum war skeptisch. Jetzt, wo ich hier bin, kann ich ihn verstehen. Also Uwe, schieß mal los. Was ist das Geheimnis dieses Ortes?"
„Darf's was sein?" Wieder wurde Uwe unterbrochen. Diesmal von der Bedienung.
.Anneliese, du bist es, lange nicht gesehen." Uwe schaute die Bedienung an. Sie war ein paar Jahre jünger, als Uwe, hatte blonde, gelockte Haare, war schlank. Ihre Augen schauten müde, aber freundlich. Ihre Schultern wirkten sehr angespannt, so als ob sie ständig eine Last ausbalancieren müsste. Die Kleidung, die sie trug, war sauber, aber schon etwas älter, Schnitt und Muster stammten aus den 90ern, als ob sie sich seitdem nichts Neues leisten konnte oder wollte.
„Uwe, schön, dass du auch mal wieder vorbeischaust, wir haben uns ja schon lange nicht mehr gesehen. Was darf ich euch bringen?".
„Ein alkoholfreies Weizen wäre schön.", sagte Lena. „Das nehme ich auch", Uwe. Bierbaum und Sabine schlössen sich an. Lena beobachtete die Bedienung. Ihre unsichere Anstrengung und Anspannung faszinierte sie.
„Was ist denn hier los? Die wirkt ja wie ein Fisch, der kaum noch Sauerstoff in zu niedrigem Wasser bekommt.", fragte Lena, als Anneliese außer Hörweite war „Das war doch nicht etwa die Wirtin, oder?"
„Doch, das war die Wirtin."
„Was stimmt hier nicht? Die Wirtin selbst bedient in so einem riesigen Biergarten, in dem kaum Leute sind und nur verzweifelte Touristen und Blumenwiesenretter Platz nehmen wie wir." Beide Paare lachten von Herzen und es war eine schöne Verbundenheit zu spüren bei den Vieren. Sie waren vergnügt, wie Menschen, die um die Besonderheit solcher freien Augenblicke mit Freunden wussten. Jeder hatte im Leben schon so viel gelernt, dass sie Freundschaft und Verbundenheit Raum geben konnten und unwillkürlich spürten, dass diese Gemeinschaft Wegzehrung war für vieles andere, das lebensbelastend oder einengend war.
„Das mit den Touristen sehe ich.", sagte Sabine und deutete vorsichtig an den Nebentisch. Dort saß eine Familie, zwei Kinder in T-Shirts, die vor einigen Wochen wohl noch gepasst hatten, nun aber an Hals und Bauch viel zu eng geworden waren. Das eine T-Shirt trug die Aufschrift. „Ich mag keine Schule, ich bin schon schlau." Das andere „Ich lerne nicht für die Schule, sondern fürs Leben. Darum geh ich nicht hin." Die ganze Familie strahlte eine Tumbheit aus, die schon gewalttätig wirkte. Auf dem Tisch standen Teller mit halb aufgegessenem Schnitzel und geleerte Eisbecher. Dazu war zu hören, wie die Kinder quengelten: „Mir ist langweilig und mir ist schlecht. Ich mag noch eine Cola für meinen Magen."
„Aber Schatz, du hast doch noch gar nicht aufgegessen, du weißt doch, dass das nicht gut für dich ist: so viel Zucker.", sagte die Mutter.
„Zucker macht schlau, das brauch ich, wenn ich in die neue Klasse gehe," antwortete das Mädchen.
„Und ich brauche Energie, damit ich den Dorfdeppen hier gleich eine auf's Maul gebe und zeige, wer hier das Sagen hat.
Die ziehe ich ab.", meinte der Junge.
Ohne darauf einzugehen, zog der Vater der beiden die Teller zu sich und murmelte nur „Ihr wollt das sicher nicht mehr" und begann zu essen. Er hatte einen leeren Teller vor sich und schaufelte nun noch die übrig gebliebene Mahlzeit der Kinder in sich hinein.
Die Mutter reagierte überhaupt nicht, sie wirkte völlig abwesend, öffnete ihre Handtasche und holte eine Schachtel Zigaretten hervor.
Sie zündete sich eine an, nahm einen Schluck von ihrem Weinglas. „Ach, ihr Lieben, wie recht ihr habt. Essen und trinken wir, was uns schmeckt. Ich nehme auch noch ein Glas.", sagte sie mit schon leicht verschwommener Aussprache.
Die vier am Naclrbartisclr schauten mit offenem Mund dem Schauspiel zu. Bierbaum lehnte sich nach vorne und flüsterte noch leiser, geradezu verschwörerisch. „Ihr glaubt es nicht, aber das ist die neue Schulleitung unserer Realschule hier. Sie hat angeblich super Noten, ist megaschlau und das Regierungspräsidium protegiert sie."
Die anderen schauten Bierbaum überrascht an. Er grinste nur und sagte im Tonfall seiner Neuntklässler „Isch schwör'! Voll krass, oder?"
„Na dann!" Lena kam als erste zu sich. A u f die Bildung.", riefen alle und wollten anstoßen, stellten dann aber fest, dass sie ja noch gar keine Gläser hatten.
„Nun erzähl doch mal. Wie ist das denn nun mit dem Schwarzen Schwan? Was für Geheimnisse birgt er denn?" Sabines Augen leuchteten.
Uwe erzählte nun. „Den Schwarzen Schwan gibt es schon sehr lange. Schon im Mittelalter gab es hier eine Herberge. Angeblich hat hier sogar mal Jan Hus übernachtet, bevor sie ihn abgefackelt haben. Später dann, also lange nach Hus, als dann der Tourismus anfing hier am See, kamen die Gäste von weit her. Ich kann mich noch gut erinnern, dass es hier immer voll war. Es gab Ställe mit Tieren, eine Milchwirtschaft und tolle Zimmer. Eine Zeitlang hatten die Zimmer auch eigene Namen. Das Hus Zimmer war eher karg, dafür gab es immer Bier und ein Kaminfeuer. Im Napoleonzimmer stand ein riesiges französisches Bett, im Brentanozimmer gab es Bücher und Kerzen. Wegen der Romantik. Es soll auch mal ein Führerzimmer gegeben haben. Wie es da ausgesehen hat, weiß ich allerdings nicht."
„Wie lange ging das so? Das ist ja kein Vergleich zu dem morbiden Betrieb heute.", fragte Sabine.
„Das ging so bis zur Jahrtausendwende. Sie hatten noch richtig groß: renoviert und dann starb der Wirtsvater. Plötzlich war die Mutter mit den drei Kindern alleine. Leider ging das nicht lange gut."
„Wenn du glaubst, du könntest dich hier einschmeicheln bei mir wegen deiner Wiese, dann hast du dich geschnitten. Jetzt sind wir wieder dran. Wir werden hier richtig was aufziehen und endlich wieder die werden, die wir schon immer waren.
Der schwarze Schwan."
Vor ihnen stand die Bedienung. Sie hatte das Kinn vorgestreckt und die Schultern nach hinten gezogen. Ihre Augen funkelten dunkel und zornig. Bier hatte sie keines dabei.
Nun musst du wissen, dass alle geschult waren, mit solchen Situationen umzugehen. Denn, wenn du in einem Biergarten Bier bestellst und die Bedienung freundlich ist, wenn auch vielleicht müde, dann aber ohne Getränke kommt und einfach nur die Gäste anschnauzt, dann weißt du: Heute ist ein besonderer Tag. Sowas erlebst du nicht oft. So aus dem Nichts heraus blöd angemacht zu werden. Es sei denn, du hast ein Pubertier zu Hause.
