Bio-Tod - Jürgen Klahn - E-Book

Bio-Tod E-Book

Jürgen Klahn

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Beschreibung

›Hygge-Krimi‹, die dänische Variante des englischen ›cosy crime‹ – der kauzige Jensen und die resolute Grete ermitteln wieder "›Das ist Olfert‹, sagte Jensen. ›Er hat heute sein Heim verloren.‹" Jensen hatte sich die Ferien mit Grete so romantisch vorgestellt – schade, dass Britta Grønbæks Tod dazwischenkommt. Die bekannte Tierschutzaktivistin liegt mit einem tödlichen Schlag am Hinterkopf in ihrer Küche, und Fragen nach Tat und Täter suchen ihn heim. Nicht zuletzt, weil Grete sie stellt. Gemeinsam jagen Grete und Jensen den Täter, auch wenn ihnen dabei die Eifersucht in die Quere kommt: Das ehemalige Fotomodell Vera Clement macht Jensen schöne Augen, ein großes Tier der Fleischwarenbranche bezaubert Grete, und dann wäre da noch Olfert mit seinen ganz eigenen Ansichten zum Tierschutz – seit Jensen Britta Grønbæks Schmuseferkel in Pflege genommen hat, gibt es für ihn weder Rast noch Ruh.

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Seitenzahl: 195

Veröffentlichungsjahr: 2021

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© 2019 by Jürgen Klahn, BoD – Books on Demand, Kopenhagen, Dänemark

© Deutsche Erstausgabe Piper Verlag GmbH, München 2021

Redaktion: Christiane Geldmacher

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: Alexa Kim "A&K Buchcover"

Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com und PNG Tree genutzt

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

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Inhalt

Cover & Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 1

Nur das Beste war gut genug für Grete. Jensen begutachtete die ausgelegten Möhren gründlich, ehe er sich für das knusprigste Bund entschied. ›Ø‹ stand auf dem Tesafilm, der das Grün in einem Strauß sammelte. Ø für ›Økologi‹.

Werktags betrieb sie immer noch den Friseursalon in ihrem Heimatort Rinkenæs, während er als Kriminalbeamter in Aarhus arbeitete. Die Trennung machte ihre gemeinsamen Wochenenden umso kostbarer, und nun wollte Grete sogar eine ganze Woche bei ihm wohnen. Jensen hatte sich tagelang vorbereitet. Die Ferien würden gemütlich, romantisch, interessant werden. Einfach perfekt.

Er wollte ihr die Stadt zeigen. Das kulturhistorische Moesgård Museum, das Kulturzentrum ›Dokk1‹, das Konzerthaus ›Musikhuset‹, das Wikingermuseum, das Kunstmuseum ›Aros‹ mit der bunten Panoramaplattform ›Regnbuen‹. Die Fußgängerzone Åboulevarden mit ihren Cafés an der Au. Das Freilichtmuseum ›Den gamle by‹. Eines Abends würde er seine erwachsenen Kinder mit Familien zum Grillen hierher einladen.

Vorher noch schnell einkaufen.

Während er die Möhren auf seiner Liste abhakte, ging auf seinem Handy eine SMS ein. Grete schrieb, dass nur noch drei Kunden warteten. Gezeichnet war die Nachricht mit einem der vielen Smileys, die sie immer zur Hand hatte.

›Ich freue mich auf dich‹, antwortete Jensen.

Lampenfieber meldete sich auch. Es war kurz nach zwei Uhr nachmittags, Freitag den siebzehnten August, und der Uhrzeiger tickte. Zwei Stunden pflegte die reine Fahrzeit zu betragen. Bei Staubildung auf der E45 würde es auch schon etwas mehr.

Am Espedalen hatte er sein Haus mit Seife und Schrubber auf Vordermann gebracht; beim Straßenhändler an den ›Arkaden‹ belud er seinen Einkaufskorb. Kartoffeln, Äpfel, Kopfsalat, Gurken, Tomaten, Mango, Aubergine …

»Zehn Bananen für zwanzig Kronen«, bot ihm der Händler in seinem grünen Overall an.

»Die nehme ich.« Er hätte dann auch Obst für seine Enkel.

»Du siehst ganz neu verliebt aus.«

Jensen lief rot an.

»Da habe ich genau das Richtige für dich. Zwölf rote Rosen für nur einen Hunderter.« Der Gemüsehändler zog einen tropfenden Strauß aus dem Eimer neben der Kasse. »Biodynamisch sind sie auch noch.«

Jensen bezahlte und nahm die Rosen in die eine Hand und bekam das Gemüse in einer großen braunen Papiertüte in die andere. Jetzt brauchte er nur noch schnell zum Polizeigebäude zurückzulaufen, die letzten Akten zu schließen und sich von seinen Kollegen zu verabschieden.

Die Autos funkelten in der Sønder Allé. Am Vormittag hatte es geregnet, und die Bürgersteige waren noch nass, aber die Sonne verdrängte alle Wolken. Jensen hatte beim Ausgang seinen Anorak angezogen. Viele andere Männer gingen inzwischen kurzärmelig, Frauen trugen Sandalen an ihren bloßen Füßen.

Nur wenige widmeten dem düsteren Polizeigebäude gegenüber des Busbahnhofs Interesse. Trotz der Hitze wählte Jensen den Hintereingang, ignorierte den Fahrstuhl und stieg die Treppe hinauf, die ihn für Grete in Form hielt. Der zweite Stock, in dem sein Kontor lag, wirkte verdächtig still. Ein verlassenes Staubkorn tanzte am fernen Ende des langen Ganges unter dem Fenster. An lebendigen Wesen traf Jensen nur Lea an.

Die Sekretärin balancierte einen Stapel Aktenordner unter ihrem Kinn. Sie schrak zusammen. »Jensen! Wir dachten, du wärst schon gegangen.«

»Papperlapapp.« Er warf einen Blick den Gang hinab, wo der Kunstverein neulich die abstrakten Gemälde an der Wand ausgetauscht hatte. »Was machen die Kollegen alle?«

»Ach, die … sind wohl anderweitig … beschäftigt?« Die Sekretärin errötete genauso heftig, wie Jensen das eben beim Gemüsehändler getan hatte.

»Zu beschäftigt für Kaffee?« Jensen folgte dem Duft zur Teeküche, wo die Kaffeemaschine eingeschaltet war, tickend warm und bis zum Rand gefüllt. So musste sie lange gestanden haben, denn sowohl der Kaffeesatz als auch der Filter waren knochentrocken.

»Was geht hier vor?« Er klopfte bei Lars Henning an, bekam jedoch keine Antwort. Auch bei Jesper nicht. »Ihr plant jetzt hoffentlich keine Überraschungsparty?« Überraschungspartys machten ihn verlegen.

Lea ergriff die Gelegenheit, in ihr Kontor zu flüchten, aber Jensen war noch schneller. Er blockierte die Tür mit seinem Fuß.

Sie lachte. »Machst du das mit Grete auch immer so?«

»Wir haben keine Geheimnisse voreinander.«

»Wenn ich dir sagte, wo die anderen sind, würdest du ihnen bestimmt gleich hinterherfahren.«

»Wohin?«

Sie legte die Aktenordner auf ihren Schreibtisch und nahm ihn in ihre Arme. Lea war eine üppige Frau, etwas älter als Jensens Tochter Christine, aber herzlicher. »Zum Riisvangen, aber das hast du jetzt nicht von mir.«

Riisvangen lag verlockend dicht an seinem Heimweg. »Und was machen die da?«

»Ein Todesfall. Aber lass sie nur machen und fahr nach Hause. Genieß deine Ferien mit Grete.«

»Das werde ich ganz gewiss auch tun.« Er sah auf seine Uhr.

»Direkt nach Hause.« Lea hielt ihm den Zeigefinger hoch.

»Ja, Mutti.«

»Keine Umwege!«

»Nein, Mutti.«

Er wollte sich auch gar nicht in den Fall einmischen, aber da der Tatort nun ohnehin so dicht an seinem Heimweg lag, würde er sich nur schnell noch von den Kollegen verabschieden.

*

Riisvangen lag im sogenannten ›Gamle Risskov‹, einem älteren Teil des Aarhus-Vorortes Risskov. Die Pflasterung dämpfte den ohnehin sparsamen Verkehr. Hohe Patriziervillen versteckten sich hinter vornehm getrimmten Hecken. Und hinter einem ganzen Aufgebot an Streifenwagen mit rotierendem Blaulicht.

Die Wagen des Gerichtsmediziners und des Einsatzleiters standen Seite an Seite. Die Polizeitechniker waren auch schon in ihrem Transporter aus Vejle angekommen. Ganz hoffnungslos konnte der Wochenendverkehr auf der Autobahn also noch nicht sein. Jensen parkte seinen Peugeot am Ende der Schlange, wo er niemanden behinderte und auch schnell wieder würde verduften können.

Jesper, einer seiner jungen Kollegen, stand vor der einzigen unbeschnittenen Hecke des Riisvangen und unterhielt sich mit einem noch jüngeren Kollegen aus dem dritten Stock.

Jesper sperrte den Mund auf. »Jensen. Du hier?«

»Dass ihr euch nicht schämt, mich auszubooten.«

»Nur aus Liebe zu Grete!«

Das Namensschild am Postkasten ertrank fast unter einer Collage bunter Aufkleber. ›Atomkraft? Nein danke!‹ – ›Keine Werbung bitte!‹ – ›Tierschutz JETZT!‹, las Jensen, bevor er endlich den gesuchten Namen fand: Britta Grønbæk.

»Die Britta Grønbæk?«

»Kolding hat sie gefunden.« Jesper nickte ihrem Kollegen aus dem dritten Stock zu.

»Ihr Nachbar hatte sie angezeigt«, erklärte Kolding.

»Weswegen?«

»Ihrer Schweine wegen.«

Jensen ließ seinen Blick über das Grundstück wandern, entdeckte aber keine Schweine, weder auf dem struppigen Rasen noch in den Büschen.

»Als sie nicht öffnete, spähte ich durchs Küchenfenster.« Kolding zeigte darauf. »Mir war gleich klar, dass etwas nicht stimmte, und wollte ihr helfen. Hätte ich geahnt, was vorlag, wäre ich natürlich nicht hineingegangen.« Er senkte den Kopf.

Jensen ahnte, was er meinte. Matsch klebte an Koldings Schuhsohlen. Seine Spuren im Haus hatten ihn bei den Technikern bestimmt nicht beliebt gemacht.

»Die Haustür war abgeschlossen, aber hinten stand die Waschküchentür offen«, sagte Kolding.

»War sonst noch jemand im Haus?«

»Ich habe niemanden gesehen.«

Das hatte sich inzwischen geändert. Jensen entdeckte die Silhouetten zweier Männer in Schutzkleidung, die sich am Küchenfenster unterhielten.

Er tätschelte Koldings Arm und nickte Jesper zu. »Ich verabschiede mich schnell noch.«

*

Der Krankenwagen stand mit seinen Hinterrädern auf dem Grundstück und mit seinem Kühler auf dem Bürgersteig. Jensen hielt sich auf den Fliesen an der Seite der Einfahrt. An vielen anderen Stellen hatte der Vormittagsregen die braune Erde in Schlamm verwandelt.

Etliche Spuren befanden sich im Schlamm. Einige stammten vermutlich von dem Fahrrad, das ans Haus gelehnt stand. Die Fußspuren erinnerten ihn an Kolding. Die Reifenspuren stammten kaum von Koldings kleinem Dienstwagen. Sie waren fast so breit wie die des Krankenwagens, aber schnittiger. Ein schnelles Auto musste hier gestanden haben, tippte Jensen. Ein schnelles Auto auf Sommerreifen. Aus alter Gewohnheit nahm er sein Handy hervor und knipste ein paar Fotos des Musters, ehe er sich das Haus näher ansah.

Verglichen mit den anderen Villen am Weg machte dieses Haus eher den Eindruck einer Schrebergartenlaube. Die Mauern waren verputzt und gelb angestrichen. Die Haustür stand angelehnt. Zur Spurensicherung war eine Tüte um den Türgriff gewickelt.

Jensen klopfte an, und die Tür glitt zu einem dunklen Flur auf. Er erspähte einen Spiegel und eine Kommode und einen Teppich aus Bast. Rechts blickte der junge Einsatzleiter aus dem Türrahmen.

Die Plastikhaube versteckte Lars Hennings helle Locken, aber nicht die Lachfalten um seine gleichfalls hellen Augen. »Geh du man gleich wieder«, sagte er. »Wir haben alles unter Kontrolle.«

»Ich wollte mich nur noch vor den Ferien verabschieden«, sagte Jensen.

»Also dann. Auf Wiedersehen und schöne Ferien!« Lars Henning spielte kurz angebunden.

Natürlich wollten alle nur sein Bestes. Die Kollegen fürchteten, er würde die Arbeit mit nach Hause nehmen, wenn er sich erst engagierte. Aber all die Fürsorge begann auch Jensen zu irritieren. Er war zweiundsechzig und sein ganzes Erwachsenleben lang Polizist gewesen. Er würde sich schon im Zaum halten.

Einfach abspeisen wollte er sich jedenfalls nicht lassen, wo er nun schon am Tatort stand. Hinter Lars Hennings Rücken hatte er die ersten Körperteile der Leiche erspäht. Er erkannte eine Schulter und einen leblosen Arm auf dem Fußboden. »Komm, lass mich rein!«

Der Einsatzleiter breitete seine Arme aus. »Wenn du erst drinnen bist, vergisst du alles andere.«

Jensen öffnete die neuen Bilder in seinem Handy. »Dir ist es vielleicht auch einerlei, was ich vor dem Haus gefunden habe?«

Lars Henning seufzte. »Ich hatte schon gesehen, dass du in der Einfahrt die Reifenspuren fotografierst.«

»Wisst ihr, wer hier ein- und ausgegangen ist?«

»Eins nach dem anderen.«

»War das ihr Auto mit den Sommerreifen?«

»Britta Grønbæk besaß kein Auto, wie du sicherlich auch weißt.«

»Und die Fahrradspuren?«

»Oh, Mann! Also komm rein dann, bevor wir hier festwachsen.« Lars Henning reichte ihm einen seiner Schutzanzüge.

*

»Kommt da jemand in die Wechseljahre?«, fragte Lars Henning.

Jensen überhörte die gutmütige Neckerei seines Kollegen. Sobald er den Schutzanzug, die Haube und die Handschuhe angezogen hatte, kochte er in seinem eigenen Schweiß, aber damit musste er leben. Er tat dies alles nicht zu seinem Vergnügen.

Britta Grønbæk lag in ihrer Küche auf dem Bauch, die Arme nach beiden Seiten ausgestreckt. Ihr leerer Blick verschwand irgendwo unterm Küchenschrank. Ohnehin war nur das eine Auge zu sehen. Die Locken versteckten ihr Gesicht. Gekleidet war sie in Jeans und Hausschuhen. Eine lose Haarspange hing an ihrem Sweater fest. Nach Blut und Läsionen hielt Jensen vergeblich Ausschau.

»Sie hat einen Schlag auf den Hinterkopf bekommen«, sagte Halsnæs, der Notizen in sein Tablet eingab. Jensen hatte noch gar nicht gefragt. Die beiden lasen einander wie ein altes Ehepaar, so lange arbeiteten sie schon zusammen.

Der Gerichtsmediziner machte seine Notizen fertig, bevor er das Tablet auf den Küchentisch legte und sich über die Leiche beugte. Eine blutige Wunde tauchte auf, als er das Nackenhaar aus Britta Grønbæks Hinterkopf strich. Sie war kaum zwei Zentimeter lang.

»Ist die Waffe sichergestellt?«, fragte Jensen.

»Bisher nicht auffindbar«, antwortete Lars Henning.

Die Haut war noch weich. Jensen spürte auch einen Rest Körperwärme durch seinen dünnen Handschuh. »Sie kann nicht lange hier gelegen haben?«

»Zwei Stunden«, sagte Halsnæs. »In etwa.«

Jensen sah auf die Uhr. Es war jetzt halb vier, und Grete musste sich in Höhe Haderslev befinden. Er erhob sich und ignorierte die schwarzen Flecken, die vor seinen Augen tanzten, wenn er zu schnell aufstand.

Die Retro-Kücheneinrichtung bestand aus Recycling der gediegenen Art. Der Ausguss aus Porzellan erinnerte ihn an seine Großeltern. Er löste ein Déjà-vu aus. Jensen kannte diese Küche.

Eines Abends war er über ein Fernsehporträt von Britta Grønbæk gestolpert, als er eigentlich auf die Champions League gewartet hatte. Britta Grønbæk hatte hier am Ausguss Möhren geschält, während sie von ihren strengen Prinzipien erzählte. Von Ökologie und Nachhaltigkeit. Die Möhren seien aus ihrem eigenen Garten. Jensen erinnerte sich an ihre Aufforderung an alle Zuschauer, ihr eigenes Gemüse anzubauen. An dem Punkt hatte er auf Fußball umgeschaltet.

Ein Ruf von der Einfahrt zog ihn aus seinen Überlegungen. Vor dem Fenster fiel ihm ein Mann in einem karierten Hemd und einer Cordjacke auf. Und Jesper, der den Mann zurückrief.

»Ich sehe da draußen mal nach dem Rechten«, sagte Jensen. Die Schutzkleidung trug sich ohnehin wie eine Zwangsjacke.

Kapitel 2

Sogar die Hitze des Nachmittages kam ihm nach der engen Küche frisch vor. Jensen ging auf den Bürgersteig hinaus, wo es Jesper gelungen war, den Störenfried zu beruhigen. Der Mann war kleiner, als Jensen erst angenommen hatte, schmalbrüstig und grau im Gesicht. Festlich gekleidet, aber am Eingang abgewiesen. Eine Flasche Bio-Weißwein in seiner Hand verstärkte den verlorenen Ausdruck.

»Das ist Kurt Hald«, stellte Jesper vor.

Kurt Hald musste mit Britta Grønbæk in einem Alter sein, etwas älter als Jesper. Wirkte aber trotz des farblosen Vollbartes wie ein Kind.

»Ich will sie sehen.« Was sich wie Lachen anhörte, entpuppte sich als Schluchzen.

Kurt Hald presste sein Gesicht an die Windschutzscheibe des Krankenwagens. Jensen nahm ihm die Flasche aus der Hand. Die Flasche war solide und schwer genug, um Schaden anzurichten. Trotzdem hielt er wohl kaum die Tatwaffe in der Hand. Die Bodenkante passte nicht zur Wunde an Britta Grønbæks Hinterkopf. Er stellte die Flasche an die Hecke.

Kurt Hald rotzte auf den Weg, zog den Jackenärmel hoch und wischte sein Gesicht mit dem Hemdsärmel ab. Seine Augen waren rotgesprenkelt. Zumindest atmete er jetzt ruhiger.

»Ich sehe dir deinen Schock an«, sagte Jensen.

Kurt Hald schielte zur Flasche. »Ich war so glücklich, dass sie mir heute Vormittag endlich gesimst hatte.«

»Hast du die Nachricht noch?«

Kurt Hald öffnete sein Smartphone. »›Abendessen bei mir?‹«, las er vor. »›Komm früh, und wir schnipseln das Gemüse gemeinsam.‹ Und hier noch eine SMS: ›Rate mal, wer mich gerade stalkt.‹«

Jensen setzte sich die Lesebrille auf. Britta Grønbæks Nachricht endete mit einem Smiley. »Weißt du, wer sie gestalkt hatte?«

»Das fragte ich sie auch, aber sie hat mir nicht mehr geantwortet.«

Die letzte SMS war um 11:43 abgegangen. Der Smiley verlieh Britta Grønbæks Bemerkung vom Stalken eine ironische Note. Allerdings nicht ihrem Tod.

»Als sie dir endlich gesimst hatte, sagst du?«

Kurt Hald kniff die Lippen zusammen.

»Hattet ihr euch vorher zerstritten?«

»Nein!«

»Selbst die Besten zerstreiten sich mal«, sagte Jensen. Von ihm selbst und Grete hoffentlich abgesehen. »Auch harmonische Paare.«

»Und?«

»Wart ihr ein Paar?«

»Je nach Lage.« Kurt Halds Blick huschte den Weg hinab, wo Jensens Kollegen ihre rot-weiße Markierung um das Grundstück zogen. Die ersten Schaulustigen hatten sich auch schon eingefunden.

»Ich hatte sie gebeten, ihre Türen abzuschließen, als die ersten Drohungen eintrafen. Sie hätte auch zur Polizei gehen müssen. Ich hatte ihr das gesagt, aber ihr habt sie ja selbst immer schikaniert.« Er zuckte zusammen, als hinter seinem Rücken eine Hupe ertönte.

Ein schwarzer Mercedes rollte näher. Einige der Schaulustigen vor Britta Grønbæks Haus gingen ihm aus dem Weg. Kurt Hald machte es umgekehrt. Er trat bewusst auf die Straße. »Das ist ihr idiotischer Nachbar.«

Der Mercedes blinkte, kam aber nicht um den Streifenwagen herum, der die Einfahrt des Nachbarn blockierte. Ein kahler Mann stieg aus.

Der Glatzkopf trug einen formellen blauen Anzug und ein offenes weißes Hemd, rollte aber die Schultern wie ein Schwergewichtsboxer. Er ging auf Kurt Hald los. »Macht ihr schon wieder Stunk?«

*

Im Boxen hätten mindestens fünf Gewichtsklassen zwischen Kurt Hald und Britta Grønbæks stiernackigem Nachbarn gelegen. Kurt Halds Adamsapfel hüpfte. Er richtete sich trotzdem auf. »Du mischst dich hier nicht ein.«

»Sagt wer?«

Jensen ging dazwischen. »Mir war dein Name entgangen?«

Der Mann schenkte ihm nur einem höhnischen Seitenblick.

»Polizei«, sagte Jensen.

»Das war auch höchste Zeit.«

»Was war an der Zeit?«

»Na, dass ihr das Schwein entfernt. Seid ihr nicht deswegen hier?«

»Britta ist tot«, sagte Kurt Hald.

Der Nachbar trat zurück.

»Sie wurde ermordet.«

Jensen winkte Jesper herüber. »Würdest du kurz mal Kurt Hald Gesellschaft leisten?«

»Und jetzt deinen Namen bitte?«, fragte er, als er den Nachbarn für sich alleine hatte.

»Poul Stærk.« Der Nachbar gab ihm die Hand. »Ich hatte sie angezeigt, das stimmt. Das Schwein hatte meine Tulpenzwiebeln gefressen, aber … aber … hängt das jetzt bloß nicht an die große Glocke.«

»Erzähl mir doch einfach mal von Britta Grønbæk«, sagte Jensen.

»Da gibt es nichts zu erzählen.«

»Frisch von der Leber.«

»Frisch von der Leber und voller Bewunderung?« Stærk schnaubte. »Wie gut sie war? Wie biodynamisch? Umweltbewusst? Nachhaltig?«

»Wenn das deine Auffassung von ihr war, gerne.«

»Giftig war sie nur selbst.« Der Nachbar deutete auf Kurt Hald. »Hat er sie umgebracht?«

»Zu der Annahme besteht kein Grund.«

»Weil du sie nicht hast streiten hören.«

»Ganz anders als du?«

»Wie hätte ich anders können? Wenn die Teller durch die Luft zischten? Schh … Bumm!« Der Nachbar wirbelte seine Arme durch die Luft. »Selbst ihren engsten Freunden wurde es zu viel.«

»Zu denen du allerdings nicht gehört hast?«

»Ganz bestimmt nicht.« Stærk lachte. »Und bitte. Würde ich das zugeben, wenn ich sie ermordet hätte?«

*

»Überprüft besser mal Stærks Alibi«, sagte Jensen zu Jesper.

»Klar.«

Während Jesper sich den Kollegen an der Sperrzone anschloss, legte Jensen seinen Arm um Kurt Halds Schulter. »Und jetzt erzähl mir mal von dem Schwein.«

Kurt Hald führte ihn ums Haus. Sie gingen die unbeschnittene Hecke zwischen den benachbarten Grundstücken entlang. Der Schatten von Stærks Garage fiel auf sie herab. Jemand ging auf dem Dach herum.

Kurt Hald brummelte. »Stærk war nur deshalb so wütend, weil Britta ihn wegen der nicht genehmigten Dachterrasse angezeigt hatte.«

Zur Straße hin gedieh der Garten. Hinter dem Haus war das Gras zertrampelt und die Erde holprig. Reste wilder Pflanzen hingen mit ihren Köpfen da; die meisten waren an den Wurzeln ausgerupft worden. Nur unter einem Apfelbaum stand noch eine welke Bohnenstange im Gemüsebeet.

Kurt trat gegen ein wackeliges Gitter in der Hecke. »Britta tat ihr Bestes, ihn einzuzäunen.«

Er meinte ein junges Ferkel, hellrosa, fest und appetitlich unter den rauen Borsten. Das Ferkel hielt seine Stupsnase über einen behelfsmäßigen Zaun aus Balken und Brettern gestreckt.

Jensen kraulte es zwischen den Ohren. So hatten sie das auch mit den Ferkeln in Rinkenæs gemacht, wenn der junge Jens Peter Jensen seinen Freund Erling aus der Schulklasse besuchte. Erling hatte mit seinen Eltern auf einem Bauernhof gewohnt.

»Das ist Olfert«, sagte Kurt Hald. »Ich weiß gar nicht, was ich jetzt mit ihm anstellen soll. Britta hatte ihn auch schon eher ungern übernommen.«

Jensen lehnte sich an den Zaun. »Komm rüber! Wollen wir nicht einfach mal ganz entspannt miteinander plaudern?«

Seite an Seite ging das oftmals ungezwungener als im Gegenüber. »Locker und von Anfang an«, sagte er. »Britta und du wart ein Paar – je nach Lage. Und dann?«

»Sie war schon immer sehr umweltbewusst.« Kurt Hald sah das Ferkel an, das ihnen aufmerksam zuhörte. »Das hat uns wohl damals zusammengeführt.«

»Ihr kamt also beide vom Umweltschutz?«

»Später machte sie dann noch auf Tierschutz.« Kurt Hald zuckte mit den Schultern. »Zugegeben, vielleicht schlug sie auch etwas über die Stränge, als … jemand die Schweine aus der Fabrik in Ajstrup befreite.«

Irgendetwas dämmerte Jensen. Was Kurt Hald eine Fabrik nannte, musste ein bestimmter Bauernhof sein, der sich auf Schweinezucht spezialisiert hatte. Zwei Streifenwagen waren eines Abends zu dem Hof gerufen worden, als unbekannte Täter einen Stall aufgebrochen und die Tiere hinausgescheucht hatten. Auch den Kollegen war es später nicht gelungen, die Täter ausfindig zu machen.

»Ein Film von der Aktion wurde ihr dann per USB-Stecker in einem Umschlag zugeschickt, und sie scheute sich nicht, es im Internet zu veröffentlichen«, sagte Kurt Hald.

»Und Olfert? Kam der auch im Umschlag?«

»Der Bauer lud ihn am nächsten Tag hier ab. Dass Britta mal am eignen Leib erfahren könnte, wie viel Arbeit Schweinezucht kostet. Er drohte ihr mit seinem Anwalt, aber dass sie den Film veröffentlichte, bewies noch lange nichts. Weder ihren Kontakt zu den Tätern noch ihre Schuld an der Aktion.«

In Jensens Ohren klang das alles an wie die Formulierung ihres eigenen Anwalts. »Und wovon handelten die Drohungen?«

»Die Morddrohungen. Die kannst du selbst nachschlagen.«

»Wo?«

»Auf Facebook.«

»Und derentwegen hattest du sie gebeten, die Türen abzuschließen?«

»Ich hatte sie auch gebeten, etwas kürzerzutreten, aber da machte sie nicht mit.«

»Und so habt ihr euch zerstritten?«

Kurt Hald seufzte.

»Britta war heißblütig?«

Kurt Hald sah ganz stolz aus.

»Und das bist du auch manchmal.« Jensen hatte Kurt Halds Streit mit Poul Stærk nicht vergessen.

»Sie spielte in einer anderen Liga als ich.«

»Aber ein, zwei Teller konnten schon mal fliegen?«

»Einer. Das ist aber schon lange her, und nur aus Versehen.« Hald rieb sich wieder die Augen. »Und Liebe.«

Was nicht viel am Tatbestand änderte. Jensen hatte Totschlag aus Liebe schon ganz anders erlebt, ließ die Bemerkung aber in der Luft hängen. Olfert begann am Zaun zu knabbern.

»Was machen wir jetzt mit ihm?«, fragte Kurt Hald.

Wie aufs Stichwort klirrte auf der Dachterrasse des Nachbarn ein Glas. »Wie wäre es mit einer gebrutzelten Portion Speck zum Frühstück?«

Kurt Hald wollte sich gleich wieder über die dumme Bemerkung aufregen. Jensen hielt ihn zurück, obwohl er Halds Ärger teilte. Erling und er hatten den Schweinen auch schon die Ohren gekrault, aber eine haarscharfe Linie überschritt man dabei nie. Schmusehunden und -katzen gab man zwar Namen – dem Schlachtvieh unter keinen Umständen.

»Die Kollegen wünschen sich bestimmt noch deine Fingerabdrücke«, sagte Jensen. »Aber das werden sie dir schon erklären.«

Er überließ Kurt Hald wieder Jesper, um sich noch ein letztes Mal mit Lars Henning zu unterhalten.

Zunächst musste er warten, weil zwei robuste Sanitäter die Leiche aus dem Haus bugsierten. Aus Respekt vor der Verstorbenen blieb er stehen, während sie die Bahre in den Krankenwagen schoben. Erst jetzt, wo ein Laken über ihrem Gesicht lag, wirkte ihr Tod endgültig.

Auf dem Küchenboden hatte Britta Grønbæk weich und umgänglich gewirkt – ganz anderes als das kantige Bild, das sowohl Hald als auch Stærk von ihr gezeichnet hatten. Britta Grønbæk war eine streitbare Dame gewesen, da waren sich beide einig. Der Unterschied lag in den feineren Schattierungen. Aus Sicht des Nachbarn war Britta Grønbæk eine Querulantin gewesen. Laut ihrem Partner nur in bester Absicht. Die Wahrheit lag meistens irgendwo in der Mitte.

Jensen wartete, bis die Sanitäter die Bahre gesichert und die Rückklappen verschlossen hatten. Dann klemmte er sich ein zweites Mal in den Kittel und fühlte sich dabei schon wie eine Anziehpuppe.

Das Kondenswasser an der Innenseite des Kittels war noch genauso klamm wie vorher. Die Zeit verrann, aber der Fall würde ihn heimsuchen, wenn er nicht noch die letzten Neuigkeiten mitbekäme.

In der Tür stieß er mit dem Gerichtsmediziner zusammen, der seine Instrumente eingepackt hatte und sich auf den Heimweg machte. »Du solltest in der Wunde nicht zufällig auf Porzellanscherben gestoßen sein?«, fragte Jensen.

Halsnæs schüttelte den Kopf. »Aber ich werde die Augen offenhalten. Wir sehen uns doch zur Obduktion?«

»Ich fürchte, meine Ferien fangen gleich an.«

»Die brauchst du doch wohl nicht zu fürchten.«