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Der Kunstlehrer denkt, Carson sei einer der Intelligenteren im Knast, bei der Psychologin weckt er mütterliche Gefühle, der Bewährungshelfer interessiert sich vor allem für die schmuddeligen Details seiner Erzählungen. Immer wieder landet Carson im Bau, wegen Drogengeschichten oder weil er nicht ganz legal an ein Auto gekommen ist. Der Roman folgt dem jungen Noongar Aboriginal auf seinen Wegen im Gefängnis, nach draußen und zurück in die Zelle – ein Kreislauf der Gewalt, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Carsons Geschichte wird dabei nicht von ihm selbst, sondern aus den wechselnden Perspektiven der (zumeist weißen) Menschen erzählt, die ihn umgeben. Ihr Blick, sei er wohlwollend oder gleichgültig, begehrlich oder herablassend, zeichnet Carson als komplexen Charakter, der einem nahekommt und zugleich auf Distanz bleibt – und der längst zum Spielball eines Systems geworden ist, das ihm keine echte Handlungsmacht zugesteht. Erschütternd, aber mit düsterem Witz spiegelt »Bird« im Mikrokosmos des Gefängnissystems die Realität der noch immer zutiefst segregierten, rassistischen Gesellschaft Australiens, in der Freiheit nicht für alle vorgesehen ist.
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Seitenzahl: 354
Veröffentlichungsjahr: 2024
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ADAM MORRIS ist Autor, Musiker, preisgekrönter Filmemacher, Sonderpädagoge und Universitätsdozent. Er hat über »Whiteness and Australian Fiction« promoviert und war als Kunst-, Tanz- und Musiklehrer in Gefängnissen tätig. Als Singer/Songwriter ist er durch Australien, Asien und Nordamerika getourt. Bird war für den Miles Franklin Award, den ALS Gold Medal Award und den Prime Minister’s Literary Award nominiert. Adam Morris lebt in Westaustralien.
CONNY LÖSCH, 1967 in Darmstadt geboren, hat in Frankfurt am Main Anglistik und Philosophie studiert und lebt in Berlin. Sie hat unter anderem Bücher von Don Winslow, Joe Ide, William Shaw, Jon Savage, Viv Albertine, Gail Jones und Jessa Crispin übersetzt.
Die Originalausgabe des vorliegenden Buches erschien 2020 unter dem Titel Bird bei Puncher and Wattmann, Waratah, New South Wales, Australien. © Adam Morris 2020
Die Übersetzung dieses Romans wurde von der australischen Regierung durch Creative Australia gefördert, ihr wichtigstes künstlerisches Investitions- und Beratungsgremium.
Edition Nautilus GmbH
Schützenstraße 49 a
D - 22761 Hamburg
www.edition-nautilus.de
Alle Rechte vorbehalten
© Edition Nautilus 2024
Deutsche Erstausgabe März 2024
Umschlaggestaltung:Maja Bechert
www.majabechert.de
Porträt des Autors Seite 2:© privat / Talarah Roelofs
1. Auflage
ISBN EPUB 978-3-96054-341-1
Für Ann Morris
In der neuen Welt der Siedler war kein Platz
für vorlaute N***** – vorlaute N*****
hatten meist ein kurzes und unglückliches Leben
oder vermoderten in den Strafanstalten.
Henry Reynolds, Frontier
Chikininni war der erste Vogel. Chikininni war kräftig und stark und an allen Horizonten zu Hause. Zuerst war sie ein Vogel, aber nach einer Weile wurde sie zwei, drei, dann vier Vögel und immer so weiter, bis Chikininni schließlich viele Vögel war.
Eines Tages drehte Chikininni sich um und sah sich als so viele Vögel, dass sie ganz verwirrt war. Sie atmete ein und wurde zu mehr Vögeln, und als sie ausatmete, zu noch mehr, und als sie die Luft anhielt, zu noch viel mehr.
Bei dem Versuch zu entkommen flog Chikininni hoch in die Luft, aber jedes Mal wenn sie flog, vervielfachte sie sich. Und wenn sie still stehen blieb, vervielfältigte sie sich noch häufiger. Wenn Chikininni schlief, wachte sie als tausend Mal mehr Vögel auf. Wenn sie wach blieb, wurde sie so müde, dass sie in sich zusammenfiel und als noch mehr Vögel aufwachte.
Eines Tages erwachte Chikininni und konnte nichts anderes mehr sehen als starke, schöne, pechschwarze Vögel. Eine wimmelnde Masse aus seidigen Federn, breiten Schnäbeln und glänzenden Augen, die sich in alle Himmelsrichtungen bis zum Horizont erstreckte.
Eines Tages kam Snake Chikininni besuchen. Er bewegte sich ungesehen und stetig durch das Meer von Vögeln, schlängelte sich unter dem Dach ihrer frischen, flauschigen Federn durch den Wald ihrer Beine. Chikininni sah die Bewegungen der Vögel, die er störte, und verfolgte seinen Weg.
»Chikininni«, fragte Snake, als er sie schließlich erreichte. »Was zum Teufel sollen wir mit so vielen Vögeln machen?«
Chikininni antwortete nicht. Da sie so alt war, erinnerte sie sich nicht mehr an den Namen, den sie bekommen hatte. Sie glaubte, Snake rede mit jemand anderem, und flog in den Himmel hinauf, sie zog eine Spur herabregnender Vögel hinter sich her. Je höher sie flog, desto länger wurde die Spur, ein unendlicher gewundener sich auflösender Schwanz quer übers Land. Als sie am Himmel kehrtmachte und auf den ihrer Ansicht nach nächsten Horizont zusteuerte, drehte sie sich um und sah Snake, der jetzt von Vogel zu Vogel glitt und einen nach dem anderen verschlang.
I. IN
II. OUT
III. SHAKE IT ALL ABOUT
»So ein Mac ist perfekt, Bruder, voll die Maschine. Als sie den gemacht haben, sind sie einfach schon viel weiter gewesen als alle anderen. Aber die an der Macht, verstehst du, die wollten keinen perfekten Mac, und während der Mac seinen Weg gemacht hat, hat auch der PC seinen Weg gemacht. Aber keiner hat gewusst, wozu die überhaupt gut sein sollten, weil die Leute halt einfach saublöd waren, ich sag mal Anfang der Achtziger oder Ende der Siebziger, teilweise gab’s schon welche in den späten Siebzigern, Computer so groß wie ein ganzes Zimmer, die kannst du dir heute an den kleinen Finger stecken. Hab ich auf SBS gesehen. Krass.
Keiner hat den Unterschied zwischen einem Mac und einem PC gekannt, für die meisten haben sie halt ausgesehen wie Computer. Aber die PC-Leute haben es gewusst und die Mac-Leute auch, aber als die Mac-Leute den ganzen bescheuerten Idioten erklären wollten, warum der Mac besser war, haben sie’s nicht kapiert. Weil der Mac perfekt war, verstehst du, was ich sagen will? Der Mac war einfach zu gut. Aber dann hat sich irgendwo ein Wichser gemeldet und behauptet, der PC hier macht dasselbe, kostet aber nur die Hälfte, das haben alle sofort geschnallt. Billiger, kostet weniger. Die haben nicht gedacht, dann kann er auch nicht so viel wert sein, die haben gedacht, der ist billiger, und das fanden die gut.
Wenn man jetzt in einen Computerladen geht, sieht man sie überall. In den Märkten, in den Läden, da kannst du zu jedem einzelnen von den Nerds gehen, die da sitzen, den Typen, denen diese Läden gehören, und sie fragen, warum der Laden PC World oder PC Land oder PC Universe heißt, auf jeden Fall immer was mit PC. Die werden dir direkt sagen, und ich schwör dir, das ist die Wahrheit, wenn du die fragst, warum er nicht Mac World oder Mac Land oder Mac Universe heißt, dann werden die dir direkt sagen: Weil Macs nicht kaputtgehen.«
Daniel musste raus. Er konnte sie nicht mehr hören. Die Geschichten. Carson war ein großer Kerl. Selbstbewusst und schlau. Daniel wusste, wenn es hart auf hart käme, würde Carson ihn in Stücke reißen. Wenn man allein mit ihm war, konnte man sich ganz gut mit ihm unterhalten. Oder wenn es einem gelang, das Gespräch in eine positive Richtung zu lenken. Aber allmählich setzte Daniel der Aufenthalt hier drin geistig zu.
Er hatte seinen Bachelor am Kunstcollege gemacht und war mit einer ganz ansehnlichen Mappe abgegangen, Radierungen, Aquarelle, auch ein paar Lederarbeiten. Herausragend waren seine Leistungen am John Curtin College of the Arts eigentlich nicht gewesen, zumal es als eine der besten Adressen für Malerei galt. Irgendwann hatte er Stan kennengelernt, einen englischen Atheisten, der die höheren Klassen am College unterrichtete, und der hatte ihm erklärt, das Curtin sei völlig überbewertet. Was die Studenten dort an Kunst hervorbrachten, sei peinlich. Stan behauptete außerdem, er habe seinen Master in Princeton gemacht, Mitte der Sechziger für den Geheimdienst der britischen Armee gearbeitet und sei intellektuell völlig unkorrumpierbar.
Daniel wusste nicht, ob das alles stimmte. Er selbst war nach seinem Abschluss nach Melbourne gezogen, hatte sich der Szene dort anschließen wollen, aber gar keine gefunden. Ihm kam das alles sehr aufgesetzt vor. Jetzt saß er im Kunstraum des Gefängnisses und erinnerte sich an die ganzen faulen und langweiligen Mädchen in Melbourne, mit denen er hatte schlafen wollen. Eine verlorene Generation, die glaubte, sich mithilfe von Biopics über Jackson Pollock und Jean-Michel Basquiat künstlerische Techniken aneignen zu können.
Er hatte es knapp zehn Jahre lang versucht und war fast so weit, alles hinzuschmeißen, wusste aber auch nicht, was er stattdessen machen sollte. Er war eben nur einer unter vielen. Vielleicht würde jemand in ein paar hundert Jahren seine Lederarbeiten entdecken und etwas darin sehen. Man würde sie wertschätzen und Leute würden lächeln, bedeutungsvoll nicken und sagen, oh, ein klassischer Meredith aus dem frühen 21. Jahrhundert.
Daniel sah zwei Gefangene an der Tür des Kunstraums vorbeigehen, ganz dicht nebeneinander, fast als hielten sie Händchen.
»Die Wichser ficken sich gegenseitig in den Arsch, Sir.«
Der Raum brach in Gelächter aus. Carson konnte nicht lange die Klappe halten, jedenfalls nicht, wenn er ein Publikum ganz für sich allein hatte. Vier Männer, die taten, als würden sie ihm gar nicht zuhören, als wären sie völlig vertieft in ihre Gemälde – alle prusteten jetzt gleichzeitig los, weil sie, genauso wie Daniel, auf jedes einzelne Wort gelauert hatten. Normalerweise wollte sich hier niemand etwas anmerken lassen. Eine eigenartige selbstauferlegte Form der geistigen Beschränkung war das. Praktisch nicht zu knacken. Aber mit Gelächter ging’s.
»Hey Carson, komm schon, Mann.« Daniel blickte wie zufällig zu Carson auf, der immer noch lachte und es sichtlich genoss, dass alle ihm zuhörten.
»Hey Sir, tut mir leid, aber die Schwuchteln laufen hier rum wie Schwuchteln, also ist es doch nicht unhöflich, wenn ich sage, dass die sich in den Arsch ficken, weil das bei denen doch normal ist. Eigentlich ist es sogar ein Kompliment, so wie wenn ich sage, ›Hey Sir, Sie sind ein toller Künstler‹ …«
»Carson … Mann.« Daniel versuchte, die anderen mit einem einigermaßen milden Lächeln zu beschwichtigen.
»Nein, das sind Sie wirklich, kommen Sie schon, nicht so bescheiden, Sir, Sie haben uns ein paar Tricks gezeigt, ist nichts dran verkehrt, wenn man zeigt, was man drauf hat …«
»Carson, ich weiß nicht, ob es denen recht wäre, wenn das alle hier im Gefängnis wissen.« Daniel überlegte, ob er langsam zur Tür gehen sollte oder einfach in den Hof hinausstarren, vielleicht würde das ja genügen, um Carson ein bisschen den Wind aus den Segeln zu nehmen.
»Wissen Sie, was die zu meinem Onkel Eddie gesagt haben?«, fragte Carson.
Er lachte wieder, seine Stimme klang jetzt schriller. »Sir, bei meinem Leben ich schwöre, die haben gesagt, dass sie sich gegenseitig einen runterholen und abspritzen, Sir …« Carson machte eine schnickende Bewegung mit der Hand. »An die Zellenwände, Sir. Und die haben gesagt, das machen sie die ganze Nacht, das müssen echt wahnsinnig geile Schwuchteln sein, Sir. Sie wissen doch, wie’s ist, wenn man’s eine Weile nicht gemacht hat, Sir, dann ist da ordentlich Druck drauf. Die sind geladen, prallvoll wie ein großer verfluchter Truthahn, der sich aufplustert und die ganze Welt ankreischt. Also stellen Sie sich die beiden Arschlöcher wie zwei riesige verfluchte Truthähne vor, die’s sich gegenseitig besorgen …« Carson bekam die Worte kaum noch heraus, so sehr krümmte er sich vor Lachen und alle im Raum mit ihm.
Daniel versuchte sich zusammenzureißen, er stand langsam auf und ging zur Tür.
»Sir, Sir, kommen Sie, Uncle Eddie hat gehört, wie die mit einem in ihrer Abteilung geredet haben, einem jungen Typen, ganz frisch reingekommen, die haben zu dem gesagt: ›Hey, willkommen im Loch.‹ Ich meine, Sir, wie würden Sie das finden, wenn Sie hier landen und sich gleich so zwei Typen an Ihren Arsch hängen, Sir?«
Der Chor folgte.
»Carson …« Daniel drehte sich zu Carson um, allmählich gingen ihm die Ideen aus.
»Das sind schwule Vergewaltiger, Sir. Die packen Sie zu zweit, schieben Ihnen oben und unten einen rein, die machen Schaschlik aus Ihnen.«
Wieder brüllte der ganze Raum. Heute Morgen war es besonders schlimm. Die Stimmung änderte sich täglich, aber heute war es ganz besonders schlimm. Egal wo im Gefängnis man sich befand, überall herrschte dieselbe Atmosphäre. Mit Ausnahme von Trakt Sechs.
Der Sechser war die Mühle. Der Friedhof. Die Abteilung für diejenigen, die vor den anderen Insassen geschützt werden mussten. Dort saßen alle möglichen Irren, Pädophile, Spitzel, geistig Zurückgebliebene und Junkies. Die Einsamsten, Verlorensten und Traurigsten in einer Welt der Verlorenen und Traurigen. Abgesehen von Trakt Sechs war es sonst überall im Gefängnis das Gleiche. Überall derselbe Mist, dieselben blöden Witze und dieselben Geschichten. Geschichten vom Krieg, von der Liebe, von Besäufnissen und Bullen, Drogen, Mord, Frauen, Mitgefühl, Tod, Partys und krummen Geschäften. Auch wenn’s heute schlimm war, es war längst nicht so schlimm, wie’s werden konnte. Daniel war seit fast drei Jahren hier und hatte in der Zeit einige Horrorgeschichten gehört.
Daniel drehte sich um und sah Carson freundlich an. Er war mehr oder weniger machtlos hier. Er hatte nicht die Autorität eines Wärters, und hätte er sie gehabt, wäre ihm das absurd vorgekommen. Leute anschreien, erwachsene Männer anbrüllen. Aber es gab hier eine ganz eigene Dynamik und das war die Schuld der Wärter, die Schuld der Gefangenen. Alle hatten sich gegenseitig zur schlimmstmöglichen Version ihrer selbst gemacht.
Carson gehörte zu den Intelligenteren. Die Schlauen stachen heraus. Aus irgendeinem Grund waren sie meist auch größer als die anderen. Intelligent und willensstark. Die meisten anderen Gefangenen dagegen waren verfluchte Vollidioten. Ganz ehrlich, das war einfach die Wahrheit. Es war nicht ihre Schuld, sie hatten nur einfach nichts gelernt.
Als er neu hier anfing, war Daniel aufgefallen, wie selbstbewusst die Gefangenen wirkten. Wahrscheinlich hatten sie alle Riesenschwänze. Wahrscheinlich war das auch schon das halbe Problem. War er zu klein, wurde man Jack the Ripper oder Adolf Hitler, war er zu groß, landete man im Knast und saß drei Jahre wegen schwerer Körperverletzung. Ein anständig buddhistisches Zwischenformat war besser, so ein Mittelding, bestimmt hatte das was damit zu tun.
Aber die Männer, egal wie groß ihre Schwänze waren, bewegten sich größtenteils hart an der Grenze zur geistigen Behinderung. Zeigten kein bisschen Reue und waren allesamt schlicht gestrickt und sehr leicht reizbar, konnten es nicht abwarten, rauszukommen und wieder an die »Arbeit« zu gehen. Idioten waren das. Alle außer den Mördern und ein paar Ausnahmefällen wie Carson. Er verfügte über den nötigen Wortschatz, das Können und die geistige Beweglichkeit. Der Drecksack konnte sogar malen.
»Ist das schon trocken?«, fragte Daniel Carson und ging zu ihm.
»Ich glaube, es ist fertig«, Carson wischte mit einem Tuch über die Leinwandkante und kam damit aus Versehen an den kleinen Tischventilator, den er auf die trocknende Farbe gerichtet hatte.
»Ich warte nur, bis sich das hier in so einen rubinroten Karamellton verwandelt, weil ich nämlich da unten dieselbe Farbe benutzt hab, aber die hab ich in der Zelle vergessen, wissen Sie noch, letzten Montag, als ich gekommen bin und vergessen hatte, sie wieder mitzubringen, obwohl ich’s am Freitag, als Sie sie mir mitgegeben haben, fest versprochen hatte. Jedenfalls hätte ich einfach drübergemalt, weil der Teil von dem Emu da vor dem Hintergrund ausgesehen hat wie verfluchte Schokolade, aber nach einem Tag in der Zelle hab ich’s unter dem Waschbecken an die Wand gelehnt, weil wir im Dreier ja Fenster nach Osten raus haben, die Sonne war gerade erst aufgegangen, genau zur richtigen Zeit, und hat durch unser kleines Fenster voll aufs Bild geknallt und da hat es ein bisschen mehr nach Erde ausgesehen und ein bisschen weniger nach Scheiße.«
Daniel staunte immer wieder über die Verwandlung. Carson konnte mal so und mal so, ganz wie er wollte. Daniel hörte ihm gerne zu, wenn er über seine Malerei sprach. In ihm steckte eine Menge Potenzial. Das Bild hatte er für die bevorstehende Kunstausstellung im alten Gefängnis von Fremantle gemalt. Er hatte die Umrisse eines Emu gemalt, aber so, dass die Organe des Vogels mit auf dem Bild waren. Daniel hatte ein paar gesehen, die in einem ähnlichen Stil malten, aber nicht viele. Die meisten malten komische Triptychons auf einer einzigen Leinwand, zwei Landschaftsansichten, die eine Sternennacht einrahmten. Sah ein bisschen nach 1974 aus, kam aber gut an.
»Was meinen Sie, wie viel ich dafür verlangen soll, Sir?«
»So viel wie dir angemessen erscheint, Mann. Aber wenn du den Preis zu hoch setzt, verkauft es sich nicht.«
»Sehen Sie, das ist keine ehrliche Antwort. Sie sagen, ich soll verlangen, was ich für angemessen halte, und dann sagen Sie gleich hinterher, dass ich nicht zu viel verlangen soll, weil es sich sonst nicht verkauft. Geben Sie mir eine ehrliche Antwort, Sir. Die Schwuchteln da draußen sind wenigstens ehrlich.«
Daniel starrte auf die Leinwand, die allmählich trocknete. Carson ließ heute einfach nicht locker, er zwang Daniel, hart zu arbeiten für sein Geld.
»Sagen Sie eine Summe, Sir«, verlangte Carson.
»Ich werde keine Zahl nennen.«
»Sagen Sie schon.«
»Was meinst du denn selbst, was es wert ist?«, fragte Daniel.
»Sir, das fragen Sie mich? Ich sage Ihnen ganz klar, das ist ein Gemälde für 46 000 Dollar.«
Wieder kicherten alle im Raum, weiße Zähne grinsten hinter Pinseln. Sie krümmten sich oder warfen die Köpfe in den Nacken, das Gelächter war kindisch, echtes kindisches Gelächter.
»Wenn du das als Preis festsetzen willst, dann ist das dein Preis«, sagte Daniel und verzog keine Miene.
»Im Ernst?«, fragte Carson. Er dachte drüber nach.
»Wenn du der Ansicht bist, dann ist das so«, sagte Daniel.
»Aber Sie denken, es wird sich nicht verkaufen?«
»Man weiß nie, wer da zur Tür reinspaziert. Ich hab’s halt noch nie erlebt, dass was für mehr als 2000 verkauft wurde. Aber man kann nie wissen, wenn du ehrlich der Meinung bist, dass es das wert ist, dann mach das so.« Daniel entfernte sich vom Tisch und setzte sich an seinen Schreibtisch in dem kleinen Raum.
Ihm war sterbenslangweilig. Seine Jugend hatte er sinnlos verschwendet und nun ging er stark auf das sinnlose Dasein eines gar nicht mehr so jungen Erwachsenen zu. Mittlerweile rauchte er wieder Gras, manchmal sogar drei Mal die Woche. Er hockte zu Hause, glotzte MasterChef und ergab sich seinen Heißhungerattacken. Das hatten Picasso, Kandinsky und wer auch immer bestimmt nicht gemacht. Er war näher dran aufzugeben als je zuvor in seinem Leben. Es kam ihm vor, als sei sein Leben schon vorbei, dabei war er noch in seinen Zwanzigern. Was war da bloß schiefgelaufen?
»Vielleicht 38 000«, sagte Carson emotionslos von weiter hinten.
Ein Wärter kam herein, drehte seine Runden. Komischer Typ. Anscheinend ein Belgier oder Franzose. Er hatte ein bisschen mehr Klasse als die meisten anderen seiner hauptsächlich englischen Kollegen.
»Carson«, der Wärter rief ihn beim Vornamen, wahrscheinlich arbeitete er im Dreier und vielleicht hatte Carson auch auf ihn einen gewissen Eindruck gemacht.
»Du musst zum Assessment. Eigentlich solltest du längst dort sein.«
»Die haben mir gesagt, ich soll gleich nach der Kunsterziehung hin, außerdem wollten die mich aufrufen. Ich hab gesagt, ich hab einen Termin und auch die Bestätigung dafür.« Carson zog sie aus der Tasche seiner Trainingshose. »Die haben gesagt, ich soll direkt zur Kunsterziehung gehen, sonst nehmen sie mir den Fernseher weg, Sir.«
Die Bemerkung ließ die Mitgefangenen wissend nicken. Auch in dieser Hinsicht eiferten sie ihm nach.
»Also, dann los«, sagte der Wärter, wobei man ihm seinen Akzent jetzt deutlich anhörte. Carson ging seinen Arbeitsplatz aufräumen und stellte sein Gemälde auf der anderen Seite des Raums unter eine kleine Wärmelampe. Dann trat er einen Schritt zurück und betrachtete seinen Emu noch einmal, justierte die Lampe.
»Sir, kann ich das bei Ihnen lassen? Kann sein, dass ich erst heute Nachmittag oder vielleicht morgen erst wiederkomme.«
»Kein Problem, Mann.«
»Ist jetzt nämlich 38 000 Dollar wert, Sir, das ist mehr als die meisten von den Wichsern hier in letzter Zeit gesehen haben, am Ende wird noch einer wegen dem Gemälde ermordet.« Carson ging zur Tür.
Die Gruppe verabschiedete sich johlend, der Wärter war schon draußen, er trug eine Sonnenbrille. Daniel fand, er sah ein bisschen wie ein UN-Diplomat aus, vielleicht einer aus Spanien. Ein Weltbürger. Carson trottete rückwärts zur Tür hinaus und zog im Gehen seine Jacke über.
»Hey Sir, die beiden Schwuchteln haben gesagt, wenn sie’s im ganzen Raum verspritzt haben und es getrocknet ist, dann sieht das aus wie Lametta. Ohne Scheiß, Sir.« Grölendes Gelächter und angewidertes Schnauben folgten.
»Deshalb wird der Sechser auch Lametta-City genannt, Sir.«
Daniel drehte sich um und sah sich nun konfrontiert mit dem dreckigen Gegacker der restlichen Anwesenden. Die würden jetzt umgänglicher sein. Jetzt, wo Carson weg war.
Dean saß zum dritten Mal. Er war mit den Tageseinnahmen seiner Crew erwischt worden, die im Süden von Rockingham Meth dealte. Er hatte für sie abkassiert und wurde festgenommen. Die Typen von der Crew hatten ihm erklärt, dass sie mehr Kohle mit den Häusern der Leute machten als mit den Drogen.
Wer sich so richtig verschuldet hatte, 20 000 oder 30 000 Dollar nicht zurückzahlen konnte, bot sein Haus zum Verkauf an, weil er sonst fürchten musste, umgebracht zu werden. Die Crew hatte nebenher noch ein ganz legales Immobilienunternehmen am Laufen, das dann flugs einsprang und das Haus für ein paar Hunderttausend unter Marktwert kaufte. Die verschuldeten Vollidioten hatten so eine Angst, dass ihre Frauen von der ganzen Gang vergewaltigt würden, dass sie ihre Häuser zum Schleuderpreis hergaben. Vom Erlös bezahlten sie ihre Schulden und gönnten sich noch ein bisschen Meth dazu.
An dem Tag, an dem er erwischt wurde, war Dean hauptsächlich durch Leda gezogen und hatte »mit der Spendenbüchse geklappert«. Im ersten Haus, zu dem er ging, war einer, der ihnen knapp über 20 000 schuldig war; als Dean reinplatzte, wollte er gerade frühstücken. Dean hatte die Anweisung erhalten, ihm mindestens 5000 abzunehmen und Druck zu machen, sollte er’s nicht haben. Der arme Wichser hatte nur 300 Dollar, weshalb Dean ein Exempel statuierte, genauso wie man es ihm aufgetragen hatte. Er schlug ihm so lange in den Magen, bis er sich in die Hose machte und ließ ihn anschließend zusammengekrümmt in einer Küchenecke liegen. Das war so üblich, bloß nicht in die Visage, weil ihre Angehörigen nichts mitbekommen durften, damit sie ohne größeres Drama das Haus verkaufen konnten. Würden die Frauen dieser Penner jemals mitbekommen, dass Leute wie Dean bei ihnen ins Haus spazierten, würden sie vor Angst ausflippen und die Bullen rufen.
Dean sagte, er würde in einer Woche wiederkommen, und ging mit 300 in der Tasche raus. Als sie ihn später am Nachmittag hochnahmen, hatte er vier weitere Hausbesuche hinter sich. Jemand hatte den Cops einen Tipp gegeben, ein Nachbar vielleicht oder ein Postbote, wer weiß. Als er aus dem letzten Haus herausspaziert war, wurde er von einer Auswahl an Zivilbullen und einem Haufen gewöhnlicher Streifenpolizisten empfangen, die ihn anbrüllten, er solle sich auf den Boden legen, Hände hoch, blablabla. Er hatte 15 000 Dollar in einer Tüte dabei und keine Erklärung dafür. Das reichte, um ihn mindestens einen Monat in Untersuchungshaft zu stecken.
Jetzt saß er an der Aufnahme des Gefängnisses. Da, wo man sein Handy und die Armbanduhr abgibt und dafür im Gegenzug allen möglichen Mist bekommt. Er saß nackt in einer großen leeren Gewahrsamszelle hinter einer verschlossenen gläsernen Automatiktür. Außer einer langen Metallbank, die sich über die gesamte Länge der Wand zog und von einem Ende zum anderen perforiert war, befand sich nichts in der Zelle. Von seinem Platz aus konnte er den Bereich sehen, wo man abgefertigt wurde. Dort arbeiteten immer noch dieselben Wärter wie bei seinem letzten Aufenthalt hier, starrten noch mit denselben dämlichen Mienen auf dieselben Computerbildschirme.
Dieses Mal hatten sie einen irgendwie verschlagen wirkenden Gefangenen als Aushilfe dabei, Dean hatte ihn noch nie gesehen. Anscheinend machte er die ganze Arbeit. Ein großer dünner Kerl mit schuppigem Hautausschlag an den Armen und am Hals, der sich allmählich auch auf seinem Gesicht auszubreiten drohte. Die beiden Beamten saßen an einem Schreibtisch und ignorierten ihn, während er hin und her lief und Dean die Grundausstattung in die Tasche packte: T-Shirts, Unterwäsche, Socken, Trainingshose, einen Sonnenhut für draußen, Arbeitsshorts, Rasierer, Rasierschaum, Zahnbürste. Alles grün. Alles scheiße.
Er fragte sich, wo sie ihn wohl hinstecken würden. Er wusste, dass er erst mal ein paar Tage in Trakt Sieben würde bleiben müssen, bis die sich überlegt hatten, wo sie ihn unterbringen wollten. Seine Akte müsste hier eigentlich noch vorliegen. Das letzte Mal, als er hier war, hatte er ganz schön Krach geschlagen, nicht unbedingt so, dass es für eine Sonderbestrafung reichte, aber doch genug, um klarzustellen, dass man sich besser nicht mit ihm anlegte. Man musste sich schon ein bisschen Achtung bei den Wärtern verschaffen, sonst wurde man fertiggemacht. Nicht zu viel Krawall, aber genug, um die anderen auf Abstand zu halten. Er kannte ein paar Leute, die gerade einsaßen, aber es dauerte immer eine Woche, bis man dahinterkam, wo sie steckten.
»Bitte schön, mein Freund, das müsste alles sein.« Die gläserne Zellentür schwang langsam auf und der Gefangene mit der schlechten Haut kam rein und übergab ihm eine halbvolle Plastiktüte.
»Unterschreib und reiß den Abschnitt da unten ab, der ist für dich«, er reichte Dean einen Stift.
Dean nahm ihm die Tüte und den Stift ab, er sah einigermaßen harmlos aus.
»Wer bist du?«, fragte Dean, während er in der Tüte kramte, um sich zu vergewissern, dass wirklich alles drin war. »Corry heiß ich.« Corry kratzte sich in der Armbeuge.
»Zum ersten Mal hier?«, fragte Dean und sah ihm direkt in die Augen.
»Sind jetzt ungefähr neun Monate.«
»Und weswegen?«
»Sag ich lieber nicht.«
»Echt?«
»Tut mir leid«, Corry zuckte mit den Schultern, kratzte sich am Ellenbogen.
»Muss dir nicht leid tun, Alter. Hauptsache, du machst es nicht noch mal.« Dean dachte, die können doch unmöglich einen Pädo in die Aufnahme gesetzt haben. Er wusste, dass die Perversen jetzt ab und zu kochen durften, aber doch wohl nicht in der Aufnahme arbeiten.
»Guter Job hier, oder?«, fragte Dean, weil er ein bisschen mehr aus ihm herauskriegen wollte.
»Nicht schlecht, hält mich auf Trab.«
»Weißt du, ob Freddie Stevens oder Jake Stevens noch hier sind?«
»Von einem Freddie hab ich nie gehört, aber Jake ist hier.« Corry trat einen Schritt rückwärts zur Zellentür. Dean stand auf und zog seine Unterwäsche an.
»Wo ist Jake?«, fragte Dean und sah Corry in die Augen.
»Weiß nicht«, Corry trat einen Schritt aus der Zelle hinaus, angeblich damit Dean sich ungestört anziehen konnte.
»Im Fünfer? Das letzte, was ich gehört hab war, dass der Blödmann es in den Fünfer geschafft hat.« Dean setzte sich wieder, zog seine Socken und die Trainingshose an.
»Ich weiß es nicht, tut mir leid, Alter.«
»Ich wette, du bist selbst im Fünfer.« Dean zog seine Schuhe mit den Klettverschlüssen an und holte ein T-Shirt aus der Tüte.
Im Fünfer waren die vertrauenswürdigen Gefangenen untergebracht. Man durfte selbst kochen, hatte eigene Duschen und wurde größtenteils in Ruhe gelassen. Man war nicht vertrauenswürdig genug, um raus zu dürfen, aber es reichte, damit sie einen selbstständig ein paar Eier mit Speck in die Pfanne hauen ließen.
»Weißt du, woher ich weiß, dass du im Fünfer bist?«, fragte Dean.
»Nein.« Corry wusste es wirklich nicht. »Weil ich schon mal hier war und weiß, dass grundsätzlich nur welche aus dem Fünfer den Job hier kriegen. Solche, die wissen, wie man sich benimmt.« Dean stand auf, steckte sich sein T-Shirt in die Hose und trat auf Corry zu.
»Ist er im Fünfer oder nicht?«
»Ist er.« Corry blickte zu Boden.
Dean setzte sich wieder hin, kramte weiter in seiner Tüte und zog seinen Sonnenhut und die Gefängnissonnenbrille raus.
»Gibt’s heute Abend Fish and Chips?«, fragte Dean und verknotete die beiden Henkel seiner Tüte. »Oder ist das freitags jetzt anders?«
Corry hörte nicht mehr zu. Er trat aus der Zelle, schloss die Glastür hinter sich, sperrte Dean ein und ging zurück in die Klamottenausgabe. Er dachte darüber nach, wie es jetzt wohl mit Jake und ihm weiterging. Vielleicht hatte er’s verkackt.
»Hey Corry!« Dean rief ihn aus der Gewahrsamszelle, fuchtelte mit dem unterschriebenen Formular: »Vergiss deine Unterlagen nicht, Mann.«
Patrice hatte gerade zwei Übernachtungen in einem kleinen Chalet im Süden gebucht, hinter Williams, ungefähr 60 Kilometer weiter auf dem Albany Highway, dann links, noch eine halbe Stunde weiter und dann war man dort. Kleine Hütten mit Kaminfeuer. Ein romantischer Urlaubsort. Patrices Ansicht nach stand der australische Südwesten Südfrankreich in nichts nach. Und ihm gefielen die breiten Landstraßen. In Frankreich war Autofahren lebensgefährlich, aber hier konnte man sich auf der Straße entspannen, so richtig entspannen. Es war ein gutes Land.
Als er in Perth ankam, war er erst mal nach Beechboro gezogen. Ein mittelmäßig wohlhabender Vorort. Mehr hatten seine Frau und er sich nicht leisten können, ohne sich allzu hoch zu verschulden. Verglichen mit dem Haus, das sie in Toulouse zurückgelassen hatten, war das neue Zuhause in Beechboro ein Palast. Patrice arbeitete drei Mal die Woche im Gefängnis. Die Fahrt dorthin war allerdings furchtbar. Der Tonkin Highway war selbst im besten Fall höchstens erträglich. Im Winter war es morgens besser, wenn es noch dunkel war und man sowieso nichts sah.
Der Job war ganz okay. Dadurch, dass er so früh reinfahren musste, verpasste er den morgendlichen Berufsverkehr, und wenn er richtig früh loskam, konnte er sogar noch seine kostenlose Mitgliedskarte für den Fitnessraum nutzen. Außerdem hatte er fast jede Woche zur Hälfte frei. Trotzdem sah er sich nach was anderem um, Jobs gab’s in Perth genug. Anscheinend konnte hier jeder alles machen.
Seine Frau hatte Heimweh, sie wollte zurück nach Frankreich. Seit sie ausgewandert waren, fuhr sie alle sechs Monate zurück. Irgendwas war immer, eine Hochzeit, eine Geburt oder ihr Vater wurde krank. Das kostete sie beide jedes Mal knapp 5000 Dollar. Und jedes Mal, wenn er sie zum Flughafen brachte, wusste er nicht genau, ob sie wieder zurückkommen würde. Australien hatte ihr zugesetzt, die Entfernung von zu Hause, fern von ihrer Familie, besonders von ihrer Mutter, und das Essen, über das sie sich ständig beschwerte.
Nichts war so wie zu Hause. Besonders nicht für französische Frauen, und Australien lag ja nun auch auf der anderen Seite der Erdkugel, so dass zu Hause denkbar weit entfernt war. Seine Frau ließ sich nicht so schnell unterkriegen und hatte bislang alles gut durchgestanden, aber er war nicht sicher, ob sie’s noch lange mitmachen würde. Ob sie’s noch lange mit ihm aushalten würde. Wenn er sie am Flughafen abholte, war er nie ganz sicher, ob sie wirklich auftauchen würde, bis sie tatsächlich durch die Schiebetür in der Ankunftshalle kam. Jetzt wusste er nur, dass er sie die nächsten sechs Monate behalten durfte.
»Hey, Bruder«, hörte Patrice Carson einem anderen Gefangenen zurufen, der ihm aus der Ferne entgegenkam. Er hatte ihn gerade aus dem Kunstraum abgeholt und sie waren auf dem Weg zum Assessment. Dort wurde eingeschätzt, welches Sicherheitsrisiko von dem jeweiligen Gefangenen ausging, damit dieser auf den richtigen Weg geführt und so schnell wie möglich aus dem Hochsicherheitstrakt in einen normalen verlegt werden konnte. Seit sie den Kunstraum verlassen hatten, hatte Carson kein Wort mehr gesagt. In seiner Abteilung war er durchaus freundlich, aber die Gefangenen mussten vorsichtig sein. Wer in Gegenwart der anderen zu nett zu den Wärtern war, lebte gefährlich. Und man wusste nie, wer einen beobachtete. In den einzelnen Gefängnistrakten ging es ein bisschen entspannter zu, trotzdem dauerte es lange, bis man ein etwas engeres Verhältnis zu den Insassen aufbaute. Und auf dem Hof war es, als würde man sich gar nicht kennen.
»Heeeeeey«, vom Weg hinten rief jemand lang und gedehnt. Ein großer Kerl. Ungefähr ein Meter neunzig, er sah aus wie 120 Kilo schwer, trug ein locker sitzendes Ringertrikot und einen Pulli lässig über der Schulter. Musste neu sein. Patrice hatte ihn hier noch nicht gesehen. Langsam hob er den Arm über den Kopf, so grüßten sich die Ureinwohner. Sie streckten den Arm, hoben die Hand, leicht zur Seite geneigt, ein paar Finger waren gestreckt, ein paar andere zeigten nach unten, der Daumen zeigte zur Seite.
»Boss, Boss, das ist mein Bruder«, sagte Carson, »da ist er, mein Bruder, naaaah«, johlte Carson dem Großen entgegen.
Patrice sah das Grinsen auf dem Gesicht des anderen, der jetzt näherkam. Er war jung, ungefähr 20, aber das war schwer zu sagen, bei dem Umfang. Patrice ging langsam und stellte sich auf eine kurze Unterhaltung ein. Er hätte dem anderen Gefangenen auch befehlen können, aus dem Weg zu gehen, und Carson antreiben können, direkt weiter zu Assessments zu marschieren. Aber es gab keinen Grund und er wollte keinen Ärger, niemand wollte das, also sagte er nichts, ging nur langsamer und blieb schließlich stehen. Er sah zu, wie sich die beiden Männer auf dem Fußweg begegneten und die Hände auf Brusthöhe verschränkten, als wollten sie sich im Armdrücken messen.
Patrice wünschte, er hätte eine Zigarette. Er hatte mit dem Rauchen aufgehört, um seiner Frau zu beweisen, dass auch er Opfer brachte, weil sie doch so litt.
Er liebte es zu rauchen, ganz besonders draußen in der Sonne. Dabei kam er sich vor wie Clint Eastwood. Patrice legte einen Finger an die Lippen, atmete die heiße trockene Luft ein und tat, als würde er rauchen. Eine Zeile aus einem französischen Roman, den er vor Jahren gelesen hatte, fiel ihm wieder ein. Dass bei Männern das Selbstbewusstsein wächst, wenn sie Zigaretten rauchen oder am Steuer eines Wagens sitzen. Andererseits, dachte Patrice, war der französische Schriftsteller bei einem Autounfall ums Leben gekommen, so viel zum Thema Selbstbewusstsein.
»Bruder, verdammte Scheiße, wieso hast du so lange gebraucht?«, fragte Carson den Großen.
Der zuckte mit den Schultern und zischte, legte den Kopf leicht schief, »Diese verfluchten Arschlöcher, mein Bruder, die haben mich einfach verarscht.«
»Wo bist du?«, fragte Carson.
»Die haben mich da drüben in den Zweier gesteckt.«
»Und wo kommst du jetzt her?«, wollte Carson wissen.
»Von der Gartenarbeit«, der Große nickte mit dem Kopf in die Richtung, aus der er gekommen war. »Die haben einen Job für mich, eine Ausbildung.«
»Voll organisiert, erst einen Tag drin und schon ganz vorne dabei, was?« Carson grinste und wieder packten sie sich an den Händen, zogen sich enger aneinander heran.
»Alles klar, Bruder, komm mich besuchen, wenn du kannst, wir bringen dich im Dreier unter, gute Jungs sind das da.«
Carson wollte das Gespräch abschließen. Patrice wusste, dass er wahrscheinlich dasselbe dachte wie er selbst.
»Und du? Wohin gehst du?«, fragte der Große.
»Assessment, Bruder, ich muss zur Sicherheitseinstufung, damit ich rauskomme.«
»Demnächst, oder was?«
»Nee, dauert noch, Bruder. Noch ’ne ganze Weile, wir sehen erst mal zu, dass du dich gut einlebst, keine Angst.«
Wieder lachten beide, schoben sich auf dem Weg aneinander vorbei und entfernten sich rückwärts voneinander. Patrice sah zu, wie der Große sich langsam umdrehte und den Pulli über den Kopf zog, damit er ihm Schatten spendete. Er ging weiter Richtung Trakt Zwei und sah dabei aus wie ein Boxer auf dem Weg in den Ring.
Patrice folgte Carson, der sich nun wieder Richtung Assessment in Bewegung setzte.
Er schwankte ein bisschen beim Gehen, federte leicht, ein Schritt schien direkt zum nächsten überzuleiten. Er wirkte ganz fröhlich. Patrice konnte das nie verstehen. Er zündete sich eine weitere imaginäre Kippe am Feuerzeug eines imaginären Freundes an und sog den Rauch tief in die Lungen.
»Debbie, halt seine Füße fest.«
Graham schrie jetzt. Er presste einem Gefangenen sein Knie ins Genick. Er hatte ausgetreten und sich beinahe losgerissen, dabei nur knapp ihr Gesicht verfehlt. Debbie spürte, wie sich der Schweiß in ihren Plastikhandschuhen sammelte, ihr Herz raste und sie hatte Schwierigkeiten, seine Füße zu fixieren. Graham hatte ihr von dem Kerl hier erzählt, auch dass er das letzte Mal in Einzelhaft eine Kollegin bewusstlos geschlagen hatte. Er lag auf dem Boden, stöhnte fürchterlich, hatte kein Hemd an. Sie wusste nicht, ob sie ihn sich so geschnappt hatten oder ob sie es ihm ausgezogen hatten. Er machte Geräusche wie ein Kind, wie ein kleiner Junge, der um Hilfe schreit, er kam ihr ganz anders vor, als Graham ihn beschrieben hatte. Gar nicht so gefährlich. Im Moment jedenfalls nicht.
»Halt still, hast du gehört, rühr dich nicht, sonst gehen wir nochmal.«
Debbie presste seine Beine auf den Boden; sie kniete jetzt auf seinen Fersen, so wie sie es in der Ausbildung gelernt hatte. Der Raum füllte sich mit Beamten, ungefähr ein Dutzend mussten es inzwischen sein, zu viele, dachte Debbie. Sie erinnerte sich an den alten Sergeant aus Neuseeland, der sie auf Situationen wie diese vorbereitet hatte. Er hatte behauptet, zu viele Kollegen auf einem Haufen können es auch schlimmer machen. Zu viele Leute, zu viel Chaos und zu wenig Platz, um mit dem Schlagstock auszuholen.
Sie saß jetzt mit ihrem gesamten Gewicht auf dem unteren Teil seiner Waden, packte diese mit beiden Händen, seine weite Jeans rutschte ihm allmählich über den Hintern. Sie spürte das Fleisch unter der Jeans, er versuchte auszutreten, aber sie hatte ihn, er war fett und hörte nicht auf, sich zu wehren. Graham flüsterte ihm etwas ins Ohr und er grunzte etwas als Erwiderung.
Einer der anderen packte ihn an den Handschellen, die seine Hände auf den Rücken fesselten. Der Kollege zog daran, sie waren jetzt ziemlich hoch in seinem Rücken. Noch höher war nicht gut. Er stöhnte noch einmal laut, krümmte sich und hob den Bauch und sie konnte ihm in den Mund sehen, dann fiel er wieder auf den Boden und stöhnte noch einmal. Anscheinend hob er seinen Körper, um seinen Händen zu folgen.
»Okay, du bist oft genug verwarnt worden.«
Graham gab das Signal, Debbie ließ sofort los, sie wusste, sie hatte nur ungefähr zwei Sekunden Zeit. Alle traten ein paar Schritte zurück und Graham betätigte erneut den Taser. Debbie hatte aufgehört mitzuzählen, wie oft inzwischen schon. Sie hörte das Knacken, als ihn der Stromstoß durchfuhr und sah, wie er sich auf dem Boden wand, hörte sein kehliges Stöhnen.
»Ihr verfluchten Drecksschweine«, rief jemand aus der Zelle hinter ihnen.
Die beiden waren zusammen festgenommen worden – der andere hatte sich ohne Widerstand einliefern lassen, der auf dem Boden war sein Onkel. Alle hörten das Knacken des Tasers und das schreckliche Stöhnen, die Beschimpfungen von Graham und dem anderen Wärter.
»Ihr verfluchten beschissenen Drecksschweine«, der andere trat von innen gegen die Tür.
Graham schlug den am Boden erneut und schrie an Debbie vorbei in Richtung der Zelle hinter ihr: »Du regst dich jetzt ab, sonst bist du der Nächste, du dummes Arschloch.«
»Fick dich«, brüllte es hinter der Tür.
Debbie sah auf die weiße Wanduhr über dem Schreibtisch. Zwei Uhr fünfzig, mitten in der Nacht. Sie würde noch eine Weile bleiben müssen, bis sie nach Hause durfte. Vielleicht hatte ihre Schwester doch recht gehabt.
Ariel war angewidert von sich selbst. Er hatte die 120 Kilo überschritten. Er hatte sich in der Umkleide des Fitnessraums, in dem die Beamten trainierten, auf die Waage gestellt. 120 Kilo. Dabei war er hier, um gute Ratschläge zu geben und Vorträge über eine vernünftige Lebensweise zu halten.
Er zwängte sich in seinen Bürostuhl, sein Fett wölbte sich unter dem Hemd und quoll über den Hosenbund. Wer zum Teufel wollte sich von ihm beraten lassen? Er war Angestellter im öffentlichen Dienst, absoluter Durchschnitt, und er redete den ganzen Tag mit diesen verfluchten Schwachköpfen. Besprach jeden Tag denselben Blödsinn, Gelaber über großartige, tolle Vorhaben. Jedes einzelne dieser Schwanzhirne hatte einen Plan und Ariel tat nichts anderes, als sich Hirngespinste über künftige Imperien und phantastische Chancen anzuhören.
Er selbst wollte eigentlich an nichts anderes als leckeres, gutes, unkompliziertes Essen denken. Schon vor ungefähr vier Jahren hatte er aufgehört, sich für irgendetwas anderes zu interessieren. Während seiner Zeit im Gefängnis war er knapp tausend solcher Typen begegnet. Vielen davon mehr als einmal. Sie saßen zum zweiten oder dritten Mal, pflanzten sich vor ihn und erzählten ihm alle dieselbe Geschichte. Über den Reifenhandel, den sie mit ihrem Cousin aus Geraldton aufmachen wollten, das Freizeitzentrum für die Jugendlichen in den nördlichen Vorstadtgebieten. Sie würden den Laden zum Laufen bringen. Die Servicewerkstatt. Den Zeitungskiosk. Die Tankstelle. Einer meinte sogar, er wolle Chinesisch lernen, um einen Job in einem Restaurant zu bekommen.
Die Männer und ihre Geschichten verschwammen allesamt miteinander und Ariel hatte viel zu viel gehört, als dass es ihn noch interessierte. Jetzt hatte er nichts mehr als die Erinnerung an das Frühstück und die Vorfreude auf das Mittag- und Abendessen. Damit rettete er sich über den Tag. Wenn sich sein Bauchspeck über den Hosenbund wälzte, hätte er am liebsten ein Teppichmesser genommen und sich das Fleisch in Scheiben vom Körper geschnitten. 120 Kilo.
Er war fetter als Charles Barkley, der Basketballer, der nur eins fünfundachtzig groß war und immerhin 100 Kilo wog. Vielleicht sogar 115. Noch auf dem Höhepunkt seiner Basketballkarriere hatte er schon die 110 überschritten, und Ariel, der jetzt hier im Licht der Neonröhren saß, war acht Zentimeter kleiner und zehn Kilo schwerer als der verdammte Charles Barkley. »The Round Mound of Rebound« hatte man ihn genannt, als er noch für Philadelphia spielte. Ariel fragte sich, welche Bezeichnungen sich die Leute hier wohl für ihn ausdachten.
Er hörte einen weiteren Gefangenen darüber sprechen, wie er sich seine Zukunft vorstellte. Die Typen hatten alle nicht weiter als bis zum heutigen Nachmittag gedacht, ganz zu schweigen vom übernächsten Jahr. Sie waren wie Tiere. Von einer Woche zur nächsten, von einem Augenblick zum nächsten. Er hatte in Israel in einem Kibbuz gelebt, Herrgott noch mal. Das alles passte gar nicht zu ihm. Er war ein starker Mensch mit einem großen Herzen, eigentlich sollte er in seinem Alter in der Forschung tätig sein, in der ernsthaften Forschung. Er musste raus aus dem Gefängnis. Raus aus dem System. Die Arbeit war nichts, gar nichts. Er war faul. Er war ein fauler Fettsack geworden. Das war unerträglich. Aber einfach.
Knapp 1300 pro Woche netto, für absolut gar keine Anstrengung. Wieder dachte er an das Frühstück vom Morgen. Zwei pochierte Eier, ein bisschen Malzessig in heißes Wasser geben, warten bis es simmert, dann noch eine Minute warten, nacheinander die Eier aufschlagen, rein mit dem Löffel und im Wasser kreisen lassen. Sieben Mal, das reichte. Er hatte über den Herd gebeugt zugesehen, wie sich die Eier in zwei weiche weiße Tränen verwandelten.
Das kleine Licht an der Dunstabzugshaube war das einzige, das ihm geblieben war. Ansonsten stand er in der Küche im Dunkeln. Er hatte so eine vierreihige, titanbeschichtete Lampe von IKEA, aber alle Glühbirnen waren hin. Er musste erst wieder zu IKEA fahren und neue besorgen, aber er wusste, dass er sich dazu wahrscheinlich nicht würde aufraffen können, bevor nicht auch noch das Licht an der Dunstabzugshaube den Geist aufgab. So klein, wie es war, konnte das noch ein paar Jahre dauern.
Das meiste kochte er sowieso vor Sonnenuntergang. Ariel dachte, wenn es in der Küche dunkel war, würde das vielleicht abschreckend auf ihn wirken und er würde sich auch mal vom Kühlschrank fernhalten. Das wäre nicht schlecht. Während die Eier durchs heiße Wasser wirbelten, steckte er eine Scheibe Sauerteigbrot in den Toaster. Seine Mutter hatte ihm vor ungefähr drei Geburtstagen einen neuen Toaster gekauft. Drei Jahre hatte er unter seinem Bett gelegen. Warum hatte sie ihm einen Toaster gekauft, wo sie doch wusste, dass er einen hatte, der wunderbar funktionierte?
Als er ihn endlich in Betrieb genommen hatte, merkte er, was für ein Arschloch er war. Der Toaster war toll, verfügte über super Einstellungen und ein Gitter zum Ausklappen, auf dem man Waffeln toasten konnte, ein großartiges Gerät. Gleichzeitig hatte sie ihm auch einen neuen Wasserkocher geschenkt. Das Wasser kochte in der Hälfte der Zeit und er verbrauchte damit auch viel weniger Energie. Als seine Mutter ihn fragte, warum er immer noch den alten Toaster benutzte, war er ausgewichen und hatte gesagt, Geschenke seien doch sowieso irgendwie absurd. Er war armselig. Seine Mutter hatte es gelassen hingenommen. Genickt, gelächelt und nichts gesagt. Er war ein richtiges Arschloch. Aber inzwischen ein Arschloch mit einem sehr schönen Toaster und einem superschnellen Wasserkocher.
