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Ein Dach über dem Kopf ist noch lange kein Zuhause Jack und ihr kleiner Bruder Birdie sind unglücklich, zu ihrem Onkel Patrick ziehen zu müssen. Er ist das genaue Gegenteil von Onkel Carl, der sie mit Fastfood und Schuleschwänzen verwöhnt hat. Patrick redet nicht gerne und er mag Birdies Lipgloss und glitzernde Kleider gar nicht. Als ein Schultyrann Birdie ins Visier nimmt, entscheidet Patrick, dass Birdie alles Funkelnde und Fabelhafte aufgeben muss. Da weiß Jack, dass sie einen Plan schmieden muss, um ein wenig von der Alltagsmagie, an die ihre verstorbene Mutter geglaubt hat, in ihr neues Leben zu retten. Aber während sie versucht, auf Birdie aufzupassen, wer passt eigentlich auf Jack auf?
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Seitenzahl: 294
Veröffentlichungsjahr: 2022
EIN DACH ÜBER DEM KOPF IST NOCH LANGE KEIN ZUHAUSE
Jack und ihr kleiner Bruder Birdie haben es nicht leicht bei ihrem Onkel Patrick. Er redet nur das Nötigste, weiß mit Kindern nichts anzufangen und versteht nicht, warum Birdie sich gern ausgefallen kleidet.
Als ein Mitschüler Birdie zu schikanieren beginnt, entscheidet Patrick, dass Birdie sich einfach nur besser anpassen muss. Das ist zu viel für Jack. Sie schmiedet einen Plan, wie sie ein wenig von der Alltagsmagie, an die ihre verstorbene Mutter geglaubt hat, in ihr neues Leben bei Patrick retten kann. Aber während sie versucht, auf Birdie aufzupassen, wer passt eigentlich auf Jack auf?
J. M. M. Nuanez
Roman
Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann
Für meine Eltern, alle vier
Heute ist Samstag, also der Tag, an dem wir normalerweise auf der Veranda frühstücken: Dann essen wir Honey Bunny Buns, Onkel Carl trinkt Kaffee und raucht, und wir lesen zusammen die letzte Seite der Zeitung. Das ist die mit den abgefahrenen Meldungen über Lamas mit zwei Köpfen, Leute, die in ihrer Klimaanlage stecken bleiben, oder Haustiere, die versehentlich mit der Post verschickt werden und es tatsächlich überleben.
Aber heute ist nicht einfach nur Samstag, heute ist auch Umzugstag. Und gerade eben lauert Birdie, mein kleiner Bruder, auf der Couch darauf, dass ich die Augen aufmache. Ich tu so, als würde ich noch schlafen, aber selbst im Dämmerlicht und zwischen zusammengekniffenen Augenlidern hindurch sehe ich, dass er Mamas alten lila Lidschatten aufgetragen und sich ein Handtuch elegant um den Kopf geschlungen hat.
»Jack«, flüstert Birdie. »Miss Jackie Jack Jacko.«
»Ich schlafe. Und das solltest du auch«, sage ich.
»Ich kann aber nicht mehr schlafen.«
Er hangelt sich zu mir herunter auf den Futon und schiebt seinen Kopf dicht neben meinen. Auf einmal liegt der Duft von Doktor Pepper Lipgloss in der Luft. Birdie flüstert mir ins Ohr: »Ich hab Bauchschmerzen, ist vermutlich was Ernstes. Ich glaub nicht, dass wir heute umziehen können.«
Ich öffne ein Auge. »Was Ernstes?«
Birdie lehnt sich vor und flüstert: »Im kritischen Stadium.«
»Da ist nichts kritisch«, sage ich und setze mich auf.
»Na gut«, sagt er, »aber Bauchschmerzen habe ich wirklich.«
Zwischen den staubigen Lamellen der Jalousie hindurch spähe ich nach draußen. In zwei Stunden will Patrick uns abholen. »Ich auch, Birdie.«
Birdie rückt sein Handtuch beziehungsweise Kopftuch zurecht und zieht es unter dem Kinn straff. »Sehe ich aus wie Audrey Hepburn? Mit dem Kopftuch?«
»Wie wer?«
»Audrey Hepburn, du weißt doch: Charade, Frühstück bei Tiffany, My Fair Lady.«
Ich warte darauf, dass er gleich wieder von Mama und ihrer Leidenschaft für alte Filme anfängt, aber er sagt nichts.
»Mit Sonnenbrille würdest du mehr wie Audrey Hepburn aussehen«, sage ich. »Aber für den Anfang ganz gut.«
Er lächelt leicht, nimmt das Tuch aber ab und drapiert es diesmal wie einen Lampenschirm um den Kopf. Dann nimmt er ein Modemagazin vom Couchtisch und schlägt es auf. »Vielleicht sollten wir heute in die Bibliothek gehen«, sagt er.
Ich sage nichts, denn auch wenn er vielleicht so tut, als wäre heute ein Tag wie jeder andere in unserem Leben bei Onkel Carl, sehe ich doch, dass sein Rucksack und zwei Reisetaschen bereits gepackt sind. Birdie ist erst neun, aber er weiß, dass wir an diesem Umzug nichts ändern können. Onkel Carl hat zu oft Mist gebaut, deshalb müssen wir jetzt zu unserem anderen Onkel ziehen, zu Patrick.
Zwei Stunden später kommt Onkel Carl im goldglänzenden Boxermantel aus seinem Zimmer. Er grüßt uns kurz, dann verlässt er die Wohnung mit seinem leeren Kaffeebecher. Den ersten Kaffee am Tag holt er sich immer gratis bei Juan vom Stop-and-Go unten an der Ecke. Er hat uns erzählt, dass er und Juan eine Absprache haben. Was genau da besprochen wurde, weiß ich nicht, aber solange Onkel Carl seinen eigenen Becher mitbringt, kommt er immer mit dampfend heißem Kaffee zurück.
Birdie legt ein Modemagazin beiseite und greift nach dem nächsten.
Ich versuche, neue Beobachtungen in meinem Notizbuch festzuhalten, aber mein Stift schreibt nichts außer einem riesigen Fragezeichen mit einem ziemlich schiefen Kreis als Punkt darunter. Den ich so lange ausmale, bis dem Stift die Farbe ausgeht.
Ich mache mir eine zweite Scheibe Toast. Mama hat immer gesagt, Toast hilft bei fast allem – bei Bauchweh, aber auch bei anderen Leiden wie Traurigkeit oder Nervosität oder Schreibblockade. Doch als ich den Toast gegessen habe, fährt Patrick gerade vor, und mir rutscht der Magen in den Keller. Birdie muss den Motor auch gehört haben, denn er schaut von seiner Zeitschrift auf und sagt: »Aber Onkel Carl ist doch noch nicht zurück aus dem Stop-and-Go.«
»Ich glaube, da kommt er gerade«, sage ich.
Onkel Carl und Patrick treffen sich auf dem Bürgersteig vor dem Haus und starren einander an. Einen Moment lang kommt es mir vor, als würde Onkel Carl vor einem Spiegel stehen: die gleiche weiße Haut, das gleiche wellige graue Haar, der gleiche buschige Schnurrbart, die gleiche schlaksige Gestalt.
Aber sein Spiegelbild trägt keinen goldfarbenen Morgenmantel, keine Sweathose und auch keine abgelatschten Barfußsandalen.
Stattdessen ist Patrick angezogen wie immer: eine alte Baseballkappe der Chevies, ein kariertes Hemd, das er in den Hosenbund gestopft hat und dessen Ärmel bis zu den Ellbogen hochgerollt sind, dazu Jeans mit Gürtel und Arbeitsstiefel. Die Arme hält er vor der Brust verschränkt.
»Sind sie so weit?«, fragt Patrick gerade Onkel Carl.
»Natürlich sind sie so weit.« Onkel Carl geht schon die Treppe hoch. »Was ist, kommst du mit nach oben? Oder soll ich sie dir runterschicken, damit du bloß keinen Fuß in meine Wohnung setzen musst? Ich will ja nicht, dass du deinen – lass mich kurz rechnen – bald einjährigen Dauerboykott unterbrechen musst.«
Die Hände jetzt auf beide Seiten seiner Gürtelschnalle gestützt, sieht Patrick seinem Bruder nach, wie der die Treppe zur Wohnung im ersten Stock hochläuft.
Als Onkel Carl hereinstolpert, halte ich die Luft an. Birdie und ich stehen von der Couch auf und stellen uns hinter den Tisch, auf dem Marlboro liegt, Onkel Carls zwei Fuß lange ausgestopfte Echse, eine Bartagame. Birdie gruselt sich immer noch vor den total echt aussehenden Glasaugen und der Stachelhaut, auch wenn Onkel Carl behauptet, es gebe kein zweites Tier mit einer so schönen, schimmernden Haut. Ich dachte immer, Birdies Angst vor der Riesenechse würde sich vielleicht legen, jetzt, wo sie nicht mehr lebt, aber das scheint nicht zu passieren.
Zehn wilde Herzschläge später erscheint Patrick auf einmal in der Tür. Birdie und ich stehen immer noch hinter Marlboro.
»Sie sind so weit«, sagt Onkel Carl, nachdem er einen großen Schluck Kaffee getrunken hat. Er lehnt am Küchentresen. »Alles fertig gepackt, wie du’s wolltest.«
Wir haben nicht mehr in Patricks Pick-up gesessen, seit wir vor fast zehn Monaten von Portland in Oregon, wo wir bis dahin zu Hause waren, nach Moser in Nordkalifornien (auch bekannt als Pampakaff) gekommen sind.
Patrick nimmt unsere Reisetaschen, die übereinandergestapelt neben der Tür stehen, und wirft einen Blick auf Birdie. Der hat heute sein gelbes Hemd an, das mit Erdbeeren übersät ist wie mit lauter roten Tupfen, dazu trägt er seine Regenbogensneakers. Wenigstens ist seine Leggings schlicht schwarz, und von dem lila Lidschatten ist nicht mehr viel zu sehen. Seine lila Lieblingsjacke hält er im Arm wie ein Kuscheltier. Patrick hört überhaupt nicht auf, ihn anzustarren.
Als er schließlich stumm mit unseren Taschen zu seinem Wagen hinuntergeht, sieht Onkel Carl uns an.
»Puuuuh! Also gut. Hier hab ich ein paar Abschiedsgeschenke für euch. Ich bin mir zwar sicher, dass ich euch schon morgen wiedersehe – aber egal. Ich weiß, zu Fuß ist es ganz schön weit von Patricks Haus bis hierher, aber ich verspreche euch, wenn ihr mich je besuchen kommt, dann gibt es einen Eisbecher vom Fry Shack oder noch was Besseres.«
»Wir kommen dich auch so besuchen«, sage ich. »Ganz ohne Bestechung.«
»Gut, aber ich brauchte diese große Geste, sonst fang ich noch an zu weinen. Also hier, nehmt schon.«
Die große Papiertüte in seiner Hand ist randvoll mit einzeln verpackten Honey Bunny Buns, den Mini-Zimtknoten, die sie unten im Stop-and-Go für fünfzig Cent das Stück verkaufen.
Bevor wir ihm noch danken können, legt er jedem von uns eine Hand auf die Schulter und sagt: »Also, hört zu. Ich hätte mich mehr um eure Hausaufgaben und eure Lehrer kümmern müssen, aber woher hätte ich wissen sollen, dass es ein Gesetz gibt über so was wie regelmäßigen Schulbesuch? Und was ich über deinen Lehrer gesagt hab, das war doch nicht bös gemeint, Mr. Bird. Du weißt, ich war wirklich am Boden zerstört wegen Marlboro.« Er richtet sich hoch auf, reibt sich den Nacken und sieht uns nicht an. »Was ich eigentlich sagen will: Bei Patrick wird alles ein bisschen anders sein für euch. Dieser Ziegenbock lebt seit dreißig Jahren alleine, wer weiß, wie er damit klarkommt, dass da plötzlich zwei Kinder im Haus sind. Aber wenn ihr auch bei ihm wohnt, so heißt das noch lange nicht, dass ihr nicht zu mir kommen dürft, wenn ihr irgendwas braucht.«
Er holt tief Luft, und ich warte darauf, dass er weitermacht mit seiner Rede, aber dann kommt nichts mehr. Ganz plötzlich schiebt er uns die Treppe runter und zum Wagen, wo Patrick schon am Steuer sitzt, bei geöffneter Beifahrertür. Sofort springt dröhnend der Motor an.
Wir umarmen Onkel Carl nicht, sagen nicht einmal auf Wiedersehen. Aber gleich nachdem wir eingestiegen sind und uns angeschnallt und die Tür zugemacht haben, lasse ich das Fenster runter. Der Wagen fährt los, und Onkel Carl sagt: »Bis bald, ihr zwei.« Er schaut uns nach, nippt aber dabei die ganze Zeit an seinem Kaffeebecher, sodass sein Gesicht dahinter verborgen ist.
Eine Woche nach Mamas Tod erschien Patrick bei Mrs. Spater. Die kannten wir schon, solange wir lebten, denn wir wohnten zur Miete in der Haushälfte neben ihr. Sie war die Hausbesitzerin, aber gleichzeitig war sie auch unsere Freundin. Und obwohl sie schon zweiundachtzig ist, war es selbstverständlich für sie, sich um uns zu kümmern, bis jemand von der Familie sich zeigte.
Patrick hatten wir nie zuvor gesehen. Irgendwie sah er zu alt aus, um Mamas Bruder zu sein. Mama hatte nie von ihm gesprochen, und ich kannte auch keine Familienfotos, auf denen er zu sehen war. Von Onkel Carl hatte sie drei Bilder, aber auch die hatte sie nicht bei uns aufgestellt, anders als Fotos von uns oder von Freunden.
Onkel Carl hatten wir tatsächlich vier Jahre zuvor einmal kennengelernt, als er und seine damalige Freundin mit dem Motorrad zu uns nach Oregon kamen. Mama hatte gar nicht damit gerechnet, ihn zu sehen. Er drückte uns alle fest und schenkte uns Gummibärchen und jedem zwei Honey Bunny Buns, sogar Mama. Wie seine Freundin hieß, weiß ich nicht mehr, aber sie hatte nur ein halbes rechtes Bein. Der Teil unter dem Knie war eine Prothese, und weil ihr Lederrock so kurz war, konnten wir sehen, wie das Ding an ihrem richtigen Bein befestigt war. Auf ihrem weißen Oberschenkel hatte sie ein grellrotes Tattoo von einem riesigen Hummer. Am nächsten Morgen fuhr Onkel Carl mit mir eine Runde auf dem Motorrad um den Block, und ich weiß noch, was ich dachte: Was für ein Glück seine Freundin doch hatte, dass sie den ganzen Tag so mit ihm durch die Gegend fahren durfte. Birdie durfte nicht mit, das erlaubte Mama nicht, er sei noch zu klein.
Jedenfalls saßen Birdie und ich ganz still da, so wie Mrs. Spater es uns gesagt hatte, als sie zur Tür ging, um zu öffnen.
»Ich bin Patrick. Beths Bruder.« Patricks Stimme war wie das leise Grummeln eines Berges. Zuerst hatte ich keine Ahnung, wer Beth sein sollte, für mich hatte der Name gar nichts mit Mama zu tun. »Du und dein Bruder, ihr kommt jetzt mit mir«, sagte er zu uns, nachdem er eingetreten war. Er kam mir traurig vor, aber ich habe ihn nicht weinen sehen.
Von Patrick gab es keine Umarmungen und auch keine Honey Bunny Buns. Patrick sah uns einfach nur an, bis Mrs. Spater ihm zeigte, wo unsere Taschen standen.
Es war fast so, als wäre er gekommen, um ein teures Familienerbstück entgegenzunehmen – schon etwas Wichtiges, Bedeutendes, aber auf jeden Fall nichts Lebendiges. Nicht seine Nichte und seinen Neffen.
In dem Moment hätte ich das gern in mein Notizbuch geschrieben, zu den anderen Beobachtungen. Mein Notizbuch hatte ich in einer kleinen Tasche, die ich auf dem Rücken trug, doch ich blieb still sitzen.
Ich fragte Patrick nach Onkel Carl, und er sagte, wir würden ihn schon bald sehen. Er musterte unsere Sachen, und ich fürchtete, er würde sagen, wir müssten einiges davon zurücklassen. Dabei hatte er gesagt, wir könnten jeder drei Taschen voll mit unseren Sachen mitbringen. Onkel Carl habe nicht so viel Platz, hatte er Mrs. Spater am Telefon gesagt.
Anfangs konnte ich einfach nicht glauben, dass wir tatsächlich so viel Zeug zurücklassen sollten, aber Mrs. Spater sagte, ihre Tochter werde kommen und ihr helfen, alles andere zusammenzupacken. Sie würde sich um unsere Sachen kümmern, wir sollten uns darum keine Sorgen machen. Dann gab sie mir etwas von ihrem guten Zitronenkuchen, und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass Mama da wäre und sagte: »Dieser Kuchen ist soo lecker, ich könnte mich reinlegen. Darf ich bitte ein Stück, so groß wie ein Bett, haben?«
Patrick sagte dann aber nichts über unsere Taschen, hob sie nur wortlos auf und trug sie raus. Wir folgten ihm und stiegen in seinen Pick-up. Mrs. Spater fragte ihn, ob er ganz sicher nichts aus Mamas Haus wolle. Doch Patrick hob eine Hand und schüttelte den Kopf: »Nein, danke«, sagte er mit seiner Bergstimme.
Mrs. Spater sah ihn durch das Fenster auf der Fahrerseite an. »Kümmern Sie sich gut um diese Kinder, Mr. Royland. Um den Rest kümmere ich mich.« Sie presste die Lippen aufeinander, und ich wusste, sie versuchte nicht zu weinen. »Auf Wiedersehen, ihr zwei. Seid schön brav bei euren Onkeln, aber das seid ihr ja sowieso, das weiß ich.« Damit trat sie einen Schritt zurück. »Ich werde euch vermissen.«
Ich weiß nicht mehr, was ich geantwortet habe, ich konnte mich nicht entscheiden, was ich sagen sollte. Darüber hatte ich nicht nachgedacht. »Ich werde Sie auch vermissen«, schien mir zu wenig. Wir würden sie viel mehr als vermissen. Ich glaube, Birdie sagte ihren Namen, aber im selben Moment legte Patrick auch schon den Rückwärtsgang ein und fuhr los. Mrs. Spater winkte uns von ihrer Veranda aus zu, Colin, ihr alter Cockerspaniel, starrte uns durchs Fenster an. Mrs. Spater hatte sich eine Hand über den Mund gelegt, sodass wir nur ihre Augen sehen konnten.
Ich nahm Birdies Hand, jeden einzelnen seiner Finger mit dem abblätternden türkisen Nagellack, und drückte sie wieder und wieder, wie ein schlagendes Herz, auf der ganzen Fahrt nach Kalifornien.
Ich versuche, nicht im Rückspiegel nach Onkel Carl zu schauen, ich hasse meine letzte Erinnerung an Mrs. Spater und Colin und ihre traurigen Gesichter, die immer mehr schrumpften, während wir davonfuhren, bis nichts mehr von ihnen zu sehen war.
Ich rede mir selbst ein, dass es nicht so schlimm ist, dass wir ihn schon bald wiedersehen werden, wir werden ja nur rund anderthalb Kilometer vor der Stadt wohnen.
Patrick sagt kein Wort, nur einmal schaut er kurz zu uns herüber, als Birdie anfängt, mit den Füßen zu zappeln. Das ist eine seiner vielen nervösen Angewohnheiten.
Ich könnte schwören, ich hab gesehen, wie Patricks Schnurrbart sich genervt nach unten zog.
Eine Minute später waren wir auch schon auf dem Highway. In der Gegenrichtung fuhr gerade ein großer grau-schwarzer Bus an uns vorbei.
Ich weiß, dass die Buslinie 331 die ganze Strecke von hier bis nach Portland in Oregon fährt. Ich weiß, dass die Fahrkarte sechsundzwanzig Dollar für Minderjährige und zweiunddreißig Dollar für Erwachsene kostet. Das weiß ich seit unserem zweiten Tag bei Onkel Carl, als Birdie und ich zum ersten Mal in die Bibliothek gegangen sind. Aber an demselben Nachmittag hat Onkel Carl uns zum ersten Mal Eisbecher im Fry Shack spendiert. Danach habe ich das mit dem Bus für eine Weile vergessen.
»Wenn ihr in die Stadt geht oder zurückkommt«, sagt Patrick plötzlich, »geht auf keinen Fall neben dem Highway her. Das ist viel zu gefährlich. Da gibt es keinen sicheren Randstreifen für Fußgänger. Ich zeig euch einen anderen Weg.« Er biegt in eine kleine Straße ein und weist auf einen nicht gepflasterten Weg. »Man braucht ein bisschen länger, aber dieser Weg beginnt nah bei meiner Straße und führt bis fast zur Grundschule.«
Er wendet und fährt zurück auf die Autobahn, doch schon nach weniger als einer halben Minute biegen wir wieder ab. Wir fahren an ein paar Häusern vorbei, bis wir zu einem kommen, das teils von einem Maschendrahtzaun, teils von einer Hecke umgeben ist. Das Tor steht offen, wir fahren hindurch und bleiben vor einer kleinen Garage stehen, die an ein altes Haus grenzt.
Patrick stellt den Motor ab. »So, da wären wir.«
Er steigt aus, nimmt unsere Taschen und geht auf die Haustür zu.
Patrick wohnt in einer Schuhschachtel. Zumindest sieht es für mich so aus – wie eine riesige Schuhschachtel, aus der jemand ein paar Rechtecke und Quadrate als Türen und Fenster herausgeschnitten hat. Das Dach ist fast völlig flach, so als wäre den Leuten das Baumaterial ausgegangen.
Birdie sieht mich an, ich zucke nur mit den Achseln.
Im Haus folgen wir Patrick schweigend eine Treppe hoch. Er stellt unsere Taschen ab, öffnet erst zwei Zimmertüren und dann die Tür zu einem Bad. Überall sind die Vorhänge geschlossen, er zieht sie aber nicht auf, sodass alle Räume im Dämmerlicht liegen, obwohl es schon fast zehn Uhr morgens ist und die Sonne scheint. Patrick geht zur Treppe zurück und bleibt dann stehen. Ein Hund bellt.
»Das ist Duke. Der tut nichts.« Patricks Baseballkappe ist so tief heruntergezogen, dass ich seine Augen nicht sehen kann. Er steht da und reibt sich den Nacken, genau wie Onkel Carl das immer macht. »Ich muss jetzt ein paar Stunden weg, arbeiten. Im Kühlschrank sind ein paar Eier und Käse. Erdnussbutter, Thunfisch und noch ein paar andere Sachen stehen im Regal. Carl sagt, ihr könnt mit einem Herd umgehen.«
Ich nicke.
Er holt tief Luft und massiert sich wieder den Nacken, dabei guckt er die ganze Zeit auf die Treppenstufen, und mir dämmert langsam, dass er tatsächlich gleich weggeht. Seit zehn Monaten leben wir in dieser Stadt, sind aber heute zum ersten Mal in diesem Haus und sollen von jetzt an hier leben.
»Ihr wisst ja sicher, Kinder, wieso ihr nicht mehr bei Carl bleiben konntet?« Er zögert. »Carl ist nicht zuverlässig. Hier seid ihr besser aufgehoben.«
Wir schweigen. Patrick räuspert sich. »Ich hab euch meine Handynummer und die Adresse aufgeschrieben, neben dem Telefon liegt für jeden von euch ein Zettel. Sorgt dafür, dass ihr den immer dabeihabt.« Wieder starrt er Birdie an, dann klopft er zweimal an die Wand und läuft die Treppe hinunter.
Birdie sucht sich ein Zimmer aus und verschwindet darin.
Im Flur ist es dunkel.
Irgendwo tickt eine Uhr.
Auf dem Weg hierher habe ich mir vorzumachen versucht, dass heute ein Wolfstag sei. Wolfstage waren Mamas größte Erfindung: spontane große Abenteuer. Aber so ein Wolfstag, das bedeutete, zu allem Ja zu sagen. Bei Patrick einzuziehen bedeutet: Nein zu allem.
Nein zu Eisbechern im Fry Shack.
Nein zu Modemagazinen für Birdie.
Nein zu kurzen Wegen in die Stadt.
Kann das wirklich wahr sein, dass Patrick Mamas Bruder ist?
5 Schlafzimmer, 0 Deko an den Wänden, abgesehen von einem Bild mit einem Flaschenschiff & einem anderen mit Holzenten
1 alter Hund namens Duke, ein Basset, der möglicherweise blind und auch taub ist
1 Kühlschrank (ohne Magnete):
3 Pfund tiefgefrorenes Hackfleisch, 2 Pfund tiefgefrorenes Elchfleisch, 2 Packungen Speck (1 davon tiefgefroren), 1 Tüte Tortillas, 1 Glas Mayo, 1 Glas Traubengelee, 1 Stück Cheddarkäse, 3 Päckchen Butter, 8 Eier, 4 Möhren, 1 Kohlkopf
2 Holzschränke ohne Türen:
9 Maxidosen Bohnen, 5 Dosen Thunfisch, 2 Schachteln Cornflakes (keine Milch), 1 Glas Erdnussbutter, 2 Zwiebeln, 1 Glas Nüsse und irgendetwas fest in Frischhaltefolie Gepacktes und mit einem kleinen Handtuch Abgedecktes.
1 zugewachsener Garten mit 1 großen, einsam aussehenden Eiche & 4 weiteren kleineren Bäumen
1 riesiger, kreisrunder Schuppen seitlich neben dem Haus (ein alter Kornspeicher, von dem man oben einen Teil abgetrennt hat, sagt Birdie – er hat so was mal zusammen mit Onkel Carl in einer Fernsehsendung gesehen, in der alte Wirtschaftsgebäude zu Wohnhäusern umgebaut wurden)
1 großes Irgendwas auf einem Anhänger neben dem Schuppen, zugedeckt mit einer riesigen Plane – ein Boot?
1 großes Wohnzimmerfenster, durch das jede Menge Licht hereinfallen könnte, man müsste nur mal die Vorhänge aufziehen
1 Holzofen, vor dem jede Menge Holzscheite und Anfeuerholz liegen (der einzige Ort im ganzen Haus, der ein bisschen was von einem Zuhause hat)
0 Hinweise darauf, dass Patrick mit Mama oder Onkel Carl oder irgendwem von uns verwandt ist
Nachdem ich ein bisschen ausgepackt habe, suche ich Birdie und finde ihn im Wohnzimmer, wo er auf der Sofalehne sitzt und durch das große Fenster hinausstarrt. Mit dem Gesicht ist er dicht an der Scheibe. Die Vorhänge sind aufgezogen, und Licht flutet herein.
»Ist dir kalt?«, frage ich. »Du siehst so aus.«
Er hat seine lila Jacke an und die Kapuze hochgezogen. Wir haben Oktober, und wegen der nahen Berge wird es langsam kühl, aber ich weiß nicht, ob ich jetzt schon im Haus eine Kapuze aufsetzen würde.
»Es ist so windig hier, aber ganz ohne Regen, anders als zu Hause. Es ist kalt, wenn man so am Fenster sitzt.«
»Warum sitzt du dann da?«
»Wenn man genau hier sitzt und hinausschaut, dann erinnert der Blick ein bisschen an unseren Vorgarten.«
Ich stehe hinter ihm, sehe aber nicht, was er sieht. Unser Grundstück hatte keinen Maschendrahtzaun ringsherum. Wir hatten hohe Rosenbüsche und einen kleinen Feigenbaum.
Mir ist nicht kalt, aber ich gehe zum Holzofen und baue eine kleine Brücke aus Holz, so wie Mama es mir beigebracht hat. Ich knülle Zeitungspapier zusammen und schiebe es zusammen mit Holzchips unter die Brücke. Dann zünde ich ein Streichholz an. Die Zeitungen fangen schnell Feuer, und einen Moment lang schaue ich in die Flammen, bevor ich die kleine Tür wieder schließe.
Brot gibt’s keins in der Küche, deshalb nehme ich Tortillas und bestreiche sie mit Erdnussbutter und Gelee. Ein früherer Freund von Mama machte das manchmal, bis sie mit ihm Schluss machte – ich bin sicher, die Tortillas waren schuld.
Als ich mit dem Essen ins Wohnzimmer zurückkomme, isst Birdie gerade ein Honey Bunny Bun.
»Hör auf, Birdie, ich hab uns was Richtiges zu essen gemacht.«
Birdie wirft einen Blick auf den Teller mit aufgerollten Tortillas, einem kleinen Häufchen Nüsse und ein paar Möhren.
»Ich glaube, ich hab keine Möhre mehr gegessen, seit wir von zu Hause weg sind«, sagt Birdie und isst sein Honey Bunny Bun auf. »Ich kann mich nicht einmal mehr erinnern, wie sie schmecken. Vermutlich nicht so gut wie Honey Bunny Buns. Was ist das da in den Tortillas – Erdnussbutter und Gelee?«
Ich glaube nicht, dass wir irgendein rohes Gemüse gegessen haben, seit wir nicht mehr zu Hause leben. »Du kannst nicht für immer und ewig von Honey Bunny Buns leben«, sage ich.
»Sagt wer?«
»Sage ich, deine kluge, allwissende Schwester, Expertin für Honey Bunny Buns.«
»Also, wenn hier irgendwer Experte für Honey Bunny Buns ist, dann ja wohl ich.«
»Ehrlich gesagt, ich glaube, in Wirklichkeit ist Onkel Carl der Fachmann.«
»Stimmt.«
Dann reden wir lange nichts mehr. Wir sitzen Seite an Seite auf der Rücklehne der Couch, schauen zum Fenster hinaus und essen unser Picknick. Im Holzofen knistert es leise, und endlich wird es warm genug, dass Birdie seine Kapuze absetzen kann.
Gerade will ich ihn fragen, was an dem Blick aus Patricks Fenster ihn so an zu Hause erinnert. Aber da sehe ich es auf einmal selbst. Vielleicht nicht genau dasselbe wie er. Doch das Feuer und die blöden Möhren, die wir bei Mama immer essen sollten, dazu die Tatsache, dass wir in einem richtigen Wohnzimmer auf einer richtigen Couch sitzen (einer Couch, auf der wir nachts nicht schlafen müssen), das alles gibt mir auf einmal das Gefühl, dass unser Leben mit Mama nicht nur ein Traum war, anders als ich es mir die letzten zehn Monate immer eingeredet habe. Wir haben wirklich in einem Haus gelebt. Wir hatten wirklich unsere eigenen Zimmer mit unseren eigenen Sachen, unser eigenes Leben. Das alles gab es wirklich.
Als ich höre, dass Patrick nach Hause kommt, gleich nach Sonnenuntergang, liege ich auf dem Teppich in Birdies Zimmer, während er seinen Ordner mit Modecollagen durchschaut. Er hat ihn selbst gemacht mithilfe von Ausschnitten aus Zeitschriften, Aufklebern und Gelstiften. Onkel Carl hat ihm einmal sogar einen ganzen Stapel neuer Modemagazine gekauft. Birdie nennt sein Werk das Buch der fabelhaften Ideen.
Als der Motor von Patricks Pick-up verstummt, richtet Birdie sich auf und tippt sich mit dem kleinen Finger ans Bein.
Dann geht die Haustür auf, und gleich hört man das Geklingel von Dukes Halsband.
Ich setze mich auf. Birdie und ich schauen zur Tür.
Jeder Schritt scheint ein Echo auszulösen, und ich merke, dass ich wieder die Luft anhalte, so wie morgens bei Onkel Carl.
Patrick erscheint, schaut kurz bei uns rein, wischt sich die Hände an einem grauen Halstuch ab und sagt: »In etwa einer halben Stunde gibt’s Essen.« Er nickt und verschwindet, und Birdie und ich schauen einander an.
»Sollen wir wirklich mit ihm zusammen essen?«, fragt Birdie.
»Ich fürchte, wir müssen.«
»Ich hab aber keinen Hunger.«
»Das kommt davon, dass du so viele Honey Bunny Buns isst.«
Er packt seine Sachen zusammen. »Weißt du noch, als wir zu Onkel Carl gezogen sind, wie viele Fragen er uns gestellt hat? Er wollte sogar wissen, wie das mit der Eidechse war, die wir gefangen hatten und im Garten freilassen mussten, weil Mama das wollte. Er wusste das echt noch. Woran Patrick sich wohl erinnert?«
»Patrick ist kein großer Redner. Wie hat Onkel Carl ihn genannt? Eine Riesenauster in Hosen.«
»Ich hab keine Lust auf ein Abendessen mit einer verschlossenen Auster. Schon gar nicht mit einer, die uns nicht leiden kann. «
Birdie holt seine Wutmütze hervor, die alte, glitzernde lila Strickmütze, die oben spitz zuläuft wie ein Elfenhut. Mama hat sie ihm gestrickt, als sie eine ihrer Strickphasen hatte, was so etwa einmal im Jahr passierte.
Ich nenn sie die Wutmütze, weil Birdie sie nur aufsetzt, wenn er wütend ist.
Als es Essenszeit wird, gehen wir nach unten, aber bevor wir die Küche betreten, fängt meine Nase etwas Vollkommenes auf, etwas ganz Wunderbares, aber ich kann es nicht einordnen.
Patrick steht an der Kücheninsel und schneidet einen großen, runden Laib Brot auf, der offenbar frisch aus dem Ofen kommt. Das war es also, was da in Frischhaltefolie unter einem Handtuch verborgen im Schrank lag – Brotteig. Wie klein das Brotmesser in Patricks großer Hand aussieht! Zwei Eisenpfannen, gefüllt mit Steaks, Zwiebeln und Brokkoli, stehen auf dem Tresen bereit. Wenige Schritte von Patrick entfernt liegt Duke am Boden.
Während er uns die Teller füllt, sieht Patrick Birdie und seine Wutmütze an. »Setzt euch.«
Er stellt zwei Teller vor uns hin, dazu Brot, Besteck und eine Küchenrolle. Automatisch schließe ich die Augen und sauge den Duft tief ein.
Einen Moment lang kommt mir der Gedanke, dass ich das Steak nicht essen sollte – Mama hielt nichts von rotem Fleisch.
Aber bevor ich noch merke, was ich da tue, habe ich schon den ersten Bissen im Mund.
Es ist perfekt.
Fast schon zu perfekt.
Und auf einmal wird mir klar, dass wir die letzten zehn Monate nichts anderes gegessen haben als Pommes vom Fry Shack, Instant-Nudeln oder Snacks aus dem Stop-and-Go.
Patrick setzt sich, wirft Duke ein paar Brocken zu und fängt an zu essen.
Birdie starrt auf seinen Teller, beide Arme hat er im Schoß liegen.
»Brauchst du Hilfe beim Schneiden?«, fragt Patrick mit einem Blick auf das Fleisch auf Birdies Teller. Als mein Bruder nicht antwortet, sieht Patrick mich fragend an, so als könnte Birdie womöglich kein Englisch verstehen und ich müsste übersetzen.
»Wir haben noch nicht oft Steak gegessen«, sage ich.
»Mag er kein Steak?«, fragt Patrick. Kann sein, dass er die Augenbrauen überrascht hochzieht, aber unter der tief heruntergezogenen Baseballkappe ist das schwer zu erkennen.
»Nein. So meinte ich das nicht«, sage ich.
»Carl hat gesagt, ihr bräuchtet kaum Hilfe beim Essen.« Patrick sieht Birdies Mütze an. »Ist dir kalt?«
»Er zieht sie nur einfach gerne an«, sage ich, »das hilft ihm, sich an Neues zu gewöhnen.«
Ich gebe Birdie ein Stück Brot mit Butter, und er knabbert daran.
Patrick ist schnell mit Essen fertig. Sofort steht er auf, spült die Pfannen ab und geht zur Haustür hinaus. Duke folgt ihm.
Seit Jahren hat Birdie darum gebettelt, einen Hund zu bekommen. Nur Pech, dass dieser Hund an niemandem interessiert ist als an Patrick.
Ich gehe zum Fenster, das zur Straße hinausgeht, und spähe zwischen den Lamellen hindurch. In dem runden Siloschuppen brennt Licht, und in diesem Lichtschein sieht das Gebäude aus wie ein Ufo.
Ich rufe Birdie, damit er kommt und sich die UFO-Beleuchtung anschaut, doch er antwortet nicht. Als ich mich umdrehe, sehe ich ihn am Mülleimer, wo er gerade sein Essen vom Teller kratzt.
»Birdie –«
»Ich hab Bauchschmerzen. Gute Nacht.«
Und so kommt es, dass ich allein in der Küche sitze, allein mit einer alten, grünen, tickenden Uhr und einem Loch in der Brust, das bis zum Mittelpunkt der Erde hinunterreicht.
Patrick ist über eine Stunde draußen, und als er schließlich ins Haus kommt, bleibt er unten.
Ich will mein Zimmer nicht verlassen, aber ohne ein Glas Wasser neben dem Bett kann ich nicht schlafen.
Als ich schließlich doch nach unten gehe, steht Patrick wieder an der Kücheninsel. Dieses Mal knetet er Teig.
Ich gehe zur Spüle und versuche nicht auf Patricks staubige Hände im Teig zu schauen.
Ich will schon gerade wieder gehen, da sagt er: »Die Sachen, die Birdie heute anhatte – waren das deine?«
»Alles, was er anzieht, gehört ihm«, sage ich.
Ich sehe zu, wie Patrick einen Teil des Teigs zur Seite legt. Dann nimmt er sich einen anderen, streut eine Handvoll Mehl auf die Arbeitsplatte, legt den Teig vor sich und fängt an ihn zu kneten.
Eine Brot backende Auster.
»Morgen erkläre ich euch ein bisschen mehr vom Haus. Wie ihr in der Küche Ordnung haltet. Außerdem ein paar Sachen über den Garten, zum Beispiel wo ihr die Asche hintut, wenn ihr wieder mal Feuer macht. Außerdem zeige ich euch die Waschmaschine und wo ihr Sachen zum Trocknen aufhängen könnt.«
»Okay.«
Ich überlege, ob ich jetzt wohl gehen kann.
Er wäscht sich die Hände an der Spüle. »Birdie braucht was Vernünftiges zum Anziehen«, sagt er. »Das scheint ein Teil seines Problems in der Schule zu sein.«
»Er hat kein Problem.«
»Siebenundzwanzig Fehltage sind ein Problem.«
»Aber das hat nichts mit seinen Klamotten zu tun.«
Patrick hört auf, sich die Hände abzutrocknen. »Seine Lehrerin sagt etwas anderes.«
»Mrs. Speckarm?« Das ist mir jetzt einfach nur so rausgerutscht, aber es schockt mich total, dass man Birdies Ärger in der Schule auf seine Kleidung schiebt. Andererseits war Birdies Lehrerin – die ihren Spitznamen ihren gewaltigen Oberarmen verdankt – noch nie ein Fan von ihm, seit wir letztes Jahr etwa Mitte Dezember dort aufgetaucht sind.
Laut Birdie war das Erste, was die Frau zu ihm sagte, dass er sein Täschchen nicht mit in die Klasse nehmen dürfe.
Zu Hause war Birdie immer der Liebling seiner Lehrerin gewesen, und so wusste er nicht, was er sagen sollte. Er weiß es bis heute nicht.
Patrick seufzt wieder und hängt das Handtuch neben die Spüle. »Jetzt, wo ihr hier lebt, werden sich ein paar Dinge ändern.« Er ruft Duke, der beim Klang seines Namens sofort aufspringt, und die beiden verlassen die Küche. Im letzten Moment bleibt Patrick noch einmal stehen und sagt: »Montag fahr ich euch beide zur Schule. Dann sprech ich mit Birdies Lehrerin. Wir werden schon eine Lösung finden. Sie hat bereits ein paar Ideen.« Bevor mir noch einfällt, was ich sagen könnte, gehen er und Duke raus und lassen mich mit den beiden Teigballen zurück.
Bei Mama durfte Birdie immer anziehen, was er wollte. Röcke oder Kleider zieht er nie zur Schule an, er sagt, sie seien unpraktisch, wenn man Dodgeball spielen will, ein anderes seiner Hobbys. Trotzdem fällt den meisten Leuten auf, dass Birdie sich anders anzieht als die meisten Jungen. Aber bis jetzt sind seine rosa oder lila T-Shirts, seine Schuhe in Regenbogenfarben und die Leggings mit einem Muster aus rosa Donuts und all das nie ein echtes Problem gewesen.
Aber es war auch noch nie ein Problem, Birdie dazu zu bewegen, zur Schule zu gehen. Ich drücke einen Finger in einen der Teigballen. Er ist weich und noch warm vom Kneten. Am liebsten würde ich ihn an die Wand knallen.
81 Bücher: Romane, Krimis, Biografien, Nachschlagebücher und 6 Gedichtbände, die ich selten aufgeschlagen habe (alle von Mama)
11 Beobachtungshefte
4 Pflanzen, übrig geblieben von einem Biologieprojekt
4 blinkende Lichterketten an einer Plastikpalme, von Birdies 7. Geburtstag
1 Schweizer Armeemesser
1 Schatzkiste mit Steinen und Muscheln
9 Brettspiele, plus 1, das ich mit 8 selbst gemacht habe
Mehrere Auszeichnungen für: Teilnahme bei naturwissenschaftlichen Ausstellungen, Buchstabierwettbewerb & Mathe-Olympiade
1 Sitzsack (zum Lesen)
1 Bankierslampe (Flohmarktfund) auf einem kleinen weißen Schreibtisch (den Mama irgendwo am Straßenrand entdeckt und dann für mich abgeschliffen und neu gestrichen hat)
1 freies Leben (auch wenn mein Zimmer nur halb so groß war wie das bei Patrick)
Janet Rosweiler als meine beste Freundin zu bezeichnen wäre ein bisschen gelogen. »Meine einzige Freundin«, sollte ich wohl sagen. Sie war der erste Mensch, den ich kennenlernte, als Patrick Birdie und mich nach Kalifornien geholt hat.
Das Haus, in dem Janet mit ihrer Mutter lebt, ist eigentlich ein Mobilheim, ein Trailer, aber ein doppelter auf einem riesigen Grundstück von rund achttausend Quadratmetern. Klingt schlimm, ist aber eigentlich richtig nett. Sie haben eine große Eiche und sechs große Zedern, und als ich zum ersten Mal hinkam, musste ich an unser Zuhause denken und spürte einen heftigen Schmerz in der Brust. Janet hat ihr eigenes Zimmer, und ihre Mutter hat zwei Jobs und ungefähr vier Freunde und ist kaum zu Hause. Was im Grunde heißt, dass Janet meistens sturmfreie Bude hat.
Ich bin bestimmt zwanzigmal zu Janet gelaufen, als wir noch in der Stadt wohnten, ohne zu wissen, dass Patrick gleich am Ende der Straße wohnte. Birdie und ich hatten sogar den Naturpark erkundet, der praktisch an seinen Garten grenzt, und hatten trotzdem keine Ahnung.
Heute, am Sonntag, sind Patrick und Duke schon vor Sonnenaufgang aus dem Haus gegangen. Birdie war noch in seinem Zimmer, also habe ich ihm einen Zettel unter der Tür durchgeschoben und ihn daran erinnert, dass ich zu Janet gehen würde. Meine Tennisschuhe knirschten leise auf dem Kies in der Einfahrt, als ich auf den Trailer zuging. Ich fragte mich, ob Janet überhaupt schon auf war, dabei hatte ich ihr versprechen müssen, pünktlich um neun Uhr bei ihr zu sein.
»He, du Trantüte, hast du am Sonntagmorgen nichts Besseres zu tun?«, brüllte Janet mir aus einem der Fenster entgegen.
»Ha! Du hast mir doch selbst gesagt, ich soll so früh kommen«, brüllte ich zurück.
