12,99 €
Hi, ich bin Birk und ich hab ein Problem. Wenn irgendjemand davon erfährt, ist mein Leben zu Ende. Birk schreibt auf einem Blog über sich und seine Welt. Eigentlich ist er ein ganz normaler Teenager – zumindest fast. Er ist 16 Jahre alt, mag seine Freunde, Zocken und Sport. Seit einiger Zeit ist er in das schönste Mädchen seiner Klasse verknallt und seine Eltern gehen ihm total auf die Nerven. So weit, so gewöhnlich. Doch Birk hat ein Problem, über das er nur anonym in seinem Blog sprechen kann. Und dieses Problem droht, sein bisheriges Leben völlig aus der Bahn zu werfen... Liv K. Schlett gelingt in diesem Roman ein überaus sensibles und einfühlsames Porträt eines jungen Mannes, der mit klischeehaften Rollenbildern und Stereotypen kämpft und sich erst verlieren muss um sich zu finden.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 326
Veröffentlichungsjahr: 2025
Ein Hinweis zu Beginn
Birk ist ein fiktives Werk, doch es behandelt Themen, die potenziell triggernd wirken können.
Eine Auflistung dieser Themen (Achtung, Spoiler!) sowie mögliche Hilfestellen findet ihr hinten im Buch.
Euer Magellan Verlag
Ich schreibe diesen Blog für Carl. Also eigentlich für alle außer Carl, denn Carl ist tot. Er wird keine einzige von diesen Zeilen lesen. Also ist »für« vielleicht das falsche Wort. Aber ich schreibe diesen Blog wegen ihm. Weil ich nicht will, dass es umsonst war, versteht ihr? Weil ich nicht will, dass es noch einen Carl gibt und noch einen und noch einen, zehn, hundert, tausend Carls.
Versteht ihr?
Nein, ihr versteht es nicht. Noch nicht. Aber dafür ist dieser Blog ja da.
Eingestellt von BIRK, 22:35 Uhr
Eigentlich bin ich ein ganz normaler Teenager, zumindest fast. Ich bin sechzehn Jahre alt und gehe in die zehnte Klasse, im Herbst fängt die Kursstufe an. Ich mag meine Freunde, Zocken und Sport. Und ich habe ein Nachtproblem. So hat es meine Mum früher genannt. Klingt doch nett, oder?
Aber von vorne.
Es fing kurz nach meinem Geburtstag wieder an, von einem auf den anderen Tag. Ich bin an einem Dienstag sechzehn geworden, also an einem Schultag. Hatte die Nacht davor nicht gut geschlafen, weil ich bis spät wach war und gezockt habe – das neue Update von Gravity League – und erst ins Bett gegangen bin, als meine Mutter um kurz nach eins in mein Zimmer reinplatzte, mit schlafverwuschelten Haaren und ihrem strengen Ich-mussdich-erziehen-junger-Mann-Blick. Ihre Lippen presst sie dabei immer so aufeinander, dass sie sich irgendwie kräuseln, was ich einfach nicht ernst nehmen kann.
Trotzdem zog ich mir das Headset vom Kopf und tat zerknirscht, als sie mir erklärte, dass sie gerade aufs Klo gehen wollte und dabei gehört hatte, dass ich immer noch mit meinen Spielfreunden redete. Sie sagte tatsächlich »Spielfreunde«, was klang, als wären wir eine Krabbelgruppe. Ich stellte mir GladiatorX und Momo als Babys mit vollautomatischen Waffen vor und musste ein Grinsen unterdrücken. Grinsen kommt nicht so gut, wenn man gerade zurechtgewiesen wird, das ist, wie Benzin in ein Feuer zu kippen. Mum fühlt sich dann nämlich nicht respektiert und schimpft noch mehr, also hielt ich meine Gesichtszüge unter Kontrolle.
»Es ist mitten in der Nacht!«, regte sie sich auf. »Und morgen ist Schule!«
»Tut mir leid«, log ich. »Ich mach aus.«
Sie schüttelte den Kopf und blieb im Zimmer stehen, bis ich mich von meinen Mitspielern verabschiedet und den PC runtergefahren hatte. Dann ging sie zur Tür, drehte sich aber noch mal um, bevor sie rausging.
»Happy Birthday«, sagte sie und lächelte sogar ein bisschen.
Ich grinste zurück.
»Und jetzt ab ins Bett.«
Fünf Stunden später musste ich schon wieder aufstehen. Außer mir war niemand wach, und als ich mir in der Küche Cornflakes in eine Müslischale schüttete und sie mit Milch übergoss, dachte ich an früher, als Mum an meinem Geburtstag immer vor mir aufgestanden war, egal, wie früh ich zur Schule musste, und einen Tisch mit Geschenken und Kerzen vorbereitet hatte. Meine Geschwister waren dafür auch immer aufgestanden, sie hatten mit müden Gesichtern ein schiefes Happy-Birthday-to-you gesungen und neidisch zugeschaut, wie ich meine Geschenke auspackte. Meine kleine Schwester Lina auf dem Schoß meiner Mutter, mein großer Bruder Daniel immer schon mit einem Nutella-Brot in der Hand. Nur mein Dad war nie dabei gewesen, weil er entweder noch Nachtschicht hatte oder tief und fest schlief und meine Mutter ihn nicht wecken wollte.
An meinem sechzehnten Geburtstag hingegen saß ich alleine an dem hässlichen Küchentisch mit der Glasplatte und dem weiß lackierten Rahmen, schaufelte mir Cornflakes mit kalter Milch rein, die sich in meinem Mund in Matsch verwandelten, und hing den abgenutzten, leicht verschwommenen Erinnerungen vergangener Tage nach. An meinem sechzehnten Geburtstag fühlte ich mich genauso müde wie damals und mir war genauso kalt, weil meine Mum in der Küche und im Wohnzimmer über Nacht immer das Fenster gekippt lässt. Und trotzdem war alles anders als früher. Mit dreizehn hatte ich meinen letzten morgendlichen Geburtstagstisch bekommen, jetzt gab es die Geschenke nach dem Mittagessen, meistens einfach Geld in einem Briefumschlag. Ich war gewachsen, hatte angefangen, meine Klamotten selbst zu kaufen, und fragte meine Mutter nicht mehr um Erlaubnis, wenn ich meine Freunde treffen wollte. Ich war kein Kind mehr.
Und als ich jetzt aufstand, um die übrige, pappsüße Cornflakes-Milch in den Abfluss zu gießen, konnte ich mich nicht entscheiden, ob das gut war oder schlecht. Eher gut. Glaube ich. Wenn mir jemand eine Pistole an den Kopf halten und von mir verlangen würde, dass ich mich entscheiden muss, dann würde ich sagen, es ist gut. Trotzdem ist es seltsam, sein altes Ich mitsamt all den kleinen Regeln und Traditionen zurückzulassen, so wie ich meine Müslischale in der Spüle zurückließ, als ich an diesem sechzehnten Geburtstagsmorgen los zur Schule ging.
Aber wisst ihr, was toll daran ist, älter zu sein? Mädchen. Auch wenn sie einen richtig hart abfucken können, ist es irgendwie viel cooler, Mädchen toll zu finden, als sie komisch und nervig zu finden wie früher. Aber ich finde immer noch krass, wie schnell der Wandel kam. Henrik war der Erste gewesen, der eine Freundin hatte, mit vierzehn, und innerhalb eines Jahres hatten alle aus meinem Freundeskreis zum ersten Mal geküsst oder eine Beziehung gehabt. Alle außer ich.
Was nicht daran lag, dass ich kein Interesse daran gehabt hätte, aber irgendwie hat es nicht geklappt. Obwohl sogar immer mal wieder Mädchen auf mich standen und sich mit mir treffen wollten, aber sie waren alle nicht die, die ich wollte. Denn seit mir klar geworden ist, dass Mädchen toll sind, bin ich in Kathy verliebt. Also seit etwa zwei Jahren. Sie ist eine der besten Schülerinnen in meiner Klasse und der Deutschlehrer liest regelmäßig ihre Klassenarbeiten als Positivbeispiel vor. Sie ist wirklich klug. Außerdem sieht sie unglaublich gut aus und hat eine durchtrainierte Figur, weil sie fünfmal die Woche zum Balletttraining geht. Deshalb hält sie sich auch so gerade, all ihre Bewegungen sind bewusst und kraftvoll und trotzdem mühelos elegant, es ist ganz schön einschüchternd. In der Zeit, seit ich einen crush auf sie habe, hat sie fast alle Jungs abgewiesen, die was von ihr wollten. Und ich habe im Gegenzug alle Mädchen abgewiesen, die was von mir wollten. Ich hätte Kathy einfach mal ansprechen müssen, viel hatte ich ja nicht zu verlieren, aber ich nahm es mir seit zwei Jahren vor und hatte mich einfach nicht getraut. Erbärmlich, ich weiß. Aber an diesem sechzehnten Geburtstag sollte sich das ändern.
Wenn Kathy nicht gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich einfach eine Übernachtungsparty mit meinen Kumpels gemacht, mit Computerspielen, Pizza und ein paar Bier. Aber es war die perfekte Gelegenheit, richtig Party zu machen und Kathy zu fragen, ob sie kommen wollte. Alle meine Leute hatte ich schon eingeladen, am Samstagabend mit mir im Area 14 zu feiern. Fehlten nur noch Kathy und ihre Freundinnen.
Die ganze Zug- und Busfahrt zu meiner Schule ging ich in meinem Kopf durch, wann und wie ich sie fragen konnte. Vor der ersten Stunde? In der Pause? Ich war richtig krass nervös, schlimmer als vor einer Klassenarbeit, viel schlimmer. Mir war richtig schlecht, als ich das hässliche Schulgebäude mit dem versifften, gelblichen Beton und den dunkelrot umrahmten Fenstern betrat.
Sorry, Leute. Ich muss für heute aufhören. Es ist echt spät und ich hab morgen wieder früh Schule. Es tut mir leid, dass ich alles hier so ausschweifend erzähle, aber ich möchte es richtig machen. Ich möchte, dass ihr mich kennenlernt, so richtig. Dann verurteilt ihr mich vielleicht nicht so schnell oder stempelt mich ab.
Außerdem will ich nicht ins Bett.
Ich hab Angst.
Aber ohne Schlaf geht's halt auch nicht.
Eingestellt von BIRK, 02:18 Uhr
Ich hasse es. Ich hasse es. Ich hasse es.
Eingestellt von BIRK, 06:21 Uhr
1 Kommentar:
supernova
17. Mai, 08:33
Erstmal herzlich willkommen hier
Weiter im Text. Auch wenn mir erst zwei Leute hier folgen (Danke! Das bedeutet mir echt viel.), ich will alles der Reihe nach erzählen.
An meinem Geburtstag bin ich also zur Schule mit dem festen Vorsatz, Kathy zu meiner Geburtstagsfeier einzuladen. Ich bin hoch zum Naturwissenschaftsraum, weil wir dienstags die ersten zwei Stunden Bio haben. Genau wie in den anderen Fächern sitze ich ganz hinten mit Henrik, Fabi und Nils. Namen von der Redaktion geändert, btw. Alle anderen auch.
Fabi war schon da, die anderen beiden würden bestimmt wieder zu spät kommen, so wie meistens, weil sie oft vor dem Unterricht noch einen durchziehen.
Fabi stand auf, gab mir einen Handschlag.
»Und?«, fragte er.
Ich ließ meinen Rucksack auf den Boden fallen und setzte mich auf meinen Platz hinter dem klobigen weißen Tisch mit den Gas- und Stromanschlüssen.
»Und was?«
»Wie fühlt es sich an mit sechzehn?«
»Du bist selber sechzehn, du Clown.«
Fabi lachte. Dabei kriegt er immer Falten um die Augen und zeigt seine blitzenden weißen Zähne. Alle Mädchen in der Klasse stehen auf ihn. Er sieht aber auch echt gut aus, groß, mit dunkelblonden, leicht lockigen Haaren, und obwohl ich schon fast ein ganzes Jahr ins Fitnessstudio gehe und Fabi erst seit sieben Monaten, hat er schon mehr Muskeln aufgebaut als ich.
»Jetzt kannst du legal Bier kaufen«, sagte Fabi. »Und mit dem Führerschein anfangen.«
»Mmh«, sagte ich, aber ich hörte nicht richtig zu, weil Kathy den Raum betrat, wie immer mit ihren Freundinnen.
Man sah sie nie allein irgendwo. Mein Mund wurde ganz trocken und ich konnte nicht anders, als sie anzustarren. Heute trug sie eine enge blaue Jeans mit hohem Bund und dazu ein gestreiftes Crop Top. Man konnte einen schmalen Streifen heller Haut zwischen Hose und Oberteil sehen und das machte mich einfach verrückt. Ihre blonden Haare fielen in Wellen über ihre Schultern und ihre blauen Augen blitzten aufmerksam. Ich hatte sie noch nie müde gesehen, sie wirkte immer frisch und wach, anders als viele andere in unserer Klasse, die morgens mit verquollenen Gesichtern im Halbschlaf in der ersten Stunde saßen.
Als Kathys Augen zu mir und Fabi rüberzuckten, schaute ich schnell weg. Meine Wangen wurden heiß. Scheiße.
Fabi boxte mit der Faust gegen meine Schulter und wackelte mit den Augenbrauen. Ich boxte zurück.
»Ich frag sie heute«, beantwortete ich seine unausgesprochene Frage, auch wenn ich keine Ahnung hatte, wie ich das schaffen sollte. Jedenfalls nicht mehr vor der Doppelstunde, denn der Lehrer kam rein und begann den Unterricht.
Herr Böhm ist ganz cool, man muss eigentlich gar nicht mehr für Klassenarbeiten lernen, weil er am Ende der Stunde alles noch mal zusammengefasst wiederholt. Außerdem denkt er sich dauernd irgendwelche Spiele aus, für die Veranschaulichung, wo wir dann Zelle spielen müssen oder so etwas. Richtig albern, man fühlt sich wie im Kindergarten, aber immerhin merkt man es sich gut.
Von Herrn Böhm kriegten Henrik und Nils auch keinen Anschiss, als sie zehn Minuten nach dem Läuten reinkamen und sich zu Fabi und mir setzten. Aber er warf ihnen einen vorwurfsvollen Blick zu und notierte etwas in das Klassenbuch. Dann fuhr er fort, über Erbgut und Zellteilung zu sprechen.
Henrik und Nils grinsten mich an.
»Alles Gute zum Geburtstag!«, flüsterte Nils.
Der Geruch von Weed zog zu mir rüber und ich fragte mich wieder einmal, ob die Lehrer das nicht checkten oder ob es ihnen einfach egal war. Jedenfalls grinste ich zurück, konzentrierte mich dann aber wieder auf meine Notizen. Zumindest, wenn ich nicht gerade zu Kathy rüberschaute, die in ihr Heft malte. Denn dann dachte ich nicht an Chromosomen und diesen ganzen Scheiß, sondern an den nackten Streifen Haut an ihrem Rücken.
Die Stunde ging viel zu langsam rum und gleichzeitig viel zu schnell. Der Zeiger an der Uhr schien wie festgeklebt, aber dann läutete es schon. Und ich wünschte mir, es wäre noch nicht Pause, denn ich hatte mir vorgenommen, es hinter mich zu bringen. So schnell wie möglich.
Jetzt.
Die ganze Klasse packte ihre Sachen ein und wir gingen runter auf den Hof, wo die Luft schon erfüllt war von Reden und Rufen und Musik, die irgendjemand von seinem Handy abspielte.
Kathy und ihre Freundinnen gingen zu ihrem üblichen Platz auf der Wiese hinter dem Hauptgebäude, ganz hinten, wo die Bäume standen. Sie setzten sich aber nicht in den Schatten, sondern in die Sonne, in der Kathys Haare leuchteten wie Gold. Ich schaute ihnen hinterher.
»Jetzt?«, fragte Fabi.
Ich nickte.
»Und brauchst du uns als Babysitter oder was?«, sagte Henrik.
»Ich –«
»War nur Spaß.«
Henrik grinste und gab mir einen leichten Schubs. Dann steuerten wir zu viert auf die Mädelstruppe zu.
Sie bemerkten uns und eine von Kathys Freundinnen – Pauline – kicherte und tuschelte etwas in Sabrinas Ohr. Oh man. Ich spürte, wie ich rot wurde, und wäre am liebsten wieder umgekehrt, aber dann hätten sowohl Kathy als auch meine Kumpels mich für den größten Loser ever gehalten und das ging auch nicht klar.
Also blieben wir vor den Mädchen stehen und schauten auf sie runter. Vielleicht hätten wir uns einfach dazusetzen sollen, aber das hab ich mich nicht getraut. Jedenfalls standen wir dann so da und das war ganz schön dämlich.
Kathy schaute mich mit ihren großen blauen Augen an und der Satz, den ich geübt hatte (»Hey, ich feier am Samstag Geburtstag, willst du kommen?« in einem ganz lässigen, fast desinteressierten Ton), war plötzlich nicht mehr da. Wie gelöscht aus meinem Gehirn. Ich wusste überhaupt nicht, was ich sagen sollte, also glotzte ich sie einige Sekunden lang nur an, bis Fabi sich erbarmte und »Na, was geht?« zu den Mädels sagte und ihnen zunickte, woraufhin Sabrina verträumt zu lächeln begann und Paulines Wangen sich rosa färbten. Warum war ich nicht so cool wie er?
»Ich –«, brachte ich unter größter Anstrengung hervor.
Mein Herz klopfte, als stünde ich kurz vor einer mündlichen Prüfung, und irgendwie war es ja auch so, jedenfalls schaute Kathy mich so durchdringend an, als würde sie tatsächlich überlegen, welche Note sie mir geben sollte.
»Am Samstag komme ich –«, sagte ich.
Verdammt.
»Ich meine, du kommst –«
Jetzt fing Pauline wieder an zu kichern und ich wischte meine schwitzigen Hände an meiner Jeans ab.
»Am Samstag feier ich Geburtstag«, sagte ich. »Im Area 14. Du kannst auch kommen. Ich meine, ähm –«
Mit einer fahrigen Bewegung deutete ich auf ihre Freundinnen.
»Ihr könnt alle kommen.«
Kathy lächelte.
»Wie großzügig«, sagte sie und ihr Tonfall war nett, aber ich glaube, es war nicht nett gemeint.
»Seid ihr auch da?«, fragte Pauline mit Blick zu Fabi und den anderen.
»Klar!«, sagte Henrik. »Wird richtig cool!«
Pauline und Sabrina schauten sich an, dann strahlten sie uns entgegen.
»Wir kommen auf jeden Fall!«, sagte Sabrina. »Oder, Kathy?«
Kathys Blick ruhte immer noch auf mir. Halb lächelnd legte sie den Kopf schief.
»Hm«, sagte sie. »Ich glaube nicht.«
Toll, oder? Allen Mut zusammengenommen und dann das, alles für nichts. Ich stand stocksteif da, während Kathy lächelte. Sie machte sich nicht mal die Mühe, mir zu erklären, dass sie schon was vorhätte oder sowas. Nein, sie sagte einfach »Ich glaube nicht« und lächelte und es fühlte sich an, als wären diese drei Worte spitze Klingen, die sie mir in den Bauch rammte. Okay, das ist vielleicht etwas überdramatisiert. Aber ich war crushed. CRUSHED.
Nach ein paar Sekunden gewann ich immerhin die Kontrolle über meinen versteinerten Körper zurück und schaffte es wegzugehen ohne ein weiteres Wort.
Loser. Loser. Loser.
Meine Kumpels kamen hinterher. Wir verließen den Hof und steuerten auf die riesigen Mülltonnen zu, die schräg gegenüber der Schule am Straßenrand standen. Eine blau, eine schwarz, an drei Seiten von Betonmauern eingeschlossen. Dahinter war ein dichter Streifen Bäume und Büsche, bevor auf der anderen Seite die Grünfläche eines Parks begann, deshalb konnte man sich zwischen der Betonmauer und den Bäumen ganz gut aufhalten, ohne dass man vom Park oder von der Schule aus gesehen wurde. Hier kifften Henrik und Nils immer und auch jetzt steckten sie sich wieder einen an. Als Nils mir den Joint hinhielt, nahm ich auch ein paar Züge, obwohl das Zeug bei mir nicht wirkt.
»Tja«, sagte Nils, nachdem wir eine Weile schweigend dagestanden hatten. »Du musstest dir halt unbedingt die Eiskönigin aussuchen.«
Ich verzog meinen Mund zu einem freudlosen Grinsen.
Meinen Geburtstag hatte ich mir echt anders vorgestellt.
Eingestellt von BIRK, 17:56
1 Kommentar:
ba lu
17. Mai, 20:12
Oh man, das tut mir echt voll leid zu hören.
Und danke für deinen Kommentar, grundsätzlich weiß ich schon, dass ich nichts dafür kann, aber es fühlt sich manchmal trotzdem so an … Freut mich, dass dir der Text gefallen hat
Sorry, musste vorhin noch mal unterbrechen. Meine Mum hat zum Abendessen gerufen. Ich hasse es ja, wenn man von mir verlangt, sofort alles stehen und liegen zu lassen. Weil ich noch zwei, drei Sätze getippt und den Blogpost abgeschickt habe, kam ich fünf Minuten zu spät an den Tisch und meine Mutter war total angepisst, dabei hab ich ihr schon oft gesagt, dass sie mir einfach eine 10-Minuten-Vorwarnung geben soll. Dann kann ich in Ruhe fertig machen, womit ich gerade beschäftigt bin, und komme pünktlich zum Essen. Aber anscheinend juckt sie das nicht, sie ruft mich lieber, wenn alles fertig ist, und motzt mich dann an, wenn ich zu spät komme.
Jedenfalls war meine Mutter genervt und ich war auch genervt und irgendwie war die Stimmung ganz schön im Arsch. Mein Vater trank Kaffee und fragte meinen Bruder, wie es mit der Wohnungssuche lief – er zieht im Herbst nämlich zum Studium weg –, aber der war ebenfalls genervt und gab nur einsilbige Antworten, was wiederum meinen Dad nervte, und irgendwann schwiegen wir alle und das war ganz schön scheiße.
Meine kleine Schwester aß ihr Käsebrot nicht auf und ich konnte total verstehen, dass sie bei den Fressen, die alle zogen, einfach keinen Appetit hatte, aber meine Mum verstand das nicht und schimpfte, bis Lina heulend in ihr Zimmer verschwand. Ich stellte meinen Teller in die Spüle und ging ihr hinterher, um sie ein bisschen zu trösten.
»Sie muss lernen, dass sie sich an Regeln zu halten hat«, rief meine Mutter mir hinterher. »Betüddel sie nicht immer so!«
Betüddeln? Ich schüttelte den Kopf. Die hatten hier doch alle einen Vollschaden.
Ich fand Lina schniefend eingerollt auf ihrem Bett mit der Spiderman-Bettwäsche und setzte mich zu ihr. Sie hielt ihr Lieblings-Stofftier im Arm, einen Wüstenfuchs, der mehr wie ein Chihuahua aussah. Ich hatte ihn ihr vor drei Jahren im Zoo geschenkt, zu ihrem siebten Geburtstag, und es machte mich immer ganz weich innerlich, wenn ich sie damit sah.
»Was hast du heute für eins?«, fragte Lina und zog die Nase hoch.
Immer wenn meine Eltern oder mein Bruder sie zum Weinen bringen und ich sie trösten muss, bringe ich ihr ein neues Schimpfwort bei. Keine richtig schlimmen, sie ist ja noch ein Kind, aber es muntert sie immer auf.
Ich legte den Kopf schief und sah die posterbehangenen Wände an, während ich nachdachte. Lachende Popstars mit wuscheligen Haaren schauten mir entgegen, dazwischen Sprüche wie Be a pineapple. Stand tall. Wear a crown. And be sweet on the inside.
»Arschgeigen«, sagte ich dann.
Meine Schwester setzte sich auf.
»Arschgeigen?«
»Alles Arschgeigen«, bestätigte ich.
Nachdem ich Lina getröstet hatte, war ich noch mit Fabi trainieren. Eigentlich wollten Nils und Henrik auch kommen, aber die tauchten nicht auf, sagten uns auch nicht ab. Es war schon sieben Uhr, als Fabi und ich uns an den Cardio-Geräten aufwärmten, er auf dem Laufband, ich auf dem Crosstrainer. Danach zog jeder sein eigenes Ding durch. Mit Musik auf den Ohren absolvierte ich mein Ganzkörpertraining, bis Fabi mich bat, ihn bei seinen Bizeps Curls zu filmen.
Er ist ein ziemlicher Poser und hat mehrere Tausend Follower auf Instagram. Und irgendwie finde ich das cringe, also die ganzen Selfies und TikToks, die er ständig postet, andererseits bin ich auch ein bisschen neidisch auf sein gutes Aussehen, seine Muskeln, auf die ganzen Komplimente, die er kriegt. Wenn ich so gut aussehen würde wie er, dann wäre ich vielleicht auch selbstbewusster.
Ich warf einen Blick zu der verspiegelten Wand und sah einen blassen, dunkelhaarigen Jungen mit langen, dünnen Armen und Beinen, der seinen muskulösen Freund filmte und zwischen den ganzen Hanteln und Gewichten ziemlich fehl am Platz wirkte.
Anyway.
Die zwei Tage nach meinem Geburtstag, Mittwoch und Donnerstag, liefen total ereignislos ab. Ganz normal Schule, außer dass mich die Abfuhr von Kathy schwer getroffen hatte und ich sie kaum anschauen konnte. Merkwürdigerweise hatte ich aber das Gefühl, dass sie mich dafür öfter ansah. Aber vielleicht bildete ich mir das nur ein, weil ich immer so angestrengt wegguckte, in meinen Gedanken aber trotzdem die ganze Zeit bei ihr war.
»Scheiß auf die«, hatte Henrik am Tag zuvor gesagt und ich würde das ja gerne, wirklich, aber es ging nicht. Ich zählte in meinem Kopf auf, was mir an ihr nicht gefiel, ihre leichte Hochnäsigkeit, diese komischen Acryl-Nägel, aber es brachte nichts. Sie ging mir einfach nicht aus dem Kopf.
Am Mittwoch gingen Henrik, Nils, Fabi und ich nach der Mittagsschule zum Skatepark – wobei Park übertrieben ist für den winzigen Platz mit einem kleinen, in den Boden eingelassenen Pool und einer Handvoll Rails, aber für ein paar Tricks reichte es. Außerdem skateten wir meistens eh bloß die Hälfte der Zeit, man konnte dort auch einfach gut abhängen und sich unterhalten.
Und am Donnerstag gingen wir – diesmal sogar alle zusammen – ins Fitnessstudio.
Und ich hab einfach nicht damit gerechnet, wisst ihr? Wieso auch? Gab ja keinen Grund dafür. Es kam total überraschend und ich wünschte … ich wünschte, ich könnte in der Zeit zurück und irgendetwas anders machen, damit ein Paralleluniversum entsteht, in dem das alles nicht passiert. Es ist nämlich echt zum Kotzen. Und super peinlich.
Ich tippe und lösche jetzt seit einigen Minuten, ich weiß einfach nicht, wie ich es formulieren soll. Vielleicht lösche ich den Blog auch einfach wieder. Ich … ich entscheide das morgen. Ich krieg es gerade einfach nicht hin, das aufzuschreiben.
Sorry.
Eingestellt von BIRK, 01:22
1 Kommentar:
»
black.butterfly
18. Mai, 12:11
Also ich fänds schade, wenn du den Blog wieder löschst, aber mach, wie es besser für dich ist
Okay, es war so. Am Donnerstagabend bin ich ganz normal ins Bett gegangen, wie gesagt, nach einem ganz normalen Tag. Abends war die Stimmung beim Essen mit meiner Familie sogar ganz erträglich, Lina erzählte relativ ausgelassen von ihrem Tag, sie hatte eine Eins in Deutsch gekriegt und nach der Schule in der Stadt mit ihren Freundinnen »super cute« Schuhe gefunden. Und weil meine Mum einen großzügigen Tag zu haben schien, nickte sie meinem Dad bedeutsam zu, der daraufhin zur Kommode ging und Lina zwei Zwanziger aus seinem Geldbeutel überreichte.
Ach, es tut mir leid, Leute, ich schweife schon wieder ab. Aber ich hab beschlossen, den Blog nicht zu löschen. Ich will ja etwas erreichen, für Carl. Und für alle anderen wie ihn. Und für alle wie mich.
Also gut. Ich bin am Freitagmorgen aufgewacht, lange bevor ich aufstehen musste. Das passiert mir nicht so oft, selbst drei verschiedene Wecker schaffen es sonst nur mit Mühe, dass ich morgens aus dem Bett komme. Ich hab schon im Schlaf gemerkt, dass etwas anders ist. Keine Ahnung, was ich geträumt habe, aber ich erinnere mich an ein Gefühl, das kalt und warm zugleich war, und an den Schreck, mit dem ich hochgefahren bin.
Die Haut auf meinem Gesicht und an meinen Händen war eiskalt, was nicht ungewöhnlich war, weil ich am besten mit offenem Fenster schlafen kann. Aber unter der Bettdecke war es warm. Wärmer als sonst. Und es fühlte sich … es fühlte sich nass an.
Ich starrte einen Moment lang in das dunkle Zimmer, bewegte mich nicht, nur mein Herz klopfte und mein Magen verkrampfte sich. Das ist nicht echt, sagte ich mir, du träumst immer noch. Ich schloss die Augen kurz, aber dann öffnete ich sie wieder. Denn ich wusste, es war kein Traum. Es war wieder passiert.
Dazu müsst ihr wissen, dass ich bis zu meinem elften Lebensjahr ins Bett gemacht habe. Pissbaby hat mich mein großer Bruder immer genannt. Das Wort schoss mir auch jetzt wieder in den Kopf.
Pissbaby. Pissbaby. Pissbaby.
Niemand wusste so genau, warum es aufgehört hatte, aber es war wie eine Befreiung für mich gewesen. Etwa ein halbes Jahr lang hatte ich immer noch jede Nacht Angst gehabt, dass es zurückkam. Dass es wieder losging. Aber irgendwann hatte ich wirklich geglaubt, dass es weg war. Und das war der Anfang einer neuen Ära, in der ich wirklich zu mir wurde, ohne die ständige Angst, die ständige Scham, ohne das Gefühl des Versagens, das mich jeden Tag begleitet hatte.
Aber jetzt. Fünf Jahre später. War es wieder passiert.
Ich schluckte. Dann – ich fühlte mich dabei wie ein Roboter, ganz mechanisch, gefühlskalt – zog ich das Bett ab. Ich schlich durch den dunklen, kalten Flur zur Waschmaschine und stopfte alles hinein, auch Jogging- und Unterhose. Wenn ich in zwei Stunden das Haus verließ, um zur Schule zu gehen, würde ich das Waschprogramm starten.
Ich bekam eine Gänsehaut, als ich mit nacktem Unterkörper durch den Flur schlich, nachdem ich mich kurz gewaschen hatte. Mit angehaltenem Atem huschte ich zu meiner Zimmertür. Was, wenn jetzt jemand aus seinem Zimmer kam und mich so sah? Aber alles blieb ruhig.
Zurück im Zimmer zog ich mir frische Boxershorts und die Jeans vom Tag zuvor an, dann hievte ich die Matratze aus dem Bett und lehnte sie quer gegen das offene Fenster, sodass die Stelle in der Mitte, wo Pisse eingesickert war, möglichst gut trocknen und durchlüften konnte.
Dann stand ich einen Moment lang einfach nur da und wusste nicht, was ich machen sollte. Am liebsten hätte ich mich wieder schlafen gelegt, aber das ging nicht, die Matratze war ja nass. Außerdem spürte ich schon jetzt wieder die Angst, wie früher. Die Angst vor dem Schlaf, sie war mit einem Schlag wieder da.
Damals hatte sie sich erst langsam entwickelt, war über die Jahre gewachsen, bis ich mit neun oder zehn angefangen hatte, das Einschlafen hinauszuzögern. Hatte geweint, wenn meine Mutter mir spätabends das Buch oder den Nintendo weggenommen hatte. Denn ich wollte nicht schlafen, ich hatte solche Angst, morgens wieder eingepisst aufzuwachen. Angst vor dem Ausdruck auf dem Gesicht meiner Mutter, resigniert, aber auch leicht genervt, als würde ich das mit Absicht machen. Angst vor den roten Smiley-Aufklebern, die meine Mutter an einen Kalender klebte, immer wenn es passiert war.
Ich weiß noch genau, wie dieser Kalender aussah, rechteckig, mit Spalten für jeden Tag, zu schmal für ganze Smileys, sodass sie immer etwas versetzt aufgeklebt werden mussten und sozusagen eine Wellenbewegung machten. Er hing innen an meiner Zimmertür und war so rot, rot, rot, mit nur wenigen grünen Tagen, und ich hasste ihn, wie er da hing und mich verhöhnte und ich hasste meine Mutter, jedes Mal, wenn sie einen weiteren roten Sticker draufklebte. Und ich hasste die Nacht und ich hasste den Schlaf und ich hasste mich, weil ich ein Pissbaby war.
All die Erinnerungen flackerten vor meinem inneren Auge, all die Arztbesuche, die Windeln, die ich nicht hatte anziehen wollen, die Gummimatte auf meinem Bett, diese sinnlose Klingelhose, die mich durch einen Sensor wecken sollte, wenn sie nass wurde, und immer wieder diese roten Aufkleber und der Blick meiner Mutter, und das hämische Gesicht meines Bruders und seine vor Schadenfreude verzerrte Stimme, die durch die ganze Wohnung drang. Es war, als ob diese Stimme immer noch von den Wänden widerhallte, als ob ich sie immer noch hören konnte.
Pissbaby!
Pissbaby!
Pissbaby!
Eingestellt von BIRK, 13:47
5 Kommentare:
ba lu
18. Mai, 19:32
Ich finde es total mutig von dir, darüber zu schreiben! Eigentlich sollte man sich dafür nicht schämen müssen, das ist doch scheiße, es ist einfach nur ein Problem, das man hat.
Und sorry, aber was ist dein Bruder denn für ein Wichser? Solche Leute check ich einfach nicht.
Und wegen deinem Kommentar: Nein, ich wohne nicht mehr in der Wohngruppe. Hab's irgendwann nicht mehr ausgehalten und bin doch zurück zu meiner Mutter. Da ist es zwar auch nicht immer so gut auszuhalten, aber irgendwie fühlt es sich trotzdem ein bisschen mehr nach zu Hause an, also im Moment geht das schon ...
4 weitere »
Oh man. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie das war gestern, diesen Post zu veröffentlichen. Mein Herz hat so schnell geklopft, meine Hände waren nass vor Schweiß. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sofort etwas ganz Schlimmes passieren würde, sobald ich auf »Veröffentlichen« klicke. Ich saß bestimmt zwanzig Minuten vor dem PC und hab das Browserfenster angestarrt, auf dem mein Blog geöffnet war. Hab die Seite immer wieder aktualisiert.
Ich hab mir gesagt, sobald der erste »Du Opfer!«-Kommentar kommt, lösche ich den Post. Lösche ich den ganzen Blog. Aber es kam nichts. Und es war auch völlig bescheuert von mir, zu denken, dass es gleich einen Riesenshitstorm gibt, wo hier doch erst eine Handvoll Leute mitlesen. Aber trotzdem konnte ich mich erst vom Computer losreißen, als meine Tür aufflog und ich zusammenzuckte. Es war meine Mutter, die wollte, dass ich die Spülmaschine ausräumte.
»Kannst du nicht klopfen?«, motzte ich sie an.
»Hab ich«, sagte sie und legte die Stirn in Falten. »Aber du hast mich wohl nicht gehört.«
Ihr Blick huschte zum PC.
»Bist du schon wieder am Spielen?«
Schnell schloss ich den Browser und versetzte den Computer in den Sleep-Modus. Der Bildschirm wurde schwarz.
»Nee, musste nur was recherchieren.«
»Ach so«, sagte meine Mutter und ging wieder, wobei sie meine Zimmertür offen ließ. Ich fuhr den PC runter und stapfte ihr ärgerlich hinterher. Das Geschirr klirrte und klapperte, als ich es aus der Spülmaschine in den Schrank räumte.
»Vorsichtig«, sagte meine Mutter, die am Küchentisch irgendwelche Dokumente las, die sie vermutlich von ihrer Arbeit als Wirtschaftsprüferin mit nach Hause gebracht hatte, wie so oft. »Das geht doch kaputt. Was ist bloß los mit dir?«
Ich beachtete sie nicht, machte so schnell wie möglich weiter, um dann wieder in mein Zimmer zu gehen.
Keine Ahnung, ob sie etwas ahnt. Mütter haben ja manchmal so einen sechsten Sinn. Am Freitag nach meinem Geburtstag, als ich zum ersten Mal wieder ins Bett gepisst hatte, hat sie beim Mittagessen natürlich gleich gefragt, warum ich schon vor der Schule eine Waschmaschine angestellt habe. Ich stocherte in den Nudeln mit Pilzsoße herum. Es waren nur meine Mum und ich da, saßen direkt gegenüber voneinander. Dad war auf der Arbeit und Lina hatte freitags immer Theater-AG und blieb über Mittag in der Schule. Und Daniel, keine Ahnung, war mir aber auch egal.
»Äh«, sagte ich und starrte angestrengt auf die milchig weiße Tischplatte.
Ein Teil von mir wünschte sich, einfach ehrlich zu meiner Mutter zu sein. Ihr zu erzählen, was passiert war. Aber in meinem Kopf war alles voller roter Smileys, voller enttäuschter Blicke, voll von dem Wort Versager, Versager, Versager, wie ein Ohrwurm, der sich immer wiederholt. Versager. Pissbaby.
Ich riss meinen Blick vom Tisch los, sah meine Mutter an und zog meine Mundwinkel unter größter Mühe leicht nach oben.
»Hab Energy im Bett verschüttet«, sagte ich.
Meine Mutter stieß einen genervten Seufzer aus.
»Wie viel trinkst du von diesen Dingern?«, fragte sie. »Und hoffentlich war das morgens und nicht abends vor dem Schlafengehen.«
»Als ob, Mum. Natürlich war das morgens.«
Ich spießte ein paar Nudeln auf und schob sie mir in den Mund.
»Naja, gut«, sagte meine Mutter. »Nach dem Essen kannst du die Wäsche gleich mal aufhängen, ich brauch nämlich die Maschine.«
Ach ja, und was ich euch auch noch erzählen will, ist, wie es in der Schule war. Also an dem Tag, nachdem mein Körper mich nachts im Stich gelassen hat. Tag 0 sozusagen.
Es war ziemlich furchtbar, um ehrlich zu sein. Auch wenn objektiv nichts Schlimmes passiert ist. Aber ich wäre am liebsten gar nicht hingegangen. Ich hab überlegt, ob ich krankmachen soll, aber zu Hause bleiben wollte ich auch nicht. Scheiße.
Ich hatte das Fenster offen gelassen, aber meine Matratze wieder ins Bett verfrachtet, ich wollte nicht, dass meine Mutter mein Zimmer so sah und checkte, was los war.
Dann wollte ich los zum Zug, aber als ich meine Tasche schulterte und zur Tür ging, hatte ich plötzlich das Gefühl, die Pisse an mir riechen zu können. Also duschte ich mich noch schnell und zog mir noch mal frische Klamotten an. Meine Bahn erwischte ich nur gerade so, die letzten Meter musste ich rennen, und saß dann mit rotem Kopf und schwitzend im Zug und sah mich misstrauisch um. Der Vorfall schien immer noch an mir zu kleben und seinen Gestank zu verbreiten, zumindest kam es mir so vor. Ich dachte, dass mir bestimmt jeder ansieht, was passiert ist. Aber die ganzen anderen Schüler, Studentinnen und Berufspendler sahen nur müde auf ihre Handys oder aus dem Fenster. Trotzdem war ich froh, als der Zug meine Haltestelle erreichte und ich wieder an die frische Luft konnte.
Im Bus zur Schule war es das gleiche Spiel, diesmal sogar noch schlimmer, weil sich jemand direkt neben mich setzte. Ich rückte so weit es ging Richtung Fenster und umklammerte meinen Rucksack, den ich auf den Schoß genommen hatte, und kratzte mit den Fingernägeln über die raue Unterseite meines Skateboards, das daran befestigt war. Ich hoffte, die Frau in dem gelben Regenmantel neben mir stieg vor mir aus, sodass ich sie nicht fragen musste, ob sie mich rauslassen konnte. Aber als es Ping machte und meine Haltestelle auf dem Display vorne im Bus angezeigt wurde, machte sie keine Anstalten aufzustehen.
Ich räusperte mich.
»Entschuldigung?«
Nichts. Der Bus bremste schon ab und meine Hände verkrampften sich. Die Frau neben mir trug eine gelbe Strickmütze, unter der lange braune Haare hervorlugten, ihre Ohren konnte ich nicht sehen, vermutlich hörte sie Musik. Der Bus hielt. Ich streckte eine Hand aus, um die Frau auf die Schulter zu tippen, aber dann stand ich doch lieber einfach so auf. Durch die Bewegung schaute die Frau zu mir.
»Oh«, sagte sie und machte den Weg frei, indem sie auf den Gang trat. Ich quetschte mich zwischen ihr und den anderen Fahrgästen durch zur Tür, die gerade schon wieder zuging, aber ich drückte hektisch auf den Knopf und atmete tief aus, als sie sich erneut öffnete und ich nach draußen treten konnte.
Die Bushaltestelle war schräg gegenüber von der Schule. Aber ich konnte nicht rübergehen. Ich konnte die Straße nicht überqueren und das Schulgebäude betreten, ich stand wie festgeklebt da. Mein Herz pochte und meine Handflächen kribbelten. Plötzlich fühlte ich einen Schlag von hinten auf meine Schulter und zuckte zusammen, ich fuhr herum, die Fäuste geballt.
»Was zur –«, rief ich, aber da sah ich Fabi, der sich kaputtlachte.
»Du hast gequiekt wie ein kleines Schweinchen!«, sagte er und hörte immer noch nicht auf zu lachen.
»Und du gackerst wie ein Huhn, Wichser.«
Schlagartig wurde Fabi ernst.
»Was ist denn mit dir los?«
Ich zuckte die Schultern.
»Nichts. Sorry. Hab nur echt kein Bock auf Schule irgendwie.«
»Relatable«, sagte Fabi und fuhr sich mit der rechten Hand durch seine Locken. In seinen dunklen Baggyjeans, dem schwarzen Shirt mit lila »Fall Out Boy«-Aufdruck und seiner Jeansjacke sah er mal wieder aus wie direkt aus einem Modekatalog. Wie so oft packte mich die Eifersucht mit festem Griff und spritzte ihr Gift in meine Blutbahn.
Fabi hatte letzte Nacht bestimmt nicht ins Bett gepisst.
Nur bei mir lief alles schief.
»Ich glaub, ich pack's heute nicht«, sagte ich. »Ich halt das heute nicht aus, mit den ganzen Vollpfosten in der Schule zu hocken.«
Fabi sah mich aufmerksam an.
»Ist irgendwas?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Ist es wegen Kathy?«, fragte er.
Dankbar für die Vorlage nickte ich, verzog dabei aber mein Gesicht, als ob es mir unangenehm wäre.
»Das kann ich verstehen, Mann«, sagte Fabi und schlug mir seitlich gegen den Arm. »Aber wenn ich schon wieder in Mathe fehle, dann ruft Herr Holder bestimmt meine Eltern an und die bringen mich dann um.«
»Schon klar«, sagte ich. »Kein Ding.«
»Na gut. Ich muss dann mal los.«
Ich nickte und Fabi setzte sich in Bewegung. In der Mitte der Straße drehte er sich noch mal um.
»Schreib mir, bevor du dich aus Liebeskummer vor nen Zug wirfst!«
Ich zeigte ihm den Mittelfinger und er lachte und drehte sich wieder um. Die Glocke läutete genau in dem Moment, als er durch die Eingangstür trat.
Ich wollte nicht länger hier rumstehen, nicht dass ich noch einem Lehrer begegnete, der mich fragte, was ich hier draußen tat, oder Henrik und Nils, die bestimmt in ein paar Minuten mit roten Augen hinter den Mülltonnen vorkommen würden. Also machte ich mein Skateboard vom Rucksack ab und fuhr los. Ich hatte keinen Bock, zum Skateplatz zu fahren oder sonst wohin, wo viele Leute waren, also fuhr ich zum Neckarradweg. Neben dem Asphaltweg war ein Streifen Grün, auf den in regelmäßigen Abständen Bäume gepflanzt waren, daneben der Fluss, der gemächlich dahinfloss. So frühmorgens waren hier nur einzelne Radfahrer unterwegs und ein paar Leute, die ihre Hunde ausführten. Ich nahm immer mehr Schwung auf, der Wind in meinen Haaren und das Surren der Rollen auf dem rauen Boden beruhigten mich irgendwie.
Nach etwa fünfzehn Minuten setzte ich mich auf eine Bank am Ufer. Die Stadt hatte ich hinter mir gelassen, auf der anderen Seite vom Fluss waren keine Häuser mehr, sondern Wiesen, dahinter ging es hoch zur Weststadt.
Ich zog mein Handy aus der Tasche, um nachzusehen, wie spät es war. Ich musste mir überlegen, was ich den ganzen Vormittag tun sollte. Oder sollte ich doch früher nach Hause und meiner Mutter vorspielen, dass mir schlecht war?
Mein Handy zeigte drei neue Nachrichten von Fabi an.
Fuck, Junge, wir schreiben heute Physik
Hat Felix grad gesagt, ich hab das total vercheckt, oof
Dachte, ich sag dir mal Bescheid, vllt willst du doch kommen
Scheiße. Ich steckte das Handy weg und starrte missmutig auf die Wasseroberfläche, die im Licht der Morgensonne glitzerte. Der Tag wurde immer besser. Physik ist echt nicht meine Stärke und ich hätte mal lernen sollen, am Dienstag hab ich noch dran gedacht, aber dann hab ich es vollkommen vergessen. Ich überlegte, ob ich die Arbeit auch einfach schwänzen sollte, aber dafür bräuchte ich ein ärztliches Attest und das war so ein Heckmeck, da hatte ich gerade gar keinen Nerv für.
Ich zog mein Handy wieder raus, weil ich vergessen hatte, auf die Uhr zu schauen. Noch knapp zwei Stunden bis zu Physik. Zum Glück hatte ich mein Heft und alles dabei. Also konnte ich versuchen, noch ein bisschen was in mein Hirn zu prügeln.
Kurz vor Beginn der Physikstunde ging ich die Treppe zu den Naturwissenschaftsräumen hoch und bog in den Gang ein. Vor der Tür zu NW3 standen oder saßen die Leute aus meiner Klasse, viele mit Buch oder Heft vor der Nase. Ich zögerte, dann ging ich langsam näher.
