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Ein Hund, der die letzten Jahre seines Lebens hinter den Gittern eines Tierheims verbracht hat, kommt ins Grübeln: Soll das alles gewesen sein? Dass er eingesperrt den Rest des Lebens dahinvegetiert und allmählich vor die Hunde geht. Er nimmt sich vor, auszubrechen und seinen alten Besitzer, seinen besten Freund zu suchen. Vor zwei Jahren hatte er den Hund im Tierheim abgegeben und versprochen, ihn nach seiner Reise wieder abzuholen. Was er aber nie getan hat. Wie soll das ein Hund verstehen? Bei Hunden geht Treue über alles. Spätestens bis Weihnachten will der Hund ein neues Zuhause gefunden haben. Ein großer Traum soll Wirklichkeit werden. In 39 Kapiteln wird von der Weltreise des Hundes berichtet. Die Suche führt ihn aus Deutschland, vorbei an Kanada in die Arktis. Vom nördlichsten Punkt der Erde geht es über die Subtropen in die Antarktis, und danach wieder zurück in die Heimat, nach Deutschland. Ein Bericht von Erwartungen und Enttäuschungen, von Hoffnung und neuer Lebensfreude. Von Zivilcourage und Stunden verzweifelter Traurigkeit. Sein besonderes Gespür Tiere in Not bringt ihn oft in bewegende Situationen. Er begegnet einem Zirkuspferd, dessen Lieblingslied "Bin Clown, bin abgehaun, aus dem Zirkuszelt, bringe Lachen in die Welt" ist. Er findet Unterschlupf auf einem romantischen Bauernhof, er befreundet sich mit einem schlauen Adler, den die Erfahrungen der ersten Liebe seines Lebens plagen. Er trifft in der Arktis auf einen Eisbär, der überhaupt nicht gefährlich sein wollte. Als das Schiff in den Subtropen kentert, hilft er einem kleinen Zwergelefant aus dem Kummer, für immer klein zu bleiben. In der Antarktis verhilft er einem Pinguin zum Fliegen und begibt sich mit ihm auf eine Schatzsuche und erhält dabei die Unterstützung einer wehmütigen Riesenkrake. Er verliebt sich in Argentinien in eine wilde Hündin und wird von ihrem Rudel verjagt. Mitten in der Stadt an den Alpen begegnet er einem weißen Luchs, den er im Zoo in Sicherheit bringen will.
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Seitenzahl: 90
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Inhaltsverzeichnis
DER TRAUM
IM TIERHEIM
DER PLAN
DER AUSBRUCH
DIE BEGEGNUNG MIT DEM ZIRKUSPFERD
AUF DEM BAUERNHOF
WIEDER UNTERWGES
DIE SCHIFFSFAHRT NACH KANADA
DIE KATZE IM HAFEN
DIE ROBBE UND DER EISBÄR
AM ÄQUATOR – DER UNTERGANG
DER KLEINE ELEFANT
DER KLEINE ELEFANT UND DIE LÖWEN
BEGEGNUNG MIT DEM FAULTIER
DER KLEINE ELEFANT UND DER TIGER
BEGEGNUNG MIT DER SCHLANGE
DIE MÖWE
ENDLICH ABGEHOLT
ANKUNFT IN DER ANTARKTIS
DER PINGUIN
BEGENUNG MIT EINEM FORSCHER
BALLONFAHRT ÜBER DIE ANTARKTIS
NOTLANDUNG
DIE SCHATZSUCHE
AUF DEM RÜCKWEG – DIE SCHIFFSPASSAGE NACH DEUTSCHALND
DIE GESCHICHTE VON NAMIS LIEBESABENTEUER
WIEDER DAHEIM
DIE BEGEGNUNG MIT DEM LUCHS
DER BESUCH IM ZOO MIT DEM LUCHS
WIEDERSEHEN MIT DEM ADLER
DIE GRUPPE DER LUCHSE
IM BERGDORF
ADLER UND SCHAFE
ZURÜCK AUF DEM BAUERNHOF
DAS RENNPFERD
DER ROTE LASTER
DER JUNGE IN DER STADT AN DEN ALPEN
WIEDERSEHEN MIT DEM BESTEN FREUND
DER WEG INS GLÜCK
Ein roter Heißluftballon schwebte in dreitausend Meter Höhe über der Antarktis. Weit unten in der Tiefe schimmerte das ewige Eis, und in der Ferne glitzerten Gletscherberge in der Sonne.
Ein Pinguin stand mit seinen Watschelfüßen auf dem Rand des Ballonkorbes und hielt sich mit den Flügeln an den Seilen fest. „Ich fliege, ich fliege!“, schnatterte er aufgeregt gegen den Wind.
Neben dem Pinguin war ein Hund. Der Hund hieß Nami. Er sah den Ballonfahrer mit verliebten Augen an und dachte: ‚Wir sind die besten Freunde auf der ganzen Welt‘. Und der Mann streichelte ihn und sagte, als könne er die Gedanken des Hundes erraten: „Niemals würde ich dich weggeben. Wir bleiben immer zusammen und vertraut.“
Der Hund Nami bellte laut auf in seinem Traum, weil er so glücklich war. Dann wachte er auf, streckte alle Viere von sich und gähnte. Er lag auf dem kalten Boden einer Hundezelle im Tierheim. Sie war zwei Meter mal drei Meter groß, also ziemlich klein.
Der Mond schaute durch das kleine Fenster in die Zelle hinein. Nami, der schwarz-weiße Mischlingshund, betrachtete nachdenklich die Maus, die vor ihm saß und seine beste Freundin war.
Nach langem Schweigen sagte Nami: „Du, ich muss dir was sagen, was mir nicht leicht fällt.“
„Mir kannst du alles sagen“, hauchte die Maus und war sehr berührt, dass Nami ihr ein Geheimnis anvertrauen wollte.
„Es wird der Tag kommen“, sagte Nami still und schob sanft mit der Pfote die Maus an seine Schnauze, dass es aussah, als wolle er ihr einen Kuss geben, „da wirst du ohne mich sein.“
„Niemals, ich bleibe immer bei dir“, bestimmte die Maus.
„Ach, Mäuschen“, flüsterte Nami, „ich kann nicht länger bleiben, und mitnehmen kann ich dich nicht“, und die Maus tat ihm furchtbar leid, als sie erschrocken aufschrie: „Aber dann bin ich ganz allein!“
„Nein, nicht allein.“ Nami überlegte, was er sagen sollte.
„Wenn wir aneinander denken – du an mich und ich an dich, sind wir nicht allein, auch wenn wir weit weg sind voneinander.“ Nami war froh, dass ihm das eingefallen war. Denn manchmal ist es schwer, die einfachsten Dinge zu erklären.
„Willst du weit weg?“, fragte die Maus mit übermausgroßen Augen und ihre feuchte Nase zitterte vor Entsetzen.
„Sehr weit, Maus, sehr weit, aber im Moment weiß ich noch nicht mal, wie ich hier rauskomme.“ Und jetzt war es an Nami, ein unglückliches Gesicht zu machen.
Die Maus tätschelte die Pfote ihres großen Freundes und meinte tapfer: „Mach dir keine Sorgen, ich helfe dir dabei.“
***
Am nächsten Morgen ging Nami in den kleinen Garten des Tierheims und legte sich unter den mächtigen Baum. Die Sonne leuchtete von einem blauen Himmel herab. Es war ein guter Sommer. Sehnsüchtig blickte Nami über die Wiesen jenseits des hohen Gitterzaunes.
Da sprang im wilden Lauf ein junger Schäferhund herbei und ließ einen alten Tennisball aus der Schnauze fallen. „Hey, willst du mit mir spielen?“, bellte der Schäferhund, den alle Floh nannten.
„Heute nicht“, brummte Nami und machte sich keine Mühe, aufzustehen.
„Wieso?“, Floh machte ein enttäuschtes Gesicht. „Heute ist doch schönes Wetter.“
Da Nami weiter sehnsüchtig über die Wiesen schaute, stupste Floh ihn mit der Schnauze an: „Woran denkst du?“
„Weißt du noch, wie schön es ist, über Wiesen zu laufen, wie Blumen duften?“, fragte Nami, und seine Stimme klang traurig.
„Ja, das wäre schön“, bellte Floh auf. „Wo ich gelebt habe, auf dem Bauernhof, da waren viele Wiesen.“
Nami blickte weiter in die Ferne. „Mit ein bisschen Glück könnten wir einen finden.“
Aufgeregt sprang Floh um Nami herum. „Was denn? Einen echten Bauernhof?“
„Ja, einen Hof mit vielen Tieren“, sagte Nami.
Floh schaute ihn neugierig an. „Mit Enten?“
„Ja“, meinte Nami.
„Kaninchen auch?“, fragte Floh.
Und als Nami sagte: „Ja, auch mit Kühen und Pferden“, war Floh glücklich. „Das wäre mir das allerliebste, wieder auf einem Bauernhof zu leben. So wie früher. Und was würdest du am allerliebsten machen, Nami?“
„Den Menschen suchen, der mich liebt.“
„Weißt du Nami“, sagte Floh, „mit dir zusammen träumen, macht richtig Spaß.“
Nami erhob sich und machte ein entschlossenes Gesicht: „Muss ja nicht für immer ein Traum bleiben.“
Floh blickte Nami fragend an.
„Was denn sonst, Nami?“
Nami überlegte einen Moment. Er dachte daran, dass Träume unser neues Leben sind, wenn man auf sie hört, aber manchmal ist es eben schwer, die einfachsten Dinge zu erklären, und so sagte er still: „Unser neues Leben.“
„Schön wär‘s ja, Nami“, seufzte Floh und sein Blick wanderte über die Zäune und die Gitter.
Ein schrilles Glockengebimmel ertönte.
„Essenszeit“, sagte Floh, und beide Hunde gingen auseinander, jeder in seine Zelle zurück.
Am Abend lief Nami am Zaun auf und ab, mit der Schnauze dicht am Boden. Floh folgte ihm auf Schritt und Tritt: „Was machst du da?“
„Ich prüfe die Erde, wo sie weich ist, hier zum Beispiel“, antwortete Nami und blieb zwischen zwei Zaunpfosten stehen.
„Werden wir hier graben?“, fragte Floh und war sehr aufgeregt.
„50 Zentimeter müssten ausreichen. Zusammen brauchen wir fünf Minuten, wenn wir uns beeilen“, meinte Nami.
Floh hüpfte aufgeregt um Nami herum, so ausgelassen wie es seine Art war und rief: „Ja, ja, ja. Ach Nami, du meinst Enten auch ... und Gänse?“
„Die auch.“
„Nicht vergessen, die Kaninchen“, sagte Floh, denn die Kaninchen waren ihm sehr wichtig, aber nicht so wichtig wie die Enten.
„Machst du mit?“, fragte Nami und schaute ihn mit ernsten Augen an: „Sag es mir bitte auf der Stelle. Ich möchte mich auf dich verlassen.“
„Das kannst du, das kannst du“, jubelte Floh. „Bitte verlasse dich auf mich.“
„Treffen wir uns also hier an diesem Baum“, schlug Nami vor, „morgen vor Sonnenaufgang.“
„Ja. Und Enten auch, soll so sein wie früher.“ Floh gingen die Enten einfach nicht aus dem Kopf.
„Wie früher“, bestätigte Nami. „Also vor Sonnenaufgang. Und verschlaf nicht.“
„Nein, nie“, protestierte Floh, „was denkst du von mir?“
„Also abgemacht“, sagte Nami, und beide Hunde gaben sich die Pfote wie zu einem Ehrenwort.
Sie gingen dann auseinander, und Floh drehte sich noch einmal um, weil er sehr besorgt war: „Aber manche Bauern haben keine Enten mehr.“
„Wir suchen so lange“, beruhigte ihn Nami, „bis wir sie gefunden haben, deine Enten.“
DER AUSBRUCH
In der Nacht, kurz vor Sonnenaufgang, grub Nami in der Nähe des mächtigen Baums ein Loch unter den Zaun.
Die Maus huschte zu ihm hin und flüsterte leise in sein Ohr, so leise, dass niemand anders etwas hören konnte: „Eine neue Hündin ist angekommen. Floh will lieber bei ihr bleiben. War Liebe auf den ersten Blick“, meinte die Maus zaghaft, als müsste sie sich für Floh entschuldigen und half dann Nami so gut sie konnte beim Graben.
Bald hatte Nami einen großer Haufen Erde ausgebuddelt, die Maus einen kleinen.
„Zu zweit geht es schneller“, piepste die Maus, und sie spürte, wie das Graben sie von ihrem Kummer ablenkte. „Bin ja so beruhigt, dass du immer an mich denkst“, meinte sie und wischte sich mit ihren zarten Pfoten die Erde von der Schnauze. „Das hast du mir versprochen. Das gilt doch?“ Die Schnauze der Maus zitterte, wie immer, wenn sie aufgeregt war.
„Natürlich, warum fragst du?“ Nami hörte auf zu graben.
„Damit ich nicht allein bin, deswegen.“
Die Maus schaute Nami an, und ein paar Tränen kullerten aus ihren Augen.
Zum Abschied gab Nami der Maus einen dicken Kuss, was mehr ein feuchtes Abschlecken über ihr ganzes Gesicht war, und kroch dann durch das Loch unter dem Zaun. Schneller als erwartet, stand er auf der anderen Seite und jagte in wilden Sprüngen über die Wiesen, wo die Blumen dufteten, hinauf bis zum Waldrand.
„Hurra, ich bin frei!“, bellte er froh und dachte daran, was er Floh sagen wollte. Ein Traum ist unser neues Leben, wenn man auf ihn hört.
Nami eilte durch die Nacht, der Himmel war sternenklar. Er ging Richtung Norden, der Polarstern zeigte ihm den Weg. Ab und zu legte sich Nami nieder, wenn ihm der Atem ausging, und er dachte dann an den Tag, an dem ihn sein bester Freund, ein guter Mann mit freundlichem Gesicht, ins Tierheim gebracht hatte. Er wollte ein großer Forscher werden und ins ewige Eis reisen. „Auf Wiedersehen“, hatte er gesagt und war bis heute nicht zurückgekommen. Wie soll das ein Hund verstehen? Bei Hunden geht Treue über alles.
Seit diesem Tag lebte Nami in der Hundezelle, die zwei Meter mal drei Meter groß war, also ziemlich klein. Und Nami hatte nie die Tür aus den Augen verlieren wollen, nicht für eine klitzekleine Sekunde. Er wollte den Augenblick nicht verpassen, wenn sie aufginge, und sein bester Freund käme herein und würde ihn endlich in die Arme schließen.
Die Tage vergingen, die Wochen, die Monate. Nami schaute auf die Tür, ging kaum hinaus in den kleinen Garten mit dem mächtigen Baum, vergaß, ob es Sommer war oder Winter. Unentwegt starrte er zur Tür, aber irgendwann war er müde von dem ewigen Anstarren.
So vergingen zwei Jahre, das sind ungefähr 17.280 Stunden.
Aber heute war der Augenblick gekommen, den Mann zu suchen, der sein bester Freund war. Und Nami ahnte, dass eine lange Reise mit vielen Abenteuern auf ihn warten würde, und er schwor sich, nie aufzugeben, was auch immer geschehen mag. So sind Hunde.
Nami lief in der aufgehenden Morgensonne einsame Wege entlang, zwischen gelben Rapsfeldern, die in der Sonne leuchteten. Es war ja ein guter Sommer. Er lief in den späten Nachmittag hinein, bis die Pfoten schmerzten und am Himmel Gewitterwolken aufzogen.
Plötzlich blieb Nami stehen und spitzte die Ohren. Was hörte er da? Ein Lied? Oh ja, gesungen von einer gewaltigen Stimme. Und das Lied drang immer lauter an seine Ohren.
„Bin Clown,
bin abgehaun,
aus dem Zirkuszelt,
bring Lachen in die Welt“
Immer lauter wurde das Lied: „Bin Clown, bin abgehaun, aus dem Zirkuszelt, bring Lachen in die Welt“. Der gelbe Raps verdeckte Nami die Sicht. Erst da, wo die beiden Wege sich kreuzten, sah Nami, wer da sang.
