Biss oder Kuss? - Elisabeth Gänger - E-Book

Biss oder Kuss? E-Book

Elisabeth Gänger

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Beschreibung

Verliebt in einen Vampir? »Und er konnte deine Wunde wirklich nicht ansehen?«, fragt meine Freundin jetzt. »Was denkst du, wieso nicht? Ekelt er sich vor Blut? Oder kann es sein, dass ihn das antörnt?« Sommerferien. Die schönste Zeit des Jahres! Lily und ihre beste Freundin träumen von aufregenden Abenteuern und süßen Jungs. Kaum setzen sie mal einen Fuß vor die Tür, läuft ihnen auch gleich ein geheimnisvoller Fremder über den Weg. Lily verliebt sich in ihn und versteht gar nicht, was ihre Freundin gegen den Typen hat. Okay, er ist ziemlich blass, hat kühle Haut und trinkt mit Vorliebe Tomatensaft. Aber das hat doch nichts zu bedeuten, oder? Aus der Reihe dtv girl: Alles über die beste Freundin, die Clique, erste Dates und erste Küsse, Herzschmerz mit und ohne Happy End.

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Seitenzahl: 155

Veröffentlichungsjahr: 2010

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Elisabeth Gänger

Biss oder Kuss?

Deutscher Taschenbuch Verlag

Originalausgabe 2009© Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, MünchenDas Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.Rechtlicher Hinweis §44 UrhG: Wir behalten uns eine Nutzung der von uns veröffentlichten Werke für Text und Data Mining im Sinne von §44 UrhG ausdrücklich vor.eBook ISBN 978-3-423-40460-0 (epub)ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-423-07616-6Ausführliche Informationen über unsere Autoren und Bücher finden Sie auf unserer Website www.dtv.de

Inhaltsübersicht

Typischer Fall von Sonnenmangel

Der Retter vom anderen Stern

Blaues Wunder

Liebe macht blöd

Vampirbraut Lily

Sonne und andere Unverträglichkeiten

Kino, Kurzschluss, Katastrophe

Cevapcici ohne Happy End

Tatort Sonnenstudio

Abstecher nach Transsylvanien

Grüße von Schloss Dracula

Geisterbahn und Zuckerwatte

Partyfieber

Tanz der Klaviere

Typischer Fall von Sonnenmangel

Fabs klappt den Deckel des Notebooks zu und gibt einen schweren Seufzer von sich. »So schlimm?«, frage ich.

Sie sagt: »Aussichtslos.«

»Oh Gott, Fabs. Und was schreiben die, wie lange noch?«

»Ich weiß nicht. Eine, vielleicht auch zwei Wochen.«

»Aber das ist ja furchtbar! Noch ZWEI WOCHEN Regen! Und das in den Sommerferien. Was machen wir denn jetzt?«

»Hm. Hast du noch eins von den Nougatherzen?«

»Klar, nimm. Bevor Benny uns wieder alle wegfuttert.«

Sie wirft erst eine Praline ein und dann einen trüben Blick nach draußen. In der Marktstraße, die wir von hier aus super überblicken, springen gerade vier Schirme gleichzeitig auf. Mistwetter. Und in Spanien haben sie seit Monaten Sonne.

»Sag mal, Fabs, dürfen Jugendliche eigentlich alleine fliegen? Ich meine, ohne Eltern?«

»Keine Ahnung. Warum fragst du nicht nachher mal im Reisebüro. Das liegt doch auf dem Weg.«

»Äh… Weg?«

Sie futtert noch eine Praline. »Zur Bücherei. Wir sollten unbedingt gucken, ob der neue Lamia-Thriller schon abgegeben wurde. Komm, Lily, was willst du sonst tun bei dem Wetter?«

So ist sie. Immer praktisch denken. Immer aus dem, was da ist, das Beste machen. Sperr Fabs mit dem Mathelehrer in einen Fahrstuhl und sie kommt, anstatt mit Brechreiz, mit den binomischen Formeln wieder raus.

»Du, Lily? Könnte ich vielleicht noch mal schnell unter euren Tiefenbräuner?«

Hab ich’s nicht gesagt? Immer aus allem das Beste machen. Oh Mann, dieses Sonnenstudio! Diese albernen Grillröhren, die aus der Hälfte der Frauen in unserem Nest schon verkokelte Brathähnchen gemacht haben, meine Mutter eingeschlossen. Fabs weiß genau, dass ich nicht Nein sagen kann. Obwohl Mama uns gerade den Tiefenbräuner ausdrücklich verboten hat. Wegen der Hautreizungen, meinte sie. Also, mir braucht sie da überhaupt nichts zu verbieten, ich verabscheue diesen ganzen Bräunungskrempel. Aber meine Freundin gehört leider zur Fraktion der Brathähnchen.

»Na gut, aber beeil dich. Und vergiss nicht, das Oberlicht aufzumachen.«

»Klar, kein Problem. Du-u-u, Lily? Nicht traurig sein. Wenn dieser verdammte Regen erst mal aufhört, dann kriegen wir schon noch unser…«

»…sag jetzt bitte nicht Abenteuer!«, falle ich ihr ins Wort, denn das haben wir im Frühjahr bereits geklärt: dass unsere Vorstellungen von optimaler Feriengestaltung weltenweit auseinanderliegen. Ich will was Außergewöhnliches, Spannendes, am liebsten mal einen richtig shocking Fantasyroman selbst erleben. Fabs dagegen möchte einfach nur lecker aussehen und Radtouren in die Umgebung machen.

»Wir könnten doch mal wieder zum alten Steinbruch fahren.«

»Großer Gott, und da? Wollen wir Superstar spielen, so wie mit acht oder neun?«

»Quatsch, Superstar. Aber weißt du nicht mehr, als da letztes Jahr dieses Wildschwein auftauchte? Hey, vielleicht sehen wir ja diesmal einen Werwolf. Speziell für dich!«

»Sicher«, nicke ich und zeige müde zur Tür. »Ich glaub, da kommt gerade einer.«

Lukas schließt sein Rad ab und streift sich die Kapuze vom Kopf. »Na ihr«, brummt er beim Reinkommen. »Auch wieder da?«

Sollte mir in dieser verregneten Kleinstadt jemals ein Junge über den Weg laufen, in den ich mich auch nur ansatzweise verlieben könnte, dann dürfte der zwei Dinge nicht tun: überflüssige Fragen stellen und dabei auf den Boden starren.

»Ja, seit letzter Woche«, höre ich Fabs jetzt aber. »An der Nordsee war’s eklig. Und bei euch?«

»Heiß«, stöhnt Lukas. »Wisst ihr was, ich hab mir grad einen Kabelauslöser gekauft.«

»Wozu das denn?«, frage ich, aber Fabs: »Ehrlich? Du fotografierst?«

»Jupp«, sagt er stolz und zieht ein Tütchen vom Fotoladen aus der Tasche. »Und ab heute sogar im Dunkeln.«

»Krass!«, schwärmt meine Freundin. »Wo wir die ganze Zeit schon grübeln, was man mal unternehmen könnte.«

Als Lukas geht, ist der Auftakt zu meinen Abenteuerferien besiegelt: um 20Uhr am Wäldchen, Höhe kleiner Poststeg. »Und sprüht euch bloß gut gegen die Mücken ein!«, warnt er uns beim Weggehen.

Grunz. Eine Fotosafari mit meinem Nachbarn. Ich glaube, die brauche ich noch weniger als dieses Sonnenstudio. Aber Fabs ist so begeistert, dass sie in Gedanken schon ihr Survival-Case gepackt hat.

»Auweia, jetzt wird’s aber Zeit«, hechelt sie und stürmt wie ein geölter Blitz auf Kabine eins zu. »Denkst du, ich hab noch zwanzig Minuten?«

Glaub schon, will ich eigentlich antworten, doch da geht erneut die Tür auf und Frau Meyerdierks, Mamas beste Kundin, tänzelt herein. »Hallo, die Damen! Du, Lily, ich bin doch heute mit Tiefenbräuner dran. Ist der gerade frei?«

Ich sehe zu Fabs rüber. Die zuckt enttäuscht mit den Achseln.

»Klar, Frau Meyerdierks. Die Eins ist frei. Gehen Sie nur rein, Sie kennen sich ja aus.«

Kurz darauf stehen wir augenrollend am Tresen und lutschen die beiden letzten Nougatherzen.

»Wieso ist denn der Deckel unten?«, tönt es aus der Kabine herüber. »Den macht ihr doch sonst nie zu.«

»Ich weiß auch nicht. Soll ich ihn für Sie öffnen?«

»Nee, lass mal«, ruft die wahrscheinlich schon splitternackte Frau Meyerdierks. Dann kommt ein Schrei: »Ahhhhhh!«

Großer Gott! Ich habe noch nicht viele Menschen in dieser Herzattackenfrequenz kreischen hören, aber immer wenn sie es taten, hatte es denselben Grund: Benny.

Wie ein Tornado fege ich jetzt in die Kabine, sehe Frau Meyerdierks notdürftig ein paar Stellen ihres gerösteten Körpers bedecken und auf der Liege meinen elfjährigen Bruder, der sich vorsichtshalber schon mal eingerollt hat und mit beiden Händen den Kopf hält.

»Scheiße, ich wollte Fabs erschrecken! Was quatscht ihr denn so lange?«

»Hau ab!«, brülle ich und würde am liebsten noch nach ihm treten. Bloß klarstellen, dass ich mit der Sache hier nichts zu tun habe.

Aber das sieht Frau Meyerdierks anders. »Eine Unverschämtheit ist das!«, zetert sie mit einem Berg Klamotten im Arm. »Euch Rotznasen sollte man anzeigen! Los, raus hier!«

Ich fürchte, es ist zwecklos, sie zu fragen, ob wir das Missgeschick eventuell vor Mama verheimlichen können.

Natürlich ließ sich gar nichts vor Mama verheimlichen. Daher schleichen wir jetzt wie zwei Kleinkriminelle durch die Marktstraße.

Der Drogeriemarkt, in dem wir uns Mückenspray besorgen wollen, liegt auf der anderen Straßenseite. »Schnell, rüber!«, zieht Fabs an meinem Ärmel, doch ich bleibe stehen, denn in der Ladentür von Fleisch & heiß bei Olli’s hängt ein Plakat, das mich auf wundersame Weise anzieht.

»Pool-Dancing im alten Waldbad?«, wird jetzt auch meine Freundin darauf aufmerksam. »Klingt super!«

»Fabs, da MÜSSEN wir hin.« Ich bin ganz aus dem Häuschen.

»Klar!« Dann stutzt sie. »Oh, aber es ist heute. Da sind wir doch mit Lukas zum Fotografieren verabredet.«

»Ja und? Bei dem Regen ist es praktisch egal, ob du in den Wald gehst oder ins alte Schwimmbad.«

»Ich weiß nicht«, zögert Fabs.

»Aber ich«, beschließe ich und wundere mich über mich selbst.

Vergessen ist der ganze Ärger mit Mama. Und sogar die Frustlaune über das Wetter und die nichtsnutzigen Ferien ist mit einem Mal wie weggeblasen. Als ob hier irgendwelche positiven Kräfte herumschwirren würden, die mich…

»Oh, Entschuldigung!« Ich sollte besser von der Tür weggehen. Der Kunde gerade kann sie kaum so weit öffnen, dass er rauskommt.

Ich setze also meinen süßesten Braves-Mädchen-Blick auf. Aber die Miene des Typen ist wie aus Stein. Er ist überraschend jung; zwei, höchstens drei Jahre älter als ich – was macht denn so einer beim Fleischer? Und wieso geht er jetzt nicht weiter? Scannt mich wie eine Banknote und zuckt dabei nicht mal mit der Wimper. Aber Augen hat der! Wie goldfarbene Glitzersteine.

Ich weiß nicht, wie lange wir so stehen und uns anstarren. Eine Minute, eine Zehntelsekunde? Mein Lächeln ist längst eingefroren. Weil der Typ guckt, wie er guckt. So intensiv. Aber nicht abstoßend. Sonst würde ich mich ja wegdrehen. Und nicht wie Kleister an seinen Goldaugen kleben.

Zuck, machen seine Mundwinkel. Ich hab’s kaum bemerkt, doch für einen ultrakurzen Moment war da was total Faszinierendes. Dann geht er weiter und ich schnappe nach Luft.

»Na gut«, sagt jemand direkt hinter mir – stimmt ja, Fabs! Sie wirft einen besorgten Blick nach oben und fragt: »Aber wie kommen wir da hin, ohne dass uns unterwegs Schwimmhäute wachsen?«

»Sag mal, hast du den Typen eben gesehen?«

»Wen meinst du? Den blassen da?«

»Wieso blass?«

»Ist mir gleich aufgefallen, der Arme. Echt, wer dieses Jahr nicht verreist, dem siehst du das total an.«

Sein Haar ist glatt und reicht bis über den Kragen, deshalb schwingt es beim Gehen lässig mit.

Ich sage: »Vielleicht war er ja in Alaska.«

»Bestimmt. Bären jagen.«

»Komisch, wie der geguckt hat.«

Mir fällt erst jetzt die lange schwarze Cordjacke an ihm auf. Gar nicht wie im Sommer. Aber sie steht ihm. Irgendwie macht sie ihn besonders.

Fabs sieht die ganze Zeit nur mich an. »Hey, Lily, was guckst du so? Du findest doch so einen nicht GUT!«

Ganz ehrlich, ich weiß selbst nicht mehr, was ich finde. Kaum bin ich mal zehn Minuten aus Mamas Grillstübchen raus, da schmiede ich bereits Partypläne. Und dann begegnet mir auch noch ein Junge, der direkt aus Hogwarts zu kommen scheint. Oder was soll man sonst von einem denken, der dich anlächelt, so kurz, dass du es kaum wahrnimmst, aber mit einem Mal ist ein Schalter in dir umgesprungen. So einer muss doch zaubern können!

»Dann versuche ich gleich mal, Lukas zu erreichen«, höre ich Fabs jetzt.

»Wieso denn Lukas?«

»Weil wir eigentlich am kleinen Poststeg mit ihm verabredet sind. Das wirst du doch nicht vergessen haben.«

»Nee, klar«, murmele ich und sehe, wie der Zauberer in die Bahnhofstraße einbiegt. Er ist groß und auffallend schmal und die Plastiktüte, die er trägt, scheint so schwer zu sein, als habe er die halbe Fleischtheke leer gekauft.

Der Retter vom anderen Stern

Der Weg zum Waldbad führt über die alte Kreisstraße. Zu blöd, dass mein Licht nicht geht. Auf dem Rückweg ist es bestimmt stockfinster.

Bis zu Fabs brauche ich fünf Minuten. Ich könnte es in einer schaffen, ihr Haus liegt genau auf der anderen Seite des Stadtfriedhofs. Aber wer radelt schon gerne über totes Gelände?

Lukas wartet vor ihrer Einfahrt und wirft einen prüfenden Blick auf die regengeschützte Fracht in seinem Fahrradkorb.

»Willst du verreisen?«, frage ich knatschig. Ehrlich, zu unserer ersten Party würde ich viel lieber mit meiner Freundin alleine gehen.

»Nee«, sagt Lukas da aber ziemlich nett. »Ist nur meine Fotoausrüstung. Ich will noch Aufnahmen machen. Wenn’s dunkel wird, haue ich beim Waldbad ab.«

Na, wenigstens etwas.

Fabs trägt den weiten, knöchellangen Rock, den sie sich eigentlich für heiße Sommertage gekauft hat. Sieht witzig aus, so zusammengerafft unter ihrer Regenjacke.

Wir müssen fast die ganze Strecke lang hintereinander herfahren, weil immer Autos kommen. Einmal, auf Höhe der Geistervilla, die eigentlich Geist’sche Villa heißt, weil da vor zig Jahren mal ein Baron namens Geist gewohnt hat, gibt Fabs mir wilde Zeichen. Ob sich ihr Rock in den Speichen verheddert hat? Aber dann sehe ich, was sie meint: das Auto, das nicht dort hingehört. Die Geistervilla ist nämlich seit Langem unbewohnt und auf einmal steht ein schwarzer Wagen in der Einfahrt.

»Hast du die Fenster oben gesehen?«, fragt sie, als wir am Waldbad absteigen. »Sah ja gruselig aus, wie da überall die Vorhänge wehten.«

»Huuuh!«, flachst Lukas und imitiert ein Gespenst. »Das wird der Geist von Herrn Geist sein.«

»Und du wirst hier gleich nicht reinkommen, wenn du weiter so rumalberst«, motze ich.

Doch er lacht nur und sagt: »Wie wär’s, wenn ihr mal mit anfasst? Ich habe die Ausrüstung extra auf drei Taschen verteilt.«

»Häh? Hast du sie noch alle?«

So also ist das auf einer Party. Man steht da und langweilt sich und linst dabei auf andere, die auch dastehen und sich langweilen. Fabs ist schon seit einer halben Stunde bei den Toiletten. Ihr Rock hat sich dermaßen mit Regen vollgesaugt, dass er schwer wie ein nasser Teppich war. Jetzt föhnt sie ihn unter dem Händetrockner.

»Guck mal«, sagt Lukas und hält mir das Display seiner Kamera vor die Nase. »Die hab ich in Tunesien gemacht.«

Hilfe. Ich drehe mich ratlos um. Da hinten, rund um die Tanzfläche, kommen sie allmählich doch ganz schön in Fahrt. Echt blöd, dass wir hier am Eingang auf Fabs warten müssen. Ob ich mal nachsehe, wo sie bleibt?

Schon wieder ein cooles Lied. Ich könnte mich auch bis zur Tanzfläche durchkämpfen. Moment mal, sehe ich das richtig? Der Junge da in Schwarz, der an der Absperrung zum Nichtschwimmer lehnt, ist das etwa der von heute Nachmittag? Der Zauberer aus der Fleischerei?

»Bist du schon mal auf einem Kamel geritten?«, krächzt Lukas mir direkt ins Ohr.

»Bitte, was?«

»Wenn man will, kann man an einer Wüstenexpedition teilnehmen.«

Ich wünschte, er würde die Klappe halten. Um mich besser auf den Zauberer konzentrieren zu können. Ich bin sicher, er hat mich auch erkannt. Ja, kein Zweifel, seine Augen sind direkt auf mich gerichtet. Auweia, was mach ich denn jetzt? Lächeln? Ihm ein Zeichen geben? Verdammt, zwischen ihm und mir sind mindestens zweihundert Leute!

»Lily, das hier musst du sehen«, bufft Lukas mir in diesem Moment seinen Ellbogen in die Seite.

»Was ist denn?«, fahre ich gereizt herum und – bong – knallen wir mit der Stirn gegeneinander.

Na, klasse. Nicht nur, dass ich jetzt weiß, wie sich Lukas’ Borstenhaare anfühlen, auf einmal streicht er mir auch noch besorgt über die Stirn. – Aufhören! Was sollen denn die Leute denken?

Als ich mich wieder umdrehe, ist der Zauberer verschwunden, deshalb mache ich mich auf den Weg. In dem Gewusel aus Schultern und Kapuzen kann ich mich nur ungefähr in seine Richtung tasten. Ich presse die Arme an den Körper und lasse mich einfach voranquetschen. Platt wie eine Briefmarke komme ich schließlich an der ersehnten Stelle an. Aber wo ist ER?

Los, zum Getränkestand! Und dann die Fressbuden absuchen. Als ich gefühlte zwei Stunden später wieder bei Fabs und Lukas lande, kriegen die sich vor Begeisterung kaum noch ein. »Hast du schon gesehen, Lily? Es regnet nicht mehr. Wir können jetzt Fotos machen. Oder wolltest du noch bleiben?«

Auf dem Rückweg habe ich Eisbeine. Nie wieder ziehe ich für so eine doofe Party einen Mini an! Wo Fabs und Lukas jetzt wohl sind? Sie haben die Abzweigung vor dem Waldbad genommen. Natürlich wollten sie, dass ich mitkomme, aber nee, mir reicht’s für heute.

Achtung, Auto von hinten. Von vorne kommt auch eins. Ich muss runter von der Fahrbahn. Ohne Licht könnte ich glatt übersehen werden. Ups, was ist das jetzt? Meine Reifen versinken bis über die Felgen im Schlamm. Los, abspringen und erst mal zur Seite! Die Autos scheinen sich genau bei mir treffen zu wollen.

Ich habe schon fast einen Fuß am Boden, da prallt mein Vorderrad gegen einen Klotz und ich lande mitten auf der Fahrbahn.

Aua, mein Schienbein! Es sticht und brennt und ich kann mich nicht bewegen. Dabei werden die Scheinwerfer von beiden Seiten jetzt immer größer. »Hilfe!«, schreie ich, als der eine Wagen direkt auf mich zurast. »MAMA!«

Eine Zange umklammert meinen Brustkorb. Beine werden über nasses Gras geschleift. Dann plötzlich nichts mehr. Mir ist, als würde mein Gesicht auseinanderreißen, so sehr muss ich heulen. Aber Moment mal, die beiden Autos sind längst über alle Berge und ich lebe noch!

»Ich glaub nicht, dass deine Mutter schnell genug gewesen wäre.«

Huah, wer ist das? Kniet neben mir und stützt mir den Rücken. Und meine Finger umklammern seinen Arm. Ich fühle weichen Stoff. Mit kleinen Rippen. Cordstoff. Etwa schwarz? Wie eine Blinde taste ich daran empor und da ist – großer Gott – glattes, schulterlanges Haar!

»K-k-kannst du zaubern?«

»Bitte?«

»Wo-woher…?« Oh Mann, das ist zu viel für mich. Oder bin ich schon im Jenseits? Unsinn, so fest wie er mich hält, so einen Griff, den gibt’s in keinem Traum.

»Bist du schlimm verletzt?«, erkundigt sich mein Retter.

»Verletzt? Ich?«

Er kommt noch näher. Der Mond spiegelt sich in seinen Glitzeraugen. »Hoffentlich nichts mit dem Kopf«, höre ich ihn murmeln. Und dann laut und an mich gerichtet: »Sag mir doch bitte mal, wie viele Finger das hier sind.«

»Aua.« Plötzlich ist da wieder dieses Reißen, rechts unter dem Knie. Vor Schmerz stöhnend beuge ich mich nach vorne. Eine saftige Schürfwunde. Sogar mit Blut.

»Fffff!«, zieht er die Luft ein und wendet sich ab.

Okay-okay. Es gibt ja auch Menschen, die keine Ratten sehen können. Aber muss er wegen drei Tropfen Blut gleich die Zähne fletschen? Und wo hat er so schnell ein Tuch her?

»Hier, nimm«, sagt er, »du solltest es verbinden.«

Ich tue alles, was er will. Also wickele ich und versuche das Tuch irgendwie festzustopfen. Der Zauberer hat sich inzwischen aufgerichtet und sieht ratlos die Straße entlang. »Wie beschaffen wir jetzt nur einen Krankenwagen?«

Oh, der Arme! Er hat kein Handy! Ich hab auch keins, beschließe ich spontan und sage: »Aber mir fehlt doch nichts. Außer vielleicht… also, wenn du mich noch ein Stück begleiten würdest?«

»Selbstverständlich«, zögert er keine Sekunde. Dann hilft er mir auf und kümmert sich sogar um mein Fahrrad.

Er redet wie jemand vom anderen Stern. Oder wie die Helden aus meinen Lieblingsromanen. Ein bisschen altmodisch, aber total zum Verlieben. Dass er erst vor Kurzem hergezogen sei und sich noch gar nicht in der Gegend habe kundig machen können.

»Heißt das, du kennst dich hier nicht aus?«

»Richtig. Ich weiß nicht einmal, ob dieser Ort ein Kino besitzt.«

Wie antwortet man einem Jungen, der so vornehme Wörter wie besitzen oder sich kundig machen benutzt?

»Also«, beginne ich und denke, Lily, gib jetzt dein Bestes. »Wenn du die Stadt kennenlernen willst, dabei kann ich dir spitze helfen.«

Nanu? Weshalb guckt er so skeptisch? Ob es das spitze ist, an dem er sich stört? »Sag mal, woher kommst du eigentlich?«, frage ich und mir gehen Wörter wie Privatlehrer und Eliteinternat durch den Kopf.

Aber er sagt nur: »Aus dem Süden. Und das würdest du wirklich tun?«

»Was?«

»Mir die Umgebung zeigen. Ich wäre dir unendlich dankbar.«

Ich glaube, ich falle in Ohnmacht! Dieser Tag, den ich vor einer halben Stunde am liebsten noch aus meinem Gedächtnis gestrichen hätte – ich bin ein Glückskind!