Bist du meine Mutti? - Judith Parker - E-Book

Bist du meine Mutti? E-Book

Judith Parker

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Beschreibung

In diesen warmherzigen Romanen der beliebten, erfolgreichen Sophienlust-Serie ist Denise überall im Einsatz. Denise hat inzwischen aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle geformt, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Doch auf Denise ist Verlass. In der Reihe Sophienlust Extra werden die schönsten Romane dieser wundervollen Erfolgsserie veröffentlicht. Warmherzig, zu Tränen rührend erzählt von der großen Schriftstellerin Patricia Vandenberg. Solange Dominik sich wirklich krank gefühlt hatte und das Wetter schlecht gewesen war, war er gern im Bett geblieben. Doch seit wieder die Sonne schien und er nicht mehr fieberte, konnte er es kaum noch erwarten, aufzustehen. Endlich hatte ihm Dr. Wolfram erlaubt, das Bett zu verlassen. Aber seine Mutter hatte darauf bestanden, dass er noch im Bett frühstückte. Das Hausmädchen Gusti trat ins Zimmer und stellte das Frühstückstablett auf das Tischchen neben seinem Bett. »Martha wünscht dir einen guten Morgen, Nick«, sagte sie lächelnd. »Du sollst die heiße Milch ganz austrinken und auch die beiden Honigsemmeln aufessen.« »Mach ich, Gusti«, versprach Dominik und biss bereits in eines der Brötchen. Im gleichen Augenblick erschien Denise, um nach ihrem Sohn zu sehen. »Guten Morgen, Nick«, begrüßte sie ihn mit einem Kuss auf die Stirn. »Ich muss schnell in die Kreisstadt fahren.« »Guten Morgen, Mutti. Warum musst du wegfahren?«, kränkte er sich. »Ich muss dringend etwas auf der Bank erledigen, mein Junge. Aber ich beeile mich.

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Seitenzahl: 153

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Sophienlust Extra – 229 –Bist du meine Mutti?

Wenn Herzen zueinanderfinden

Judith Parker

Solange Dominik sich wirklich krank gefühlt hatte und das Wetter schlecht gewesen war, war er gern im Bett geblieben. Doch seit wieder die Sonne schien und er nicht mehr fieberte, konnte er es kaum noch erwarten, aufzustehen.

Endlich hatte ihm Dr. Wolfram erlaubt, das Bett zu verlassen. Aber seine Mutter hatte darauf bestanden, dass er noch im Bett frühstückte.

Das Hausmädchen Gusti trat ins Zimmer und stellte das Frühstückstablett auf das Tischchen neben seinem Bett. »Martha wünscht dir einen guten Morgen, Nick«, sagte sie lächelnd. »Du sollst die heiße Milch ganz austrinken und auch die beiden Honigsemmeln aufessen.«

»Mach ich, Gusti«, versprach Dominik und biss bereits in eines der Brötchen.

Im gleichen Augenblick erschien Denise, um nach ihrem Sohn zu sehen. »Guten Morgen, Nick«, begrüßte sie ihn mit einem Kuss auf die Stirn. »Ich muss schnell in die Kreisstadt fahren.«

»Guten Morgen, Mutti. Warum musst du wegfahren?«, kränkte er sich.

»Ich muss dringend etwas auf der Bank erledigen, mein Junge. Aber ich beeile mich. Bleib halt so lange im Bett.«

»O nein, Mutti, ich halte es keine Minute länger im Bett aus!«

»Aber bitte geh noch nicht hinaus. Obwohl die Sonne scheint, ist es um diese Morgenstunde noch empfindlich kühl.«

»Wie du willst«, seufzte er. Am liebsten wäre er hinausgelaufen, um sich zu überzeugen, dass sich während seiner Krankheit auch nichts verändert hatte.

»Also, dann bis nachher.« Denise nickte ihrem Sohn noch zu und verließ das Zimmer.

Dominik frühstückte weiter und stand danach auf. Nach einer oberflächlichen Katzenwäsche zog er Bluejeans und einen dicken Rollkragenpullover an, weil ihm der Hals noch ein ganz klein wenig wehtat, was er Dr. Wolfram aber verschwiegen hatte. Er hatte eine eitrige Mandelentzündung gehabt und hochgefiebert, darum fühlte er sich auch an diesem Morgen noch etwas wacklig auf den Beinen.

Als Dominik die Treppe hinunterstieg, überlegte er, ob er sich vom Chauffeur nach Sophienlust fahren lassen sollte. Er war fast zwei Wochen nicht mehr dort gewesen und sehnte sich nach den Kindern, besonders nach Pünktchen. Aber dann verwarf er diesen Gedanken wieder. Um diese Zeit waren die Kinder sowieso in der Schule. Auch wollte er keinen Rückfall riskieren. Deshalb war es besser, wenn er zum Turmzimmer hinaufging. Von dort aus konnte er sämtliche Zufahrtswege nach Schoeneich überblicken und auch Sophienlust sehen.

Oben angekommen, blickte Nick aus dem Fenster. Beim Anblick des Herrenhauses von Sophienlust weitete sich sein Herz vor Glück. Obwohl er seine Urgroßmutter Wellentin nicht persönlich gekannt hatte, war ihm die alte Dame, die ihn zum Alleinerben von Sophienlust eingesetzt hatte, unendlich vertraut.

Dominik überließ sich noch einige Zeit seinen ungewohnten sentimentalen Gedanken, dann verließ er das Turmzimmer, um zur Halle hinunterzugehen. Dort schaltete er den Fernseher an. Doch um diese Zeit gab es nichts Interessantes.

»Dann nicht«, brummte er und setzte sich in den tiefen Ledersessel, den Lieblingsplatz seines Vaters. Natürlich hätte er lesen können, aber er hatte keine Lust dazu. Nach einem tiefen Seufzer blickte er nachdenklich auf das aufgestapelte Holz im offenen Kamin. Wirklich dumm, dass niemand da war, dachte er und gähnte. Sascha war in Heidelberg, Andrea und Henrik waren in der Schule.

Vater war draußen auf den Feldern, und das Personal hatte zu tun. Hoffentlich kommt Mutti bald, wünschte er sich und spürte, wie seine Lider immer schwerer wurden. Aber als er das Öffnen einer Tür vernahm, war er sofort wieder hellwach.

Marie, das Kindermädchen von Henrik, brachte die Post. Sie legte den Stapel Briefe in die Silberschale auf der Konsole des venezianischen Spiegels. Als sie Dominik in dem Sessel erblickte, ging sie zu ihm hin. »Hast du Hunger?«, fragte sie freundlich. »Deine Mutter hat mich gebeten, darauf zu achten, dass du das zweite Frühstück auch bekommst.«

»Ach, muss das sein? Ich habe überhaupt keinen Hunger, Marie.« Dominik stieß einen herzerweichenden Seufzer aus.

»Ja, Nick, du musst ordentlich essen. Du bist ganz mager geworden. Ich sage Martha, dass sie dir etwas zubereiten soll.« Marie ließ den Jungen allein.

Nick blinzelte zu der Post hin. Seine Eltern liebten es nicht besonders, wenn er in ihren Briefsachen herumschnüffelte. Aber vielleicht war ein Brief für ihn dabei, sagte er sich und stand auf, um nachzuschauen. Häufig erhielt er Post von Kindern, die einmal in Sophienlust gewesen waren.

Dominik lauschte, und als er sich überzeugt hatte, dass niemand kam, um ihn bei seinem Tun zu überraschen, sah er schnell die Post durch. Eigentlich war nichts Besonderes dabei. O ja! Dieser Brief mit den ausländischen Marken schien interessant zu sein.

Nicks Neugierde wurde wach. Er betrachtete die Briefmarken eingehend und stellte fest, dass der Brief aus Argentinien kam. Doch den Absender konnte er beim besten Willen nicht entziffern.

»Nikolas«, buchstabierte er laut. »Nikolas Wer … Wen … Wet …« Dann schüttelte er enttäuscht den Kopf. Nein, er konnte die Handschrift nicht lesen.

Marie brachte ihm das zweite Frühstück. Obwohl er geglaubt hatte, keinen Bissen zu sich nehmen zu können, aß er die Schinkensemmeln mit gutem Appetit auf. Auch die heiße Milch schmeckte ihm ausgezeichnet.

Nach der Stärkung fühlte er sich lange nicht mehr so müde. Voller Ungeduld wartete er auf die Heimkehr seiner Eltern. Doch die Minuten schlichen nur so dahin.

Endlich hörte er die Hufschläge eines Pferdes. Alexander von Schoenecker kam von den Feldern heim.

»Endlich«, sagte Nick laut und verließ die Halle, um seinem Vati entgegenzugehen. Von der obersten Stufe der Freitreppe aus beobachtete er, wie dieser dem Stallburschen die Zügel zuwarf und dann auf ihn zukam.

»Nick, schon gesund?«, begrüßte Alexander ihn lachend und kehrte mit ihm in die Halle zurück. Dort warf er die Reitgerte auf einen Stuhl. »Ist was los, mein Junge?«, fragte er dann.

»Weißt du, Vati, ich habe nachgeschaut, ob ein Brief für mich dabei ist. Und da ist mir dieser Brief aufgefallen.« Er lief zu der Silberschale und zeigte Alexander den interessanten Brief. »Er kommt aus Argentinien. Ich wusste gar nicht, dass du dort Bekannte hast«, fügte er aufgeregt hinzu.

»O ja, ein Freund von mir lebt dort.« Alexander nahm den Brief und las den Absender. »Wie ich vermutet habe. Der Brief kommt von Nikolas Westhues.«

»Ach, so heißt das«, stellte Dominik überrascht fest. »Du hast mir aber noch nie etwas von ihm erzählt.«

Alexander lachte. »Tut mir leid, mein neugieriger Sohn, dass ich diese Unterlassungssünde begangen habe.« Er schlitzte das Kuvert mit dem Brieföffner auf.

Da kam auch Denise. Gusti nahm ihr die Päckchen ab, sodass sie ihren Mann und ihren Sohn begrüßen konnte. »Fein, dass du schon da bist, Alexander«, sagte sie und gab ihm einen Kuss. »Nick, wie fühlst du dich? Du siehst nicht mehr ganz so blass aus wie heute früh.«

»Ich fühle mich auch prima, Mutti.«

»Da bin ich aber froh. Aber nach dem Essen legst du dich für zwei Stunden hin.«

»Meinetwegen, Mutti. Du, Vati hat einen Brief, aus Argentinien bekommen.«

»Ja, Denise, Nikolas Westhues hat geschrieben. Ich habe dir doch von ihm erzählt. Wir waren Schulfreunde.«

»Westhues klingt so holländisch«, mischte sich Dominik ein.

»Ja, es ist ein holländischer Name. Sein Vater war Holländer, seine Mutter aber eine Deutsche. Seine Eltern ließen sich scheiden, als er noch ein Kind war. Er wurde seiner Mutter zugesprochen, die mit ihm wegzog. Ich hörte lange nichts von ihm. Vor etlichen Jahren habe ich ihn dann ganz zufällig in Frankfurt getroffen. Von da an blieben wir in Verbindung. Er erzählte mir damals, dass er nach dem Tod seiner Mutter nach Argentinien ausgewandert sei und sich dort eine Existenz aufgebaut habe. Einige Wochen später schrieb er mir dann, dass er die einzige Tochter eines Plantagenbesitzers geheiratet habe.«

»Ach ja, du hast mir damals den Brief gezeigt und auch die Geburtsanzeige seiner Tochter. Wie heißt das Mädchen doch gleich?« Denise zog ihre feingezeichneten Brauen nachdenklich zusammen.

»Manuela. Seine Frau hieß Dolores.«

»Hieß?«

»Ja, Denise, sie ist vor einem halben Jahr gestorben«, erwiderte Alexander leise. »Ihren Tod teilt er mir in diesem Brief mit.«

»Das ist traurig. Und das kleine Mädchen?« Obgleich sie die Frau von Alexanders Freund nicht gekannt hatte, empfand sie tiefes Mitleid mit deren Schicksal.

»Nikolas scheint den Tod seiner Frau nicht überwinden zu können. Vor zwei Jahren ist sein Schwiegervater gestorben, und Dolores war seine einzige Erbin. Nikolas verwaltet die Hazienda seit dieser Zeit.«

»Und was ist mit dem Mädchen? Nicht wahr, Vati, dein Freund schrieb doch an dich, weil er seine Tochter nach Sophienlust bringen will?«, fragte Nick aufgeregt.

»Ja, Nick, du hast es erraten. Manuela ist inzwischen neun Jahre alt geworden.«

»Das arme Kind«, bedauerte Denise das mutterlose kleine Mädchen. »In diesem Alter den liebsten Menschen zu verlieren, ist sehr hart.«

»Ja, Denise. Nikolas schreibt, dass die Kleine seit dem Tod ihrer Mami nicht mehr gelacht hat. Auch esse sie kaum etwas. Er wisse nicht mehr, was er mit ihr anfangen solle. Nun habe er sich erinnert, dass ich in meinem letzten Brief von einem Kinderheim berichtet habe. Nach meiner Beschreibung müsse Sophienlust wunderschön sein. Darum bitte er mich, ihm mitzuteilen, ob er seinen kleinen Liebling für ein Weilchen dort unterbringen könne, damit Manuela endlich wieder das Lachen lerne. Er selbst sei momentan derart mit Arbeit überlastet, dass er Manuela hauptsächlich dem Personal überlassen müsse, was auch nicht das Richtige sei.«

»Mensch, das ist eine Wucht!«, rief Nick außer sich vor Freude. »Dann kommt eine Argentinierin zu uns. Mensch …«

»Nick, sag nicht immer Mensch«, ermahnte Denise ihn mit einem versteckten Lächeln.

»Verzeih, Mutti, aber ich finde das einfach klasse. Nicht wahr, du nimmst Manuela doch auf?«

»Natürlich, Nick.«

»Vielleicht kann sie kein Wort Deutsch«, überlegte der Junge.

»Doch, sie spricht Deutsch«, klärte Alexander ihn lächelnd auf. »Nikolas hat das ausdrücklich betont. Er habe mit seiner Tochter fast immer Deutsch gesprochen. Auch seine Frau habe diese Sprache gut beherrscht, weil sie viele Jahre in einem Schweizer Internat gelebt habe.«

»Prima!« Dominik strahlte übers ganze Gesicht.

»Alexander, beantworte den Brief gleich heute«, bat Denise. »Ich werde alles tun, um der Kleinen über ihren großen seelischen Kummer hinwegzuhelfen.«

»Ich auch, Mutti«, versprach Nick eifrig.

»Du kennst mich doch und weißt, dass ich das sehr gut kann.«

»Ja, Nick, das weiß ich«, lachte Denise und fuhr ihm liebevoll durch seinen dichten Haarschopf. »Deine Haare sind sehr gewachsen. Sobald du wieder ganz gesund bist, fahre ich mit dir zum Friseur.«

»Muss das sein, Mutti?« Nick zeigte kein sehr begeistertes Gesicht über den Vorschlag seiner Mutter. »Ich wollte mir die Haare doch länger wachsen lassen«, murrte er. »Bei uns in der Klasse tragen viele Jungens die Haare noch viel länger als ich.«

»Wenn du das durchaus möchtest, dann lass sie halt so lange wachsen, bis du dir Zöpfe flechten kannst«, neckte Alexander ihn. »Mir persönlich gefallen diese langen Haare für Jungen nicht besonders, aber es ist dein Kopf.« Unauffällig zwinkerte er seiner Frau zu.

Dominik grinste verlegen und überlegte ein Weilchen, um dann zu erwidern, dass er sich die Haare doch werde schneiden lassen.

»Gut, Nick.« Denise blickte auf die Standuhr. »Ich ziehe mich noch schnell um, dann können wir essen.«

»Ich auch«, erklärte Alexander und folgte seiner Frau die Treppe hinauf.

Während des Mittagessens sprach die Familie natürlich über die beiden Argentinier.

»Wie sieht er denn aus?«, fragte Andrea neugierig. »Ich meine Señor Westhues.«

»Ich glaube, er ist ein gut aussehender Mann«, entgegnete Alexander.

»Aber viel zu alt für dich«, hänselte Dominik seine Schwester, die für hübsche Männer eine Schwäche hatte.

Andrea errötete. »Nick, du bist manchmal richtig gemein«, ärgerte sie sich. »Ich habe doch nur so gefragt.«

»Wirklich?« Er blinzelte ihr zu.

Nach dem Mittagessen legte Dominik sich auf Wunsch seiner Mutter wieder hin, aber lange hielt er es im Bett nicht aus. Er schlich in das Arbeitszimmer seines Vaters, denn er musste unbedingt mal mit Sophienlust telefonieren, um den Kindern dort zu erzählen, was sich an diesem Tag in Schoeneich ereignet hatte.

*

Isabel war auf dem Weg in den Wintergarten, um dort ihre Schulaufgaben zu machen, als sie das Läuten des Telefons im Büro hörte. Sie wusste, dass Tante Ma um diese Zeit ihren Mittagsschlaf hielt und alle anderen außer Hörweite waren. Darum lief sie ins Büro und nahm den Hörer ab.

»Ach, du bist es!«, rief sie freudig. »Wie geht es dir denn? Wir alle vermissen dich sehr, besonders aber Pünktchen, die sich wie ein verlorenes Schäfchen ohne dich vorkommt. Wir wollten dich besuchen, aber Tante Isi meinte, das wäre zu gefährlich. Angina stecke an. Nicht wahr, du hattest doch eine Angina?«

»Ja, Isabel, sogar eine ganz Schlimme mit hohem Fieber. Aber jetzt geht es mir schon wieder prima. Vielleicht darf ich morgen schon nach Sophienlust kommen. Wenn nicht, müsst ihr mich besuchen. Martha muss dann einen Kuchen backen, obwohl Magda ja viel besser backen kann als sie. Du, ich möchte mal Pünktchen sprechen«, bat er dann und lauschte nach draußen, weil er glaubte, Schritte gehört zu haben.

»Ich rufe sie. Sie ist in ihrem Zimmer. Warte einen Augenblick.«

Isabel legte den Hörer auf den Schreibtisch und lief hinauf ins obere Stockwerk, wo sich die Schlafräume der Kinder in einem Seitenflügel befanden. Pünktchen saß gedankenverloren am offenen Fenster ihres Zimmers.

»Pünktchen, komm schnell!«, rief Isabel von der Tür her. »Nick möchte dich sprechen.«

Wie elektrisiert sprang Pünktchen von der Fensterbank herunter. »Nick! Ist er denn hier?«, fragte sie aufgeregt.

»Nein, am Telefon. Beeil dich doch schon«, spornte Isabel die Kleine an.

Pünktchen stürmte bereits die Treppe hinunter. Seit mehr als zwei Wochen hatte sie Nick nicht mehr gesehen. Sie war sicher, dass es die traurigsten Wochen ihres bisherigen Lebens gewesen waren.

»Nick!«, rief sie ins Telefon. »Ich bin da!«

»Hallo, Pünktchen! Nett, deine Stimme wieder einmal zu hören. Gehts dir gut? Bist du schon wieder gewachsen? Und wie geht es deinen Sommersprossen?«, fragte er neckend.

Diesmal war das Mädchen nicht beleidigt. »Nick, bist du wieder ganz gesund? Wann kommst du denn? Oder soll ich nachher zu dir kommen? Es ist doch gar nicht so weit zu Fuß nach Schoeneich. Weißt du, dass ich einmal ganz in der Nähe von Schoeneich war, um dieselbe Luft zu atmen, wie du?«, bekannte sie leicht beschämt.

»Wirklich? Dann hättest du auch hereinkommen können. Aber nun muss ich dir sagen, weshalb ich überhaupt anrufe. Bald kommt eine kleine Argentinierin nach Sophienlust. Was, das ist klasse!«

»Eine Schwarze?«, fragte Pünktchen atemlos.

»Aber geh, du bist manchmal doch recht dumm.« Nick lachte.

»Die Südamerikaner sind doch keine Neger. Du glaubst wohl, dass Argentinien in Afrika liegt? Na ja, in Geografie warst du noch nie eine Leuchte«, entschuldigte er großmütig ihre Unwissenheit.

»Nick, sei nicht so gemein«, ärgerte sie sich, sodass ihr die Tränen in die Augen schossen. Dabei war sie eben noch glücklich gewesen, endlich wieder einmal Nicks Stimme zu hören.

»Pünktchen, ich muss auflegen. Weißt du, ich bin nämlich heimlich aufgestanden. Ich glaube, es kommt jemand. Oje«, seufzte er auf. »Wenn es Mutti ist, bekomm ich etwas zu hören.«

»Nick …« Aber er hatte schon aufgelegt.

Wie hypnotisiert blickte Pünktchen auf das Telefon, als auch sie aufgelegt hatte. Isabel, die ihr gefolgt war, blickte sie gespannt an. »Du, Pünktchen, was wollte Nick denn?«

»Ach ja.« Pünktchen wischte sich die Tränen verstohlen fort. »Eine Argentinierin kommt nach Sophienlust. Nick scheint darüber ganz aus dem Häuschen zu sein.«

»Wann kommt sie denn? Wie heißt sie?«, fragte Isabel neugierig.

»Weiß ich nicht. Du, Isabel, bin ich wirklich so schlecht in Geografie?«

»Ach wo, Pünktchen.« Isabel lächelte sie gütig an. »Wer behauptet das denn? Nick?«

Pünktchen nickte und ärgerte sich, weil schon wieder Tränen in ihren Augen standen.

»Geh, mach dir doch nichts draus. Nick ärgerte dich, weil er weiß, dass du dich ärgern lässt. Du musst einfach immer lachen, wenn er dich neckt.«

»Ja, Isabel, das nehme ich mir auch immer vor. Aber dann kränkt es mich doch immer so, dass ich wütend werde.«

Isabel und Pünktchen suchten Malu. Sie fanden sie im Gartenpavillon bei den Schulaufgaben. Neben ihr auf dem Boden lag Benny der Zweite und bewachte sein Frauchen.

Interessiert hörte sich Malu an, was die beiden zu berichten hatten. Dann sagte sie: »Sicherlich hat Manuela ein schweres Erlebnis hinter sich. Sonst würde die kleine Argentinierin nicht zu uns kommen. Denn es ist ja bekannt, dass viele Leute ihre Kinder zu uns bringen, wenn ihnen nur noch Tante Isi helfen kann.«

»Ja, Malu, das ist wahr«, stimmte Isabel ihr bei. Zugleich erinnerte sie sich an die Zeit, als Dr. Baumgarten sie nach Sophienlust gebracht hat, weil sie mit ihren Nerven völlig am Ende gewesen war und geglaubt hatte, dass das Leben ihr nichts Schöneres mehr bieten könne. Noch lange danach war sie zusammengezuckt, wenn jemand ihre Tante Cecilie erwähnt hatte, vor der sie sich so schrecklich gefürchtet hatte.

*

Denise hatte Nicks Stimme gehört und war ihm ins Arbeitszimmer gefolgt. Als der Junge sich umwendete und in die vorwurfsvollen Augen seiner Mutter blickte, lächelte er verlegen. »Bitte, nicht böse sein, Mutti«, bat er. »Aber ich musste einfach einmal mit den Kindern von Sophienlust sprechen. Ich habe ihnen gesagt, dass eine Argentinierin zu uns kommt. Außerdem mag ich nicht mehr im Bett liegen. Schau doch mal hinaus. Die Sonne scheint so schön. Es ist bestimmt sehr warm. Kann ich nicht ein bisschen an die Luft?« Jetzt erst bemerkte er, dass seine Mutti zum Ausgehen angezogen war. »Wohin fährst du denn?«

»Nach Sophienlust, mein Junge.« Denise überlegte und sagte dann: »Ich werde mal Dr. Wolfram anrufen. Er müsste um diese Zeit in der Praxis sein. Vielleicht erlaubt er, dass du mitfährst.«

»Mutti, du bist einfach eine Klassemutti!«, rief Nick. »Ich ziehe mir noch schnell die Schuhe an.«

»Und die Wolljacke.« Denise nickte ihm lächelnd zu. Dann wählte sie die Nummer Dr. Wolframs. Der Arzt hatte nichts dagegen, dass Nick ein bisschen an die Luft ging.

Etwas später saß Nick mit strahlenden Augen neben seiner Mutti im Auto und schaute sich begeistert um. »Ich habe das Gefühl, dass ich eine Ewigkeit eingesperrt war«, stellte er fest. »Doch da sind ja schon die Dächer von Sophienlust. Weißt du, Mutti, ich glaube, ich wäre entsetzlich unglücklich geworden, wenn ich niemals nach Sophienlust gekommen wäre. Ein Leben ohne das alles hier wäre für mich undenkbar.«

Denise lachte. »Nick, alles ist relativ. Wenn deine Urgroßmutter dich nicht als Erben von Sophienlust eingesetzt hätte, hättest du Sophienlust niemals aus dieser Perspektive kennengelernt. Dann wäre es vermutlich auch kein Heim für Kinder geworden. Aber glaube mir, auch woanders wärst du glücklich geworden, weil du einfach danach strebst, glücklich zu sein.«