Verlag: Books on Demand Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

Erhalten Sie Zugriff auf dieses
und über 100.000 weitere Bücher
ab EUR 3,99 pro Monat.

Jetzt testen
30 Tage kostenlos

Sie können das E-Book in Legimi-App für folgende Geräte lesen:

Tablet  
Smartphone  
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Seitenzahl: 312

Das E-Book kann im Abonnement „Legimi ohne Limit+“ in der Legimi-App angehört werden für:

Android
iOS
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Das E-Book lesen Sie auf:

E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Blind Date mit der Liebe - Kari Lessír

In Ninas Leben steht die Arbeit an erster Stelle. Als Anzeigenverkäuferin gibt sie alles, und so hat sie für eine Beziehung gerade weder Zeit noch Lust. Mit den Gedanken noch immer im Büro, stößt sie beim Joggen mit Jan zusammen, einem – zugegeben – heißen Typen. Der sich allerdings wenig charmant verhält und sie genervt anschnauzt. Nicht mit ihr: Sie faucht zurück und lässt ihn stehen. Kurz darauf sieht sie ihn wieder. Nur er sie nicht: Er ist blind. Das deutlich spürbare Knistern zwischen ihnen lässt sich davon nicht beirren. Trotzdem zögert Nina. Kann sie sich wirklich in jemanden verlieben, der sie nicht sehen kann? Und der vielleicht auf ihre Hilfe angewiesen ist? Wie ist das mit ihrem bisherigen Leben vereinbar? Aber auch Jan ist unsicher: Sein Alltag ist klar strukturiert. Dadurch kommt er mit seinem Handicap gut zurecht. Für eine Frau gibt es da eigentlich keinen Platz. Ist es Nina wert, für sie sein Leben komplett umzukrempeln? Werden die beiden für die Liebe alles riskieren? Wie werden sie sich entscheiden? »Blind Date mit der Liebe« ist der Auftakt einer Folge neuer Liebesromane aus der Feder von Kari Lessír, die sich mit ihrer spirituellen »Seelenreise«-Reihe bereits in die Herzen ihrer Leser geschrieben hat. In »Blind Date mit der Liebe« führt uns die Autorin in eine fremde Welt. In eine Welt ohne Licht, die stattdessen erfüllt ist von Gerüchen, Geräuschen, Bewegungen und Empfindungen. Diese Welt zu betreten, berührt zutiefst und schenkt einmalige Lesemomente. Und mit ihnen die Erkenntnis, wie wichtig es ist, sich seinen Traumata zu stellen und sich anschließend mit allen Stärken und Schwächen anzunehmen. Erst wenn wir wirklich zu uns selbst stehen, können wir Liebe empfangen und auch geben.

Meinungen über das E-Book Blind Date mit der Liebe - Kari Lessír

E-Book-Leseprobe Blind Date mit der Liebe - Kari Lessír

Inhalt

Titelseite

Widmung

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Danksagungen

Nachwort zur Neuauflage

Qindie

Über die Autorin

Weitere Bücher der Autorin

Impressum

Kari Lessír

Blind Date mit der Liebe

Roman

Widmung

Für meine Eltern und Freunde,

die immer an mich geglaubt haben

Eins

Für heute hatte sie genug. Keine Minute länger wollte sie im Büro am Schreibtisch sitzen, den Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt, dabei den Blick auf den leeren Arbeitsplatz ihrer Kollegin gerichtet. Den ganzen Morgen hatte sie am Telefon mit Anzeigenkunden argumentiert. Ihre seit Jahren anzeigenstärkste Zeitschrift hatte schon den zweiten Monat nicht die geplanten Umsatzzahlen erreicht, doch keiner ihrer Gesprächspartner hatte sich dazu überreden lassen, eine Anzeige zu schalten. Nina Maiwald lehnte sich seufzend in ihrem Bürostuhl zurück. Sie konnte die freien Seiten doch nicht verschenken, nur um die Anzeigenquote zu erfüllen. Der Umsatz war die alles entscheidende Größe, auf die ihre Vorgesetzte achtete. Sie würde nicht mehr lange zusehen, wie die Zahlen zurückgingen. Ihr harter Kurs war unter den Kollegen der Anzeigenabteilung bekannt und gefürchtet. Nina war frustriert. Hastig verließ sie das Bürogebäude und blinzelte in der milden Nachmittagssonne. Die Drehtür hinter ihr rumpelte noch ein Stück weiter, bevor sie zum Stillstand kam.

Nina wollte nicht mehr an ihre Arbeit denken. Sie brauchte dringend wieder einen klaren Kopf, um neue Verkaufskonzepte zu entwickeln. Sie musste an die frische Luft, sich bewegen und beim Joggen bis an ihre Grenzen gehen.

Kaum hatte sie ihre Wohnung betreten, schlüpfte sie aus den Pumps, zog den Hosenanzug und das Seidentop aus und warf die Dessous in den Wäschekorb. Stattdessen holte sie aus dem Kleiderschrank Sport-BH, Funktionsshirt und Lauftights, zum Schluss noch die gepolsterten Jogging-Socken und Laufschuhe. Den Pulsmesser fand sie auf die Schnelle nicht.

»Egal«, murmelte sie und verließ die Wohnung. Sie wollte ihre Kräfte spüren, kein Ausdauertraining absolvieren. Noch ein paar Dehnübungen zum Aufwärmen, dann lief sie leichten Schrittes die wenigen Meter von der Hildastraße zum Wiesbadener Kurpark, wo sie regelmäßig ihre Runden drehte. Wie gewöhnlich folgte sie zuerst dem tief in die Erde eingeschnittenen Bachlauf des Rambachs nach Norden in Richtung Sonnenberg. Es dauerte nicht lange und sie verlor sich in ihrem Laufrhythmus. Es gab nur noch das monotone Heben und Senken ihrer Beine, zu dem sie gleichmäßig ein- und ausatmete. An der Dietenmühle drehte sie um, machte sich auf den Rückweg zum Kurparkweiher und umrundete ihn. In genau zwölf Minuten würde sie zu Hause unter der Dusche stehen.

Sonnenstrahlen lugten zwischen den Bäumen hindurch. Nina kniff die Augen zu, um nicht geblendet zu werden.

Der Hund schien aus dem Nichts aufgetaucht zu sein. Plötzlich lief er ihr aus dem Schatten eines Seitenweges direkt vor die Füße. Sie versuchte, ihm noch auszuweichen, stolperte, verlor dadurch das Gleichgewicht — und riss den Hundehalter geradewegs mit zu Boden. Benommen blieb sie liegen. Dann blinzelte sie ein paar Mal: Gott sei Dank, die Stiefmütterchen vor ihren Augen nahmen wieder klare Konturen an. Genauso klar war das Fluchen, das sich jetzt hinter ihrem Rücken vernehmen ließ.

Nina kämpfte sich auf die Knie, wischte sich den Dreck aus dem Gesicht und drehte sich um. Der Unbekannte kauerte mitten auf dem Weg und rieb sich den Hinterkopf.

»Verdammt noch mal«, schimpfte er. »Passen Sie doch auf!«

Nina verzog das Gesicht.

»Sie stürmen wie ein Rammbock durch die Gegend. Völlig kopf- und hirnlos. Sind Sie stumm? Oder auf der Flucht?« Sarkasmus schlich sich in seine Worte.

»Nein«, brachte sie mühsam hervor. Wo war nur ihre Schlagfertigkeit geblieben? Ihr Verstand sprang nur zögerlich wieder an.

»Ist das alles, was Ihnen dazu einfällt? Erst rennen sie mich über den Haufen, dann bekommen Sie keinen vernünftigen Satz über die Lippen.« Der Mann erhob sich jetzt. Noch einmal befühlte er seinen Hinterkopf, rückte die schwarze Sonnenbrille wieder zurecht und klopfte anschließend Jacke und Hose ab.

Nina schüttelte sachte ihren Kopf. Sie hatte noch immer das Gefühl, ihre Umgebung wie durch eine in tausend kleine Stücke zersprungene Scheibe wahrzunehmen. Dennoch tat ihr nichts weh, und alles schien an seinem Platz zu sein. Sie rappelte sich auf, brauchte aber einen Moment, um ihr Gleichgewicht wiederzufinden. Den Unbekannten schien das nicht weiter zu interessieren.

»Falls es Ihnen entgangen sein sollte: Wir sind hier im Kurpark, nicht auf dem Sportplatz. Hier gibt es Spaziergänger. Alte Menschen, Mütter mit Kindern … und Leute wie mich, die Ihnen nicht mit einem Sprung ausweichen können.«

Nina wischte Schmutz und Steinchen von ihrer Kleidung und bemerkte, dass sie allmählich wieder zu sich selbst fand. Langsam drangen die Beschuldigungen dieses Fremden zu ihr vor. Was sollte das? Musste er hier den Hilfssheriff spielen? Mit einem Mal spürte sie Wut nach oben drängen, Wut über ihn, sein permanentes Schimpfen, zusätzlich angeheizt durch den Frust über ihre Arbeit.

»Jetzt reicht es mir aber! Hören Sie endlich mit Ihren Anschuldigungen auf. Ich würde mich ja gern bei Ihnen entschuldigen, wenn Sie mal den Mund hielten. Oder glauben Sie, ich hätte Sie mit Absicht umgerannt? Ich habe Sie einfach nicht gesehen«, schleuderte sie ihm entgegen.

Ihr Gegenüber brummte etwas Unverständliches.

»Nun stellen Sie sich nicht so an. Mehr als eine Beule dürften Sie nicht davongetragen haben.«

»Wie wollen Sie das beurteilen? Haben Sie Röntgenaugen?« Seine Stimme klang zynisch.

»Ihre Aggressivität können Sie sich sparen. Es tut mir leid, und ich entschuldige mich hiermit ganz offiziell. War’s das dann?«

»Ach, vergessen Sie’s! Schauen Sie einfach das nächste Mal, wohin sie laufen.«

»Und Sie?«, blaffte Nina zurück. Sie wurde jetzt wirklich streitlustig. »Vielleicht sollten Sie das nächste Mal Ihre dunkle Sonnenbrille weglassen. Damit kann kein Mensch auch nur irgendetwas sehen. Vielleicht wären wir überhaupt nicht zusammengestoßen, wenn Sie nicht den Tag zur Nacht gemacht hätten.«

»Das geht Sie gar nichts an. Meine Sonnenbrille tut nichts zur Sache. Schließlich haben Sie mich umgerannt.«

Nina durchbohrte ihn mit glühenden Blicken, dann winkte sie ab. »Mit Ihnen zu diskutieren bringt überhaupt nichts. Sie sind ja charmant wie ein Kaktus.«

Sie drehte sich um, ohne auf eine weitere Reaktion von ihm zu warten, und ließ ihn stehen. Ihre ersten Schritte waren noch vorsichtig, doch als sie merkte, dass ihr Körper ihr wieder einwandfrei gehorchte und ihr Kopf die Stöße vom Laufen gelassen hinnahm, ging sie wieder zu ihrem normalen Joggingtempo über.

So ein arroganter Typ, dachte sie und boxte in die Luft. Gut, dass er nicht in der Nähe war. Sich so aufzuführen, war nun wirklich übertrieben, fand sie. Dabei hatte er es noch nicht einmal für nötig befunden, das dunkle Etwas von der Nase zu nehmen, als er mit ihr sprach. Nein, korrigierte sie sich selbst, gesprochen hatten sie nicht miteinander: Gemault hatte er, dieser Idiot.Wenigstens hatte sie sich nicht alles bieten lassen. Sie verpasste ihm noch einen imaginären Kinnhaken, dann konzentrierte sie sich wieder aufs Joggen. Noch einmal wollte sie ihr Schicksal heute nicht herausfordern.

oOo

Nina stand an den Tennisplätzen am Rande des Kurparks und machte ihre Lockerungsübungen, während sie den Spielern auf den Hartplätzen zusah. Eine letzte Drehung mit dem Oberkörper, die Arme ausgeschüttelt, dann ging sie in Richtung Ausgang. Sie freute sich schon auf ihre Dusche und das frische T-Shirt. Das brauchte sie jetzt, um diesen Tag endlich hinter sich zu lassen.

Von hinten näherte sich ihr ein Hund mit einer hell klingenden Glocke am Halsband. Neugierig beschnupperte er den Boden, kam auf sie zu und lief dann quer über die Wiese weiter. Sie folgte ihm mit ihren Blicken.

Da, ein Pfiff.

»Linus!«

Die Stimme ließ sie ihren Kopf herumdrehen — und erstarren. Er schon wieder, immer noch mit der dunklen Sonnenbrille im Gesicht. Sie wollte sich abwenden, wollte weitergehen, doch sie hatte nur Augen für den weißen Stock, der vor seinen Füßen hin- und herpendelte.

Der Mann war blind! Sie hatte einen Blinden umgerannt!

Wie peinlich, stöhnte sie auf. Wie konnte ihr das nur passieren? Jetzt war ihr klar, warum er so übellaunig reagiert hatte: Er hatte sie nicht gesehen. Konnte sie gar nicht gesehen haben. Und sie war wie ein Blitzschlag auf ihn eingestürzt.

Inzwischen war der Mann nur noch wenige Meter von ihr entfernt.

»Entschuldigung«, sprach sie ihn an. »Es tut mir leid wegen vorhin. Ich meine, dass ich Sie zu Boden gerissen habe. Ich wusste ja nicht, dass Sie … blind sind.«

Er zuckte zusammen und blieb abrupt stehen. Ein kurzes Hochziehen der Augenbrauen, ein leises Lächeln: Er schien Nina wiederzuerkennen.

»Und ich hätte nicht so ausfallend werden dürfen. Tut mir auch leid. Sorry.«

Er streckte ihr die rechte Hand entgegen. Nina zögerte kurz, dann schlug sie ein.

»Na ja«, sagte sie und kam sich hilflos vor. Wie sollte sie sich jetzt verhalten? Was sollte sie sagen? Der Unbekannte schien das zu spüren.

»Unser Zusammenstoß muss Ihnen nicht noch zusätzlich peinlich sein, nur weil ich blind bin. Sie haben mich nicht gesehen, ich sie übrigens auch nicht. Dafür wurde ich pampig, und Sie waren plötzlich verschwunden. Ich denke, wir sind quitt. Lassen Sie uns die Sache vergessen.«

Nina nickte.

»Einverstanden? … Sorry, aber wenn Sie nichts sagen, weiß ich nicht, was Sie meinen.«

»Äh, ja.«

Eine dezente Röte kroch über ihr Gesicht, was ihr nur noch unangenehmer war. Sie kam sich dann immer wie eine rote Signallampe vor. Ich sollte gehen, dachte sie, eigentlich, aber trotzdem blieb sie stehen. Sie konnte ihre Augen nicht von ihm abwenden. Und sie wollte mit ihm reden, was sie selbst sehr erstaunte. Es musste doch auch neutrale Themen geben, über die sie mit einem Blinden sprechen konnte, ohne ständig das Gefühl zu haben, auf schlüpfrigem Boden Halt suchen zu müssen.

»Sie haben einen schönen Hund. Er ist mir vorhin gar nicht aufgefallen«, hob sie an.

»Das wundert mich nicht.« Sein Spott war nicht zu überhören. »Aber Sie haben recht: Linus ist wirklich etwas Besonderes. Nicht nur, weil er mir ein Stück weit meine Augen ersetzt.«

Sie schluckte. Schon wieder seine Blindheit.

»Was ist das für eine Rasse?«

»Ein schwarzer Labrador.«

»Haben Sie keine Angst, dass er nicht mehr zurückkommt, wenn Sie ihn so frei laufen lassen? Sie sehen doch nicht, wo er steckt.«

»Das stimmt. Aber ich höre das Glöckchen an seinem Halsband. Und Linus gehorcht aufs Wort.«

Wieder grinste er sie an und pfiff auf den Fingern. Tatsächlich kam der Hund sofort herbeigelaufen und ließ sich von seinem Herrn ausgiebig liebkosen. »Braver Junge, guter Junge.«

Nina beobachtete jetzt interessiert, wie sich der Mann wieder aufrichtete, seinen langen, weißen Stock zusammenfaltete und einsteckte, anschließend ein eigenartiges weißes Gestänge von seiner Schulter nahm und über den Kopf seines Hundes streifte.

»Sind Sie nicht neugierig? Sie können mich gerne fragen, was ich da tue«, sagte er.

»Schon.« Sie ärgerte sich über ihre Hemmungen, aber sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Normal und unverkrampft, dachte sie, aber wie soll das gehen, wenn jedes Wort, jeder Satz immer wieder auf seine Behinderung zielten?

»Linus ist mein Blindenführhund. Er sieht für mich. Und mit dem Führgeschirr zeigt er mir Hindernisse an, führt mich im Straßenverkehr und weicht Leuten aus … wenn sie ihm eine Chance dazu lassen.«

Ein wenig hilflos hob Nina die Hände. »Tut mir leid.«

Er lachte. »Sorry. Bitte nehmen Sie’s mir nicht übel, aber Ihnen ist das Ganze so unendlich peinlich, dass es schon wieder lustig ist. Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Darf ich Sie zu einem Drink einladen?«

»Ehrlich gesagt …«

»Lehnen Sie nicht gleich ab. Ich bin heute Abend in der Philharmonie. Kennen Sie die Bar? Ich finde sie sehr angenehm: dezente klassische Musik und nicht der übliche Krach, den ich Linus und auch meinen Ohren nicht antun möchte. Wenn Sie kommen, freue ich mich. Andernfalls haben wir nichts verloren, außer vielleicht einen netten Abend.« Er zuckte mit den Schultern. »Sie müssen sich nicht sofort entscheiden. Denken Sie in Ruhe darüber nach. Ich werde da sein und mich überraschen lassen.«

Ohne weiteren Gruß, nur mit einem angedeuteten Nicken in ihre Richtung, gab der Mann seinem Hund den Befehl zum Aufbruch. Nina rührte sich nicht. Sie stand auch dann noch an den Tennisplätzen, als die beiden unter dem Schatten der Bäume aus ihrem Blickfeld verschwunden waren. Sie war irritiert. Erst hatte er sie angefaucht, dann ausgelacht und jetzt wollte er sie wiedersehen. Sie schüttelte den Kopf. Das meinte er doch nicht ernst? Er konnte doch nicht wirklich glauben, dass sie sich von ihm einladen ließe. Andererseits musste sie sich eingestehen, dass er durchaus attraktiv war mit seinen schwarzen, kurzen Haaren, durch die sich an den Schläfen die ersten grauen Fäden zogen, und mit seinem Lächeln, das durch eine Narbe am Mund ein wenig schief geriet. Ja, sein Lächeln und seine samtige, an eine Klarinette erinnernde Stimme waren schon sympathisch, zumindest jetzt, als sie sich wiedergetroffen hatten. Aber, setzte sie nach, davor hatte er sich unmöglich verhalten.

Nein, das war es nicht, denn seine Reaktion war eigentlich verständlich — in seiner Situation. Doch genau darin lag das Aber begründet, das sie so verwirrte: Er war blind. Ein Behinderter, an dem man vorbeisah, dem man — vielleicht — über die Straße half, wenn er um Hilfe bat, nur um sich hinterher als guter Samariter zu fühlen und im nächsten Augenblick froh zu sein, weitergehen zu können. Mit so jemandem hatte man nichts zu tun. So jemanden rannte man nicht um und traf sich schon gar nicht mit ihm zu einem Drink.

Nina seufzte. Ihr war kalt. Ihre durchgeschwitzten Joggingsachen klebten an ihrer Haut und gaben selbst der lauen Maisonne nicht die Chance, sie aufzuwärmen. Sie musste unbedingt unter die Dusche und das heiße Wasser auf ihren Nacken prasseln lassen. Das lockerte die Verspannungen von der Arbeit. Vielleicht half es sogar beim Nachdenken. Mit einem Ruck setzte sie sich wieder in Bewegung und lief das letzte Stück nach Hause.

oOo

Nur mit einem T-Shirt auf ihrer noch immer feuchten Haut ging Nina ins Schlafzimmer. Mit einem flüchtigen Blick streifte sie den Wandspiegel, der ihr auch heute wieder versicherte, dass man ihr den regelmäßigen Sport ansah. Sie war schlank, fast drahtig, und dank ihrer Größe hätte sie als Model durchgehen können. Trotzdem war sie mit ihrem Aussehen nicht zufrieden: Sie fand ihr Gesicht zu kantig. Sie war gar nicht so kühl und herb, wie sie dadurch erschien. Es musste an ihrem Aussehen liegen, davon war Nina fest überzeugt, dass sie bislang immer nur einen ganz bestimmten Männertyp angesprochen hatte: Blechdosen nannte sie sie. Wenn ein Mann mit ihr zu flirten begann, war er meist groß, braungebrannt und muskelbepackt — nett anzusehen, aber innen hohl. Eine Blechdose eben. Anfangs war sie noch höflich gewesen, hatte versucht, sich mit ihnen zu unterhalten. Ohne Erfolg. Später hatte sie schon gar nicht mehr auf das Flirten reagiert. Lieber stürzte sie sich in die Arbeit und feilte an ihrer Karriere.

Und jetzt ein Blinder. Sie kam sich fast ein wenig zynisch vor, als sie daran dachte, dass der Unbekannte wenigstens rein äußerlich keiner ihrer bisherigen Blechbüchsen glich. Dafür war er behindert. Konnte sie nicht einfach einen ganz normalen, gut aussehenden, beruflich erfolgreichen Mann kennenlernen, mit dem sie irgendwann einmal eine Familie gründen würde? Nein, sie ließ sich von jemandem einladen, der sicher bei allen möglichen Dingen Hilfe bräuchte und den niemand in ihrem Freundeskreis akzeptieren würde.

Warum sollte sie sich mit ihm treffen? Einem Blinden, von dem sie noch nicht einmal den Namen wusste.

Sie öffnete den Kleiderschrank. Irgendetwas musste sie jetzt anziehen, da ihr in ihrem T-Shirt allmählich kalt wurde. Sie schlüpfte in eine frische Jogginghose, als ihr Blick an einem dunklen Schal hängen blieb. Ohne lange zu überlegen, griff sie danach und verband sich die Augen. Es war dunkel — und beängstigend. Nina drehte sich um. Plötzlich war ihr die eigene Wohnung fremd, in der sie schon seit Jahren lebte. Ganz langsam tastete sie sich mit ihren Händen durch das Schlafzimmer, nicht ohne über einen Wäschekorb zu stolpern und mit dem Knie unsanft gegen die Tür zu stoßen. Scharf sog sie die Luft ein. Sie löste den Schal wieder und setzte sich auf die Bettkante. So war es also für ihn. Ungefähr zumindest.

Nina ließ sich nach hinten auf das Kissen fallen und starrte an die Decke. Sie wusste immer noch nicht, ob sie seiner Einladung folgen sollte. Sie schloss die Augen. Für ihn bedeutete es keinen Unterschied, ob die Sonne schien oder der Himmel das typische Rhein-Main-Grau zeigte. Für ihn gab es keine Bilder, keine Farben. Wie konnte er wissen, wie sie aussah? Nichts von all dem, was ein normales Leben ausmachte, hatte für ihn eine Bedeutung. Das musste doch trostlos sein. Ein dunkles Einerlei, jeden Tag, jede Woche, immer. Sie konnte sich nicht vorstellen, so leben zu müssen. Sie wäre verbittert und deprimiert, aber er hatte ganz positiv gewirkt — später, beim Wiedersehen, fügte sie mit einem kleinen Lächeln hinzu. Wieder kam sie zurück zu der Frage, ob sie die Einladung annehmen sollte. Ihre Gedanken drehten sich im Kreis.

Sie öffnete ihre Augen. Was täte sie, wenn er sehen könnte? Dann fiele ihr die Entscheidung leicht: Sie säße bereits in der Philharmonie und wartete auf ihn. Sie schluckte. Das war ehrlich. Trotzdem ließ sich nicht leugnen, dass er sie faszinierte. Ihr Blick wanderte zum offenen Kleiderschrank. Sollte sie den Unbekannten wirklich nur auf diesen einen Makel reduzieren?

Nina erhob sich vom Bett und trat an den Schrank. Unschlüssig betrachtete sie ihre Garderobe. Sie bewegte jeden Bügel, strich mit ihren Fingern über verschiedene Oberteile, holte mehrere Hosen heraus und breitete alternativ ein leichtes Sommerkleid auf dem Bett aus. Nein, sie schüttelte den Kopf, es war nichts dabei, was ihr geeignet erschien, um interessiert und doch zugleich distanziert zu wirken. Mit einem Schulterzucken wollte sie gerade das Schlafzimmer verlassen, als ihr Blick wieder auf den Spiegel fiel. Sie sah ihr Spiegelbild — und musste unwillkürlich lachen.

»Er sieht doch gar nicht, was ich anhabe. Worüber mache ich mir überhaupt Gedanken?«

Dennoch war sie noch immer unschlüssig, was sie tun sollte.

Sie verfiel in ziellose Aktivitäten: Räumte hier ein wenig auf, blätterte da in einer Frauenzeitschrift, aß eine Kleinigkeit, begleitet vom ständigen Blick auf die Uhr. Würde er wirklich auf sie warten? Den ganzen Abend, wie er hatte anklingen lassen? Wohl kaum. Sollte sie es dann riskieren, zu dieser Bar zu fahren? Sie stutzte, irritiert über ihre eigene Wortwahl. Das war doch kein Risiko. Was würde passieren, falls er noch da wäre und sie sich mit ihm träfe? Vielleicht wäre er ganz nett, und sie fände ihn sympathisch. Na und, wäre das so schlimm? Nina zögerte. Das geht doch nicht, schoss es ihr durch den Sinn. Ich kann doch nicht …

»Warum eigentlich nicht?«, fragte sie die geöffnete Spülmaschine. »Also gut, ich tue es.« Und mit Schwung warf sie die Spülmaschinentür zu.

Die Kleiderfrage war jetzt keine Frage mehr: Nina griff nach Hose, Top und Bluse, in denen sie sich wohl fühlte. Ein leichtes Make-up, die langen Haare offen. Sie war bereit für das Treffen.

»Auf zum Blind Date.«

Zwei

»Das hast du gut gemacht, Linus«, lobte Jan Nehberg seinen Blindenführhund, als dieser ihn bis zum Eingang der Philharmonie gebracht hatte. Die wenigen Stufen bis zur Tür der Bar kannte er gut genug, um sie alleine zu bewältigen. Sein Hund hatte jetzt frei, bis sie sich wieder auf den Heimweg machen würden.

Jan trat ein, ließ die Tür mit einem dumpfen Schlag hinter sich zufallen und konzentrierte sich auf die Geräusche um ihn herum, die von den Klängen des Brahms’schen Violinkonzertes untermalt wurden. Er hörte, wie Trinkgläser mit dem typischen Schmatzen über die im Spülbecken stehenden Bürsten ins Wasser gestülpt wurden.

»Guten Abend, wie immer am Spülen. Ist mein Stammplatz frei?«, fragte er.

»Ja, natürlich«, erwiderte der Wirt. »Für Sie das Übliche?«

»Sehr gerne.«

Jan steuerte zu einem Stehtisch mit zwei Barhockern gleich rechts neben dem Eingang, nahm Linus das Führgeschirr ab — jetzt hatte der Hund wirklich frei — und setzte sich. Schon nach Kurzem kam der Wirt um den Tresen herum: mit einer Wasserschale, die er vor Linus auf den Boden stellte.

»Hier alter Junge, du hast bestimmt Durst.« Anschließend holte er von der Theke ein großes Glas Cola, das er direkt vor Jan schob.

»Sie sind früh dran heute«, meinte der Wirt in seinem melodischen griechischen Akzent.

»Ich hatte frei und komme direkt von einem Spaziergang.« Jan tastete nach seinem Getränk und nahm einen ersten Schluck.

»Dann noch einen angenehmen Abend.« Der Wirt klopfte kurz auf den Tisch.

»Danke. Das wird sich zeigen.«

Der Wirt kehrte zu seiner Arbeit zurück, während sich Jan die Armbanduhr ans Ohr hielt und sich die Zeit ansagen ließ. Ob sie wohl kommt? Was hatte ihn eigentlich dazu bewogen, diese Frau einzuladen? Ihre Stimme? Natürlich, sicher auch. Aber da war noch mehr gewesen. Sie hatte ihn amüsiert und war ihm sympathisch geworden, als sie sich dafür schämte, seine Behinderung nicht erkannt zu haben. Die meisten Menschen zuckten erst einmal zusammen, wenn sie sahen, dass er blind war. Aber — und das war der Unterschied — sie hatten sich schnell wieder im Griff und überspielten ihre Hemmungen. Diese Frau jedoch hatte das gar nicht erst versucht. Sie hatte sich so herrlich selbst im Weg gestanden, dass er sie auf Anhieb gemocht hatte. Er lächelte in sich hinein. Aber wirklich überraschend war sein Impuls gewesen, sie in den Arm zu nehmen und ihr zu versichern, es sei alles halb so schlimm. Und er hatte tatsächlich alles gemeint, sein Leben, seine Blindheit, der Zusammenstoß, einfach alles. Natürlich hatte er das nicht getan, sondern sie stattdessen für heute Abend eingeladen.

Ob sie wohl kommt? Er trank einen Schluck. Ließ sich die Zeit ansagen. Strich sich durch die Haare. Tastete nach seinem Langstock, den er neben sich auf den Tisch gelegt hatte. Lauschte einen Moment der Musik, aber seine Gedanken eilten weiter: Kommt sie? Wieder der Griff zur Uhr.

Die Zeit verging. Jans Stimmung sank. Von Minute zu Minute war er mehr davon überzeugt, auch den heutigen Abend allein zu verbringen.

»Komm her, alter Junge«, sagte er schließlich zu Linus, der sofort aufstand und sich ausgiebig kraulen ließ. »Auf dich kann ich mich verlassen.« Und trotzdem wäre es schön, wenn es auch für ihn eine Frau gäbe.

Schritte näherten sich und rissen ihn aus seinen Gedanken. Sein Glas wurde gegen ein volles ausgetauscht. Jan hob den Kopf, als er den Wirt erkannte.

»Und?«, fragte dieser.

Jan zuckte mit den Schultern. »Wohl nur ein Traum.«

oOo

Endlich stand Nina vor der Philharmonie. Sie blickte die Treppe zum Eingang hinauf und betrachtete die geschlossene Tür. Noch könnte sie sich umdrehen und wieder gehen. Er würde nie erfahren, dass sie hier gewesen war. Dass sie ernsthaft mit dem Gedanken gespielt hatte, ihn kennenzulernen. Aber wollte sie das wirklich?

Sie betrat die Bar. Tatsächlich, hier wurde klassische Musik gespielt. Sie war überrascht. Und dann die Innenausstattung: In den Schränken und Regalen einer ehemaligen Apotheke lagen Musikinstrumente und Notenblätter, alles ein wenig altertümlich und verstaubt. Aber mit Charme, dachte sie und musterte jetzt aufmerksam die Besucher in dem kleinen Gastraum. Er war nicht darunter. Auf der linken Seite erspähte sie eine Treppe, die in ein Hinterzimmer führte. Auch dort war er nicht zu sehen. War er schon gegangen?

»Suchen Sie jemanden?«

Nina nahm erst jetzt den Wirt hinter dem Tresen wahr.

»Ich bin hier verabredet. Zumindest dachte ich das.«

Eine Bewegung ließ sie den Kopf wenden. Er war es. Er hatte wirklich auf sie gewartet. Sie blieb einfach stehen und beobachtete, wie er auf sie zukam, die Linke zur Orientierung ausgestreckt und mit einem Strahlen um den Mund. Die Augen hatte er auch jetzt wieder hinter der Sonnenbrille verborgen. Ein Stück von ihr entfernt hielt er an und streckte ihr die Hand entgegen.

»Ich freue mich sehr, dass Sie gekommen sind. Ich hatte schon befürchtet, Sie würden sich nicht trauen.«

Nina atmete tief ein. Sie fühlte sich ertappt. Wie konnte er nur wissen, was in ihr vorging?

»Jetzt bin ich da«, sagte sie schlicht und gab ihm die Hand.

»Das sehe ich.« Er schmunzelte und ging ihr zu seinem Tisch voraus. »Was möchten Sie trinken?«

Nina überlegte kurz und ließ sich dann eine Weißweinschorle bringen.

»Ein ungewöhnlicher Mix für eine Bar: eine Apotheke mit klassischer Musik. Doch es gefällt mir.« Nina versuchte, ihre Scheu zu überspielen.

»Ich bin gerne hier. Oft komme ich direkt nach der Arbeit, trinke eine Kleinigkeit, wechsle ein paar Worte mit dem Wirt und lausche der Musik. Das reicht, um mich zu entspannen.«

Nina nickte. Was sollte sie antworten? Jan wiederum hielt mit beiden Händen sein Glas fest. Jetzt straffte er sich.

»Ihnen ist die Situation noch immer unangenehm. Das braucht es nicht. Ich wollte mich mit dieser Einladung nur bei Ihnen entschuldigen. Ich war ziemlich unhöflich, aber ich hielt Sie vorhin für arrogant und respektlos. Erst später kam mir der Gedanke, dass Sie mich mit meinen dunklen Kleidern vielleicht tatsächlich nicht gesehen haben und wohl selbst einen ziemlichen Schlag abbekommen haben müssen, sonst hätten Sie nicht so zögerlich reagiert. Geht es Ihnen besser?«

»Ja, inzwischen schon.« Sie lächelte zaghaft, mehr für sich als für ihn.

Langsam und sehr bewusst setzte er jetzt mit beiden Händen seine Sonnenbrille ab und steckte sie in die Brusttasche seines Poloshirts. Nina hielt die Luft an, wollte wegsehen, konnte aber ihren Blick nicht von ihm abwenden.

Seine Augen waren ganz normal. Dunkelbraun, mit Wimpern und Lidern wie bei jedem anderen auch. Ein paar Narben, ein Knick in der Nase, eigentlich nichts Auffallendes. Doch, sie musste sich korrigieren, etwas war anders: Er blickte an ihr vorbei ins Leere.

»Ich bin nicht Quasimodo. Man kann mich ansehen, ohne eine Gänsehaut zu bekommen. Und man kann sich mit mir sehen lassen, ohne sich schämen zu müssen. Ich habe Familie, Freunde, Arbeit, kurzum: Ich bin ein ganz normaler Mensch wie jeder andere hier im Raum. Bis auf einen Unterschied: meine Augen. Und trotzdem, auch wenn ich im herkömmlichen Sinn nichts mehr sehe, nehme ich meine Umwelt durchaus wahr. Ich sehe die Dinge eben anders.«

Ninas Gesicht leuchtete tiefrot. Mehr als ein Ächzen brachte sie nicht als Antwort über ihre Lippen.

»Sie sind etwa so groß wie ich, schlank und sportlich. Sie achten auf Ihr Äußeres und benutzen Parfum. Heute ist es … warten Sie … Bulgari. Ich denke, dass Sie normalerweise selbstbewusst sind, aber im Augenblick sind Sie knallrot bis über beide Ohren.« Jan lächelte sie entwaffnend an. »Muss ich an meiner Schilderung etwas korrigieren?«

»Wie können Sie das alles wissen?«

»Wenn einer der Sinne ausfällt, ist man gezwungen, die übrigen stärker einzusetzen. So wie Sie mit Hilfe Ihrer Augen ein Bild von mir haben, habe ich eine Vorstellung von Ihnen, indem ich Sie höre, rieche und, wenn ich Ihnen die Hand gebe, Sie berühre.«

»Das reicht Ihnen, um mich so genau beschreiben zu können?« Nina war noch immer überrascht.

Jan zuckte mit den Schultern. »Es ist alles eine Frage der Übung, und ich hatte in den letzten fünf Jahren genügend Zeit dafür. Seien Sie also ganz unverkrampft, ich bin es auch.«

Er streckte ihr die Hand hin. »Ich heiße übrigens Jan. Jan Nehberg.«

Sie atmete tief durch und ergriff seine Hand. »Ich bin Nina Maiwald.«

»Du?«

»Du«, sagte sie und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.

»Freut mich. Außerdem habe ich noch nie eine Frau auf so ungewöhnliche Weise kennengelernt.«

»Wie ein Blitz aus heiterem Himmel.« Nina kicherte.

»Genau. Läufst du eigentlich öfter im Kurpark?«

»Regelmäßig ein- oder zweimal die Woche.«

»Dann sollte ich mich in Zukunft vorsehen.«

»Oder dir wie dein Hund eine Glocke umhängen, damit ich dich schon von Weitem hören kann.« Sie war auf seinen Tonfall eingegangen, zuckte aber sofort erschrocken zusammen.

»Oh, Entschuldigung, das war jetzt ziemlich unsensibel.«

»Aber, nein, wieso denn? Witzige Bemerkungen sind erlaubt, und wenn sie dann noch so spontan von Herzen kommen, ist das wunderbar. Du musst mich nicht mit Samthandschuhen anfassen.«

»Das habe ich verstanden.«

»Und trotzdem höre ich da noch ein großes Aber.«

»Ich brauche einfach ein wenig Zeit, um mit der Situation umzugehen.« Und um mich daran zu gewöhnen, dass auch ein Blinder sympathisch und attraktiv sein kann, ergänzte sie im Stillen.

»Gut, in Ordnung. Darf ich dich derweil um einen Gefallen bitten, Nina?«

»Natürlich.«

»Ich würde gerne eine Kleinigkeit essen. Du bist natürlich mein Gast, wenn du auch etwas bestellen möchtest.«

»Danke, das ist nett, aber ich habe keinen Hunger.«

»Vielleicht kommt der Appetit mit dem Vorlesen, denn das wäre meine Bitte an dich. Hier muss irgendwo eine Tafel hängen, auf der jeden Tag wechselnde Gerichte notiert sind.«

Nina lachte. »Dann schauen wir mal, ob ich mich zum Mitessen verführen lasse.«

Jan lauschte dem leichten Vibrato ihrer Stimme. Sie schien sich noch immer unwohl zu fühlen.

»Und? Darf ich für dich etwas mitbestellen?«, erkundigte er sich.

Sie ließ sich zu einem Salat überreden, den Jan zusammen mit seinen Nudeln am Tresen orderte. Aufmerksam folgte sie ihm mit ihren Blicken und beobachtete, wie er sich mit seinen Händen den Weg ertastete. Er wirkte vorsichtig auf sie, aber nicht unsicher, ein Unterschied, der ihr plötzlich sehr wichtig war. Ihre Neugier war erwacht. Sie räusperte sich.

»Was ist dir gerade durch den Kopf gegangen?«, kam ihr Jan zuvor, als er sich wieder setzte.

»Oh, du merkst das?«

»Das war nicht zu überhören. Also, was ist los?«

»Du hast vorhin gesagt, dass du ganz normal arbeitest. Ich kann mir das gar nicht vorstellen.«

Jan lachte. »Ja, die meisten Leute denken, ich könnte keinen Beruf mehr haben, aber weit gefehlt. Ich bin in einem Call Center beschäftigt.«

»Dann führst du Telefoninterviews?«

»Nein. Ich bin beim Bürgertelefon der Stadt Wiesbaden angestellt. Wir kümmern uns um alle Sorgen und Nöte der Bürger, seien es Öffnungszeiten, Zuständigkeiten von Ämtern, Veranstaltungstipps, einfach alles. Ich selbst bin für die besonders schwierigen Fälle zuständig: Wenn sich jemand beschwert oder bei einem Kollegen laut wird, dann komme ich zum Einsatz.«

»Liegt dir das besonders?«

»Wie du es sehen willst: Meine Blindheit ist mir hier von Vorteil. Ich kann andere Menschen besser anhand ihrer Stimme einschätzen und so gezielt auf sie eingehen.«

»Das leuchtet mir ein. Machst du das schon lange?«

»Seit ungefähr einem Jahr. Um genau zu sein, bin ich seit Gründung des Call Centers dabei, aber es war nicht einfach, die Stelle zu bekommen. Logisch, wegen all der Vorurteile gegenüber Behinderten. Was musste ich mir alles anhören: Wir seien nicht belastbar, ständig krank, bräuchten viel länger, um die einfachsten Dinge zu kapieren. Und heute gehöre ich zu den Besten in meinem Job.«

»Das ist ja klasse.«

»In den Verhandlungen hatte ich damals angeboten, mich eine Woche ohne Gehalt und Verpflichtungen mitarbeiten zu lassen. Schon nach ein paar Tagen waren sie überzeugt und haben mich übernommen. Und ich bekam alle notwendigen technischen Hilfsmittel für Computer und Telefon, damit ich meine Arbeit wie jeder andere ausüben kann.«

»Super! Ich wünschte, ich wäre auch so restlos begeistert von meiner Arbeit. Ich bin in einem Verlag Anzeigenverkäuferin, ein knallhartes Geschäft. Das Geld sitzt den Kunden schon seit Jahren nicht mehr locker, sodass ich ständig argumentiere und zu überzeugen versuche. Meist am Telefon, mitunter aber auch auf Messen oder direkt bei den Kunden. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Und wenn am Monatsende der geplante Umsatz nicht stimmt, gibt es das allseits gefürchtete Gespräch mit der Abteilungsleiterin, und nach einem weiteren schlechten Monat wird’s eng.«

»Das hört sich nach immensem Druck und viel Stress an.«

»So ist es.« Nina strich sich die Haare hinters Ohr. Über ihre Arbeit wollte sie heute Abend nicht mehr sprechen, schon gar nicht daran denken. Das konnte bis morgen warten.

Der Wirt kam mit zwei Tellern aus der Küche und blickte in ihre Richtung.

»Ich schätze, unser Essen kommt«, meinte sie — und starrte auf Jan, der hektisch seine Sonnenbrille aufsetzte.

»Warum tust du das?«, erkundigte sie sich.

Er rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum. »Ohne Sonnenbrille fehlt mir was. Sie ist mein Schutz, vor Hindernissen in Kopfhöhe und vor zudringlichen Blicken. Wenn man mir in die Augen starrt, nur um festzustellen, ob ich wirklich nichts sehen kann, ist mir das unangenehm. Ich spüre es und komme mir wie auf einer Viehauktion vor. Ich will das nicht. Deshalb bin ich auch erleichtert, dass du mitisst. Dann kannst du nämlich nicht ständig auf meinen Teller gucken und dich fragen, findet er die Nudel oder sie ihn.«

Er verzog das Gesicht, während der Wirt ihnen die Speisen servierte.

»Wie meinst du das?«, fragte Nina, sobald sie wieder alleine waren.

»Hast du schon mal mit geschlossenen Augen gegessen?«

»Nein.«

Jan tastete nach seinem Besteck. »Wie soll ich’s dir erklären? Die Pannengefahr ist einfach größer. Aber keine Panik, ich esse wie ein zivilisierter Mensch. Alles eine Frage der Übung.« Genüsslich spießte er die ersten Gnocchi auf und schob sie in den Mund.

oOo

Nina schob den Kaffeelöffel durch den Milchschaumberg und rührte langsam ihren Cappuccino um. Jan dagegen behandelte seinen Espresso weitaus weniger zaghaft: Umrühren, Austrinken, fertig. Er lehnte sich zurück und lauschte zunehmend amüsiert ihren gleichförmigen Bewegungen. Währenddessen ging sie mit ihren Gedanken spazieren. Den ganzen Abend hatte sie ihn beobachtet und war überrascht, wie selbstverständlich er trotz seines Handicaps zurechtkam.

»Du solltest mal die Richtung wechseln«, meinte Jan in das Klappern des Löffels hinein.

»Wie?« Sie war wieder in der Realität.

Jan lachte. »Geistig auf Abwegen?«

Nina konnte förmlich spüren, wie ihr eine Hitzewelle — mit entsprechend sichtbaren Folgen — den Hals hinaufkroch. »Nein. Ja. Ach, was soll’s. Ich habe noch nie einen Blinden kennengelernt. Deswegen frage ich mich schon die ganze Zeit, wie du deinen Alltag bewältigst.«

Jan nickte. »Ich dachte mir schon, dass du über so etwas grübelst. Ich lebe mein Leben wie jeder andere auch: Job, Haushalt, Freizeit. Ganz normal. Und auf der anderen Seite doch wieder nicht. Es klappt, wenn auch anders als früher. Ich brauche Hilfsmittel, muss mir viel merken, muss oft um Hilfe bitten, aber im Großen und Ganzen komme ich alleine klar, wenn du das wissen willst.«

»Nicht so direkt. Aber du hast eine Art, mit deiner Blindheit umzugehen, die mich sprachlos macht.«

»Du hast diese Standardvorstellung im Kopf, dass Behinderte schwach und hilflos sind. Da passe ich nicht rein. Stimmt’s?«

Nina nickte.

»Ist es das?« Jan neigte den Kopf, als würde er auf ihre Antwort warten.

»Schau, ich bin vor rund fünf Jahren durch einen Unfall erblindet. Natürlich war das ein Schock, für mich, für alle. Aber das Leben hört dadurch nicht auf. Es geht weiter. Es muss weitergehen. Und man kann lernen, auch ohne Sehvermögen zurechtzukommen. Das heißt nicht, dass ich es akzeptiere. Es vergeht kein Tag, an dem ich mir nicht wünsche, ich hätte damals besser aufgepasst. Aber was hilft mir das? Gar nichts. Also versuche ich, das Beste daraus zu machen. So wie jetzt, wenn ich einer Frau gegenüber sitze, die so sympathisch und attraktiv ist wie du.« Er strahlte sie an.

»Danke.« Nina erwiderte sein Lächeln. Dann gab sie sich einen Ruck: »Wie ist das eigentlich passiert?«

Er atmete tief durch. »Im Grunde eine ziemlich dumme Geschichte. Man könnte auch sagen, Pech gehabt. Ich war früher ständig mit dem Mountainbike unterwegs. Jede freie Minute stieg ich in den Sattel und ab ging’s. Meinem Freund und mir konnte es nicht schnell genug, nicht wild genug gehen. Kein Downhill war vor uns sicher. Bei einem hat’s mich erwischt: Wie gewohnt bin ich den Berg runtergeheizt, wollte über einen umgestürzten Baumstamm springen, hab mich aber völlig verschätzt und bin gestürzt. Mit dem Kopf voran bin ich gegen einen Felsen geknallt und hab mich dann noch ein paar Mal überschlagen. Mein Helm ist dabei einfach zerplatzt, wie ein Apfel in mehrere Stücke zersprungen. Das war’s dann.«

»Wie schrecklich«, entfuhr es ihr, aber er ließ sich nicht stören, sprach einfach weiter, den Kopf gesenkt, die Stimme zunehmend leiser.

»Als ich wieder zu mir kam, lag ich im Krankenhaus, ziemlich übel zugerichtet: Nase und Arm gebrochen, Zähne ausgeschlagen, diverse Prellungen und schwere Kopfverletzungen. Am Anfang hat mir keiner die Wahrheit gesagt. Ich hätte sie auch nicht verstanden, so langsam arbeitete mein Verstand. Dann noch die Schmerzmittel. Ich schwebte in einer dunklen Wolke vor mich hin. Dass es nicht mehr hell wurde, fiel mir erst nach einiger Zeit auf. Da hat man mir gesagt, warum: Bei dem Sturz war das Sehzentrum im Gehirn zerstört worden. Ich war blind.«

Nina war schockiert. Ihr fehlten die Worte, doch Jan sprach monoton weiter.

»Ich habe lange gebraucht, um wieder auf die Beine zu kommen. Wirklich gut geht es mir auch erst seit den letzten anderthalb Jahren, seit ich mit Linus zurechtkomme und meine Arbeit habe.«

Nina gab sich einen Ruck. »Darf ich dich noch etwas fragen?«, erkundigte sie sich zögerlich. Ob er bereit war, noch mehr von sich zu offenbaren? Doch er nickte, und das schenkte ihr Mut.

»Du läufst so selbstverständlich durch die Gegend. Für mich bewegst du dich relativ sicher. Wie kommst du überhaupt da hin, wo du hin willst? Du siehst es doch gar nicht.«

Jetzt lächelte er. »Das habe ich lange trainiert, zuerst in der Reha, später hier in Wiesbaden mit einem speziell ausgebildeten Mobilitätstrainer und dann noch mal mit Linus. Anfangs hatte ich nur den weißen Langstock. Du tastest damit den Boden vor dir ab, spürst Unebenheiten und Veränderungen, orientierst dich am Straßenrand oder an Hauswänden. Das klappt ganz gut, ist und bleibt aber nur ein Hilfsmittel. Ohne ein gutes Gehör und ohne dreidimensionale Vorstellungskraft ist man verloren. Mit einem Führhund ist das schon was anderes. Er achtet auf Gefahren und bringt dich zu deinem Ziel. Aber es ist deine Aufgabe, dem Hund zu sagen, wo’s lang geht. Eigentlich paradox, oder? Du siehst nichts, musst aber wissen, wie du zu gehen hast. Das bedeutet, dass ich mir neue Wege entweder selbst erarbeiten muss oder ich gehe sie einmal mit jemand anderem ab. Meistens wähle ich Letzteres, weil es schneller geht und sicherer ist. Tja, klingt alles ganz simpel, aber es braucht Zeit, Geduld und viel Übung. Und gerade auf Linus musste ich mich ganz neu einstellen. Zu akzeptieren, sich von einem Tier führen zu lassen, ist gar nicht so einfach. Aber es ist es wert.«

Jan klopfte mit der linken Hand auf sein Bein. »Linus, alter Junge, komm mal her.«

Ohne Zögern sprang der Labrador auf und genoss Jans Liebkosungen unter heftigem Schwanzwedeln.

Nina beobachtete die beiden, ohne ein Wort zu sagen. Es war schön, zu sehen und zu spüren, welche Zuneigung zwischen ihnen bestand. Selbst ihr wurde es warm ums Herz, und sie musste unwillkürlich lächeln. Erstaunlich, dachte sie, dass ich mich in Jans Gegenwart allmählich wohlzufühlen beginne.

»Du bist ein Phänomen«, unterbrach er die für einen Moment zwischen ihnen entstandene Stille.

»Was?«

»Du bist seit langem die erste Frau, die offen auf mich zugeht. Klar weiß ich, dass du Hemmungen hast, auch ein paar Vorurteile, aber du bist neugierig und schiebst mich nicht in eine Schublade. Du brauchst dich dafür wirklich nicht zu schämen: Ich hätte an deiner Stelle auch Berührungsängste.«

Sie musste schlucken.

Jan zog die Augenbrauen zusammen. »Hab ich was Falsches gesagt?«

Nina räusperte sich. »Nein, du bist nur so überraschend direkt.«

»Das habe ich in den letzten Jahren gelernt«, erwiderte er. »Wenn ich seit meinem Unfall das Glück hatte, eine Frau kennenzulernen, stand immer meine Blindheit zwischen uns. Mal wurde ich mit Mitleid überschüttet, mal mit Fürsorge erstickt, dann wieder von vornherein abgelehnt. Einen Mittelweg gab es nie.«

»Warum sagst du das jetzt?« Nina war irritiert.

Jan ballte seine Hände zu Fäusten und zögerte einen Moment. Schließlich wandte er sich ihr wieder zu. »Könntest du dir vorstellen, dass wir uns wiedersehen? Ohne Mitleid und den ganzen Kram? Ich meine, ich finde dich sympathisch und …«

Er unterbrach sich und winkte ab. »Entschuldige, ich rede Mist. Ich freue mich, dass du gekommen bist, und genieße diesen Abend mit dir sehr.«

Hoppla, was war das denn?, fragte sie sich. Erst will er mich wiedertreffen, dann bläst er im nächsten Augenblick zum Rückzug.

»Geht mir genauso. Wenn du nicht gerade vor Wut schäumst, scheinst du ganz umgänglich zu sein«, erwiderte sie.

Jan lachte. Er war deutlich erleichtert, nicht sofort einen Korb erhalten zu haben. »Du hast mich in einer Ausnahmesituation erlebt. Ich schnauze normalerweise keine fremden Menschen an. Im Gegenteil: ich verhalte mich durchaus zivilisiert. Stimmt’s, Linus?«

Sein Hund machte lediglich die Augen auf und wandte ihm einen Blick zu. Ansonsten blieb er bewegungslos liegen.

»War das jetzt eine Bestätigung oder willst du mich hier schlecht machen, alter Junge? Das werde ich mir merken.«

Jan wandte sich wieder Nina zu. »Darf ich ehrlich sein? Wenn du schön ruhig und für mich kalkulierbar auf einem Stuhl sitzt, gefällst du mir auch deutlich besser als vorhin im Park. Ich unterhalte mich lieber mit dir, statt von dir umgerannt zu werden. Andererseits ist es unbeschreiblich, wenn du nach Worten ringst. Das ist es fast schon wieder wert, von dir angefaucht zu werden.« Sein Lächeln glich einem Sonnenaufgang.