Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Ev hat Stress mit ihren Eltern, und jetzt werden auch noch ihre besten Freundinnen in einen Fahrradunfall verwickelt - zusammen mit Tobias, für den viele Mädchen schwärmen. Nun ist Ev gefordert: Sie muss die Schulgruppe School for Nature leiten. Aber nicht nur das. Familiengeheimnisse warten auf eine Lösung und ´Geschichten mit Jungs` machen alles noch komplizierter. Dann aber verschwinden Evs beste Freundinnen. Offensichtlich sind sie gemeinsam abgehauen. Warum? Wo sind sie? Und wieso kommen sie nicht zurück?Ev und das Team von School for Nature setzen alle Hebel in Bewegung. Dabei stoßen sie auf immer mehr unangenehme Überraschungen bis sie schließlich selbst in große Gefahr geraten.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 271
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Für Marie
Ute Vogellwurde in Nordhessen geboren, arbeitete lange Zeit in Oldenburg (Old) und lebt nun mit ihrem Mann in Südhessen.
Als Lehrertochter wurde sie früh zum Lesen motiviert und sie hat schon immer gern Geschichten erfunden. Dennoch fühlte sie sich nicht zur Autorin berufen, sondern zur Deutschlehrerin. Nach ihrer Pensionierung widmet sie sich ihrem Hobby, dem Reisen. Damit ihr nicht langweilig wird, engagiert sie sich ehrenamtlich und schreibt Romane für Kinder und Erwachsene, teilweise unter dem Autorennamen Ulla Wokkel.
www.utevogell.de
Stefan Bachmannarbeitet seit 2006 als freiberuflicher Illustrator und lebt zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Wiesbaden.
www.bachmann-illustration.de
Teil 1
1 Mehr als ein Unfall
2 Der nächste Tag
3 Osterferien – Erster Teil
4 Familiengeheimnisse
5 Fluchtpläne
6 Osterferien Zweiter Teil
7 Flucht
8 Ostern
9 Erkannt
10 Vermisst
11 Gefahr
13 Gesucht
14 Es wird eng
15 Auf eigene Faust
16 Was nun?
17 Auf der Spur
Teil 2
18 Im tiefen Loch
19 Etwas Licht
20 Das Video
21 Böse Träume
22 Risiko
23 Bedrohungen
24 Stillstand
25 Es geht voran
26 Showdown
27 Rückkehr
Als der Schrei ertönte, drückte er automatisch die Handbremsen und trat gleichzeitig fest gegen das Rückpedal.
Sein Rad schlingerte, und er musste viel Kraft aufwenden, um nicht zu stürzen.
Durch eine Wand von grau-kaltem Regen versuchte er sich zu orientieren. Etwa zwanzig Meter rechts vor ihm schwankte etwas außerhalb des Fahrradwegs.
Ein dumpfer Schlag – ein Reifen krachte gegen einen Steinbrocken, und eine helle Mädchengestalt flog über einen Lenker.
Sofort ließ er sein Rad fallen und joggte los. Immer wieder versuchte er vergeblich, seine Augen frei zu reiben.
Wo war sie? Nur mühsam fanden seine Turnschuhe Halt auf dem Boden, und als er sie endlich erblickte, lag sie mit ausgestrecktem Armen leblos auf dem Bauch unter einem Strauch.
Vorsichtig drehte er sie um. Ihre Augen waren geschlossen, aber sie atmete. Er legte sein Ohr an ihre Nase. Ja, sie atmete.
Was war los? Seine Hände tasteten über ihr Gesicht zum Kopf. Er fühlte eine warme, klebrige Flüssigkeit.
Blut? Woher?
Sanft schob er die Kapuze ihres Regenumhangs vom Kopf und fühlte weiter. Ein Kopftuch. Er schob es zurück. Das Tuch musste weg.
Ein Schwall braungelockter Haare fiel in seine Hand.
Warme, weiche Haare. Unwillkürlich streichelten seine Hände immer wieder darüber. „Wach auf, Nahi“, murmelte er, „wach auf!“ Sein Mund näherte sich dem Haargewusel, als eine Hand ihn grob zurückstieß.
„Spinnst du? Was soll das? Sie braucht Hilfe!“
NaNes Augen funkelten drohend. „ Ruf sofort den Notarzt!“
Und während NaNe die Freundin professionell in eine stabile Seitenlage brachte, wählten Tobis zitternde Finger die 112.
***
Das Telefon klingelte. Und irgendeine Melodie ertönte.
Ununterbrochen. Gefühlte zweihundert Mal.
Egal. Niemand sollte sie stören.
Ev stülpte sich ein weiteres Kissen auf die Bettdecke, die sie sich schon seit vorgestern über die Ohren gezogen hatte.
Regen. Grau. Trauer. Trauer. Grau. Regen.
Nein. Auch nach zwei Tagen würde sie nicht in die schreckliche Wirklichkeit zurückkehren.
Morning has broken …
Ihr Handy-Klingelton. Warum hatte sie sich diese Melodie nur ausgesucht?
Das stimmte nicht. Nicht sie hatte diese Idee. Sondern Mama.
Morning has broken,
like the first morning …
Also war es gar nicht das Telefon, das den höllischen Krach verursachte.
Oder doch? Ja, das Telefon läutete weiter – ein normales Klingeling, obwohl sie mit einem Fußtritt versucht hatte, es zum Schweigen zu bringen.
Und auch die einfühlsame Melodie stoppte nicht.
Praise for the morning, praise for the singing…
Das Handy auf ihrem Kopfkissen.
Automatisch griff Evs linke Hand danach, drückte den Annahmeknopf und ohne es zu wollen, hauchte ihre Stimme die Frage: „Mama?“
„Mama? Wieso denn Mama? Ich bin´s!“
Es war NaNe, obwohl ein Blick auf das Display den Namen „Tobi“ anzeigte.
Was war passiert?
„Ich dachte, wenn ich mich von Tobis Handy melde, gehst du ran. Wenn du mich schon nicht annimmst. Was ist los mit dir?“ Die Stimme der Freundin klang ungewöhnlich schrill. Untypisch für NaNe.
Unwillkürlich schob Ev die vielen Decken beiseite und setzte sich wider Willen auf. „Nichts Besonderes“, murmelte sie.
Doch NaNes Redefluss stoppte nicht. „Egal!“ Sie klang sichtlich erregt. „Hör zu, du musst heute Nachmittag unsere S4N-Sitzung leiten. Ich schaffe es beim besten Willen nicht rechtzeitig. Du musst nur die Tagesordnung durchgehen. Kein Problem. Du kennst sie. Die Entscheidungen setzen wir später zusammen um. “
Ev sackte in sich zusammen und suchte nach ihren Decken und Kissen, um sich wieder zu verkriechen.
„Ich – ich kann nicht. Das weißt du, NaNe. Ich kann einfach nicht!“
„Unsinn. Du kannst es. Viel mehr Menschen als du haben schlimmere persönliche Probleme. Auch mit ihrer eigenen Mutter!“
„Nein“, flüsterte Ev, aber NaNe fuhr unerbittlich fort: „Du bist das Herz und der Kopf von ´Bloggen for Nature´.
Keiner weiß mehr als du. Also wirst du wohl auch eine einzige Sitzung leiten können.“
„Ja, aber …“
„Kein Aber. Du musst!“
Diese strikte Anordnung der besten Freundin machte Ev rebellisch. Echt! Wieso musste sie? Sie hatte wirklich genug private Probleme - und das wusste NaNe ganz genau!
Am anderen Ende der Leitung verstand NaNe, dass sie Erklärungen geben musste, und seufzte. Denn diese harten Fakten hätte sie ihrer Freundin gern erspart.
„Ich – es tut mir leid, Ev. Aber Nahi hatte einen schweren Fahrradunfall. Sie ist bewusstlos. Wir sind im Krankenhaus. Tobi, Nahi und ich. Jemand muss hierbleiben und alles erklären. Besonders ihren Eltern. Und Tobi ist einfach unfähig.“
Aus lauter Überraschung setzte Ev sich wieder auf. Was war das? Fahrradunfall von Nahi? Unfähiger Tobi?
Unmöglich! Das gemeinsame Idol unfähig? Beinahe hätte sie trotzig ins Telefon gelacht.
Doch dann hörte sie die gepresste Stimme NaNes.
„Oh nein, da sind ihre Eltern schon an der Rezeption.
Vergiss den Fahrradunfall. Wir müssen uns etwas anderes überlegen. Ich weiß auch noch nicht …“ NaNes Stimme driftete ins Off.
Ev saß nun kerzengrade auf ihrem Bett. „Was ist passiert? Was genau? Sag es mir, NaNe!“
Doch NaNe atmete nur kurz und heftig ins Telefon.
„Keine Zeit. Später. Bitte, Ev, sag, dass du die Sitzung leitest.“
Ev nickte, aber irgendwie schien NaNe es verstanden zu haben.
„Danke. Ich schicke dir Tobi zur Unterstützung. Er benimmt sich hier sowieso nur wie ein Vollidiot. Er ist unmöglich.“
Und nach einer kurzen Überlegung fügte sie hinzu:
„Mach es einfach so wie ich. Und im Zweifel verlass dich auf Daniel. Er kennt sich aus! – Hilfe, die Eltern kommen!“
Dann legte NaNe auf.
***
Vor ihrem Gang ins Bad horchte Ev intensiv. Kein Geräusch im Haus. Also war Papa nicht da. Instinktiv schüttelte Ev sich bei diesem Gedanken, dann analysierte sie, was sie gestört hatte, und strich die Wörter Papa und Vater aus ihrem Wortschatz. Sie lauschte noch einmal.
Nein, wirklich keine Geräusche. Gut so. Also war auch diese Person … . Sie blendete den Gedanken aus.
Anschließend ließ sie sich intensiv lauwarmes Duschwasser über den Körper laufen. Nicht heiß, das hätte die Poren zu stark geöffnet und Blut aus den Gehirn gezogen.
Sie musste nachdenken. Über das ungewöhnliche Verhalten der Freundin.
Normalerweise hätte NaNe alles daran gesetzt, die Sitzungen ihrer Schulgruppe von „SchoolsforNature“ zu leiten. Und Ev war damit einverstanden, obwohl sie die Vorbereitungen immer zusammen machten und obwohl Ev zusätzlich die Artikel für den Blog schrieb und auch die Fragen und Kommentare beantwortete.
Aber sie konnte nicht reden. Sie war einfach zu schüchtern. Es war eine Qual, öffentlich aufzutreten; schon beim Gedanken an ein Publikum stellten sich ihre Nackenhaare auf.
Und insofern waren sie und NaNe das ideale Team: Ev leistete die Arbeit im Hintergrund und NaNe präsentierte die Ergebnisse öffentlich.
„Hallo, ich bin Naomi-Nele Bargholm. Naomi Nele: NaNe mit zwei großen Ns. In Erinnerung an meine Großmütter.
Oma Naomi kommt aus Finnland und Oma Nele aus Friesland. Beides sind Gegenden mit viel Natur. Und voller Leute, die viel über Natur wissen. Meine beiden Großmütter haben mich schon früh für naturwissenschaftliche Zusammenhänge interessiert. Und deshalb arbeite ich jetzt bei ´SchoolsforNature mit´. Heute ist unser Thema…“ .
So begann NaNe oft ihre Vorträge. Dann kam meist Fachwissen in einfacher Form. Mit viel jugendlichem Charme. Und mit vielen Ideen für öffentliche Aktionen.
Warum nicht heute?
Offensichtlich hatte es einen Unfall gegeben.
Nahi war schwer verletzt.
Immer wieder schüttelte Ev ihren Kopf. Verzweifelt.
Nicht Nahi. Das durfte einfach nicht sein. Ein Fahrradunfall! Wie sollte man das Nahis Eltern erklären?
Ev fühlte sich schuldig. Natürlich hatten NaNe und sie immer wieder Nahi geraten, auch gegen den Willen ihrer Eltern Dinge zu tun, die normal in Deutschland waren.
„Ihr sollt und ihr wollt euch in Deutschland integrieren.
Also gehört auch dazu, dass Mädchen hier Fahrrad fahren.“
Das Rad war über eine ehrenamtliche Flüchtlingshelfer-Organisation schnell organisiert. Und nach ein paar Übungsstunden mit den Freundinnen war Nahi völlig sicher.
Wieso heute nicht?
Natürlich das unmögliche Wetter, vermutete Ev.
Aber was war mit Tobi? Wieso war er überhaupt bei der Mädchen-Fahrradtour anwesend? Und wieso war er plötzlich ein Vollidiot?
***
Beladen mit Notizen und Schnellheftern kam Ev im Büro der Schülervertretung an.
Trotzdem fühlte sie sich vollkommen unvollkommen.
Sie war nun mal eine Null. Wie sollte sie die Sitzung meistern?
Mach es einfach so wie ich!
NaNe hatte gut reden.
Sie, Ev, konnte ja nicht allen Ernstes so anfangen: „Hallo, ich bin Eva-Maria Mensing; Eva-Maria: mit großem E und großem M, nach den biblischen Figuren von Eva und Maria. Denn ich stamme aus einem christlichen Elternhaus.
Meine Mutter arbeitet an einer evangelischen Privatschule und mein Vater in einem katholischen Krankenhaus. Wir achten die christlichen Regeln.“
Hahaha - genau! Gerade das sechste Gebot war ihrem Vater total egal.
Glücklicherweise war es der letzte Schulnachmittag vor den Osterferien. Offensichtlich hatten sich schon viele in den Urlaub verabschiedet; und erleichtert musterte Ev die wenigen Verbliebenen.
Elisa und Tom aus ihrer eigenen Klasse hockten in der hinteren Reihe, winkten ihr kurz zu und blickten weiter auf ihre Handys.
Vor ihnen saß ein Händchen haltendes Paar aus der Neunten. Sie schauten sich tief in die Augen und schienen sie gar nicht zu bemerken.
Daniel lümmelte auf der Fensterbank und redete auf drei Achtklässlerinnen ein, die ihm aber nur halb ihre Aufmerksamkeit widmeten; immer wieder starrten sie zur Tür. Seine blonden Haare waren frisch gewaschen und fielen ihm tief in die Stirn; sein Kinn versteckte er in einem schwarz-weiß-roten Eintracht-Frankfurt-Schal. Das helle Braun eines Pickelstifts war auf verschiedene Stellen seines Gesichtes verteilt. Also litt er wieder mal unter einer Akne-Attacke!
Wider Willen musste Ev grinsen – sie selbst hatte so viele Macken, dass sie sofort durchschaute, wenn andere Menschen versuchten, ihre Probleme zu vertuschen.
Denn eigentlich war Daniel hübsch; seine Augen waren nicht einfach nur blau, sondern klar wie Eis und hatten einen dunkelblauen Rand. Ev kannte diese Färbung nur von Schlittenhunden. Und Daniel konnte ausgesprochen nett und freundlich sein, wenn er einen guten Tag hatte.
Leider geschah das nicht allzu oft. Meist war er launisch und unberechenbar.
Als Ev sich auf NaNes Platz setzte, schaute er sie vorwurfsvoll an.
„Was machst du da? Das sitzt NaNe“, sagte er bestimmt und rutschte von der Fensterbank.
„NaNe kann heute nicht, deshalb leite ich die Sitzung.“
Ev versuchte ihrer Stimme einen festen Klang zu geben.
Nur jetzt keine Unsicherheit zeigen! Das würde noch fehlen, dass Daniel in gereizter Stimmung ihr vorhielte, sie könne NaNe nicht ersetzen. Natürlich konnte sie es nicht.
Das wusste sie selbst.
Daniel kam auf sie zu, und hinter ihm folgten die Achtklässlerinnen. Als sich Daniels Mund öffnete, sackte Ev in sich zusammen. Gleich würde er ihr Vorwürfe machen.
Wie sollte sie das hier alles schaffen? Doch Daniels Augen blickten besorgt: „Was ist los? Was ist mit NaNe?“
„Ich… ich weiß nicht. Eh … sie will nicht … nein, sie kann nicht…“.
Ev fand sich selbst jämmerlich. Warum konnte sie keinen klaren Satz sagen? Ihr Blick fiel auf den Haufen Material, das sie mitgebracht hatte und auf einen Artikel über die Folgen der Erderwärmung, den sie selbst geschrieben hatte. Du bist nicht nur jämmerlich, dachte sie. Das alles hier ist außerdem lächerlich. Stell dir einen geschriebenen Satz vor!
Sie konzentrierte sich stark und bildete sich dabei einen Teleprompter ein, der ihre geschriebene Antwort präsentierte: „NaNe ist im Krankenhaus, in der Notfallaufnahme. Keine Sorge; ihr selbst ist nichts passiert. Aber sie muss sich um eine Freundin kümmern. Sie hat mich gebeten, die Sitzung zu leiten. Und sie bittet dich, Daniel, mir dabei zu helfen.“
Super. Mehrere vollständige Sätze hatten ihren Mund verlassen.
Fassungslos starrte Daniel sie an. „Du bist sicher: NaNe ist okay? Ihr ist nichts passiert?“
Langsam wandte Ev ihren Blick vom Teleprompter ab. Sie blickte direkt in Daniels eisblaue Augen und flüsterte: „Ja, sie klang am Telefon ziemlich normal. Nur in Sorge um die Freundin.“
Sie machte eine kurze Pause. „Hilfst du mir jetzt?“
Daniel strich sich kurz die Haare aus der Stirn, zog den Schal ein bisschen höher und nickte.
Evs Herz pochte drei schnelle frohe Schläge, doch sie ließ es sich nicht anmerken. Stattdessen nickte sie (hoffentlich) professionell, wies den Platz neben sich Daniel zu und räusperte sich: „Okay. Hiermit begrüße ich alle Anwesenden. Auch in NaNes Namen, die leider heute nicht den Vorsitz der Sitzung übernehmen kann.“
Der Teleprompter in ihrem Kopf ließ sie ergänzen: „Was ihr sehr leid tut. Daniel ist so nett, mit mir zusammen heute die Sitzung zu leiten.“
Wieder ein erstaunter Blick von Daniel und wieder sein kaum merkliches Nicken. Das machte sie so froh, dass sie spontan sagen konnte: „Ich trage euch jetzt die Tagesordnung vor. Danach könnt ihr Änderungsanträge stellen.“
Aus der Ecke der Achtklässlerinnen kam ein Murmeln, das Ev sofort in Selbstzweifel stürzte. Hatte sie etwas falsch gemacht? Aber Daniel nickte ihr aufmunternd zu und flüsterte: „Vergiss sie. Sie sind nicht hier wegen Klimaschutz. Das ist bloß Tobis Fanclub.“
Tobis Fanclub? Was war das? Sollten außer ihr und NaNe noch weitere Mädchen in Tobi verknallt sein? Sofort strich sie das Wort verknallt. Tobi .. hm .. interessant finden?
Als sich vorsichtig die Tür öffnete und ein dunkler Lockenkopf erschien, musste sie nicht weiter nachdenken.
Die Achtklässlerinnen verwandelten sich in zur Tür blickende Statuen, die immerhin ahh und ohhh äußerten, kurz mit den Fingern ihre Frisuren in Form brachten und durch Aufeinanderpressen ihren Lippen mehr Rot entlockten. Doch als hinter dem Lockenkopf nicht Tobi auftauchte, sondern ein völlig unbekanntes Gesicht (echt süß, war Evs spontaner Eindruck), duckten sie sich schuldbewusst und lasen schnell in der Tagesordnung.
Trotz ihrer Anspannung musste Ev grinsen.
Also hat Daniel Recht! Sie wollen nur Tobi, nicht Klimaschutz!
Der fremde Junge blieb an der Tür stehen. Vorsichtig. Als ob er jeden Moment flüchten wollte.
So alt wie wir, jedenfalls ungefähr, wahrscheinlich älter, dachte Ev. Er ist ja so dünn. Und seine Kleidung ist auch schon mindestens 10 Jahre alt!
In ihre fragenden Blicke sagte der Fremde betont laut: „Ist hier SchoolsforNature?“
Als alle nickten, lächelte er freundlich, aber scheu. „Ich möchte dabei sein. Darf ich?“
Daniel war der erste, der sich fasste. Er deutete auf einen freien Sitz neben Tom und Elisa und puffte Ev in die Seite. Na klar, sie war die Vorsitzende, sie musste reagieren.
Komischerweise hatte sie kein Problem. Das sympathische Gesicht des Neuen ließen ihre Fragen nur so sprudeln.
„Wie heißt du?“ – „Noah.“
„Woher kommst du?“ – „Aus Russland.“
„Seit wann bist du an unserer Schule?“ – „Seit 1. März.“
„Welche Klasse?“ „10c!“ Also besuchte er die Parallelklasse.
„Willst du uns etwas über dich erzählen?“
Nun redete der Junge mit den braunen Locken schnell. In gutem verständlichen Deutsch, aber mit einem einerseits harten, andererseits sehr melodischen Akzent. Er kam aus einer deutsch-jüdischen Familie aus der ehemaligen Sowjetunion. Seine Familie war als deutsche Spätaussiedler anerkannt. Und er wollte in der Schulgruppe S4N mitarbeiten, weil die Tundra auftaute. Und giftige Gase freisetzte. Aber das war es nicht allein. Er fand, die Deutschen kümmerten sich nicht genug: einerseits um die Klimaveränderungen und andererseits um ihre ausländischen Mitbürger.
„Denn nicht nur die Natur ist wichtig, sondern auch der Mensch. Und wenn er noch so eigenartig ist!“
Klar! Unwillkürlich warfen sich Ev und Daniel Blicke zu.
Darauf wollten sie später eingehen.
„Aber jetzt zu TOP 1!“ Ev wunderte sich selbst, wie autoritativ sie klang.
Entsprechend der Tagesordnung präsentierte sie die letzten Klimadaten und die geplanten Aktivitäten direkt nach Ende der Osterferien. Es gab keine Gegenmeinungen, und Ev fiel ein Stein vom Herzen. Hatte sie sich selbst einfach zu viel Angst gemacht?
Gerade als sie ihren neuen Blog vorstellen wollte, erschien Tobi – käsebleich, verklebtes Haar, wirrer Blick. Er setzte er sich irgendwo hin.
Und das war: genau in die Gruppe der Achtklässlerinnen – seiner Fan-Gemeinde, wenn man Daniel glauben wollte. Zuerst hielten die Mädchen den Atem an, dann kicherten sie nervös und anschließend schoben sie sich gegenseitig in Tobis Richtung.
Der merkte nichts.
Er war zusammengesunken und verbarg seinen Kopf zwischen seinen Armen.
Ev und Daniel warfen sich besorgte Blicke zu. Im normalen Zustand mied Tobi Achtklässlerinnen. Was war passiert?
Ratlos zuckten sie die Achseln.
Danach hastete Ev durch den geplanten Blog und schloss schnell die Sitzung. Komischerweise brauchte sie dazu keinen Teleprompter im Kopf. Es klappte einfach so.
Die Achtklässlerinnen waren die ersten, die den Raum kopfschüttelnd verließen. Ihr großer Schwarm Tobi verhielt sich unheimlich.
Danach winkten Elisa und Tom ihnen zu: „Goodbye!
Happy Easter! Wir sind in den Ferien hier, falls ihr uns braucht!“
Unerwarteter Weise hatte auch das Paar aus der Neunten etwas vom Geschehen mitbekommen und versicherte: „Wir auch! Wir sind für euch da!“
Übrig blieben nur Ev, Daniel, Tobi und der Neue.
Eigentlich war die Sitzung vorbei, aber Noah kam auf sein ursprüngliches Anliegen zurück: „Ja, klar“, sagte er. „Natur ist die eine Sache. Und eine ganz Wesentliche. Selbstverständlich. Aber was ist der anderen wichtigen Sache? Was ist mit Menschlichkeit?
Mit Menschenrechten?“
Ev fühlte Unruhe in sich aufsteigen.
Nein, etwas anderes. Empörung. Wollte Noah sagen, ihre Gruppe sei unmenschlich, sie achte nicht die Menschenrechte? Unvorstellbar!
Als Sitzungsleiterin beschloss Ev nur sachlich zu handeln.
Deshalb gab sie das Wort weiter an Daniel, denn Tobi hatte überhaupt nicht zugehört.
„Daniel – was meinst du?“ Der nickte Noah zu.
„Absolut klar: Nicht nur die Natur ist wichtig, sondern auch der Mensch. Und besonders dann, wenn er seine Einzigartigkeit zeigt!“
Ev war überrascht. Eigentlich hätte sie Daniels Position wissen müssen, aber – was hatte sie in den letzten Wochen überhaupt wahrgenommen?
Sie schluckte. Hatte NaNe Recht? War sie zu sehr in ihren eigenen Problemen gefangen?
„Na klar“, erklärte sie. „Der Mensch ist wichtig. Am wichtigsten sogar.“
Dabei kamen ihr die Tränen, denn sie musste an ihre eigene Mutter denken. Sie war das Wichtigste überhaupt.
„Bloggen for Nature“, flüsterte sie, „schließt natürlich den Menschen ein. Denn ohne sein natürliches und soziales Umfeld ist der Mensch nichts.“
Dann schloss sie schnell die Sitzung zum zweiten Mal, und zu ihrer großen Überraschung umarmte Tobi sie knapp.
***
Wieder einmal konnte Ev nicht schlafen.
Es war nicht wegen Tobis Umarmung.
Leider.
Diese Erkenntnis überkam sie schnell. Im Gegensatz zu ihren Träumen hatten sich keine aufregenden Gefühle in ihr entwickelt. Schade! Sie hatte es sich in ihrer Fantasie anders vorgestellt.
Was dann?
War es die Sitzungsleitung?
Nein, wider Erwarten hatte auch die Sitzung sie nicht so beunruhigt, dass sie nicht schlafen konnte. Denn sie war einigermaßen glimpflich abgelaufen.
Was dann?
Irgendwie hatte es etwas mit Daniel zu tun.
Nicht mit seinem guten Aussehen, natürlich nicht.
Obwohl sie fand, dass sie sich demnächst mit NaNe darüber streiten musste, ob eigentlich Tobias oder Daniel besser aussah. Und wer intellektuell besser drauf war.
Noch war sie sich über ihre eigene Entscheidung nicht sicher; aber sie freute sich sehr auf den freundschaftlichen Austausch mit NaNe.
Aber jetzt musste sie alles erstmal für sich klären.
Worauf war sie angesprungen? Was hatte ihr Herz höher schlagen lassen?
Sie erinnerte sich an Daniels Satz: „Nicht nur die Natur ist wichtig, sondern auch der Mensch. Und besonders dann, wenn er seine Einzigartigkeit zeigt!“
Ev ließ sich diesen Satz mehrfach durch den Kopf gehen.
Sie probte ihn sogar im Hin-und Hergehen. Dann stieß sie sich mehrmals mit der Faust der rechten Hand gegen die Stirn und murmelte: „Du Idiot! Was soll das? Das ist sowieso klar!“
Es war eine Binsenwahrheit.
Es war noch dunkel, als Ev erwachte. Ein Blick auf den Wecker zeigte 7.00 Uhr. Der Regen prasselte immer noch gegen das Fenster. Aber sie fühlte sich frisch; ihre Füße stiegen von allein aus dem Bett. Und das am ersten Ferientag!
Zuerst checkte sie die Geräusche im Haus.
Totenstille. Also war der Erzeuger nicht da.
Zum wiederholten Mal bedauerte sie, dass sie keine Geschwister hatte, denn dann wäre jetzt Leben im Haus.
Aber – no choice! What has passed, has passed.
Danach durchsuchte sie ihre Emails und ihre Sprachnachrichten, sogar ihre WhatsApps, obwohl Mama nie für WhatsApp war.
Nichts, nichts, wieder nichts.
Was ihr blieb, war der handschriftliche Zettel, den Mama vor ein paar Tagen unter ihre Zimmertür geschoben hatte. „Meine liebe Evi! Mach dir keine Sorgen. Ich brauche Luft. Also bin ich erstmal weg. Aber immer bei dir. In Gedanken. Du bist mein Schatz, bitte verstehe mich. Bis bald, deine Mama.“
Wann war bald?
In diesem Moment blinkte eine neue Nachricht auf. Tobi.
„Mama wieder auf Dienstreise. Oma kommt. Du auch?? Wir würden uns freuen!“
Zum ersten Mal seit Tagen freute sich auch Ev. Sie mochte Tobis Oma. Spontan textete sie zurück: „Komme!!“
***
Natürlich hatten NaNe und ihre Mutter schon häufig gestritten. Aber so heftig wie heute beim Frühstück war es schon lange nicht gewesen. Erschöpft schob Mama ihren Teller zurück und legte dann ihre Hand versöhnlich über NaNes.
„Was ist los, Naneli? Was bedrückt dich?“
Diese liebevolle Geste öffnete alle Schleusen in NaNes Tränenbezirk. „Meine Schuld… Nahis Fahrradunfall … ihre Eltern untröstlich und auch empört … Tobi… Idiot.“
Mama seufzte. Dann machte sie sich daran, die Wortfetzen aufzudröseln. Dass Tobi ein Idiot war, ließ sich schnell erklären. Statt sofort Hilfe zu holen, hatte er Nahi … na ja … irgendwie hatte er Nahis Haar gestreichelt.
Obwohl Nahi Muslimin war und ein deutscher Junge das eigentlich nicht durfte.
Mama hob erstaunt ihre Augenbrauen, aber sagte nichts.
„Und Nahis Eltern wollten natürlich nicht, dass sie Fahrrad fährt. Aber Ev und ich haben es ihr beigebracht. Und sie hatte Spaß!“
Fast trotzig schleuderte NaNe diesen Satz in Mamas Richtung, aber die schaute sie nur aufmerksam an.
„Und gestern nach der Schule – wir hatten nur die dritte Stunde, weil ja die Osterferien beginnen. Aber das wussten Nahis Eltern nicht. Tobi und ich wollten ihr einen Ostermarkt zeigen. Der in Hoddersheim hat schon gestern begonnen. Das sind nur zwei Kilometer. Also 4 km hin und zurück. Flache Wege. Das kann jeder schaffen!!“
Mama nickte. NaNe schnaufte durch. „Aber dann der Regen. Irgendwie ist sie geschlittert und gestürzt. Und Tobi war unfähig.“
Ihre Mutter beschloss, an dieser Stelle nicht nachzufragen. Stattdessen sagte sie möglichst neutral: „Du hast also die Notfallnummer gewählt - und dann?“
Es stellte sich heraus, dass NaNe nicht nur den Einsatz des Notarztes organisiert, sondern auch im Krankenhaus den unfähigen Tobi weggeschickt hatte. Danach hatte sie alle ihre Energie daran gesetzt, dass Nahis Eltern nichts vom Fahrradfahren erfuhren. Leider vergeblich. Die Rettungssanitäter hatten ihnen das verbeulte Rad gezeigt.
„Sie haben es mit nach Hause genommen, Mama! Und wenn Nahi aus dem Krankenhaus entlassen wird, dann werden ihre Eltern … sie werden … dann …“ NaNes Stimme tröpfelte aus.
Verständnisvoll nickte Mama. „Okay“, sagte sie. „Wenn Nahi nach Hause kommt, sind wir auch da. Besuch. Und es ist DEIN Fahrrad. Ihr seid zu Fuß gegangen, und du hast dein Rad geschoben. Du bist gestolpert und ausgerutscht. Nahi wollte dir helfen. Und dann…“.
Mama musste nachdenken. „Ja, und dann kam ein Auto.
Es hat Nahi gestreift und ist über dein Fahrrad gefahren, das auf der Straße lag. Also daher die Beulen am Rad.
Und natürlich könnt ihr euch an mehr nicht erinnern.“
Mama nickte sich zufrieden selbst zu.
Und NaNe fand zum tausendsten Mal, dass Mama mit ihrer Fantasie Romane schreiben sollte. Aber das sagte sie nicht. Sie schmiegte sich in Mamas Arm und flüsterte:
„Danke.“ Mama küsste ihre Stirn.
Viel später schrieb NaNe eine Mail an Ev: „Tut mir leid - die Aussage über die Mütter, die immer Probleme machen. Stimmt nicht. Es gibt auch andere.“
Zwei Minuten später löschte sie die Nachricht wieder, für alle.
Sie schämte sich. Wie konnte sie mit ihrer eigenen Mama angeben, während Evs Mutter verschwunden war?
***
„Nahi! Nahite, bitte! Bitte schau mich an!“
Dieser Ton klang in Nahis Unterbewusstsein. Ein Flehen.
Eine liebe Stimme. Mit Schwierigkeiten öffnete sie ihre Augen. Dann sah sie ihn.
„Tobi!“ Ihr Herz klopfte stärker. Seine Augen sahen sie sorgenvoll an. Aber zärtlich strich seine rechte Hand über ihre Wangen.
„Ich bin so froh! Du lebst!“ Doch als er im Hintergrund Geräusche hörte, machte er sich sofort klein. „Ich muss weg. Pass auf dich auf. Und gib mir ein Zeichen, wenn du zu Hause bist.“
Als die Krankenschwester an ihr Bett trat, gab es keine Spur mehr von Tobi. Und Nahi selbst wusste nicht, ob sie geträumt hatte.
Doch dann stieß sie sich an etwas Hartem auf ihrem Kopfkissen. Ein Stein. Nein, nicht irgendein Stein. Glatt.
Halbmondartige Form. Ein roter Streifen in der Mitte.
Tobis Talisman.
***
Kurz vor Tobis Haus checkte Ev ihre Mails nochmal. Es regnete immer noch, und sie zog sich das fein gewebte Tuch, das Nahi ihr geschenkt hatte, tiefer in die Stirn.
Leider gab es nichts Neues. Noch immer keine Nachricht von Mama. Allerdings war da eine gelöschte Mail. Aber die stammte nicht von Mama. Sondern von NaNe.
Tobi öffnete die Tür, und im dämmrigen Korridor stieß sie beinahe mit einer Frau im Alter ihrer Mutter zusammen, die aber viel sportlicher als Mama wirkte und moderner gekleidet war. Auch trug sie Makeup.
Tobis Mutter. Sie war in Eile, und ihr Blick streifte Ev nur kurz.
„Ach, das Kopftuchmädchen!“
Ev machte sich unwillkürlich klein, denn sie meinte einen spöttischen Ton zu hören.
„Hör zu“, hastig zog Tobis Mutter ihren widerstrebenden Sohn an sich, „natürlich habe ich nichts gegen Kopftuchmädchen. Das weißt du. Aber momentan bist du einfach zu jung. Konzentriere dich auf die Schule, das ist das Wichtigste. Versprochen?“
Verwirrt nickte Tobi, aber dann schüttelte er den Kopf und befreite sich aus den Armen seiner Mutter.
Draußen hupte ein Taxi. Erstaunt schaute seine Mutter ihn an, als er sie rau von sich stieß: „Du musst gehen. Wie immer. Reden können wir ja später. Auch wie immer.
Aber nicht, wenn es wirklich nötig ist.“
Er schob sie aus dem Eingang und schlug die Tür heftig hinter ihr zu. Ev meinte, in seinen Augen Tränen glitzern zu sehen.
Kurz hämmerte Tobis Mutter gegen die Tür. „Tobi, Schatz!“, rief sie. „Ich hab dich lieb, das weißt du.“
Das Taxi hupte.
„Du bist mir das Wichtigste. Aber jetzt muss ich weg! Bis bald, mein Großer! Bleib stark. Und notfalls kann Oma…“.
Tobi hielt sich die Ohren zu, dann verstärkte sich das Motorengeräusch. Durch das Fenster neben der Haustür sah Ev, wie Tobis Mutter aus dem Taxi winkte. Tobi sah es nicht. Er hatte sich auf den Boden gesetzt und sein Gesicht in den Händen vergraben.
Wieder griffen kalte Gespensterfinger nach Ev, drückten ihr zuerst den Hals und dann das Herz ab. Wie vor fünf Tagen, als Mama und sie im Schlafzimmer die Geräusche gehört hatten. Ev fühlte Panik in sich aufsteigen.
„Hallo Eva-Maria, schön dich zu sehen!“
Die einzige außer ihren Eltern, die sie bei ihrem wirklichen Namen nannte, war Tobis Oma, denn die hasste Abkürzungen.
Die Geisterfinger um Herz und Hals lockerten sich etwas und deshalb konnte Ev zum anderen Ende des Flurs schauen. Von dort winkte ihr Tobis Oma zwar zu, aber ihre Augen blieben auf ihren Enkel geheftet.
Sie nickte kurz, verstehend.
Seit wann steht sie da? Hat sie was mitbekommen? Hoffentlich nicht! Oder eigentlich: hoffentlich doch!
Ev merkte selbst, dass ihre Gedanken unlogisch waren.
Einerseits wünschte sie, dass Tobis Oma nichts von seinem Kummer mitbekommen hätte. Aber andererseits ...
Wenn jemand helfen konnte, dann sie!
Ev merkte, dass die Panik erzeugenden Finger verschwunden waren, und sie beschloss, so normal wie möglich zu handeln.
„Hallo Brigitte“, sagte sie, „ auch schön dich wiederzusehen.“ Es fiel ihr leicht, einen freudigen Ton in ihre Stimme zu legen. Tobis Oma wollte beim Vornamen genannt werden und Ev fühlte sich ihr momentan sowieso ziemlich nah.
Sie spürte eine leichte Umarmung und schnupperte Brigittes Parfüm.
„Aber Kind, du bist ja ganz nass! Nun mal weg mit dem feuchten Zeug!“
Jetzt verhielt sich Brigitte wieder oma-mäßig. Aber schon im nächsten Moment fragte sich Ev, ob hier nicht eine Strategie verfolgt wurde. Denn als erstes griff Brigitte nach dem Kopftuch und sagte: „ Oh, das ist ja so schön wie die Tücher von Nahite. Hat sie es dir geschenkt?“
Als Ev nickte, stopfte Tobis Oma kurz entschlossen das nasse Tuch in Tobis Nacken. Sofort stand dieser auf und schüttelte sich. Bevor er sich beschweren konnte, fragte ihn seine Oma: „Wen meint Mama denn mit Kopftuchmädchen? Nahite? Oder Eva-Maria?“
Also hatte sie alles mitgekriegt. Irgendwie machte Ev das froh. Vielleicht kam man nun an Tobis Kummer heran?
***
Das Krankenhaus gab keine Auskunft. Denn NaNe war keine nahe Angehörige. Sie war ja nur die Freundin. Und außerdem minderjährig.
Was nun?
Sie konnte Nahis jüngere Schwester befragen, aber die hatte natürlich noch kein Handy.
Ihr Display zeigte ihr viele unbeantwortete Anrufe.
Wieso? Ach ja, sie hatte im Krankenhaus alles auf lautlos gestellt. Wer hatte sie kontaktiert? Daniel … und … Daniel … und … Daniel … und … Elisa und … Daniel.
„Wer ist Daniel?“ Mit Erstaunen sah ihre Mutter, wie NaNe leicht errötete. „Ach, nur ein Junge aus unserem S4N-Team.“
„Okay“, sagte Mama nachdenklich, „auch Nahi ist im Team. Vielleicht ist er ja froh, wenn er einem Teammitglied helfen kann. Er kann dich unterstützen herauszufinden, wann Nahi nach Hause kommt.“
„Meinst du wirklich?“ NaNes Stimme klang etwas gedrückt.
Mama meinte es wirklich.
Und Daniel war mehr als froh, Nahi zu helfen. So froh, dass NaNe ein Missbehagen spürte.
Erst als er zum vierten Mal fragte: „Und du selbst – du bist wirklich okay, NaNe? Wirklich? Bist du wirklich okay, NaNe?“ Erst dann machte ihr Herz einen kleinen Hüpfer und das Missbehagen verdampfte einfach. Sie verabredeten sich in einer halben Stunde vor Nahis Wohnung.
***
Ev half Tobis Oma, Tee zu kochen und Kekse auf einem Teller dekorativ anzuordnen. Normalerweise war sie gegen Kekse – wegen der Figur. Aber nun merkte sie, dass sie zwei Tage lang nichts gegessen hatte. Kekse waren jetzt wirklich nützlich!
Beide warfen hin und wieder kurze Blicke durch die Tür ins Wohnzimmer, wo Tobi auf der Couch hockte und sein Handy konsultierte. „ Seine Mama? Oder Nahi?“, flüsterte Ev. „Beide“, flüsterte Tobis Oma zurück. „Und leider antwortet keine.“
Sie zündete Kerzen an und legte sanfte klassische Musik auf. Weder Tobi noch Ev beschwerten sich. Jetzt galten Omas Regeln. Und außerdem – eigentlich war es ganz gemütlich.
Mitten in die Gemütlichkeit hinein wiederholte Tobis Oma scheinbar harmlos ihre Frage: „Wen hat Mama denn mit Kopftuchmädchen gemeint? Eva-Maria oder Nahite?“
Das wirkte. Tobi, der entgegen seinen Gewohnheiten völlig still gewesen war, bekam plötzlich Farbe ins Gesicht. „Sie ist kein Kopftuchmädchen. Sie ist klug und intelligent und herzlich. Sie ist nicht rückständig und unselbständig. Sie weiß mehr, als manches deutsche Mädchen!
Unauffällig lächelten Oma und Ev sich an. Das Eis war gebrochen.
„Was ist passiert?“
Omas Frage beantwortete Tobi mit einer genauen und zusammenhängenden Schilderung des Unfalls. Er geriet erst ins Stocken, als er beschrieb, wie er sie gefunden hatte. „Ihr Gesicht war voller Blut. Woher kam es? Das musste ich wissen. Ich … ich hab also ihr Kopftuch weggeschoben. Und dann …“ In Tobis Schweigen fragte Oma: „Und dann hast du die Kopfwunde entdeckt, Tobias?“
Er starrte ins Leere. „Nein, dann habe ich … dann habe ich …“. Er heftete seinen Blick fest auf seine Oma, die ihm aufmunternd zunickte. „Dann habe ich ihre Haare gestreichelt. Ich … sie waren weich und warm und … “.
Er brach ab.
„Gut. Das hast du gut gemacht.“ Omas Stimme enthielt tausend Umarmungen.
Ev sagte nichts.
***
Sie trafen sich vor dem etwas heruntergekommenen Hochhaus, in dem Nahi mit ihrer Familie wohnte. Das verbeulte Fahrrad war abgeschlossen und lehnte an der Wand neben der Haustür. Das alte Familienauto fehlte.
NaNe hoffte inständig, dass beide Eltern damit unterwegs waren.
