Bluff - Herman Heijermans - E-Book

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Herman Heijermans

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Beschreibung

Der Teufel führt sie zusammen: einen Schriftsteller, einen Bankier und einen Hoteldieb. Ein großer Aktienbetrug wird geplant, und ein Mord im Zug findet statt. Und wie alles zusammenhängt, muss Kriminalkommissar Nathan Duporc aufklären. Eine charmante und unterhaltsame Gaunerei im Stile alter Krimiklassiker. Null Papier Verlag

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Seitenzahl: 365

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Herman Heijermans

Bluff

Roman

Herman Heijermans

Bluff

Roman

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2024Klosterstr. 34 · D-40211 Düsseldorf · [email protected]Übersetzung: Else Otten EV: Rudolf Mosse, Berlin, 1926 (281 S.) 2. Auflage, ISBN 978-3-962814-01-4

null-papier.de/neu

Inhaltsverzeichnis

Ers­tes Ka­pi­tel – Wo­rin es der Teu­fel mit ei­nem ly­ri­schen Schrift­stel­ler, ei­nem Ban­kier und ei­nem Ho­tel­dieb zu tun be­kommt.

Zwei­tes Ka­pi­tel – Wo­rin Nä­he­res über den Mul­ti­mil­lio­när Ar­tur Ron­de­el er­zählt wird.

Drit­tes Ka­pi­tel – Wo­rin Nä­he­res über den Schrift­stel­ler Hans Thys­sen, Mit­glied des Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­li­chen Ver­eins, mit­ge­teilt wird.

Vier­tes Ka­pi­tel – Wo­rin nun Nä­he­res über den Ho­tel­dieb Johan Tulp, ge­nannt Charles Jean Tul­li­pe, be­kannt wird.

Fünf­tes Ka­pi­tel – Wo­rin Na­than Ma­ri­us Du­porc von der Ge­heim­po­li­zei die Not­brem­se zieht.

Sechs­tes Ka­pi­tel – Was Schreck­li­ches in dem Zuge ge­sche­hen, und in wel­ches La­by­rinth der Kri­mi­nal­kom­missar ge­ra­ten war.

Sie­ben­tes Ka­pi­tel – Die Vor­le­sung von Hans Wil­lem Adriaan Thys­sen in Dordrecht fin­det nicht statt, und Jaapje Eek­horn macht im Ho­tel Pon­sen eine Ent­de­ckung.

Ach­tes Ka­pi­tel – Ein Ho­tel, in dem we­nig ge­schla­fen, viel ge­wa­schen und ge­häm­mert wird und die Gäs­te auf nüch­ter­nen Ma­gen ihre Rech­nung be­zah­len, aber aufs Früh­stück ver­zich­ten.

Neun­tes Ka­pi­tel – Ein be­deut­sa­mes Ka­pi­tel, in dem Herr N. M. Du­porc vom Ge­heim­dienst den Zug ver­passt, die Ak­ti­en der »In­ter­na­tio­na­len Bank« für einen Pap­penstiel an der Ams­ter­da­mer Bör­se zu ha­ben sind und Jaapje Eek­horn Da­men­be­such im Wohn­schiff emp­fängt.

Zehn­tes Ka­pi­tel – Wo­rin Jaapje Eek­horn den Flirt sei­nes Bu­sen­freun­des fort­setzt, eine Ver­lo­bung auf nie­der­träch­ti­ge Art auf­ge­ho­ben und Klot­hil­de Ron­de­el mit herz­li­chen Teil­nah­me­be­wei­sen über­schüt­tet wird.

Elf­tes Ka­pi­tel – Wo­rin Klot­hil­de eine et­was hoch­tra­ben­de Rol­le spielt, Na­than Du­porc ei­ni­ge nächt­li­che Be­su­che ab­stat­tet, bei Mon­den­schein auf dem Damm ein paar ge­wal­ti­ge Luft­sprün­ge macht und die Con­nie vom No­tar die Feu­er­wehr alar­miert.

Zwölf­tes Ka­pi­tel – Ein neu­es, höchst be­weg­tes Ka­pi­tel, worin der Kri­mi­nal­kom­missar die Er­fah­rung macht, dass man mit Stel­zen auf un­be­kann­ten Pfa­den nicht gut vor­wärts kommt; worin fer­ner Jaapje Eek­horn durch einen mit­lei­di­gen Hel­fer in der Not ge­ret­tet, aber dank sei­ner Mund­stück­ma­nie wie­der ver­ra­ten wird und in ei­nem schwa­chen Au­gen­blick sel­ber an Ver­rat denkt; und worin end­lich Na­than Ma­ri­us Du­porc sein Licht in Aer­den­hout leuch­ten lässt.

Drei­zehn­tes Ka­pi­tel – Wo­rin der Kom­missar das Ga­st­recht ver­letzt und die Be­kannt­schaft ei­nes höchst un­ge­nieß­ba­ren Kol­le­gen macht, No­tars Con­nie mit Schil­ler­lo­cken trak­tiert wird und sel­ber was zum bes­ten gibt, wäh­rend eine che­mi­sche Un­ter­su­chung die Ver­mu­tun­gen Du­porcs auf eine auch für ihn über­ra­schen­de Wei­se be­stä­tigt.

Vier­zehn­tes Ka­pi­tel – Wo­rin Na­than Ma­ri­us Du­porc einen aus­führ­li­chen Be­richt schreibt und sei­ne Cou­si­ne Anna den fins­te­ren Pfad der Sün­de be­tritt – Hans Thys­sen mit 30 So­net­ten und dem Ent­wurf zu zwei neu­en Dra­men aus der Haft ent­las­sen wird – Jo­se­phus Bok, Rit­ter der Ehren­le­gi­on, aus der Ef­fek­ten­bör­se hin­aus­ge­wor­fen wer­den soll – Charles Jean Tul­li­pe eine edle Rol­le spielt – und ver­schie­de­ne an­de­re höchst in­ter­essan­te Er­eig­nis­se sich zu­tra­gen, die sich zu Be­ginn die­ses Ka­pi­tels noch nicht alle auf­zäh­len las­sen, weil ein ge­schick­ter Ro­man­schrei­ber nicht all sein Pul­ver schon vor­her ver­schies­sen darf.

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Der Dop­pel­mord in der Rue Morgue

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Erstes Kapitel – Worin es der Teufel mit einem lyrischen Schriftsteller, einem Bankier und einem Hoteldieb zu tun bekommt.

An ei­nem au­ßer­ge­wöhn­lich düs­te­ren Nach­mit­tag, an dem der Him­mel so voll schwar­zer Wol­ken und Un­wet­ter­dro­hun­gen hing, dass in vie­len Woh­nun­gen schon früh­zei­tig Licht hin­ter den Fens­ter­vor­hän­gen brann­te, hat­te ein Schrift­stel­ler, der er­käl­tet war, sei­ne Füs­se in lau­war­mes Was­ser ge­steckt und war dar­über ein­ge­nickt; ein viel­fa­cher Mil­lio­när saß mit ei­ner Zi­ga­ret­te zwi­schen den vol­len Lip­pen einen Au­gen­blick aus­ru­hend in sei­nem Klub­ses­sel, und der Ho­tel­dieb zün­de­te sich eine zu fest ge­stopf­te und dar­um schlecht bren­nen­de Pfei­fe an.

Die­se drei Men­schen hat­ten nichts mit­ein­an­der ge­mein als eben die­ses Eine: dass sie Men­schen wa­ren – aber Men­schen al­ler­ver­schie­dens­ter Art.

Sie kann­ten ein­an­der nicht.

*

Der Schrift­stel­ler be­wohn­te ein Zim­mer mit Schlaf­kam­mer in ei­nem klein­bür­ger­li­chen, doch sehr an­stän­di­gen Vier­tel. Der Ban­kier nann­te, un­ter an­de­rem, eine fürst­lich ein­ge­rich­te­te Woh­nung im vor­nehms­ten Stadt­teil Ams­ter­dams, hin­ter dem Reichs­mu­se­um, sein ei­gen. Der Ho­tel­dieb schweif­te bald hier, bald dort hin; er hat­te letzthin im Volks­hau­se Ob­dach ge­fun­den und leb­te jetzt, takt­voll zu­rück­ge­zo­gen, bei ei­nem Bu­sen­freund in ei­nem Wohn­schiff, das an ei­nem Kai fest­ge­macht hat­te.

»Das ist eine hüb­sche Mus­ter­kol­lek­ti­on«, dach­te der Teu­fel und klopf­te an.

»He­rein«, sag­te der Schrift­stel­ler, »aber, bit­te, se­hen Sie sich nicht um und neh­men Sie kei­nen An­sto­ss an mei­nem Auf­zug! Ich habe mich er­käl­tet, muss aber heu­te Abend ver­rei­sen, und weil der Mensch nie weiss, was über ihm schwebt, und was ihm pas­sie­ren kann, wa­sche ich mir die Füs­se, wie ich mir auch die See­le von Gift und Gal­le ge­gen die Mensch­heit rein­wa­schen möch­te, die mich schmäh­lich im Sti­che Iässt.«

»Wir wer­den viel mit­ein­an­der zu tun krie­gen«, sprach der Teu­fel lä­chelnd.

*

»He­rein!« rief der Ban­kier. »Bit­te, neh­men Sie doch eine Zi­ga­ret­te. Ich ruhe mich einen Au­gen­blick von mei­nen end­lo­sen Kon­fe­ren­zen aus. Man reibt sich schliess­lich ganz auf. Man wirt­schaf­tet mit sei­nen Ner­ven drauf los und ver­raucht eine Schach­tel Zi­ga­ret­ten nach der an­de­ren. Ich muss heu­te Abend in Beglei­tung ei­nes mei­ner Freun­de und mei­nes Se­kre­tärs ver­rei­sen. Wir brin­gen ein Ka­pi­tal von un­schätz­ba­rem Wert in zwei Hand­kof­fern fort. Aber wir sind zu dritt und be­waff­net.«

»Ich wer­de die Sa­che im Auge be­hal­ten«, sprach der Teu­fel lä­chelnd.

*

»Was soll denn das?« rief der Ho­tel­die­b und fuhr hoch, wo­bei aus der gleich­falls hoch­fah­ren­den Pfei­fe Fun­ken in die Rit­zen des Fuss­bo­dens im Wohn­schiff fie­len. »Ich schät­ze das nicht, wenn je­mand so heim­lich an Bord kommt! Ich tue hier noch ein paar Züge aus mei­ner Pfei­fe, ehe ich mei­nen Kof­fer pa­cke. Ich muss heu­te Abend sehr drin­gend ver­rei­sen, und die vo­ri­ge Nacht bin ich auch nicht ins Bett ge­kom­men. Ich war mit mei­nem Kol­le­gen auf Tour, aber es war nichts zu ho­len. Ich ar­bei­te am liebs­ten in in­ter­na­tio­na­len Ho­tels und in in­ter­na­tio­na­len Zü­gen. Schnüf­feln Sie nicht so her­um! Dies ist nur der ge­sun­de Ge­ruch von Chlo­ro­form; da­mit er­rei­che ich mehr als mit ei­nem ge­räusch­vol­len Brow­ning, ob­gleich man auch die­sen für den Not­fall nicht gänz­lich aus­schal­ten darf. Pfei­fe ge­fäl­lig?«

»Dan­ke. Wir bei­de ha­ben uns nicht zum letz­ten Male ge­se­hen«, mein­te der Teu­fel und lä­chel­te wie­der.

*

Drei­mal hat­te er auf die glei­che Art ge­lä­chelt. Kein Zwei­fel: es war eine hüb­sche Mus­ter­kol­lek­ti­on: der Schrift­stel­ler A; der Ban­kier B; der Ho­tel­dieb C.

Und auf sei­ne Man­schet­te zeich­ne­te er mit ein paar ra­schen Blei­stift­stri­chen ein Drei­eck:

Zweites Kapitel – Worin Näheres über den Multimillionär Artur Rondeel erzählt wird.

Das lu­xu­ri­öse Rei­se­au­to des Herrn Ar­tur Ron­de­el, Haup­t­in­ha­bers der In­ter­na­tio­na­len Bank, hielt vor den ver­git­ter­ten Fens­tern des Bank­ge­bäu­des auf der Kai­sers­gracht. Wäre es Früh­jahr oder Som­mer und wäre die gan­ze Lage we­ni­ger be­ängs­ti­gend ge­we­sen, so wür­de Herr Ron­de­el ver­mut­lich die gan­ze Fahrt in sei­nem Lu­xus­wa­gen zu­rück­ge­legt ha­ben, statt den Pa­ri­ser D-Zug zu be­nut­zen. Nun aber war die An­ge­le­gen­heit nicht nur sehr drin­gend, son­dern sie muss­te auch so dis­kret wie mög­lich be­han­delt wer­den – an der Bör­se war oh­ne­dies schon et­was durch­ge­si­ckert – wohl nicht das Rich­ti­ge, aber doch im­mer­hin et­was, und das hat­te na­tür­lich zur Fol­ge, dass die Ak­ti­en der In­ter­na­tio­na­len Bank, die in den letz­ten Jah­ren oh­ne­hin schon un­ter Pari ge­fal­len wa­ren (trotz ei­ner Di­vi­den­de von acht Pro­zent und ei­ner Re­ser­ve von dreis­sig Pro­zent des Ak­ti­en­ka­pi­tals!), noch wei­ter her­un­ter­gin­gen. In­ner­halb we­ni­ger Tage muss­te al­les mit den Ver­tre­tern der Re­gie­rung ins Rei­ne ge­bracht wer­den. Oben­drein muss­te Herr Ar­tur Ron­de­el bis spä­tes­tens Don­ners­tag zu­rück sein, um der Trau­ung sei­ner ein­zi­gen Toch­ter Klot­hil­de bei­zu­woh­nen. Die Hoch­zeits­fei­er soll­te das glän­zends­te Fest wer­den, das noch je in Pri­vat­krei­sen ge­fei­ert wor­den war. Das Pro­gramm um­fass­te drei Tage: Diens­tag, Mitt­woch, Don­ners­tag. Diens­tags die Fahrt auf ei­nem der Pas­sa­gier­schif­fe der See­fahrts­ge­sell­schaft, in de­ren Auf­sichts­rat Herr Ron­de­el als Vor­sit­zen­der saß. Mitt­wochs Di­ner mit Ball und großem Or­che­s­ter in der fürst­li­chen Vil­la draus­sen in Aer­den­hout. Don­ners­tags Lunch im Pa­vil­lon des Von­del­parks, Empfang in der Stadt­woh­nung und Son­der­vor­stel­lung im Stadt­thea­ter.

Es soll­ten Tage und Näch­te vol­ler Über­ra­schun­gen wer­den, und Herr Ron­de­el, der seit zehn Jah­ren Wit­wer war, hät­te auch nicht um der größ­ten Trans­ak­ti­on wil­len die­ses Fest ver­säu­men mö­gen.

*

Im Pri­vat­kon­tor der Di­rek­ti­on gab es ein ner­vö­ses Has­ten, um al­les zur Rei­se fer­tig­zu­ma­chen.

Es war schon öf­ter fie­ber­haft zu­ge­gan­gen. Ein­mal, wäh­rend ei­ner je­ner Bör­sen­pe­ri­oden mit nur müh­sam un­ter­drück­ten Pa­nik­stim­mun­gen, hat­te Herr Ron­de­el sei­ne Angst vor dem Schwin­de­lig­wer­den tap­fer un­ter­drückt und war an ei­nem Tage nach Lon­don hin und zu­rück ge­flo­gen; und an je­nem Tage hat­te es in dem lu­xu­ri­ös ein­ge­rich­te­ten Pri­vat­kon­tor mit den wun­der­vol­len Ma­ha­go­ni­mö­beln und den kris­tal­le­nen Wand­leuch­tern und Lüs­ter­kro­nen wort­wört­lich Sturm ge­ge­ben. Die Pro­ku­ris­ten, die zwar nicht alle Fi­nes­sen des Ge­ne­ral­sta­bes und der Trans­ak­tio­nen großen Stils kann­ten, schätz­ten im­mer­hin den Ge­winn die­ses Ta­ges auf ein paar Mil­lio­nen hol­län­di­scher Gul­den. Herr Ar­tur Ron­de­el hat­te pri­va­tim kon­se­quent in Kro­nen, Mark, ja so­gar in Fran­cs à la bais­se spe­ku­liert. Kei­ner der An­ge­stell­ten – und ihre Zahl war Le­gi­on – er­in­ner­te sich, je­mals eine auf­ge­räum­te­re, be­trieb­sa­me­re, fro­he­re Stim­mung in den Pri­vat­kon­tors er­lebt zu ha­ben, wie wäh­rend der Ab­we­sen­heit des Herrn Ron­de­el, für den sein baum­lan­ger Kom­pa­gnon Jo­nes, ein ge­bo­re­ner Eng­län­der, die Ge­schäf­te führ­te.

Sämt­li­che Te­le­fon­lei­tun­gen – elf Haupt- und sie­ben Ne­ben­an­schlüs­se – wa­ren schon vor Be­ginn der Bör­sen­zeit und bis spät in den Abend hin­ein un­un­ter­bro­chen be­setzt, und draht­lo­se Te­le­gram­me hat­te es nur so ge­reg­net.

Aber auch dies­mal hat­te es Stun­den ge­ge­ben, die an je­nen his­to­ri­schen Tag er­in­ner­ten.

Der alte Jo­nes, der sonst stets gu­ter Lau­ne war, brumm­te, schimpf­te und schnauz­te die An­ge­stell­ten an, die ihn um Un­ter­schrif­ten ba­ten. Der jun­ge Hen­ry Jo­nes, der Don­ners­tag mit Klot­hil­de ge­traut wer­den soll­te, war ganz bleich. Der Sub­di­rek­tor Co­che­fort, sonst das ver­kör­per­te Phleg­ma, dem kein Mensch an vor­neh­mer Zu­rück­hal­tung gleich­kam, nahm zwei – drei Stu­fen auf ein­mal und sprang die schwarz­mar­mor­nen Wen­del­trep­pen zum obe­ren Flur em­por, als gin­ge ihm heu­te al­les zu lang­sam und als säs­se ihm je­mand auf den Fer­sen. Kik­ker hin­ge­gen, der tol­le Jan Kik­ker, der denk­bar hei­ters­te al­ler Di­rek­ti­ons­se­kre­tä­re, der all­zeit scher­zen­de Tur­ner, der nur ein­mal ein paar Tage aus sei­nem ge­wohn­ten Ton ge­fal­len war, als Klot­hil­de, der er hef­tig den Hof ge­macht hat­te, die Braut des jun­gen Jo­nes ge­wor­den war – Kik­ker also war heu­te so ru­hig und ge­mes­sen, als läge ihm die Rei­se nach Pa­ris, die er als Ver­trau­ens­mann mit dem Ban­kier un­ter­neh­men soll­te – eine Rei­se, um die das gan­ze üb­ri­ge Per­so­nal ihn be­nei­de­te – sehr schwer im Ma­gen.

Um ein Vier­tel nach fünf Uhr lehn­te sich Herr Ar­tur Ron­de­el, völ­lig er­schöpft von den un­zäh­li­gen Be­spre­chun­gen und Kon­fe­ren­zen, einen Au­gen­blick in sei­nen Klub­ses­sel zu­rück, steck­te sich die so­und­so­viel­te Zi­ga­ret­te zwi­schen die Lip­pen, und kein Sterb­li­cher, we­der sein So­zi­us, noch sein zu­künf­ti­ger Schwie­ger­sohn, noch sein Se­kre­tär, hät­te es ge­wagt, ihn wäh­rend die­ser we­ni­gen Mi­nu­ten der Ruhe zu stö­ren, nach­dem er ganz schlicht ge­sagt hat­te: »Lasst mich jetzt einen Au­gen­blick al­lein, be­vor ich in den Wa­gen stei­ge. Ich bin für kei­nen Men­schen zu spre­chen.«

Des Uner­müd­li­chen Kopf mit den noch ju­gend­li­chen Ge­sichts­zü­gen un­ter dem brau­nen Haar, dem wohl­ge­pfleg­ten Schnurr­bart und dem klei­nen Spitz­bart à la Na­po­le­on III. lehn­te sich einen kur­z­en Au­gen­blick müde hin­ten­über und ge­wahr­te da­bei das dreis­te Lä­cheln des großen See­len­ver­der­bers.

Dann schloss er die Au­gen, war einen Au­gen­blick der Welt und dem Fie­ber des Ta­ges ent­rückt.

Da läu­te­te das Haus­te­le­fon trotz des stren­gen Ver­bo­tes und woll­te nicht ver­stum­men.

»Wer ist denn da?« frag­te der Ban­kier zor­nig, »ich habe doch ge­sagt …«

»Ich!« rief eine Stim­me.

»Wer ist ich?« frag­te der in sei­ner Ruhe Ge­stör­te, und sei­ne Stim­me klang sehr we­nig freund­lich.

»Joo­pie«, er­wi­der­te der Stö­ren­fried la­chend, weil er des­sen si­cher war, dass er sich so­gar in die­sem vor­neh­men Kai­sers­gracht­hau­se et­was er­lau­ben dürf­te. War er je­mals un­ent­behr­lich ge­we­sen, so war er es die­sen Abend, da er im Be­griff stand, mit sei­nem al­ten Ju­gend­freund Ar­tur eine Spritz­tour nach der Licht­stadt Pa­ris zu un­ter­neh­men.

»Wo sind Sie?« frag­te der Ban­kier, drei­vier­tel wach ge­wor­den.

Jo­se­phus Bok, der frü­he­re Ko­mi­ker, jet­zi­ge Di­rek­tor der All-Risk-Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft, Rit­ter der Ehren­le­gi­on in Aner­ken­nung der Diens­te, die er dem fran­zö­si­schen Staa­te wäh­rend des Krie­ges er­wie­sen, war der ein­zi­ge, der mit ihm fer­tig wer­den konn­te, wenn er von Zeit zu Zeit un­ter hef­ti­gen De­pres­sio­nen litt.

»Ich sit­ze hier im Kon­fe­renz­zim­mer in Ihrem Stuhl und prä­si­die­re mir sel­ber. Es ist bei­na­he halb sechs, und wir müs­sen noch ein paar Be­sor­gun­gen er­le­di­gen. Wol­len Sie erst noch nach Aer­den­hout?«

»Ich hät­te für mein Le­ben gern noch mei­ner Toch­ter Adieu ge­sagt, aber der Pa­ri­ser Ex­press hält nicht in Haar­lem. Nun woll­te ich hier noch in al­ler Ruhe es­sen. Frei­lich, wenn … Kom­men Sie doch zu mir her­über. Te­le­fo­nisch möch­te ich das nicht be­spre­chen. Die Zen­tra­le hat Ohren.«

Ei­nen Au­gen­blick spä­ter streck­te Jo­se­phus Bok, ohne an­zu­klop­fen, sein ge­sun­des, ro­tes, hei­te­res Ge­sicht durch den Tür­spalt.

»Bit­te, neh­men Sie we­nigs­tens einen Au­gen­blick Platz«, sag­te Ar­tur Ron­de­el; »ich habe al­les weg­ge­schickt, um noch ein paar Se­kun­den ru­hig für mich sein zu kön­nen. Ich bin ein we­nig down …«

»Aus­ge­zeich­net«, trös­te­te ihn der alte Spaß­vo­gel, »wenn Sie in sol­cher Stim­mung et­was un­ter­neh­men, schlägt es sel­ten fehl. Men­schen, die nur einen ein­zi­gen Zu­stand ken­nen, lie­be ich nicht. Sind das die Kof­fer mit den be­wuss­ten Pa­pie­ren?«

Der un­ter­setz­te Mann im Klub­ses­sel nick­te. Er schi­en zer­streut. Gleich dar­auf klopf­te es.

»Ja?« rief der Ban­kier.

»Herr Di­rek­tor«, sag­te der Se­kre­tär im Ein­tre­ten, »ich glau­be, es wird Zeit. Gu­ten Tag, Herr Bok.«

»Gu­ten Tag, Kik­ker. Sind Sie auch ein we­nig down?«

»Ich? – aber nein.«

»So las­sen Sie das Ge­päck in den Wa­gen schaf­fen und sa­gen Sie dem Por­tier, er sol­le auf die Kof­fer ach­ten, bis wir sel­ber ein­stei­gen. Oder nein, las­sen Sie ihn lie­ber her­auf­kom­men, wenn ich so­weit bin.«

Als Ron­de­el sein ab­ge­spann­tes Ge­sicht in dem reich­ge­schlif­fe­nen Spie­gel im Ma­ha­go­ni­rah­men ge­wahr­te, er­schrak er sel­ber und wand­te sich dann un­er­war­tet um, als sein Freund und sein ver­trau­ter Se­kre­tär ein­an­der auf so ab­son­der­li­che Art an­sa­hen, dass ihm bei­na­he eine Be­mer­kung dar­über ent­schlüpft wäre. Aber in dem­sel­ben Au­gen­blick er­schi­en der Por­tier, um die Kof­fer zu ho­len, die mit den Schil­dern der bes­ten Ho­tels be­klebt wa­ren, und Co­che­fort, der phleg­ma­ti­sche Sub­di­rek­tor, muss­te noch ein paar Spe­zi­al­voll­mach­ten mit der Un­ter­schrift des Herrn Ron­de­el ha­ben, und der alte Jo­nes muss­te ihm noch et­was zu­flüs­tern, weil er dem all­zeit ver­gnüg­ten Jo­se­phus Bok nicht trau­te, und der jun­ge Jo­nes kam noch im letz­ten Mo­ment mit dem Kre­dit­brief und dem gol­de­nen Füll­fe­der­hal­ter, den sein zu­künf­ti­ger Schwie­ger­va­ter auf sei­nem Schreib­tisch hat­te lie­gen las­sen – dann end­lich be­weg­te sich der Zug durch den mar­mor­nen Vor­raum, an den mar­mor­nen Säu­len ent­lang, in das vol­le Licht der Kon­to­re, durch die ner­vö­se Hast des Be­trie­bes, dann wei­ter durch die Hal­le mit den ge­schlos­se­nen Schal­tern und zu den schwe­ren bron­ze­nen Tü­ren des Ge­bäu­des.

Ar­tur Ron­de­el, der in sei­nem Pelz noch un­ter­setz­ter aus­sah als ge­wöhn­lich, ging an der Sei­te des rie­sen­großen Jo­nes an der Por­tier­lo­ge vor­über – Jo­se­phus Bok er­zähl­te Herrn Jo­nes, der kaum zu­hör­te, einen et­was saf­ti­gen Witz – der Se­kre­tär Kik­ker und der Sub­di­rek­tor tru­gen die ganz harm­los aus­se­hen­den Hand­kof­fer, die un­schätz­ba­re Wer­te ent­hiel­ten.

Der Chauf­feur kur­bel­te an – der Por­tier öff­ne­te den Wa­gen­schlag so weit wie mög­lich – durch die er­leuch­te­ten Fens­ter blick­ten ein paar neu­gie­ri­ge An­ge­stell­te – man nahm Ab­schied. Der Schein ei­ner bren­nen­den Zi­ga­ret­te leuch­te­te im In­nern des Wa­gens auf – dann glitt die­ser ge­räusch­los da­von, und Jan Kik­ker fiel mit ei­nem Ruck in den Sitz zu­rück, weil Jo­se­phus Bok ihn in das Knie kniff, in­des Ar­tur Ron­de­el das elek­tri­sche Licht im Auto an­knips­te.

»So kann man uns pracht­voll se­hen«, sag­te der ehe­ma­li­ge Ko­mi­ker.

»Das wol­len wir ja ge­ra­de«, ant­wor­te­te der Ban­kier lä­chelnd.

Vor dem Haus, in dem der Se­kre­tär ein paar Zim­mer be­wohn­te, hielt das Auto ein paar Mi­nu­ten, weil Kik­ker et­was ver­ges­sen hat­te, und vor der Jung­ge­sel­len­woh­nung des Jo­se­phus Bok hielt es noch ein we­nig län­ger, weil der Di­rek­tor der All-Risk-Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft so viel Ge­päck her­an­schlepp­te, als woll­te er eine Rei­se nach Afri­ka ma­chen – un­ter an­de­rem einen schwer­ge­füll­ten Sack, den er durch­aus nur sel­ber an­fas­sen und nicht dem Chauf­feur an­ver­trau­en woll­te.

Als sie eben fer­tig wa­ren, ging im La­ter­nen­schein ein Mann vor­über und grüss­te Bok höf­lich.

»Wer war das?« frag­te Ar­tur Ron­de­el.

»Ein Idi­ot«, sag­te Jo­se­phus.

»Bit­te drücken Sie sich et­was prä­zi­ser aus«, mein­te der Ban­kier leicht be­un­ru­higt.

»Ein Mon­sieur Ha­be­nichts«, ant­wor­te­te Jo­se­phus Bok la­chend, »ein Zei­len­schin­der, dem ich mal was zu ver­die­nen ge­ge­ben habe. Die span­nen­de No­vel­le in der letz­ten All-Risk-Bro­schü­re, in der eine Fa­mi­lie an ei­nem Tage von Brand, Ein­bruch, Dieb­stahl, Was­ser­rohr­bruch, Bein­bruch des die Trep­pe her­un­ter­ge­fal­le­nen Man­nes, Au­to­un­fall der Frau usw. usw. heim­ge­sucht wur­de, war von ihm. Lang­wei­le ich Sie, Herr Ron­de­el?«

»Von Lang­wei­len kann nicht die Rede sein«, ant­wor­te­te der Di­rek­tor der In­ter­na­tio­na­len Bank höf­lich; »aber Sie spre­chen so ru­hig über lau­ter Din­ge, die mich ab­so­lut nicht in­ter­es­sie­ren, und Sie wis­sen doch, an was für wahn­sin­ni­ge Schwie­rig­kei­ten ich den­ken muss. Ha­ben Sie den Brow­ning mit­ge­nom­men?«

»Bit­te, hier«, sag­te der Se­kre­tär und griff nach sei­ner Ho­sen­ta­sche.

»Nicht her­aus­neh­men!« sag­te Herr Ron­de­el rasch und war­nend; »Sie ver­ges­sen, dass wir in ei­nem hel­ler­leuch­te­ten Auto fah­ren und dass jede Be­we­gung ge­se­hen wer­den kann … Und Sie, Joo­pie?«

»Mei­ner funk­tio­niert ta­del­los«, sag­te Jo­se­phus; und ohne sich um die War­nung des Herrn Ron­de­el zu küm­mern, hol­te er einen Brow­ning vor und spann­te den Hahn. Als er sah, wie ent­setzt der Ban­kier so­fort eine re­gel­rech­te Ab­wehr­stel­lung ein­nahm, lach­te der frü­he­re Ko­mi­ker so laut und so an­hal­tend, dass er rot und blau im Ge­sicht wur­de. Oben am Brow­ning hat­te sich eine klei­ne Benz­in­flam­me ent­zün­det, und ein spa­ßi­ges Ma­ga­zin vol­ler Zi­ga­ret­ten schob sich un­ter die­ser Flam­me dem Ban­kier ent­ge­gen.

»Was sind Sie doch für ein ver­rück­ter He­ring!« sag­te Ron­de­el, der nun auch la­chen muss­te. »Sie kön­nen einen zu Tode er­schre­cken!«

»Das woll­te ich ja ge­ra­de!« ant­wor­te­te Bok la­chend; »na, soll ich noch eine Stun­de war­ten oder ist eine Zi­ga­ret­te ge­fäl­lig? Sie kön­nen sie ru­hig neh­men; eine Spe­zial­mar­ke, die sonst nir­gends zu ha­ben ist. Ge­schenk mei­nes Bru­ders, der mir tau­send Stück aus Ma­dei­ra mit­ge­bracht hat.«

»Aro­ma­tisch, aber schwer«, sag­te der Ban­kier, der Ken­ner war.

Auch der Se­kre­tär woll­te die be­son­de­re Sor­te kos­ten. Der blaue, schwe­re Dampf leg­te sich um die Benz­in­flam­me, und die drei hät­ten noch län­ger mit der drol­li­gen At­trap­pe ih­ren Spaß ge­habt, wenn sich der Ban­kier nicht plötz­lich er­ho­ben und das Licht im Wa­gen aus­ge­schal­tet hät­te.

»Was ma­chen Sie denn mit ei­nem Mal?« frag­te Jo­se­phus, der – wie mit ei­ner Re­flex­be­we­gung – auch die klei­ne Benz­in­flam­me aus­lösch­te.

»Da gaff­te ge­ra­de ein höchst ver­däch­tig aus­se­hen­der Kerl durch das Fens­ter«, sag­te der Bank­di­rek­tor, der aus ei­nem Ex­trem ins an­de­re fiel und nun auch noch den klei­nen sei­de­nen Vor­hang her­a­b­liess, so­dass sie ganz im Fins­tern sa­ßen.

»Was ist schon da­bei«, mein­te der Ex-Ko­mi­ker; »ob man in sei­nem Le­ben ein ver­däch­ti­ges Ge­sicht mehr oder we­ni­ger sieht? So­weit ich Men­schen­ken­ner bin, hat je­der ein ver­däch­ti­ges Ge­sicht, und wir drei viel­leicht ganz be­son­ders! Sie soll­ten mei­ne Metho­de be­fol­gen, Herr Ron­de­el! Wenn mir eine Fo­to­gra­fie vor die Au­gen kommt, so de­cke ich al­le­mal den Na­men, der un­ter das Bild ge­druckt ist, erst mit der Hand zu. Ver­sucht man dann zu er­ra­ten, wer es ist, so meint man ge­wöhn­lich, hun­dert ge­gen eins, einen Ein­bre­cher, Gift­mi­scher, Falsch­mün­zer, Mör­der, Hoch­stap­ler – oder einen flüch­ti­gen Ban­kier, wie Sie, Herr Ron­de­el, vor sich zu ha­ben. Das hängt al­les vom Fo­to­gra­fen ab, der oft aus den ehr­bars­ten Men­schen fins­te­re Land­strei­cher und aus den ver­däch­tigs­ten Spitz­bu­ben Pfar­rer oder Mi­nis­ter macht.«

»Ver­dreh­ter Kerl«, sag­te Ar­tur Ron­de­el la­chend und fürs ers­te wie­der hei­ter.

Der Chauf­feur, der sei­ne Wei­sun­gen er­hal­ten hat­te, hielt vor ei­nem Fri­seur­ge­schäft. Jan Kik­ker sprang aus dem Wa­gen, um für sei­nen Chef ein paar Be­sor­gun­gen zu ma­chen. Als er mit dem Pa­ket aus dem La­den zu­rück­kehr­te, eil­te ein merk­wür­dig un­hol­län­disch aus­se­hen­der Mensch, halb Gent, halb ver­kom­me­nes In­di­vi­du­um, auf den Wa­gen zu, um den Schlag zu öff­nen.

»Dan­ke schön«, sag­te der Se­kre­tär und stieg rasch ein, aber doch nicht so rasch, dass ihm der Gent­le­man, der so äus­serst zu­vor­kom­mend ge­we­sen war, nicht noch et­was aus sei­ner lin­ken Über­zie­her­ta­sche hät­te ent­wen­den kön­nen.

Es war Jaapje Eek­horn, der in­ti­me Freund des Ho­tel­die­bes Ka­rel Johan Tulp, den man in Fach­krei­sen bes­tens un­ter dem Na­men »Charles Jean Tul­li­pe« kann­te.

Drittes Kapitel – Worin Näheres über den Schriftsteller Hans Thyssen, Mitglied des Literaturwissenschaftlichen Vereins, mitgeteilt wird.

Nach­dem der Schrift­stel­ler Hans Wil­lem Adriaan Thys­sen, be­kann­ter als »Hans Thys­sen«, etwa zehn Mi­nu­ten lang einen hef­ti­gen Kampf mit den Fett­fle­cken auf sei­ner Wes­te und sei­nem Jackett aus­ge­foch­ten, nach­dem er dann wei­ter die Fran­sen an sei­nen rei­nen Man­schet­ten und sei­nem rei­nen Hemd­kra­gen sorg­fäl­tig ab­ge­schnit­ten und sich mit sei­nem Ra­sier­ap­pa­rat gründ­lichst die Haut rot ge­schabt hat­te, sah er ganz re­prä­sen­ta­bel aus. Er mach­te sich dar­an, sein kärg­li­ches Mit­tags­mahl – ein paar Tas­sen Tee und ein paar be­leg­te Bröt­chen – her­zu­rich­ten und stell­te zwi­schen­durch im Kurs­buch fest, dass der Pa­ri­ser Ex­press Schlaf­wa­gen und Spei­se­wa­gen führ­te – mär­chen­haf­te Traum­bil­der, die er ver­mut­lich nie­mals als Wirk­lich­keit ken­nen ler­nen wür­de! Dann leg­te er die letz­te Hand an sei­ne Toi­let­te, in­dem er aus ei­nem kirch­li­chen Fa­mi­li­en­blatt ein paar neue Pa­pier­ein­le­ge­soh­len für sei­ne et­was leck ge­wor­de­nen Stie­fel zu­recht­schnitt. Das half vor­züg­lich.

Wäh­rend er sei­ne Mahl­zeit ein­nahm, las er den Vor­trag, den er an die­sem Abend um drei­vier­tel zehn Uhr in Dordrecht zu hal­ten ge­dach­te, noch ein­mal durch. Es war die hu­mo­ris­ti­sche Ge­schich­te ei­ner Fa­mi­lie, die an ei­nem Tage mit al­lem, aber auch mit al­lem Pech hat­te, eine Ge­schich­te, die er im Auf­tra­ge ei­ner Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft ge­schrie­ben und die dem Pub­li­kum aus­ser­or­dent­lich ge­fal­len hat­te.

Als er fer­tig ge­ges­sen hat­te, zün­de­te er sich eine Pfei­fe an.

Der feuch­te Früh­a­bend liess ihn frös­telnd zu­sam­men­schau­ern.

Da saß er nun in sei­nem dürf­ti­gen Zim­mer bei sei­nen Bü­chern, die­sen Rei­hen von Bü­chern, die er sel­ber ge­schrie­ben hat­te, und war wie­der ein­mal in dem be­hag­li­chen Kreis­lauf des Le­bens bei ei­ner Pe­ri­ode an­ge­langt, in der er sich nicht ein­mal ein an­stän­di­ges war­mes Mit­ta­ges­sen leis­ten konn­te. Wel­che an­de­re Mis­se­tat hat­te er denn be­gan­gen, als dass er, der Er­fin­dungs­rei­che, den Ge­bil­den sei­ner Fan­ta­sie hat­te Le­ben und Wirk­lich­keit ge­ben wol­len? Man konn­te sich stolz wie ein Kö­nig da­bei füh­len, aber was kauf­te man sich da­für? Man schlug sich ge­ra­de so durch, wie ein ar­mer Edel­mann, der sich als Jock­ei ver­ding­te oder Adres­sen schrieb, die nach dem Tau­send be­zahlt wur­den.

In sei­nen ei­ge­nen Wän­den »fühl­te« man sich noch ei­ni­ger­mas­sen, draus­sen aber war man wie ein ab­ge­klap­per­tes Drosch­ken­pferd, das im Re­gen auf eine Fuh­re war­te­te. »Wenn sich mir«, seufz­te er vor sich hin und dach­te da­bei an den Au­gen­blick, in dem er so be­hag­lich mit den Füs­sen im Was­ser ge­ses­sen und der Teu­fel ihm zu­ge­lä­chelt hat­te – »wenn sich mir je­mals ir­gend­ei­ne Chan­ce bie­tet, dann wird mich kein Mensch da­von zu­rück­hal­ten, sie aus­zu­nut­zen – und müss­te ich über Lei­chen ge­hen! Zum Skla­ven bin ich nicht ge­bo­ren.«

Da­rauf leg­te er einen Zet­tel für sei­ne Wir­tin hin: »Er­war­ten Sie mich heu­te Abend nicht. Ich muss fort. H. Th.« Und dann ging er mit lang­sa­men, vor­sich­ti­gen Schrit­ten zum Zen­tral­bahn­hof.

Vor dem Hau­se von Jo­se­phus Bok, dem Di­rek­tor der All-Risk-Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft, stand ein Auto. Er er­kann­te so­fort den Mann, der ihm mal et­was zu ver­die­nen ge­ge­ben hat­te, grüss­te und sag­te lei­se vor sich hin: »Gu­ten Tag, du Idi­ot!«

Merk­wür­dig, dass je­der von bei­den den an­de­ren so ein­schätz­te! Und noch merk­wür­di­ger, dass sie nun mit­ein­an­der in dem­sel­ben Zug reis­ten …

Viertes Kapitel – Worin nun Näheres über den Hoteldieb Johan Tulp, genannt Charles Jean Tullipe, bekannt wird.

»Die­ses Land«, sag­te Charles Jean, der lan­g­aus­ge­streckt in dem schau­keln­den Al­ko­ven lag, wäh­rend Jaapje, der kes­se Spitz­bu­be mit dem Clowns­ge­sicht, in dem an­de­ren Teil des Wohn­schif­fes »Rus­ten­burch« eine Zi­ga­ret­te nach der an­de­ren rauch­te und die Gold­mund­stücke in Reih und Glied auf dem ei­ser­nen Bett­rand auf­bau­te, »die­ses Land ist in sei­ner Klein­heit ein Hemm­schuh für je­des We­sen mit zu viel Fan­ta­sie, zu viel Hirn, zu viel Wil­lens­kraft, zu schar­fem Ver­stand, das dar­in ge­bo­ren ist. Wenn du oder ich das fa­ta­le Ta­ges­licht in Frank­reich, in Eng­land oder Ame­ri­ka er­blickt hät­ten, wür­den wir jetzt min­des­tens schon eine see­tüch­ti­ge Dampf­jacht mit erst­klas­si­ger Be­man­nung be­sit­zen, statt uns mit ei­nem un­dich­ten Wohn­schiff be­gnü­gen zu müs­sen, das bei so ver­fluch­tem Wet­ter heu­te oder mor­gen zwei­fel­los eine Eta­ge tiefer ge­hen wird.«

»Ich muss doch sehr bit­ten«, sag­te die ton­lo­se Stim­me von der an­de­ren Sei­te des Al­ko­vens her, »ich muss doch sehr bit­ten, nicht über die­ses Pracht­schiff zu kla­gen, das an die Ar­che Noah er­in­nern wür­de, wenn sich noch an­de­re Tie­re als du und ich an Bord be­fän­den. Das ein­zi­ge, was uns hier fehlt, aber auch wirk­lich das ein­zi­ge, ist: Zen­tral­hei­zung, ein Per­ser­tep­pich, elek­tri­sche Be­leuch­tung, ein Ba­de­zim­mer mit Du­sche, ein Cham­bre séparée für Pri­vat­be­such … Ich bete dich an, Con­nie mit dei­nem süs­sen Münd­chen, ich ver­las­se mit dir die­se trost­lo­se Welt; für dich set­ze ich mei­ne See­le, mei­ne Se­lig­keit, mein Le­ben aufs Spiel!«

»Hör’ doch auf, Jaap!« un­ter­brach ihn Charles Jean. Er war durch­aus nicht in der Stim­mung, die täg­lich ih­ren Ge­gen­stand wech­seln­den ver­lieb­ten Er­güs­se sei­nes Ge­nos­sen an­zu­hö­ren. »Ich bin wie ge­rä­dert von der letz­ten Nacht. Ich ma­che mir nichts aus sol­chen Din­gen, die der ers­te bes­te Pro­let viel bes­ser er­le­digt. Als ich dich an dem Schloss her­um­murk­sen sah, hat­te ich das Ge­fühl, als sän­ken wir je län­ger, je tiefer. Auf sol­che Wei­se geht ei­nem noch das letz­te biss­chen Selb­st­ach­tung flö­ten. Aber was hat denn, zum Teu­fel, dies Schiff heu­te? Ich wer­de, weiss Gott, see­krank da­bei.«

Tat­säch­lich schwank­te die »Rus­ten­burch«, als läge sie mit­ten in ei­ner Bran­dung. Das frü­he­re Last­schiff, das man­che La­dung von Ams­ter­dam nach den Bin­nen­ge­wäs­sern ge­bracht hat­te, ehe es alt und ab­ge­ta­kelt aus­ser Be­trieb ge­setzt wor­den war, riss an den Hal­te­tau­en, dass sie knirsch­ten, und die klei­ne Hüh­ner­trep­pe vor der Klapp­tür quietsch­te, dass es klang, als ob ein jun­ger Hund jaul­te.

Der An­flug von Men­schen­hass, der sich bei Charles Jean Tul­li­pe zeig­te, war nicht so ganz un­be­grün­det. In die­sem Wohn­schiff muss­te ein Mensch, der bes­se­re Tage und Wo­chen ge­kannt hat­te und sie noch im­mer wie­der er­hoff­te, me­lan­cho­lisch wer­den. Die Tüll­ap­pen vor den klei­nen ver­wit­ter­ten Fens­tern flat­ter­ten hin und her, die qual­mi­ge Pe­tro­le­um­lam­pe schlin­ger­te in den guss­ei­ser­nen Rin­gen, und auf dem Tisch flo­gen mit den Res­ten der He­rin­ge, die man zum Mit­ta­ges­sen ver­zehrt hat­te, lee­re Eier­scha­len ge­gen den Tel­ler­rand. Dies al­les aber war noch nicht das wahr­haft De­pri­mie­ren­de. Un­ter der nied­ri­gen, ver­räu­cher­ten Zim­mer­de­cke, zu der man mit der Hand hin­auf­rei­chen konn­te, hat­te der von sol­chen Äus­ser­lich­kei­ten ab­hän­gi­ge Ho­tel­dieb, der sei­nen Be­ruf in an­ge­nehm durch­wärm­ten, gut ge­lüf­te­ten Zim­mern aus­zuü­ben pfleg­te, ein Ge­fühl der Be­klem­mung. Und wenn er die Au­gen schloss, um dem An­blick der Ar­mut in die­ser Be­hau­sung zu ent­ge­hen, so drang sie doch in der Dun­kel­heit heim­tückisch auf ihn ein, weil der un­dich­te Ofen beim Be­rei­ten des fet­ten Mit­ta­ges­sens bei dem ruck­ar­ti­gen Sturm noch mehr ge­stun­ken hat­te als die qual­men­de Pe­tro­le­um­lam­pe – und weil der schar­fe Dunst sich nun über­all fest­ge­setzt hat­te.

»Ich füh­le mich hier wie im Pa­ra­die­se«, sag­te Jaapje und leg­te das 23. Gold­mund­stück sei­ner zwei­ten Schach­tel Zi­ga­ret­ten ne­ben die an­de­ren 22 auf den ei­ser­nen Bett­rand, »und ich ver­ste­he beim bes­ten Wil­len nicht, warum dir die­se in­ne­re Zufrie­den­heit ab­ge­ht. Hier lebe ich, nach viel­jäh­ri­gem Auf­ent­halt in den bor­nier­tes­ten und ge­ra­de­zu mit sa­dis­ti­scher Grau­sam­keit ein­ge­rich­te­ten Zel­len­ge­fäng­nis­sen, zum ers­ten Mal wie ein Mus­ter­bür­ger aus den bes­ten Zei­ten der zu Wohl­stand ge­lan­gen­den Mensch­heit. Ich len­ke die Auf­merk­sam­keit nicht un­nö­tig auf mich. Ich hau­se in mei­nen ei­ge­nen vier Wän­den. Und ich träu­me. Das ein­zi­ge, was mir nicht passt und mein see­li­sches Gleich­ge­wicht stört, ist die Gleich­gül­tig­keit der klei­nen Con­nie vom No­tar ge­gen­über. Wür­de sie ›Ja‹ sa­gen, wür­de sie mir das Göt­ter­ge­schenk ih­rer Lip­pen rei­chen, so wäre ich im­stan­de, in die mensch­li­che Ge­sell­schaft zu­rück­zu­keh­ren und mei­ne Nächs­ten auf ge­setz­lich er­laub­te Art übers Ohr zu hau­en. Da ist sie, der lie­be Schatz! Sie legt Kar­tof­feln ne­ben den Baum. Was für eine son­ni­ge See­le, dass sie so­gar bei die­sem Sau­wet­ter für einen ein­sa­men Hund und für hung­ri­ge Spat­zen sorgt! Gu­ten Tag, mein Schatz! Hast du denn kei­nen Blick für mich üb­rig, ob­wohl ich doch schon in ei­ner Stun­de mit mei­nem Freun­de Charles Tu­li­pe eine wis­sen­schaft­li­che For­schungs­rei­se an­tre­ten soll? Fi donc!1 Sie sagt: Hol’ dich der Teu­fel! Aber wie lieb sagt sie das; in wel­chem vor­neh­men Ton! Mein Herz schlägt hö­her. Hast du die­se ers­ten Wor­te ei­ner er­wa­chen­den Nei­gung ver­nom­men, Char­lie?«

»Es wäre mir lieb, wenn du jetzt auf­ste­hen woll­test, sonst müs­sen wir uns wie­der in Sch­weiss lau­fen.«

»Muss denn über­haupt die­se Rei­se über die Gren­ze so Hals über Kopf an­ge­tre­ten wer­den? Dein Pass ist ja noch nicht ein­mal in Ord­nung.«

»Wir fan­gen erst mal in dem fran­zö­si­schen Ex­press an. Ma­chen wir gute Ge­schäf­te, so über­nach­ten wir in Roo­sen­daal und sind mor­gen in al­ler Frü­he schon wie­der zu­rück. Ma­chen wir kei­ne Ge­schäf­te, so ge­hen wir zu Fuss über die Gren­ze. Ich muss mich mal wie­der be­tä­ti­gen. Zieh die Vor­hän­ge zu, Jaap, dann steck’ ich die Lam­pe an.«

Vor dem klei­nen Ra­sier­spie­gel mach­te er nun Toi­let­te, zog sich das Bein­kleid und die Ga­ma­schen an, pack­te sei­nen Hand­kof­fer; und wäh­rend Jaapje wie eine ge­schick­te Haus­frau al­les auf­räum­te und un­ter ei­ner lo­sen Die­le ein paar Rei­seu­ten­si­li­en ganz be­son­de­rer Art her­vor­hol­te, zün­de­te er sich eine neue Pfei­fe an, horch­te auf den wil­den Ha­gel­schlag über sei­nem Kopf und starr­te in die Pe­tro­le­um­flam­me. Da be­geg­ne­te er dem Blick des lä­cheln­den Un­sicht­ba­ren, der den Ge­ruch des Chlo­ro­form­fläsch­chens im Kof­fer mit der Ken­ner­na­se des bes­ter­fah­re­nen Fach­man­nes ein­sog und lä­chelnd her­über­schau­te.

»Hast du nichts ver­ges­sen, Char­lie?« frag­te Jaapje, der im Al­ko­ven knie­te und dem star­ren Blick des Freun­des mit ei­nem ge­wis­sen Miss­trau­en folg­te. Charles Jean ge­fiel ihm nicht; er hielt nicht viel von stil­len Was­sern, die einen tie­fen Grund ha­ben soll­ten!

»Nichts«, ant­wor­te­te der an­de­re, der im Schein der Lam­pe mit sei­nem fei­nen, blei­chen Ge­sicht, den dunklen, träu­me­ri­schen Au­gen und dem sei­di­gen, schwar­zen, ge­pfleg­ten Schnurr­bart so gent­le­m­an­li­ke aus­sah, dass er un­be­dingt Er­folg ha­ben muss­te, wo man sich nicht ge­ra­de für sei­ne Pa­pie­re und sein Straf­re­gis­ter in­ter­es­sier­te.

»Hast du das For­myl­tri­chlo­rid CHCl3, Char­lie?«

»Wenn du dich et­was deut­li­cher aus­drückst, will ich dir gern ant­wor­ten …«

»Ich drücke mich mehr als deut­lich aus«, sag­te der Klei­ne, und aus sei­ner lau­schen­den Hal­tung ent­nahm der Gent­le­man-Dieb, dass sein So­zi­us die Ohren spitz­te und sich ir­gend ein Geräusch zu deu­ten ver­such­te, das ihn un­ru­hig mach­te. Ohne Zwei­fel war da et­was nicht ge­heu­er, denn plötz­lich gab Jaapje, in­dem er sich zwei­mal auf das Kinn schlug, ein Zei­chen, dass er Un­heil wit­te­re. Mit ge­ra­de­zu vor­bild­li­cher Ge­schwin­dig­keit ver­schwand Charles Jean Tul­li­pe hin­ter der ge­schlos­se­nen Tür des pri­mi­ti­ven Rau­mes, der auf der »Rus­ten­burch« für be­stimm­te Zwe­cke ein­ge­rich­tet war, und der feind­se­lig pfei­fen­de Wind fuhr durch das ge­öff­ne­te Mi­nia­tur­fens­ter­chen an der Rück­sei­te des Wohn­schif­fes über sein glatt po­ma­di­sier­tes Haar. Noch be­vor die Glo­cke zu der Ein­gangs­tür über der Hüh­ner­lei­ter läu­te­te, kroch Jaapje mit der Ge­schwin­dig­keit ei­ner Kat­ze über den Bo­den links von der Lam­pe, da­mit kein Schat­ten ihn ver­rie­te, und im Nu hat­te er sei­ne Wes­te und sein Jackett auch schon bei­sei­te ge­bracht.

Zum zwei­ten Male er­tön­te die Klin­gel.

»Ge­ben Sie mir einen hal­b­en Li­ter«, sag­te er und reich­te, die Zi­ga­ret­te zwi­schen den Lip­pen, die Milch­kan­ne aus dem Tür­spalt her­aus.

»Ich hof­fe«, sprach eine sehr be­kann­te Stim­me, »dass ich Ih­nen nichts an­de­res zu ge­ben brau­che, Jaapje Eek­horn. Ich woll­te nur mal rasch nach­se­hen. Spie­len Sie den barm­her­zi­gen Sa­ma­ri­ter, der vor­neh­men Her­ren Ihres Schla­ges, die lie­ber nicht po­li­zei­lich ge­mel­det wer­den wol­len, Ob­dach gibt? Ich glaub­te, da so­eben zwei Schat­ten zu se­hen.«

»Ha­ha­ha«, lach­te Jaapje mit dem ihm ei­ge­nen, ganz be­son­de­ren Ton­fall, der eben­so wie sei­ne Fin­ger­ab­drücke der Po­li­zei wohl­be­kannt war, »da muss mein Schat­ten ge­jungt ha­ben. Bit­te schön, über­zeu­gen Sie sich; aber nicht gar zu lan­ge, wenn ich bit­ten darf; denn es ist ein Hun­de­wet­ter, und ich nei­ge sehr zu Bron­chi­al­ka­tarr­hen.«

Der Wind spiel­te mit den flat­tern­den En­den sei­ner Kra­wat­te und den noch lose her­ab­hän­gen­den Bän­dern sei­ner Ho­sen­trä­ger.

Über das Deck des Wohn­schif­fes neig­te sich ein Kopf; ein paar prü­fen­de Au­gen schweif­ten durch die klei­ne Kü­che und den halb­dunklen Al­ko­ven mit den zwei lee­ren Bet­ten und der Rei­he Gold­mund­stücke. Und eine ver­damm­te Spür­na­se, die die ver­fluch­te An­ge­wohn­heit hat­te, in al­les hin­ein­zu­rie­chen, sog den Rauch der auf dem Tisch lie­gen ge­blie­be­nen, noch bren­nen­den Pfei­fe ein und wit­ter­te auch den schwü­len Ge­ruch des Chlo­ro­forms, das so­eben mit dem wis­sen­schaft­li­chen Wort »For­myl­tri­chlo­rid« und der che­mi­schen For­mel CHCl3 be­nannt wor­den war.

»Neh­men Sie die klei­ne Stö­rung nicht übel«, sag­te der Kopf, freund­lich ni­ckend. »Sie wa­ren an­schei­nend im Be­griff, et­was Milch zu kau­fen, be­vor Sie sich zu Bet­te leg­ten?«

»Rich­tig! Sie se­hen dem Men­schen bis auf den Grund der See­le«, sag­te Jaapje freund­lich. »Es ist im­mer ein we­nig kühl auf dem Was­ser, und Mor­gen­stun­de hat Gold im Mun­de.«

»Dann wün­sche ich Ih­nen eine recht an­ge­neh­me Ruhe, Herr Eek­horn«, sag­te die Stim­me freund­lich, wäh­rend die Tür in das Si­cher­heits­schloss fiel.

Es blieb still in dem an knar­ren­den Hal­te­tau­en schwan­ken­den Schiff. Jaapje Eek­horn zog sich an, ohne sich be­son­ders zu spu­ten – aber hin­ter der bren­nen­den Lam­pe; er leg­te al­les, was er brauch­te, mit ma­the­ma­ti­scher Ge­nau­ig­keit zu­sam­men, dann dreh­te er die Lam­pe aus und schwieg. Und weil er schwieg, gab auch Charles Jean Tul­li­pe in dem pri­mi­ti­ven Ge­lass, in das er sich ein­ge­schlos­sen hat­te, kei­nen Laut von sich, son­dern setz­te sich still, er­schöpft von dem ner­ven­auf­rei­ben­den War­ten und ge­pei­nigt von dem Ge­dan­ken, dass sie den Zug ver­säu­men könn­ten, auf den nass­ge­reg­ne­ten Sitz und nahm den Hand­kof­fer mit sei­nem mys­te­ri­ösen In­halt auf die Knie.

Als Jaapje si­cher zu sein glaub­te, dass die Luft in der nächs­ten Um­ge­bung wie­der rein war, öff­ne­te er die Aus­sen­tür. Er mach­te ganz den Ein­druck ei­nes ver­schla­fe­nen Schif­fers, der in der Däm­me­rung noch ein­mal fri­sche Luft schöpft und mit schläf­ri­gen Au­gen um sich guckt. In Wahr­heit ent­ging ihm da­bei kei­ne Be­we­gung, kein Schat­ten auf dem stil­len Kai. Dann klet­ter­te er schwe­ren Schrit­tes die Hüh­ner­lei­ter her­auf, bück­te sich ein paar­mal, als such­te er et­was, schau­te lau­ern­den Blickes in die Sei­ten­stras­se und auf den tie­fen Schat­ten hin­ter dem Häu­schen der städ­ti­schen Stras­sen­rei­ni­gung. Und dann ging er in der­sel­ben nach­läs­si­gen Hal­tung an all den vor­neh­men, elek­trisch be­leuch­te­ten Wohn­schif­fen und den am Kai ge­le­ge­nen Häu­sern vor­über – und wäre bei­na­he ret­tungs­los ver­lo­ren ge­we­sen. Denn die klei­ne Con­nie von No­tars muss­te noch ein paar Gän­ge ma­chen und ging di­rekt an ihm vor­bei.

»Gu­ten Tag, mein lie­ber Schatz«, sag­te er, in­des er sich ihr ohne Um­schwei­fe an­schloss und dar­über den war­ten­den Charles Jean ganz ver­gass.

»Ma­chen Sie, dass Sie fort­kom­men!« gab sie zur Ant­wort und ging ab­sicht­lich schnell. Zwar schiel­te sie im­mer durch die Tüll­vor­hän­ge des ver­git­ter­ten Kü­chen­fens­ters nach dem Scheu­sal mit dem Af­fen­ge­sicht und der Horn­bril­le, das wie eine Schne­cke an sei­nem Wohn­schiff fest­zu­kle­ben schi­en; aber wenn er sich ihr auf­dring­lich nä­her­te, so wie jetzt zum Bei­spiel auf dem schon in der Däm­me­rung lie­gen­den Kai, wur­de ihr un­be­hag­lich zu­mu­te.

»Con­nie, mein Herz, ich schmel­ze da­hin vor lau­ter Sehn­sucht«, be­gann er, wäh­rend er sei­nen Zei­ge­fin­ger in ihr Schür­zen­band leg­te, um ih­ren Schritt ein we­nig zu hem­men. Sie aber gab ihm einen der­ben Schlag mit ih­rem Ein­ho­le­korb und sprach die ver­nich­ten­den Wor­te: »Dass du mich nicht an­rührst, du ver­damm­ter Kerl!« Und weg war sie, ver­schwun­den.

Wäre sie nur et­was zu­gäng­li­cher ge­we­sen, hät­te sie den ab­schüs­si­gen Pfad be­tre­ten, der mit ei­ner klei­nen Un­ter­hal­tung harm­los be­ginnt und in Trüb­sal en­det, so säs­se Charles Jean noch da, und aus der mit so viel Sorg­falt vor­be­rei­te­ten Rei­se wäre nichts ge­wor­den.

»Don­ner­wet­ter! Das hat aber lan­ge ge­dau­ert«, sag­te Tul­li­pe un­wirsch, als Jaapje end­lich wie­der mit der Hand an sein Kinn schlug. »Was war denn los?«

»Sst! Hier wird nicht ge­re­det!« warn­te der an­de­re, der im Dun­keln sein Bün­del pack­te. »Spä­ter ha­ben wir ge­nug Zeit. Du ver­schwin­dest nach links; die Luft ist rein; du brauchst dich nicht um­zu­se­hen. Ich gehe nach rechts. Wir tref­fen uns im D-Zug, und wir ver­leug­nen ein­an­der steif und fest; min­des­tens bis Roo­sen­daal ken­nen wir uns nicht. Psst! Geh’ doch bloss nicht so dicht ne­ben dem Lauf­brett mit dei­nen ver­damm­ten hel­len Ga­ma­schen! Und kein Wort Hol­län­disch, wenn ich bit­ten darf! … Au re­voir, mon cher …«

Jaapje Eek­horn ging durch die Sei­ten­stras­se nach rechts, und trotz der Ab­fuhr mit dem Korb warf er in je­den La­den, an dem er vor­über­kam, einen heim­li­chen Blick, um zu se­hen, ob er die schwarz­äu­gi­ge Klei­ne nicht etwa doch noch zu fas­sen be­käme.

Links ging Charles Jan Tul­li­pe mit elas­ti­schen Schrit­ten sorg­fäl­tig um alle Pfüt­zen her­um, da­mit sei­ne hel­len Ga­ma­schen nicht be­spritzt wür­den. Jaapje, der die­ses Vier­tel von Ams­ter­dam am bes­ten kann­te, hat­te ge­sagt: »Du brauchst dich nicht um­zu­se­hen«, und nun be­ging Jean die Dumm­heit, sich an die­se Pa­ro­le zu hal­ten; wuss­te er doch nicht, dass der klei­ne Schelm es über sei­nem ly­ri­schen In­ter­mez­zo mit der hüb­schen Con­nie ver­ab­säumt hat­te, die­se Hälf­te des Kais gründ­lich zu in­spi­zie­ren. Auf dem Platz stieg er in eine Elek­tri­sche und stopf­te sich auf der hin­te­ren Platt­form eine fri­sche Shag­pfei­fe. Zu­gleich be­stieg ein Herr mit kurz­ge­schnit­te­nem, ro­tem Haar, der vom Kai aus den von Jaapje mit Recht »ver­dammt« ge­nann­ten Ga­ma­schen ge­folgt war und gleich­falls am Zen­tral­bahn­hof aus­stieg, den Vor­derper­ron.

»Eins Ers­ter Ant­wer­pen«, sag­te Charles Jean Tul­li­pe am Schal­ter, oder viel­mehr: er ver­lang­te im kor­rek­tes­ten Fran­zö­sisch: »Pre­miè­re clas­se, An­vers.«2 – »Bit­te«, ant­wor­te­te der Be­am­te.

»Je vous re­mer­cie bien«,3 sag­te Char­lie dar­auf äus­serst höf­lich, zahl­te und stell­te sich mit dem hol­län­di­schen Geld, das er an­schei­nend nicht kann­te, so un­ge­schickt an, dass der Be­am­te ihn zwei­mal auf einen klei­nen Irr­tum auf­merk­sam ma­chen muss­te.

Nach ihm lös­te der Herr mit dem kurz­ge­schnit­te­nen, ro­ten Haar eine Fahr­kar­te und flüs­ter­te so lei­se wie nur mög­lich, weil meh­re­re Rei­sen­de hin­ter ihm stan­den. In der Rei­he be­fan­den sich auch Ar­tur Ron­de­el, Jan Kik­ker und Joo­pie Bok, je­der mit ei­nem dick­bau­chi­gen Hand­kof­fer. Der Chauf­feur und ein Ge­päck­trä­ger war­te­ten be­packt und be­la­den un­ter der Uhr.

Am Schal­ter für die Fahr­kar­ten drit­ter Klas­se stand Jaapje Eek­horn und dach­te über ein klei­nes Aben­teu­er nach, das er eben un­ter­wegs er­lebt hat­te. In ei­nem Lu­xus­au­to, das im Ge­drän­ge hat­te hal­ten müs­sen, hat­te er et­was höchst Selt­sa­mes be­merkt. Ein di­cker Herr mit ei­nem rot­wan­gi­gen Ge­sicht hat­te einen an­de­ren mit ei­nem Brow­ning be­droht, er hat­te den Hahn ge­spannt und dann laut auf­la­chend aus die­sem Brow­ning eine Zi­ga­ret­te und Feu­er an­ge­bo­ten. Die­ser Witz war wei­ter nicht neu. Aber das Ge­sicht des er­schro­cke­nen Herrn, der gleich dar­auf das Licht im Auto aus­ge­knipst hat­te, kam ihm so be­kannt vor. Das muss­te doch weiss Gott der un­an­stän­dig rei­che Ban­kier sein, der sein Büro auf der Kai­sers­gracht und eine fürst­li­che Woh­nung in der vor­nehms­ten Ge­gend Ams­ter­dams hat­te. Wenn der mit zwei an­de­ren zu­sam­men auf die Rei­se ging – etwa vier Me­ter von Jaapje ent­fernt stan­den sie vor dem Schal­ter zur 1. und 2. Klas­se – und wenn sie alle ihre schwe­ren Hand­kof­fer sel­ber tru­gen, dann – dann – ja, dann muss­te doch was Be­son­de­res los sein.

Und dann noch et­was: als der Wa­gen vor ei­nem Fri­seur­ge­schäft hielt, hat­te er den Schlag ge­öff­net, und eine ganz un­will­kür­li­che Be­we­gung sei­ner Hand hat­te dem Jüngs­ten der drei Her­ren aus der lin­ken Ta­sche des Über­rocks eine be­zahl­te Rech­nung her­aus­ge­holt, auf der ein paar De­tails no­tiert wa­ren, die ihn in­ter­es­sier­ten. Hier stimm­te was nicht. Hier war et­was im Wer­ke. Und was es auch war; je­den­falls gab es hier et­was zu ver­die­nen, wenn man es nur ge­schickt an­fing und sich mög­lichst in rech­ter Ent­fer­nung hielt.

Auf dem Bahn­steig selbst herrsch­te kurz vor der Ab­fahrt des D-Zu­ges mit sei­nem sau­ber ge­deck­ten und bei­na­he fest­lich er­leuch­te­ten Spei­se­wa­gen und den Schlaf­wa­gen mit her­ab­ge­las­se­nen Vor­hän­gen ein ner­vö­ses Trei­ben von Men­schen, die ihre Ver­wand­ten be­glei­tet hat­ten, von Dienst­män­nern, die Ge­päck­stücke in die Net­ze leg­ten, von Post­wa­gen und Bahn­be­am­ten. Vor ei­nem der ge­öff­ne­ten Fens­ter des Schlaf­wa­gens, in dem der Di­rek­tor der In­ter­na­tio­na­len Bank zwei Ab­tei­le hat­te re­ser­vie­ren las­sen, stan­den der alte, rie­sen­große Jo­nes, sein Sohn Hen­ry und der Sub­di­rek­tor Co­che­fort, wäh­rend Klot­hil­de, die noch ge­ra­de in ei­nem Auto von Aer­den­hout ge­kom­men war, weil sie klu­ger­wei­se vor­her fest­ge­stellt hat­te, dass der Pa­ri­ser Ex­press nicht in Haar­lem hielt, am Arm ih­res Va­ters hing, sich im­mer wie­der auf die Lip­pen biss und sich die Au­gen wisch­te. Es herrsch­te eine aus­ge­spro­chen trüb­se­li­ge Stim­mung. Die ein­zi­gen, die ein we­nig mun­te­rer schie­nen, wa­ren Jo­se­phus Bok und der Se­kre­tär Jan Kik­ker. Die beug­ten sich aus dem Coupé­fens­ter – Bok mit ei­ner Rei­se­müt­ze, die ihm bis über die Ohren ging, Kik­ker, der es vom Sport her so ge­wöhnt war, bar­häup­tig.

»Wa­rum bist du bloss so trau­rig, mein Kind«, sag­te der Ban­kier. »Es wäre mir lie­ber ge­we­sen, wenn du in Aer­den­hout ge­blie­ben wä­rest. Die Men­schen müs­sen den­ken, dass wir Ab­schied fürs Le­ben neh­men.«

»Lass sie glau­ben, was sie wol­len«, sag­te das jun­ge Mäd­chen, »wenn du nur um Got­tes wil­len vor­sich­tig bist.«

»Ja, ja, ja«, sag­te der Ban­kier ner­vös und ein we­nig ge­reizt, weil der Herr mit dem kurz­ge­schnit­te­nen, ro­ten Haar ihn so auf­dring­lich an­sah und sei­ne Un­ter­hal­tung so dreist zu be­lau­schen schi­en.

Im Spei­se­wa­gen saß Charles Jean Tul­li­pe, freu­te sich nach der Arm­se­lig­keit des Wohn­schif­fes dop­pelt über all den Kom­fort, der ihn um­gab, und stu­dier­te die Spei­se­kar­te.

Ihm ge­gen­über hat­te eine ziem­lich auf­ge­ta­kel­te Dame Platz ge­nom­men, die hin und wie­der das fei­ne Pro­fil des in­ter­essan­ten, blas­sen, jun­gen Man­nes an­sah, der auch sie mit der zu­rück­hal­ten­den Wohl­er­zo­gen­heit des Welt­man­nes ab und zu fi­xier­te und mit noch grö­ße­rer Dis­kre­ti­on ta­xier­te. Sie hat­te klei­ne, fet­te Hän­de, an de­nen Rin­ge wie Schät­ze aus »Tau­send­und­ei­ner Nacht« blitz­ten, und in ih­ren Ohren fun­kel­ten Stei­ne, die ge­ra­de­zu ma­gne­tisch die Auf­merk­sam­keit auf sich zo­gen. Wäh­rend er das Menü las und wie­der las und un­wil­lig an Jaapje Eek­horn dach­te, der auf dem Pe­tro­le­um­ko­cher einen Eier­ku­chen in schlech­ter Mar­ga­ri­ne ge­ba­cken hat­te, stütz­te er den ta­del­los fri­sier­ten Kopf in die Hand und be­trach­te­te nun die Dame in ih­rem Spie­gel­bild in der Fens­ter­schei­be – eine Metho­de, die für un­auf­fäl­li­ge Beo­b­ach­tung aus­ser­or­dent­lich zu emp­feh­len ist! Da­rauf bück­te er sich höf­lich, weil ei­ner ih­rer Hand­schu­he vom Tisch ge­glit­ten war, und frag­te auf Fran­zö­sisch:

»Ge­hört die­ser Hand­schuh Ih­nen, gnä­di­ge Frau?«

Sie dank­te lä­chelnd. Was für lie­bens­wür­di­ge Men­schen wa­ren doch die­se fran­zö­si­schen jun­gen Leu­te; was hat­ten sie für einen fei­nen Ch­ar­me!

In ei­nem Rau­cher­ab­teil 2. Klas­se saß Hans Thys­sen, Mit­glied des Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­li­chen Ver­eins, und las das Abend­blatt. »So­bald sich der Zug in Be­we­gung ge­setzt hat«, über­leg­te er, »zie­he ich mich gleich auf die Her­ren­toi­let­te zu­rück und lege mir ein paar neue Soh­len in mei­ne Stie­fel – das Pa­pier des Kirch­li­chen Fa­mi­li­en­blat­tes taugt doch nicht so recht für nas­se Füs­se. Und dann will ich mir den scheuss­li­chen Fle­cken auf mei­nem Jackett noch ein we­nig mit Ben­zin aus­rei­ben. Gut, dass ich das Rest­chen aus der Benz­in­fla­sche mit­ge­nom­men habe.«

In ei­nem Nicht­rau­cher­ab­teil 3. Klas­se, in dem das meis­te Ge­päck in den Net­zen lag, lehn­te sich Jaapje Eek­horn schläf­rig zu­rück. Über sei­nem hoch­ge­schla­ge­nen Rock­kra­gen, un­ter dem tief in die Stirn ge­zo­ge­nen Hut und hin­ter den run­den Glä­sern der Horn­bril­le war sein Ge­sicht kaum zu er­ken­nen. Mit halb­ge­schlos­se­nen Au­gen mach­te er In­ven­tur, nahm das gan­ze Hab und Gut sei­ner Rei­se­ge­fähr­ten auf. Ihm ent­ging nichts. Kein Mensch konn­te in dem Kor­ri­dor des D-Zu­ges vor­über­ge­hen, ohne dass Jaapjes Schlitzau­gen je­des De­tail wahr­nah­men und einen gan­zen Steck­brief hät­ten her­stel­len kön­nen!

»Ein­stei­gen!« rief es draus­sen. Und wäh­rend auf dem Bahn­steig der alte und der jun­ge Jo­nes, Klot­hil­de und Co­che­fort von der In­ter­na­tio­na­len Bank stan­den und wink­ten und ein paar Coupétü­ren hef­tig zu­ge­schla­gen wur­den, setz­te sich der Zug in Be­we­gung.

Jetzt erst wur­de Jaapje Eek­horn wach. Gäh­nend be­leg­te er sei­nen Eck­platz und frag­te den im über­vol­len Coupé ihm ge­gen­über­sit­zen­den Herrn in flies­sen­dem Fran­zö­sisch, wie lan­ge man bis zur Grenz­sta­ti­on zu fah­ren habe? Er sprach so schnell, dass man ihn kaum ver­ste­hen konn­te. Ei­ner der Mit­rei­sen­den gab ihm je­doch die ge­wünsch­te Aus­kunft.

Jaapje füg­te noch auf Fran­zö­sisch ei­ni­ge für die Hol­län­der un­ge­mein schmei­chel­haf­te Be­mer­kun­gen über den Kom­fort in Hol­land hin­zu und schob dann an den Kni­en der an­de­ren Rei­sen­den vor­bei und hin­aus, um wei­te­re Er­kun­di­gun­gen vor­zu­neh­men. Da­bei irr­te er sich be­wusst im Wege und kam in den Kor­ri­dor des Schlaf­wa­gens. Im drit­ten Ab­teil saß der di­cke Herr mit dem ro­ten Ge­sicht, der in dem hel­ler­leuch­te­ten Auto mit dem Brow­ning ge­droht hat­te, und rauch­te eine aus­län­di­sche Zi­ga­ret­te. So, so – der pass­te also auf das Ge­päck auf, wäh­rend die an­de­ren wohl im Spei­se­wa­gen wa­ren?

Um sich da­von zu über­zeu­gen, ging Jaapje nun nach dem Spei­se­wa­gen, ge­ra­de in dem Au­gen­blick, in dem Hans Thys­sen sich an der Da­men­toi­let­te zu schaf­fen mach­te, weil die für Her­ren be­setzt ge­we­sen war.