Blutecho - Felix Sausemuth - E-Book

Blutecho E-Book

Felix Sausemuth

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Beschreibung

Im Süden Thüringens herrschen Turbulenzen. Doch was richtet ein kläglicher Teenager schon gegen die Konflikte der eigenen Eltern aus? Sofern es nach Kilian Ritter geht: Entfliehe neuerlichen Problemen, wenn deine bisherigen Schlichtungsversuche gnadenlos gescheitert sind! Sein Lieblingsplatz in den vertrauten Wäldern rings um Schnett, das Nadelöhr, erweist sich im prekären Alltag als rettender Anker. Doch ausgerechnet an jenem besonderen Ort kann bald von Schutz keine Rede mehr sein. Wut und Verzweiflung erscheinen nebensächlich, als der Schüler in ein Drama schlittert, dessen Ausmaß jenseits all seiner Vorstellungskraft liegt. Das Berchtesgadener Land ruft – es ist an der Zeit, eine grausame Wahrheit aus längst vergangenen Tagen zu offenbaren.

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Seitenzahl: 132

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Felix Sausemuth

BLUTECHO

Ein thüringisch-bayerischer Krimi

Salier Verlag

Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen und realen Handlungen sind rein zufällig.

ISBN 978-3-96285-188-0

1. Auflage 2025

Copyright © 2025 by Salier Verlag

ein Imprint der SalierGroup GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Satz und Gestaltung: Christine Friedrich-Leye

Fotos: Felix Sausemuth

Umschlagfotos: Florian Ziegler / Media Alm, Berchtesgaden

Herstellung: SalierGroup GmbH

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

[email protected]

www.salierverlag.de

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Wahrheit birgt Schuld.

1 Femme Fatale

2 Tief im Inneren

3 Wo bleibt die Leichtigkeit?

4 Vorsicht, Luftschloss!

5 Tonlose Lachgesichter

6 Unheilvoll

Wahrheit birgt Furcht.

7 Der Fremde

8 Thea

9 Architektur und Wellengang

10 Ein solides Schauermärchen

11 Der Berg ruft

12 Illusionen des Zufalls

Wahrheit birgt Leiden.

13 Nur ein Kratzer

14 Déjà-vu

15 Loyal auf ewig?

16 Nebelwand

17 Karma

18 Im Schutz von Nangilima

Watzer Berchtesgaden kompakt

Nachwort

Er offenbart, was tief und verborgen ist. Er weiß, was in der Finsternis liegt, und nur bei ihm ist das Licht.

Daniel 2, 22

1 FEMME FATALE

Scharfkantiger Schotter bohrte sich tief in die nackten Ballen der Frau. Das Eingeständnis ihrer Orientierungslosigkeit ließ sie hyperventilieren.

Sehr geehrte Damen und Herren, die Kriminalpolizei bittet einmal mehr um Ihre Mithilfe. Weshalb die Einunddreißigjährige auf solch brutale Weise zugerichtet wurde, entzieht sich unserer Kenntnis.

Sie hatte es wider Erwarten geschafft. Vom verstoßenen Millionärstöchterlein zur gefeierten Karrierelady. Von der amerikanischen Influencerin zur taffen Institution in den Weiten des Thüringer Waldes. Doch der Kampf um ihr einstiges Image sowie die weitestgehende Rückkehr zur Normalität waren verdammt hart. Ein Vergleich zu dem, was sie gegenwärtig ertrug, hinkte beträchtlich. Sie drohte, zu kollabieren. Einzig die kühlenden Schienen spendeten Trost.

Listen to me: She’s a fucking snitch! Therefore, don’t trust her!

Was hatten ihr amerikanische TV-Sendeanstalten nicht alles angedichtet. Markenpiraterie. Drogenmissbrauch. Orgien mit sexwütigen Snobs. Zoey Gordon verkörperte gerade einmal sechs Monate nach ihrem kometenhaften Aufstieg in den sozialen Medien das, was ganz Delaware peinlich war. Ein selbstbewusstes Mädchen, das den prestigeträchtigen Familiennamen geschickt genutzt und mit Pflegeroutinen sowie kosmetischen Lifehacks begeisterte Anhänger gefunden hatte. Bei exorbitanten Klickzahlen inklusive tausender Abonnenten ließen Sponsoren nicht lange auf sich warten, förderten sie und befreiten ihren Heimatort Rodney Village mir nichts, dir nichts vom staubigen Look der Monotonie. Darling, you know who you are. Make your dreams come true!

Sie hatte zwar eine zumeist konservative Erziehung durchlaufen, die auf Zucht und Ordnung basierte, erfuhr seitens ihrer Eltern jedoch im Gegenzug jegliche Form der Unterstützung.

Zwischen klassischer Ballettausbildung, Swimmingpool und Dienerschaft – in ihrer Luxusbubble am Stadtrand, stets unter dem sanftmütigen Einfluss von Dex und Janice, gab es keinen Grund zum Argwohn. Alles schien perfekt. Bis zu jenem Moment als die Hasswelle ihrer Neider sie ohne Vorwarnung traf.

There is no more room for you. Don’t torture us any longer!

Zu Beginn waren es vereinzelte Personen im Internet, die von gepanschten Rezepturen der angepriesenen Seren und Konzentrate schrieben. Später schnappten Late-Night-Shows kursierende Gerüchte auf, um sie reichweitenstark auszuschlachten. Eine Romantikerin wie Zoey kam gegen diese mediale Macht nicht an. Sie konnte die rufschädigenden Hetztiraden nicht stoppen. Bevor Gegendarstellungen der Anwälte die Formalitäten zu ihren Gunsten regelten, war ihr Ruhm verpufft.

»Plopp! Das war’s mit deiner Seifenblase. Talent allein reicht eben nicht.«

In ihrem Blut überwog der Kohlendioxidanteil, der spürbar die lebensnotwendigen Funktionen lähmte. Die Schwellung an ihrem Hals pulsierte unentwegt.

»Hilfeee!«

Allmählich erlangte der Schmerz die Kontrolle über den gesamten Körper, dessen Ästhetik unter getrocknetem Blut verdeckt blieb. Schlammige Kruste überzog ihren mahagonifarbenen Zopf.

»Ist denn da niemand? Hallooo?«, schrie sie gedämpft. Ihre Stimmbänder waren hochgradig lädiert.

Delaware 2012 zu verlassen, war der beste Entschluss gewesen. Sich in Deutschland, dem Ziel vorangegangener Sommerreisen, bei Cousine Alison niederzulassen und eine Therapie zur Aufarbeitung ihrer deprimierenden Erfahrungen zu machen. Lügen, die hinter dem Atlantik kursierten, Schmutzkampagnen, die sie zerstören wollten, vereinnahmten Zoey nicht länger.

Es erschien paradox, wie detailliert das Oberstübchen trotz ihrer physischen Verfassung abermals die Vergangenheit in Rodney Village durchexerzierte. Oder ihren Werdegang im fränkisch geprägten Süden Thüringens, nachdem man dem abtrünnigen It-Girl ausgerechnet in Suhl, das mit seiner Rustikalität nicht konträrer zum einstigen Glamour hätte sein können, die Anstellung bei der renommierten Marketingagentur »code2promote« anbot.

Honey, ich habe eine Schwäche für knappe Höschen. Bock auf ein echtes Schnuckelchen?

Mit neuerlangter Souveränität kamen Avancen aus der Männerwelt, deren Jagdinstinkt oft früh erlosch. Dass plumpe Anmachsprüche und niveauloses Testosterongebaren auf der Straße bei ihr nämlich nicht verfingen, unterstrich Zoey bedenkenlos mit passender Ansage oder ihrer flachen Rechten.

Endeten vielversprechende Dates mit herber Enttäuschung, bestand die Option auf ein halbvolles Weinglas, welches sie mit Schmackes in jene dümmlich grinsenden Visagen des starken Geschlechts gegenüber kippte, in deren Kosmos sie lediglich als Quickie in versifften Toilettenkabinen existierte.

In welchem Schmuddel-Restaurant hätte dir etwas wie heute zustoßen können?

Sie versuchte, ihre wirren Gedanken zu sortieren und die vergangenen Stunden zu rekonstruieren. Die Erinnerungslücken, die sich als pechschwarze Krater herausstellten, ängstigten sie.

Sieh nicht zurück oder es ist aus mit dir! Das muss dir klar sein.

Wie nahezu jeden Freitag plante Zoey Gordon bei ihrer morgendlichen Stempelung am Firmenterminal, Überstunden zu leisten. Sie brannte für knifflige Vorgänge und profitierte dabei vom Phänomen, dass klausellastige Vertragsabschlüsse unmittelbar vor den Wochenenden fulminant verliefen. Somit ihre Kollegen gegen zwölf den Dienst quittierten, blendete sie in hochproduktiven Phasen ihr Umfeld vollständig aus und holte das Optimum aus ihren Verpflichtungen heraus. Wie wenig danach vom Tag für Freizeitaktivitäten, für Regeneration blieb, registrierte sie erst am späten Nachmittag, nachdem die Putzkolonne den Bürokomplex für sich beanspruchte. Das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden. Why not?

Am 28. Juli uferte es mit Eigeninitiative nicht wie gewöhnlich aus – ein mahnendes Schreiben aus der Personalabteilung, das ihr der Abteilungsleiter persönlich aushändigte, zeigte Wirkung. Ebenso tat es die spontane Einladung ihrer Fitnessstudiobekanntschaft Stefano. Könnte er ihr Mr. Right sein?

Geselliger Ausklang beim Griechen? Zuviel Temperament zwischen zu wenig Moussaka? Unbedingt!

Das amüsante Treffen in der Innenstadt blieb ein Vorsatz. Die Paketsendung auf dem Beifahrersitz ihres Cabrios wurde aufgrund einer Umleitung durch das Industriegebiet nicht an der Tankstelle retourniert. Eine deklarierte Abkürzung über das Schießsportzentrum führte nicht wie angekündigt zur Hauptstraße. Der überrollte Fuchs konnte nach Stillstand des Motors nicht behelfsmäßig mit einem Begrenzungspfahl in den Graben befördert werden.

»Jesus, no!«

Die wankende Frau streifte das Schienenprofil aus Walzstahl, dessen rostige Kante prompt ihre Hautbarriere nahe der Achillesferse beschädigte. Abstrakte Spritzer besudelten die Betonschwellen.

I’m gonna sing it all night long. I’m gonna dance with somebody, dance with somebody.

Daran konnte sie sich entsinnen. Mando Diao bei schlotternder Frequenz. Dann ein Elektroschocker, paralysierende Spannung, die ihre Faszien durchströmte.

Losgelöst in entlegene Galaxien. Stimmt nicht … da war mehr … viel mehr.

Zoey kroch durch das Metallgestänge des Bahndamms und rutschte über den Steilhang hinab zur Unterführung. Faulige Bekundungen aus dem Gewölbe. Sie stürzte.

»Was für ein Monster ist dazu in der Lage?«

Von der bildhübschen Amerikanerin mit funkelnden Saphiren in den Augenhöhlen, feinporigem Teint sowie Lidkorrektur war ein Häufchen Elend übriggeblieben. Eine verlotterte Zora, die ihre Weiblichkeit lediglich mit Büstenhalter und Slip bedecken konnte, während der entkräftete Körper flach auf der Asphaltschicht verharrte. Kronkorken und Zigarettenstummel pflasterten die Drainagerinnen.

»Warum musste gerade ich ihm ins Netz gehen?«

Peu à peu verschollene Bruchstücke des Abends. Unzensiert und scheußlich.

Mein Jumpsuit muss mir direkt an der Landstraße vom Leib gerissen worden sein.

Man zerrte sie mit verbundenen Augen vom Straßengraben in einen Van – jedenfalls mutmaßte sie dies aufgrund der Geräumigkeit ihrer temporären Gefängniszelle. Unter ihrem Gesäß stapelten sich leere Benzinkanister. Lose Werkzeuge knatterten über ein Aluminiumblech, das den Kofferraum auskleidete.

Permanente Pfeiflaute … passend zur Musik. Da bin ich mir sicher.

Dauerte die unfreiwillige Spritztour länger als fünf Minuten? Ihrem Gefühl nach zu urteilen keinesfalls. Nach ihrer unsanften Beförderung aus dem Fahrzeug, folgte ein Tritt ins Zwerchfell. Ruppige Klauen schunden ihre Gliedmaßen mit einem Schraubendreher, versuchten zu guter Letzt, sie mit ihrem Nylonstrumpfband zu strangulieren.

Zur falschen Zeit am falschen Ort. Kanonenfutter für einen Perversen.

Torquiert kugelte sie sich, scheiterte daran, im Blindenmodus zu fliehen. Apathische Sekunden verstrichen, bevor er seinen Griff aus heiterem Himmel lockerte und sich von ihr distanzierte.

»Du hast übertriebenes Glück … hab’s mir anders überlegt. Warum die Finger an dir schmutzig machen, wenn du nur eine billige Kopie bist?«, spottete der Mann, dessen Aussehen ein Mysterium bleiben sollte.

»Renn! Dreh dich nicht um oder bezahle dafür! Schaffst du es aus eigenem Antrieb bis zum Bahndamm, hast du nichts zu befürchten. Das schwöre ich.«

No power of darkness can defeat or snuff out the light. It‘s your choice.

Zoey parierte, debattierte nicht und wagte es, obgleich sie nicht abschätzen konnte, welchen Wert die Beteuerungen eines Psychopathen hatten.

Begnadigen? Trotz dessen, was er ursprünglich mit dir anstellen wollte?

Über achtzig Prozent der Personen in Deutschland, denen jährlich Varianten von Gewalt widerfahren, sind weiblich. Mehr als einhunderttausend Namen. Bedroht. Gestalkt. Zwangsprostituiert. Vergewaltigt. Ermordet. Die Dunkelziffer lässt sich von keiner noch so ausgeklügelten Statistik ermitteln.

Die kleine Nutte hat es gewollt und mich mit ihrem Outfit provoziert. Ich bin ein Alphatier und hab mir genommen, was mir zusteht.

Sie würde dieses Drama in die Welt tragen. Jede Winzigkeit protokollieren lassen und damit etwas zur Ergreifung ihres Entführers beisteuern. Sie hatte bisher zu viel Dreck fressen, sich zu oft auf das reduzieren lassen müssen, was Idioten für gestrandete Existenzen wie sie konzipierten.

Entthronte Beauty-Queen? Koksnase? Emanze? Flittchen? Leichtes Opfer auf dem Seitenstreifen? Ihr braucht neue Sündenböcke.

Die Frau aktivierte ihre verbliebenen Energiereserven. Kapillaren und Venen deuteten sich unter der äußeren Hülle an. Fissuren und Schnitte versenkt in eine Pergamentstruktur.

»Ruft die Polizei! Schnell!«, krächzte sie.

Entgeistert starrten Demonstranten jenseits des Prellbocks zu ihr. Zu dieser traurigen Gestalt, die sich durch das verwilderte Areal kämpfte, wo einst die Friedbergbahn von Schleusingen nach Suhl tuckerte.

Wenn du nur eine billige Kopie bist.

Jede noch so aggressive Politparole verlor an Bedeutung. Ihre Botschaft erschütterte, ohne zu verhallen.

»Im Schlangenweg … ich konnte … das Schwein wollte … er wollte mich töten.«

2 TIEF IM INNEREN

»Rock-a-bye baby, on the treetop! When the wind blows, the cradle will rock.«

Heisere Schreie eines Neugeborenen drangen durch das Unterholz. Ein kreisrunder Palisadenwall, verborgen in den Wäldern.

»When the bough breaks, the cradle will fall. And down will come baby, cradle and all.«

Efeu umrankte die feingliedrigen Sprossen einer Wiege im Zentrum der spitzen Pfähle. Astlöcher abseits grober Holzmaserungen traten unter der Lasur hervor.

»And down will come baby, cradle and all.«

Der Junge wollte sich nicht von seiner Mutter beruhigen lassen. Wieder und wieder musste sie ihren Reim anstimmen.

»Shhh! Nicht weinen!«

Er spürte sie. Jene Bedrohung, die vom Knurren auf der anderen Seite der Barrikade ausging.

Wölfe, eroberungslustig scharrend, weil sie lange keine zarte Beute erlegen konnten.

»Rock-a-bye baby, cradle and all!«

Schwarzbraune Augen fixierten das Kind – neugierig hatte sich ein Rabe dem Geschehen genähert und mit seinen Krallen im Steppdeckchen verhakt. Der Tränenfluss versiegte.

»So ist es brav, fürchte dich nicht! Er behütet und leitet dich. Mit ihm wirst du lernen, deine Wurzeln zu ergründen.«

Weitere Artgenossen folgten ihm, vertrieben das Rudel mit ihren pickenden Schnäbeln. Vom Strampeln in der Wiege irritiert, flatterten die Tiere dabei wild mit ihren Flügeln. Metallisch-glänzendes Gefieder.

»Er wird dir helfen, deine Pflicht zu verstehen und deine tiefsten Ängste zu bekämpfen.«

Was haltet Ihr zunächst vom Aufwachen, Eure Hoheit?

Freitag, der 7. Juli 2023. Sanfte Brisen fuhren durch die Baumwipfel unterhalb der kleinen Schutzhütte. In der Abendsonne zeichnete sich auf ihren tiefliegenden Dachtraufen ein Schattenspiel der Blätter ab.

Ständig diese gequirlte Grütze. Träume sind nur Schäume.

Eine Amsel im Sturzflug hatte Kilian aus seinem Schlummermodus gerissen. Benommen lehnte er sich zurück und ließ seinen Blick vom Nadelöhr weiter in Richtung eines schmalen Pfades schweifen. Dessen Verlauf war ihm bestens bekannt. Keine hundert Schritte bergab bis zum Schröderfelsen.

Shit, ich habe wieder nicht daran gedacht!

Somit sein Rücken den Gegendruck des Öhrs registrierte, schnellte er reflexartig vor. Schmerzerfüllt presste der Jugendliche seine Lippen zusammen.

»Danke, du Idiot! Sowas gibt sich als bester Kumpel aus.«

Jede falsche Bewegung an diesem Nachmittag erinnerte ihn an die Prügelei vor der Heubacher Turnhalle. Den amtlichen Riss, der seither sein kobaltblaues T-Shirt zierte. Die blutende Stelle an seiner linken Schulter. Diese Form von Verrat, die man allenfalls ärgsten Feinden zutraut, nicht jedoch einem langjährigen Weggefährten wie Jonas.

Kompromisslos füreinander einstehen, sofern sich brenzlige Situationen anbahnen und Problemen vereint die Stirn bieten? Nicht mit einem Verräter.

Behutsam dehnte Kilian den klaffenden Stoff seines Oberteils, um die von angetrockneten Blutresten eingefasste Abschürfung darunter zu prüfen. Erste blaue Flecken eroberten umliegende Hautareale, während eine Prellung in die Rückenpartie ausstrahlte.

Im Endeffekt bin ich selbst schuld. Warum zum Teufel habe ich einer linken Bazille wie dir vertraut?

Nun, für das Warum gab es einige triftige Gründe. Ihre unbeschwerte Kindheit beispielsweise, die sie gemeinsam ab der Grundschule bestritten hatten. Oder die von Klamauk geprägten Freizeitaktivitäten, sobald man irgendwo im Doppelpack auftrat. Der brüderliche Umgang miteinander.

Zack, hier kommt ein saftiger Kinnhaken! Lass ihn dir schmecken!

Welche der abfälligen Äußerungen in Bezug auf seine Familie die Kurzschlussreaktion nach dem Sportunterricht auslöste, ließ sich in diesem Moment nicht mehr eindeutig sagen. Kilian hatte sich vor Jahren geschworen, blöde Sprüche gegen die eigene Person nicht zu hinterfragen – schlechte Witze oder gelegentliche Provokationen von Mitschülern gehörten in jeder Schullaufbahn zur gängigen Praxis. Damit war er fein, weil er wusste, wie haltlose Behauptungen seinerseits eingeordnet werden konnten.

Freilich machte eine derartige Herangehensweise keinen Sinn mehr, nachdem der augenscheinlich beste Freund zum Proleten mutiert war und über familiäre Themen aus dem Nähkästchen plauderte. Anvertraute Fakten zur Schieflage im Hause Ritter offenlegte, um irgendwie im Mittelpunkt zu stehen. Unspektakuläre Details stellenweise frisierte, damit er Eindruck vor dem Jahrgang schindete.

Hat es sich für dich gelohnt? Meine Eltern vor den größten Schwachmaten der Klasse in den Dreck zu ziehen? Sie und mich vor allen bloßzustellen? Das hast du toll gemacht und die Sache mit Vollgas gegen die Wand gefahren.

Im Inneren des Jugendlichen herrschte ein ungeheures Durcheinander. Grenzenlose Wut überlagerte anfängliche Enttäuschung, später tauschten Verachtung und Verzweiflung ihre Plätze im elitären Kreis der Stimmungskiller. Sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich endgültig.

Der Primus und sein zerrüttetes Elternhaus. Aus solch einer Story lässt sich echt was rausholen.

Kilians rechte Hand bündelte mehrere Grashalme, rupfte diese gezielt aus dem verdorrten Waldboden und zermalmte sie zwischen den Fingern.

Jonas hat die Lawine losgetreten und ich kann sie nicht mehr aufhalten. Mama dürften sie unzählige One-Night-Stands andichten, Papa hingegen zum Querulanten und Ekel ernennen, dem sie entkommen muss. Na ja und ich? Ich könnte glatt als potenzielles Scheidungskind zum Vollkoffer auserkoren werden.

Seine Handflächen schmiegten sich an seine Ohrmuscheln, ehe er in sitzender Position ungestüm zu wippen begann. Schweißperlen auf seiner Stirn.

Das sind Hirngespinste. Du weißt, dass es keinen Grund zur Sorge gibt. Es darf keinen geben!

Was sich im Wald abspielte, wirkte wie eine längst gelebte Routine, deren Intention einzig darin bestand, der Realität bei irrationalen Notfällen den Zutritt zu verwehren. Schutz in einer fiktiven, aber heilen Welt zu finden, anstatt womöglich ungebremst in seelische Abgründe zu schlittern.

»Bullshit!«

Mit einem Schrei waren nicht nur einige Amseln auf dem Giebel der Schutzhütte, sondern auch seine Ängste wie auf magische Weise vertrieben worden. Sämtliche Anspannung entwich seinem Körper.

»Ich muss euch enttäuschen, denn ihr kriegt mich nicht klein. Sie lassen mich nie im Stich.«

Wie berauscht rannte er zu seinem Fahrrad, zurrte seinen Rucksack fest und umschloss den Lenker.

»Sie warten auf mich.«

Bilder vom schockierten Gesicht seines Freundes nach dem Fausthieb, vom Herumwälzen im Schotter, vom Eingreifen des Hausmeisters, von der emotionalen Leere während der Fahrt in den Forst – absolut nichts davon fühlte sich real an. Ein hastiger Schlenker zum Wegweiser am Nadelöhr.

Mein Rettungsanker.

Knapp fünf Meter ragte das Gebilde mit charakteristischer und namensgebender Aussparung im unteren Drittel in die Höhe. Immergrüne Sträucher umzingelten es, herabfallende Tannennadeln und wuchernde Moospolster bereicherten die schroffe Oberfläche sporadisch.

Leider hast selbst du nicht für jedes Problem eine Lösung parat. Wie komme ich aus dieser Nummer raus?