Blutige Düne - Sabine Weiß - E-Book

Blutige Düne E-Book

Sabine Weiß

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Beschreibung

Ein kalter Sturm fegt über Sylt, und wer schuldig ist, wird sterben ...


Der lang ersehnte Kurzurlaub von Kommissarin Liv Lammers endet abrupt, als in der Mörderkuhle bei Tinnum ein Toter gefunden wird. "Schuldig" steht mit schwarzem Nagellack auf seiner Haut. Das Opfer: ein Rocker, der für seine Skrupellosigkeit bekannt ist. Liv und ihre Kollegen von der Flensburger Mordkommission denken zunächst an eine Vergeltungsaktion. Doch bald gibt es einen zweiten Mordanschlag auf einen jungen Mann, der als Freiwilliger für eine Meeresschutz-Organisation arbeitet. Die Handschrift des Täters ist dieselbe ...


Liv Lammers ermittelt in ihrem vierten Fall auf Deutschlands beliebtester Ferieninsel

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Seitenzahl: 470

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressum12345678910111213141516171819202122232425262728293031323334353637383940414243Anmerkung und Dank

Über dieses Buch

Ein kalter Sturm fegt über Sylt, und wer schuldig ist, wird sterben …

Der lang ersehnte Kurzurlaub von Kommissarin Liv Lammers endet abrupt, als in der Mörderkuhle bei Tinnum ein Toter gefunden wird. »Schuldig« steht mit schwarzem Nagellack auf seiner Haut. Das Opfer: ein Rocker, der für seine Skrupellosigkeit bekannt ist. Liv und ihre Kollegen von der Flensburger Mordkommission denken zunächst an eine Vergeltungsaktion. Doch bald gibt es einen zweiten Mordanschlag auf einen jungen Mann, der als Freiwilliger für eine Meeresschutz-Organisation arbeitet. Die Handschrift des Täters ist dieselbe …

Liv Lammers ermittelt in ihrem vierten Fall auf Deutschlands beliebtester Ferieninsel.

Über die Autorin

Sabine Weiß, Jahrgang 1968, arbeitet nach ihrem Germanistik- und Geschichtsstudium als Journalistin. 2007 veröffentlichte sie ihren ersten Historischen Roman, der zu einem großen Erfolg wurde und dem viele weitere folgten. Im Sommer 2017 erscheint ihr erster Kriminalroman, »Schwarze Brandung«. Unabhängig davon, ob sie gerade einen Krimi oder einen Historischen Roman schreibt: Sabine Weiß liebt es, im Camper auf den Spuren ihrer Figuren zu reisen und direkt an den Schauplätzen zu …

SABINE

WEISS

BLUTIGEDÜNE

Sylt-Krimi

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Originalausgabe

Copyright © 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Lektorat: Dr. Stefanie Heinen

Textredaktion: Stefanie Kruschandl, Hamburg

Einband-/Umschlagmotiv: © iStockphoto: PPAMPicture |Odem1970 | Matthäus Rojek

Umschlaggestaltung: Manuela Städele-Monverde

eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-8604-2

www.luebbe.de

www.lesejury.de

1

Mörderkuhle, zwischen Tinnum und Keitum, Samstag, 23. September, 4.45 Uhr

So bebend, wie er zusammengebrochen war, kam er zu Bewusstsein. Schmerz durchfuhr ihn und fegte die Ohnmacht hinweg. Er spürte, wie sein Körper zuckte. Gleißende Lichter zersplitterten auf seiner Netzhaut, aber um ihn herum war es stockfinster. Der Sturm heulte, er zerrte an seinen Haaren, fuhr ihm wie Messer in die Ohren. Seine Muskeln krampften. Einen klaren Gedanken zu fassen fiel ihm schwer, weil sein Schädel brummte. Saukalt war ihm. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag – er war nackt! Aber wieso … Wer … Und warum …

Wut explodierte in ihm. Es spielte keine Rolle, wer ihm das antat. In seiner Position gewann man keinen Beliebtheitspreis. Aber niemand legte sich ungestraft mit ihm an!

Rocco bäumte sich auf. Fesseln schnitten in seine Hand- und Fußgelenke. Etwas kratzte an seinem Rücken wie ein Reibeisen. Er kam nicht los! Der Knebel erstickte sein Brüllen im Keim.

Seine Gedanken rasten zurück. Bis zu seinem Filmriss war alles wie immer gewesen. Er hatte Kasse gemacht. Die Nacht war lukrativ gewesen, denn das Ende der Urlaubszeit spülte nach wie vor viele Touristen auf die Insel. Auch für ihn würde einiges hängenbleiben, womit sein Traum in greifbare Nähe rückte.

Beim Absperren der Bar war er entsprechend wachsam gewesen. Das Geld und sein Butterfly in der Tasche, Dogo eng an der Führleine. Eigentlich wäre Marcel bei ihm gewesen, heute jedoch …

Sturmböen hatten ihn über den Parkplatz getrieben. Er hatte Dogo in den Audi gescheucht, war selbst hinterhergesprungen. Im Wagen hatte Dogo nervös gegrollt, doch ehe Rocco hatte reagieren können, hatte sich vom Rücksitz aus ein Angreifer auf ihn gestürzt. Heftige Krämpfe hatten ihn geschüttelt, und dann musste er weggetreten sein. Ein Taser vermutlich, den schmerzenden Stellen an seinem Hals nach zu urteilen. Warum hatte er den Audi A8 nicht auf Aufbruchspuren kontrolliert? Warum nicht schneller auf die Warnung seines Dogo Canario reagiert? Die Kanarische Dogge war doch bekannt für ihre Wachsamkeit. Er hätte sich in den Arsch beißen können für seine Nachlässigkeit! Das bisschen Sturm und Regen …

Inzwischen hatten sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Vor ihm erstreckte sich die Landschaft. Windgebeugte Äste peitschten über ihm den Nachthimmel. Der Sturm zerrte an zerzausten Büschen und hohen Gräsern. In der Ferne sah er Lichter blitzen. Niemand war zu sehen. Kein Meeresrauschen, nur das Gebrüll des Sturms. Jetzt zitterte er vor Kälte und vor Zorn. Wo war er? Warum hatte man ihn überfallen? Ging es um die Kohle? Um den Stoff? Aber warum war er nackt? Und wo war sein Hund?

Von irgendwo drangen dumpfes Poltern und Hämmern an sein Ohr. Plötzlich gleißendes Licht – ein Handstrahler flammte vor ihm auf. Rocco kniff die Augen zusammen. Gleich darauf hörte er ein metallisches Zirpen. Das Geräusch traf ihn bis ins Mark: Ein Messer, das verdächtig wie sein Butterfly klang, war aufgeklappt worden. Ein breiter Umriss bewegte sich hinter dem Lichtkeil. Erregung pulste in Roccos Schläfen. Er wollte schreien, doch der Knebel reizte ihn nur zum Würgen.

Die Gestalt näherte sich. Sosehr Rocco auch ins Licht starrte, so wenig erkannte er. Jetzt! Der Kerl hielt etwas in den Händen. Dazu ein Rascheln.

»Ein hübsches Sümmchen hattest du in der Tasche. Wie viel wolltest du denn für dich auf die Seite schaffen? Alles?« Die Stimme war kalt. Und sie war ihm unbekannt, das registrierte Rocco, obgleich er kurz vor dem Durchdrehen war.

Die Einnahmen aus der Bar! Wild riss Rocco an den Fesseln. Könnte er doch nur die Hände oder Füße freibekommen! Er war für die Kohle verantwortlich. Er würde zur Rechenschaft gezogen werden, wenn …

Heiß quoll es über seine Handgelenke. Seine Daumen waren mit Kabelbindern hinter dem Stamm aneinandergefesselt. Da war ein Profi am Werk. War dieser Typ etwa …

Der brutale Hieb zerschlug jeden Gedanken. Feuerwerk in der Hirnschale, Eisengeschmack im Mund. Rocco hatte die Wucht eines Schlagrings schon lange nicht mehr am eigenen Leibe zu spüren bekommen. Sich an seinen Waffen zu vergreifen! Er schüttelte die Benommenheit ab. Erneut bäumte er sich auf.

»Ich werde den Knebel entfernen. Du wirst mir verraten, was ich wissen will. Du wirst nicht schreien, sonst schlitze ich erst deinem Köter die Kehle auf und dann dir.« Die Messerschneide blitzte im Lichtschein auf und zuckte seitwärts.

Nun entdeckte Rocco das Bündel hinter dem Typen. Was hatte dieses Arschloch seinem Hund angetan?

Der Fremde entfernte den Knebel. Er trug Latexhandschuhe, das registrierte Rocco noch.

»Du Wichser wagst es …«, brüllte Rocco. Ohne Rücksicht auf Verluste strampelte er mit Händen und Füßen.

»Du hast es so gewollt. Schau hin, das ist deine Schuld.« Der Fremde zerrte Dogos eigentümlich schlaffen Leib heran.

»Pack zu, Dogo! Fass!«, schrie Rocco.

Eigentlich sollte der kräftige Molosserhund dem Mann auf seinen Befehl hin an die Kehle gehen, aber der Hinterlauf des Kampfhunds zuckte lediglich. Der Fremde stellte seinen Fuß auf Dogos Hals und setzte die Klinge an. Machte dieser Scheißkerl etwa ernst?!

»Stopp! Hör auf! Lass uns … reden.« Nur mühsam hielt Rocco seine Stimme im Zaum.

Panik mischte sich in seinen Zorn. Einem Tier so etwas anzutun! Was wollte dieser Irre von ihm? Unauffällig zerrte er wieder an den Fesseln. Die Haut an seinem Daumen wurde schmerzhaft eingerissen. Weiteres Blut rann seine Hand hinunter – egal! Auch ohne Daumen würde er dem Kerl jeden Knochen einzeln brechen und ihn dann schön langsam umbringen, das schwor er sich.

Als sein Gegenüber die erste Frage stellte, begriff Rocco zunächst einmal gar nichts. Aber dann wurde ihm klar, dass es um Leben und Tod ging. Um seinen Tod.

***

Schweiß brannte in ihren Augen. Sie fror und schwitzte zugleich. Platzangst brachte ihr Herz zum Rasen. In ihrem Nacken schmerzte es, als würden heiße Nadeln hineingestochen. Immer wieder hämmerte sie gegen die Kofferraumklappe, zumindest glaubte sie, dass es eine war, denn sehen konnte sie nichts. Stickig und eng war dieses Gefängnis, noch schlimmer als … Der Gedanke ängstigte sie zutiefst.

Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich. Denk nach! Erneut tastete sie die Ränder der Klappe ab. Sie musste einen Hebel, eine Lücke finden! Endlich erfühlten ihre Finger eine Ritze. Sie presste und zerrte an den Kanten, bis ihre Fingernägel brachen. Es war aussichtslos. Jetzt suchte sie die Fläche unter sich ab. Gab es denn hier nichts, womit sie sich verteidigen konnte?

Das Blut rauschte in ihren Ohren. Ihr Hals war bereits wund, und trotzdem schrie sie, so laut es nur ging. Irgendjemand musste sie doch hören, musste ihr helfen, ehe sie erstickte oder er zurückkam. Sie musste hier raus, musste abhauen, bevor er ihr noch mehr antun konnte.

2

9.40 Uhr, im Luftraum über der Nordsee vor Sylt

»Meine Püppi, ich will meine Püppi haben!«, quengelte Lotte. Das Gesicht der Fünfjährigen war aufgequollen vom Weinen. Marion machte sich Vorwürfe. Wie hatten sie die Puppe nur auf dem Düsseldorfer Flughafen vergessen können!

»Erinnerst du dich an den Hasen Felix aus dem Buch, das ich dir so oft vorgelesen habe? Der hat auch alleine eine schöne Reise unternommen«, sagte sie aufmunternd zu ihrer Tochter.

»Ich will aber Püppi bei mir haben!«

Hilfesuchend sah Marion Neublöhler ihren Mann an. Den ganzen Flug ging das schon so. Vermutlich verstärkten die Turbulenzen Lottes Trotz. Auch Marion war flau im Magen. Am Nordseestrand liebte sie eine steife Brise, aber konnte der Wind nicht bitte bei der Landung eine Pause machen? Doch im Grunde sollte sie sich nicht beklagen: Wenn so ein Sturm wie gestern herrschen würde, wäre der Flug abgesagt worden.

»Ich hab dir doch gesagt, dass wir in Westerland eine neue Püppi kaufen«, sagte Thomas geduldig.

Marion suchte dankbar die Hand ihres Mannes. Sie hatten auf Sylt ihre Flitterwochen verbracht und kehrten jedes Jahr auf die Insel zurück. Es war eine besondere Zeit, ihre Zeit. Marion Neublöhler wollte sie sich nicht durch diese Panne verderben lassen.

Sie sah aus dem Fenster. Die Wolken flogen vorbei. Glücklicherweise dauerte der Flug nur sechzig Minuten. In einer weiteren Stunde hätten sie im Hotel eingecheckt, ein Spielzeuggeschäft besucht und würden mit einem Aperitif in einem netten Restaurant mit Meerblick sitzen, während ihre Tochter glücklich mit der neuen Puppe spielte.

Die Stimme aus dem Cockpit riss Marion aus ihren Gedanken: »Wir befinden uns im Landeanflug auf Sylt. Es könnte wegen der Böen etwas holprig werden. Auch wenn es Ihnen vielleicht nicht so vorkommt: Der Sturm macht gerade eine kleine Pause. Sie brauchen sich nicht an den Sitzlehnen festhalten, die fallen mit runter …«, verkündete der Pilot launig.

Vereinzeltes Gelächter im Flugzeug, aber Marion bemerkte, dass nicht nur sie sich an der Armlehne festkrallte.

Lotte rieb sich die verweinten Augen. »Ich will aber meine –«

»Schau lieber aus dem Fenster«, unterbrach Marion ihre Tochter. »Das Meer und die vielen Häuser, sieht das nicht aus wie im Miniaturwunderland?« Als sie im Frühjahr in Hamburg diese Miniaturwelt besucht hatten, war Lotte begeistert gewesen.

Tatsächlich verstummte das Mädchen für einen Augenblick. Auch Marion war verzaubert. Die Sonne hatte einen kristallinen Keil in die Wolkenbank geschlagen und kitzelte urplötzlich aus diesem Septembertag die schönsten Herbstfarben heraus.

Erst aus der Luft erkannte man wirklich, wie filigran die Insel war. Ein lang gestreckter Streifen Land, der unverdrossen dem heranrollenden Meer trotzte. Sylt war ein zerklüfteter Wellenbrecher vor dem Festland. Das Meer ein Gemälde in Azur-, Türkis- und Smaragdtönen. Weiß gekrönt tanzte die Brandung an der Westküste, braungrün liebkoste sie die Wattseite. Die Facetten des Sands begeisterten Marion, vom karamellfarbenen Watt zu dem wüstenartigen Pulversand der Wanderdünen. Dazu das viele Grün: Wäldchen, Felder, Dünengras. Die Leuchttürme an den Enden der Insel in Hörnum und List, aber auch in Kampen, reckten sich in den Himmel, genauso wie etliche Kirchen. Die vielen Häuser, die sich mit ihren Reetdächern in die Landschaft schmiegten. Die zarte Taille Sylts. Unwillkürlich fürchtete Marion, dass eine heftige Sturmflut die Insel an den schmalsten Stellen auseinanderreißen könnte. Hörte man nicht immer wieder von Orkanen, die ganze Inseln verschlangen?

Sie flogen eine Schleife über die Inselhauptstadt Westerland, in der die Häuser nicht immer so schön, aber praktisch waren. Das Flugzeug legte sich schief und wurde von erneuten Turbulenzen geschüttelt. Marions Magen drängte nach oben. Dankbar spürte sie, wie Thomas ihre Finger drückte. Gleich hatten sie es geschafft. Wie sie sich auf ihren Urlaub freute!

Unter ihnen tauchten die Landebahnen auf. Die Spielzeugautos schienen größer zu werden. Menschen waren zu erkennen, Pferde und Schafe. Ein paar Sekunden noch, dann würden die Räder aufsetzen.

»Die Puppe …« Lotte presste die Nase gegen das kleine Oval der Scheibe. Sie klang aufgeregt.

Marion schluckte gegen die Übelkeit an. »Nun hör doch mal auf mit deiner Püppi!«

Das Mädchen wies aus dem Fenster. Im letzten Augenblick sah Marion, was ihre Tochter am Rande des Wäldchens entdeckt hatte, dann waren sie vorbeigerast.

»Nein, nicht Püppi. Ich meinte die komische, hässliche Puppe da …«, sagte Lotte trotzig.

Marion beugte sich noch einmal vor, aber es war zu spät. Sie versuchte das Bild abzuschütteln. Da hatte nicht wirklich ein Nackter in einem Baum gehangen?

3

Westerland, 12.23 Uhr

Liv trug das Surfbrett aus der Brandung. Auch wenn im September das Meer noch aufgeheizt vom Sommer war, zitterte sie am ganzen Leib. Der Ritt über die Wellen war erfüllend, aber auch kräftezehrend gewesen. Geschick, Tempo, Kraft – die Nordsee vor dem Brandenburger Strand hatte sie komplett gefordert. Dabei war der Sturm, der gestern über die Insel gefegt war, deutlich abgeflaut. Aber mit seiner kraftvollen Brandung und den Sandbänken war es eben ein anspruchsvolles Surfrevier, nicht umsonst maßen sich hier alljährlich die weltbesten Windsurfer.

Am Strand puderte feiner Sand ihre Füße. Liv legte Board und Rigg hin, wrang das Salzwasser aus den langen rotblonden Haaren und ließ den Blick schweifen. Obgleich Wolkenbank und Sonne noch um die Vorherrschaft kämpften, belebte sich der Strand vor der Westerländer Promenade stetig. In den Übergangsmonaten war das Wetter auf Sylt wie eine Wundertüte. Liv liebte die Nordseeküste bei jeder Witterung. Wenn die Sonne im Meer glitzerte und die Dünen oder das Kliff zum Strahlen brachte, kam sie zur Ruhe. Wenn der Sturm das Meer aufbäumte, Dünengräser durchzauste und Bäume in ihre windschiefe Form zwang, fühlte sie sich quicklebendig. Und sie liebte den Sound des Meeres: das Brodeln der Brandung genauso wie das Knistern und Glucksen des Watts, das heisere Rascheln des Strandhafers und des Flugsands, das Lied der Meerstrandläufer ebenso wie das gehässige Keckern der Möwen. Glasblau brandete die Nordsee vor ihr an den Strand und ließ Millionen winziger Tropfen aufsprühen, die in der Luft funkelten. Liv genoss das Glück dieses Augenblicks. Sie schmeckte das Meersalz auf den Lippen und atmete so tief ein, dass sie die Nordseeluft bis in ihre Schlüsselbeine und hinein in das Zwerchfell zu spüren meinte.

Jetzt suchte sie die Nordsee nach Sanna und Jan ab. Endlich hatte Liv die Jugendlichen entdeckt, die weit draußen mit den Wellen kämpften. Gebannt sah sie zu, wie Jan auf seinem Board zu einem Frontloop ansetzte: Ihr sechzehnjähriger Neffe war ein erfahrener Windsurfer. Sein Freund Kimi war sogar noch besser; bei ihm hatte das Surfen eine akrobatische Leichtigkeit. Es machte Spaß, den beiden bei ihren Manövern zuzusehen.

Einen Augenblick liebäugelte Liv damit, sich wieder in die Wellen zu stürzen. Ihre Augen suchten ihre Tochter. Sanna kämpfte mit einer Halse. Auch dieses Mal gelang der Bugwechsel nicht, und ihre Tochter landete im Wasser. Sicher hätte Liv ihr den einen oder anderen Tipp geben können, aber Sanna war fünfzehn, und die Letzte, auf die sie derzeit hören würde, war die eigene Mutter. Sanna nabelte sich ab, das war unverkennbar. Dass Liv mit ihren dreißig Jahren selbst noch jung war, gerne feierte und flirtete, machte ihr Zusammenleben nicht einfacher. Und der Streit ums Geld setzte ihnen natürlich auch zu. Seit Wochen lag Sanna ihr in den Ohren, weil sie am Schüleraustausch teilnehmen wollte; ausgerechnet nach Japan sollte es gehen. Alle ihre Freundinnen fuhren mit. Natürlich wollte Liv ihrer Tochter diese Chance gerne geben, aber mit ihr als Alleinverdienerin war das Familienbudget eben knapp. Zumal sich die nächste Reparatur ihres altersschwachen Bullis abzeichnete. Immerhin hatte sich das Verhältnis zwischen ihr und Sanna auf Sylt ein wenig entspannt. Katharina, Livs älteste Freundin und wie Liv waschechte Insulanerin, feierte heute ihren Geburtstag, weshalb sie und Sanna ein langes Wochenende in lockerer Runde auf Sylt verbrachten. Sanna war oft mit ihrem Cousin Jan unterwegs, der auf der Nordseeinsel lebte und ausnahmsweise nicht im Internat war.

Liv fasste in die vordere Schlaufe des Boards und ergriff mit der anderen Hand den Gabelbaum. Ihre Freunde hatten gerade die Logenplätze vor dem Restaurant Sunset Beach verlassen und waren im Aufbruch befindlich. Katharina reichte ihr ein Badehandtuch.

»Wir gehen jetzt in die Welle. Sehen wir uns gleich im Schwimmbad?«, fragte sie.

»Auf jeden Fall. Wir kommen nach.« Liv kuschelte sich in das flauschige Handtuch.

»Aber lass uns nicht so lange warten. Wir haben noch was vor«, sagte Arian und blinzelte Liv zu. Er war, wie Katharina, ein ehemaliger Klassenkamerad, den Liv jedoch jetzt zum ersten Mal seit langer Zeit wiedergetroffen hatte.

»Ihr zwei habt was vor? Noch vor meiner Feier?« Katharina grinste.

Liv buffte sie liebevoll. »Sei nicht so neugierig.« Tatsächlich war Arian ein kantiger Typ, der Liv durchaus in Versuchung hätte führen können. Allerdings war sie noch dabei, sich von der intensiven Affäre zu erholen, die sie im Sommer viel Herzblut und einige Nerven gekostet hatte. Sowieso hatte sie jetzt gerade keine Zeit für irgendwelche Flirts. Jetzt ging es um einen Geheimauftritt, den Katharinas Freunde für heute Abend planten. Liv hatte ihre Cajón aus Flensburg mitgebracht, das Schlagzeug hätte neben den Surfbrettern kaum in den Wagen gepasst.

Als die Freunde gegangen waren, schenkte Liv sich Tee aus der Thermoskanne ein und schmeckte der Mischung aus Lemongras und Pfefferminz nach. Wind, Wellen, freie Sicht, geliebte Menschen – mehr brauchte sie nicht.

Auch Sanna und die beiden Jungs kamen nun an Land. Liv ging ihnen entgegen. Ihre Tochter stürmte voraus, die Unzufriedenheit hatte einen Keil zwischen ihre Augenbrauen getrieben. Sanna war ehrgeizig, auch beim Handball. Kitesurfen oder Longboardfahren trainierte sie verbissen.

Liv wollte ihr mit dem Board helfen. »Das war doch schon super! Wenn du möchtest, dann zeige ich dir noch mal …«

Sanna drehte sich weg. »Doch. Schon. Super«, wiederholte sie gereizt. »Danke, kein Bedarf! Von meinem Vater habe ich auf jeden Fall nichts geerbt – auch wenn das alle sagen.«

Die Worte ließen Liv erstarren – das war ein heikles Thema. Nach einer Schrecksekunde eilte sie Sanna nach. »Wer sagt was?«

Sanna fuhr herum. Gänsehaut zeichnete sich an ihrem Hals ab, und ihre Lippen waren blau von der Kälte. »Alle erzählen von meinem Vater, nur du schweigst ihn tot – wie immer.«

Vater, das Wort stieß Liv auf. Erzeuger träfe es besser, dachte sie bitter. »Er ist ja auch tot.« Noch immer spürte Liv Erleichterung über diese Tatsache, gleichzeitig schämte sie sich dafür. Boy war ihr Surflehrer gewesen, ihre erste Liebe – und ihr Vergewaltiger. Sanna wusste nicht, unter welchen Umständen sie gezeugt worden war, und sie sollte es auch nie erfahren, wenn es nach Liv ging.

Jan und Kimi hatten sie eingeholt – die Neoprenanzüge halb geöffnet, Meerwasser an den langen Wimpern, versprengte Sandkörner im Gesicht. Jan blickte verwirrt von einer zur anderen. Auch Livs Verhältnis zu Jan hatte sich beinahe normalisiert, das wollte sie nicht gefährden.

Ihre Familiengeschichte war kompliziert und voller Fallstricke. Als sie Teenager war, hatten traumatische Ereignisse zum Bruch mit ihrem Elternhaus geführt. Von ihrem gewalttätigen und tyrannischen Vater war Liv verstoßen und enterbt worden. Nur mit Hilfe ihrer Großmutter Elise hatte sie es geschafft, trotz des Babys ihre Schule zu beenden und eine Ausbildung zu machen. Nie wieder hatte sie etwas mit ihrem Vater Ocke zu tun haben wollen, der durch dubiose Immobiliengeschäfte reich geworden war.

Im letzten Jahr hatte allerdings ein Fall dazu geführt, dass Liv zum ersten Mal nach vierzehn Jahren wieder mit ihrer Schwester Annika gesprochen hatte. Und auch ihrem Vater war sie wieder begegnet. Allein bei der Erinnerung daran stellten sich ihre Nackenhaare auf.

Mit Jan hatte Liv sich allerdings sofort gut verstanden. Als sie erfahren hatte, dass ihr Neffe genauso unter dem hartherzigen Patriarchen Ocke zu leiden hatte wie sie damals, hatte es für sie kein Halten gegeben. Jan jedoch hatte gegen ihre Einmischung protestiert und den Kontakt zu Liv abgebrochen. Erst langsam und mit Sannas Hilfe hatten sie sich wieder angenähert.

Ehe Liv das Gespräch ins Unverfängliche drehen konnte, ließ ihr Handy aus dem Inneren des Seesacks einen Trommelwirbel ertönen.

»Ich muss da ran«, sagte sie entschuldigend. »Geht schon mal voraus zum Bulli und dann in die Welle.«

»Und wieder das Thema umschifft. Toll, Mam«, sagte Sanna ironisch. Kopfschüttelnd stapfte sie los.

Liv kramte das Smartphone heraus. Dreimal hatte jemand versucht, sie anzurufen. Ihr Herz schlug schneller. War etwas mit Elise? Ihre geliebte Großmutter war allein in Flensburg geblieben, weil sie arbeiten musste. Mit ihren sechsundsiebzig Jahren startete Elise gerade beruflich noch einmal so richtig durch.

Nervös entsperrte Liv das Handy. Die Erleichterung währte nur kurz – es war nicht Elise, sondern Hilke Hasselbrecht. Was war so wichtig, dass ihre Chefin sie in der Freizeit störte? Liv schätzte die erfahrene Ermittlerin sehr. Hasselbrecht leitete das K1, die Mordkommission Flensburg, mit Menschenkenntnis und Wärme. Mit Ende zwanzig hatte Liv das K1 bei einem Fall von häuslicher Gewalt unterstützt und war daraufhin von Hilke Hasselbrecht eingeladen worden, sich auf eine freie Stelle bei den Mordermittlern zu bewerben. Die K1-Chefin hatte ihr seitdem viele Chancen gegeben und ihr auch oft genug den Rücken gestärkt.

Hasselbrecht nahm sofort ab. »Ich habe bei Ihnen zu Hause angerufen. Ihre Großmutter berichtete mir, dass Sie auf Sylt sind, Liv. Wir haben einen Toten. Sie wissen ja, wie knapp wir durch Krankheit und Urlaub besetzt sind. Ich selbst bin derzeit unabkömmlich, und bis die Kollegen aus Flensburg auf der Insel eintreffen …«

Es gab zwar eine Kriminalpolizei auf Sylt, für Verbrechen gegen das Leben war jedoch die Mordkommission Flensburg zuständig. Auch die Spurensicherer vom K6 kamen aus der Fördestadt, während der Rechtsmediziner sich von Kiel aus auf den Weg machen musste.

»Wo wurde die Leiche gefunden?«

»Zwischen Tinnum und Keitum in der Nähe der …« Hasselbrecht blätterte, dem Geräusch nach zu urteilen, in ihren Notizen, »… Mörderkuhle. Wenn das ein Scherz sein sollte, kann ich nicht darüber lachen.«

Liv klemmte das Handy zwischen Ohr und Schulter, hängte sich den Seesack über und packte Board und Rigg. »In der Mörderkuhle ist bisher nie jemand ermordet worden«, sagte sie, während sie auf die Promenade zuging. »Aus der Baugrube im Inselinneren wurde der Sand für den Hindenburgdamm geschaufelt – bei so mörderischer Hitze, dass einer der Arbeiter dabei starb. Daher hat der Ort seinen Namen. Später verkam die Senke zur Müllkippe. Als Kinder haben wir dort ab und zu nach Schätzen gesucht.«

»Ein Kind hat die Leiche entdeckt.«

Die Polizistinnen schwiegen einen Augenblick. Niemand sollte eine Leiche finden, schon gar nicht ein Kind. Dann fasste Hasselbrecht den bisherigen Ermittlungsstand zusammen. »Es tut mir leid, dass ich Sie damit belästige, aber …«

»Schon gut. Ich bin auf dem Weg.«

»Das hatte ich gehofft. Danke, Liv. Ich habe Hennes und die Kriminaltechnik losgeschickt. Ihr Partner hatte Sehnsucht nach Sylt.«

Das war pure Ironie, aber Liv freute sich über diese Nachricht. Der Querkopf Hennes und sie hatten sich nach anfänglichen Problemen zu einem guten Team entwickelt.

Liv erklomm den Dünenpfad und lief barfuß über Steinweg und Asphalt. Familien, Paare in Daunenjacken und einzelne Urlauber strömten ihr auf dem Weg zum Strand entgegen.

Sie hatte ihren VW Bulli in einer Seitenstraße abgestellt. Sanna und Jan waren schon nicht mehr zu sehen. Liv verstaute ihre Surfausrüstung ebenfalls auf dem Dach und zog sich in der engen Kabine um. Das Meersalz brannte auf ihrer Haut, und Sand schmirgelte zwischen ihren Zehen, doch die Dusche würde warten müssen. Ihre Klamotten – Jeans und Hoodie – waren ziemlich leger. Aber glücklicherweise gab es ja keinen Dresscode für Kommissare. Über die nassen Haare kam eine Mütze. Schnell schickte sie an Katharina und ihre Tochter Kurznachrichten. In Gedanken war Liv jedoch bereits in der Mörderkuhle. Wie immer zu Beginn eines Falls fühlte sie sich, als wäre ein Faden in ihrem Inneren bis zum Zerreißen gespannt.

Mit ihrem röhrenden, ruckelnden Campingbus quälte Liv sich durch den Verkehr der Inselhauptstadt, der aufgrund der zahlreichen Baustellen nur zäh floss. Der September war auf Sylt noch immer Hauptsaison. Mit Glück erlebte man wunderbar heiße Strandtage, aber ohne die Menschenmassen des Sommers, wo fast jedes Quartier und auch etliche Restaurants ausgebucht waren. Erst nach dem Windsurf World Cup Ende des Monats würde es ruhiger auf der Insel werden. Sie passierte die Tinnumer Supermärkte sowie das Industriegebiet und folgte der Keitumer Landstraße. Zwischen Flughafen und Feldern musste sie gegenlenken, um den schwergängigen T3 auf Spur zu halten, der Wind war noch immer böig.

Ein Streifenpolizist blockierte den Abzweig, der zum Tierheim, dem Schutzgebiet des Deutschen Tierschutzbundes und den Pferdekoppeln führte. Die Mörderkuhle erstreckte sich rechts bis etwa zum Kleingartenverein Keitum. Liv wies sich aus. Der Kollege ließ sie passieren. Weitere Polizisten hatten großräumig Wäldchen, Weg und Brachfläche abgesperrt. Hinter einem Mannschaftswagen stellte Liv den Bulli ab. Der Wind trug Hundegebell aus dem Tierheim zu ihr.

Momke Nebber nahm sie in Empfang. Der Sylter Kollege hatte in den vergangenen Monaten leicht zugelegt, sodass das schrillgrüne Hemd über seinem Bauch spannte. Sein von hellblonden Haaren eingefasstes Gesicht rötete sich bei ihrem Anblick noch mehr.

»Nun guck doch nicht so – hast du noch nichts davon gehört, dass auch Männer schwanger werden?«, fragte Momke grinsend.

Liv umarmte ihn überrascht. »Ioanna ist schwanger? Glückwunsch!«

»Fünfter Monat. Ich habe schon mal Elternzeit beantragt. Freue mich auf eine Pause«, seine Züge verdüsterten sich, »von dem hier.«

»Ach, komm, eigentlich ist Sylt doch sehr sicher«, sagte Liv tröstend. Bei den meisten Verbrechen bestand auf der Insel eine Null-Lage, andere kamen nur marginal vor. Selbst die Anzahl an Eigentumsdelikten war, wenn man die Vermögenswerte auf Sylt betrachtete, verschwindend gering. Aber vermutlich war auch bei Momke die Erinnerung an ihren letzten gemeinsamen Mordfall noch frisch – ein Fall, der sie alle sehr mitgenommen hatte.

Momke zupfte an seinem Hemd, als wolle er den Stoff etwas dehnen. »Neuerdings habe ich auch so seltsame Gelüste. Also essenstechnisch, meine ich. Soll doch mit der Schwangerschaft manchmal auftreten«, murmelte er.

Unwillkürlich musste Liv grinsen. »Bei Frauen, ja.«

»Machst du dich etwa über mich lustig?«

»Wie könnte ich? Wenn man ein Kind bekommt, verändert sich das ganze Leben – warum soll man sich selbst nicht auch verändern?«

Liv erinnerte sich kaum an ihre eigene Schwangerschaft, war diese doch von zermürbenden Auseinandersetzungen mit ihrem Vater und ihrer Schwester überschattet gewesen. Zerwürfnisse, die schließlich zum Eklat und zu Livs Weggang von Sylt geführt hatten.

Sie gingen auf den Krankenwagen zu, neben dem ein Mietwagen stand. Es war ein Porsche; viele Gäste wollten zumindest im Sylt-Urlaub mal einen Luxuswagen genießen.

Der Wind zauste Livs langes Haar, weshalb sie es fester zusammenband und die Kapuze ihrer Barbourjacke hochschlug.

»Der Erste Angriff läuft. Wegen der Witterung haben wir angefangen, den Toten abzukleben und weitere Spuren zu sichern. Hasselbrecht hat veranlasst, dass Fährtenhunde eingesetzt werden«, berichtete Momke.

»Ist die Familie noch da? Ich würde gerne mit dem Kind sprechen, das die Leiche entdeckt hat«, sagte Liv.

»Das dachte ich mir. Die Familie wird gerade medizinisch betreut. Sie sind etwas geschockt, verständlicherweise. Willst du zuerst die Leiche sehen?«

»Wissen wir schon, wer er ist?«

»Naan«, verneinte Momke auf Sylterfriesisch. »Weder Brieftasche noch Handy. Wir hoffen, dass die Fingerabdrücke in den Datenbanken zu finden sind.«

»Dann spreche ich erst mit der Familie, die hat lange genug gewartet.«

Im Mannschaftswagen entdeckte sie ein Mädchen, das sich an seine Mutter kuschelte und am Daumen lutschte. Die Kleine war komplett in Türkis gekleidet, in den Sohlen ihrer Turnschuhe blinkten LED-Lichter. Neben ihnen stand eine Packung mit durchsichtiger Oberseite, in der eine Puppe steckte.

»Ich bin Liv Lammers von der Mordkommission in Flensburg. Meinen Kollegen Momke Nebber kennen Sie ja bereits. Bitte entschuldigen Sie die Wartezeit.«

Der Mann verzog niedergeschlagen das Gesicht. »Kommt nicht mehr darauf an, der Tag ist sowieso im Eimer.«

»Sag das nicht! Wir machen es uns gleich noch schön«, versuchte seine Frau, ihn aufzuheitern.

»Bitte schildern Sie uns noch einmal ausführlich, wie Sie …« Liv zögerte angesichts des kleinen Mädchens.

»Lotte hat die unheimliche Puppe entdeckt«, sagte Marion Neublöhler schnell. Sie drückte ihre Tochter enger an sich. »Wir waren gerade im Landeanflug. Als Lotte sie mir zeigte, konnte ich im Vorbeifliegen gerade noch einen Blick auf sie erhaschen. Ein unglaublicher Anblick!«

Lotte hatte den Daumen aus dem Mund genommen und betrachtete ihn versonnen. »So eine hässliche Puppe!«, sagte sie entschieden.

Die Frau kämpfte mit den Tränen. »Der Anblick hat mir keine Ruhe gelassen. Also habe ich darauf bestanden, dass wir nach dem Einchecken mit dem Mietwagen hier vorbeifahren. Wir haben dann schon aus einiger Entfernung gesehen, dass etwas nicht stimmt, und ich bin mit Lotte zum Auto zurück. Mein Mann hat sich vergewissert, dass … wir sonst nichts tun konnten.«

Ihr Mann rieb ungeduldig über die Knie. »Wir könnten so schön bei Gosch sitzen und mit einem Glas Wein in der Hand den Ausblick genießen! Stattdessen …«

»Wir sind gleich fertig, dann können Sie los«, sagte Liv. Sie hockte sich neben das Mädchen, sodass sie mit ihm auf Augenhöhe war, und lächelte es an. »Ist dir sonst etwas aufgefallen? War da jemand bei der Puppe? Oder stand da ein Auto?«

Lotte schüttelte entschieden den Kopf. Doch dann schob sie ihre Zunge in eine Zahnlücke. Liv ließ ihr Zeit. »Da war ein Hund. Oder ein Bambi. Ganz nah«, sagte die Kleine schließlich.

Liv ließ sich das Tier genauer beschreiben. Es hörte sich eher nach einem Hund als nach einem Reh an, aber irgendwo würde es hoffentlich Spuren geben. Fraglich war ohnehin, ob diese Beobachtung etwas mit dem Mord zu tun hatte. »Danke, dass du so gut aufgepasst hast«, sagte sie zu Lotte.

»Wird die hässliche Puppe jetzt weggebracht?«

»Das wird sie«, versicherte Liv ihr.

Lotte nickte zufrieden. Das Mädchen ließ sich vom Schoß ihrer Mutter gleiten und hüpfte aus dem Wagen.

Liv richtete noch einmal das Wort an Thomas Neublöhler. »Sie waren also als Einziger bei der Leiche. Haben Sie den Toten angefasst?«

»Nein. Ich habe Abstand gehalten. Es war schon von Weitem zu sehen, dass jede Hilfe zu spät kommt. Und sonst ist mir auch nichts aufgefallen.« Er blinzelte ein paarmal, als könne er so die Erinnerung an diesen Anblick verdrängen. »Gut nur, dass Lotte nicht begreift, was sie gesehen hat.«

Liv dankte den Eltern und erklärte ihnen, dass sie das Gesprächsprotokoll noch unterschreiben müssten. Sobald die Kriminaltechniker ihre Schuhabdrücke für einen Abgleich genommen hatten, könnten sie gehen.

»Du hast deine neue Puppe vergessen!«, rief Thomas Neublöhler seiner Tochter hinterher. Ratlos hielt er die Packung in den Händen, denn Lotte wollte sie nicht mehr.

Längs des Wäldchens hatten die Polizisten die Spurengasse, einen schmalen Pfad, zum Betreten freigegeben. Der Trampelpfad führte leicht bergan. Rechts von ihnen wies ein Pfosten mit einem aufgemalten weißen Hufeisen auf einen Reitweg hin, der überraschend steil in eine grüne Senke abfiel, wild und geheimnisvoll. Wenn man mit dem Auto vorbeifuhr, ahnte man nicht, dass es hier diese Höhenunterschiede gab. In der Nähe des Spurenpfads wurden Reifen und Fußabdrücke mit Spurenmarken versehen. Auf einer windgebeugten Fichte zankten Krähen. Ein Flugzeug zog unter ohrenbetäubendem Donnern über sie hinweg, es wurde von den Positionslichtern der Landebahn bereits erwartet. Zwischen der letzten Baumreihe und der Brachfläche vor dem Flughafen hatte die Polizei einen Sichtschutz errichtet. Mehrere Polizisten in Schutzkleidung mühten sich, einen Faltpavillon zum Spurenschutz aufzustellen, was wegen des Winds, der vielen Bäume und des unwegsamen Geländes schwierig war.

Soweit Liv erkennen konnte, hing die Leiche in einem abgestorbenen Baum. Der Ort war öffentlich und zugleich versteckt. Dass anscheinend niemand etwas beobachtet hatte und der Tote erst jetzt gemeldet worden war, musste dem gestrigen Sturm geschuldet sein, der nicht gerade zu einem Ausritt oder einem Besuch auf der Pferdekoppel eingeladen hatte.

Zwei Gestalten in weißen Tatort-Schutzanzügen machten sich an dem Toten zu schaffen. Die Anwesenheit des einen überraschte sie. Dafür gab es nur eine Erklärung.

»Ich wusste gar nicht, dass Sie auch Ferien auf Sylt machen, Doktor Gerlich«, sagte Liv.

Der Angesprochene drehte sich um. Das feingeschnittene Gesicht mit der runden Brille wurde eng von dem Overall umrahmt. Gerlich war nur wenig älter als Liv und ein absoluter Überflieger. Vielleicht gingen sie gerade deshalb so distanziert und professionell miteinander um – weil jeder von ihnen wusste, was es hieß, wegen des eigenen Alters nicht ernst genommen zu werden.

»Aber immerhin mit Notausrüstung im Gepäck. Allzeit bereit. Ich halte mich allerdings zurück. Das K6 hat es ja nicht gerne, wenn ich vor der Spurensicherung an der Leiche hantiere.« Der Rechtsmediziner wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Tatsächlich waren die Schimpftiraden von Karlpeter Botersen-Evers, dem Leiter der Kriminaltechnik, über Fehlspuren und ihre Verursacher gefürchtet.

Liv hatte Handschuhe und einen Einwegüberzieher aus ihrem Auto mitgebracht und trat etwas näher heran. Aus sicherer Entfernung nahm sie den Leichenfundort in sich auf.

Sogleich führte die Brutalität der Tat dazu, dass ihr Magen sich verknotete. Nackt und geschunden hing die Leiche des Mannes an dem Baumstamm. Der Tote war nicht übermäßig groß, vielleicht eins achtzig, wirkte aber durchtrainiert. Durch den nach hinten und zur Seite gebundenen, leicht erhobenen Arm und den vornübergesackten Kopf hatte der Körper etwas von einer Jesus-Figur. Der andere Arm hing herunter, die Hand war blutrot. Beim genaueren Hinschauen erkannte Liv, dass Haut und Fleisch am Daumen bis auf den Knochen heruntergerissen waren. Sie stellte sich vor, wie der Mann verzweifelt versucht hatte, sich zu befreien – die Schmerzen mussten grauenvoll gewesen sein. Dazu kamen rote Flecken unter den Achseln, rote Aufschürfungen an den Hacken – vermutlich war er geschleift worden – und ausgefranste Wunden am Oberkörper. An der anderen Hand waren die Fingerspitzen wegen der Daktyloskopie geschwärzt. Und dann war da die Schrift. Auf seine Brust war in krakeligen schwarzen Buchstaben »schuldig« geschrieben. Dem Täter war es offenbar wichtig gewesen, eine eindeutige Botschaft zu hinterlassen. Aber schuldig woran? Worauf wollte der Täter sie, worauf wollte er die ganze Welt hinweisen? Hatte er einen weiteren Hinweis hinterlassen?

Ihr Blick glitt an der Leiche hinunter. Stockte. Wanderte irritiert zurück. Was war das am Geschlechtsteil des Toten? Liv beugte sich vor, konnte es aber nicht genau sehen. Vielleicht wollte ihr Verstand auch nicht wahrhaben, was ihre Augen zu erkennen meinten.

»Ein Vorhängeschloss. Der Täter hat es ihm um die Hoden geklemmt«, sagte Sebastian Gerlich trocken.

Nur mit einiger Anstrengung gelang es Liv, die Übelkeit, die sich ihrer bemächtigte, zu unterdrücken.

»Post mortem, hoffe ich.«

»Das lässt sich noch nicht abschließend sagen.«

Liv spürte, dass sie eine kurze Verschnaufpause brauchte, um sich zu sammeln. Sie sah in die Ferne, schaute über Krüppelkiefern und Holunderbüsche. An einem weiteren Baum baumelte ein alter Autoreifen; eine Kinderschaukel, in die irgendjemand Müll gestopft hatte.

Ihre Gedanken rasten. Wie kam jemand auf so eine Idee mit dem Schloss? Eine solche Signatur, also die persönliche Handschrift des Täters, könnte auf ein Beziehungsdelikt hinweisen. War der Mord vielleicht der Racheakt einer betrogenen Ehefrau? Hatte der Tote eine Geliebte gehabt, und deren Ehemann hatte sich gerächt? Intensive Recherchen im familiären Umfeld des Toten standen an.

Sebastian Gerlich begutachtete den Oberkörper.

»Stichverletzungen. Ein spitzer und ein stumpfer Wundwinkel, was auf ein einschneidiges Messer hindeutet. Allerdings wurden etliche Wunden vermutlich von den Krähen oder Möwen vergrößert. Auch der Regen, der zwischenzeitlich immer wieder eingesetzt hat, dürfte Spuren zerstört haben«, sagte er. »Der Tote hängt hier schon mehrere Stunden. Körpertemperatur, Leichenstarre und Leichenflecken nach zu urteilen, ist der Tod vermutlich in der Nacht eingetreten.«

Liv wunderte sich über die Auskunftsfreude. »Wissen Sie, ob die Waffe, die diese Verletzungen verursacht hat, gefunden wurde?«

»Meiner Kenntnis nach bislang nicht«, murmelte Gerlich. »Aber wie gesagt: Ich halte mich zurück, bis das K6 endlich da ist und die Leiche für mich freigibt.«

Liv beugte sich hinunter, um das Gesicht des Toten besser erkennen zu können. Etwa vierzig, bärtig, huckelige Nase, die eher nicht vom Schönheitschirurgen, sondern von Fäusten geformt worden war. Derartige Verletzungen konnten aber natürlich auch eine ganz harmlose Ursache haben.

»Etwas anderes dürfte Sie interessieren. Wir müssen allerdings Abstand halten, bis –«

»Schon klar.«

Gerlich ging auf dem schmalen markierten Pfad voran, der zu dem Hang neben dem Baum führte. Mit der Taschenlampe leuchtete er auf den Rücken des Toten. An einer verschatteten Stelle, die auf den ersten Blick nicht einsehbar war, erkannte Liv eine Tätowierung.

Bei dem Anblick durchschoss Liv Adrenalin. Unwillkürlich hielt sie die Luft an. »1%« hatte der Tätowierer in einer Raute in die Haut des Mordopfers gestanzt. War der Tote ein Onepercenter, ein gewaltbereites, gesetzloses Mitglied einer Rockergang? Allerdings kannte sie diese Zeichenkombination bislang nur als Aufnäher auf der Lederkutte.

Auch in Schleswig-Holstein waren die sogenannten Outlaw Motorcycle Gangs ein Problem, das in den vergangenen Jahren mühsam und nur mit hohem Polizeieinsatz eingedämmt worden war. Liv überlegte, ob und wann sie davon gehört hatte, dass MCs auch auf Sylt aktiv waren. Ja, stimmt – jetzt erinnerte sie sich wieder. Vor einigen Jahren war da dieser Skandal gewesen – das Bordell in der Westerländer Fußgängerzone. Dessen Investor hatte angeblich mit den Hells Angels in Verbindung gestanden. Glücklicherweise war dieses Vorhaben aber am Widerstand der damaligen Bürgermeisterin und der Anwohner gescheitert. So oder so musste dieser Mord nun unter einer vollkommen anderen Perspektive betrachtet und mit erhöhter Sensibilität gehandhabt werden.

Liv holte das Smartphone heraus, um ihre Chefin über diese neue Entwicklung zu informieren. »Ich möchte Sie bitten, die Existenz dieser Tätowierung nicht an die große Glocke zu hängen«, sagte sie vorher noch zu dem Rechtsmediziner.

Gerlich runzelte die Stirn, was in Kontrast zu seinem sonst so glatten, jungenhaften Gesicht stand. Aus der Nähe bestätigte sich, was Liv schon oft gedacht hatte: dass seine Brille anscheinend keine oder kaum Sehstärke besaß. Vermutlich trug er sie nur, um älter und seriöser zu wirken.

»Mir ist bekannt, dass Ihr Kollege Hennes nicht viel von mir hält, aber Sie sollten mich besser kennen«, sagte er.

»Ja, ich …«, begann sie verwirrt. »Entschuldigen Sie, so habe ich es nicht gemeint.«

»Natürlich sind mir die Bedeutungen der verschiedenen Gang-Tatoos bekannt. Allerdings wird das Onepercenter-Zeichen von diversen MCs verwendet, sodass es keinen Rückschluss zulässt, ob der Tote beispielsweise Mitglied der Hells Angels oder der Bandidos war«, erklärte er steif.

»Gut zu wissen«, versicherte Liv schnell. »Es ist nur so: Was Verbindungen zur Organisierten Kriminalität angeht, arbeiten wir nach dem Need-to-know-Prinzip. Natürlich brauchen Sie nichts zu verheimlichen, aber wir werden auch nicht unnötig erwähnen, dass wir in diese Richtung denken.«

Liv rief nun ihre Chefin an. Hasselbrecht würde sofort die für Rockerkriminalität zuständige Abteilung beim LKA informieren. Auch Hennes hatte sich gemeldet: Er und die Kollegen vom K6 hatten die Autoverladung in Niebüll erreicht.

Die Sylter Kommissarin Rabia fing Liv ab. Die Deutschsyrerin war mit Strickpulli, Schal und Kapuzenjacke trotz der Sonne, die inzwischen mit dem Herbstlaub spielte, dick eingepackt. »Gute Nachrichten. Die Datenbank hat einen Treffer ausgespuckt, wir konnten die Fingerabdrücke zuordnen: Der Tote ist René Höpen, genannt Rocco. Geboren 1977, vorbestraft wegen diverser Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, Förderung der Prostitution sowie wegen Rohheitsdelikten, wobei Körperverletzung sein Spezialgebiet zu sein schien. Saß ein wegen Steuerhinterziehung. Wir haben eine Anschrift in Westerland, unter der auch eine Frau gemeldet ist, eine gewisse Tamara Hartmack; Höpen ist laut Einwohnermeldeamt allerdings ledig. Die Eltern des Toten wohnen in Kiel«, berichtete sie und rieb die Hände aneinander.

Momke war hinzugetreten. »Außerdem haben wir mit den Mitarbeitern des Tierheims gesprochen. Niemandem ist etwas aufgefallen. Die waren aber auch gerade mit einem Kampfhund beschäftigt, der krank und herrenlos über die Straße irrte. Das arme Vieh hat wohl Giftköder gefressen.«

»Vielleicht war der Kampfhund das Tier, welches das Mädchen bei der Landung gesehen hat.« Liv überlegte laut weiter: »Der Tod ist vermutlich bereits in der letzten Nacht eingetreten. Warum war René Höpen hier? War er hier verabredet? Oder hat sein Mörder ihn hierhergebracht? Warum sollte er das getan haben?« Sie mussten mehr über den Toten und seine Gewohnheiten herausfinden, um die Chronik der Ereignisse rekonstruieren zu können. »Wir müssen die Familie benachrichtigen. Rabia, kannst du die Eltern anrufen? Dann fahren wir in der Zwischenzeit zu seiner Wohnung. Ich bitte jemanden vom KIT, zu uns zu stoßen.« Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass es gut war, bei der Übermittlung von Todesnachrichten einen Mitarbeiter des Kriseninterventionsteams dabeizuhaben.

»Willst du nicht warten, bis Hennes da ist?«, fragte Momke.

An der Absperrung waren immer mehr Schaulustige aufgetaucht. Viele hielten die Handys hoch. Sicher machte die Nachricht schon in den sozialen Medien die Runde. Die Presse würde nicht lange auf sich warten lassen, wenn sie nicht schon da war.

»Wir sollten sofort fahren.«

4

Katrevel, 14.15 Uhr

Die Männer schlurften in Gummistiefeln den Pfad hinunter. Friedrich war schwer beladen mit seinem Angelrucksack, den Klapphockern, Kugelgrill und der Kühltasche. Obgleich der Wind kühl war, schwitzte er schon jetzt. Jedes Jahr machten er und sein Bruder eine Angelreise. Dieses Mal hatte Hermann das Ziel aussuchen dürfen. Warum er sich ausgerechnet für Sylt entschieden hatte, erschloss sich Friedrich nicht. Von Hochseeangeln hielt er nichts, und Angelgewässer gab es hier kaum. Den gestrigen Sturm hatten sie in der Sauna ausgesessen. Auch heute schien es ungemütlich zu werden, aber wenigstens war es trocken. Friedrich machte einen großen Schritt über einen Haufen Schafscheiße. Flach und grün war hier alles, abgesehen vom Goldbraun des Schilfs, das in der Brise wippte. Darüber ein tiefblauer Himmel, der so weit war, dass er sich winzig vorkam.

»Beinahe Kaffeetied. Was für eine bescheuerte Zeit zum Angeln. Welcher Fisch soll denn jetzt beißen?«, sagte Friedrich mürrisch.

»Du bist doch nicht aus dem Quark gekommen. Wenn man bis mittags ratzt, kann man nicht mehr bei Sonnenaufgang angeln«, meinte Hermann, der lässig seine Angelrute über die Schulter gelegt hatte. Aus der Brusttasche seiner Jacke dudelte das Handy.

Keinen Schritt kann man machen, ohne beschallt zu werden, dachte Friedrich. »Wenn du schon wach warst, hättest du mich wecken oder die Angelkarten vom Angelshop im Edeka in Keitum holen können.«

»Hätte ich ja gemacht, wenn du deinen Fischereischein rausgelegt hättest. Aber auch das hast du verpennt.«

Genervt hielt Friedrich seinem Bruder die Kühltasche hin. »Nimm du mal, das Bier hängt sich an.«

Sein Bruder grinste. »Geht nicht. Du weißt doch, ich hab Rücken.«

Als der Binnensee vor ihnen auftauchte, ließen sie das Gekabbel. Der Katrevel war ein gesprungener Spiegel, über den die Wolkenbilder flogen. Wider Willen war Friedrich von dem ersten Eindruck angetan. So klein, wie er befürchtet hatte, war der Katrevel-See ja gar nicht. Allerdings entdeckte er auf der gegenüberliegenden Seite bereits weitere Angler; die hatten es richtig gemacht und waren früher aufgestanden. Die Brüder gingen auf Abstand; Friedrich wollte beim Angeln seine Ruhe haben.

Wenn er nicht gewusst hätte, dass es diesen See inmitten der Morsumer Wiesen gab, hätte er ihn nicht gefunden. Der Katrevel war kaum zu sehen, weil das Ufer dicht von Schilf und Büschen bewachsen war.

Eine freudige Erregung erfasste Friedrich. Im Angelshop war die Rede von Hecht, Zander, Barsch, Aal, Karpfen, Schleien und verschiedenen Weißfischarten gewesen, die sich im Katrevel tummelten, weshalb sie sich reichlich mit Maden und Tauwürmern als Köder eingedeckt hatten.

Ein einsamer Steg reckte sich ins Wasser hinein. Ein Schwarm Vögel stob auf und zog eine Schleife über den See. Nur leise konnte er ihre Rufe hören.

»Nun mach doch mal das Gedudel aus!«, fauchte Friedrich seinen Bruder an.

Es dauerte, bis Hermann die richtige Taste gefunden hatte. Endlich war Ruhe. Einen Augenblick nahmen die Brüder die Atmosphäre in sich auf.

»War doch keine so blöde Idee, hierherzufahren, was?«, meinte Hermann.

»Mal sehen.«

»Wenn uns der Katrevel nicht gefällt, können wir noch zum Siel. Der ist eine Art Flusslauf zwischen Tinnum und Morsum, achtzehn Kilometer lang, da werden wir ein schönes Plätzchen finden. Oder wir gehen an die Küste …«

»Zu viel Wind.«

»Wir könnten auch eine Angelfahrt machen.«

»Bin nicht seefest. Hier ist es schon gut.«

Sie suchten sich ein Plätzchen für ihr Lager. Als Erstes mussten die Haken ins Wasser, dann konnten sie es sich gemütlich machen. Das war ohnehin das Beste am Angeln, fand Friedrich. Nachdem er die Angel ausgeworfen hatte, plumpste er in seinen Klappstuhl, ließ eine Bierdose aufzischen und genoss den ersten Schluck. Herrlich ruhig und windgeschützt war es an diesem See, und das, wo einem auf dieser Insel sonst immer der Wind um die Ohren fegte. Obwohl ruhig? Friedrich lauschte konzentriert. Vogelpiepsen, Wasserglucksen, Schilfrascheln und …

»Hörst du das auch?«

»Was?

»Na, das Poltern.«

»Poltern? Du spinnst doch!«

»Hör doch mal.«

Hermann erstarrte, dann lachte er auf. »Du hast schon Ohrensausen. Ich mache gleich wieder die Musik an, dann wissen wir wenigstens, was wir hö–«

»Still!« Hatte er da eine Stimme gehört, zwischen dem Bollern? Friedrich erhob sich. Mit der Bierdose in der Hand ging er dem Geräusch nach.

»So ein Quatsch! Bleib hier!«

»Da schreit jemand!«

Nun kam Hermann ihm hinterher. Sie gingen schneller, folgten einem Feldweg, der hinter einem Dickicht verschwand. Etwas Dunkles tauchte zwischen den Ästen auf. Ein Auto, halb im Straßengraben. Die aufgewühlte Erde verriet, dass der Fahrer vom Weg abgekommen war und sich festgefahren hatte. Allerdings war niemand zu sehen.

»Hallo? Alles in Ordnung bei Ihnen?«, rief Friedrich auf gut Glück. Das Schreien wurde lauter.

Hermann legte den Kopf schief und lauschte. »Der Kofferraum! Da ist jemand eingesperrt!« Er rüttelte an der Kofferraumklappe. Wie zur Bestätigung hämmerte jemand von innen dagegen. Die Klappe rührte sich nicht.

Friedrich war schon bei der Fahrertür, sie war nicht abgeschlossen. Wo aber war der Fahrer? Hineinsetzen, tasten. »Der Schlüssel steckt!«

»Warte! Wer weiß, wer da im Kofferraum ist. Nachher greift er uns an«, rief Hermann.

»Du hast zu viele Horrorfilme gesehen«, meinte Friedrich und drückte den Knopf, um den Kofferraum zu öffnen.

Im gleichen Augenblick hörte Friedrich seinen Bruder schreien. Heiß durchfuhr es ihn. Sofort sprang er vom Fahrersitz. Hermann lag auf dem Boden und hielt sich die Hand auf das blutende Gesicht.

»Los, hinterher!«, rief er und zeigte auf eine Frau, die quer über die Felder rannte. Die Gummistiefel hingen schwer an Friedrichs Füßen, als er loslief. Die Frau bot einen seltsamen Anblick, denn sie trug eine halboffene Spitzencorsage und einen knappen Slip, sonst nichts.

5

Keitum, 14.30 Uhr

Die Kommissare trafen niemanden bei der Wohnung in Westerland an. Immerhin fanden sie heraus, dass es sich bei Tamara Hartmack um Höpens Verlobte handelte, die eine Boutique in Keitum besaß. Also fuhren sie dorthin. Momke missfiel die Vorstellung, eine Todesnachricht zu überbringen, das hatte er mehr als einmal zum Ausdruck gebracht. Die Freiwillige vom KIT würde etwas später eintreffen, aber Liv wollte nicht warten.

»Dieses Hin und Her hätten wir uns sparen können«, sagte Momke, als sie wieder die Polizeiwagen am Tierheim passierten.

»Hilft ja nichts. Die Wahrscheinlichkeit, dass Frau Hartmack durch Zufall erfährt, was ihrem Geliebten zugestoßen ist, ist zu groß.«

Sie umrundeten den Keitumer Kreisel halb und bogen in eine schmale Straße ein. Rosen auf Friesenwällen, pittoreske Häuser und knorrige Bäume säumten die Wege. In den Cafés, Boutiquen und Galerien herrschte viel Betrieb. Vor der Kleinen Teestube warteten Gäste auf einen freien Platz. Die Idylle des Inseldorfs mit seinen alten Kapitänshäusern unter dichtem Baumbestand passte so gar nicht zu der Aufgabe, die ihnen bevorstand.

Die Boutique befand sich in einem reetgedeckten weißen Friesenhaus, vor dem Kleidung auf einer Holzbank und Metallständern drapiert war. Obwohl der Sturm das Laub über Straßen und Gärten fegte und sicher niemand auf einen Plausch vorbeischauen würde, stand die obere Hälfte der Klöntür offen, und so traten sie ein. Eine geschmackvoll gekleidete Dame – das musste Tamara Hartmack sein – beriet gerade ein Paar. Die Frau probierte verschiedene Designerkleider an, konnte sich aber nicht entscheiden. Während sie warteten, beobachtete Liv Tamara Hartmack unauffällig. Ein enger Kashmirpulli mit V-Ausschnitt brachte ihr Dekolleté dezent zur Geltung, der Bleistiftrock und die Pumps ließen ihre Beine sehr lang erscheinen. Die Fingernägel waren sorgfältig manikürt, das Make-up perfekt, aber als sie genauer hinsah, erkannte Liv die Fältchen. Vierzig war die Frau bestimmt.

Momke stöberte unruhig in einem Regal. Ein Bikini weckte sein Interesse. »Der wäre was für Ioanna«, meinte er. Als er das Preisschild betrachtete, wurde er blass. »Oder vielleicht auch nicht.«

Liv zog beim Anblick der dreistelligen Zahl die Augenbraue hoch. »Viel Geld für wenig Stoff. Dafür könnten wir eine ganze Woche Urlaub machen.«

»Mindestens.«

Endlich bezahlten die Kunden, sie hatten gleich alle drei Kleider genommen.

Liv ging mit Momke zu der Boutiquebesitzerin. Sie fühlte sich unwohl bei der Sache. Die Situation erschien ihr unpassend; andererseits gab es keinen günstigen Moment, um eine Nachricht zu überbringen, die das Leben eines Menschen in einen Scherbenhaufen verwandeln würde.

»Sie interessieren sich für Bademoden?«, fragte Tamara Hartmack mit einem gewinnenden Lächeln.

»Sind Sie Tamara Hartmack?«, versicherte Liv sich.

»Das steht in meiner Geburtsurkunde. Worum geht es?«

Liv zeigte ihre Marke. »Um René Höpen. Darf ich fragen, was für ein Verhältnis Sie zu ihm haben?«

Der Blick der Frau wanderte zur Tür. Kamen neue Kunden? »Rocco ist mein Verlobter«, bestätigte sie. »Warum wollen Sie das wissen? Ist er etwa tot?«, fragte sie mit einem spöttischen Unterton. Als die Kommissare nicht gleich antworteten, gewitterte Unglauben über das Gesicht der Frau. »Er ist wirklich tot?«

»Wir müssen Ihnen die traurige Mitteilung machen, dass René tot aufgefunden wurde«, sagte Liv förmlich.

In Tamara Hartmacks Gesicht zuckte es. Die Stimmen von draußen wurden lauter. »Möchten Sie, dass wir das Geschäft schließen?«, fragte Liv.

»Ja. Bitte.« Jedes Wort schien Tamara Hartmack unendliche Kraft zu kosten. Momke vertröstete die Kunden, schloss die Klöntür ganz und hängte das »Closed«-Schild vor.

Wie betäubt ging Tamara Hartmack zu einem Sessel. Sie setzte sich auf die Kante, den Rücken durchgedrückt, die Gesichtszüge starr.

»Wie ist Rocco gestorben?«, fragte sie mit brüchiger Stimme.

»Das dürfen wir Ihnen leider noch nicht sagen«, sagte Momke.

Die Frau funkelte ihn an. »Aber Sie sind hier. Mordkommission und Kripo Sylt, sagten Sie. Er wurde also ermordet?«

»Davon müssen wir ausgehen. Warum haben Sie sofort gefragt, ob er tot ist? Gab es einen Grund zu befürchten, dass er sterben würde? Wurde René bedroht?« Liv holte ein kleines Schulheft aus ihrer Tasche, um sich Notizen zu machen.

Jemand klopfte an die Tür. Als sie nicht öffneten, blickte eine Frau durch das Fenster hinein und hielt ein Kleidungsstück hoch. »Haben Sie diesen Kaschmirschal auch noch in Taupe?«, rief sie.

Tamara Hartmack strich über ihre Augenlider, als sei sie auf einmal sehr müde. Liv wollte die Kundin schon abwimmeln, aber da erhob sich die Boutiquebesitzerin, kramte etwas aus einer Kiste, brachte der Frau den maulwurfsgrauen Schal, nahm das Geld, raffte die Kleidung draußen von der Auslage und ließ sich erneut auf den Sessel fallen. Jetzt bebten ihre Hände. Sie war sehr blass.

»Sollen wir Sie nach Hause bringen?«, fragte Liv. Die Frau nickte. »Gibt es jemanden, den wir anrufen können, damit er Ihnen beisteht? Ein Seelsorger ist schon unterwegs.« Die Kommissare erhielten keine Antwort mehr.

Stumm fuhren sie in die Doktor-Nicolas-Straße nach Westerland zurück. Der Fahrstuhl ruckelte bis unters Dach. Sie folgten einer halb offenen Galerie zu einer Wohnung, vor der die Ehrenamtliche vom Kriseninterventionsteam schon wartete. Tamara Hartmack wirkte, als sei sie in den letzten Minuten um Jahre gealtert.

»Ich weiß sehr zu schätzen, dass Sie alle zu mir gekommen sind. Aber ich möchte jetzt allein sein«, sagte sie.

»Das respektieren wir natürlich. Wir möchten Ihnen vorher aber noch einige Fragen über René stellen«, entgegnete Liv.

»Verstehen Sie nicht – Sie sollen gehen!«, wiederholte die Frau, diesmal mit mehr Nachdruck.

Liv sah sie beruhigend an. »Renés Tod geht Ihnen nahe, das ist nur allzu verständlich. Aber Sie möchten doch sicher auch, dass die Polizei herausfindet, was Ihrem Verlobten zugestoßen ist. Ihre Angaben könnten uns bei unseren Ermittlungen entscheidend weiterhelfen«, sagte sie. »Wir können dieses Gespräch gerne zu einem späteren Zeitpunkt im Revier fortsetzen. Aber es wäre wirklich sehr hilfreich, wenn Sie uns jetzt wenigstens erzählen würden, was Sie über Renés letzte Stunden wissen. Zudem müssen wir natürlich seinen Kalender, seinen Computer und weitere persönliche Informationen sichern.«

Wie betäubt nickte Tamara Hartmack. Sie ging voraus. Die Fensterfront der Penthouse-Wohnung öffnete sich zur Nordsee hin. So hässlich dieses Hochhaus auch war, die Aussicht über das Meer war herrlich. Liv hatte das Gefühl, unendlich weit sehen zu können. Sie entdeckte die Schemen des Windparks, der trotz aller ökologischen Korrektheit ein Anschlag auf die Schönheit dieser Landschaft war. In der Ferne zog ein Kutter einen Schwarm Möwen hinter sich her. Inzwischen waren mehr Wellenreiter als Windsurfer unterwegs, kleine Ovale in der Weite der Nordsee. Hier muss man wunderbare Sonnenuntergänge genießen können, dachte sie.

Im Wohnzimmer war beinahe alles aseptisch weiß, bis auf den Hometrainer, der an der Fensterfront stand, eine Leinwand mit einer karibischen Landschaft und einen Hundekäfig.

Aus einem Gucci-Täschchen holte Tamara Hartmack eine Schachtel Zigaretten und eine Zigarettenspitze aus Elfenbein. Lange Zeit rührten sich in dem Zimmer nur der Rauch, der in feinen Kräuseln aufstieg, und die Asche, die auf den hellen Teppich fiel.

»Erzählen Sie uns, was René gestern vorhatte, wie er den Tag verbracht hat«, versuchte Liv, sie zum Reden zu bringen.

Die Frau befeuchtete die Fingerspitze und nahm die Asche auf. Weil sie so sehr zitterte, fiel diese immer wieder auf den Teppich und zerbröselte weiter. Schließlich rubbelte Tamara Hartmack unwirsch über die Aschereste, sodass diese sich als grauer Schleier auf den Flor legten.

»Rocco war wie immer in der Bar«, sagte sie unvermittelt.

»In der Bar?«

»Die Funky Bar ist hier um die Ecke. Es ist eine exklusive Tabledance-Bar. Er leitet … leitete die Geschäfte.«

Liv spürte, wie sich ihr Körper anspannte. Auch wenn sie sich um Neutralität und Unvoreingenommenheit bemühte, zog ihr Gehirn doch Rückschlüsse, und ohne dass sie es wollte, wallte alte Wut in ihr auf. Tabledance- und Stripbars gehörten zum Kerngeschäft der Organisierten Kriminalität. Rocker, Gewalt gegen Frauen, Prostitution …

Liv atmete langsam aus, um sich zur Ruhe zu bringen. Bislang waren das nur wilde Spekulationen. Sie durfte nicht vergessen, dass René Höpen das Opfer war. Er war es, der grausam ermordet worden war.

»Haben Sie sich nicht gefragt, warum René nicht nach Hause gekommen ist?«

»Rocco blieb oft nachts weg, das bringt … brachte sein Job mit sich.«

»Wo waren Sie gestern Abend?«, fragte Momke.

»Fragen Sie etwa wegen meines Alibis? Ich habe Rocco nicht umgebracht! Wir haben uns geliebt.« Tamara Hartmack schüttelte fassungslos den Kopf. »Ich war mit einer Freundin zum Essen verabredet.«

Liv notierte den Namen der Freundin und des Restaurants. »Wie lange kennen Sie René schon?«

»Ich habe ihn hier auf Sylt kennengelernt.«

»Wussten Sie, dass René im Gefängnis war?«

»Rocco hat kein Geheimnis daraus gemacht. Er war ein großartiger Mann, gradlinig und mutig. Ein richtiger Kerl, kein Softi, das war alles, was für mich zählte. Hier haben wir gelebt, hier haben wir unsere Zukunft geplant. Was früher bei ihm los war, interessiert mich nicht.«

»Wissen Sie, was seine Tätowierung bedeutet?«, forschte Liv nach.

»Nein.« Entschieden drückte Tamara die angerauchte Zigarette aus und machte einige Schritte auf die Tür zu. »Gehen Sie endlich! Wenn ich Beistand brauche, melde ich mich. Aber jetzt möchte ich allein sein.«

Die Kommissare und auch die Freiwillige des KIT erhoben sich. Livs Blick fiel auf den Käfig, und sie fragte danach.

»Der Käfig ist für Renés Hund. Ein Dogo Canario, also eine Kanarische Dogge – haben Sie ihn denn nicht gefunden?«, fragte Tamara Hartmack verwirrt.

»Möglicherweise schon.« Die Kommissare ließen sich ein Foto zeigen. Liv fotografierte es ab und schickte es Rabia. Womöglich handelte es sich um den Kampfhund, der im Tierheim aufgegriffen worden war.

»Sollen wir jemanden anrufen, der Ihnen zur Seite stehen kann?«, fragte sie zum Abschluss.

»Ich werde meiner Freundin Bescheid geben. Das schaffe ich allein.«

An der Tür wandte Liv sich noch einmal um. Eine Böe fuhr in die Galerie und zerrte an ihren Haaren. »Eines noch: Hatte René ein Auto?«, wollte sie wissen.

»Einen Audi A8, neben seiner Fatboy sein ganzer Stolz. Warum?«

Der Fahrstuhl streikte. Liv rannte hinunter, teilweise zwei Stufen auf einmal nehmend, während sie ihren Kollegen das Autokennzeichen simste. Sie konnte es kaum erwarten, das Haus zu verlassen, um gefahrlos mit ihrer Chefin sprechen zu können. Auch wenn noch nicht feststand, dass der Mord mit Organisierter Kriminalität in Verbindung stand, sollten sie vorsichtig sein. Die Erfahrung hatte gezeigt, dass Vertreter der OK ihre Ohren überall haben konnten.

Auf der Straße, im Windschatten des Hochhauses, machte Liv sich weitere Gesprächsnotizen und rief dann die K1-Leiterin an. »Wir fahren sofort in die Funky Bar, um Befragungen vorzunehmen. Falls es Überwachungskameras gibt, würden wir die Aufnahmen beschlagnahmen«, kündigte Liv an.