Blutige Spuren - Frank Sprank - E-Book

Blutige Spuren E-Book

Frank Sprank

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Beschreibung

Der Winter, der die Eifel in den ersten Tagen des Jahres 1979 heimsucht, ist einer der härtesten seit langer Zeit. Und während die Landschaft in weißen Schneemassen versinkt, taucht in der Nordeifel eine grausam entstellte Männerleiche auf. Die zuständigen Ermittler Kurt Geringer und Guido Kramer aus dem Aachener Polizeikommissariat stehen vor einem Rätsel: Der Tote weist Wundmale auf, die auf ein in der Gegend seit über einhundert Jahren ausgerottetes Raubtier hindeuten. Als eine zweite Leiche in der Nähe des Eifelorts Vossenack gefunden wird, überschlagen sich die Ereignisse.

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Seitenzahl: 241

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Frank Sprank

Eifelkrimi

Impressum

1. Auflage 2024

© Eifeler Literaturverlag

In der Verlagsgruppe Mainz

Alle Rechte vorbehalten

Printed in Germany

Eifeler Literaturverlag

Verlagsgruppe Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

www.eifeler-literaturverlag.de

Gestaltung, Druck und Vertrieb:

Druck & Verlagshaus Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

www.verlag-mainz.de

Umschlaggestaltung:Dietrich Betcher

Druckbuch:

ISBN-10: 3-96123-096-X

ISBN-13: 978-3-96123-096-9

E-Book:

ISBN-10: 3-96123-096-X

ISBN-13: 978-3-96123-096-9

Der Mensch ist im Grunde ein wildes, entsetzliches Tier. Wir kennen es bloß im Zustand der Bändigung und Zähmung.

Arthur Schopenhauer

Für Nici

1

Februar 1979, Moorgebiet der

Nordeifel

Der einsame Wanderer irrte durch das schneebedeckte Moorgebiet der Nordeifel. Vor ihm erstreckte sich ein schier endlos weißer Teppich. Der Mann atmete dünne Wölkchen aus. Der tiefe Schnee knirschte unter seinen schweren Stiefeln. Seine Augen irrten nervös umher und er versuchte sich zu orientieren, doch am Horizont zeichnete sich nur eine endlose, weiße Linie ab, die lediglich durch vereinzelte Birkenreihen unterbrochen wurde. Er stoppte und starrte in den weißgrauen, dichten Himmel. Schneeflocken sammelten sich auf seinen Schultern, seine Wangen waren eiskalt und ein scharfer Wind traf sein Gesicht. Langsam begann sich die Dunkelheit wie ein unheilvoller Schatten über die Landschaft zu legen. Der Wanderer fluchte laut vor sich hin. Er wusste, dass er einen schweren Fehler begangen hatte, als er die Holzstege verlassen hatte, die sich geradlinig durch das Moor schnitten. Seine Annahme, den Weg dadurch abzukürzen, hatte sich als Trugschluss erwiesen. Die mahnenden Schilder, die die Wanderer in dem weitläufigen Moorgebiet warnten, die Holzüberwege nicht zu verlassen, hatte er achtlos ignoriert. Dieser Leichtsinn sollte ihn jetzt teuer zu stehen kommen.

Fieberhaft riss er seinen Kopf hin und her, doch so sehr er sich auch anstrengte, konnte er die rettenden Stege nirgends wiederentdecken. Sein Herz pochte wild. Ihm wurde schmerzlich bewusst, dass er in der Dunkelheit kaum eine Chance hatte, aus diesem Moorgebiet herauszufinden. Seine Hände waren taub und die Finger kribbelten, als würden unzählige Nadelstiche ihn peinigen. Die Kälte kroch seinen Körper empor und ließ ihn unkontrolliert zittern. Der schauerliche Gedanke, in dieser Schneewüste zu erfrieren, raubte ihm fast den Atem. Panik überkam den Mann, als er versuchte, die aufkeimende Verzweiflung unter Kontrolle zu halten. Abermals richtete er seinen Blick in das Weiß vor ihm, doch die Dämmerung schritt unaufhaltsam über den menschenleeren Landstrich voran und raubte dem Tag das Licht. Der Wanderer jammerte weinerlich. Was soll ich tun? Was kann ich tun?

Er wischte sich die kalten Tränen von den Wangen und stapfte ohne Ziel und Orientierung immer weiter durch den tiefen Schnee. Als er schließlich eine Hochebene erreicht hatte, stoppte er und beugte erschöpft den Oberköper zu seinen Knien. Er war völlig ausgelaugt, trotz der eisigen Kälte schwitzte er unter seiner Winterjacke. Schweiß rann seinen Rücken herunter, sodass sein Unterhemd an der Haut klebte. Er atmete wild ein und aus. Die eisige Luft stach in seine Lungen. Für einige Minuten verharrte er in der gebückten Haltung, während sich in seinen Gedanken Hoffnungslosigkeit manifestierte. Ich werde hier draußen erfrieren. Niemand wird mich in diesem gottverlassenen Landstrich retten. Niemand weiß, dass ich überhaupt hier bin.

Erneut warf er seinen Blick nach rechts und nach links. Die Finsternis hatte die weiße Landschaft mittlerweile fast vollständig eingehüllt. Dem Wanderer bot sich nur noch wenige Meter vor ihm ein Sichtfeld, dahinter verschwamm alles in einem verschleiernden, finsteren Nebel.

Der Schneefall nahm ab und nur noch vereinzelte Flocken verirrten sich auf seine Jacke. Der Mann zog die Kapuze nach hinten und starrte ziellos in die finstere Winterlandschaft. Er war am Rande der Verzweiflung. Er musste einsehen, dass er sich verlaufen hatte. und dass er ohne Hilfe niemals den rettenden Zufahrtsweg finden würde, der ihn aus dem Moor führte.

Diese erschütternde Selbsterkenntnis ließ ihn erneut in Lethargie verfallen. Minutenlang stand er verloren in der Schneewüste und kämpfte mit den Tränen. Auf einmal schrie er wie von Sinnen um Hilfe. Immer wieder und wieder brüllte er verzweifelt, doch der Schnee dämpfte seine Rufe und ließ den Schall seiner Stimme nahezu verklingen. Der Mann war völlig aufgelöst und ließ sich auf die Knie fallen, die sich tief in den Schnee drückten. Seine Augen füllten sich erneut mit Tränen, die in den weißen Teppich tropften. Gedankenverloren schüttelte er immer wieder den Kopf und schimpfte über seinen Leichtsinn, der ihn das Leben kosten würde. Minuten später verstummte er, während sich sein Gehirn mit einer teilnahmslosen Leere füllte.

Plötzlich horchte er auf und riss seinen Kopf nach hinten. Was ist das für ein Geräusch gewesen? Der Wanderer richtete sich auf und drehte sich um. Er starrte in die Dunkelheit, konnte aber nichts Ungewöhnliches erkennen. Spielen mir meine Sinne einen Streich?

Doch dann hörte er erneut die seltsamen Geräusche. Wie versteinert fiel sein Blick in die Richtung, aus der er glaubte, die Laute vernommen zu haben. Was zum Teufel ist das?

Erneut lauschte er in das Dunkel vor ihm, dann glaubte er zu wissen, was es war. Ein tiefes Knurren drang zu ihm, das bedrohlich näherkam. Instinktiv bewegten sich seine Beine und er wich einige Meter zurück. Seine Gedanken überschlugen sich. Sein Verstand rebellierte gegen die Vorstellung von dem, was ihn dort aus der Dunkelheit belauerte. Die bedrohlichen Geräusche drangen immer näher zu ihm und unweigerlich formte sich ein Bild in seinem Hirn. Ein gefährlicher Hund, dachte er und versuchte, aufkeimende Panik zu unterdrücken. Unvermittelt verstummten die Laute, so als hätte er sich das alles nur eingebildet. Doch nur wenige Sekunden später hörte er, wie sich langsam etwas durch den tiefen Schnee auf ihn zu bewegte. Ein unkontrolliertes Zittern erfasste den Mann. Sein Herz schlug ihm fast bis zum Hals, ein kalter Schauer huschte über seinen Rücken und seine Nackenhaare richteten sich auf. Er stierte starr in die Finsternis vor ihm. Sein Körper war wie gelähmt.

Alle fremden Geräusche verstummten und nur sein schwerer Atem war zu hören. Eine gespenstische Kulisse umrahmte den Mann, der auf freiem Feld stand und in Angsttrance den Schleicher in der Finsternis fixierte.

Die dichte Wolkendecke riss für einem Moment auf und der silberne Vollmond warf ein fahles Licht auf die schneebedeckte Moorlandschaft – dann sah er es.

Der Wanderer war geschockt und fassungslos zugleich, als er für einen Augenblick die schattenhaften Umrisse eines Wesens erkannte, das sich nur wenige Meter vor ihm aufgebaut hatte. Binnen Sekunden setzte der wilde Fluchtinstinkt ein. Er wandte sich ab und rannte in Panik durch den hohen Schnee. Immer weiter und weiter preschte er über die Moorebene, doch die Schneehöhe verlangsamte seine Flucht und jeder Schritt war anstrengend und kräftezehrend. Der Flüchtende wandte seinen Kopf schnell zurück, um zu prüfen, ob er noch verfolgt wurde, und so bemerkte er den umgestürzten und mit Schnee bedeckten Baumstamm einer Birke nicht, der seinen Weg kreuzte. Er stolperte und verlor augenblicklich das Gleichgewicht, stürzte eine Bodensenke hinab, überschlug sich und fiel bäuchlings in den Schnee. Wild atmend und das Herz schwer gegen seinen Brustkorb hämmernd stemmte er seine behandschuhten Hände in den Schnee. Er versuchte sich aufzurichten, als er mit einem Mal eine bedrohliche Nähe hinter sich spürte. Er schluckt schwer, kalter Angstschweiß trat auf seine Stirn. Für einen Momernt schloss er die Augen und erwartet augenblicklich eine Attacke – aber nichts geschah.

Der Flüchtende fasste all seinen Mut zusammen, ging auf die Knie, ballte seine Fäuste und drehte den Kopf. Doch was er oben am Rand der Erhebung erblickte, ließ ihn am ganzen Körper erbeben. Er starrte entsetzt in die boshafte Fratze eines entsetzlichen Wesens.

Binnen Sekunden stürzte sich der Angreifer die Erhebung hinunter. Der Mann drehte sich um und versuchte, in Todespanik aufzustehen, doch es war zu spät. Das Wesen hatte sein Opfer bereits erreicht und rammte ihm unbarmherzig die blutrünstigen Zähne in den Nacken. Der Mann schrie gequält auf, während er hin und her geschleudert wurde. Warmes Blut schwappte aus der tiefen Bisswunde und färbte das Innenfutter der Kapuze dunkelrot. Der Schmerz war unerträglich und brannte wie Feuer. Der Angegriffene versuchte, sich aus dem tödlichen Griff zu lösen und warf seine Arme nach hinten, um den Angreifer zu packen, aber er griff ins Leere. Das brutale Wesen ließ von seinem Opfer ab und die Fangzähne lösten sich schmatzend aus dem Fleisch.

Der Wanderer befand sich wegen der wild pochenden Wunde am Rande der Bewusstlosigkeit, doch sein Überlebenswille war stärker und er begann, sich aufzurappeln. Dann nahm er einen widerwärtigen Geruch wahr. Es roch faulig und modrig. Er blickte hoch und erkannte ein enganliegendes, schwarzes Fell. Bevor er schreien konnte, bohrten sich messerscharfe Zähne in seinen Hals. Das Opfer japste nach Luft, Sekunden später wurde seine Kehle mit brachialer Gewalt herausgerissen. Ein nicht enden wollender Blutschwall schoss aus seiner Gurgel. Der gepeinigte Körper fiel in den weichen Schnee, der sich um den Torso herum dreckig blutrot färbte. Das Schlachtopfer zuckte noch kurz, als messerscharfe Klauen immer und immer wieder in den Körper schlugen. Als der Blutrausch verebbte, ließ das Wesen von seinem Opfer ab und verschwand in der eisigen Dunkelheit, aus der es gekommen war.

Die Wolkendecke schloss sich wieder und Schneefall setzte ein. Schon bald würde die grauenhafte Szenerie unter einer schützenden weißen Decke begraben sein.

2

Aachen, Polizeipräsidium

Hauptkommissar Kurt Geringer blickte gedankenverloren aus dem hohen Fenster seines Dienstbüros im Polizeipräsidium Aachen. Das 1910 erbaute dreistöckige Eckgebäude im Jugendstil, befand sich in der Karmeliterstraße. Das Dienstzimmer war spartanisch eingerichtet, auf dem Schreibtisch türmten sich Akten. Milder Tabakgeruch kroch durch die Luft.

Er beobachtet einige Kinder, die auf dem Bürgersteig einen Schneemann formten, während er genüsslich an seiner Tabakpfeife paffte. In Aachen und der Eifel hatte es so heftig geschneit wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Starke Winde hatten zu Schneeverwehungen geführt, sodass der Straßenverkehr zeitweise zum Erliegen gekommen war. Der Westen der Bundesrepublik war in eisige Kälte gehüllt.

Geringer war vierundfünfzig Jahre alt, mittelgroß untersetzt und Leiter der Mordkommission. Seine graumelierten Haare wuchsen wild auf seinem Haupt und eine hässliche Narbe zierte seine linke Wange. Sie war ein Andenken aus dem Krieg, in dem er für ein verräterisches System hatte kämpfen müssen, das ihm für immer seine Unschuld genommen hatte. Seine Laufbahn im Polizeidienst hatte er 1949 aufgenommen, kurz nachdem die junge Bundesrepublik Deutschland das Grundgesetz verkündet hatte.

Es klopfte an der Tür zu seinem Büro. Der Hauptkommissar löste sich aus seinen Gedanken, nahm die Pfeife aus dem Mundwinkel und drehte sich um. »Herein!«

Zaghaft streckte sich ein blasses Gesicht durch den Türspalt. »Entschuldigen Sie, Herr Hauptkommissar, darf ich Sie kurz stören?«

»Ja, ja … kommen Sie schon rein«, gab Geringer leicht genervt zurück.

Sein Assistent, Polizeikommissar Guido Kramer, trat in den Raum und schloss die Tür hinter sich. Er war ein schlaksiger Kerl, mit einer spitzen, langen Nase und hellblonden Haaren.

»Was gibt es, Kramer?«

»Wir haben eben einen Anruf von der Wache aus Monschau erhalten. Ein Förster hat eine Leiche in einem Moorgebiet in der Eifel entdeckt.«

Der Hauptkommissar fixierte seinen Assistenten. »Und weiter?«

»Nun ja«, druckste Kramer herum. »Da gibt es etwas, was die Kollegen sich nicht erklären können.«

Der Hauptkommissar hob die Brauen und sah seinen Kollegen fragend an. »Was können Sie sich nicht erklären?«

»Nun, ja … es sind die schrecklichen Wunden, die man der Leiche zugefügt hat.«

»Was für Wunden? Sprechen Sie doch nicht andauernd in Rätseln!«, gab Geringer mürrisch zurück.

Kramer schluckte. »Polizeiobermeister Schank von der Wache Monschau sagte mir, dass es sich um fürchterliche Bisswunden eines Tieres handelt.«

Geringer stemmte die Hände in die Hüfte. »Tödliche Bisswunden? Welches Tier in der Eifel greift Menschen an und tötet sie?«, gab er irritiert zurück.

»Ja, das habe ich auch erwidert, aber der Beamte blieb felsenfest bei seiner Behauptung, zumal der Förster bestätigte, dass der Angreifer ein Tier gewesen sein muss. Sie haben den Tatort im Moor bereits abgeriegelt und bitten um Ihre Hilfe.«

»Was ist mit Spuren? Gibt es irgendwelche Pfotenabdrücke?«

»Bislang hat man keine gefunden. Der Schnee scheint alles überdeckt zu haben. Der Hund des Försters schlug an, als er die Leiche gewittert hat, die unter einer Schneedecke begraben war. Das Opfer wäre sonst wohl niemals so schnell entdeckt worden.«

Kurt Geringer schüttelte mit dem Kopf. »Das ist doch völlig absurd, aber falls doch, dann braucht man nicht unsere Hilfe, sondern die eines Jägers!«

Kramer antwortete nicht sofort. Er starrte seinen Vorgesetzten nur an, während er sich auf die Unterlippe biss. Der Hauptkommissar bemerkte die Unsicherheit. »Kramer … was verschweigen Sie mir noch?«

Der Assistent räusperte sich. »Dem Opfer wurde auf schreckliche Art und Weise der Kehlkopf herausgerissen.«

Für einen Augenblick herrschte Stille. Geringer musterte ihn. »Das Tier hat den Kehlkopf des Opfers herausgerissen?«

»Nun ja, das ist auch der Grund, warum die Kollegen uns um Hilfe bitten. Der Förster behauptet, dass eine solche Wunde unmöglich von einem heimischen Tier stammen kann.« Geringer kniff die Augen zusammen. »Herr Hauptkommissar, haben Sie mich verstanden?«

Schweigen.

»Herr Haupt …«

»Ja, schon gut. Ich habe Sie verstanden. Wurde die Gerichtsmedizin informiert?«

»Ja, Doktor Jacobs ist wohl schon auf dem Weg zum Tatort.«

»Ah, Werner Jacobs, die Koryphäe der forensischen Medizin. Hat sicher Blut geleckt, wenn er sich schon höchstpersönlich auf den Weg macht«, merkte Geringer spöttisch an.

Kramer antwortete nicht, sondern zuckte lediglich mit den Schultern.

»Was ist mit der Spurensicherung?«

»Wurde bereits informiert und ist ebenfalls bereits auf den Weg zum Tatort.«

»Hört sich alles sehr merkwürdig an, finden Sie nicht auch?«, fragte Geringer

Kramer schaute verdutzt. »Nun, bislang kann ich mir auch keinen Reim auf die ganze Sache machen.«

Der Hauptkommissar steckte die Tabakpfeife in den Mundwinkel und paffte einige Züge. Blauer Dunst waberte im Raum und ein würziges Aroma verteilte sich.

»Ich bin neugierig geworden. Hören wir mal, was der Doktor zu berichten hat«, sagte Geringer, schnappte sich seinen Mantel und steuerte auf den Ausgang zu. »Na, was ist, kommen Sie nicht mit?«

»Natürlich!«, gab Kramer irritiert zurück.

Die beiden Polizisten betraten den Innenhof des Polizeipräsidiums. Die Schneemassen waren beiseite geräumt und die weiße Pracht war zu einer meterhohen Mauer aufgetürmt worden. Dutzende Streifen- und Dienstwagen parkten auf dem Hof, einige waren komplett zugeschneit und bildeten abstrakte weiße Gebilde.

Guido Kramer steuerte auf einen dunkelbraunen Opel Rekord zu, der unter einem Wellblechdach stand und vom Schneefall geschützt war.

»Ich hoffe, die Straßen in der Eifel sind freigeräumt, sonst werden wir große Schwierigkeiten haben, an den Tatort zu gelangen«, meinte Kurt Geringer skeptisch.

Guido Kramer nickte, während er die Autotür aufschloss, sich hineinbeugte und den Türknopf der Beifahrertür hochschob.

»Ach, ist das kalt«, merkte Geringer an, als er sich in den Beifahrersitz drückte und eine dünne Atemwolcke seine Lippen verließ. Er rieb sich die Hände, schüttelte sich und schlug den Mantelkragen hoch.

Kramer startete den Wagen, der nach einigen Startschwierigkeiten zum Leben erwachte. Er legte den Gang ein und fuhr durch den Innenhof auf die Straße. Er fädelte sich in den Verkehr ein und stoppte an der Kreuzung. Auf dem Asphalt hatte sich eine festgefahrene Schneedecke gebildet. Aus den Auspuffrohren der Fahrzeuge strömten weißgraue Wolken und nebelten die Straße ein. Die Beamten erreichten die Autobahn und fuhren Richtung Eifel. Eine schneebedeckte Landschaft flog an ihnen vorbei.

Der Opel verließ die Autobahn und folgte einer Landstraße. Nach kurzer Zeit steuerte der Kommissar den Wagen auf den markanten Abschnitt der Bundesstraße 258. Geringer lehnte sich vor und sah durch die Windschutzscheibe. Die Lüftung hatte immer noch Mühe, einen Hauch von Wärme in das Innere des Wagens zu verströmen. Er blickte auf die schnurgerade, steile Straße, die im Volksmund auch »Himmelsleiter« genannt wurde. Das Asphaltband zog sich über mehrere Kilometer wie eine graue Linie zum Horizont und führte direkt in die Nordeifel.

»Wo genau befindet sich der Tatort?«, wollte der Hauptkommissar wissen.

»Die Leiche wurde in der Struffelt-Heide gefunden. Polizeiobermeister Schank erwartet uns direkt am Ortseingang von Roetgen. Von da aus wird er uns zum Tatort leiten.«

Der Sprechfunk knisterte plötzlich und eine blecherne Stimme kam über den Äther. »Hier Polizeiobermeister Schank, bitte melden.«

Kramer griff nach der Sprechfunkmuschel. »Hier Polizeikommissar Kramer mit Hauptkommissar Geringer.«

»Wo sind Sie genau? Erwarte Sie am Ortseingang Roetgen.«

»Haben gleich die Himmelsleiter hinter uns und werden in ein paar Minuten bei Ihnen sein.«

»In Ordnung. Bis gleich«, gab der Polizist zurück, dann verstummte die Leitung.

Der Opel hielt auf dem Seitenstreifen vor dem grün weißen Streifenwagen. Der wartende Beamte war in einen Uniformmantel gehüllt und kam auf ihren Wagen zu. Er beugte sich hinunter und sprach den Fahrer durch das heruntergekurbelte Seitenfenster an: »Guten Tag, die Herren. Ich bin Polizeiobermeister Norbert Schank.«

»Ich bin Kommissar Guido Kramer und das ist Hauptkommissar Kurt Geringer, wir hatten telefoniert.«

»Freut mich. Gut, dass Sie gekommen sind. Der Gerichtsmediziner ist bereits am Tatort. Die Leiche liegt mitten im Moor, daher werden wir einen Teil der Strecke zu Fuß zurücklegen müssen. Ich werde vorausfahren, bitte folgen Sie mir«, erklärte der Streifenbeamte und musterte dabei seine Kollegen.

Geringer beugte sich vor. »Sie haben die Leiche gesehen. Was halten Sie von der Sache?«

Schank hob die Brauen und seufzte. »Um ehrlich zu sein, ich habe so etwas Grauenvolles noch nie gesehen. Ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, was das Opfer getötet haben kann. Diese grässlichen Wunden«, Schank schluckte, »Es ist mir einfach unerklärlich«, gab er zurück, grüßte und schritt mit gesenktem Kopf zu seinem Polizeiauto.

Geringer sah ihm fragend nach. »Das scheint mir doch jetzt recht mysteriös. Der Kollege wirkt ziemlich mitgenommen. Mal sehen, was uns da draußen erwartet.«

Der Opel folgten dem Streifenwagen, der durch die tief verschneite Eifellandschaft in Richtung des Monschauer Staatsforstes fuhr, in denen das Moorgebiet lag. Die beiden ahnten noch nicht, dass dieser rätselhafte Kriminalfall alles Bisherige in den Schatten stellen würde.

3

Staatsforst Monschau, Struffelt

Die gelben Absperrbänder flatterten im Wind. Geringer schnaufte, als er sie erreichte. Der Fußmarsch durch das tief verschneite Hochmoorgebiet war anstrengend gewesen. Windige Böen wirbelten immer wieder Schneewölkchen vom Boden auf. Die Luft war eisig und der Himmel durch einen grauweißen Teppich verhangen. Norbert Schank, der vorausgegangen war, grüßte die beiden Uniformierten, die vor dem Band den Tatort flankierten. Daneben stand der Förster, seinen Jagdhund an der Leine haltend, mit angespannter Miene. Kramer bildete den Schluss des Trios und stoppte direkt hinter Geringer.

»Guten Tag, meine Herren«, grüßte der Hauptkommissar. Er blickte zum Tatort und entdeckte den Gerichtsmediziner, der zu ihm hinsah, während er über einen leblosen Körper gebeugt war. »Ah, Herr Hauptkommissar, welch eine Freude, Sie zu sehen«, rief der Rechtsmediziner herüber und winkte Geringer zu.

»Doktor Jacobs, die Freude ist ganz meinerseits«, entgegnete Kurt Geringer mit einem ironischen Unterton. Einige Meter neben dem Mediziner entdeckte Geringer zwei Beamte der Spurensicherung, in ihren weißen Overalls.

Geringer und Kramer beugten sich unter das Absperrband und stampften durch den hohen Schnee auf den Toten zu, der inzwischen freigelegt war. Der Leichenbeschauer schoss mit seiner Kleinbildkamera, die an einem Lederband um seinen Hals baumelte, ein Foto, als die beiden ihn erreichten.

»Guten Tag, die Herren. Das ist eine überaus scheußliche Geschichte«, gab der Rechtsmediziner knapp zu Protokoll, während er seine Hände rieb, die in Gummihandschuhen steckten.

Die Polizeibeamten bildeten einen Halbkreis um den Leichnam und blickten mit versteinerten Mienen auf den geschundenen Körper. Die Minustemperaturen hatten die riesige Blutlache um den Torso gefrieren lassen. Der Tote lag auf dem Rücken, aus dem aschfahlen Gesicht starrten die seelenlosen Augen gen Himmel. Der Hals wies eine entsetzliche Wunde auf, anstelle des Kehlkopfes klaffte ein blutiges Loch. An den Rändern hingen gefrorene Gewebereste und Hautfetzten. Die Jackenarme des Toten waren aufgerissen und geronnenes Blut klebte am zerrissenen Stoff. Die Thermohose des Opfers war zerfetzt und im linken Oberschenkel klaffte eine große Wunde, an deren Rändern Muskelgewebe herunterhing.

Geringer löste sich als Erster aus der Versteinerung und schaute den Mediziner an. »Wann glauben Sie starb das Opfer?«

Jacobs rieb sich das Kinn und erwiderte den Blick. »Schwer zu sagen. Die Leiche ist gefroren und dadurch konserviert. Daher ist ein genauer Todeszeitpunkt ohne nähere Untersuchungen schwierig zu bestimmen. Ich vermute aber, dass der Mann seit höchstens einem Tag tot ist.«

»Was halten sie von den scheußlichen Wunden?«, fragte Geringer weiter und senkte seinen Blick auf den Toten.

»Tja, auf den ersten Blick würde ich sagen, dass das Opfer von einem Tier angefallen worden ist. Allerdings wüsste ich beim besten Willen nicht, welches heimische Tier dazu in der Lage wäre.«

»Vielleicht kann uns der Förster weiterhelfen. Schließlich müsste er sich doch mit Wildtieren auskennen«, spekulierte der Hauptkommissar und sah seinen Assistenten an: »Kramer, holen Sie bitte mal den Forstbeamten zu uns.«

Der Polizeikommissar nickte und verließ die Anwesenden. Kurt Geringer pustete Atemwölkchen durch die kalte Februarluft. »Haben Sie die Leiche schon durchsucht?«, fragte der Hauptkommissar den Mediziner, was dieser jedoch verneinte.

Geringer ging in die Hocke und mit spitzen Fingern durchsuchte er die Taschen des Opfers. Er fand eine Brieftasche, zog sie heraus und entnahm ihr einen grauen Personalausweis, den er aufschlug. Herbert Steinmann, geboren 1938, wohnhaft in Aachen, zeigten die Angaben. Der leitende Polizeibeamte erhob sich wieder, erleichtert, der Nähe zum Toten zu entkommen, und sah zu einem Kollegen der Spurensicherung herüber, der begann, seinen Arbeitskoffer zu schließen. »Haben Sie Spuren oder Abdrücke finden können?«, wollte Geringer wissen.

»Nein, tut mir leid. Wir haben keinerlei Spuren entdecken können«, verneinte der Kollege. »Der Neuschnee hat alles unter sich begraben und wir haben nur eine unberührte Schneeschicht vorgefunden. Auch um die freigelegte Leiche konnten wir nichts Weiteres entdecken, das Ihnen weiterhelfen könnte«, gab der Spurenermittler enttäuscht zurück, während der zweite Kollege bereits den Leichenfundort verließ.

Geringer nickte und seufzte zugleich. »Herr Hauptkommissar, der Förster, Herr Tenhage«, überraschte eine Stimme hinter ihm.

Geringer wandte seinen Kopf. »Herr Tenhage, Sie haben das Opfer heute Morgen gefunden?«

»Vielmehr mein Hund. Er schlug wild an, als ich auf meinem Rundgang durch das Hochmoor war«, korrigierte der Befragte.

»Nun, wie auch immer. Was haben Sie dann getan?« Der Forstbeamte blinzelte nervös. »Ich habe Hector von der Leine gelassen und er rannte wie verrückt auf diese Lichtung zu, bis er plötzlich stoppte und andauernd bellte. Ich rief ihn zurück, aber er gehorchte nicht. Dann bin ich schimpfend zu ihm gelaufen und als ich bei ihm ankam, hatte er bereits im tiefen Schnee zu graben angefangen und ich sah die Hand, die aus dem Schnee ragte. Ich … ich war wie versteinert und wusste nicht, was ich tun sollte. Mein Hund grub währenddessen immer weiter und weiter und dann entdeckte … entdeckte ich plötzlich das aschfahle Gesicht des Toten.« Der Förster schluckte schwer.

Geringer nickte. »Sie müssen sich doch mit Wildtieren gut auskennen?«

»Nun ja, das ist richtig …«

Der Kriminalist wartete nicht auf die Antwort. »Welches Tier wäre in der Lage, so etwas Schreckliches zustande zu bringen?«

Der Forstbeamte biss sich auf die Unterlippe und wagte einen kurzen Blick auf den Leichnam. Angewidert schaute er wieder zu Geringer.

»Ich kenne kein heimisches Tier, das einen Menschen so zurichten könnte«, gab Tenhage erschüttert zurück. Für einen Augenblick herrschte unter den Anwesenden Stille.

Der leitende Ermittler spitzte den Mund. »Könnte es womöglich ein großer, tollwütiger Hund gewesen sein? Diese infizierten Tiere leiden doch an akuten Verhaltensveränderungen und sind zunehmend aggressiv?«

Tenhage blieb skeptisch. »Es ist richtig, dass infizierte Tiere im späteren Verlauf der Infektion eine gewisse Aggressivität und allgemeine Unruhe zeigen, aber ob ein infizierter Hund dieses Blutbad anrichten könnte, wage ich zu bezweifeln«, antwortete der Förster kopfschüttelnd.

»Aber was sollte es sonst gewesen sein, außer ein tollwütiger Hund?«, bohrte Geringer nach.

Der Forstbeamte schwieg für einen Moment, er schien nachzudenken. »Sollte es sich tatsächlich um einen tollwütigen Hund handeln, der den Mann auf so fürchterliche Weise angegriffen hat, dann müsste sich das Tier im Endstadium befinden. Die Erkrankung dauert nur wenige Tage und das Tier würde an auftretenden Lähmungen sterben.«

»Es würde bald von selbst verenden?«, hakte Geringer nach.

»Ja, das ist unvermeidlich.«

»Sollte es sich um Tollwut handeln, so müsste sich möglicherweise in den Wunden des Opfers das Rabies-Virus nachweisen lassen. Allerdings bleibt der Erreger nur etwa drei Tage an der Eintrittspforte und vermehrt sich dort. Bei einem noch lebenden Menschen gelangt das Virus danach über das Innere der Nervenfasern bis in das Rückenmark und schließlich ins Gehirn«, unterbrach der Gerichtsmediziner das Gespräch.

Der Hauptkommissar hob die Brauen, dann nickte er zufrieden. »Dann sollten Sie schnellstmöglich den Toten auf das Virus untersuchen. Vielleicht handelt es sich hier um ein schreckliches Unglück.«

»Wie Sie befehlen«, gab der Mediziner zurück und salutierte mit einem breiten Grinsen.

»Dürfte ich jetzt bitte gehen?«, bat Tenhage.

»Ja, natürlich. Sie haben uns sehr geholfen. Einer der Beamten wird Sie nach Hause bringen. Halten Sie sich bitte zur Verfügung, wir brauchen Ihre Aussage noch für das Protokoll.« Der Förster nickte fast unmerklich und drehte sich um.

»Ach, und noch etwas. Ich möchte Sie dringend bitten, vorerst mit niemandem über den Leichenfund zu sprechen. Wir wollen keine Panik verbreiten«, bat Geringer mit Nachdruck.

Der Forstbeamte blieb stehen und wandte sich dem Hauptkommissar zu. Seine Augen zuckten nervös. »Ja, natürlich, ich werde kein Sterbenswort erzählen«, gab er zurück und verließ die Gruppe mit schnellen Schritten.

»Kramer. Bitte prüfen Sie nochmal die nähere Umgebung, vielleicht findet sich doch noch etwas, das uns weiterhelfen könnte«, befahl Geringer, während er seinen Blick erneut über den Tatort schweifen ließ. Sein Assistent nickte, dann stapfte er durch den Schnee davon.

»Wir müssen das Opfer noch herumdrehen«, sagte der Gerichtsmediziner unvermittelt zu Geringer, der ihn verdutzt anschaute.

»Was?«

»Na umdrehen. Bislang habe ich das Opfer nur von vorne in Augenschein nehmen können«, gab Jacobs zur Antwort und zauberte ein Paar Gummihandschuhe aus seiner Jacke, die er dem Hauptkommissar überreichte.

Geringer machte einen Seufzer. »Na gut, ich helfe Ihnen.«

Die beiden Männer beugten sich über die Leiche und hoben sie vorsichtig an. Der Kopf neigte sich dabei zur Seite und es machte den Eindruck, als würde der Tote sie beinahe vorwurfsvoll anstarren. Sie drehten den Leichnam und legten ihn im Schnee ab.

»Das ist ja scheußlich«, bemerkte der Pathologe.

Die Augen des Hauptkommissars folgten dem Fingerzeig des Mediziners und starrten in die tief klaffende Wunde am Nacken des Opfers. Geringer schluckte.

»Ich müsste dem Opfer einige Gewebeproben entnehmen, um den Virus nachweisen zu können, dafür benötige ich die Leiche auf meinem Seziertisch«, erklärte der Fachmediziner.

Der Hauptkommissar nickte zustimmend, dann erhoben sie sich.

»Die Leichenbestatter müssten gleich eintreffen. Ich werde morgen früh eine genauere Obduktion durchführen und die Proben für das Labor entnehmen. Kommen Sie um elf in die Pathologie«, erklärte Doktor Jacobs, während er die Gummihandschuhe abstreifte und Geringer einfach stehen ließ. Dieser sah ihm nach, als er sich unter dem Absperrband hindurchschlängelte und langsam aus seinem Sichtfeld verschwand. Seltsamer Kauz, dachte Geringer. Er zog die Gummihandschuhe aus, kratzte sich am Hinterkopf und ließ grübelnd seinen Blick über den Leichenfundort wandern.

»Ich habe leider nichts weiter finden können«, hörte er Kramer hinter sich und löste sich aus seinem Gedanken.

Der Hauptkommissar musterte seinen Assistenten, der auf ihn zukam. »Nichts?«, fragte er noch einmal nach.

»Nein. Wie die Kollegen der Spurensicherung schon bemerkten, ist der Schneeteppich überall unberührt. Es gibt keine Spuren oder Hinweise, wohin das Tier verschwunden ist«, gab Kramer zur Antwort und blieb abrupt stehen, als er mit Entsetzen auf den bäuchlings gelegten Toten blickte. »Wir sollten eine Treibjagd starten, bevor noch ein weiteres Unglück geschieht«, entfuhr es ihm wütend.

Geringer schüttelte den Kopf. Wölkchen tanzten vor seinen Lippen, als er sprach. »Nein. Im Moment ist alles noch völlig spekulativ und ich möchte unbedingt eine Panik vermeiden. Wir haben keinerlei Hinweise, wohin das Tier verschwunden ist oder wo es sich aufhalten könnte. Das Gebiet, das wir durchkämmen müssten, wäre ohne jegliche Anhaltspunkte viel zu groß. Sollte der Förster recht behalten, so müsste sich das tollwütige Tier bald im Endstadium seiner Tollwutinfektion befinden und eingehen, dann …«

»Aber das könnte noch Tage dauern! Nicht auszudenken, was bis dahin noch geschehen könnte!«, unterbrach sein Untergebener.

Der Hauptkommissar zuckte mit der Augenbraue. »Nein, es wird keine großangelegte Suchaktion gestartet. Wir müssten hunderte von Beamten aktivieren, auf der Suche nach einem Phantom. Noch wissen wir nicht, womit wir es hier überhaupt zu tun haben. Wie sollte ich eine derartige Aktion rechtfertigen? Zumal es sicherlich bald wieder schneien wird und eine Suche nach einem unbekannten Tier in einem riesigen Waldgebiet dann völlig sinnlos wäre.«

Guido Kramer sah seinem Chef in die Augen und nickte zähneknirschend.

»Wir werden morgen Vormittag Doktor Jacobs in der Pathologie einen Besuch abstatten. Hoffentlich werden wir dann weitere Erkenntnisse erhalten. Zuvor möchte ich Sie bitten, dass Sie mehr über das Opfer in Erfahrung bringen«, äußerte der Hauptkommissar und überreichte seinem Assistenten den Personalausweis des Toten.

Kramer nahm das Dokument entgegen, seine Nasenspitze war durch die Kälte rot angelaufen. »Was soll ich den Angehörigen sagen?«

Geringer fuhr sich mit der Hand über seinen Hinterkopf. »Erzählen Sie vorerst nichts von den tödlichen Verletzungen. Sprechen Sie von einem Unfall und das noch weitere Untersuchungen anstünden. Wir brauchen mehr Zeit und Gewissheit, bevor wir mit der Wahrheit an die Öffentlichkeit treten können.«

»Verstehe«, gab Guido Kramer knapp zurück, während er über die Schulter seines Chefs schielte. »Da hinten kommen die Bestatter«, bemerkte er.

Geringer blickte sich um. »Gehen Sie bitte den beiden Leichenbestattern entgegen und weisen Sie ausdrücklich noch einmal darauf hin, dass Sie unbedingt ihre Schweigepflicht einhalten. Ich möchte, dass vorerst nichts nach außen dringt!«

Kramer nickte stumm und marschierte durch den Schnee in Richtung der Leichenträger.