Blutnacht - Martina Arnold - E-Book

Blutnacht E-Book

Martina Arnold

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Beschreibung

Das morbide Geheimnis der Blutnacht. Tödlicher Ehrgeiz, der statt Nach ganz oben ins Verderben führt. Seelische Pein, die sich in Paarung gewaltsam Bahn bricht. Und ausweglose Situationen, die sich in Das Prickeln nur mit Gift und in Kohlenklau nur mit Mord auflösen lassen. Diese und weitere Rabenschwarze Geschichten aus Vergangenheit und Gegenwart sind in Blutnacht versammelt.

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Seitenzahl: 228

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Vorwort

Blutnacht

Die Frau in der Wand

Im Sand

Das Prickeln

Und jetzt?

Am seidenen Faden

Nach ganz oben

Der wilde Mann

Drachenfutter

Paarung

Kohlenklau

Wie der Stübner Konrad sein Wunder fand

Das Wunder der heiligen Barbara

Die Autorin

Vorwort

Wer ein Buch liest, begibt sich auf eine Reise. Unbekannte Welten gilt es zu entdecken, Abenteuer zu bestehen, Liebe und Glück zu erleben. Aber auch Tod und Teufel zu begegnen.

Die Heldinnen und Helden der Rabenschwarzen Geschichten riskieren auf ihren Lebenswegen viel für ein bisschen Glück. Manchmal gewinnen sie. Und manchmal verlieren sie Leib und Seele.

Im Jahr 1823 gerät eine Reisegesellschaft in einen Schneesturm. Sie flüchtet sich in einen einsamen Gasthof im Wald. Droht ihnen in der Titelgeschichte eine wahre »Blutnacht« und das Ende ihrer Reise?

In »Die Frau in der Wand« kreuzen sich die Lebenswege von zwei Frauen aus verschiedenen Jahrhunderten. Obwohl sie in unterschiedlichen Epochen leben, eint sie der Wunsch nach Freiheit, nach einem Leben in Würde und Selbstbestimmung.

Ein sehr junger Archäologe ist Stolz auf die wertvollen Artefakte, die er auf seinen Expeditionen »Im Sand« zu Tage fördert. Seine Forschungen sind Reisen in die Vergangenheit. Anerkennung und Ruhm – das ist es, was ihm gebührt. Und nicht Hohn und Spott.

Der Pfad der Rache hat unerwartete Kehren und Windungen. Das muss die Heldin in »Das Prickeln« erfahren. Am Ende wird sie den größten Kampf mit sich selbst ausfechten.

Ein fast blinder Großvater und sein Enkel haben nur ein paar Schritte bis zu ihrem Ziel zu gehen. Alles scheint gut. Bis sie an eine steile Treppe kommen - »Und jetzt?«

Manche Schicksale sind ungewollt eng miteinander verknüpft. Die Weggefährten hängen im Wortsinn »Am seidenen Faden« aneinander: zwei Diebe, ein Seil und ein Bergwerk.

Ehrgeiz treibt einen jungen Banker der Gegenwart in ungeahnte Höhen. Er besteigt ganz mutig ein kleines Flugzeug, denn er will Karriere machen, will »Nach ganz oben«. Wo wird er landen?

Survival Trainings in der Wildnis sollen die Teilnehmer an ihre Grenzen bringen. Und wieder zurück in sichere Gefilde. Für gewöhnlich klappt das auch. Aber wehe, wenn nicht. Dann wird aus dem braven Bürger »Der wilde Mann«.

Einen Abstecher in phantastische Welten bietet »Drachenfutter«: Die heiße Liebesgeschichte eines ungewöhnlichen Paares. Eine furiose Fahrt von den Flitterwochen an der schönen Amalfi-Küste bis zum schaurigen Endpunkt dieser Mesalliance.

In der Erzählung »Paarung« bestimmten jahrelang seelische und körperliche Pein den Lebensweg einer Frau. Um sich zu befreien, muss sie die sorgsam um sich errichtete Schutzmauer zertrümmern. Was dahinter zum Vorschein kommt, ist gewaltig.

Der englische Ausdruck »From the frying pan into the fire« beschreibt anschaulich das Schicksal des Helden in »Kohlenklau«: In den Bombennächten des II.Weltkriegs ist ein Deserteur in Berlin auf der Flucht. In einer ausgebombten Kirche findet er Zuflucht. Glück im Unglück?

In früheren Jahrhunderten reisten die wenigsten Menschen. Die meisten blieben ein Leben lang an dem Ort, an dem sie geboren wurden. Nicht so ein Bader. Er zieht 1539 mit seinem Wagen von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, quer übers Land. »Wie der Stübner Konrad sein Wunder fand« erzählt von seinem wahrhaft gewundenen Lebensweg. Historisch korrekt: Die wundersame Heilung des Martin Luther in Tambach Dietharz.

Die letzte der Rabenschwarzen Geschichten wartet wie die erste mit Mystischem auf. Die Heilige Barbara ist die Schutzpatronin der Pyrotechniker, der Sprengmeister, der Feuerwehrleute und Herrin über Blitz und Donner. Wird sie die an sie gerichteten Gebete erhören und ihre Kräfte wirken lassen? Kann sie die Hilfesuchenden auf neuem Lebensweg ins Licht führen?

Mit »Das Wunder der Heiligen Barbara« schließt sich der Kreis zu der Begegnung mit dem Übernatürlichen am Anfang des Buches.

Eine gute Reise wünsche ich Ihnen.

Martina Arnold

Berlin, 2025

Blutnacht

Wolfswanderung in der Lausitz, Februar, eiskalt, der Jahresanfang ist scheußlich in diesem Jahr, mit Eis und Schnee. Und jetzt ist der Jeep kaputt, irgendwas mit dem Vergaser, und sie stehen mitten im Wald, kein Handyempfang, Navi streikt, natürlich keine Autokarte dabei. Die wäre auch hoffnungslos »old school«. Nils und Leonie haben die Nase voll vom Ferienprogramm ihrer Eltern. Die Stadtbesichtigung von Bautzen haben sie noch über sich ergehen lassen, die war ja ganz okay: historischer Stadtkern mit Stadtmauer, Burgwasserturm, schiefer Turm und jeder Menge interessanter Gefängnisse. Und die Stadtführung machte so ein Typ, der sich Pumphut nannte, wandernder Müllerbursche mit breitkrempigem Hut und knorrigem Wanderstab – schräg. Aber im Moment ist das alles weit weg, denn im Moment stecken sie irgendwo in der Wildnis fest: Mutter, Vater, Nils und seine Schwester Leonie. Sie stecken nur fest, weil der Vater unbedingt den Weg zur Wolfswanderung mitten im Wald ohne Guide finden wollte: »Das schaffen wir auch so, Kinder!« - na klar, und wie sie das geschafft haben! Nils ist sauer. Vereister Waldweg, Vater als Fahrer ungeübt auf holprigem Gelände, bisschen zu schnell gefahren – und zack! Motor aus. Vergaser hin. Oder so was Ähnliches. Nils versucht zum hundertsten Mal vergeblich mit dem Smartphone Empfang zu kriegen. Wahrscheinlich müsste er dafür auf einen Baum klettern, aber dazu hat er keine Lust. Leonie geht`s auch nicht besser. Ihr smart phone macht ebenfalls keinen Mucks.

Was ist schlimmer, als vierzehn Jahre alt zu sein und ohne Handyempfang mit den Eltern im Wald zu stehen? vierzehn zu sein, mit den Eltern im Wald zu stehen und eine sechzehnjährige Schwester zu haben, die alles besser weiß.

»Du musst den Arm mit dem smart phone ausstrecken, so! Sonst wird das nie was!«, belehrt sie ihn und macht es vor. Ohne Ergebnis, weil es einfach keinen Empfang gibt, für niemanden. Aber sie schaut ihren Bruder an als wollte sie sagen: »Daran bist nur du Schuld!« Sein Leben ist elend. Die Eltern braucht Nils gar nicht erst um Rat zu fragen, die haben »so `ne Geräte« nicht, sind Ökos, nur Natur pur, Vegetarier obendrein - also ganz schlimm. Und peinlich. Da kommt ihre Mutter: »Kinder ich hab ein Gasthaus gefunden!« - Na endlich. Zivilisation!

Das Gasthaus nennt sich »Zur Köhlerin« und ist eine ziemlich heruntergekommene Hütte mit schiefem Dach, dahinter drei der schwärzesten Tannen, die Nils je gesehen hat und er hat schon viele gesehen, in allen Teilen der Welt, den Öko-Eltern sei Dank. Ein kleiner Schuppen steht neben dran und beide Gebäude sehen aus, als ob sie zusammenbrechen, wenn einer nur niest. Wie bei den drei kleinen Schweinchen, denkt Nils. Nur, dass wir vier sind. Aber die bösen Wölfe sind schon da. Das Geheule um sie herum macht ihm Angst, besonders jetzt, wo`s dunkel wird, aber das würde er niemals zugeben.

Im Gasthaus ist es warm und erstaunlich gemütlich. Zwei alte Leutchen schmeißen den Laden. Der Mann trägt so komische schwarze Hosen. Er kniet vor dem Ofen und legt Holz nach und die Frau kommt mit einem großen Topf in die Gaststube. Für ihr Alter ist sie noch ganz flink, stellt Nils fest und beobachtet, wie sie in Nullkommanichts den Tisch deckt. Wie alt mag sie sein? Schwer zu sagen. Alt. Mindestens dreißig oder so, das steht fest.

Mutter verwickelt sie sofort in ein Gespräch, über Wölfe und so, und dass sie eine Panne haben und immerhin fragt sie, ob sie mal telefonieren dürften.

Und dann kommt`s: »Wir haben so was nicht.«, sagt die Frau. Kein Telefon! Nach Internet braucht man gar nicht erst zu fragen, aber Leonie tut`s trotzdem:

»Wir können auch zoomen«, meint sie und rollt eine Haarsträhne zu einem Zöpfchen. Das macht sie immer, wenn sie nervös ist, weiß Nils. Die Antwort der Frau haut ihn um:

»Deichelmauke!«

- Hey, cooler Nickname, hahaha. Aber außer ihm lacht keiner, und da ahnt Nils, dass das hier ein ganz langer Abend wird. Irgendwann rafft er, dass dieses coole Wort was Essbares ist, denn sie setzen sich alle um den großen Tisch in der Mitte des Raumes und die Frau serviert.

»Sieht aus wie Kartoffelstampf.« Nils und greift sich den Löffel. »Was isn das für Soße?«

»Das ist gesottenes Rind mit Wurzelgemüse«, erklärt die Frau, und der Vater und Nils strahlen.

»Das wollt ihr doch nicht essen?«

Letzter Versuch ihrer Vegetarier-Mutter, aber die Revolution ist in vollem Gange und die Männer der Familie schaufeln sich schmatzend und grinsend das Essen rein. Leonie zögert, probiert, und schließt sich ihnen an.

»Lecker«, sie nickt der Köchin und ihrem Mann anerkennend zu, »weckt meine Lebensgeister.«

»Ja«, sagt der Mann, »die Deichelmauke hat magische Kräfte. Sie macht, dass man ewig lebt.« Die Frau stößt ihn in die Seite und er verstummt.

»Und Sie? Essen Sie nicht mit?«, fragt Leonie.

»Ach, wir essen später«, antwortet die Frau und lächelt.

Irgendwas ist komisch an der Brühe in der Mitte von diesem Kartoffelberg, aber Nils kommt nicht dahinter, was da so merkwürdig schmeckt. Er registriert es auch erst nach dem vierten oder fünften Löffel, vorher hat er einfach zu großen Hunger. Die Brühe schimmert rötlich im Kerzenlicht. Eine andere Beleuchtung scheint es nicht zu geben. Man sieht nur, was direkt vor einem auf dem Tisch steht, der Rest des Zimmers, ja der ganzen Hütte liegt im Dunkeln. Dann sind die Teller leer und er ist wirklich satt geworden, anders als bei Mutters Gemüsebrühen-Veggie-Kram. Nur der leicht metallische Geschmack auf seiner Zunge will nicht weggehen, egal wie viel er auch von dem Kräutertee trinkt, den die Köchin dazugestellt hat.

»Steht Euer Wagen weit von hier?«, fragt der Mann und Vater erklärt ihm, wo der Jeep liegen geblieben ist. »Wir könnten das Gepäck holen«, bietet der Mann an.

»Nicht nötig. Wir rufen einen Abschleppdienst und dann geht`s auch schon weiter«, antwortet Vater und gähnt.

»Heute werdet Ihr nicht mehr weit kommen«, erklärt der Mann und deutet auf das einzige, fest verrammelte Fenster des Gasthauses. »Hört nur den Sturm. Dazu die Wölfe ... Es wäre besser, Ihr bliebet hier. Meine Frau richtet Euch gern ein Nachtlager.«

»Das wäre sehr nett«, sagt Mutter, der beinahe die Augen zufallen. So müde hat Nils sie lange nicht gesehen. »Aber nur, wenn es keine Umstände macht.«

Der Mann strahlt, »Nein, nein, keineswegs. Und bis Euer Lager bereitet ist, erzähle ich Euch eine Geschichte. Dann wird uns allen die Zeit nicht lang. Wie gefällt Euch das?«

»Wunderbar«, murmelt Mutter und hat Mühe, nicht schlafend vom Stuhl zu fallen.

»So ist´s recht«, sagt der Mann. »Kommt ganz nahe zu mir an den Tisch. Ich führe Euch in eine Zeit, die lange, lange vor der Euren liegt ...«

»Und es begab sich aber und es geschah«, beginnt er »dass in einer rauen Februarnacht des Jahres 1823 eine illustre Reisegesellschaft in einen fürchterlichen Schneesturm geriet, wie man ihn seit Jahren nicht mehr erlebt hatte in diesem Teil des Königreiches Sachsen. So fürchterlich und rau, dass er sie zwang, in einem düstren Gasthof mitten im Wald Zuflucht zu nehmen. Fürwahr: ohne diesen Sturm und ohne die Wölfe, die unablässig heulten und immer enger ihre Kreise um die Kutsche zogen, bis die Pferde scheuten und nicht weiter wollten – ohne diese Gewalten der Natur wäre die Reisegesellschaft noch in gleicher Nacht an ihrem Ziele, dem schönen Bautzen, dazumal Budissin geheißen, angekommen und hätte nicht jene schicksalhafte und unheimliche Begegnung gehabt, die ihrer aller Leben veränderte und von der hier die Rede sein soll. Aber gehen wir an den Anfang ...

In aller Frühe war man vor fünf Tagen aus der Hauptstadt Dresden, dem prächtigen Elbflorenz, aufgebrochen. Der Boden war gefroren vom strengen Frost, obgleich das Jahr schon fortgeschritten, und so trieb der Kutscher die Pferde kräftig an, ohne befürchten zu müssen, die Räder würden im Morast versinken, wie sonst so oft auf dieser unwegsamen Strecke. Auch an diesem Morgen hielten sich Wind und Schnee zurück. Stattdessen überflutete gleißender Sonnenschein Felder und Wiesen, brach sich vieltausendfach auf den festen Eisdecken von Teichen und Seen und ließ sie funkeln wie kostbare Teppiche aus Diamanten. Bis zum Mittag hatten sie eine gute Strecke Weg gemacht und der Kutscher freute sich schon, am Abend wieder daheim bei seinem Weib und den Kindern in Bautzen zu sein. Seit nunmehr einem Monat hatte er die Familie nicht mehr gesehen und so trieb die Sehnsucht nach den Lieben ihn zusätzlich an.

Im Inneren des Vierspänners vertrieben sich die Reisenden die Zeit mit allerlei Versen und heiteren Geschichten. Der Zufall hatte sie zusammengeführt: Maximilian Hübner, ein wohlhabender Tuchhändler aus Görlitz, mit seiner knapp siebzehnjährigen Tochter Carolina, die er in Bautzen zu verheiraten gedachte, Johannes Meyer, ein blasser Kantor und Musiklehrer in den Zwanzigern aus dem fernen Leipzig, der seine ältliche Tante Amalie zu Verwandten begleitete und schließlich Friedhelm Coswig, ein stattlicher Mann in den sogenannten «besten Jahren«, der sich vieldeutig als »Reisender in exquisiten Geschäften« vorgestellt hatte, was vor allem dem Tuchhändler nicht behagte. Sein Naturell als nüchterner Hüter von Bilanzen und Verträgen ließ ihn bei dieser vagen Angabe nichts Gutes vermuten. Ein Betrüger, so dachte Hübner, das könnte der Herr Coswig sein. Zumindest aber ein Konkurrent, der nur darauf aus war, ihm ein gutes Geschäft wegzuschnappen. Die ausgezeichneten Manieren und die offenkundige Weltgewandtheit Coswigs überzeugten Hübner nicht - im Gegenteil: Gerade Scharlatane vermochten ihre Opfer auf diese Weise zu becircen, das hatte er gehört. Erst redeten sie einen schwindelig und dann ... Nein, er war gewappnet und würde sich nicht blenden lassen. Einzig Coswigs wunderbar gewirkter dunkelblauer Mantel mit dem kleinen, aber feinen schwarzen Pelzkrägelchen stimmte Hübner milde. Von Tuch verstand er etwas. Und wer ein so Feines trug wie dieser Coswig und es mit so großem Respekt behandelte, es sorgsam faltete und strich und jedes noch so kleine Stäubchen weg zupfte, der konnte kein gar so schlechter Mensch sein. Hübner entschied bei sich, dem Reisegefährten eine Chance zu geben, wollte ihn aber im Auge behalten, falls er sich womöglich an seine Carolina heranmachte. Das galt es zu verhindern, denn sie war seit dem Herbste schon seinem langjährigen Geschäftspartner Mohnhaupt in Bautzen versprochen.

Die Stunden flossen so dahin und Hübner begann sich zu langweilen. Landschaft interessierte ihn nicht sonderlich, da man den Wert der schönen Aussicht weder in Talern noch in Kreuzern bemessen konnte. Also beschloss er die Zeit zu nutzen und dem geheimnisvollen Reisegefährten etwas auf den sprichwörtlichen Zahn zu fühlen. Er nahm eine Prise aus seiner Schnupftabakdose und hielt sie dann seinem Gegenüber hin.

»Bester Tabak, Herr Coswig. Nur zu, versuch er ihn.« Coswig ließ sich das nicht zweimal sagen und langte zu, verzog bald darauf das Gesicht und tat einen heftigen Nieser in ein spitzenverziertes Taschentuch, das er aus dem Ärmel seines Mantels hervorzog.

»Brüssel?«, fragte Hübner und musterte interessiert die Klöppelarbeit des Schnupftuches. Solche Qualität kannte man in seinen Kreisen nur aus dem fernen Belgien.

»In der Tat.« Coswig nickte. »Ihr habt ein gutes Auge.«

»Und Ihr seid weitgereist.«

Coswig hielt sich das Taschentuch vor den Mund, ließ es mit dem kleinen Finger flattern und zwinkerte dem Tuchhändler über den Rand hinweg fröhlich zu.

»Je nun, man muss beweglich sein für gute Geschäfte. Aber das brauche ich Euch doch nicht zu sagen, werter Freund.«

Werter Freund! Die Anrede war Hübner zu vertraulich.

»Freund« nannte er selbst nur wenige und noch wenigere nannten ihn so. Er verzog verächtlich den Mund.

Und dieses Gezwinkere, dachte er, passt eher zu einem Weibe, denn zu einem Mann. Hübners Mienenspiel blieb Coswig nicht verborgen, aber noch ehe er darauf antworten konnte, krachte es gewaltig, die Pferde wieherten schrill, die Kutsche kippte mit einem kräftigen Ruck auf die Seite und kam abrupt zum Halt.

»Ruhig, Lise, verdammisch! Willst du wohl stehen!«, hörten sie den Kutscher draußen fluchen. Der Kutscher schnalzte mit Zunge und Zügel und die beiden Pferde zogen wieder an, die Kutsche ruckte und zuckte bedenklich und sackte mit einigem Getöse noch mehr seitwärts ab. Amalie Meyer schrie auf, als der Neffe plötzlich nicht mehr neben ihr saß, sondern quasi auf ihrem Schoße.

»Ruhig, Brrrr«, versuchte der Kutscher das Gespann zu beruhigen, damit es nicht durchging und sie alle hinter sich herzog wie Wotans wilde Meute, wenn sie im Herbst am Himmel über die abgeernteten Felder jagt. Nicht nur der Neffe, auch die übrigen Reisenden waren ins Rutschen gekommen, lagen halb aufeinander und bemühten sich nun wieder um eine schickliche Sitzordnung. Der unglückliche Kantor Meyer aber schoss den Vogel ab, denn er war nicht nur auf der Tante gelandet, sondern steckte mit einem Fuß auch noch in ihrem Proviantkörbchen fest, das zwischen den Reisenden auf dem Boden gestanden hatte. Verzweifelt versuchte er freizukommen ohne die Tante noch mehr zu derangieren, als sie es ohnehin schon war.

Ihre Frisur hatte deutlich gelitten, aber Gottlob war ihr kleiner silberner Handspiegel im Reisekoffer oben auf dem Dach der Kutsche verstaut, und nicht zur Hand.

Könnte sie sich im Spiegel sehen, so würde das Gezeter sonst gar kein Ende nehmen, dachte Hübner und seufzte. Wenn Weibsleute in den Spiegel guckten, dann heulten sie nach seiner Erfahrung und heulende Frauen beunruhigten seine Nerven, weil er nie wusste, was genau diese »Anfälle«, wie er die ihm fremden Gefühlsaufwallungen nannte, auslöste, geschweige denn was sie verschwinden machte. An den Spiegeln konnte das Geheule nicht liegen, denn die kosteten gemeinhin ein Vermögen und es lag außerhalb von Hübners Vorstellung warum jemand heulen sollte, wenn er etwas Kostbares in seinen Händen hielt.

»Was für ein Unglück! Wo es doch so schön voranging heute!«, jammerte Amalie Meyer und versuchte mit einer Hand ein paar Haarsträhnen, die sich befreit hatten, unter das pelzbesetzte Reisehütchen zurückzudrängen. Mit der anderen tastete sie nach ihrem goldenen, mit Rubinen bestückten Kreuzanhänger, den sie an einer doppelreihigen Goldkette um den Hals trug.

»Herr Jesus, beschütze uns!«, rief sie, als sie das Kreuzchen gefunden hatte und küsste die Rubine.

»Der ist nicht zuständig für schlechte Straßen, der Herr Jesus«, beschied sie Coswig mitleidslos. »Ihr hättet besser eine Medaille des Heiligen Nikolaus als Reiseschmuck gewählt. Denn das ist der Schutzpatron der Reisenden.«

»... und der Seeleute«, fiel Hübner ihm ins Wort. Er witterte eine Chance, endlich mehr über diesen mysteriösen Herrn Coswig herauszubekommen.

»Und der Seeleute, ganz recht.« Coswig nickte.

»Und nicht zu vergessen: Der Russen«, setzte Hübner nach.

»Natürlich, die Russen beschützt er auch.« Coswigs Augen feuerten kleine Blitze in Hübners Richtung. »Was Ihr so alles wisst ...« Er lächelte spöttisch. »Und da heißt es immer die sächsischen Tuchhändler sind ein ungebildeter Krämerhaufen.«

Ehe Hübner etwas erwidern konnte, wurde die Tür der Kutsche von außen aufgerissen.

»Ein Rad ist gebrochen!« Der Kutscher schnaufte erregt. Sein weißer Atem wehte ihm wie eine Fahne vor dem Mund.

»Ihr müsst aussteigen!« Vor lauter Aufregung vergaß er die höflichen Anredeformeln, die von seinem Stand erwartet wurden, was ihm aber angesichts der Misere keiner der Reisenden vorhielt.

»Und was nun?« Die Frage kam von Carolina. Sie war bisher ruhig geblieben und wirkte auch jetzt ganz gefasst. Braves Mädchen, freute sich Hübner in Gedanken. Zeigt Contenance, wie es sich für eine Hübner gehört. Er nickte ihr aufmunternd zu.

»Nur ruhig, mein Kind, das wird schon.«

»Wir werden zu Fuß weiter müssen. Das wird schon.« Coswig griff nach Carolinas Hand und deutete einen Handkuss nach französischer Art an, also ohne die Hand mit den Lippen zu berühren.

»Aber habt keine Furcht, hübsches Fräulein. Ich werde Euch wohl geleiten.«

Eine Stunde später – es können auch leicht zwei gewesen sein, gemessen daran, wie durchgefroren die Reisegesellschaft war – also sagen wir gut zwei Stunden später war allen klar, dass sie es aus eigener Kraft kaum vor Anbruch der Nacht bis nach Bautzen schaffen würden, schon gar nicht zu Fuß. Die Damen trugen kein passendes Schuhwerk für einen längeren Marsch und auch die Herren kämpften mit dem vereisten Weg und konnten sie nicht tragen. Selbst der wettergewohnte Kutscher wickelte seinen langen Mantel fester um sich. Mit schwindendem Tageslicht kam eisiger Wind auf und trieb dicke Schneeflocken in heftigen Böen vor sich her. Die Sicht nahm ab und das Atmen wurde schwer. Was tun? Einmal mehr verfluchte der Kutscher sich dafür, nicht auf dem Gehilfen bestanden zu haben. Auf der Hinfahrt nach Dresden hatte er Janosz noch an seiner Seite gehabt. Für die Rückfahrt nach Bautzen hatte man ihm den Pferdeknecht verweigert. Zwei Leute zu bezahlen? - Dann würde die Fahrt nicht lohnen, hatte sein Herr erklärt. Verdammter Geiz! Zusammen mit dem kräftigen Böhmen hätte er es schaffen können, aber ohne Hilfe konnte er weder die Kutsche aufrichten, noch das gebrochene Rad abnehmen und durch das neue ersetzen, welches sie sogar dabei hatten. So entschloss sich der Kutscher die Pferde abzuschirren und am Zügel mit sich zu führen. Sie mussten eben doch versuchen zu Fuß in das nächste Dorf zu kommen, etwas anderes blieb ihnen gar nicht übrig.

»Und das Gepäck? Sie lassen doch nicht etwa unsere Koffer hier zurück!«, empörte sich Amalie Meyer.

»Noch immer wimmelt es in diesen Wäldern von Dieben und Mördern und Halunken, die dieser impertinente Franzose nicht mit sich genommen hat, nach seiner Niederlage!«

»Na na, gnädige Frau, eine Niederlage würde ich das nicht gerade nennen«, stellte Coswig sich ihr entgegen. »Napoleon hat die Schlacht vor zehn Jahren, also 1813, hier bei Bautzen immerhin gewonnen. Obschon er es versäumt hat, damit den Krieg für sich zu entscheiden. Ungeschickt von ihm, das geb` ich gerne zu.«

»Ihr haltet also zu diesem Korsen, Monsieur Coswig?« Hübner funkelte ihn an. Endlich hatte er den Schwachpunkt seines Gegenübers gefunden. Ein Anhänger der abscheulichen Revolution und Gegner der Monarchie von Gottes Gnaden!

»Ich halte keineswegs zu Bonaparte, mein lieber Hübner. Aber eine Schlacht mit drei Monarchen auf der einen Seite, dem Kaiser der Franzosen auf der anderen und mehr als 250.000 Männern unter Waffen hätte reichen sollen, die Sache ein für alle Mal zu beenden, meint Ihr nicht? Und das vergossne Blut der nachfolgenden Schlachten hätt` es nimmer gebraucht.«

Hübner schnappte nach Luft. »Bei Bautzen kämpfte Bruder gegen Bruder!«, deklamierte er mit zum Himmel gereckter Faust. »Gepresst in den Dienst von diesem abscheulichen Franzosen!«

»Vater, bitte!« Carolina legte zitternd ihre Hand auf die Brust ihres Vaters. »Mir ist so schrecklich kalt. Können wir nicht weiter?«

»Wir sollten wirklich machen, dass wir hier wegkommen«, ließ sich der Kutscher vernehmen. »Hört Ihr?«

Ein schauriges, lang gezogenes Heulen erfüllte die Luft.

»Wölfe!«, hauchte Johannes Meyer und wurde bleich.

Der Kutscher nickte. »Die Gegend ist voll davon. Es ist nicht gut, wenn sie uns hier erwischen, auf freiem Feld. Wir hätten ...«

»Keine Chance«, führte Coswig den Satz fort.

Amalie Meyer küsste wieder ihren Kreuzanhänger. »Heilige Mutter Gottes«, murmelte sie »Beschütz` uns in der Not.«

Wie sie es schließlich schafften, den einsamen Gasthof auf der finstersten Lichtung mitten im Wald heil zu erreichen, wusste hernach keiner von ihnen mehr zu sagen. Ob es die stoßweise hervorgebrachten Gebete von Amalie Meyer waren, die sie beschützten, oder ob die auskeilenden Pferde die Wölfe auf Distanz hielten, die beständig um sie herumschlichen und sich ihre grausigen Botschaften zuheulten, oder ob es am Ende doch die Fackel war, die der Kutscher aus einem Ast und seinem Schal gemacht hatte und die er vorausgehend hoch erhoben in seiner Hand hielt? Wichtig für den Fortgang der Geschichte ist nur: die Reisegesellschaft fand in der dunkelsten Stunde der Nacht den kleinen Gasthof, welcher »Zur Köhlerin« geheißen.«

Nils, fast eingeschlummert, wird plötzlich wieder munter: »Hey, der Gasthof heißt genau wie dieser hier!«, sagt er und stupst Leonie an, die schon fast eingeschlafen ist.

»Ja, und?«, stöhnt sie. »Vielleicht isses derselbe.«

»Aber dann wäre das Haus über 100 Jahre alt!«

»Es ist in der Tat älter«, sagt der Mann »Viel älter sogar. An dieser Stelle haben von Anbeginn der Zeit Menschen gelebt.«

»Wow!«, macht Nils.

»Soll ich weiter erzählen?«, fragt der Mann und nimmt einen Schluck Tee. »Oder schlaft Ihr auch schon?«

»Nee, ich doch nicht«, meint Nils und schaut grinsend auf Mutter, Vater und Schwester am Tisch, die im Tiefschlaf die Köpfe auf die Arme gelegt haben. »Hau rein, Alter!«

»Ihr wollt, dass ich Euch schlage?«

Nils lacht. »Sie sind echt cool, Mann!«

Der Mann und die Frau wechseln schnelle Blicke. Auf ein Zeichen der Frau fährt der Mann schließlich fort.

»Als dann«, sagt er und räuspert sich »So geht es weiter mit unserer Geschichte...«

»Gerettet«, stöhnte Amalie Meyer. »Danke, Herr Jesus, dass Ihr uns hierher geführet habt. Von hier schaffen wir es allein weiter.«

»Nicht so voreilig«, knurrte Coswig und musterte aus zusammengekniffenen Augen das windschiefe Häuschen, dessen Rückseite sich altersschwach an drei mächtige schwarze Tannen schmiegte.

Aus dem Kamin schlängelte sich eine dünne Rauchfahne in den schneeverhangenen Himmel. Schwacher Lichterschein stahl sich aus den Ritzen der wurmstichigen Fensterläden. »Vielleicht brauchen wir noch allen Beistand, den wir haben können.« Erstaunlich, dachte Hübner. Er sieht aus, als ob er Angst hat.

Das hätte er diesem arroganten Kerl gar nicht zugetraut. Auf einmal fröstelte Hübner von innen heraus und zog den Kragen seines Mantels fest.

»Lasst uns hineingehen«, sagte er lauter als es sein Mut eigentlich vorgab. »Vom Davorstehen wird uns nicht wärmer.« Und damit stapfte er durch den harschen Schnee auf die Tür des Gasthofes zu.

»Deichlmauke!«, verkündete die Wirtin und strahlte Amalie Meyer an. »Ganz frisch von heute. Nur das Sauerkraut ist vom Vortag. So schmeckt´s eh am besten – ne wahr?« Sie drückte mit der Suppenkelle eine Mulde in die gestampften Kartoffeln auf Amalie Meyers Holzteller. Hierein füllte sie eine gute Menge gesottenen Fleisches und goss mit Brühe auf. Der zarte Duft von Majoran und Lorbeer drang an Amalies Nase und ließ sich auch durch das kräftigere Aroma des Sauerkrautes, das die Wirtin jetzt rund um die Kartoffeln häufte, nicht vertreiben.

»Mmh«, machte die Tante. »Das riecht doch recht manierlich, was Ihr da anrichtet. Aber was hat das mit einem Deich zu tun?«

»Nu, wächen dem Deichl in där Mitte vun där Mauke!«, lachte die Wirtin und deutete auf die Brühe mit dem Fleisch, die sich nunmehr wie Lava aus einem Vulkankrater nach links und rechts über die aufgetürmten Stampfkartoffeln ergoss.

»Sie meint den Teich«, übersetzte Johannes Meyer für seine Tante. Die guckte noch immer verständnislos.

»Deichlmauke ist Kartoffelstampf«, kam Coswig dem Kantoren zu Hilfe. »Mauke geheißen, mit einem kleinen Teich – einem Deichl - aus Fleischbrühe mit allerlei Wurzelgemüse in der Mitte.«

»Ach so!«, machte Amalie. »Ja, warum sagt Sie das nicht gleich?« Sie tätschelte der Wirtin den Arm wie einem närrischen Kind, das es zu beruhigen gilt und lächelte. »Sicher wird es gut schmecken.«

»Nu, das will isch mein`n.« Die Wirtin lachte zurück. Sie nahm die Töpfe, ging zum nächsten weiter und der Vorgang wiederholte sich, bis alle am Tisch vor gefüllten Tellern saßen. Daraufhin entschuldigte sich die Wirtin. Sie werde nun die Nachtlager vorbereiten. Wer Nachschlag wolle, könne sich ruhig selbst bedienen, die Töpfe stünden auf dem Herd. Einen Moment später hörte man sie im ersten Stockwerk rumoren, wo sie dem Lärme nach die eisernen Wärmflaschen befüllte und austeilte.

»Ein kräftiges Winteressen!« Carolina freute sich. »Was für ein Zufall, dass die gute Frau noch so viel im Topf hatte.«

»Ja, ein großer Zufall, nicht wahr?« In Coswigs Stimme schwang wieder dieser spöttische Unterton mit, der Hübner schon den ganzen Tag gegen den Reisegefährten aufbrachte.

»Nun ist aber genug!«, polterte er deshalb quer über den Tisch. »Warum könnt Ihr nicht einfach die Höflichkeit haben und Euch zur Abwechslung bedanken für das, was man Euch Gutes tut!«

»Verzeiht, mein lieber Freund«, antwortete Coswig, »Wenn ich Eure Einfalt nicht teile. Aber kommt es Euch nicht auch seltsam vor, dass ein abgelegener Gasthof mitten im Wald, der von einer einfachen Köhlersfrau geführt wird – denn als solche hat sie sich bei unserer Ankunft vorgestellt, Ihr erinnert Euch? - dass also ein solcher Gasthof, der vermutlich von Gästen nicht gerade überrannt wird, an einem ganz gewöhnlichen Wochentag mit einem Festmahl aus Fleisch aufwarten kann?«. Coswig bemühte sich leise zu sprechen, aber sein Flüstern erreichte trotzdem jedes Ohr in der Runde. »Und was für eine Art von Fleische mag das sein, so rötlich schimmernd, wie diese Brühe ist?«