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Träume können wahr werden. Albträume auch. In Washington treibt ein Killer sein Unwesen. Die FBI-Profilerin Sophie ist ihm dicht auf den Fersen. Als ein weiteres Mordopfer auftaucht, muss sie entsetzt feststellen, dass sie das Mädchen kennt: aus ihren Träumen. In ihrem Bemühen, Fakten und Fiktion, Wirklichkeit und Albtraum zu trennen, identifiziert sich Sophie immer mehr mit der Psyche des Mörders ...
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Seitenzahl: 499
Veröffentlichungsjahr: 2018
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P. D. Martin
Body Count – Die Spur des Todes
Aus dem Englischen von Axel Merz
Ihr Verlagsname
Träume können wahr werden. Albträume auch.
In Washington treibt ein Killer sein Unwesen. Die FBI-Profilerin Sophie ist ihm dicht auf den Fersen. Als ein weiteres Mordopfer auftaucht, muss sie entsetzt feststellen, dass sie das Mädchen kennt: aus ihren Träumen. In ihrem Bemühen, Fakten und Fiktion, Wirklichkeit und Albtraum zu trennen, identifiziert sich Sophie immer mehr mit der Psyche des Mörders ...
Philippa D. Martin ist Verhaltensforscherin und lebt in Australien.
Das Haus lag still da. Es war drei Uhr morgens.
Die schlafende Gestalt eines kleinen Mädchens nahm nur einen kleinen Platz auf dem Einzelbett ein. Es lag auf der Seite, in Embryostellung zusammengerollt, und sein Paddington-Bär saß wachend in einer Ecke des Bettes. Eine Nachttischlampe erhellte das Zimmer, zusätzlich fiel Licht aus dem Flur durch den schmalen Türspalt hinein, um ihr falls nötig den Weg ins Badezimmer zu weisen.
Sie warf sich herum, kam auf den Rücken zu liegen. Ein leises Wimmern drang über ihre Lippen. Sie hatte offensichtlich einen von ihren Albträumen.
«Nein. Bitte nicht.»
Sie stöhnte. Ihr Atem beschleunigte sich. Sie wimmerte. Ihr Herzschlag raste. Sie strampelte mit den Beinen, und die Decke löste sich an den Seiten des Bettes, wo sie unter der Matratze eingeklemmt war.
Der Junge in ihrem Traum rannte. Jemand war hinter ihm, ein Mann. Der Mann kam stetig näher. «Pass auf!», sagte sie, kaum hörbar. Sie musste den Jungen retten.
Ihr Atem ging schneller. Sie schnappte nach Luft.
Dann setzte sie sich kerzengerade auf und schrie. Doch nicht einmal der durchdringende Laut ihres eigenen Schreis vermochte sie zu wecken. Der Albtraum war zu intensiv, zu real.
Ein Stück den Korridor hinunter wachte ihre Mutter auf. Ihr war sofort klar, dass ihre Tochter wieder einen ihrer Albträume hatte. Einen weiteren Albtraum. Sie packte ihren Morgenmantel und schlüpfte hinein, während sie den Flur entlangrannte.
Im Kinderzimmer angekommen, legte sie tröstend die Arme um das immer noch schreiende Kind und wiegte es hin und her. Das Schreien brach ab, und das Mädchen erwachte.
«Mum? John? Wo ist John?»
«Alles ist gut, Liebes. Es war nur ein Traum.»
«Wo ist John?», rief sie aufgeregt.
«Okay, okay, Darling, wir sehen nach. Du wirst sehen, er liegt in seinem Bett und schläft.» Die Frau nahm ihre Tochter auf den Arm und ging mit ihr in Johns Zimmer hinüber. Sie blieben im Türrahmen stehen.
«Was ist los?», fragte John, mehr schlafend als wach.
«Sieh nur, Liebes, er liegt im Bett. Es geht ihm gut.»
«Oh. Wieder ein Albtraum», sagte John genervt, drehte sich auf die Seite und vergrub den Kopf unter dem Kissen.
Die Frau brachte ihre Tochter zurück ins Bett. Dort angekommen, fiel ihr Blick auf den Nachttisch, auf dem ein Roman von Agatha Christie lag. «Liebes, ich hab dir gesagt, dass du diese Bücher nicht lesen sollst. Du bist noch zu jung. Kein Wunder, dass du so viele Albträume hast.»
Zwei Nächte später
Das kleine Mädchen stieß ein gewaltiges Keuchen aus, von dem sie aufwachte. Sie atmete verzweifelt ein und aus in dem Versuch, wieder Luft in ihre Lungen zu bekommen.
«John ist in Gefahr», sagte sie laut, obwohl niemand da war.
Sie blickte in den Flur. Er lag dunkel da. Warum war alles dunkel? Ihre Mum ließ doch immer das Licht für sie brennen. Langsam stieg sie aus dem Bett und stand zitternd vor Furcht und Kälte da. Dann griff sie sich Paddington und tappte nach draußen in den Flur, den Bären unter den Arm geklemmt. Dort schob sie sich ängstlich mit dem Rücken an der Wand entlang. Noch ein paar Schritte, und sie würde den Lichtschalter erreichen. Da. Sie schaltete das Licht ein und atmete tief durch. So war es besser. Sie ging an Johns Zimmer vorbei, hatte Angst, es zu betreten. Doch sie musste es tun. Sie umklammerte Paddington fester und schaltete das Licht im Zimmer ihres Bruders ein. Das Erste, was sie sah, war das offene Fenster. Dann bemerkte sie, dass John nicht in seinem Bett lag.
Plötzlich tauchten Bilder vor ihrem geistigen Auge auf: Sie blickte auf John herab – sie war plötzlich größer als er. Sie streckte die Hand aus, doch es war eine große Hand. Eine raue Männerhand. John weinte, und sie konnte das Vergnügen spüren, das der Mann dabei empfand, John Schmerzen zuzufügen. Ihre großen Hände umfassten Johns Hals und drückten zu, fester und fester. John würgte, schnappte verzweifelt nach Luft. Es war, als wäre sie der Killer, sie spürte, wie eine Woge der Befriedigung über sie hinwegrollte und das Adrenalin durch ihre Adern rauschte, als John erschlaffte.
Sie brach auf dem Fußboden zusammen.
Fünfundzwanzig Jahre später
Mein Atem geht flach und schnell, während das Geräusch meines Herzschlags in meinen Ohren widerhallt. Es ist der erste Außeneinsatz, den ich seit langem durchführe, und ich fühle mich etwas eingerostet. Bald geht es los. Ich zwinge mich, ruhig zu atmen.
Während ich auf mein Zeichen warte, studiere ich aufmerksam die Umgebung. Ich habe auf der rechten Seite direkt gegenüber dem Wohngebäude, das wir im Visier haben, geparkt. Von dort aus kann ich die Straße und das Haus gut überblicken. Das Viertel liegt wie ausgestorben da. Alles ist ruhig. Unheimlich ruhig, so als würden sich alle Bewohner in ihren Häusern verstecken, so als wüssten sie, was gleich passieren wird, und als warteten sie auf das Ende des Sturms. Es ist zwei Uhr nachmittags an einem Mittwoch. Die einzige Bewegung, die ich ausmachen kann, ist die einer Mutter, die fünfzig Meter vor mir ihren Kinderwagen über den Gehsteig schiebt. Achtzig Meter weiter warten einige Menschen an einer Bushaltestelle. All das nehme ich in mich auf, ich zähle die Leute, speichere alle Informationen über sie in meinem Gedächtnis – vielleicht brauche ich sie später. Boxley, unsere Zielperson, hat das Gebäude vor ungefähr einer halben Stunde betreten. Doch für den Augenblick sieht nichts verdächtig aus. Ich atme ein weiteres Mal tief durch. Geduld. Es dauert nicht mehr lange.
Ich liebe dieses Gefühl bei meiner Arbeit, dieses Wissen, dass aus dem Jäger endlich der Gejagte geworden ist. Ich wette, der Mörder fühlt sich genauso, wenn er sein Opfer in die Enge treibt und bereits weiß, dass es jeden Augenblick ihm gehören wird.
Doch er begeht ein großes Unrecht, während wir für Gerechtigkeit sorgen.
Wahrscheinlich hat er sein nächstes Opfer bereits ausgewählt. Ich sehe ihn vor mir, wie er sich an die Frau heranschleicht, und stelle mir vor, sie wäre meine Schwester, meine beste Freundin oder sogar ich selbst. Ich beiße die Zähne zusammen, und meine Hand bewegt sich automatisch zur Waffe in meinem Knöchelhalfter. Meine Finger umschließen den Griff … es sind Typen wie dieser Mistkerl dort im Haus, die in mir den Wunsch geweckt haben, Polizistin zu werden.
«Hier ist Mad Dog, sind Sie in Position … Eins?» Detective Flynns Stimme knackt leise in meinem Ohr. Flynn von der D.C. Homicide – der Washingtoner Mordkommission – ist der Einsatzleiter unserer gemeinsamen Operation vom FBI und der Ortspolizei von Columbia. «Bereit», bestätigt der Anführer der ersten Einheit.
«Zwei?», fragt Flynn.
«Bereit.»
Ich höre, wie sich eine Einheit nach der anderen meldet, zuletzt die von Agent Josh Marco. Wir alle haben an diesem Fall eng zusammengearbeitet und sind dadurch Freunde geworden. Vielleicht sogar mehr als Freunde.
«Okay, Goldlöckchen, wir sind so weit», sagt Flynn.
Mit zwei Beamten wartet er links von der Wohnung und deckt die Feuertreppe. Er blickt nach oben und nickt mir zu. Aus dieser Entfernung erkenne ich gerade eben sein Lächeln.
Schnell steige ich aus dem roten Ford, den wir für diese Operation organisiert haben, und greife nach dem Musterkoffer mit Proben und meinem schwarzen Mantel auf dem Beifahrersitz. Schnell schlüpfe ich hinein. Für den Job habe ich eine schwarze Hose ausgewählt, die an den Knöcheln leicht ausgestellt ist und tief auf der Hüfte sitzt, dazu einen engen roten Pullover mit V-Ausschnitt, der so viel Dekolleté zeigt, wie auf einer Party gerade noch zulässig wäre. Leider macht es dieses sexy Outfit unmöglich, meine kugelsichere Weste zu tragen, ohne die ich mich immer ein wenig verletzlich fühle. Aber Pistolen scheinen nicht zum Stil dieses Mannes zu gehören. Außerdem dürfen wir nicht riskieren, ihn durch den zusätzlichen Umfang meines Oberkörpers misstrauisch zu machen. Über der knappen «Arbeitskleidung» trage ich einen schwarzen Schal und den langen Mantel, dazu schwarze Lederhandschuhe.
Los geht’s. Die vergangenen fünf Monate habe ich diesen Fall gelebt und geatmet, und jetzt fühlt es sich phantastisch an, den Bastard so gut wie in den Fingern zu haben.
Der Kerl wohnt in einem fünfzehnstöckigen Hochhaus, das ziemlich gut in Schuss ist, obwohl es offensichtlich aus den Sechzigern stammt. Der betonierte Weg ist von einer hüfthohen Buchsbaumhecke gesäumt. Rechts und links davon erstreckt sich Rasen, und ein paar blühende Büsche bringen Farbe in das eintönige Grau.
Ich gehe den Plan in Gedanken ein letztes Mal durch … mein Name ist Lauren. Lauren Armstrong. Ich arbeite für Clean-a-way Living und bin gekommen, um dem Mistkerl – pardon, dem Kunden – unsere Auswahl an wirksamen und umweltfreundlichen Reinigungsprodukten zu verkaufen.
Bilder seiner Opfer in den Lachen ihres eigenen Blutes tauchen vor meinen inneren Augen auf. Schnell schiebe ich sie beiseite und konzentriere mich.
Ich suche die Klingeltafel an der Innenwand ab. Robert Boxley steht neben Apartment 104. Ich drücke auf den Knopf. Ein kurzer Moment zieht sich wie Minuten dahin, und schließlich höre ich das Knacken der Gegensprechanlage.
«Wer ist da?», fragt eine heisere männliche Stimme.
«Hi, hier ist Lauren von Clean-a-way!» Ich benutze eine kehligere Version meiner normalen Stimme, spiele mit meinem australischen Akzent.
«Lauren. Ja. Kommen Sie rauf.»
Der Summer ertönt, und ich trete durch die Sicherheitstür. Mein Magen zieht sich plötzlich zusammen, und mein inneres Warnsystem schlägt Alarm. Ich habe ein schlechtes Gefühl wegen dieser Sache, zwinge mich aber, es zu verdrängen. Das sind nur die Nerven, versuche ich mir einzureden. Schließlich ist es mein erster Außeneinsatz seit einer ganzen Weile. Mit dem Daumennagel aktiviere ich das Mikrophon in dem Ring an meinem kleinen Finger. «Ich bin drin.» Die Bestätigung für Flynn und den Rest der Soko.
Das kleine Foyer ist mit braun gesprenkelten Fliesen ausgelegt, die Wände in stumpfem Grün gestrichen. Neben einem rostigen Feuerlöscher an der linken Wand hängt ein ausgebleichtes Sicherheitszertifikat – wahrscheinlich beides aus den Sechzigern. Gegenüber dem Eingang befindet sich ein kleiner Aufzug. Ich blicke auf die Anzeige darüber und bemerke, dass die Nummer elf schwach leuchtet. Der Aufzug bewegt sich nicht. Unser Verdächtiger wohnt im ersten Stock, also wende ich mich zur Treppe auf der rechten Seite. Ich packe das schmiedeeiserne Geländer, das unter meiner Hand leicht rattert. Mit jedem Schritt scheint mein Herz schneller zu schlagen, und jeder Schlag sendet Vibrationen durch meinen Körper. Mein Herzklopfen erscheint mir so laut, dass ich meine, die Jungs müssten es wahrscheinlich durch das Mikro hören können. Das ärgert mich, denn bei meiner ersten Verhaftung will ich einen guten Eindruck machen.
Ich klopfe an die Tür von Apartment 104. Zwei Schlösser werden entriegelt, dann öffnet sie sich langsam, und ich werde von Robert Boxley begrüßt. Er sieht ein wenig anders aus als auf dem Bild, das wir von seinem Arbeitgeber bekommen haben, doch ich erkenne ihn trotzdem. Einsfünfundsiebzig und stämmig gebaut, mit einem kleinen Bierbauch. Er ist sauber rasiert, und seine Haut ist glatt und durchscheinend, auch wenn ein paar Schweißperlen auf seiner Oberlippe glänzen. Ist er etwa nervös? Das schwarze Haar ist kurz geschnitten. Er trägt Bluejeans, ein weites weißes T-Shirt und Turnschuhe. Wenn ich nicht wüsste, was für ein Monster dieser Kerl ist, ich würde ihn für gut aussehend halten.
«Hi, Robert.» Ich tauche in meine Rolle ein, verdränge meinen Abscheu, so gut ich kann.
«Hi, Lauren», antwortet er und mustert mich intensiv aus seinen dunkelgrünen Augen. «Kommen Sie rein.» Er tritt zur Seite und bedeutet mir einzutreten.
Ich gehe an ihm vorbei, wobei ich ihm für kurze Zeit den Rücken zuwenden muss. In diesen wenigen Sekunden jagen mir beängstigende Schauer durch den Körper. Dabei bin ich eigentlich nicht in Gefahr. Nicht nur wegen der Stärke und Fähigkeiten meiner Rückendeckung, sondern auch, weil es unserer Einschätzung nach unwahrscheinlich ist, dass er mich angreift. Ich bin zwar sein Typ, aber er liebt es, seinen Opfern ein paar Wochen lang nachzustellen. Vielleicht fügt er mich seiner Liste hinzu, doch für dieses Mal hat er sich bereits ein anderes Mädchen ausgesucht, und er geht zu methodisch vor, als dass er mich ungeplant dazwischenschieben würde.
Ich nehme jede Einzelheit in mich auf, bin mir meiner Umgebung nur allzu deutlich bewusst. Selbst ein Geruch könnte etwas bedeuten. Doch ich rieche nichts außer den Überresten des Currys vom vergangenen Abend.
«Ihr Mantel?»
Ich stelle meinen Musterkoffer auf den Teppich und ziehe meinen Mantel langsam aus. Er beobachtet mich genau, seine Augen gleiten über meinen Körper, sein Blick durchbohrt mich, doch ich lächle und reiche ihm meinen Mantel und den Schal. Es macht mich krank, freundlich zu diesem Mann zu sein, doch das gehört zu meinem Job. Und bald werde ich den Spieß umdrehen.
Er hängt Mantel und Schal an einen Haken neben der Wohnungstür, während ich mich aufmerksam umblicke. Das Zimmer ist makellos.
«Eine hübsche Wohnung haben Sie.»
Die Einrichtung ist klassisch und schlicht, wie viele Männer es vorziehen. Ich frage mich, ob sie das Erscheinungsbild mögen oder den geringeren Aufwand beim Staubwischen. Von der Tür aus kann ich die Wohnbereiche übersehen. Direkt vor mir befindet sich das Wohnzimmer mit einem großen Fernseher, einem DVD-Player, einem Couchtisch, auf dem die neueste Ausgabe von Premiere strategisch platziert liegt, und zwei Zweisitzersofas. Außerdem verfügt das Wohnzimmer über ein riesengroßes Fenster. Eine Arbeitstheke trennt das Wohnzimmer von der fleckenlos sauberen Küche. Ich bemerke ein paar Magnete am Kühlschrank; einer davon hält ein Foto. Es ist eine Frau, doch ich kann ihr Gesicht nicht erkennen.
Boxley kann den Blick nicht von mir reißen. «Es ist klein, aber es ist ein Zuhause.»
«Es ist großartig! Sie sollten meine Wohnung sehen. Das ist eine Müllkippe.» Ich schmeichle ihm, vermittle ihm das Gefühl von Überlegenheit.
«So schlimm ist es bestimmt nicht.» Er bedeutet mir, weiter vorzutreten. Ich nehme meinen Musterkoffer und folge ihm ins Wohnzimmer.
«Sind Sie schon lange in den Staaten?», fragt er.
Höflicher Smalltalk.
«Erst seit sieben Monaten.» Ich sehe keinen Grund zu lügen. Vor sieben Monaten bin ich hier angekommen, habe mir einen Monat Zeit zum Eingewöhnen gelassen und dann angefangen, für das FBI zu arbeiten.
«Gefällt es Ihnen hier?»
«O ja. Ich liebe dieses Land.» Ebenfalls wahr.
Während wir uns unterhalten, suche ich nach Anzeichen seiner anderen, dunklen Beschäftigung. Ich konzentriere mich erneut auf den Kühlschrank und das Foto.
«Sie ist hübsch. Ihre Freundin?» Um das Bild besser in Augenschein nehmen zu können, trete ich einen Schritt näher. Und Bingo – es ist das Foto eines der Opfer.
Er tritt hinter mich, und ich spüre seinen Blick in meinem Nacken. Er ist höchstens zwei Schritte von mir entfernt und ist damit in meine Intimsphäre eingedrungen.
Er zögert. «Ex, eigentlich. Wir haben uns getrennt …» Er stockt, sucht nach den richtigen Worten. «Es war ein schmutziges Ende.»
Ich kenne die Fotos von besagtem Ende – dem Ende des Mädchens. Es war mehr als schmutzig. Was für ein kranker Bastard.
«So etwas kann furchtbar enden, nicht wahr?», sage ich und meine damit Beziehungen, aber vor allem Mord. «Ich sehe, Sie haben immer noch eine kleine Schwäche für sie.»
Er tritt neben mich und lehnt sich gegen den Kühlschrank. «Nein, eigentlich nicht. Ich hätte das Foto schon lange abhängen sollen.»
«Wie ist ihr Name?»
«Kathy.»
«Kathy. Sie ist sehr hübsch», wiederhole ich und bin froh, dass er den richtigen Namen des Opfers genannt hat. Flynn und Marco werden wissen, wessen Bild ich vor mir habe. Kathys Foto ist ein Beweisstück. Es sieht gut aus mit der Verhaftung.
«Räuspere dich, wenn es unsere Kathy ist, Goldlöckchen», sagt Flynn in meinem Ohrhörer.
Ich räuspere mich und hüstele leicht.
«Möchten Sie vielleicht ein Glas Wasser?», fragt Boxley.
«Nein, danke, es geht schon.» Ich kehre ins Wohnzimmer zurück. «Bevor ich anfange – haben Sie vielleicht eine Mitbewohnerin oder sonst jemanden, der sich für unsere Produkte interessieren könnte?»
«Nein. Ich wohne allein.»
Gut. Kein Mitbewohner. Wir machen weiter wie geplant.
«Nun, Mr. Boxley, wie ich sehe, sind Sie stolz auf die Sauberkeit Ihres Zuhauses, und Sie werden unsere Produkte lieben», sage ich und fange mit meinem viel geprobten Verkaufsspiel an. Ich stelle meinen Musterkoffer vor dem Fenster auf den Couchtisch und positioniere mich genau davor – gut sichtbar für die Scharfschützen für den Fall, dass sie das Feuer auf unseren Mr. Boxley eröffnen müssen.
Ich genieße die volle Aufmerksamkeit des Verdächtigen und öffne langsam den schwarzen Vinylkoffer. Im Innern befinden sich mehrere Fächer, die Reinigungsprodukte enthalten und ein paar Tücher. Am Deckel des Koffers sind zwei kleine Stücke Laminat befestigt, die für die folgende Vorführung gebraucht werden. Aus dem Hauptfach wähle ich die Creme, die für alle Oberflächen benutzt werden kann.
Damit Boxley das Etikett sehen kann, halte ich die Flasche hoch. Mit der Hand streiche ich über ihre Vorderseite und verweile für einen kurzen Augenblick über dem Etikett, wie es die Mädchen in den Gameshows tun. Darum habe ich sie schon immer beneidet.
«Diese milde Reinigungscreme ist unser Topseller», beginne ich. «Sie können sie für fast alles benutzen. Herdplatten, Badezimmer, Toilette, Arbeitsflächen und so weiter.»
Ich nehme eines der vorbereiteten, mit Schmutz versehenen Laminatstücke aus dem Koffer. «Hier sehen Sie zwei Rotweinflecken, und das dort ist ein Curryfleck.» Ich deute auf einen rötlich-braunen Fleck. «Ziemlich schwer zu entfernen.»
Noch rede ich viel zu hastig. Ich muss langsamer und entspannter werden.
Grazil ziehe ich ein Tuch hervor. «Sie brauchen nicht viel von unserer Creme», gurre ich und falle wieder in meine Rolle. Vorsichtig drücke ich die Flasche ein wenig zusammen und verteile die weiße schaumige Substanz auf dem Tuch. Ich beuge mich vor und enthülle genügend Ausschnitt, um seinen Verstand, oder vielmehr seinen Körper, zu wecken.
Boxley reagiert. Er verlagert seine Haltung unmerklich, um einen besseren Einblick zu bekommen. Scheißtyp.
«Damit reicht nur noch ein leichtes Wischen.» Jetzt spreche ich leise, mit melodisch weicher Stimme und tiefem Timbre.
«Goldlöckchen, du machst mich an!» Es ist Marcos Stimme. Ich reagiere nicht. Den knöpfe ich mir später vor.
«Sehr beeindruckend.» Boxleys Kommentar gilt eindeutig mir und weniger den Reinigungsprodukten.
Ich lächle ihm zu, lasse den Blick auf ihm verweilen. Langsam gleiten meine Augen an ihm nach unten bis zu seinem Unterleib. Unvermittelt schlage ich die Augen nieder, als wäre ich plötzlich verlegen und mir bewusst geworden, was ich da tue. Während er diese Beobachtung noch verarbeitet, lasse ich den Blick erneut durch den Raum schweifen, auf der Suche nach einer Waffe.
«Sehen Sie nur», sage ich zu ihm und zeige ihm das Stück Laminat. «Makellos.»
Er lächelt.
Es wird Zeit.
Ich nehme eine neue Flasche aus meinem Musterkoffer. «Unser nächstes Produkt ist der Fensterreiniger.»
Mit übertriebenem Hüftschwung stolziere ich zum Fenster und sprühe es ausgiebig ein. Bevor ich anfange zu putzen, drehe ich mich auffordernd zu Boxley um und lächle ihm kokett zu.
«Das hier werden Sie besonders mögen.» Meine Stimme klingt ernster, kühler, denn bei dem Gedanken, dass er bald uns gehören wird, falle ich für einen kurzen Moment wieder aus meiner Rolle. Ich wische das Produkt auf und gebe unseren Jungs damit das vereinbarte Signal. Die Verhaftung läuft wie geplant.
«Mad Dog, hier ist Sieben. Wir haben das Signal. Ich wiederhole, wir haben grünes Licht», sagt eine Stimme in meinem Ohrhörer.
Ich drehe mich um und bemerke einen eigenartigen Ausdruck auf Boxleys Gesicht. Er blickte auf meine Füße. Nein, meinen Knöchel. Gütiger Gott, auf den Knöchel mit dem Halfter. Ob er etwas gemerkt hat?
«Stimmt etwas nicht?» Ich halte meine Stimme beiläufig und fest.
Boxley sieht mich schweigend an. Ich kenne diesen Blick. Jeden Augenblick passiert etwas.
Er springt vor, die Arme ausgestreckt. Ich weiche zur Seite, gerade rechtzeitig, um seinem Griff zu entkommen, dann mache ich schnell einen Schritt nach vorn und ziele mit dem rechten Fuß auf seinen Rücken, seine Nieren. Durch die Wucht meines Trittes stolpert er vorwärts und landet vor dem Fenster auf den Knien. Er wirbelt herum, bereit, mich erneut anzugreifen. Ich zerre die Waffe aus dem Knöchelhalfter und lege dabei die Sicherung um.
«FBI!» Es ist das erste Mal, dass ich mich als FBI-Mitglied zu erkennen gebe, und selbst in dieser Situation spüre ich, wie sehr ich es genieße. Adrenalin überschwemmt meinen Blutkreislauf.
Boxley zögert.
«Ich werde schießen, Robert, denken Sie besser nicht mal dran.» Ich sehe ihn an und kann an nichts anderes mehr denken als an seine Opfer. Entschlossen senke ich die Waffe, ziele nicht mehr auf sein Herz, sondern auf seinen Unterleib. Es hat den erwünschten Effekt.
«In diesem Augenblick sind zwanzig Cops und Agenten vom FBI auf dem Weg hierher, und wir haben Scharfschützen auf den Dächern ringsum.» Er steht mitten in ihrer Schusslinie. «Eine falsche Bewegung, und Sie sind tot.»
«Du Miststück!»
«Flynn, ich habe den Verdächtigen.»
«Okay, Goldlöckchen. Wir sind gleich da.»
Ich gehe rückwärts und öffne die Wohnungstür, während ich die Waffe und den Blick ständig auf Boxley gerichtet halte. «Roger, Flynn. Die Tür ist offen.»
«Ihr seid doch alle gleich, verdammte Miststücke», sagt Boxley hasserfüllt.
Ich stelle den Becher mit Pfefferminztee zurück auf meinen Schreibtisch, genau auf den Kaffeering vom Vortag. Mein Büro ist ziemlich klein, wie die meisten anderen Büros der Einheit auch, ungefähr drei mal fünf Meter. Aber immer noch besser als ein Großraumbüro. Die Einrichtung ist nüchtern – weiße Wände, graue Möbel und ein einigermaßen neuer blaugrauer Teppichboden. Gerade bin ich mit dem Aufräumen fertig geworden, meine große weiße Tafel an der Wand blitzt so sauber wie selten zuvor. Auf meinem Aktenschrank liegen nur drei Akten, und auf meinem Schreibtisch sind jetzt immerhin ein paar freie Stellen. Ich habe sogar die beiden Besucherstühle ordentlich vor meinen Schreibtisch geschoben. Zum Abschluss gieße ich noch die Pflanze in der Ecke, das einzig Gemütliche im Büro.
Selbst aus meinem Büro kann ich sehen, dass das Gebäude ruhig und bereits teilweise im Dunkeln liegt. Es ist sieben Uhr, und eigentlich hätte ich mich längst zu den anderen gesellen sollen. Mein Boss, Andy Rivers, hatte mich gedrängt mitzukommen.
«Was machen Sie da, Anderson? Lassen Sie alles bis morgen liegen. Es ist Zeit zum Feiern. Gott weiß, Sie haben es verdient!»
«Ich komme bald nach!», hatte ich versprochen. Doch anstatt in die Bar zu gehen, hatte ich angefangen, Notizen und Berichte abzuheften.
Ich lege die letzten handschriftlichen Notizen, computergeschriebenen Berichte und Fotos in die Schachtel und verschließe sie, bereit zur Übersendung an den Staatsanwalt für die Anklage. Ganz bestimmt werde ich in den Zeugenstand gegen Boxley gerufen. Irgendwann werden meine Notizen dann im Archiv landen, wohin alle gelösten Fälle wandern, um für immer zu verschwinden – genau wie Boxley. Er wird nie wieder ein Gefängnis von außen sehen.
Ich mag es, Berichte abzuheften, sobald ein Fall abgeschlossen ist. Es hat etwas Symbolisches. Auf diese Weise versuche ich, den Fall wenigstens bis zur Gerichtsverhandlung aus meinem Gedächtnis zu löschen.
Mit dem Rücken zur Tür beuge ich mich über meinen Schreibtisch und schiebe die letzten Papiere zusammen.
«Also …»
Ich schrecke zusammen, bis ich die vertraute Stimme erkenne. Agent Josh Marco.
«Marco, wie machst du das?» Er kann einen Raum betreten, ohne das leiseste Geräusch zu verursachen.
«Ist mein Job. Und was für eine Ausrede hast du?»
«Ich will den Papierkram erledigen und die Akte schließen.»
«Ich sehe ein, dass das wichtiger ist, als uns bei einem Drink Gesellschaft zu leisten», lacht er. «Ich würde gerne mal wissen, wie du es schaffst, ein so genaues Profil zu erstellen.»
«Ach, das.» Ich spiele die Schüchterne. «Das ist mein Job. Außerdem warst du auch dicht dran.»
«Zugegeben, aber du …» Er zögert. «Sagen wir, ich bin beeindruckt von deinen Fähigkeiten. Tatsächlich bist du vielleicht der beste Profiler, mit dem ich je zusammengearbeitet habe.»
Ich erröte. Ich liebe meine Arbeit und mag die Vorstellung, die Beste zu sein, aber so weit bin ich noch nicht. «Ach nein.» Verlegen hantiere ich mit den Unterlagen auf meinem Schreibtisch. Noch bin ich der Rookie, der Grünschnabel, in diesem Department. «Wir alle erstellen gute Profile», wehre ich ab.
«Dafür bezahlen sie uns, oder?» Er grinst. «Ich geh jetzt rüber. Kommst du mit?»
«Bald.»
«Komm schon.»
Ich sehe zu meinem relativ aufgeräumten Schreibtisch, der noch vor einer Stunde mit Papieren übersät war. Ich schätze, ich kann die Akten auch morgen noch zum DA schicken.
«Schon gut, ich komm ja schon», sage ich in meinem besten amerikanischen Akzent.
«Du hast es immer noch nicht raus.»
«Werd ich wenigstens besser?»
«Sicher. Noch ein Jahr, und du kommst vielleicht damit durch.»
«Ich würde dich gerne an meiner Stelle sehen. Amerikaner sind absolut unbegabt, was den australischen Akzent angeht.»
«Da hast du Recht», sagt er in perfektem australischem Englisch.
«Ich bin beeindruckt. Wie hast du dieses Talent sechs Monate lang vor mir verborgen?»
«Ich war mal undercover als Australier unterwegs, aber wenn ich dir mehr erzählen würde, müsste ich dich anschließend mundtot machen.» Er lehnt in der Tür und zwinkert mir zu.
«Der Spruch funktioniert vielleicht bei den Mädchen in der Bar, aber nicht bei mir.» Ich grinse zurück und klimpere übertrieben mit den Wimpern.
«Schätze nicht, Goldlöckchen.» Er lächelt.
Im Verlauf der letzten sechs Monate habe ich eine Reihe von Steinchen entdeckt, die das Puzzle Josh Marco ausmachen, aber es kommt immer noch kein Bild zustande. Ich weiß, dass er als Cop angefangen hat, dann bei der Air Force war und einige Zeit als Field Agent, als Ermittler im Außendienst, beim FBI verbracht hat, bevor er zu unserer Einheit gestoßen ist. Ich weiß auch, dass er ein guter Agent ist.
«Komm endlich. Lass mich dich von der Arbeit wegzerren, bevor Rivers sauer wird.»
Rivers … von diesem Puzzle fehlen mir noch mehr Steine.
«Du hast gesagt, er wäre Single, richtig?», frage ich.
«Ja. Hab gehört, er wäre mal verheiratet gewesen.»
«Geschieden?»
«Schätze ja.» Er verschränkt die Arme vor der Brust. «Niemand weiß irgendwas über Rivers. Du weißt selbst, wie er ist.»
«Ja. Schätze ja.» Doch in Wirklichkeit will die Psychologin in mir viel mehr wissen.
Marco richtet sich auf und nickt mit dem Kopf in Richtung Tür. «Gehen wir.»
Ich fahre meinen Computer runter und stelle die Schachtel mit den Akten unter meinen Schreibtisch. Fall abgeschlossen. Keine Albträume mehr.
«Ich muss nur eben abschließen», sagt Marco.
Ich folge ihm durch das kaninchenbauartige Labyrinth aus Gängen zu seinem Büro. Die FBI-Büros in Quantico nehmen nur einen kleinen Teil des Komplexes ein, der zur FBI Academy gehört, dem nationalen Ausbildungszentrum. Das FBI hat eineinhalb Quadratkilometer zu seiner Verfügung, und der gesamte Ausbildungskomplex umfasst drei Wohnheime, einen Speisesaal, eine Bibliothek, ein Auditorium, eine Kapelle, eine Sporthalle, eine große Aschenbahn, ein Fahrtrainingsgelände, mehrere Schießstände und die berühmte Hogan’s Alley – eine simulierte Stadt, in der die Agenten Einsätze trainieren. Es gibt außerdem ein paar zentrale Departments, die von Quantico aus operieren anstatt vom Hauptquartier in D.C. Unsere Einheit der Verhaltensforschung, die Behavioral Science Unit, kurz BSU, ist eines dieser Departments, genau wie die Forensic Science Research, das forensische Labor des FBI, und das Training Center.
Die BSU befindet sich im Tiefgeschoss des Gebäudes und besteht aus schmalen Korridoren und kleinen fensterlosen Büros. Ich habe viel Zeit gebraucht, um mich daran zu gewöhnen.
Schließlich biegen wir ungefähr zum zehnten Mal links ab und landen vor Marcos Büro. Dort ist noch das gesamte Arbeitsmaterial des eben gelösten Henley-Falles, und das verdirbt mir mein Glücksgefühl. Die Weißwandtafeln sind voll gekritzelt, auch mit meiner Handschrift, und an den Wänden hängen Fotos: tote Mädchen, aufgenommen aus jedem Winkel, ein Bild von einem Messer sowie Bilder der Umgebung, in der die Frauen gefunden wurden. Christine Henley war die Erste, die ermordet wurde. Das ist zwei Jahre her. Doch vor fünf Monaten – einen Monat nach meiner Ankunft hier – haben sich die Dinge zugespitzt. Der Killer brachte die Tochter des Bürgermeisters um, und die Jagd ging los. Es wurden einige Fäden gezogen, und danach arbeiteten Marco und ich vor Ort an diesem Fall. Manchmal braucht eben jemand hoch oben einen gewaltigen Tritt, um Ressourcen lockerzumachen, ganz besonders heutzutage, wo die oberste Priorität des FBI der Terrorismus ist. Seit dem elften September sind Serienmörder für die Politiker nur noch Kleinvieh.
Nach dem Mord an der Tochter des Bürgermeisters verübte Boxley drei weitere, bevor wir ihn schnappen konnten.
Es ist immer das letzte Opfer in einem Fall wie diesem, das mir zu schaffen macht. Hätten wir sie retten können? Hatte es wirklich keine Chance gegeben, ihn zu kriegen, bevor er zuschlug?
Ich blicke mich im Raum um, lasse die Morde, die Jagd noch einmal Revue passieren. Marco beobachtet mich.
«Ich bin nicht so gut organisiert wie du», bemerkt er lächelnd.
Ich grinse und überlege, ob ich ihm sagen soll, dass ich längst keine so ordentliche, organisierte Persönlichkeit bin, wie er glaubt. Doch das soll er selbst rausfinden. Oder vielleicht hat er es auch schon. Als er zur Tür tritt, um sie abzuschließen, weiche ich einen Schritt zurück. Deutlich spüre ich die Nähe unserer Körper, und die federleichten Schmetterlinge, die ich so oft in Marcos Gegenwart spüre, flattern in meinem Magen auf und ab.
Er dreht sich zu mir um. «Ich mache die Aktenablage morgen. Gehen wir.»
Gemeinsam verlassen wir das Gebäude, und der spätherbstliche Wind peitscht mir ins Gesicht. Fröstelnd schlage ich die Arme um den Leib und ziehe den Kopf ein.
«Bist du sicher, dass du fit bist für den ersten amerikanischen Winter?», fragt Marco.
Ich reibe die behandschuhten Hände aneinander. «Es ist verdammt kalt, zugegeben.»
«Der Winter hat noch gar nicht richtig angefangen.»
«Ich glaube, es ist jetzt schon kälter, als es in Melbourne je wird.»
«In Australien gibt es keinen richtigen Winter, nicht wahr?»
«Selbstverständlich.» Ich bin erstaunt über Marcos Unwissenheit.
«Wie tief sinken die Temperaturen denn?»
«In Melbourne … Vielleicht auf fünfundzwanzig bis dreißig Grad.»
«Wie ich es mir dachte. Kein richtiger Winter.»
Ich remple ihn an, und er tut, als verlöre er das Gleichgewicht.
«Komm, weiter.» Ich beschleunige meine Schritte, begierig, in den Wagen zu steigen und die Heizung einzuschalten.
Marco begleitet mich bis zu meinem Wagen.
«Wir sehen uns dort?»
«Sicher», sagt er.
Ich steige ein, schließe die Tür und winke ihm zu. Nachdem ich den Parkplatz verlassen habe, brauche ich fast zwei volle Minuten, um bis zum Ausgang des Geländes zu gelangen. Ich passiere die Sicherheitstore und fahre in Richtung Innenstadt von Quantico – wenn man sie so nennen kann. Quantico ist eine kleine Stadt, die hauptsächlich deswegen gebaut wurde, um die riesige Marine-Corps-Basis zu versorgen. Die Hauptstraße besteht aus einem Lebensmittelladen, einer Bäckerei, einem Immobilienmakler, einem Internet-Café, zwei Café-Restaurants, ein paar Bars und vier Friseuren – Quantico ist eine Bürstenhaarschnitt-Domäne.
Von den wenigen vorhandenen Bars hat das FBI den Club Victor als Stammlokal ausgewählt. An den meisten Abenden ist er bis zum Bersten voll mit FBI-Agenten und Offizieren der Marine, dazu kommen ein paar Ehemänner, Ehefrauen, Freundinnen und Freunde. Üblicherweise sind auch eine Reihe von Kollegen von der Spurensicherung und die Labortechniker da.
FBI-Agenten halten sich oft an Softdrinks fest, an «Soda», wie sie es hier nennen, und betrachten die Marine-Offiziere mit einigem Neid. Im Gegensatz zu ihnen müssen wir zu jeder Zeit «bereit für den Einsatz» sein, was nicht mehr als ein oder zwei Gläser Alkohol bedeutet. Ich bin zwar sicher, dass diese Vorschrift von den meisten von uns im Schutz unserer Wohnungen gebrochen wird, doch in der Öffentlichkeit halten sich alle daran und müssen sich den Spitznamen «Betschwestern» gefallen lassen.
Heute Abend ist der Club Victor sicher voll mit Agenten, die mit uns den Abschluss des Falls feiern wollen, plus die übliche Horde von der Marine-Corps-Basis. Außerdem ist natürlich unser Boss da, Rivers, und vielleicht sogar der Chef der Einheit, Jonathan Pike. Flynn und ein paar der anderen Police Officer aus dieser Ecke von D.C. kommen vielleicht auch noch hinzu.
Ich parke gleich um die Ecke der Bar und jogge bis zur Hauptstraße. Als ich gerade die Stufen zum tiefer liegenden Eingang der Bar hinuntersteige, ertönt eine Hupe. Es ist Marco, der soeben seinen Wagen in eine Parklücke direkt vor dem Laden steuert. Ich winke ihm zu und betrete die Bar. Der Temperaturunterschied ist beträchtlich, und innerhalb weniger Sekunden wallt Hitze in mir auf und schlägt sich auf meinem Gesicht nieder. Eilig schäle ich mich aus meinem Mantel. Die Wärme von mehr als vierzig in einer kleinen Bar zusammengepferchten Körpern plus der der Zentralheizung ist mörderisch.
Der Raum ist lang und schmal, mit zehn Sitznischen entlang der linken Wand und dem Tresen mit den Barhockern entlang der rechten. Die Bar ist mit Holz ausstaffiert und schlecht beleuchtet. Heute Abend ist es brechend voll. Ich suche nach vertrauten Gesichtern unter der hauptsächlich männlichen Kundschaft und erspähe unsere Gruppe weiter hinten.
«Drink?», fragt Marco neben mir.
«Ja. Ich nehme ein …»
«Beck’s.»
Ich grinse. «Genau.»
Vom Tresen aus prüfe ich genau, wer alles da ist. Eine Gruppe aus dem Labor, einschließlich Marty Tyrone, Marcos Mitbewohner. Er ist einer der besten Forensiker des FBI und Anführer eines Teams, das sich auf Fingerabdrücke und Blutspritzer spezialisiert hat. Er lächelt mir zu und winkt mich ein wenig unsicher zu sich. Marty ist ziemlich schüchtern, das habe ich schon bemerkt. Ich lächle zurück, doch dann entdecke ich Sam Wright, die Person, die ich eigentlich gehofft hatte, hier zu sehen, auf der anderen Seite der kleinen Gruppe.
Wie üblich ist Sam umringt von Männern, die von jeder ihrer anmutigen Bewegungen und jedem Wort, das sie sagt, vollkommen gefesselt sind. Ich weiß nicht genau, was es ist, doch dieses Mädchen hat etwas Besonderes an sich. Ihr lockiges braunes Haar reicht fast bis zur schmalen Taille, hohe Wangenknochen und eine markante Kieferlinie verleihen ihrem Gesicht einen außergewöhnlichen Ausdruck. Leuchtend grüne Augen fesseln die Aufmerksamkeit der meisten Menschen, doch ihr bei weitem attraktivstes Merkmal ist jenes breite natürliche Lächeln, das an Julia Roberts erinnert.
Ich kämpfe mich durch eine Gruppe gaffender Marinesoldaten. Rivers kommt schnurstracks auf mich zu. Er hält mich am Arm fest, als ich die Gruppe erreiche.
«Hier ist sie!», sagt er und hebt sein volles Glas, während er mir beinahe väterlich zunickt. «Unser australisches Wunder!»
Er spielte darauf an, dass ich diejenige war, die Boxleys Verhaltensmuster durchschaut hatte. Das hatte den Durchbruch gebracht.
Alle heben ihre Gläser. Blut schießt mir in die Wangen. Sam zwinkert mir amüsiert zu, und ich schneide zur Antwort eine Grimasse. Ich hasse es, im Rampenlicht zu stehen. Normalerweise findet die Arbeit eines Profilers hauptsächlich hinter den Kulissen statt, auch wenn die Presse sich alle Mühe gibt, sie publik zu machen. Die Journalisten lieben es, die für den Fall zuständigen Profiler auszufragen. Doch ich meide diese Meute normalerweise. Wenn wir den Durchbruch in einem Fall geschafft haben, lenke ich die Aufmerksamkeit auf die lokalen Cops, diejenigen, die üblicherweise die Türen aufbrechen und die Verhaftungen vornehmen.
Marco tritt mit meinem Bier in der Hand zu uns und stößt kräftig mit mir an. «Cheers!», sagt er.
«Ah, und hier ist The Rock. Cheers, Marco», sagt Rivers.
Ich weiß immer noch nicht genau, warum sie Marco «The Rock» nennen.
«Cheers», sage auch ich, hebe mein Bier und nehme einen Schluck direkt aus der Flasche. So schmeckt es einfach besser.
Nachdem das offizielle Anstoßen vorüber ist, wenden sich die anderen Agenten wieder ihren Unterhaltungen zu. Ich sehe Rivers gerne so locker, auch wenn es nur für eine Stunde ist. Jedes Mal, wenn ein Krimineller mittels eines Profilers unserer Einheit geschnappt wurde, entspannt er sich ein wenig, bevor seine kontrollierte, autoritäre Art zurückkehrt.
«Erzählen Sie mir – wie haben Sie das gemacht?», fragt Rivers.
«Was?»
«Sie wissen, was ich meine. Ihre Profile sind sehr gut. Hervorragend sogar.»
«Ich bin nicht anders als die anderen auch.»
«Das sehe ich anders. Ich habe so ein Gefühl, was Sie angeht. Sie sind ein Naturtalent.» Er zögert. «Ich wusste es von dem Moment an, als ich Sie zum ersten Mal gesehen habe.»
«Sie haben mich nicht mal bemerkt», lache ich.
Er lächelt zurück. «Okay, zuerst waren Sie nur ein Gesicht von vielen. Aber Sie sind mir durch Ihre Fragen aufgefallen.»
Rivers spielt auf die Profilierungssitzungen an, denen ich beigewohnt habe. Die Victorian Police hat mich in das Internationale Programm der FBI Academy geschickt, einen sechswöchigen Kursus in Quantico. Eines der Hauptthemen war Profiling, ein Gebiet, in das ich mich, den Anordnungen meines Bosses nach, vertiefen sollte. Ich glaube nicht, dass ihnen je in den Sinn gekommen ist, dass ich am Ende deswegen die Victorian Police verlassen und beim FBI anfangen könnte. Ich fühle mich immer noch ein wenig schuldig deswegen. Rivers nahm mich nach dem Kurs beiseite und stellte mir ein paar Fragen. Als er herausfand, dass ich neben der australischen auch die amerikanische Staatsbürgerschaft besitze, bot er mir auf der Stelle einen Posten an.
«Sie sind anders als die anderen», sagt Rivers in diesem Augenblick.
Ein leichtes Frösteln kriecht langsam an meinem Rückgrat empor. Das Problem ist, ich weiß, was er meint. Ich spüre es selbst hin und wieder. Aber ich kann es nicht erklären.
«Es ist …», fängt er an, doch er wird von Sam unterbrochen.
«Lass mich raten – du hast die Akten vorbereitet, richtig?», fragt sie, nachdem sie nah genug herangekommen ist.
«Jepp. Die Akten sind fertig.» Amüsiert stelle ich fest, dass mehrere Männer Sam enttäuscht hinterherblicken, doch ich glaube nicht, dass sie Geschäft und Vergnügen je vermischen würde.
«Haben Sie ihr ein paar aufmunternde Worte gesagt, Boss?», fragt Sam.
«So ähnlich.» Rivers lächelt mir zu, und um seinen Mund bilden sich kleine Fältchen. Seine dunkle Haut ist glatt und sieht aus wie die eines Dreißigjährigen, obwohl ich ihn eher auf fünfundvierzig einschätzen würde. Wie zahlreiche andere Afroamerikaner gewinnt er mit dem Alter an Würde, und die kleinen grauen Stellen an seinen Schläfen verstärken diesen Eindruck noch.
«Was hat dich dann von deiner Arbeit weggezerrt?», fragt mich Sam mit hochgezogenen Augenbrauen.
«Marco. Er ließ sich nicht abschütteln.»
Sam wirft mir verstohlen einen verschwörerischen Blick zu. Sie kennt mich gut. Tatsächlich ist sie bisher der einzige Mensch, den ich – außer Marco – als guten Freund bezeichnen würde. Und das will schon etwas heißen, wenn man gerade in ein anderes Land gezogen ist. Obwohl Sam und mich keine jahrelange Freundschaft und gemeinsame Erlebnisse verbanden, verstanden wir uns sofort. Jede Freundschaft muss schließlich irgendwann anfangen.
«Nun, Ladys, ich bin weg», sagt Rivers.
«Warum bleiben Sie nicht noch ein wenig, Sir?», frage ich, obwohl ich ihn noch nie länger habe bleiben sehen. Er trinkt immer ein oder zwei Bier und verabschiedet sich dann.
«Nein …», antwortet er gedehnt. «Man muss potenziellen Halunken immer zeigen, dass jemand ein Auge auf sie hat.»
Er arbeitet hart und lange.
«Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend, aber vergessen Sie nicht unser Meeting um acht Uhr morgen früh», sagt er.
Sam und ich wechseln einen Blick und antworten unisono: «Keine Sorge, Sir.»
Bevor Rivers geht, tritt er grinsend an uns heran und sagt: «Sie übt einen schlechten Einfluss auf Sie aus, die da.» Er zeigt mit dem Finger auf Sam.
«Ich?», fragt Sam betont unschuldig.
Rivers hebt grüßend die Hand. «Gute Nacht alle zusammen», ruft er lachend über die Schulter und verschwindet durch die Tür nach draußen.
Sams Bewunderer gesellen sich kurze Zeit später zu uns, und ich beobachte einmal mehr, wie meine Freundin ihre Zuhörer fesselt und verzaubert. Eines Nachts, vor etwa einem Monat oder so, bestand sie darauf, dass wir abends zum Tanzen ausgingen – in Cheerleader-Klamotten. Wir taten, als wären wir aus Texas zu Ausscheidungswettkämpfen hergekommen. Sam kommt tatsächlich aus Texas, und ich versuchte mich im texanischen Akzent. Die Jungs umgarnten uns die ganze Zeit und dachten wohl, sie wären über leichte Beute gestolpert. Ich spielte ungefähr zwei Stunden lang mit, bevor einer von ihnen meine Pistole in der Handtasche entdeckte. Das änderte natürlich alles, und sie verschwanden mit zwei anderen Frauen am Tresen.
Die Pistole schreckt viele Männer ab. Es hilft wahrscheinlich auch nicht gerade, dass ich sie überall mit mir herumtrage. Vielleicht bin ich ja paranoid, aber man weiß nie, wann man sie braucht. Der Punkt ist, ich weiß, was – oder besser wer – da draußen lauert. Ich sehe ihr Werk jeden Tag. Wenigstens gehört es zur Politik des FBI, dass wir zu jeder Zeit bewaffnet sind. So habe ich wenigstens hier eine Entschuldigung.
Sam erzählt den Jungs eine Geschichte, doch ich höre nur mit halbem Ohr zu. Mir ist heute Abend nicht nach Feiern zumute, weil ich immer noch an den Fall und die Opfer denken muss. Für mich ist es schwierig, abzuschalten, während mich Christine Henley und all die anderen Opfer aus weiten, verängstigten Augen anstarren. Ich sehe so viel in ihren Augen.
Marco bringt mich in die Gegenwart zurück. «Heimweh?»
«Nein, nicht Heimweh …» Ich zögere. «Glaubst du, wir hätten …»
«Wir haben ihn, Sophie. Das ist alles, was im Augenblick zählt. Das ist alles, woran du denken solltest.»
«Ja. Sicher. Du hast Recht.»
Die anderen scheinen ziemlich gut darin zu sein, den Horror der Arbeit und ihr alltägliches Leben voneinander zu trennen. Alle schaffen es, bis auf mich. Oder vielleicht sind sie auch einfach nur besser darin, so zu tun. Die BSU hat eine der höchsten Burnout-Quoten im FBI. Es ist ganz leicht, zu tief in die Psyche eines Killers einzutauchen und ihm zu nahe zu kommen.
Einige Stunden später verlassen Marco und ich die raucherfüllte Bar. Ich atme die frische Luft in tiefen Zügen, während ich bereits bereue, bis zu so später Stunde geblieben zu sein.
Marco bringt mich zu meinem Wagen. Wir reden nicht viel, doch ich genieße das Schweigen und bin froh über seine Gesellschaft. Nachdem ich ihm gute Nacht gesagt habe, steige ich in den Wagen und fahre auf die I75 in Richtung Alexandria zu meiner Wohnung, die zwischen der Basis der Einheit in Quantico und D.C. liegt.
In meinem Apartment angekommen, verschließe ich die Tür und lasse meine Handtasche und die Schlüssel auf den Tisch im Flur fallen.
«Hi, Honey, ich bin zu Hause.»
Stille.
Ich habe diesen Job angenommen, obwohl ich wusste, dass ich meinen Freund Matt, mit dem ich sieben Jahre lang zusammen war, meine Freunde und meine Familie in Australien würde zurücklassen müssen. Ich konnte mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, für das FBI zu arbeiten. Das echte FBI. Das ist immer mein Traum gewesen, seit … nun ja, solange ich mich erinnern kann. So ist das eben, wenn man mit «Drei Engel für Charlie», «James Bond» und «Akte X» aufwächst. Trotzdem fällt es schwer, am Abend in eine leere Wohnung zu kommen, zu wissen, dass die Menschen, die man liebt, auf der anderen Seite der Welt leben. Ich blicke zu den beiden Uhren an der Wand, unter die ich «Washington» und «Melbourne» geschrieben habe. Wir haben kurz nach Mitternacht, also ungefähr zwei Uhr nachmittags in Melbourne. Ich überlege, ob ich zu Hause anrufen soll, doch ich bin zu müde, um eine intelligente Unterhaltung zu führen.
Bevor ich schlafen gehe, vollziehe ich mein nächtliches Ritual. Mit der Pistole in der Hand überprüfe ich meine Wohnung, angefangen bei meiner winzigen Küche. Es ist schwierig genug, eine Mahlzeit darin zuzubereiten, geschweige denn, sich darin zu verstecken. Doch um mich wirklich sicher fühlen zu können, überprüfe ich sie. Ich gehe ins Wohnzimmer. Es ist ein großer, offener Raum mit einem kleinen Esstisch sowie vier Stühlen in der einen Ecke und einem Zweisitzersofa, einem Couchtisch, einem Bücherregal und der Stereoanlage in der anderen Ecke. Ein paar Topfpflanzen beleben das Zimmer, und vier Schwarzweiß-Fotografien verleihen ihm eine persönliche Note. Alle Fotos sind aus Melbourne, darauf zu sehen sind eine Tram, Luna Park, die Flinders Street Station und eine Skulptur in der Swanston Street. Das Zimmer ist trotz der Möbel geräumig. Ich überprüfe es rasch und gehe dann weiter zu der Bügelpresse im Flur, einem guten Versteck.
Als ich damit fertig bin, gehe ich den Flur entlang zum Bad und meinem Schlafzimmer. Zuerst überprüfe ich das Bad. Große weiße Fliesen bedecken den Boden und die Wände bis halb zur Decke hinauf. Das Waschbecken ist eine große Schale aus Milchglas. Dieses durchschimmernde Material verwandelt das ansonsten gewöhnliche Badezimmer in etwas Besonderes. Ich sehe hinter dem Duschvorhang nach, dann gehe ich zum Schlafzimmer, das am Ende des Flurs liegt. Ich habe das Zimmer im japanischen Stil eingerichtet, mit einem niedrigen Bett aus dunklem Holz, dazu passenden Nachttischen und einer Frisierkommode. In einer Ecke sitzt ein kleiner Buddha, daneben steht ein japanischer Papierschirm. Ich sehe unter das Bett und in den eingebauten Kleiderschrank.
Zufrieden, dass ich allein zu Hause bin, kehre ich ins Wohnzimmer zurück, überprüfe unterwegs die Schlösser an Türen und Fenstern und lege dann eine CD von Sarah Vaughn auf. Der letzte Teil meines Rituals besteht darin, die Vorhänge zu schließen.
Du bist niemals wirklich sicher, ganz besonders nicht in deinem eigenen Zuhause. Kriminelle warten nur darauf, dass du unachtsam wirst, und welch bessere Gelegenheit hätten sie, als wenn du alleine in deiner Wohnung bist oder – noch schlimmer – schläfst?
Ausgelaugt werfe ich mich auf die Matratze, und mein Körper sinkt erwartungsgemäß ein. Ich würde gerne sofort schlafen gehen, doch die Erfahrung hat mich gelehrt, zuerst ein wenig zu lesen. Wenn ich vor dem Schlafengehen in ein gutes Buch, in eine Traumwelt eintauche, hilft das gegen die Albträume – Fantasy funktioniert am besten. Ich versinke in der erdachten Welt und vergesse meine Realität aus Gewalt und Leichen. Schon damals in Australien litt ich an Albträumen, wenn mir ein Fall richtig zusetzte, aber seit ich hier in den Staaten als Profiler arbeite, sind die Albträume noch viel schlimmer geworden. Ich weiß nicht, warum.
Ich lese in Julia Grays The Dark Moon und tauche ein in eine Welt aus schwebenden Inseln. Irgendwann nicke ich ein.
Um vier Uhr morgens schrecke ich wegen eines Krampfes im linken Oberschenkel aus dem Schlaf. Ich greife nach unten, massiere das Bein, will, dass der Schmerz aufhört – doch ich weiß, ich muss es aushalten und warten, bis es abklingt. Während ich das Bein strecke, um den Krampf zu lösen, kommt mir eine vage Erinnerung an den letzten Albtraum.
Eine nackte junge Frau liegt am Boden. Die Augen sind geöffnet, der Kopf verdreht. Sie sieht mich an, doch sie ist tot, ihr Körper reglos und kalt. Ein Symbol blinkt groß auf, dann sehe ich wieder die tote Frau. An ihrem Bein erkenne ich das Symbol wieder. Es ist ein Tattoo an ihrem Oberschenkel.
Dann sehe ich eine andere junge Frau, einen Rotschopf, auf dem Weg zu ihrem Wagen. Wir befinden uns auf einem verlassenen Parkplatz. Ich beobachte sie im Seitenspiegel, als sie näher kommt. Doch ich bin nicht ich. Ich beobachte sie durch die Augen von jemand anderem. Ich spüre, wie das Verlangen zu töten in dieser anderen Person hochsteigt.
Dann renne ich. Ich renne um mein Leben.
Ich liebe es, meine Mädchen vorher kennen zu lernen. Es ist wichtig. Das ist genau das Problem, das wir heutzutage haben: Alle sind in Eile. Aber dazu besteht kein Grund. Das Leben dauert … na ja, ein Leben lang, also warum durch den Tag hetzen und den Prozess beschleunigen? Insbesondere, wenn es vielleicht der letzte Tag in deinem Leben ist?
Die Leute warten nicht gerne – egal auf was, ganz besonders nicht auf Sex. Aber das sollten sie. Die Menschen werden viel zu schnell intim. Ich nicht. Sie muss etwas Besonderes sein, und es dauert seine Zeit, bis ich weiß, ob sie es wert ist. Ich mag es, ihren Geruch einzuatmen. Ich weiß, welches Parfüm sie benutzt, welches Shampoo und welche Marke Makeup sie trägt. Ich absorbiere alles.
Manchmal rede ich sogar mit ihr. In der Regel jedoch beobachte ich sie zunächst aus der Ferne, bis die Zeit gekommen ist. Was für eine Sorte Mensch ist sie? Gehetzt und schlecht gelaunt oder höflich und nett? Lächelt sie? Ist sie meine spezielle Liebe wert? Letztendlich finde ich nicht viele, aber ich versuche es. Und ich werde es weiter versuchen, bis ich die Eine gefunden habe. Die, die mich wahrhaft zu schätzen weiß.
Doch ganz gleich, wer sie ist, wenn ich sie sehe, lächle ich charmant und auch ein wenig selbstgefällig in dem Wissen, dass sie bald die Meine sein wird. Dass ich sie anfassen und halten und dass ich sie lieben werde.
Um sechs Uhr morgens schrillt mein Wecker. Ich kämpfe gegen die Müdigkeit, schwinge mich aus dem Bett und zwinge mich in eine aufrechte Haltung. Ich erinnere mich, um vier wach gewesen zu sein und eine Art Albtraum gehabt zu haben. Doch die zusätzlichen beiden Stunden Schlaf haben einen dichten Schleier über die Erinnerung gelegt. Irgendjemand wurde umgebracht, doch das ist in den meisten meiner Albträume der Fall. Meistens geht es um Mord.
Ich zerschneide zwei Karotten, schäle zwei Orangen und zerteile sie in Viertel. Mein lärmender Entsafter übertönt die Geräusche des Fernsehers von nebenan, und innerhalb von zwei Minuten ist der frische, helle Mix in meinem Glas. Ich fülle eine Schale mit Fruchtsalat aus einer Tupperdose im Kühlschrank und setze mich an den Tisch, um die Post zu lesen. Während ich esse, blättere ich durch die Nachrichten.
Fünfzehn Minuten später schiebe ich das Sofa ein wenig zur Seite und rolle meine Pilates-Trainingsmatte aus. Meine dreißig Minuten dauernde Sport-Routine unter DVD-Anleitung besteht hauptsächlich aus Übungen für den Bauch, mit einigen Zusatzübungen für Beine und Po. Ich stelle triumphierend fest, dass meine Beweglichkeit besser zu werden scheint. Ich war zwar schon immer ziemlich beweglich vom Kung-Fu, doch die Pilates-Übungen werden von Mal zu Mal leichter. Als ich fertig bin mit meinen Übungen, bin ich verschwitzt, aber glücklich und zufrieden über meinen gesunden Start in den Tag. Ich hoffe, das morgendliche Training macht – in Verbindung mit einer oder zehn Tassen Kaffee – den fehlenden Schlaf der vergangenen Nacht wett.
Pünktlich um sieben Uhr neunundfünfzig stolpere ich in unser Hauptquartier, den Kaffee noch in der Hand. Ich schließe mein Büro auf, werfe meine Tasche in die Ecke und nehme meinen Notizblock und einen Stapel Akten von meinem Eingangskorb. Von vierzig Fällen habe ich zehn als besonders wichtig eingestuft, und diese warten nun auf ihre Bearbeitung. Wir müssen Prioritäten setzen, auch wenn jede Akte, die wir auf später verschieben, weitere Menschenleben bedeuten könnte. Dieser Gedanke ist eine ungeheure Belastung und wahrscheinlich auch ein Grund für die hohe Burnout-Quote und die vielen Ehescheidungen in unserem Beruf.
Einige der Akten liegen bereits seit Wochen auf meinem Schreibtisch. Eigentlich dürfen wir sie nicht mit nach Hause nehmen – es gehört zur Politik des FBI, dass nicht eine Akte das Gebäude verlassen darf –, doch wir alle tun es. Es bleibt einem gar nichts anderes übrig, wenn so viel auf dem Spiel steht.
Meine flachen Absätze klackern leise auf dem Boden, als ich eilig durch die Korridore haste auf dem Weg in den Konferenzraum Nummer zwei im Zentrum des Gebäudes. Ich stürze in den kleinen Saal und nehme neben Sam Platz. Zum Glück bin ich nicht die Letzte – nicht ganz –, doch Rivers ist im Begriff anzufangen. Er sieht mich mit einem Blick an, den ich nicht zu deuten vermag, dann setzt er seine Brille ab und beginnt.
«Seit unserem letzten Meeting vergangene Woche wurden zwei Fälle abgeschlossen. Glückwünsche an die Agenten Anderson und Marco für ihre Arbeit am Henley-Fall.» Er zögert. «Außerdem wurde der Night-Fever-Fall abgeschlossen, den Agent Hammerston vor einigen Monaten profiliert hat. Das LAPD hat den Kerl am Wochenende geschnappt, und er hat bereits gestanden.»
Er blickt nach links, zu mir. «Anderson, Sie zuerst.» Er wartet, mit dem Stift in der Hand, die Brille wieder aufgesetzt.
Ich fange mit meinem Bericht an. «Ich habe zehn Fälle für die beiden nächsten Wochen ausgewählt. Zwei davon sehen aus, als wäre es jeweils der erste Mord des Killers, doch beide werden erneut töten. Wir müssen sie vorher schnappen.»
Ringsum zustimmendes Kopfnicken. Beim ersten Mord machen die Killer oft Fehler, und es ist gut, sie frühzeitig zu schnappen, bevor sie besser darin werden, ihre Spuren zu verwischen.
«Die anderen acht sind langfristigere Fälle, einige sind ganz besonders widerlich. Wie der Whistler-Fall in Kanada. Der Kerl steigert sich in atemberaubendem Tempo.»
Rivers macht sich eine Notiz in seinem Buch und blickt nicht auf, als er bemerkt: «Die Medien lieben diesen Fall, obwohl die Morde in Kanada verübt wurden.»
«Ja. Es ist ein ziemlich heißes Ding.» Ich blicke mich im Raum um, und mir ist bewusst, dass ich das Tempo beibehalten muss. «Ich habe außerdem ein paar neue Fakten für die Profile, an denen ich vor dem Henley-Fall gearbeitet habe.»
Rivers hört auf zu schreiben, blickt auf und nickt.
Als ich fertig bin, setze ich mich, und jeder der anderen Profiler im Raum geht seine Fälle kurz durch. Ich trinke meinen doppelten Kaffee in der Hoffnung, dass das Koffein bald anfängt zu wirken, doch Konzentration scheint mir heute unmöglich. Wie schön wäre es doch, irgendwo an einem Strand in der Sonne zu liegen. Ich schließe die Augen, stelle mir heißen Sand auf der Haut vor. Doch plötzlich verschwimmen die Konturen des entspannenden Bildes vor meinen Augen, und es verwandelt sich in das eines nackten, toten Mädchens. Mein Traum der vorigen Nacht steigt aus dem Unterbewusstsein auf und überschwemmt meine Gedanken. Erschrocken öffne ich die Augen, und das Mädchen verblasst.
Ich konzentriere mich wieder auf das Meeting und stelle schockiert fest, dass die Runde bei Sam angekommen ist und ihrem Arbeitsbericht. War tatsächlich schon jeder an der Reihe?
«Okay, Leute. Klingt, als hätten alle zu tun, aber das ist nichts Neues», sagt Rivers. «Und ich fürchte, wir müssen ein paar Fälle umverteilen, doch das soll Pike erklären.» Rivers ist außerstande, seinen Unwillen darüber gänzlich zu verbergen. «Er wird jeden Moment hier sein. Außerdem habe ich drei neue Fälle. Wir haben einen Kindermörder in Texas. Ein Würger treibt sich in Boston herum und …»
Eine Woge grimmigen Gelächters geht durch den Saal.
«Ich mache keine Witze», sagt Rivers, der sehr wohl um die Absurdität eines weiteren Boston-Würgers weiß. Damals, in den Jahren 1962 und 63, erwürgte Albert De Salve 13 Frauen in Boston. Es war schwer zu glauben, dass sich die Geschichte wiederholte.
«Und die französische Polizei bittet um die Profile einer Bande von Bankräubern.» Rivers blickt erneut auf seinen Notizblock. «James …»
Peter James hatte mit seinem Kugelschreiber auf dem Notizbuch herumgetrommelt. Jetzt hält er inne und blickt erwartungsvoll auf.
«Sie können den Würger übernehmen. Tuldoon, Sie übernehmen den Kerl in Texas …»
Jim Tuldoon, der jede Kleinigkeit genau festhält, schreibt eifrig einige Notizen in sein Buch. Seltsam. Was könnte er außer «Killer in Texas» in diesem Stadium bereits schreiben?
«… und Wright, Sie übernehmen die Bankräuber.»
Sam blickt auf, zwinkert Rivers zu und schnalzt mit der Zunge. Niemand außer Sam könnte sich so etwas erlauben.
Ich meine, ein Lächeln auf Rivers’ Lippen zu bemerken, bevor er fortfährt: «Keine Überraschungen, wie ich das sehe. Also …»
Er wird unterbrochen vom Eintreten des Direktors unserer Einheit, Jonathan Pike. Pike trägt seinen gewohnten maßgeschneiderten dunklen Anzug, der einen kontrastreichen Untergrund für seine Schuppen bildet. Er steht wartend in der Tür.
«Sorry, Andy. Möchten Sie zu Ende reden?»
«Nein, nein. Ich war bereits fertig.» Rivers wählt zwar die richtigen Worte, doch sein Tonfall impliziert etwas ganz anderes. Mir ist vorher nie eine Animosität zwischen den beiden aufgefallen.
Pike geht zum Podium. «Okay. Nun, als Erstes möchte ich den Agenten Josh Marco und Sophie Anderson für die Aufklärung des Henley-Falls gratulieren.» Pike deutet steif mit der Hand in unsere Richtung. «Wie Sie alle wissen, hatte der Fall Priorität für uns, und ich bin froh, dass wir der Welt die Lösung präsentieren konnten. Also Dank an Sie beide.» Als er die Hand zurückzieht, sieht es für einen Moment so aus, als wollte er uns applaudieren. Doch dann stützt er den Arm in die Seite. «Ich fürchte, ich habe ein paar Neuigkeiten, die Ihnen nicht schmecken werden.»
Alles stöhnt. Ich wusste es. Noch mehr Arbeit für uns. Kein Wunder, dass Rivers sauer ist.
«Ja, ich fürchte, so ist es. Diesmal ist es Hunter. Er wurde zur Bekämpfung von terroristischen Aktivitäten zur Counter Terrorism Unit versetzt. Ich weiß, dass die Dinge immer schwieriger werden für uns hier drüben, und ich tue alles in meiner Macht Stehende, um so viele Ressourcen wie möglich zu behalten. Doch wir können uns keinen weiteren elften September leisten. Und schließlich ist Direktor Mueller für den Schutz der amerikanischen Öffentlichkeit verantwortlich.» Er blickt auf sein wenig überzeugtes Publikum. «Seien Sie versichert, dass er zu schätzen weiß, was wir hier leisten. Es tut mir Leid, Leute. Ich weiß, Sie haben bereits jede Menge zu tun, aber es gibt nicht viel, das ich – oder wir – dagegen machen könnten. Andy?» Und mit diesen Worten übergibt Pike an Rivers und verlässt das Meeting.
Unsere Einheit hatte vor dem elften September zwanzig Leute, und jetzt sind wir nur noch zwölf. Elf, wenn Hunter wegfällt.
«Irgendwelche Fälle in Hunters Bereich, die jemandem zusagen?», fragt Rivers und blickt uns fragend an.
«Ich würde gerne die religiös motivierten Morde in Arkansas übernehmen», sagt James, während er bereits wieder wild mit dem Stift auf sein Notizbuch trommelt. Der Mann trinkt eindeutig zu viel Kaffee. Aber wer bin ich, ihn deswegen zu kritisieren?
«Und ich die Entführungen auf Rhode Island», sagt Hammerston.
Jetzt rächt sich, dass ich Hunters Arbeitsbericht versäumt habe. Ich hätte besser aufpassen müssen. Während alle anderen Agenten ihre Präferenzen nennen, versuche ich mich an wenigstens einen seiner Fälle zu erinnern. Aber mein Verstand reagiert träge und weigert sich zu reagieren.
«Ich nehme den aus D.C.», sage ich schließlich. Ich habe die Einzelheiten nicht parat, aber es ging um einen Serienmörder in der Stadt. Bisher erst zwei bekannte Opfer … glaube ich. Jedenfalls ist es das, woran ich mich vom letzten Meeting erinnere.
Alles dreht die Köpfe und sieht mich an. Stille kehrt im Raum ein. Ich habe etwas Dummes gesagt oder getan.
«Was?»
Sam durchbricht das Schweigen mit einem fröhlichen Lachen, und die ungeduldigen Blicke wenden sich von mir ab. «Ich hatte gerade um diesen Fall gebeten, Süße.»
«Oh.» Ich bin entsprechend zerknirscht.
«Willst du ihn haben?», fragt Sam.
«Nein, nein, ich nehme …» Und dann verstumme ich, weil mir beim besten Willen kein anderer von Hunters Fällen einfallen will.
«Warum übernimmst du nicht den australischen Fall? Verschafft dir ein paar Erinnerungen an zu Hause», kommt Sam mir zu Hilfe … einmal mehr.
Wie konnte ich vergessen, dass Hunter an einem Profil für die Western Australian Police gearbeitet hat? «Klingt gut», sage ich und versuche meine Verlegenheit zu überspielen.
«Was haben wir dann noch?», fragt Rivers und überprüft seine Liste. «Der Vergewaltiger in Miami. Marco, warum übernehmen Sie den nicht? Und dann die globalen Kreditkartenbetrüger.» Rivers blickt über den Rand seiner Brille hinweg auf alle Anwesenden. «Eigentlich können Sie dieses Profil diese Woche abschließen, Hunter, und dann an Wright weitergeben, für eventuelle Ergänzungen. Und wir haben diese Hassmorde in Pennsylvania … Silvers, die übernehmen Sie. Hunter, ich möchte bis heute Abend eine Liste Ihrer übrigen Fälle und Empfehlungen für die jeweiligen Bearbeiter.»
«Kein Problem, Sir.»
«Nun, das war’s, Leute. Gehen wir wieder an die Arbeit. Ich komme noch zu jedem Einzelnen von Ihnen wegen Hunters Fällen.»
Sam und ich stehen bereits und wollen gerade gehen, als Rivers erneut das Wort ergreift: «Oh, und wir veranstalten eine Abschiedsparty für Hunter, am Freitagabend.»
Sam und ich verschwinden als Erste durch die Tür. «Wann bist du denn nach Hause gegangen?», flüstert sie mir auf dem Weg ins Büro zu.
«Ich bin ungefähr dreißig Minuten nach dir gegangen.»
«Du siehst vollkommen erledigt aus, Süße.»
«Danke.»
«Du weißt, was ich meine.»
«Ich hab nicht viel Schlaf gefunden.» Erneut denke ich an den Traum, und die Einzelheiten spielen sich lebendiger als zuvor in meinem Kopf ab. Das tote Mädchen mit der Tätowierung, ein keltisches Symbol, und eine Frau ganz allein auf einem verlassenen Parkplatz. Und dann bin ich gerannt.
Ich verdränge den Traum. Ich träume so häufig von Verfolgung und Mord, das ist fast schon eine Berufskrankheit.
Sam reißt mich zurück in die Welt der Lebenden.
