BOHÈME - Jonas Zauels - E-Book

BOHÈME E-Book

Jonas Zauels

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Beschreibung

Kunst und Künstlichkeit. Die Stadt der Liebe. In den Händen der jungen Reichen und Berauschten. Nach Paris wird Felicia geschickt, um dort zu studieren. Durch eine Verwechslung gerät sie in die falsche Gastfamilie, die sie fatalerweise für Florence, die Zwillingsschwester der Adoptivtochter hält. Unter falscher Identität begibt sich Felicia in die elitären Kreise wohlstandsverwahrloster Schauspieler und Künstler und kommt auf überraschend tiefgreifende Weise mit deren fremder Gedankenwelt in Berührung. Bohème avanciert in doppeltem Sinne zur literarischen Reise. Eine Reise wie ein rauschhafter Traum, aus dem man nicht so schnell erwachen möchte.

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Seitenzahl: 262

Veröffentlichungsjahr: 2020

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„Kunst wird erst danninteressant, wenn wir vorirgendetwas stehen,das wir nicht gleich restloserklären können.“

Christoph Maria Schlingensief– Film- und Theaterregisseur –

IMPRESSUM

AUTOR:Jonas Zauels

TITELFOTO:Katharina Freitag

LEKTORAT:Dana Polz

GESTALTUNG & SATZ:Gerhard Mohler

VERLAG:edition federleicht, Frankfurt am Mainwww.edition-federleicht.de

1. Auflage 2020© edition federleicht

ISBN 978-3-946112-58-7E-BOOK ISBN 978-3-946112-64-8

Jonas Zauels

BOHÈME

Roman

Für R. und C.

INHALT

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

DREIUNDZWANZIG

VIERUNDZWANZIG

FÜNFUNDZWANZIG

SECHSUNDZWANZIG

„Die Kunst ist zwar nicht das Brot,aber der Wein des Lebens.“

Jean Paul– Schriftsteller –

EINS

Frankreich. Ausgerechnet Frankreich. Nein. Paris. Ausgerechnet Paris. Die Stadt der Liebe, der Einzigartigkeit, der Kunst und des Verlangens.

Der Nebel liegt schwer über dem Land, als das Flugzeug langsam schwankend aufsteigt. Eine kleine Bergkette ragt wie Eis aus dem dunklen Wasser der Wolken. Am Horizont leuchtet die aufgehende Sonne verhängnisvoll rot, während sich das warme Blut allmählich auf die Wolken verteilt. Auf der einen Seite ist noch Nacht, auf der anderen schon Tag.

Der Grund, warum ich in diesem Flieger sitze, ist mir eigentlich genauso fremd, wie die Menschen um mich herum. Ein fetter, bärtiger Mann sitzt zu meiner Rechten, eine schneeweiße Schönheit zu meiner Linken. Mit Fensterblick, selbstverständlich. Zusammengepfercht, zwischen dem Handgepäck der Frau und den Rettungsringen des Mannes wackele ich unruhig hin und her. Mein erster Flug. Überhaupt meine erste richtige Reise. Und dann gleich alleine. In eine fremde Stadt, mit einer fremden Kultur, so weit fort von allem Bekannten, von den wenigen Freunden, von der Familie, von den vertrauten Ecken und Vierteln der Heimat. So fern von allem, was ich jemals war und jemals vorgegeben habe zu sein.

Der Tag ist gerade erst geboren. Dunkle Wolken schieben sich über den Horizont, während das Flugzeug sich mit ohrenbetäubender Energie immer weiter gen Himmel zieht, als wäre es selbst aus Pappe. Leicht wie eine Feder, wie ein Vogel dem Himmel entgegenstrebend, scheinbar alle Naturgesetze aufhebend. Außerhalb jeglicher Schwerkraft, gleiten wir sanft tobend ins unendliche Schwarzblau, wie eine Hummel, die doch eigentlich viel zu fett fürs Fliegen ist.

Jetzt weiß niemand mehr, wer ich bin. Das trifft sich doch nicht schlecht, da ich mich in den letzten Wochen, oder schon viel länger, selbst nie recht gefunden habe.

„Man kann nicht wissen, wer man ist, ohne zu wissen, was man will”, hat meine Mutter immer zu sagen gepflegt.

So klar wie der Himmel, wie das Blau, wie das unerreichbar Fremde über unseren Köpfen, den Köpfen der Menschen, die ihre eigene Größe im Kosmos niemals verstehen mögen, so klar scheint auch die Erkenntnis des Unwissens über meine kleine, unbedeutende Person. Aber ja! Wer weiß das schon mit zarten neunzehn Jahren. Wer weiß da schon genau, wohin man geht und woher man kommt. Wer weiß da schon mehr mit sich anzufangen als über oberflächliche Probleme zu diskutieren, über andere Personen, über Vorlieben und Dinge, die man aus den verschiedensten Gründen nicht ausstehen kann. Über Hobbys, über das Aussehen. Über Musik, Make-Up und falsche Wimpern.

Ich sitze also hier. Quasi ohne Persönlichkeit. Oder vielmehr ohne gesehene Persönlichkeit. Ich habe natürlich eine. Eine wilde, junge, ungezähmte und leidenschaftliche Persönlichkeit. Ja. Nein. So sollte es vielleicht sein in meinem Alter. Ehrlich gesagt kann ich das nicht wirklich bestätigen oder überhaupt beurteilen. Damit ist jetzt Schluss. Sobald ich aus diesem Flugzeug aussteige, werde ich genau die Person sein, die ich sein will. Eine neue, eine erfundene, eine kreierte Persönlichkeit. Nicht gefesselt und gehemmt durch stetige Selbstzweifel, Unzulänglichkeiten und ewige Ängste. Ich werde ein neuer Mensch sein. Ich werde genau das sein, was ich mir vorstelle und genau das, was ich sein möchte.

Während dunkelweiße Nebelschwaden die Tragflächen des Flugzeuges scharf durchschneiden, erhebe ich mich, wie in Trance. Auf jede Höflichkeit verzichtend, dränge ich mich mit großem Kraftaufwand in die kaum eine Hand messende Lücke, zwischen dem fetten Mann und dem Vordersitz. Der Mann, kaum größer als ein Meter siebzig, doch ebenso breit, mit ungleichmäßig gestutztem Bart, unreiner Haut und amüsant geformtem Doppel- und Dreifachkinn, ist schon kurz nach dem Start in einen tiefen und laut schnaubenden Schlaf gefallen. Durch zwei Beine wie Ozeane schwimme ich endlich in den engen Gang, taste mich zwischen all den blöd aufguckenden Fluggästen, den schmalen Pfad entlang zur Toilette und schließe mich, tief durchatmend, in der Ein-Quadratmeter-Zelle ein.

Das kalte, standardgerechte Neonlicht verleiht eine unwirkliche Atmosphäre. Mit einer Nagelschere, die ziemlich mutwillig im Handgepäck gelandet ist, trete ich meinem Spiegelbild entgegen. Ein mageres Gesicht, umhüllt von langem, schwarzem, unkontrollierbar gewelltem Haar und hellen blauen Augen, erwidert entschlossen meinen musternden Blick.

Genauso verlasse ich die kleine Kabine wieder. Nur ohne meine Haare. Die sind ungleichmäßig kurzgeschoren und fliegen in diesem Moment durch die Wolken, weit verstreut über den Ozean. So stelle ich es mir zumindest vor. Was leicht klingt, hat gefühlte Stunden gedauert, und ich habe es bereits nach dem ersten Schnitt bereut. Da ist es schon zu spät gewesen.

Vor der Tür wartet eine alte Frau, grimmig dreinblickend. Ich dränge mich mit gesenktem Kopf an ihr vorbei.

Der Mann schläft noch immer. Laut schnaubend, als würde er schlecht Luft bekommen. Die Schönheit zu meiner Linken blickt mich kurz entgeistert an, wendet sich jedoch gleich wieder ihren eigenen Problemen und dem kleinen Fenster mit der wunderschönen Aussicht auf den Horizont des Wolkenmeeres zu.

„Fliegst du nach Paris?“

„Alle hier fliegen nach Paris“, gibt sie nach einem nicht zu überhörenden Seufzer zurück und würdigt mich keines weiteren Blickes.

Blöde Frage, ich gebs ja zu. Das Fliegen nervt mich schon jetzt. Ich habe keinen Platz, keine gute Sicht. Meine Sitznachbarn sind genervt oder komatös. Ständig kommen Stewardessen vorbei, um Getränke oder Zeitschriften zu verteilen. Beim fünften Mal nehme ich eine Cola. Nicht, weil ich Durst habe. Ich mag Cola nicht einmal. Die ganze Zeit etwas anzubieten, ohne dass jemand darauf reagiert – und dann auch noch in dem Outfit – muss schrecklich sein. Die junge Frau beugt sich mit dem Getränk, ich mich mit dem Geld so weit als möglich über den schlafenden Mann. Wir treffen uns in der Mitte, beide sehr darum bemüht zu lächeln. Unsere Arme sind bei dem Koloss keinen Zentimeter zu kurz.

Ich stelle die Cola vor meinen unbeirrt schnaubenden Nachbarn und mache die Augen zu. Schlafen kann ich nicht, doch erlaubt es mir die Illusion, alleine zu sein.

In meinem Kopf gehe ich den Plan durch, den mein Vater mir zurechtgelegt hat. Einen Monat habe ich in einer Gastfamilie Zeit, um mich einzugewöhnen, eine Wohnung zu finden, einen Job. Dann soll ich studieren. Dort hätte ich bessere Chancen. Keine Ahnung, ob ich das überhaupt will. Ich weiß ja generell nicht, was ich will. Etwas anderes natürlich – das ist klar.

Ich stelle mir eine junge, schöne Frau mit kurzgeschorenen Haaren vor, interessiert an Kunst, Literatur und Musik. Modernes Zeug, das, was die Klassik verstören würde. Formen, Farben, Gebilde. Stets ein passendes Zitat auf den Lippen. Keine Zitate! Die kann ich mir nie merken. Ein leichter Hang zum Alkohol, für die Inspiration. Nur Sekt, besser: Schnaps für die Figur. Modisch gekleidet. Nicht im klassischen Sinne, versteht sich. Experimentell und unheimlich individuell. Sport ist wichtig, wird aber nicht thematisiert. Proleten mag niemand. Kunststudium oder so. Viele oberflächliche Beziehungen zu allerlei Menschen, doch nur wenige ausgewählte Freunde.

Ich schlage die Augen auf, unterdrücke einen leichten Würgereiz. Ob er von der Vorstellung kommt oder von dem Luftloch, in das das Flugzeug hereingeflogen ist, kann ich nicht beurteilen. Die Cola steht wieder vor mir. Leer. Der dicke Mann schläft noch immer – oder wieder –, und auch die grimmige Schönheit hat ihre rosarote Schlafmaske aufgesetzt.

„Ist mir recht“, sage ich zu mir selbst und viel zu laut. Die ältere Dame von vorhin sitzt auf der anderen Flurseite und guckt mich blöd an. Ich gucke blöd zurück, dann wieder gegen den grauen Stuhlrücken vor mir, wo der allgemeinen Beruhigung wegen der Notfallplan hängt. Ich streiche mir über die Stoppeln auf meinem Kopf. Ein ungewohntes Gefühl. Am liebsten würde ich mir meine Kleidung gleich mit vom Körper reißen. Das muss noch etwas warten. Ich will alles, was ich bin, hinter mir lassen. Was hätte es auch sonst für einen Sinn, dorthin zu gehen, wo einen niemand kennt?

Das Dröhnen und Rauschen der Sprechanlage reißt mich unsanft aus dem Schlaf. Mein Kopf liegt angelehnt auf den weichen Schultern des dicken Mannes, der wohl schon länger wach ist.

„Tschuldigung“, nuschle ich in mich hinein und wische mir angetrocknete Spucke von der Wange. Der Mann blickt mich halb entgeistert, halb bemitleidend an; ich schenke ihm ein gequältes Lächeln.

„Bitte hinsetzen und die Gurte anlegen, wir befinden uns im Landeanflug“, schallt es fast unverständlich durch den Lautsprecher. Dann noch einmal auf Englisch und noch ein weiteres Mal auf Französisch. Ein scheinbar taubstummer Mann mittleren Alters mit langen Koteletten steht nach wie vor im Gang und wird überfreundlich zweisprachig von einer Stewardess zum Hinsetzen aufgefordert.

Jetzt ist es gleich soweit. Ich stelle mir meine clichéhaft französische Gastfamilie vor, wie sie mit fünf Kindern, Luftballons und einem großen Schild mit Felicia am Ausgang steht und auf mich wartet.

Ich freue mich so hier zu sein, ich habe ja schon so viel Schönes über Paris gehört, lege ich mir meinen ersten Satz zurecht.

„Flugangst?“, fragt mich der Dicke, der merkt, wie ich unruhig auf dem Stuhl hin und her rutsche.

Eher Angst vor dem, was nach dem Flug auf mich zukommt, denke ich und antworte: „Ja, ein bisschen.“

Er drückt mir eine kleine Plastikflasche Wodka in die Hand, so eine, die es in den Hotel-Minibars immer gibt und versucht seinen Bauch einzuziehen, um den Gurt zu schließen. Der Schnaps schmeckt fürchterlich; ihn nicht zu trinken wäre unhöflich. Ich merke, wie ich mich nach ein paar Minuten beruhige. Ob das am Alkohol liegt oder dem wachsenden Bewusstsein, dass ich mich mit meinem Schicksal schon abgefunden habe, als ich in dieses Flugzeug eingestiegen bin, kann ich nicht sagen.

Die Landung ist holprig. Das ganze Flugzeug klappert, und der Mann nimmt irgendwann meine Hand, um mich oder sich selbst zu besänftigen. Ich lasse es über mich ergehen, bis wir mit einem harten Ruck und quietschenden Reifen aufsetzen. Ein paar Passagiere klatschen, während ich mich schon luftanhaltend an dem Dicken vorbei in den Gang quetsche.

Endlich am Ausgang angelangt, halte ich zuerst nach Luftballons Ausschau, dann nach einem Schild mit meinem Namen und dann nach einer Familie mit fünf Kindern. Niemand wartet auf mich. Provokant stelle ich mich in die Mitte, sodass mich jeder sehen kann. Die weiße Schönheit wird von einem noch schöneren, braungebrannten Latino mit süßem Akzent und einem kleinen Strauß Lilien empfangen. Der Dicke wird von einer, im Gegensatz zu ihm geradezu schmächtig wirkenden Frau und einem kleinen Mädchen – vielleicht fünf oder sechs Jahre alt – begrüßt und herzlich in die Arme geschlossen. Selbst ein bärtiger Wilder – oder vielleicht doch ein Obdachloser – schreitet elegant, auf jeden Fall entschlossen, auf sein Ziel zu.

Nach und nach strömen alle bekannten und unbekannten Gesichter aus unerschöpflich landenden Flugzeugen an mir vorbei in die offenen Arme von Verwandten und Bekannten.

Es ist mitten in der Nacht. Ich bin genervt. Ich setze mich auf einen dieser unbequemen Flughafenstühle mit den harten Lehnen und blicke mich suchend um.

Es vergeht über eine Stunde, in der ich auf den verschiedensten Sprachen nach den verschiedensten Sachen gefragt werde, doch nicht einer ist dabei, der mich mitnehmen will. Wie ein ungeliebter Hund im Tierheim sitze ich auf meinem Stuhl und warte.

Als ich gerade gehen will – wohin, weiß ich selbst nicht genau –, erblicke ich einen zerstreuten, so gar nicht französisch aussehenden Mann, der hereingeflogen kommt und gleichzeitig etwas auf ein Stück Pappe schreibt. Ein letzter Hoffnungsschimmer glüht in mir auf, doch als der Mann das Schild unsicher herumwedelnd vor sich hält und suchend um sich blickt, lese ich, in undeutlichen Lettern geschrieben: Florence.

„Immerhin nah dran“, sage ich leise zu mir selbst und seufze. Ich packe mir meine Tasche auf den Rücken und gehe mit leicht gesenktem Kopf Richtung Tür.

„Mademoiselle, Mademoiselle, so warten Sie doch!“, hallt es mir in einem indischen Akzent nach. Unsicher drehe ich mich um und sehe, wie der Mann mit dem Schild freudestrahlend auf mich zugelaufen kommt. Ich weiß nicht, ob ich weglaufen oder schreien soll und bleibe aus Unschlüssigkeit bewegungslos stehen.

„Mademoiselle Florence? Ich soll Sie abholen. Zu Besuch bei Familie Dupont, Florence Fontaine richtig?“

„Florence?“

Er streckt mir etwas stolz, etwas unschlüssig sein Schild entgegen. Dabei scheint es mir recht verwunderlich, dass er ausgerechnet mich zu erkennen glaubt, obwohl ich doch ganz anders aussehe als die anderen. Trotzdem bin ich erleichtert, auch, wenn ich weder Florence noch Fontaine heiße, noch zu irgendeiner Familie Dü-irgenwas will.

„Ja, Florence natürlich, das bin ich“, sage ich zögerlich.

„Ja, ganz offensichtlich, kommen Sie, ich nehme Ihr Gepäck, mein Taxi steht gleich da vorne.“

Ich rede mir ein, dass Florence zu früh angekommen ist und jetzt als Felicia herumläuft und steige ein bisschen zu bereitwillig in das fremde Taxi.

„Ein Familienbesuch, ja? Tolle Stadt, viele Eindrücke. Wirklich toll“, erzählt mein Taxifahrer.

„Ich freue mich so, hier zu sein, ich habe ja schon so viel Schönes über Paris gehört“, rattere ich den zurechtgelegten Satz herunter. Danach schweigen wir beide.

Die Fahrt dauert zwanzig Minuten. Obwohl es mitten in der Nacht ist, stecken wir ständig im Verkehr fest. Wir fahren schließlich eine lange, gewundene Auffahrt entlang und halten vor einem imposanten Gebäude. Der Taxifahrer bemüht sich, mir gleichzeitig die Tür aufzuhalten und mein Gepäck aus dem Kofferraum zu hieven. Ich bedanke mich freundlich und bin mir nicht sicher, ob ich etwas bezahlen muss oder ein Trinkgeld angemessen wäre. Deshalb drücke ich ihm ein Snickers in die Hand, das ich noch von der Reise übrig habe und drehe mich schnell in Richtung Haus. Überwältigt von dem Anblick der prächtigen Stadtvilla, die von einem weitläufigen Park umringt, mitten in Paris liegen muss, merke ich gar nicht, wie das Taxi langsam davonfährt und ich ganz alleine mit meiner Tasche im Dunklen zurückbleibe.

„Verdammt, Florence, du hast es ja mal richtig gut getroffen.“

Sommerwarm hängt die Luft über dem Anwesen, jagt mir leichte Schauer über den Rücken. Es dauert einige Minuten, bis ich mich traue, auf das weißsteinige Ungetüm zuzugehen. Vorsichtig steige ich die breiten Treppenstufen hinauf und erkenne über der Tür ein goldenes Schild mit der Aufschrift: Villa Dupont.

Zaghaft drücke ich auf das ebenso beschriftete, ebenso goldene Klingelschild und höre aus dem Inneren heraus eine weiche, tiefe Glocke läuten. Fast unmittelbar erhellen sich die großen Fenster und eine recht betagte Frau, ganz in schwarz gekleidet, mit ordentlich hochgestecktem Haar, öffnet mir die großen Türflügel.

„Madame Dupont?“, bringe ich unsicher über die Lippen, überzeugt davon, direkt wieder abgewiesen zu werden. Es ist mir äußerst unangenehm, mitten in der Nacht eine so vornehme Familie zu stören.

„Aber nein, nicht doch. Ich bin Marguerite, die Haushälterin. Die Herren und Damen Dupont schlafen bereits. Mademoiselle Fontaine, willkommen in der Villa Dupont. Ihr Gästezimmer ist bereits angerichtet“, bittet sie mich zu meiner Überraschung hinein. Für einen kurzen Augenblick denke ich, dass ich hier vielleicht doch richtig bin.

„Danke, ich wollte auch niemanden so spät wecken.“

„Aber nein, in den Schlafzimmern hört man die Klingel ja nicht. Folgen Sie mir bitte.“

Durch etliche Gänge und Flure, nach rechts und links, eine Treppe hinauf, durch große hölzerne Torflügel, vorbei an goldgerahmten Bildern und Statuen von vorwiegend antiken, nackten Männern gelangen wir endlich zu einer vergleichsweise unscheinbar wirkenden Türe.

„Hier ist es. Sollten Sie noch etwas benötigen, geben Sie einfach Bescheid. Frühstück gibt es morgen um acht Uhr, ich wünsche eine gute Nacht.“

„Danke“, presse ich überwältigt heraus und blicke der emsigen Frau hinterher.

Hinter der Türe befindet sich nicht das, was man gemeinhin unter Gästezimmer verstehen würde. Hinter der Türe wartet ein ganzes Appartement, bestehend aus einem Schlafzimmer, einem begehbaren Kleiderschrank, einem weiß strahlenden Badezimmer, das für sich genommen schon größer ist, als mein Zimmer zuhause, und nicht zuletzt einem Balkon mit Sicht auf den Park.

Ich hänge meine zwei Sweater, meine drei Shirts und zwei Blusen ordentlich in dem Kleiderschrank-Zimmer auf, blicke auf die übrigen dreiundneunzig leeren Kleiderbügel und schüttle belustigt den Kopf. In der Wellness-Oase aus weißem Keramik lasse ich heißes Wasser in die viel zu große Badewanne ein und kippe Unmengen duftender Öle und Seifen hinterher, bis sich große, leise knisternde Schaumburgen aufbauen. Vorsichtig gleite ich durch die Blasen in das heiße Wasser, merke, wie mein, durch die Reise verspannter Körper, sich langsam erholt. Benebelt, sinke ich immer tiefer hinein und schließe meine Augen. Man hört nichts, außer das unregelmäßige Ploppen der kleinen Schaumblasen. Ich fühle mich unwillkürlich in das 18. Jahrhundert zurückversetzt. Der Park, das Haus, die Gemälde und Statuen. Alleine die pedantische Haushälterin.

Florence. Ja: daran könnte ich mich gewöhnen. Ein schöner Name. Ein schönes Haus. Ein schönes Bad. Alles in mir befreit sich, löst sich auf, bis nichts mehr da ist. Mein Körper – verschwunden. Mein Geist treibt ohne Ziel durch den warmen Keramiksee.

ZWEI

Ein schriller Wecker klingelt. Ich drehe mich träge um, drücke mir ein samtweiches Kissen auf den Kopf. Das Klingeln will nicht aufhören. Genervt richte ich mich auf und schmeiße den Wecker auf den Boden. Ein letzter Klang, ein verstummender Schrei – dann ist es ruhig. Was soll das auch? Es sind Ferien. Weshalb aufstehen?

Ich versuche an meinen Traum anzuknüpfen. Eine große Villa. Ein Pferd. Ein Whirlpool voller Schaum. Wie schnell man so etwas doch wieder vergisst! Ein großes Frühstück. Ich bekomme unfreiwillig Hunger.

Wann habe ich das letzte Mal etwas Richtiges gegessen? Mein Bauch kämpft gegen meine Müdigkeit. Frühstück. Irgendetwas habe ich übersehen. Es kommt mir vor, als habe ich etwas wichtiges geträumt, und umso mehr ich versuche, daran zu denken, desto weiter rückt es in die Ferne.

Ich erschrecke. Senkrecht stehe, nein, senkrecht sitze ich im Bett. Frühstück. Um acht. Ich gucke mich um. Ein großes, hell erleuchtetes Zimmer liegt vor mir und ich in einem purpurfarbenen Bett. Durch die kreisrunden Fenster scheint grell die Morgensonne. Die Erinnerungen kehren langsamer zurück als mir lieb ist. Irreal wirkt alles um mich herum. Ich blicke verstört auf den Wecker am Boden, bin mir nicht sicher, ob ich ihn selbst gestellt habe oder jemand anderes.

Halb acht. Ich schäle mich mühselig aus dem Bett und gucke mich in dem großzügigen Zimmer um. Auf dem Boden liegt mein Bademantel; instinktiv ziehe ich ihn über, um nicht nackt in einem fremden Haus zu stehen. Er ist noch feucht von dem nächtlichen Bad. Die frische Kälte bringt mir Klarheit. Florence. Familie Dupont. Ich muss meine Rolle spielen, um nicht aufzufallen. Ich fühle mir über den Kopf. Kurze Stoppel begrüßen mich prompt. Richtig, die Haare sind ja ab. Im Kleiderschrank, sofern man das Schrank nennen kann, greife ich nach meiner weißen Bluse und schwarzen, engen Hose, in der Hoffnung, ins Bild zu passen.

Es ist fast Acht, als ich aus dem kleinen Appartement trete und einen langen Gang mit verschiedenen Türen vor mir finde. Angestrengt versuche ich mir ins Gedächtnis zu rufen, auf welchem Weg ich hier hingekommen bin und taste mich vorsichtig durch den Flur. Ich erkenne ein Bild wieder, welches eine halb nackte, dickliche Frau abbildet, folge einem Weg, der nach rechts abgeht. Nach ein paar Metern biege ich links ab, gehe eine Treppe hinunter, dann geradeaus vorbei an einer schimmernden Ritterrüstung, die mir leider gar nicht bekannt vorkommt, bis ich schließlich in einem Innenhof lande. Um mich herum blüht es in hundert Farben; ein leises Plätschern verrät den kleinen Brunnen in der Mitte. Die Luft ist herrlich frisch und warm.

„Natürlich braucht man auch einen Innenhof“, murmele ich gedankenverloren vor mich hin.

„Mademoiselle Fontaine, wo bleiben Sie denn?“

Ich drehe mich erschrocken um. Vor mir steht die Haushälterin, deren Name ich vergessen habe. Ich bin mir im ersten Moment nicht sicher, ob sie wirklich mich meint.

„Ach, ich – ich, ähm, ich hab mich hier irgendwie verlaufen.“

„Nun los! Kommen Sie schon, die Herrschaften warten bereits! Haben Sie denn Ihre Sonntagsgarderobe nicht an?“

Ich folge nervös, ohne auf die rhetorische Frage einzugehen. Jetzt gleich wird es soweit sein. Ich werde meine falschen Gasteltern kennenlernen. Was ist, wenn sie wissen, wie Florence, die echte Florence, aussieht? Ich stelle mich darauf ein, gleich wieder hinauszufliegen. Das Missverständnis wird man auf Verständigungsprobleme schieben können, auf ein falsches Schild vom Taxifahrer oder Ähnliches. Die Haushälterin geht mit bestimmtem Schritt durch die verzweigten Flure, als wäre sie in ihrem Leben nie woanders gewesen. Ich folge ihr scheu und staune nicht schlecht, als wir plötzlich in einem prächtigen Saal mit ungreifbar hohen Decken stehen. In der Mitte ist eine Tafel angerichtet; an ihr sitzen ein Mann, eine Frau und ein Mädchen, das ungefähr in meinem Alter sein wird und überraschenderweise genauso wenig ins Bild passt wie ich. Alles ist prunkvoll und prächtig gestaltet. Die bemalten Fenster erinnern an Kirchenfenster, lassen dennoch genug Licht hinein, um den Saal hell erstrahlen zu lassen. An den Wänden hängen weitere goldgerahmte Bilder. In der Ecke steht eine meterhohe Standuhr, die ein gemächliches Ticken von sich gibt, während das Pendel unbeirrt von Seite zu Seite schwingt.

„Florence! Es ist mir eine Freude, dich kennenzulernen!“ Der bleiche Mann steht eilig auf, schmeißt dabei fast seinen großen Holzstuhl um. Er küsst mich energisch auf die Wangen; die Knochen unter der Haut treffen unangenehm aufeinander. Dann geleitet er mich zu einem leeren Stuhl und bittet freundlich darum, dass ich mich setze. „Ich bin Gabriel Dupont, und das ist meine liebe Frau Camille. Camille Dupont, quasi das Herz dieser schönen Einrichtung.“

„Es freut mich sehr …“, bringe ich gerade noch über die Lippen, als der munter gestimmte Mann schon fortfährt: „Und das ist unsere entzückende Tochter Laetitia. Sie ist einundzwanzig, also genau so alt wie du, nicht wahr?“

„Ja klar, genau“, stimme ich zögernd zu und habe damit zu meinem neuen Namen auch noch ein neues Alter. Neunzehn oder einundzwanzig – macht auch keinen großen Unterschied mehr. Das Mädchen sieht viel jünger aus. Außer einem flüchtigen Blick – womöglich Ausdruck ihres Erstaunens – scheint sie gelangweilt und desinteressiert.

„Aber Kind, was hast du denn nur mit deinen Haaren angestellt? Wir werden dir eine Perücke besorgen müssen“, platzt es aus Madame Dupont heraus, die mich abschätzig begutachtet. Im Kontrast zu ihrem Mann wirkt sie sehr jung und im Gegensatz zu seinen weichen Gesichtszügen, beinahe wie versteinert.

„Nicht doch, aber nein, meine liebe Frau. Du weißt doch wie die Jugend ist, das ist sicher gerade so im Trend bei euch, richtig Florence?“, wendet sich der gutmütige Mann wieder an mich.

„Richtig“, stammle ich und muss mir unwillkürlich meine Freunde aus der Heimat mit kurzgeschorenen Haaren vorstellen.

„Ich finde das nicht so komisch“, antwortet die Hausherrin auf mein unfreiwilliges Lächeln. „Die Jugend muss auf die Eltern hören. Und dazu gehört es auch, anständig herumzulaufen. Nicht wahr, Laetitia?“

„Ja, Mama. Ich werde später mit Florence ein paar feine Klamotten besorgen.“

Laetitia ist ein hübsches Mädchen in grauen, fürchterlich charakterlosen Klamotten. Die dunklen Haare sind sorgfältig zurückgekämmt und mit einem farblosen Haarreif fixiert. Sie scheint, wie alle hier, in vergangener Zeit stecken geblieben zu sein. Nur die schwarzen, frechen Augen passen nicht zu der biederen Erscheinung.

„Sehr gut“, fällt wieder der Vater ein. „Lasst uns frühstücken, es ist schon spät.“

Ich weiß nicht genau, ob die Tochter naiv und dumm oder doch gerissen ist, vergesse den Gedankenzug jedoch schnell wieder, als ich das großzügige, büffetartige Frühstück auf dem Tisch realisiere.

„Nun Florence, hattest du eine angenehme Reise?“, wendet sich Monsieur Dupont wieder an mich und mustert mich etwas zu intensiv für meinen Geschmack.

„Aber ja, sie war erträglich.“ Ich fühle mich unwohl in dieser fremden Umgebung, unter einem falschen Namen. Bei jeder Frage erwarte ich, aufzufliegen und gleich wieder weggeschickt zu werden. Doch das restliche Frühstück verläuft, zu meiner Beruhigung, eher schweigsam. Nachdem die Mutter Laetitia und mich für den Nachmittag verabredet hat, werde ich von der Haushälterin wieder in mein Zimmer geleitet.

Ich richte mich ein bisschen ein. Nicht zu sehr, damit ich, wenn nötig, schnell wieder packen und abreisen kann. Viel habe ich ja ohnehin nicht dabei. Eine heimliche Abreise schwebt mir schon seit dem Morgen im Kopf herum. Bevor ich mich hier verzettele, werde ich schon irgendetwas anderes finden. Doch das Bett mit den weichen Kissen zieht mich in seinen Bann, ehe ich einen Plan fassen kann. Überhaupt – wie sollte ich jemals den Weg aus diesem Labyrinth finden?

Schläfrig wälze ich mich in den purpurfarbenen Laken. Florence. Ja, vielleicht ist das ja genau der richtige Weg, um mich hier einzuleben. Ein paar Tage in dem prächtigen Haus, dann werde ich mir etwas Neues suchen. Man muss Kontakte knüpfen. Die Stadt kennenlernen. Pariser Luft schnuppern.

Um Punkt drei klopft es. Ich muss eingeschlafen sein. Zumindest weiß ich nicht, wie die letzten Stunden so schnell vergehen konnten. Ich schlürfe zur Tür und öffne sie, bemüht einen weniger verschlafenen Eindruck zu machen. Laetitia steht ungeduldig vor mir. Ganz in elegantem Schwarz gekleidet, sieht sie plötzlich gar nicht mehr so mäuschenhaft aus, sondern – ganz im Gegenteil – wie eine geschmackvolle Dame. In gleicher Weise erwachsen und jugendlich. Eine schwarze Bluse mit dezenten Spitzen geht fast nahtlos in eine breite, tiefschwarze Schlaghose über, worunter hochhackige Schuhe in derselben Farbe hervorragen und Laetitia die Möglichkeit geben, von oben auf mich herabzublicken.

„Na guck nicht so verdutzt, die Eltern sind aus dem Haus.“

Als sich auf meinem Gesicht wohl immer noch keine Besserung zeigt, fügt sie hinzu: „Wie siehst du eigentlich aus?“

Mir wird bewusst, dass ich völlig zerknittert im Bademantel vor ihr stehe und es mir tatsächlich unangenehm ist.

„Komm doch rein, ich mache mich schnell frisch“, sage ich und realisiere schon im Sprechen, dass das ja eigentlich nicht mein Zimmer ist. „Oder, keine Ahnung, ist das angebracht? Immerhin wohnst du hier und nicht ich.“

„Jetzt mach dir mal nicht ins Hemd, ich hab dir was mitgebracht, zieh ich eh nicht mehr an. Das Geld von Mama können wir besser nutzen als es für deine Klamotten auszugeben.“

Sie reicht mir eine schwarze Stoffhose, die mir bis zum Bauchnabel reicht und wohl bei jeder beliebigen Figur die Hüfte unvorteilhaft betonen würde. Darüber ein weißes Hemd und ein schwarzer Cardigan, der für das Wetter eigentlich ein bisschen zu warm ist.

Ich finde, ich sehe knabenhaft aus. Laetitia bezeichnet es als burschikos und meint, das wäre gerade voll im Trend oder so. Ob sie das ernst meint oder mich bloß vorführen will, weiß ich nicht genau, ist mir letztendlich aber auch gleichgültig.

„Sag mal, wegen deiner Eltern, bist du –?“, frage ich vorsichtig.

„Was denkst du denn?“, handelt Laetitia das offensichtliche gleich ab.

„Also gut, wo gehen wir hin?“, frage ich, als ich mich so gut wie möglich zurechtgezupft habe und das Mädchen schon ihre dritte Zigarette in einem Blumentopf ausdrückt. Bei der ersten habe ich mir gedacht, ist ja nicht mein Zimmer, bei der zweiten, ich schlafe hier, also könnte ich eigentlich auch was sagen und bei der dritten, jetzt ist es eh zu spät. Sie sieht sehr elegant aus, wenn sie raucht.

„Ach, du schminkst dich gar nicht?“, antwortet sie und geht, ohne eine Antwort abzuwarten an mir vorbei durch die Tür.

„Okay, hör zu“, beginnt Laetitia, als wir aus der prächtigen Haustür heraustreten und ein Taxi schon auf uns wartet, „ich habe echt keine Lust, Kindermädchen zu spielen. Ich nehme dich mit, damit Mama zufrieden ist, aber halte dich zurück. Das hier ist meine Welt.“

Auch, wenn ich sie wohl nicht mögen sollte, bin ich ziemlich angetan von diesem Mädchen. Die perfekte Tochter. Und sobald die Eltern das Haus verlassen, plötzlich ein ganz anderer Mensch.

Ich blicke gedankenverloren durch das Fenster und die vorbeifliegende Stadt zieht mich unmittelbar in ihren Bann. Alte, hohe Gebäude aus graubraunem Stein mit abgerundeten Ecken und einem Balkon mit Stein- oder Metallbrüstung an jedem einzelnen Fenster. Im Erdgeschoss eine nicht enden wollende Reihe Geschäfte, eine Boutique nach der nächsten und dazwischen – immer mal wieder – eine kleine Bäckerei oder ein edles Restaurant. Männer im Anzug und Frauen in feinen Kleidern. Dazu der Lärm von Motoren und Hupen und das endlose französisch Gequassel aus dem Radio.

Wir stehen falsch herum in einer Einbahnstraße, als der Taxifahrer uns aussteigen lässt, weil ihm ein Auto entgegenkommt.

„Ist gleich da vorne“, sagt Laetitia mehr zum Taxifahrer als zu mir und zeigt auf eine kleine, vornehm gekleidete Menschentraube, die vor einem Hauseingang mit großen Schaufenstern steht.

Kaum sind wir bei dem Grüppchen angekommen, begrüßt Laetitia alle um sie herum, und mich befällt das Gefühl, skeptisch gemustert zu werden. So oder so fühle ich mich hier nicht sehr wohl. Alle sind fein gekleidet, dank der hohen Schuhe mindestens zwei Köpfe größer und auf den ersten Blick ziemlich hochnäsig. Ich habe den Eindruck, der Mode-Elite von Paris ausgeliefert zu sein und statt unauffällig und ungesehen am Rande zu stehen, wie es Felicia wohl ergangen wäre, stehe ich, Florence, mittendrin und werde betrachtet, wie ein Hummer im Restaurant-Aquarium.

„Laetitia, da bist du ja endlich!“, drängt sich ein junger Mann in meine Gedanken und drückt dem Mädchen einen Kuss auf jede Wange und ein Glas Sekt in die Hand. Er ist groß und schlank, hat braune ungezähmte Locken und einen ebenso ungezähmten Ausdruck in seinen Augen.

„Und Hallo! Wen haben wir denn hier? Deine Augen, Wahnsinn!“, wendet er sich in verunsichernder Direktheit an mich, schnippt sogleich einen Kellner mit einem Tablett zu sich herüber und reicht auch mir ein Glas, nicht, ohne sich mit zahlreichen Wangenküssen vorzustellen: „Ferdinand Cantalloube, Schauspieler, Künstler und ein guter Freund der Ausstellerin.“

„Florence, einfach nur Florence.“

„Wie kommst du zu so einem Schmuckstück“, wendet er sich wieder an Laetitia und vertieft sich mit ihr gleich in ein Gespräch über neueste Ereignisse, mit denen ich nichts anfangen kann.

„Ich war also bei der Audition, habe mir den Arsch aufgerissen, um diesen Bösewicht von Théo zu spielen. Verdammt, mir sind sogar fast die Tränen gekommen, weil ich so überzeugend war! Na jedenfalls taucht dann dieser Schnösel auf, Ricardo, und der –“

„Ricardo? Der Ricardo? Der Freund von Monique?“

Auf der Suche nach einem neuen Glas Sekt oder einer anderen Beschäftigung als neben zwei Fremden zu stehen und zusammenhangslosen Geschichten zu lauschen, mache ich mich auf den Weg in die kleine Galerie. Große Leinwände mit teils bunten, teils schwarz-weißen Motiven zieren die Wände. Abgebildet sind reale Gegenstände oder Personen, die aber meist bis zur Unkenntlichkeit verzerrt sind. Von einem kleinen Tisch nehme ich mir ein volles Glas und streife langsam an den Werken vorbei. Die Galerie ist fast leer, alle stehen draußen und scheinen eher für das Event als für die Kunst hier zu sein. Vor einem Clown am Kreuz bleibe ich verstört stehen. Ich blicke auf das kleine Schild, um mehr zu erfahren.

Audrey Chevalier, ‚Clown am Kreuz‘ – 9500,-

Sehr hilfreich. Der Clown blutet Konfetti und trägt sein falsches Grinsen breit im Gesicht, während eine kleine, von der Schminke bunte Träne über sein Gesicht rollt. Auf dem Kopf trägt er statt einer Dornenkrone ein Luftballongebilde mit ähnlicher Form.

„Gefällt es dir?“ Eine junge Frau ist neben mich getreten. Sie lächelt mir freundlich zu, als ich sie kurz anblicke und dann gleich wieder den Clown, um ihn nicht aus den Augen zu lassen.

„Es ist, ähm, speziell. Ehrlich gesagt, mag ich keine Clowns.“

„Ja, es hat schon etwas Skurriles. Aber auch eine mächtige Anziehung, findest du nicht?“