Böse Wetter - Gesa Knolle - E-Book

Böse Wetter E-Book

Gesa Knolle

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Beschreibung

Ein Kriminalroman voll packender Charaktere, großartiger Schauplätze und tiefer Abgründe. Auf der tschechischen Seite des Erzgebirges wird die abgetrennte Hand eines vermissten deutschen Polizisten gefunden. Ein Fall für BKA-Sonderermittlerin Hannah Stein. Doch nicht nur die allgemeine Unkenntnis über das Doppelleben des Verschwundenen und seine Kontakte zur tschechischen Mafia erschweren ihr die Arbeit. Als ein stillgelegter Bergstollen explodiert, droht die Lage zu eskalieren

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Seitenzahl: 318

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Nach längeren Reisen studierte Gesa Knolle Film am Edinburgh College of Art in Schottland, besuchte diverse Schreibseminare und arbeitete an vielen Projekten mit. Heute lebt und arbeitet sie, wenn sie nicht gerade reist, in Berlin.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

©2021 Emons Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagmotiv: Irene Lamprakou/Arcangel.com

Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, nach einem Konzept von Leonardo Magrelli und Nina Schäfer

Umsetzung: Tobias Doetsch

Lektorat: Lothar Strüh

E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck

ISBN 978-3-96041-724-8

Erzgebirge Krimi

Originalausgabe

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De omnibus dubitandum est.

1    Dienstag

Hektisch wischten dunkle Baumstämme durch das Blickfeld. Holz krachte, jemand atmete schwer. Die Kamera war zu schlecht, um bei den rasch wechselnden Lichtverhältnissen ein gutes Bild zu liefern. Etwa zwanzig Meter voraus stapfte die Silhouette eines breitschultrigen Mannes durchs Unterholz.

»Benni, jetzt gib halt zu, dass du dich geirrt hast«, rief eine tiefe Männerstimme hinter der Kamera.

»Sind doch gleich da«, donnerte der Vorauseilende, ohne sich umzudrehen.

Ein junger Mann mit zartem Oberlippenflaum und schwarzer Wollmütze beugte sich ins Bild und verdrehte die Augen. »Der feine Herr Benni hat sich beim letzten Rätsel vorm Cache verrechnet, und deshalb irren wir jetzt seit über einer Stunde hier rum. Es ist arschkalt, obwohl es Mai ist, da oben die Sonne scheint und in Berlin alle baden gehen! Ich meine: Schaut euch das an!« Er deutete auf einen verkarsteten grauen Schneeberg am Fuß einer Fichte.

Der Kameramann zoomte den Haufen heran und fügte mit Grabesstimme hinzu: »Wir sind im Herzen von Mordor, hier scheint die Sonne niemals.«

Beide lachten und rannten die letzten Meter auf Benni zu, der am Rande einer Lichtung stehen geblieben war.

»Ey Babo, jetzt mach–«

Der Mützenträger verstummte abrupt. Im selben Moment stellte sich die Kamera auf die gleißenden Lichtverhältnisse auf der Lichtung ein.

Etwa zwei Meter entfernt hockte ein struppiger Fuchs im Gras und starrte die drei Geocacher überrascht an. Ihm fehlte die Hälfte seines rechten Ohres, wie rausgebissen. Im Maul trug er etwas Längliches, Fleischfarbenes.

»Alter«, murmelte der Mützenträger, »voll Lynch-mäßig.«

»Quatsch! Bei Kurosawa kam das viel geiler«, entgegnete Benni und schubste ihn. Der Fuchs nutzte den Moment und schoss davon, die drei Geocacher hinter ihm her.

»Halt ihn fest!«

»Vorsicht, der haut ab!«

Mit einem scharfen Schwenk nach links kam der Kameramann ruckartig neben seinen Freunden zum Stehen. »Krass«, keuchte er und beugte sich nach vorne, sodass die Kamera den Boden filmte. Dort, auf einem Bett aus Moos, lag eine bleiche Hand. Dann brach die Aufnahme ab.

Hannah Stein legte das Tablet beiseite und rieb sich mit der Hand über ihre geröteten Augen. Es war acht Uhr morgens, und sie hatte schon zwei Stunden Fahrt hinter sich. Von dem schönen Wetter oder dem geschäftigen Treiben auf dem Rastplatz am Hermsdorfer Kreuz, das durch die heruntergelassenen Fenster ihres Dienstwagens zu ihr hereindrang, bekam die Kriminalhauptkommissarin nichts mit, sie war viel zu müde.

Seit dem Schlaganfall ihres Vaters vor vier Tagen hatte sie kaum geschlafen. Ständig war sie zwischen der Klinik und der Wohnung ihrer Eltern gependelt, hatte versucht zu helfen, zu organisieren. Das war zäh, traurig und deprimierend gewesen. Als gestern Bert Wendel, ihr Chef und Leiter einer inoffiziellen Spezialeinheit des BKA, für den sie seit fast zehn Jahren arbeitete, anrief und fragte, ob sie einen Fall übernehmen könne, hatte sie sofort zugesagt.

Hannah schob sich das letzte Stück Croissant aus dem Tankstellenshop in den Mund und spülte es mit laschem Automatenkaffee herunter, während sie das halbseitige Dossier überflog, das Bert ihr zusammen mit dem Clip gemailt hatte.

Nach bisherigem Kenntnisstand gehörte die abgetrennte Hand einem jungen Polizeimeister aus Aue, der seit vier Tagen vermisst wurde. Bevor er verschwand, hatte er an einem Imbiss randaliert und dabei auch Kollegen angegriffen. Seine Hand war am nächsten Morgen von Geocachern kurz hinter der Grenze in Tschechien gefunden worden. Mehr war zurzeit noch nicht bekannt.

Der Fall erinnerte Hannah an ein Lieblingsmärchen ihres Großvaters, in dem der Fuchs die Hand des Helden stiehlt, die dessen böse Stiefmutter ihm im Schlaf abgehackt hat. Aber wie ging das Märchen weiter? Obwohl sie erst achtunddreißig war, hatte Hannah oft das Gefühl, mehr zu vergessen als andere Menschen in ihrem Alter.

Sie sah wieder auf ihr Tablet. Es war zehn vor acht. Sicher brachte ihre Schwester gerade ihre Söhne in die Schule und zur Kita und fuhr danach zu ihrem Vater ins Krankenhaus. Lea war zwei Jahre älter als sie und hatte ein Gedächtnis wie ein Elefant. Hannah nahm sich vor, sie abends anzurufen und zu fragen, wie das Märchen weiterging. Gähnend steckte sie das Tablet zu ihrer Dienstpistole in die Kuriertasche, schüttelte die Croissantkrümel von ihrem schwarzen Jumpsuit und ließ den Motor an. Bis Chemnitz lag noch eine weitere knappe Stunde Fahrt vor ihr.

2

Kurz vor neun parkte Hannah gegenüber dem massiven Gebäude der Polizeidirektion Chemnitz. Es war ihr erster Besuch im ehemaligen Karl-Marx-Stadt, und sie wusste nur, dass in der Mitte der drittgrößten Stadt Sachsens ein gigantischer Karl-Marx-Kopf stand, die Bewohner deutsche Spitzenreiter in Sachen Crystal-Meth-Konsum waren und ein Problem mit Rechtsextremismus hatten. Hannah angelte ihre schwarze Bomberjacke vom Rücksitz, griff nach der Kuriertasche und stieg aus.

Das im Dossier angegebene Besprechungszimmer lag im zweiten Stock des historischen Direktionsgebäudes. In dem abgedunkelten Raum saßen eine Frau und vier Männer bei Kaffee und Keksen um einen runden Tisch und unterhielten sich angeregt. Das Gespräch verstummte abrupt, als Hannah eintrat. Sie war es gewohnt, angestarrt zu werden, dennoch nervte es sie. Ob es an ihrer Körpergröße von eins vierundachtzig, ihrer stets schwarzen Kleidung oder ihrem distanzierten Blick lag, wusste sie nicht– und es war ihr auch egal. Adjektiven wie »nett« oder »aufgeschlossen« konnte sie sowieso nichts abgewinnen.

»Morgen. Stein, BKA Wiesbaden.«

Sie warf ihre Kuriertasche auf den Tisch und wollte sich auf den nächsten freien Platz setzen, doch der Mann links von ihr war bereits aufgesprungen und zog galant lächelnd den Stuhl für sie zurück.

»Guten Morgen! Gestatten, Leutnant Jakub Novák, nationales Zentrum gegen organisierte Kriminalität Prag.«

Jetzt war es Hannah, die starrte. Vor ihr stand Clark Gable, keine dreißig, aber schon mit diesem knautschigen Gesicht, der Gelfrisur und dem schmalen Oberlippenbart samt ausrasierter Lücke unter der Nase. Dazu trug er einen perfekt sitzenden nachtblauen Anzug.

»Willkommen in Sachsen, Frau Stein«, sagte die weißhaarige Frau auf der anderen Seite von Novák und erhob sich. Der mühelos bestimmende Klang ihrer Stimme stellte sofort klar, dass sie es gewohnt war, das Sagen zu haben.

»Ich bin Monika Breitfeld, Kriminaldirektorin der KPI Chemnitz. Vielen Dank, dass Sie alle diesen frühen Termin möglich machen konnten. KHK Stein und Leutnant Novák waren ja bereits so nett und haben sich vorgestellt, ich will es auch kurz halten.« Sie wies auf den extrem hageren Mann mit gewaltigem Adamsapfel zu ihrer Linken, der abwesend in seinen Unterlagen blätterte. »Dr.Obenauf, Leiter der Chemnitzer Außenstelle des Rechtsmedizinischen Instituts Leipzig, daneben Kollege Ziegler, EPHK vom Revier Aue.«

Der Erste Polizeihauptkommissar und Chef des Auer Polizeireviers, ein untersetzter grauhaariger Mann mit hängenden Wangen und zahllosen Lachfalten, nickte Hannah freundlich zu.

»Ebenfalls aus Aue«, fuhr Monika Breitfeld fort, »der Leiter des Kriminaldienstes KOK Pauer. Er wird uns kurz in den Fall einführen, bevor Dr.Obenauf uns seine Erkenntnisse mitteilt.«

Sie setzte sich, und Kriminaloberkommissar Pauer, ein bulliger Mittvierziger in einer schwarz glänzenden Trainingsjacke mit zwei goldenen Streifen, klappte den Laptop vor sich auf.

»’tschuldigung vorab, dass kein ausführlicherer Bericht verschickt wurde, aber das war in der Eile nicht zu schaffen. Dafür hab ich eine kleine Präsentation vorbereitet, die schick ich später noch rum.«

Pauer drückte eine Taste des Laptops, und der Beamer an der Decke erwachte mit leisem Rauschen aus dem Stand-by. An der fensterfreien Wand erschien das Foto eines schmalen aschblonden Manns Mitte zwanzig mit der Bildunterschrift »PMDennis Uhlig«.

»Polizeimeister Dennis Uhlig gilt seit Freitag als vermisst. Zuletzt wurde er gegen sechzehn Uhr dreißig am Postplatz in Aue gesehen, wo er erst vor dem vietnamesischen Imbiss ›Gia Toc‹ und dann gegenüber in der Spielothek ›Glück auf‹ randalierte. Dabei ging er wahllos auf Passanten und herbeigerufene Kollegen los. Im Anschluss flüchtete er über den Floßgraben Richtung Schneeberg in den Wald und wurde seitdem nicht mehr gesehen. Samstag früh fanden dann drei Berliner Geocacher kurz hinter der tschechischen Grenze, im Wald bei Breitenbach, eine rechte Hand und gaben sie beim Polizeistandort Johanngeorgenstadt ab. Nach Aufnahme ihrer Aussagen kontaktierte der Beamte vor Ort mein Kommissariat sowie die tschechischen Kollegen. Da schnell klar wurde, dass die Hand einem unserer Kollegen, also dem Dennis, gehört, waren die Tschechen so freundlich, sie uns zur weiteren Untersuchung zu überlassen.«

»Und woher wussten Sie so schnell, dass die Hand Uhlig gehört?«, unterbrach Hannah die Ausführung des Kommissars.

»Dennis hat ein Tattoo auf der Innenseite seines rechten Unterarms. Da steht ›Aue‹, dann das Logo des FCErzgebirge Aue und ›Glück auf‹.«

Pauer klickte durch ein paar Fotos, bis an der Wand die abgetrennte Hand mit den eintätowierten Buchstaben ›Au‹ auf der Innenseite des Handgelenks erschien. Er fuhr fort: »Samstagnachmittag suchten die tschechischen Kollegen die Umgebung des Fundorts weiträumig ab, jedoch ohne einen Hinweis auf Dennis’ Verbleib zu finden. Ebenso ergebnislos blieb die Suchaktion Sonntagvormittag im Wald zwischen Floßgraben und Schneeberg. Zur Schlägerei vor der Spielothek am Freitag bleibt noch zu sagen, dass alle Zeugen Dennis als ›wildes Tier‹ beschrieben haben, als völlig durchgedreht. Das ist bemerkenswert, da er eigentlich eher vom schüchternen Typ ist.«

»Wurde versucht, Uhligs Handy zu orten?«, fragte Hannah.

»Klar, aber das ist aus«, erwiderte Pauer.

»Und was wissen Sie über die Hand? Ist bereits klar, wann und wie sie Uhlig abgetrennt wurde?«

»Vielleicht kann diese Frage Dr.Obenauf beantworten?«, klinkte sich Kriminaldirektorin Breitfeld ein und blickte erwartungsvoll zu dem Rechtsmediziner an ihrer Seite.

»Nun«, Obenauf räusperte sich umständlich, »einzig anhand der Hand ist der Zeitpunkt der Amputation leider nicht zuverlässig zu bestimmen.« Seine nasale Stimme klang leicht arrogant.

»Warum sagen Sie ›Amputation‹?«, hakte Hannah nach. »Gehen Sie davon aus, dass Uhlig den Verlust seiner Hand überlebt hat?«

»Das tue ich. Wahrscheinlich kam es nicht mal zu einem nennenswerten Blutverlust, da das örtliche Gewebe verbrannt und gleichzeitig alle Gefäße verödet wurden.«

»Aber…« Breitfeld blickte den Rechtsmediziner bestürzt an. »Heißt das, die Hand wurde fachmännisch entfernt?«

»Ja und nein, es ist kein mir bekanntes Verfahren. Es ähnelt einer Ablation, bei der mit einer durch Strom erhitzten Drahtschlinge Gewebe durchtrennt oder verdampft wird, gleichzeitig erfolgt der Verschluss der Gefäße und damit eine Blutungsstillung. Die hierfür eingesetzte Stromfrequenz hängt von der Art des zu durchtrennenden Gewebes ab, in diesem Fall Haut, Muskeln, Sehnen und Knochen. Der Widerstand von Haut- und Muskelgewebe ist relativ gering, doch der von Knochen ist um den Faktor eintausend höher!«

»Und das heißt für Normalsterbliche?«, unterbrach Pauer den Arzt schroff.

Pikiert presste Obenauf die Lippen zusammen. Betont langsam fuhr er fort: »Wenn Uhligs Hand mit diesem Verfahren abgetrennt worden wäre, wäre sie– und sein restlicher Körper– gar gekocht! Die Hand ist aber bis auf einige Bissspuren unversehrt.«

Der Rechtsmediziner machte eine Kunstpause und schien die nun stumme, ungeteilte Aufmerksamkeit im Raum zu genießen.

»Daraus folgend stellt sich eine weitere Frage: Warum ist die Schnittfläche mit einem Film aus Sulfiden und Schwefelwasserstoff überzogen? Wenn zum Abtrennen der Hand tatsächlich Strom verwendet wurde, hätte der Schwefel die elektrische Leitfähigkeit behindert. Wozu also der Schwefel?«

Da niemand auf seine Frage eine Antwort wusste, fuhr er fort: »Ferner haben wir noch Erde, tierischen Speichel sowie drei Fingerabdrucksätze an der Hand gefunden. Die Daktylogramme passen zu denen der Finder.«

»Wurde abgeklärt, ob die Geocacher mehr mit dem Fall zu tun haben?«, fragte Hannah an Pauer gewandt.

»Klar, die drei haben ein Alibi«, erwiderte der bullige Kommissar. »Sie kamen am Freitag um fünfzehn Uhr einundzwanzig mit dem Regio in Johanngeorgenstadt an, sind dann zu ihrer Pension gelaufen und haben den restlichen Tag bis tief in die Nacht auf ihrem Zimmer Party gemacht. Daran konnte sich die Wirtin erinnern, sie war, ich zitiere, ›grässlich genervt vom Gejohle der Jungen‹.«

»Verstehe. Gibt es denn Vermutungen, wer Uhlig die Hand abgetrennt haben könnte?«

»Nein, Dennis war sehr beliebt, und Probleme mit der Scharia hatten wir bisher auch noch nicht.«

Ziegler, der Chef des Auer Polizeireviers, lachte so herzhaft über den Witz seines Kriminaloberkommissars, dass sein ganzes faltiges Gesicht vibrierte. »Der ist gut, Ralf, der ist gut!«

Offenbar beschämt über den Schenkelklopferhumor der Kollegen– ihr Gesicht sprach Bände–, wendete sich Kriminaldirektorin Breitfeld nochmals an den Rechtsmediziner. »Dr.Obenauf, bitte sagen Sie uns doch noch etwas zu dem Chip, den Sie in Uhligs Hand gefunden haben.«

»Aber natürlich, gerne. Beim Röntgen der Hand entdeckten wir im Musculi interossei dorsalesI«, der Arzt zeigte an seiner rechten Hand auf die Falte zwischen Daumen und Zeigefinger, »sprich in der Schwimmhaut, ein Microchip-Implantat. Den zwei mal zwölf Millimeter großen, biokompatiblen Glaszylinder konnte ich unbeschädigt entnehmen.«

Er drehte sich zu Pauer. »Könnten wir dazu bitte das Bild sehen?«

An der Wand erschien eine Nahaufnahme von Uhligs Zeigefinger und Daumen, dazwischen lag eine etwa reiskorngroße Glaskapsel.

Obenauf übergehend, setzte Pauer dessen Ausführung fort: »Der Chip bietet eine Near Field Communication, heißt, die gespeicherten Daten können von einem Smartphone oder einem anderen kompatiblen Gerät aus der Nähe ausgelesen werden. Auf Uhligs Chip sind diverse Schlüssel gespeichert, wozu die gehören, klären wir derzeit noch.«

»Wurden denn in Uhligs Wohnung oder an seinem Arbeitsplatz Hinweise auf den Grund seines Verschwindens gefunden?«, fragte Hannah.

»An seinem Arbeitsplatz, sprich in seinem Spind, gab’s keinerlei Hinweise, und in seinem Haus waren wir noch nicht. Das steht auf dem Grundstück seiner Eltern, und die wollten wir nicht noch mehr beunruhigen.«

»Nicht noch mehr beunruhigen?« Hannah sah den Kommissar scharf an. »Uhlig ist seit vier Tagen verschwunden, und ihm fehlt eine Hand. Was ist daran nicht schon maximal beunruhigend?«

Beschwichtigend hob Pauer die Hände. »Okay, okay. Ich rufe gleich die Kollegen an, damit sie sich schon mal um–«

»Die können jetzt auch warten, bis wir da sind«, knurrte Hannah.

Es folgte betretenes Schweigen.

»Nun gut.« Kriminaldirektorin Breitfeld stand auf. »Gibt es sonst noch etwas zu besprechen, bevor wir zur Pressekonferenz übergehen?«

Novák, der charmante Leutnant aus Prag, räusperte sich. »Ich hätte noch eine Information. Mir wurde auf dem Weg hierher mitgeteilt, dass Dennis Uhlig sich Donnerstagnacht in der Nähe von Nové Hamry, knapp acht Kilometer Luftlinie von der tschechisch-deutschen Grenze, aufgehalten hat. Eine unserer Spezialeinheiten hat ihn dabei fotografiert, wie er das Etablissement ›Sedmikrásky‹ aufsuchte, das sie seit Kurzem observieren.«

»Und das erfahren wir erst jetzt?«, blaffte Pauer den Tschechen wütend an.

»Dafür bitte ich um Entschuldigung.« Nervös strich sich Novák über seinen schmalen Bart. »Aber wie gesagt wurde ich auch erst auf der Fahrt hierher in Kenntnis gesetzt. Besagtes Etablissement ›Sedmikrásky‹, zu Deutsch Tausendschönchen, wird von einer tschechisch-vietnamesischen Organisation betrieben, die mit Menschen und Drogen handelt. Ich denke, Lukas Černy und Vi-Dan Ngo sind für Sie keine Unbekannten?«

»Was? Der Dennis war bei denen im Puff?« Revierchef Ziegler klang bestürzt, und seine Lachfalten glichen mit einem Schlag tiefen Furchen.

»Natürlich sind uns die beiden Personen bekannt«, beantwortete Breitfeld Nováks Frage. »Vielen Dank, Leutnant. Bitte lassen Sie KOK

3

Schon vor Beginn der Pressekonferenz war die Luft in dem viel zu kleinen, voll besetzten Sitzungssaal zum Schneiden. Hannah blätterte kurz durch die Tageszeitungen, die hinter dem Rednerpult auf einem Tisch ausgebreitet lagen. Im »Erzgebirgsboten« hatte es die Geschichte auf die Titelseiten geschafft, in den überregionalen immerhin bis auf eine Spalte auf der Panorama- oder, wie Hannahs Vater sie nannte, Blutseite. »Eiskaltes Händchen im Erzgebirge– wo ist der Rest des Polizisten?«, »Scharia in Böhmen?! Wer schlug deutschem Polizisten die Hand ab?« und »Fuchs, du hast die Hand gestohlen– grausiger Fund bei Geocache in Tschechien« waren noch die dezenteren Schlagzeilen.

Als Breitfeld gegen ihr Mikro klopfte, wurde es still im Saal. Das folgende Frage-Antwort-Spiel ließ Hannah an sich vorbeirauschen– in ihren Augen dienten Pressekonferenzen in erster Linie der Wahrung politischer Interessen–, bis die Kriminaldirektorin sagte: »…haben wir Unterstützung vom BKA erhalten, um diesen grenzübergreifenden Fall schnellstmöglich aufzuklären.«

Hannah blickte in die ihr erwartungsvoll zugewandten Gesichter und sagte, was sie immer auf Pressekonferenzen sagte: »Danke, aber zum Stand laufender Ermittlungen darf ich mich leider nicht äußern.« Fünf Minuten später war die Veranstaltung beendet.

»Meine Güte, Sie haben einen Zahn drauf!«

Schnaufend passte der untersetzte Revierchef Ziegler Hannah vor dem Ausgang der Polizeidirektion ab. »Hätten Sie ein freies Plätzchen für mich? Dann können wir die Fahrt nach Aue gleich produktiv nutzen, und ich erzähl Ihnen ein bisschen mehr über unsere schöne Gegend und den Dennis.«

»Selbstverständlich, wenn Sie Ihren KOK allein lassen können?«

»Den Pauer?« Ziegler grinste so breit, dass sein Gesicht einer einzigen Lachfalte glich. »Der vergreift sich gern mal im Ton, ist aber sonst vollkommen in Ordnung.« Kraftvoll schubste er das Eingangsportal auf, dann traten sie in den strahlenden Sonnenschein hinaus.

»Wissen Sie eigentlich, was für ein Glück Sie haben? Bis vor zwei Wochen herrschte in den Bergen bei uns noch Winter, aber gestern waren es in Aue schon vierzehn Grad. Der Klimakrise sei Dank!« Er lachte herzlich.

Sie überquerten die Straße und liefen auf Hannahs Wagen zu.

»Ich versprech Ihnen«, plauderte Ziegler in seinem jovialen Ton weiter, »wenn wir den Dennis gefunden haben, wollen Sie hier gar nicht mehr weg!«

»Das klingt, als ob wir sehr lange brauchen würden.« Hannah drückte die Fernbedienung, und die elektrische Verriegelung des BMWs klackte auf.

»Sie haben Humor, Frau Stein! Das gefällt mir.« Glucksend ließ sich Ziegler auf den Beifahrersitz fallen.

An der Ausfahrt des Parkplatzes wartete Kriminalkommissar Pauer in einem silbernen Škoda und signalisierte Hannah, ihm zu folgen.

»Dennis’ Mutter und ich«, fuhr Ziegler fort, »wir waren schon zusammen auf der Schule. Sehr nette Leute, die Uhligs, sehr gesellig. Der Dennis ist ihr einziges Kind, der kam ganz spät und wurde wahnsinnig verwöhnt. Ein echtes Nesthäkchen. Zum Achtzehnten haben sie ihm dann das Haus gebaut, hinten am Hang auf ihrem Grundstück. Da ist er–«

»Was denken denn Sie, wo Uhlig steckt?«, unterbrach Hannah den Redefluss des Revierchefs.

»Wenn ich das wüsste!« Ziegler stöhnte theatralisch. »Ich hätte ihn längst nach Hause gebracht! Kein Mensch will mehrmals täglich mit weinenden Müttern telefonieren.«

»Hatte Uhlig Streit mit seinen Eltern oder Kollegen?«

»Der Dennis doch nicht!« Kopfschüttelnd rieb sich der Revierchef das weiche Kinn. »Dass der in diesem tschechischen Puff gewesen sein soll…«

Pauers Škoda kroch in vorschriftsmäßigem Tempo vor ihnen die Auffahrt zur Autobahn hinauf. Sobald Hannah konnte, trat sie das Gaspedal durch und zog links an ihm vorbei. Haltsuchend griff Ziegler nach dem Türgriff.

»Hoppla! Ich hoffe, Ihr Fahrstil steht in Ihrem Waffenschein?«

Als Hannah nicht auf seinen Scherz reagierte, fuhr der Revierchef fort: »Dieser Tscheche, der Černy, ist übrigens ein ganz schlimmer Finger, seit Jahren überschwemmt der uns mit seinem verdammten Crystal Meth.« Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Wo ich so drüber nachdenke, frag ich mich, ob der Dennis da nicht vielleicht in irgendwas reingezogen wurde. Der Charakterstärkste ist der ja nicht gerade–«

»Sie denken, Uhlig hat gedealt?«

»Nun, man kann ja nicht in die Menschen reingucken. Vielleicht wurde er gezwungen oder brauchte dringend Geld. Und dann ist was schiefgelaufen, und der Černy hat ihm zack zur Strafe die Hand abgehackt!«

»Ablatiert«, korrigierte Hannah den Revierchef.

»Dann eben ›ablatiert‹.« Ziegler äffte die nasale Stimme des Rechtsmediziners nach. »Vielleicht hat der Černy den Dennis aber auch umgebracht und zerstückelt.«

»Černy kann Uhlig schlecht Donnerstagnacht ermordet und zerstückelt haben, wenn Uhlig Freitag noch in Aue randaliert hat«, entgegnete Hannah trocken.

»Und wenn der Dennis Freitagabend zurück nach Tschechien ist oder die ihn sich hier geschnappt haben? Ist ja nicht weit zur Grenze. Auf jeden Fall muss sein Haus gründlich durchsucht werden.« Hektisch fummelte Ziegler sein Handy aus der Gesäßtasche. »Der Pauer soll auf jeden Fall schon mal seine Leute losschicken.«

»Die sollen das Haus aber nicht betreten, bevor wir da sind«, warf Hannah schroff ein.

»Aber natürlich«, versicherte ihr der Revierchef und wählte die Nummer seines Kriminalkommissars, der inzwischen hinter ihnen zurückgefallen war. Kurz vor der Abfahrt nach Aue zog Hannah vor einem Laster rechts rüber und bremste erst auf der Hälfte der Ausfahrt scharf ab. Erneut packte Ziegler haltsuchend nach dem Türgriff, sagte aber diesmal nichts.

Unter Erzgebirge hatte sich Hannah wilde, dunkle Wälder und hohe Berge vorgestellt, bisher zeigte sich das Mittelgebirge aber eher aufgeräumt und sanft hügelig. Die Landstraße führte vorbei an saftig grünen Feldern und lichten Mischwäldern. Aue selbst lag in einer Mulde, umgeben von bewaldeten Hügeln. Als sie über die Hochstraße auf die Stadt zufuhren, bemerkte Hannah einen Betonriegel, der zwischen zwei Hängen über der Stadt thronte. Ziegler registrierte ihren Blick.

»Ja, das hübsche Baudenkmal, das Sie da drüben am Eichert sehen, ist ›Auer Manhattan‹. Böse Zungen nennen die drei Plattenbauten aber auch die ›Chinesische Mauer‹. Früher war das die beste Wohnlage, heute steht leider das meiste leer. Die beiden Häuschen der Uhligs liegen auch da oben. Der Dennis ist dort geboren und aufgewachsen, ein waschechter Eichert-Indianer.«

»Und wie komme ich dahin?«, fragte Hannah.

»Nächste Kreuzung rechts und dann einmal quer durch die Stadt.«

Sie fuhren an zwei Schnellrestaurants und einer Tankstelle vorbei.

»Da hinter den Bäumen«, Ziegler deutete nach links, »da steht das Erzgebirgsstadion. Der FCErzgebirge Aue sagt Ihnen doch hoffentlich was?«

»Nein, Fußball interessiert mich nicht.«

»Wie schade! Wir leben hier nämlich für den FCE.« Der Revierchef hob die Faust. »Die Macht aus dem Schacht!«

Hannah bog an der Kreuzung nach rechts ab und fuhr am Bahnhof vorbei. Auf den ersten Blick erschien ihr Aue wie jede durchschnittliche deutsche Kleinstadt– nett renovierte Häuser, kleine Läden, ein paar Restaurants, eine Bäckerei. An die rückwärtige Seite des etwas karg gestalteten Marktplatzes schmiegten sich Altbauten mit einem Eiscafé und einer Apotheke, die Straßenseite dominierte ein Sparkassenbau im Neunziger-Jahre-Stil.

»Da vorne vor der Kirche müssen Sie wieder rechts«, sagte Ziegler.

Hannah tat wie geheißen. Am Ende der schmalen Straße ging es steil bergan, dann öffnete sich die Sicht auf einen mit kleineren Reihen- und Einfamilienhäusern überzogenen Hang, auf dem zuoberst die drei gewaltigen grauen Plattenbauten thronten. In der Zufahrt eines hübschen Altbaus parkten bereits drei Streifenwagen. Gut zwanzig Meter oberhalb am Hang standen vor einem reizlosen Fertighaus zwei Polizisten mit einer Frau. Hannah parkte den BMW am Straßenrand.

»Warten Sie nicht auf mich, ich komm nach«, erklärte Ziegler.

4

»BKA. Wer hat Ihnen erlaubt, die Tür aufzubrechen?«, fuhr Hannah die beiden Polizisten an, die auf der Terrasse vor Uhligs Haus warteten. Die zierliche Frau, die neben den Beamten stand, stieß einen spitzen Schrei aus.

»BKA? Heißt das, mein Sohn ist tot?« Mit angstgeweiteten, verweinten Augen starrte sie Hannah an. »Kann es ja nur heißen, warum sonst kommt extra das BKA!«

Laut aufschluchzend presste sie ihr Gesicht gegen die Brust des rotbärtigen Polizisten, der ihr tröstend seinen Arm um die zuckenden Schultern legte.

»Entschuldigen Sie bitte, Frau Uhlig leidet sehr unter dem Verschwinden ihres Sohnes.«

Wie der gepflegte Vollbart des jungen Polizisten passten auch seine sonore Stimme und der gutmütige Gesichtsausdruck perfekt zum Gesamteindruck eines soliden Schwiegersohns.

»Ich bin PMFrank Knaup, Dennis’ Streifenpartner. KOK Pauer hat die Durchsuchung angeordnet. Er sagte, Sie seien gleich hier und würden uns bei der Suche nach Dennis unterstützen.« Freundlich lächelnd streckte er Hannah seine freie linke Hand entgegen.

»Warum wurde die Tür aufgebrochen, besitzen die Eltern keine Schlüsselkarte?«, entgegnete Hannah und ignorierte die ihr angebotene Hand.

»Woher wissen Sie von dem elektronischen Schloss?«, fragte Knaup verwundert.

»Nun, ich sehe den Zylinder, und in Uhligs Hand wurde ein Chip gefunden, der diverse Schlüssel enthält. Sie sind sein Streifenpartner und wissen nichts von seinen Cyborg-Spielereien?«

»Damit hat Dennis erst in den letzten Monaten angefangen«, schluchzte Frau Uhlig, ihr Gesicht noch immer in Knaups Uniformjacke vergraben. »Plötzlich durfte keiner mehr ins Haus. Nicht mal ich, obwohl ich immer sauber gemacht hab.«

»Wissen Sie, ob Ihr Sohn bedroht wurde? Hatte er vor jemandem Angst?«

Als Frau Uhlig jetzt zu Hannah blickte, glitt ein schwaches Lächeln über ihr blasses Gesicht. »Als Kind hatte Dennis vor vielen Dingen Angst, besonders vor Geistern und Ungeheuern. Dann hat das mit den Computerspielen angefangen, und er wurde immer mutiger. Und dann ist er zur Polizei gegangen.– Aber vielleicht kam die Angst zurück? Er hat einfach nicht mehr mit mir gesprochen…« Hilfesuchend griff sie nach Hannahs Hand. »Sie finden ihn, ja?«

»Wir geben unser Bestes.« Hannah wand ihre Hand aus Frau Uhligs Umklammerung und betrat das Haus.

Sämtliche Wände im Erdgeschoss waren im unteren Teil weiß gefliest, im Flur sogar bis zu einem Meter fünfzig. Da die Rollläden geschlossen waren, strahlte nur das kalte Licht der Sparlampen fahl von den glänzenden Oberflächen wider. In der Mitte des überdimensionierten Wohnzimmers stand eine wuchtige Sofalandschaft aus beigem Leder, die Bezüge der Sitzkissen waren abgezogen und achtlos zur Seite geworfen worden. Auf dem gläsernen Couchtisch lag eine Xbox zwischen leeren Chipspackungen und Bierflaschen. Die Wand gegenüber dem Sofa war kahl, an der Decke hingen ein Beamer und vier Lautsprecher.

Vor einem niedrigen schwarzen Regal an der rechten Wand kniete ein Beamter und begutachtete die aneinandergereihten Spiele. Als er Hannah bemerkte, gab er vor, in und hinter den Hüllen nach etwas zu suchen. Seine Kollegen in der Einbauküche fachsimpelten über das Spiel des FCE am vergangenen Sonntag, verstummten aber, als sie Hannah bemerkten. Hannah schaute kurz in die Küchenschränke, doch die waren, abgesehen von etwas Geschirr und einigen Dosensuppen, leer.

Sie lief die Wendeltreppe hinauf in den ersten Stock und sah sich um. Hier schien noch keiner der Beamten gewesen zu sein. Neben einem geräumigen Bad gab es drei weitere Zimmer, von denen jedoch nur eines eingerichtet war.

Auf dem Kingsize-Doppelbett thronte ein vollgestopfter Hartschalenkoffer, der restliche Inhalt des großen Wandschranks war ringsum verteilt. Auf dem rechten Nachttisch lagen Kondome und Gleitgel auf einer Computerzeitschrift, und über dem Kopfende des Bettes, umrahmt von zahlreichen Fotos, hing ein lila-weißer Fußballschal, auf dem stand: »Willkommen in der Hölle– Erzgebirge«. Hannah betrachtete die Schnappschüsse drum herum. Alle waren in Stadien aufgenommen worden, drei zeigten Uhlig selbst, zweimal zusammen mit seinem Streifenpartner Knaup.

»Und, Dennis schon gefunden?«

Betont lässig lehnte sich KOK Pauer in den Türrahmen. Seine schwarze Trainingsjacke spannte um die Schultern herum, er musste viel Zeit im Kraftraum verbringen. Statt zu antworten, hielt Hannah die knappe rote Badehose, die zuoberst in Uhligs Koffer lag, in die Höhe. »Sieht aus, als ob Ihr Kollege verreisen wollte.«

»Urlaub hatte er keinen eingereicht. Vielleicht wollte er die Sachen auch nur zum Waschen zu seiner Mutter bringen. Wie Sie sicher bemerkt haben, ist er ja Junggeselle.«

Hannah ließ die Badehose zurück auf den Stapel fallen. »Wurden denn schon Drogen gefunden?«

»Nein, meine Jungs suchen noch.«

»Und sein Handy und der Computer?«

Ohne sich umzudrehen, brüllte Pauer über die Schulter: »Haben wir schon Dennis’ Handy und Computer?«

»Nein, Chef«, klang es dumpf aus dem Keller. »Aber kommen Sie mal runter, das müssen Sie sich anschauen.«

Hannah folgte Pauer in den Keller. Hinter einer Stahltür lag ein mit Schallschutzplatten ausgekleideter, gut zwanzig Quadratmeter großer Raum. Zwei Beamte waren damit beschäftigt, ordentlich in Regalen aufgereihte Boxen auf dem Stahltisch in der Raummitte auszuleeren und den Inhalt zu untersuchen. In buntem Durcheinander lagen dort bereits diverse Transponder, Platinen, Kabel und andere elektronische Teile.

»Na, das nenne ich mal einen Profi-Hobbykeller«, witzelte Pauer und wühlte in dem Elektronikhaufen.

Hannah zog eine Kiste mit der Aufschrift »Implantate« aus einem der Regale. Einzeln verpackt ruhten darin zwei Chips wie der aus Uhligs Hand sowie ein Päckchen mit dem aufgeklebten Foto eines spritzenartigen Geräts und der Aufschrift »NFC Implantat1.8«.

»Schau mal einer an, ein GPS-Tracker.« Pauer hielt eine kleine schwarze Box in die Höhe. »Für Überwachungstechnik interessiert sich Dennis also auch. Dann kann er ja zurIT wechseln, wenn er wiederkommt. Was die da machen, das schafft er auch mit links.«

Der Kommissar und seine beiden Kollegen brachen in johlendes Gelächter aus. Hannah stellte die Kiste mit den Implantaten zurück an ihren Platz und verließ den Keller. Noch im Erdgeschoss konnte sie das Grölen der Männer hören.

Knaup, Uhligs rotbärtiger Streifenpartner, saß allein im Wohnzimmer auf dem Sofa, die Xbox in der Hand, und starrte gedankenverloren auf die kahle Wand. Die Lederkissen waren inzwischen wieder bezogen und auf ihren ursprünglichen Platz zurückgelegt worden. Der Polizeimeister zuckte leicht zusammen, als Hannah sich neben ihn setzte.

»Entschuldigung. Wissen Sie, ob Uhlig einen Computer besitzt?«

»Natürlich, erst letzten Monat hatte er sich einen neuen Laptop gekauft, so ein Megagerät mit zwei Top-Grafikkarten.« Gedankenverloren strich Knaup über die Spielkonsole in seiner Hand. »Zu Schulzeiten haben wir oft ganze Nächte durchgezockt, manchmal sind wir dann auch noch runter in die Spielo.«

»Meinen Sie die Spielothek, in der letzten Freitag die Schlägerei stattfand?«

»Nein, die von damals gibt’s schon lange nicht mehr.«

»Waren Sie denn bei der Schlägerei dabei?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich hatte dienstfrei, aber als die Kollegen anriefen, bin ich gleich hin. Da war Dennis aber schon weg.« Knaup stand auf. »Entschuldigen Sie, ich sollte nach Frau Uhlig sehen.«

»Nur noch eine Frage: Können Sie sich vorstellen, dass Ihr Streifenpartner gedealt hat?«

Ungläubig schaute der bärtige Mann zu Hannah herunter. »Lässt Pauer deshalb hier alles auf den Kopf stellen?«

»Ja, der Verdacht besteht. Hatte Uhlig vielleicht Geldprobleme?«

»Sieht das aus wie das Haus von jemandem mit Geldproblemen?«, brach es unvermittelt hitzig aus dem Polizeimeister heraus.

»Es gibt Hinweise, dass Uhlig ein tschechisches Bordell besucht hat, das einem Drogenhändlerring gehört.«

»Sie meinen das ›Tausendschönchen‹?«

Hannah nickte.

»Da sind wir früher öfter hin, bevor ich geheiratet habe, aber das ist Jahre her. Warum sollte Dennis–« Knaup verstummte abrupt, dann setzte er in seiner normalen sonoren Stimmlage nach: »Bitte entschuldigen Sie meinen Ton, aber ich verstehe nicht, warum plötzlich aus dem Opfer ein Täter gemacht wird.«

»Das tut keiner, es sind nur Fragen. Die Hauptsache ist, wir finden am Ende Ihren Kollegen lebend wieder.«

Revierchef Ziegler saß noch immer auf dem Beifahrersitz des BMW, er hatte lediglich die Tür zum Lüften einen Spaltbreit geöffnet.

»Und, wurden Drogen gefunden?«, fragte er besorgt, als Hannah sich in den Fahrersitz fallen ließ.

»Bisher nicht.« Sie gähnte. Wie schön wären jetzt ein ordentliches Mittagessen und ein Bett. »Warum sind Sie nicht mit reingekommen?«

»Ich möchte der Rita, also Frau Uhlig, grad nur ungern begegnen. Wir telefonieren schon täglich.«

Hannah ließ den Motor an und parkte aus.

»Wissen Sie zufällig, wo ich untergebracht bin?«

»Ich denke, bei den Schipanskis. Aber die Dori weiß das besser, die bringt Sie sicher auch gleich hin. Zum Revier müssen Sie zurück zum Markt und dann die Dritte links.«

»Bitte sagen Sie Dori, sie soll mir die Adresse schicken. Ich fahre jetzt direkt weiter nach Tschechien und schau mir das ›Tausendschönchen‹ und den Fundort der Hand an.«

»Sie wollen in den Puff?« Zieglers faltiges Gesicht zitterte. »Aber das könnte gefährlich werden, da schick ich Ihnen lieber wen mit!«

»Nicht nötig, Leutnant Novák begleitet mich.« Hannah hielt vor dem kasernenartigen Bau des Polizeireviers in der Lessingstraße und ließ den Revierchef aussteigen.

5

Auf der Fahrt Richtung deutsch-tschechischer Grenze rief Hannah Novák an und verabredete sich mit ihm für fünfzehn Uhr in Nové Hamry, dem nächstgelegenen Ort zum »Tausendschönchen«. Fünfzehn Uhr hieß, sie hatte bis zu dem Treffen noch gute anderthalb Stunden Zeit. Kurz überlegte sie, zurück nach Aue zu fahren und sich in ihrer Unterkunft für eine Stunde hinzulegen, entschied sich dann aber dagegen. Stattdessen hielt Hannah an einem Straßenimbiss und aß eine Bratwurst mit Pommes. Danach machte sie es sich auf den weichen Ledersitzen ihres BMWs bequem, stellte ihren Handytimer auf vierzig Minuten und schlief sofort ein.

Als das Handy klingelte, fühlte sich Hannah tatsächlich ausgeruhter. Bis zum Grenzübergang bei Johanngeorgenstadt brauchte sie keine zwanzig Minuten. Auf perfekt ausgebauten Straßen fuhr sie erst an sonnigen Wiesen vorbei, dann durch die Art dunklen Wald, den sie im Erzgebirge erwartet hatte– obwohl er wesentlich geordneter wirkte als in ihren Vorstellungen. Auf der deutschen Seite der Grenze lag ein großer, verwaister Parkplatz, auf der tschechischen drängten sich unzählige kleine Häuser hinter einem Kreisel aneinander. Es schien Hannah, als bestünde die Grenzstadt Potůčky aus einer Ansammlung von Werbeschildern, überquellenden Kleiderständern und bunten Markisen. Außerhalb des Ortes sah die Gegend ähnlich wie auf der deutschen Seite aus: dunkler Wald und saftige Wiesen, nur die Häuser waren uriger und die Straßen deutlich schlechter in Schuss.

Obwohl Hannah zehn Minuten zu früh war, wartete Novák bereits am Ortseingang von Nové Hamry auf sie. Wie James Dean im Körper von Clark Gable lehnte er an der Motorhaube eines betagten Mercedes S-Klasse und blies Rauchringe in die Luft. Hannah fiel erst jetzt auf, dass er zu seinem dunkelblauen Maßanzug weiße Turnschuhe trug. Als sie neben ihm parkte, trat er rasch die Zigarette aus und salutierte.

»Danke, dass Sie so spontan Zeit hatten«, begrüßte sie den Leutnant.

»Ist mir eine Ehre!« Novák strahlte sie an. »Ich bin erst seit zwei Monaten beim NCOZ, und bereits jetzt mit einer Sonderermittlerin des BKA zusammenarbeiten zu dürfen ist–«

Hannah winkte ab. »Freuen Sie sich nicht zu früh. Wann treffen wir Ihren Kollegen vom Observationsteam?«

»In zwei Stunden. Davor können wir noch gut das Etablissement sowie den Fundort der Hand in Augenschein nehmen.«

Hannah musste über seine gestelzte Ausdrucksweise lächeln. »Exzellent. Kann ich bei Ihnen mitfahren? Mein BMW ist nicht wirklich für Einsätze in Wäldern gemacht.«

»Aber natürlich.«

Galant öffnete der Leutnant Hannah die Beifahrertür. Aus dem gut geheizten Wagen drangen der dezente Geruch von Tabak und eine rauchige Frauenstimme mit Gitarrenbegleitung.

»…will die in adrought, and your loneliest hours will be worse than you ever thought.«

»Sie hören Lucinda Williams?«, fragte Hannah überrascht.

»Leidenschaftlich gerne. Überhaupt halte ich Country für Fahrten durch dunkle Wälder für die perfekte Musik.« Novák lächelte wieder wie Clark Gable.

»Vorletztes Jahr habe ich Williams live gesehen, aber leider nicht in einem Wald.« Hannah zog ihre Bomberjacke aus und setzte sich in den Mercedes.

»Entschuldigung.« Novák räusperte sich verlegen und deutete auf ihr Schulterhalfter. »Ihre Waffe dürfen Sie hier in Tschechien leider nicht tragen.«

»Ernsthaft?« Ungläubig sah Hannah den Tschechen an, stieg dann aber ohne weitere Diskussion aus und verstaute ihre Glock samt Halfter im Sicherheitsfach unter dem Fahrersitz ihres Wagens.

Von Lucinda Williams’ rauer Stimme begleitet fuhren sie tiefer in den dunklen Nadelwald. Nach einigen Kilometern Hubbelpiste tauchte auf einer Lichtung ein großer, holzverkleideter Bau mit einer Reihe Garagen dahinter auf. Das Etablissement, wie auch Hannah das Bordell inzwischen für sich nannte, sah aus wie ein überdimensioniertes Lebkuchenhaus. Über dem Eingang prangte in pinker Leuchtschrift »Sedmikrásky« mit zwei ineinander verschlungenen Herzen unter demy.

»Erstaunlich niedlich«, konstatierte Hannah trocken. »Von wo observieren denn Ihre Kollegen?«

»Das weiß ich leider auch nicht. Sie gehören zu einem Team, das sich auf den grenzübergreifenden Drogenhandel spezialisiert hat und eng mit dem sächsischen LKA zusammenarbeitet. So eng, dass sie uns nicht viel verraten dürfen.« Novák lächelte schief und ließ den Mercedes langsam am Bordell vorbeirollen.

»Halten wir nicht an?«, fragte Hannah überrascht.

»Es ist leider noch geschlossen.«

Sie fuhren weiter und bogen nach einer Weile in einen schlammigen Seitenweg ein, dem man ansah, dass sich hier in den letzten Tagen viele Fahrzeuge entlanggekämpft hatten. Nach einigen Kilometern endete er vor einem Hang.

»Ab hier müssen wir leider laufen.« Novák zog seine schwarzen Socken über die Beine seiner Anzughose und stieg aus. Dass dabei seine weißen Turnschuhe bis zur Hälfte im Matsch versanken, schien ihm nichts auszumachen.

Ein Trampelpfad führte zwischen wild wuchernden Fichten steil bergauf. Die Bäume standen so dicht, dass trotz des wunderbaren Wetters kaum Sonne bis auf den Boden fiel. Hier und da lag noch alter Schnee.

»In welchem Radius haben Ihre Kollegen die Gegend am Samstag abgesucht?«, fragte Hannah leicht außer Atem. Eigentlich hatte sie eine gute Kondition, aber die letzten Tage hatten ihre Spuren hinterlassen. Sie musste unbedingt wieder trainieren.

»Fünf Kilometer um den Fundort. Aber wer weiß, wie weit der Fuchs mit der Hand schon gelaufen war? Ich glaube ohnehin nicht, dass Uhlig hier überfallen wurde.«

»Warum überfallen?«

»Nun, er hat sich seine Hand ja sicher nicht freiwillig abtrennen lassen.« Novák deutete auf ein Absperrband, das einige Meter vor ihnen am Rande einer Lichtung im Wind flatterte. »Dort haben die Geocacher den Fuchs zuerst gesehen und ihn dann über die Wiese verfolgt.«

Hannah erkannte den Ort vom Video wieder. »Wie weit ist es von hier zur Grenze?«

»Etwa einen Kilometer Luftlinie.«

Zuvorkommend zog der Leutnant das Flatterband hoch, doch Hannah ignorierte seine Geste und stieg darüber. Wo zwischen den Bäumen noch Winter herrschte, war auf der Lichtung der Frühling bereits voll angekommen. Mit aller Macht drängten hellgrüne Triebe und erste Blüten zur Sonne. Am hinteren Waldrand genoss eine Gruppe Rehe das saftige Grün. Als Hannah und der Leutnant fast bei ihnen waren, sprangen sie hastig davon.

»Hier hat der Fuchs die Hand fallen gelassen«, sagte Novák unvermittelt und deutete auf ein Moosbett, auf dem sich zwei bläulich schillernde Käfer sonnten.

Erst vor dem rustikalen Gasthaus, in dem sie sich mit dem Ermittler der tschechischen Spezialeinheit treffen wollten, fand Hannahs Handy wieder ein Netz. Sie hatte einen verpassten Anruf. Die viel zu lange Sprachnachricht von Zieglers Sekretärin Doreen Elterlein enthielt als einzige relevante Information, dass sie Hannah im »Hotel Heiland« am Marktplatz in Aue einquartiert hatte. Nachdem Hannah die Nachricht gelöscht hatte, wählte sie Pauers Nummer. Es knisterte in der Leitung, als er abhob.

»Stein hier. Haben Sie noch was bei Uhlig gefunden?«

»Nein.«

»Knaup meinte, Uhlig hätte einen ganz neuen Laptop. Lassen Sie Ihre Leute noch mal gezielt danach suchen und–«

»Auch wenn wir hier in der Provinz sind«, fiel Pauer ihr unvermittelt schroff ins Wort, »sind wir nicht von gestern. Das wurde bereits alles getan, im Haus ist der nicht.«

Genervt rollte Hannah mit den Augen. »Und Uhligs Wagen, wurde der schon sichergestellt?«

»Noch nicht.«

»Dann suchen Sie ihn, und zwar auch in Tschechien.– Für wann ist morgen die Besprechung angesetzt?«

»Gibt keine, das geht bei uns auf kurzem Weg.«