Böser als du denkst - Nina Laurin - E-Book
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Böser als du denkst E-Book

Nina Laurin

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Beschreibung

Zwei ungleiche Zwillinge, ein kindlicher Mörder: atemberaubende Spannung aus Kanada. Nach ihrem Erfolg "ESCAPE - Wenn die Angst dich einholt" legt Nina Laurin einen noch raffinierteren Psycho-Thriller vor. "... wird polizeilich gesucht. Falls Sie etwas über den Aufenthalt des Verdächtigen wissen, rufen Sie bitte folgende Nummer …" Ich wende meinen Blick abrupt zum Fernseher und sehe das Gesicht meines Zwillingsbruders, in Lebensgröße. Es ist ein Schock, der mir den Atem raubt. Hier ist mein Bruder, den ich zum letzten Mal vor 15 Jahren sah - nach dem Brand, der unsere Eltern tötete. Rußbedeckt, die Hand um ein Feuerzeug gekrampft, die Knöchel hoben sich weiß ab von Staub und Asche. Alle haben gesagt, er würde mal ein Herzensbrecher. Doch sein Gesicht ist jetzt eingefallen, Bartstoppeln bedecken Kinn und Wangen, seine Augen sehen stumpf aus. Mein erster Gedanke: Er ist es nicht. Nicht mein schöner Bruder, der Golden Boy, den jeder liebte. Aber tief in meinem Inneren wusste ich immer, dass dies geschehen würde. Was hast du diesmal getan, Eli? Was zum Teufel hast du getan? "Niemand ist besser darin, den Leser zu narren, als Nina Laurin. Kein Spannungs-Fan, kein Liebhaber von Psycho-Thrillern sollte sich dies entgehen lassen!" New York Journal of Books

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Seitenzahl: 425

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Ähnliche


NinaLaurin

Böser als du denkst

Psychothriller

Aus dem kanadischen Englisch von Alice Jakubeit

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Zwölf Jahre alt sind die Zwillinge Eli und Andrea, als ihre Eltern in einem Flammeninferno ums Leben kommen – und man Eli anschließend rußverschmiert mit dem Feuerzeug in der Hand auffindet. Zwölf Jahre geht der bildhübsche, ebenso charismatische wie hochmanipulative Junge dafür ins Gefängnis. Doch nun ist Eli wieder auf freiem Fuß, und in Andreas Umfeld beginnen sich gewaltsame Todesfälle zu häufen. Erneut wird Eli wegen Mordes gesucht, und Andrea soll helfen, ihn zu finden. Es gibt da allerdings etwas, das die Polizei nicht weiß und besser auch nie erfahren sollte …

Inhaltsübersicht

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

KAPITEL 35

KAPITEL 36

KAPITEL 37

KAPITEL 38

KAPITEL 39

KAPITEL 40

KAPITEL 41

KAPITEL 42

KAPITEL 43

KAPITEL 44

KAPITEL 45

KAPITEL 46

KAPITEL 47

KAPITEL 48

KAPITEL 49

KAPITEL 50

KAPITEL 51

KAPITEL 52

KAPITEL 53

KAPITEL 54

Danksagung

KAPITEL 1

10. April, 3:44 Uhr

Aus einem Mundwinkel läuft mir ein klebriger Speichelfaden kühl über die Wange bis zum Ohrläppchen. Meine Wirbel fühlen sich an wie eine lose Reihe von Legosteinen, doch es gelingt mir, den Kopf zu heben.

Ein feuchter Aprilwind heult durchs Auto. Hier stimmt doch etwas nicht. Dann merke ich, dass die Windschutzscheibe fehlt und die ungeschliffenen Diamanten, die überall auf dem Beifahrersitz verstreut liegen, Glasscherben sind.

In meiner Schläfe pocht ein heißer, klarer Schmerz, und mir wird klar, dass ich jemanden anrufen sollte: Milton, oder besser noch einen Krankenwagen. Warum wurde der Airbag nicht ausgelöst? Die Autoscheinwerfer – nein, der eine verbliebene Scheinwerfer, wie der Strahl eines einsamen Leuchtturms in der Nacht, erfasst eine Seite des Baums, gegen den ich gekracht bin, und dahinter Leere, durchbrochen von vereinzelten Regentropfen.

Ich betaste meine Stirn, und danach sind meine Finger von glitschigem, glänzendem Blut überzogen. Es läuft mir bereits den Hals hinab und sickert unter meinen Kragen – Stirnverletzungen bluten stark. Einen Krankenwagen zu rufen, klingt immer verlockender, aber ich habe nicht die leiseste Ahnung, wo mein Telefon sein könnte. Habe ich gerade eine SMS geschrieben, als ich gegen den Baum geprallt bin? Meine E-Mails gecheckt? Danach werden sie fragen, und ich muss Nein sagen. Manchmal benutze ich mein Handy als Navi, aber nicht heute Nacht. Ich bin diese Strecke schon eine Million Mal gefahren. Wenn nicht viel Verkehr herrscht, und hier herrscht nie viel Verkehr, brauche ich eine Dreiviertelstunde für die Heimfahrt.

Die Tür klemmt, und eine Weile zerre und schiebe ich zunehmend panisch am Griff, aber als ich schließlich dagegen trete, schwingt sie auf. Das Aussteigen ist ein echter Kraftakt. Ich richte meinen schmerzenden Körper auf und muss mich an der Tür festhalten, um nicht vornüberzufallen. Dann stolpere ich durch den üblichen Müll am Rand eines Highways und atme erleichtert auf, als ich endlich ebenen, soliden Asphalt unter den Füßen habe, dessen gelber Mittelstreifen sich schon ein kurzes Stück weiter in der Dunkelheit verliert. Ich folge ihm. Ganz in der Nähe ist eine Tankstelle, gleich hinter der Kurve da vorn. Mit dem Auto wäre ich im Nu da. Wie lange es zu Fuß dauert, weiß ich nicht, aber hoffentlich nicht allzu lange.

Schritt für Schritt schleppe ich mich voran, bis die Straße unter meinen Füßen nicht mehr schwankt. Als ich mich kurz darauf umdrehe, kann ich meinen Wagen schon nicht mehr sehen. Der verbliebene Scheinwerfer ist erloschen, und jetzt bin ich allein mit dem Himmel und der Straße.

Mein Herz beginnt zu hämmern, und dadurch blutet meine Stirnwunde stärker – jedenfalls fühlt es sich so an, weil das Pochen in der Schläfe heftiger wird. Vielleicht hätte ich beim Auto bleiben und im welken Gras der Böschung nach meinem Telefon suchen sollen. Auf dieser Straße könnte mir wer weiß was begegnen. Die Dunkelheit ist lebendig.

Ich schlinge mir die Arme um den Leib und versuche, schneller zu gehen, aber mir wird schwindelig, und ich bleibe wie angewurzelt stehen. Als ich die Augen schließe, blitzt ein Bild auf, ein Schatten. Eine Gestalt. Bloß ist das keine Einbildung – es ist eine Erinnerung, ganz frisch und lebendig: Ich fahre mit meinem Auto, beide Scheinwerfer sind intakt, meine Hände liegen ruhig auf dem Lenkrad, und mich erfüllt eine apathische Ruhe wie immer nach einer langen Nachtschicht. In Gedanken bin ich schon bei einem heißen Bad und danach einer Schale Ramen-Nudelsuppe vor dem Fernseher, auf den ich nur halb achten werde, weil so spät nichts Gutes mehr läuft.

Der Schatten taucht aus dem Nichts auf, meine Scheinwerfer entreißen ihn der Dunkelheit. Es ist die Silhouette eines Mannes, der völlig reglos mitten auf der Straße steht, genau auf der gelben Linie.

Ich öffne die Augen, und da ist nichts – kein Auto, keine Scheinwerferstrahlen, keine Gestalt. Ein Leuchten in der Ferne deutet darauf hin, dass ich mich der Tankstelle nähere, und damit hoffentlich einem Telefon und einem Krankenwagen. Zugleich verstärkt sich der Schwindel, und ich muss gegen den Drang ankämpfen, mich hinzusetzen, bloß für einen Augenblick. Oder, noch besser, mich hinzulegen, gleich neben die Straße. Also habe ich wohl eine Gehirnerschütterung, und das bedeutet, ich muss genau das Gegenteil davon tun, wie ich es in den obligatorischen Erste-Hilfe-Kursen gelernt habe.

Ein stechender Schmerz in der Schläfe lässt mich zusammenzucken, und sofort habe ich wieder das Bild von eben vor Augen, wie einen Film, den ich mitten in der Action angehalten habe. Ich schlingere mit achtzig Meilen die Stunde auf die Gestalt zu. Als ich reagiere, ist es bereits zu spät, um rechtzeitig zu bremsen oder auszuweichen. Die Scheinwerfer tauchen die Gestalt in ein bläuliches Licht, löschen ihre Gesichtszüge aus, nehmen ihr alle Farbe bis auf ein eigenartiges scheckiges Muster aus Klecksen und Flecken, die auf der geisterhaft bleichen Haut schwarz wirken. Während ich das Lenkrad herumreiße und auf die Bremse trete, bleibt mir noch Zeit, zu erkennen, dass ich mich geirrt habe – die Flecken sind nicht schwarz. Sie sind rot, rot wie reife Kirschen und Rost.

Dann überschlägt sich alles, die Straße ist fort, und die Gestalt ebenfalls. Gerade als ich die Augen aufreiße, knallt es. Peng.

Ich keuche und muss erneut stehen bleiben, die Hände auf die Knie gestützt, um wieder zu Atem zu kommen. Endlich kommt die Tankstelle in Sicht, menschenleer, aber hell erleuchtet wie eine Kirche an Heiligabend.

Nur noch wenige Schritte, und ich bin gerettet.

 

Was dann folgt, ist ziemlich verschwommen, aber irgendwie finde ich mich mit einer Decke um die Schultern auf einer Krankentrage wieder, und ein Sanitäter leuchtet mir mit einer Taschenlampe in die Augen. Ob ich nun eine Gehirnerschütterung habe oder nicht, der Schnitt an meiner Schläfe blutet noch immer, also kleben sie ein Mullpflaster darauf. Ich rechne damit, dass jemand mich fragt, was passiert ist, aber das tut keiner. Durch die offene Tür betrachte ich den Widerschein der Krankenwagenlichter auf der regennassen Straße. War es das? Ist mein Wagen ins Schleudern geraten? Vielleicht bin ich ja am Steuer eingeschlafen.

»Ms Boudreaux?«, fragt der Sanitäter. Sie kennen meinen Namen schon, also haben sie wohl mein Autokennzeichen überprüft. Dann entdecke ich meine Handtasche, die aufgeklappt mitten auf der nassen Straße liegt, und daneben, ebenfalls weit offen, meine Brieftasche. Oh. Wie ist die dahin gekommen? Ich kann mich nicht erinnern, sie mir beim Aussteigen geschnappt zu haben. »Wir bringen Sie ins Saint Joseph Hospital, okay? Zur Beobachtung.«

Ich hasse diesen besänftigenden Tonfall, vielleicht weil ich ihn selbst schon so oft bei verängstigten jugendlichen Ausreißern in dem Obdachlosenasyl, in dem ich arbeite, eingesetzt habe. Aber ob er mir nun gefällt oder nicht, er hat die beabsichtigte Wirkung: In diesem ruhigen, gemessenen Ton könnte er mir buchstäblich alles erzählen. Es sind die Intonation und das Timbre, die das bewirken.

»Wir benachrichtigen Ihre Familie«, sagt der Sanitäter. Und dieses letzte Wort macht mich wach, es setzt außer Kraft, was er mir gerade in die Armbeuge injiziert hat. Unbeholfen versuche ich, seinen Unterarm zu packen.

»Warten Sie. Da ist noch jemand.« Ich muss mir den Kopf schlimmer angeschlagen haben, als ich dachte – ich bekomme die Worte kaum heraus, sie klingen nuschelig und verzerrt.

Er runzelt die Stirn. »Noch jemand?«

»Ich habe jemanden gesehen. Vielleicht ist er verletzt.«

»Sie meinen, Sie haben jemanden angefahren?«

Energisch schüttele ich den Kopf. Ich mag zwar völlig durch den Wind sein, aber das weiß ich. Ganz sicher. Wobei ich genau genommen keine Veranlassung habe, da so sicher zu sein, wenn man berücksichtigt, dass ich noch immer einmal die Woche zu AA-Treffen gehe. »Nein. Ich habe jemanden gesehen.« Ich habe nichts getrunken, ich habe nichts genommen, ich habe seit Monaten nicht einmal einen Joint geraucht. Daran erinnere ich mich glasklar. Ich war nicht zugedröhnt, und ich habe niemanden überfahren.

Aber da war ein Mann, er war von oben bis unten voller Blut. Und als ich ein paar Minuten – oder, wer weiß, vielleicht auch ein paar Stunden – später wieder zu mir kam, war er fort.

KAPITEL 2

Folgendes erzählen sie Milton, als er hier ist: Ich sei mit dem Auto von der Arbeit nach Hause gefahren, hätte einen Unfall gebaut und mir den Kopf angeschlagen. Sie glauben, ich habe eine Gehirnerschütterung. Bis auf den Tropf und den Herzfrequenzmonitor schließen sie mich an keine weiteren Apparate an. Ich liege mit vier oder fünf anderen Leuten in einem Zimmer – mit wie vielen genau, kann ich nicht sagen, weil der Raum durch weiße Plastikvorhänge, die schwach nach Reinigungsmittel riechen, unterteilt wird. Wenn alle zugezogen sind, reicht der Platz, den ich für mich allein habe, gerade für das Bett selbst und den Plastikstuhl daneben.

Die Krankenversicherung, die ich über meine Arbeit habe, deckt nur die grundlegendsten Sachen ab. Rückblickend hätte ich wohl meinen Stolz runterschlucken und mich von meiner Adoptivmutter in die Familienversicherung aufnehmen lassen sollen. Die beinhaltet nämlich den Anspruch auf ein Einzelzimmer. Und vermutlich einen Bademantel mit Monogramm zum Andenken. Ebendiese Krankenversicherung kam einst für meine Zahnspange und die Laserbehandlung meiner Verbrennungen an Brust, Hals und Oberarmen auf. Die Zahnspange hat geholfen, die Laserbehandlung … nicht so gut.

Hoch über meinem Kopf ist oberhalb der Vorhänge ein Fernseher so angebracht, dass jeder im Raum ihn sehen kann. Ich kann kaum hinschauen, ohne mir schmerzhaft den Nacken zu verrenken, aber das Bild ist sowieso gestört.

Jetzt wird der Vorhang zurückgeschoben, und die Metallringe klirren über die Gardinenstange: Milton ist wieder da. Ich lasse den Kopf aufs Kissen sinken und versuche, eine meinem Zustand entsprechende Miene aufzusetzen.

Er bringt mir saures Fruchtgummi und eine Dose von genau der No-Name-Orangenlimo mit, die ich mag, wahrscheinlich aus dem Automaten im Erdgeschoss. Normalerweise kann mich nichts besser aufheitern als mein Lieblingsjunkfood aus der Kindheit, aber im Moment kann ich mich kaum überwinden, die Leckereien auch nur anzusehen.

»Schnell«, sagt er und wirft mir die Tüte mit dem Fruchtgummi zu. Ich fange sie auf. »Bevor die Krankenschwester kommt und dich erwischt.« Er zwinkert mir zu, und ich gebe mir große Mühe, nicht zusammenzuzucken, weil ich ihn höchstpeinlich finde.

Wenigen Menschen steht ihr Name so schlecht zu Gesicht wie Milt: eins achtundachtzig groß, blond, blauäugig, Collegemeister im Fußball und mein prachtvoller Verlobter – pardon, mein Exverlobter. Man vergisst das so leicht. Selbst als ich den Ring, den er mir geschenkt hatte, noch besaß, trug ich ihn kaum, allerdings nicht etwa, weil ich ihn nicht zu schätzen gewusst hätte, sondern weil ich niemals auf die Idee käme, einen Zwei-Karat-Diamantring bei der Arbeit in einem Asyl für obdachlose Jugendliche zu tragen. Als der Ring verschwand, war mein erster Gedanke logischerweise der, ihm zu erzählen, jemand habe ihn gestohlen.

Milton war nicht mein Typ, bis ich ihn kennenlernte. Genau genommen war er sogar das Gegenteil von meinem Typ. Ich stand schon immer auf die gefährlichen Jungs, die mit den dunklen Augen, zu langen Haaren und Tattoos, die unterm Kragen oder Ärmel hervorlugen. Als wir uns zum ersten Mal begegneten, war ich auf einer Party, auf der ich kaum jemanden kannte, weil ich es auf irgendeinen Kerl ebenjenen Typs abgesehen hatte – ich weiß nicht mal mehr, auf wen. Aber ich weiß noch, dass ich mir mit diesen vorgemixten Sex-on-the-Beach-Cocktails aus der Dose die Kante gab, weil der Kerl nicht auftauchte.

Es war kein Fall von Liebe auf den ersten Blick, Milt war mit einer Frau dort. Ich habe nie erfahren, wer sie war oder was aus ihr wurde, denn als wir uns das nächste Mal begegneten, tat ich so, als erinnerte ich mich nicht. Das war über ein Jahr später – Zeit genug, um meinen hässlichen Haarschnitt herauswachsen zu lassen und zu erkennen, dass schwarzer Lippenstift nichts für mich ist. Ich hoffte, er würde mich nicht wiedererkennen, aber da hatte ich seine Aufmerksamkeit fürs Detail unterschätzt. Er erkannte mich sehr wohl wieder.

Weitere zwei Jahre später hatte ich aus unerfindlichen Gründen nicht nur Milton, sondern auch den Diamanten, das Stadthaus, all das, was so normal und konventionell war, dass es dadurch irgendwie magisch wurde. Alle hatten eigentlich damit gerechnet, dass ich tot in irgendeinem Straßengraben enden würde, aber da war ich nun mal, mit einer Hypothek und einem widerstrebend abonnierten Brautmagazin.

Natürlich konnte das alles nicht von Dauer sein. Just als wir schon über Locations und Caterer diskutierten, ging ich hin und vermasselte alles. Milt bringt es nicht übers Herz, mich zu verlassen, deshalb ist es nicht aus zwischen uns – wir nehmen nur eine Auszeit. Dasselbe Wort, unterschiedliche Formulierungen, aber Milt begreift nicht, dass es im Grunde dasselbe bedeutet. Er hat mir das Stadthaus überlassen, während er selbst in der Sommerresidenz seiner Eltern wohnt.

Beim Aufreißen der Tüte verstreue ich die Fruchtgummis über die hellblaue Krankenhausbettdecke. Ich sammele sie wieder ein und stecke mir zwei, drei auf einmal in den Mund. Meine Geschmacksknospen winden sich vor Qualen, und meine Augen tränen, so sauer sind die Gummis, aber wenigstens kann er nicht von mir erwarten, dass ich ihm antworte, solange ich den Mund voller klebrigem Fructose-Glucose-Sirup habe.

»Also, sagst du mir jetzt endlich, was passiert ist?«, fragt Milton. Er ist nicht wütend auf mich. Es liegt nicht in seiner Natur, wütend zu werden. Er ist besorgt, auch wenn er sich sehr bemüht, es sich nicht anmerken zu lassen – allerdings ist es nicht ganz einfach, so etwas vor jemandem mit einem Abschluss in Psychologie zu verbergen, selbst wenn diejenige das Studium nur mit Ach und Krach geschafft hat.

»Mir geht’s gut. Es ist nur eine Gehirnerschütterung.« Ich habe das Gefühl, als hätte ich genau das schon vor fünf Minuten gesagt, und schlucke den halb zerkauten Fruchtgummi, der hinten im Rachen brennt, herunter. »Wo ist mein Telefon?«

Sein Blick zuckt hin und her. »Ich weiß es nicht. Ich habe am Empfang gefragt. Sie haben mir deine Jacke und deine Handtasche gegeben, aber ich glaube nicht, dass es da drin ist.« Er räuspert sich, eines der Anzeichen, mit denen er sich immer verrät. »Vielleicht hat, ähm, die Polizei …«

»Ich habe keine SMS geschrieben.« Auch dabei habe ich das Gefühl, ich hätte es schon einmal gesagt. »Und ich war nicht betrunken.«

Haben sie mir Blut abgenommen, um es auf Alkohol und Drogen zu untersuchen? Vor Nervosität bricht mir Schweiß auf der Oberlippe aus. Dazu haben sie aber keine Veranlassung, oder? Außer mir wurde niemand verletzt. Nicht einmal ich wurde … allzu schlimm verletzt. Aber selbst wenn sie mein Blut untersuchen, brauche ich mir keine Sorgen zu machen.

»Und was ist dann passiert?«

»Milton«, sage ich, packe sein Handgelenk und spüre durch den Ärmel seiner Jacke hindurch die Muskelstränge, die sich wie Seile durch seinen sehnigen Unterarm ziehen. Als er instinktiv zurückweicht, spannen sie sich an und wölben sich vor. Das ist schlecht. Ich lasse ihn nicht los, aber mein Griff ist schwach. »Milton, du glaubst mir doch, oder?«

»Natürlich glaube ich dir.« Milton klingt traurig. Kaum ein anderer Mensch weiß so viel über mich wie er – weil ich ihm einiges erzählt habe, was nur sehr wenige Menschen wissen, die keine Seelenklempner sind. Und auch, weil seine Eltern einen Privatdetektiv anheuerten, um meine Vergangenheit überprüfen zu lassen, als wir zusammenkamen, was er mir ein paar Monate später versehentlich verriet. »Du bist bloß sonst so eine gute Autofahrerin.«

Kurz erwäge ich, ihm die Wahrheit zu sagen. Einmal geblinzelt, und die Versuchung ist vorüber. »Die Straße war rutschig. Oder vielleicht … vielleicht bin ich auch eingeschlafen. Ich weiß es nicht, okay? Ich war erschöpft. Ich erinnere mich nicht genau. Ich habe mir den Kopf angestoßen.«

»Klar.« Er bringt ein Grinsen zustande und zerstrubbelt mir die Haare. »Du wirst eine Weile wie ein Fußball aussehen. Sammelst du Pluspunkte für dein Gangsta-Image?«

Ich muss kichern. Er soll mich weiter so berühren.

Dann wird sein Blick ernst. »Ich glaube dir, Addie.« Er weiß, dass ich diesen Spitznamen hasse, aber je mehr ich protestierte, umso mehr machte er daraus ein spielerisches Tauziehen, bis der Spitzname hängen blieb, ob es mir nun gefiel oder nicht. »Aber ich habe das Recht, mir Sorgen zu machen. Und dein Airbag – er wurde nicht ausgelöst.«

»Mein Fehler, ich hätte ja keinen schrottigen Gebrauchtwagen kaufen müssen.« Letztes Jahr wollte er mir eine brandneue Limousine schenken, eine mit der besten Sicherheitswertung in ihrer Preisklasse. Aber ich hatte schon immer Probleme damit, Geld von ihm – und damit von seinen Eltern – anzunehmen, seit ich das mit dem Privatdetektiv herausgefunden hatte.

Dass sie mich nicht ausstehen können, verkrafte ich, aber Nachforschungen über mich anzustellen, ist doch was anderes.

»Haben sie dir gesagt, wann sie mich entlassen?«

Er zuckt die Achseln. »Ich habe versucht, am Empfang nachzufragen, aber die haben mich da kaum zur Kenntnis genommen, deshalb …« Er lächelt schuldbewusst. »Darf ich dir wenigstens etwas besorgen, womit du dir die Zeit vertreiben kannst? Ein Magazin aus dem Foyer? Ein Buch?«

Ja. Da wäre tatsächlich etwas: Du könntest mir ein Telefon besorgen, möglichst eines, das hier Empfang hat, mit voll aufgeladenem Akku und Internetverbindung. Aber ich erwidere sein Lächeln bloß mit angemessen leidender Miene und schüttele den Kopf.

»Ich schaue mal, ob ich eine Krankenschwester finde. Oder jemanden, der weiß, was los ist.« Er macht Anstalten zu gehen, aber so langsam und widerstrebend, als hoffte er, ich würde ihn zurückhalten.

»Milton«, entfährt es mir da, als wäre das meine letzte Chance. Gut möglich, dass sie das auch ist. »Warte. Da ist … etwas, woran ich mich erinnere, glaube ich. Oder vielleicht habe ich es mir auch nur eingebildet. Oder geträumt, falls ich wirklich eingeschlafen bin.«

Besorgnis huscht über sein Gesicht, bevor er sie verbergen kann, und da überlege ich es mir beinahe anders, aber dann wird mir klar, dass es dafür zu spät ist. »Ich habe etwas gesehen.« Dann muss ich schlucken, und sofort wird mein Mund so trocken wie Sandpapier. »Auf der Straße, jemand ist mir vor den Wagen gelaufen. Schneller, als ich gucken konnte. Eine undeutliche Gestalt.«

Milton runzelt die Stirn, und seine Augenbrauen, die ein bisschen dunkler sind als sein sandfarbenes Haar, ziehen sich zusammen. »Addie, hast du das jemandem erzählt? Hast du es der Polizei erzählt?«

»Der Polizei?«, stammele ich. »Warum hätte ich …«

Doch da werde ich wie durch ein Wunder aus dem Schlamassel errettet, den ich mir eingebrockt habe. Ich höre Schritte, die rasch näher kommen und nicht wie die Gesundheitsschuhe einer Krankenschwester klingen, sondern laut über den Boden klappern, und gleich darauf wird der Plastikvorhang zur Seite gerissen. Kein Hallo, kein Darf ich reinkommen.

»Herrgott, Andrea! Nicht schon wieder dieser Mist. Was um alles auf der Welt hast du dir dabei gedacht?«

Die Furcht einflößende Cynthia Boudreaux ist hier: Gleitsichtbrille mit Goldrand, rötlich brauner Lippenstift schon morgens um sieben und zornsprühender Blick.

»Ich war nicht betrunken«, sage ich mit zusammengebissenen Zähnen. »Ich bin am Steuer eingeschlafen.« Milton sehe ich dabei nicht an, und er hält Gott sei Dank den Mund. Die alternative Version der Ereignisse mit der mysteriösen Gestalt mitten auf der Straße ist fürs Erste vergessen.

Die Frau, die mich ab meinem zwölften Lebensjahr aufzog, winkt ab. Wahrscheinlich weiß sie längst, dass der Unfall nicht durch Trunkenheit am Steuer verursacht wurde – die Krankenschwestern oder die Polizei werden es ihr gesagt haben, denn von solchen Kleinigkeiten wie der Vertraulichkeit von Patientendaten hat Cynthia Boudreaux sich noch nie aufhalten lassen. Mir ist nicht klar, warum sie hier ist. Aus Sorge um mich garantiert nicht. Selbst wenn sie die vor langer Zeit mal empfunden haben sollte, habe ich garantiert alles Menschenmögliche getan, um sie ihr auszutreiben.

»Sie werden sie bald entlassen«, sagt sie über meinen Kopf hinweg zu Milt. »Ich bringe sie nach Hause.«

An dem ominösen Tonfall, in dem sie die Worte nach Hause fast unmerklich, aber doch hörbar betont, erkenne ich, dass sie damit nicht das Stadthaus meint.

»Kommt nicht infrage«, widerspreche ich.

»Hast du ihre Sachen am Empfang abgeholt?« Cynthias eisiger Blick ruht unverwandt auf Milt, so, als existierte ich gar nicht.

»Hier«, sagt er brav und reicht ihr die Plastiktüte mit meinen Habseligkeiten. Ich bin sprachlos über diesen Verrat, der sich direkt vor meinen Augen abspielt, und Milt weicht meinem Blick geflissentlich aus. Cynthia reißt ihm die Tüte aus der Hand und sieht hinein.

»Ist ihr Telefon auch da drin?«

»Nein.«

Ungeniert durchwühlt sie meine Sachen, öffnet den Reißverschluss meiner Handtasche, steckt ihre Hand mit den dicken Venen und den goldenen Ringen hinein, zieht meine Brieftasche heraus, öffnet sie und untersucht sie flüchtig. »Fehlt sonst noch was?«

»Warum sollte etwas fehlen? Mom?«

Ausnahmsweise stört sie sich nicht am M-Wort.

»Frag noch mal am Empfang nach«, sagt sie zu Milt. »Vergewissere dich, dass wir alles haben. Ihre Autoschlüssel. Wo sind ihre Autoschlüssel?«

Milt blickt verunsichert. Er öffnet den Mund, um etwas zu sagen, doch dann verkneift er es sich, vom scharfen Blick meiner Adoptivmutter zum Schweigen gebracht. Sobald er hinter dem weißen Vorhang verschwunden ist, lässt Cynthia die Maske fallen – es ist, als würde ein Schalter umgelegt, eine Gestaltwandlerin in Aktion. Sie nimmt die Brille ab und reibt sich den Nasenrücken, wo die kleinen Kunststoffpolster zwei nierenförmige rote Abdrücke in ihrem Make-up hinterlassen haben. Dann lässt sie die Schultern sinken, entspannt sich und gibt die Pose der perfekten Politikerfrau auf. Sogar ihr Gesicht scheint ein bisschen abzusacken – eine Maske, deren Schnüre sich gelöst haben.

»Meinst du, ich wüsste nicht, was du vorhast?«, flüstert sie laut mit heiserer Stimme. »Meinst du, du bist die Einzige mit Köpfchen hier? Und wenn ich drauf komme, dann auch die Polizei.« Sie stößt einen lauten Seufzer aus, und ihr Atem riecht nach ihren Kräuterpräparaten und ihrer Mundspülung. »Ich wusste, es würde dich eines Tages einholen. Ich wusste es.«

Da stütze ich mich auf die Ellbogen. »Mom, wovon redest du?«

»Komm mir nicht mit Mom«, faucht sie. »Das haben wir lange hinter uns, Andrea, daran hättest du denken sollen, bevor …«

»Ich bin nicht angetrunken gefahren und ich habe keine SMS geschrieben, ich schwöre es.« Ich will ihre Hand nehmen, aber sie entzieht sie mir. »Warum ist mein Telefon weg? Hat die Polizei es mitgenommen?«

»Und deinen Thermobecher haben sie auch«, erwidert sie trocken. »Sie analysieren den Inhalt.«

Ein Gedanke schießt mir durch den Kopf: Gut, sollen sie doch denken, ich hätte meinen Kaffee mit ein bisschen billigem Whiskey aufgepeppt, den ich bei einem meiner Jugendlichen im Asyl konfisziert habe. Sollen sie doch denken, ich hätte Pillen geschluckt, was auch immer. Doch davon lasse ich mir nichts anmerken.

»Aber darum geht es gar nicht«, fügt Cynthia hinzu. »Wie auch immer, wir fahren jetzt nach Hause. Ich habe schon unseren Anwalt angerufen, und falls die mit dir reden wollen, dann kein Wort ohne ihn, verstanden?«

»Ich fahre nicht mit zu dir«, sage ich und versuche, die Wut zu bezähmen, die in mir aufsteigt. »Ich fahre nach Hause. Ich bitte Milt, mich hinzubringen.«

»Milton kommt auch mit«, erwidert sie, ohne mit der Wimper zu zucken. »Nur zu deiner Information: Deine Schwester ist auch da, also sei wenigstens so anständig und benimm dich.«

Als ich höre, dass meine Adoptivschwester zu Hause ist, läuft mir ein elektrisches Kribbeln die Wirbelsäule hinab, und da ahne ich, dass es hier womöglich gar nicht um meinen Unfall geht.

Und es muss etwas richtig Schlimmes sein.

»Mom …«

Eine Krankenschwester, deren Körper zu massig für den kleinen Raum ist, kommt herein, ganz einstudierte Krankenhausfröhlichkeit und Desinfektionsmittelgeruch. Cynthia setzt die Brille wieder auf und tritt widerstrebend beiseite, damit die Schwester mir die Infusionsnadel aus dem Arm rupfen und mich vom Herzfrequenzmonitor abnabeln kann. Ob zum Guten oder zum Schlechten: Ich werde entlassen.

Die Frau arbeitet professionell und effizient, und im Handumdrehen sitze ich in einem Rollstuhl, in der Armbeuge ein Stück gefalteten, mit durchsichtigem Pflaster befestigten Mull. Sie bringt es fertig, meinem Blick die ganze Zeit über auszuweichen, und jedes Mal, wenn sie etwas sagt, habe ich das Gefühl, es richtet sich gegen mich statt an mich. Man könnte meinen, sie hätte Unterricht bei Cynthia genommen.

Als sie mich einer anderen Krankenschwester übergibt, einer kleinen Filipina, drehe ich mich um und sehe sie über die Schulter hinweg an – und erwische sie dabei, dass sie mich betrachtet. Ein eigenartiger Ausdruck huscht über ihr Gesicht, aber ehe ich ihn deuten kann, ist er schon wieder verschwunden, ihre Gesichtsmuskeln entspannen sich, und ihre flüchtig gerunzelte Stirn glättet sich zu undurchdringlicher Ausdruckslosigkeit.

Diesen Blick, oder jedenfalls einen ganz ähnlichen, kenne ich, aus einer viele Jahre zurückliegenden Zeit.

Aus der Zeit nach dem Brand. Als ich für immer zur Schwester dieses Jungen wurde.

KAPITEL 3

Die Frau, deren Freunde sie als Cassie kannten, verbarg hinter ihrem fröhlichen, optimistischen Auftreten einen schwierigen Start ins Leben. Fotos aus ihrer Jugend zeigen ein schönes lächelndes Mädchen mit durchdringenden grünen Augen und üppigem, langem, glänzend braunem Haar, das sie im Stil der Achtziger toupiert hatte. Doch als 1990 ihre Kinder, Andrea und Eli, geboren wurden, war jenes Lächeln erloschen.

Der Vater der Kinder hatte ein langes Strafregister wegen verschiedener Vergehen, von Bagatelldiebstählen bis hin zu Gewaltanwendung und Körperverletzung. Zu ihrer einzigen verbliebenen Verwandten, einer ältlichen Tante, hatte Cassandra keinen Kontakt mehr, und von den meisten ihrer Freunde hatte sie sich zurückgezogen. Ihre Kollegen berichteten, sie sei zuweilen mit vom Make-up nur schlecht verdeckten Hämatomen zur Arbeit erschienen.

Als die Zwillinge gerade einmal zwei Jahre alt waren, reichte es ihr schließlich. Nach einer besonders gewalttätigen Szene erstattete sie Anzeige gegen ihren ersten Ehemann und verbrachte mehrere Monate in einem Frauenhaus. Von da an hätte ihr Leben leicht den üblichen Verlauf nehmen können: weitere dysfunktionale Beziehungen, Alkohol, Drogen und am Ende die Tragödie. Doch stattdessen nahm es eine Wende zum Guten. Sie fand einen Job, der es ihr ermöglichte, das Frauenhaus zu verlassen und mit den Zwillingen eine eigene Wohnung zu beziehen. Mehrere Jahre lang machte Cassie Überstunden zum Mindestlohn und schaffte es dennoch, sich und ihre Kinder durchzubringen. Schließlich bekam sie eine Stelle als Kassiererin in einem Möbelhaus, und kurz danach heiratete sie den Inhaber, Sergio Bianchi.

Nun, da sie als Hausfrau in einem geräumigen Haus am Stadtrand lebte, sah Cassies Zukunft strahlender denn je aus. Doch alles zerschlug sich, als die Tragödie doch noch in Cassies Leben trat, und zwar aus einer Richtung, aus der sie am wenigsten damit gerechnet hätte.

 

– Zu Asche verbrannt: Der erschütternde Doppelmord am Stadtrand von Jonathan Lamb, Eclipse, 2004, 1. Auflage.

Fünfzehn Jahre zuvor: vor dem Brand

Andrea hockt auf der gemauerten Umrandung eines Blumenbeets gegenüber dem Schulhof und betrachtet das Ziffernblatt ihrer pinkfarbenen Armbanduhr. Sie zupft am durchsichtigen Uhrenarmband mit den darin eingeschlossenen Glitzerteilchen. Es ist unbequem, selbst auf dem letzten Loch, zu eng für eine Zwölfjährige, und die Schnalle hinterlässt einen schwitzigen roten Abdruck auf ihrem drallen, blassen Handgelenk. Deshalb verbirgt sie die Uhr immer unter ihrem Ärmel.

Die anderen Mädchen tragen keine Armbanduhren mit Zeichentrickfiguren auf dem Ziffernblatt mehr. Die anderen Mädchen schminken sich in den Pausen vor dem Spiegel auf der Toilette die Lippen und rauchen in der Mittagspause auf dem Sims am Fenster, das sich nur einen Spaltbreit öffnen lässt. Andrea könnte sich vorstellen, dass es ihr gefallen würde, zu rauchen: Jedes Mal, wenn sie unbemerkt auf die Toilette schlüpft, kitzelt der Geruch sie auf eine Weise in der Nase, die nicht unangenehm ist, und das lässt sie an andere aufregende Möglichkeiten denken, wie auf der Party eines Highschoolschülers ein paar Schluck Miller-Bier zu stibitzen oder sogar mit einem Jungen zu knutschen. Sie weiß gar nicht genau, was Knutschen ist und ob es sich von Küssen unterscheidet. Aber es wird erwartet, dass sie so etwas will, das weiß sie, auch wenn sie kein klares Bild davon hat.

Außerdem erinnert sie der Zigarettenrauch an Sergio, den Mann ihrer Mutter. Sergio hat angeblich aufgehört, aber sie weiß, dass er manchmal noch heimlich auf dem Balkon raucht, wenn ihre Mutter nicht zu Hause ist. Einmal hat sie ihn dabei erwischt, als sie eine Viertelstunde früher aus der Schule heimkam. Es war komisch, ihn dabei zu beobachten, wie er auf der Balkonbrüstung lehnte und durch die Nasenlöcher Rauch ausstieß. Allein wirkte er anders, wie er so in Gedanken versunken die Asche über die Brüstung schnippte. Ein kleiner Funke löste sich von der glühenden Zigarettenspitze, zog einen leuchtend orangefarbenen Bogen durch die Luft und erlosch sang- und klanglos zu einem schwarzen Punkt. Sie hatte das Gefühl, etwas zu sehen, was sie nicht sehen sollte. Als würde sie durch einen Türspalt heimlich einen Horrorfilm anschauen.

Schon nach wenigen Sekunden bemerkte er sie, aber er dachte wohl, sie stehe schon seit einer ganzen Weile dort. Er wirkte nicht erschrocken, sondern winkte sie einfach zu sich, und sie stapfte durch den Garten, mitten durch den Schnee, den Sergio vom Weg hätte räumen sollen, was er aber nicht getan hatte. Mittlerweile hatte sich darauf eine gräuliche Kruste gebildet, die unter ihren Stiefeln knirschte. Sie sank bis zur Mitte der Wade ein und stolperte.

»Das behalten wir für uns, hm, Mädchen?«, sagte er. »Ich schenke dir etwas, das du dir wünschst, und du sagst Mom nichts davon, okay?«

Da hätte sie sich eines dieser Freundschaftsarmbänder wünschen können, oder einen neuen Satz Gelschreiber oder einen Discman oder Jeans mit Schmetterlingsapplikationen oberhalb des Saums, wie die anderen Mädchen sie hatten. Sie hätte sie bekommen – da war sie sich ziemlich sicher –, denn wenn sie ihrer Mutter von der Zigarette erzählt hätte, hätte es Geschrei gegeben, und es hätte die Möglichkeit bestanden, dass Sergio hinterher nicht mehr ihr Vater sein durfte, und das wollte sie nicht. Sie weiß noch immer nicht recht, warum sie sich nicht etwas Schöneres von ihm gewünscht hat.

Jetzt sieht sie auf diese Armbanduhr, und der lange dünne Zeiger mit dem rosa Herzen darauf scheint auf der Stelle zu zucken, ohne je weiterzuspringen. Nur noch zehn Minuten bis zum Ende der Mittagspause. Andrea überlegt, ob sie schon mal zurückgehen und sich an der Wand entlang zum Klassenraum schleichen soll, um dort zu warten, obwohl sie das vor dem ersten Klingeln nicht dürfen. Bis zu diesem Jahr war die Toilette ihre Zuflucht, aber jetzt haben die Lipgloss- und Zigarettenmädchen sie mit Beschlag belegt, und Andrea würde sich eher vom Dach stürzen.

Sie hört ein Geräusch und reißt den Kopf herum. Es ist kein gutes Geräusch, das da vom Notausgang neben der Sporthalle kommt, wo sie sich hinausgeschlichen hat. Die Tür quietscht und knarrt, als jemand sie weit öffnet, und dann knallt sie wieder zu. Andrea hört Gekicher und aufgeregtes Quieken und weiß schon, ehe sie in Sichtweite sind, wen sie gleich sehen wird.

Sie ist zwölf, und die anderen Mädchen sind dreizehn. Weil sie im Dezember Geburtstag hat, kommt sie nicht nur bei den Geburtstagsgeschenken zu kurz, die zugleich ihre Weihnachtsgeschenke sind, sondern ist auch eine der Jüngsten ihrer Klasse. Und in diesen wenigen Monaten, die ihr wie ein unüberwindlicher Abgrund erscheinen, haben die anderen offenbar intuitiv Dinge begriffen, von denen Andrea noch keine Ahnung hat. Andrea ist kein hübsches Mädchen, und sie ist nicht reich genug, um das auszugleichen. Sie ist auch nicht sonderlich klug. Andrea ist bloß ein seltsames, einsames Mädchen in einer Zeit, bevor es Smartphones gibt, bevor das Internet allgegenwärtig wird, bevor seltsame, einsame Mädchen online Freundinnen haben, denen sie sich anvertrauen können, und Blogs, die sie mit schlechten Gedichten füllen können.

Sie ist allerdings klug genug, um zu wissen, was die anderen hier wollen. Unter den Ärmeln ihres Pullis verborgen, trägt Andrea die blauen Flecke von gestern, und die Rippen auf der rechten Seite pochen bei jedem Einatmen. Die Mädchen kommen. Da ist vor allem eine, Leeanne, die Schlimmste von allen. Immer wenn Andrea an sie denkt, sogar wenn sie nicht in der Schule ist, sogar samstagmorgens, wenn Sergio für alle Pfannkuchen bäckt, krampft ihr Magen sich vor Angst zusammen, und ihr Herz beginnt zu rasen wie in der Turnhalle, wenn der Lehrer sie alle Runden laufen lässt.

Das Gelächter und die Stimmen kommen näher und näher, und Andrea weiß, sie muss sich verstecken. Ein panischer Blick in alle Richtungen bestätigt ihr, dass sie nirgendwohin kann, denn überall ist offenes Gelände. Auf dem Schulhof kann sie sich nicht verstecken. Also tut sie das Einzige, was ihr einfällt: Sie geht hinter dem niedrigen Mäuerchen in Deckung, drückt sich flach auf den Boden und macht sich vor, dass das Mäuerchen vielleicht, aber auch nur vielleicht, hoch genug sei, um sie zu verbergen. Wenn Leeanne sie nicht auf Anhieb sieht, denkt sie vielleicht, Andrea verstecke sich woanders, und verschwindet mit ihrer Clique wieder.

Die Erde ist höllisch kalt, und die Feuchtigkeit dringt in Andreas grauen Pullover, den Leeanne erst letzte Woche als Spüllappen bezeichnet hat. Als Andrea hinterher nach Hause kam, steckte sie ihn in die Mülltonne, doch ihre Mutter zog ihn wieder heraus und zwang sie, ihn weiter zu tragen. Ihre Jeans ist schwarz, darauf wird man die Flecken kaum sehen, aber der Pullover ist bestimmt hin. Andrea drückt die Wange auf den Boden und gräbt die Finger in die Erde. Sie werden sofort taub, so kalt ist es.

Die Schritte kommen näher, und Leeannes schallendes Lachen ertönt unmittelbar über Andreas Kopf. Sie kneift die Augen zu.

»O mein Gott. Guckt sie euch an. Was tut sie da?« Die Stimme gehört einem anderen Mädchen, und jedes ihrer Worte trieft vor Verachtung.

Andrea hat kaum Zeit, Luft zu holen, da packt sie eine Hand am Kragen und zieht sie hoch, als wäre sie ein Kätzchen.

»Iih! Lass sie los, Leelee. Wie eklig«, sagt dasselbe Mädchen wie eben.

»Du widerliches Schwein«, höhnt Leeanne so dicht an Andreas Gesicht, dass sie ihren Erdbeerkaugummi riechen kann. »Sieh dich doch an. Du bist einfach abstoßend.«

Die anderen beiden Mädchen grunzen. Der Kragen schneidet Andrea in den Hals. Sie versucht, sich auf dem Mäuerchen abzustützen, aber ihre Hände rutschen ab. Tränen stehlen sich hartnäckig unter ihren geschlossenen Lidern hervor.

»Wie schade. Du hast überall Erde auf deinem hübschen Pulli. Was wird Mommy nur denken?«

Andrea öffnet die Augen und sieht Leeannes verzücktes Grinsen nur Zentimeter vor ihrem Gesicht. An einem ihrer Schneidezähne klebt ein bisschen rosa Lipgloss mit Flitter darin. Im Tageslicht ist auch der Pickel auf ihrer Stirn zu sehen, obwohl sie ihn abgedeckt hat. Sie trägt diese kurze weiße Daunenjacke mit dem Pelzbesatz, um die sie alle Mädchen beneiden. Leeannes Eltern sind reich, und sie hat alles. Lipgloss, Plateauschuhe, Jeans mit Applikationen, Kaninchenpelzkragen.

Plötzlich weiß Andrea, was sie tun muss. Leeanne grinst gehässig, während ihre beiden Spießgesellinnen weiter grunzen und sich die Fingerspitzen mit den rosa lackierten Nägeln in die Nasen stecken, um sie aufwärts zu wölben. Andrea hebt die Hand, öffnet die Faust und klatscht Leeanne eine Handvoll Erde mitten auf die weiße Jacke.

Kurz verschlägt es allen die Sprache. Dann stößt Leeanne einen Schrei aus, bei dem Andrea fast die Trommelfelle platzen, und die anderen Mädchen kreischen: »O mein Gott!« – »Guckt doch, was sie getan hat!« und »Was für eine kleine Schlampe!« Leeanne lässt Andreas Kragen los, und als Andrea gerade tief Luft holt, landete Leeannes Hand auf ihrer rechten Wange.

Die Ohrfeige ist wie eine Explosion und wirft Andrea zurück in das schlammige Beet. Sie landet so heftig auf der Seite, dass es ihr die Luft aus der Lunge presst und die Welt sich um sie dreht.

»Du Schlampe! Dafür wirst du bezahlen«, schreit Leeanne. Andrea begreift, dass sie einen Fehler gemacht hat, aber sie kann sich nur noch zusammenrollen und die Knie ans Kinn ziehen. Dann bohren sich Leeannes spitze Stiefel auch schon in ihre Seite, genau da, wo die Prellung von gestern ist. Andrea schnappt nach Luft. Es hagelt Tritte aus allen Richtungen, und ihr Mund füllt sich mit Erde. Plötzlich hören die Tritte auf, und ihr wird klar, dass das Klingeln, das sie hört, nicht nur in ihrem Kopf ist – es ist die Schulklingel weit aus der Ferne.

Als sie die Augen wieder öffnet, sind die Mädchen fort. Aber sie kann nicht zum Unterricht gehen – das weiß sie. Sie hat kaum genug Kraft, um sich aufzusetzen. Jetzt strömen ihr die Tränen ungehindert übers Gesicht, und als sie sie wegwischt, verschmiert sie Erde überall auf ihren Wangen.

»Hey! Addie.«

Andrea fährt herum und sieht eine einzelne, schlaksige Gestalt auf sich zuschlendern. Sie würde gern zurückrufen, aber wenn sie den Mund aufmacht, heult sie erst recht los, das weiß sie.

»Was ist passiert?« Er kauert sich neben sie, um ihr ins Gesicht sehen zu können, und sie wendet den Kopf ab. »Scheiße. Wieder Leeanne?«

»Mom bringt mich um«, murmelt Andrea und wundert sich, dass dies das Erste ist, was ihr einfällt.

»Warum? Es war doch nicht deine Schuld.«

»Wegen dem Pullover.«

Die Tränen lassen das Gesicht ihres Bruders verschwimmen. Eli ist alles, was Andrea nicht ist, so, als hätte er ihr schon im Mutterleib alle leuchtenden Farben ausgesaugt, und ein paar der Mädchen sehen ihn bereits auf diese gewisse Weise an und kichern hinter vorgehaltener Hand.

»Mach dir keine Sorgen wegen dem Pullover. Ich tausche mit dir.« Ihre Mutter kauft die Kleidung für sie beide bei Walmart, und Eli trägt den gleichen grauen Pullover mit den eng anliegenden Ärmelbündchen, bloß ist seiner makellos sauber. »Na komm, Addie. Wir gehen dich waschen.«

Ihr entfährt ein kleiner Schluchzer. Eli grinst und nimmt ein bisschen Erde in die Hand.

»Hey. Guck mal.« Und dann schmiert er sich zu ihrem grenzenlosen Erstaunen die Erde am Haaransatz entlang und bis runter auf seine Wange. Unwillkürlich muss sie kichern. »Geht’s dir jetzt besser? Na los. Wir kommen zu spät.«

»Du kannst doch so nicht zum Unterricht gehen«, sagt sie.

»Aber klar doch. So sind Jungen eben, oder?«

KAPITEL 4

Sie schmuggeln mich durch den Hintereingang raus wie einen Promi nach dem Entzug in einer Klinik. Also muss es wirklich sehr schlimm sein, denke ich und versuche, nicht in Panik zu geraten.

Milt setzt sich in Cynthias schwarzem, glänzendem Cadillac-SUV neben mich auf den Rücksitz. Der Morgen ist unanständig hell und sonnig, und da der Wagen auf dem Parkplatz in der Sonne stand, ist er jetzt der reinste Backofen. Ich beobachte, wie meine Adoptivmutter mit ihren manikürten Fingern gereizt Knöpfe drückt, bis die Lüftung überall im Auto leise summend in Gang kommt. Der Schweiß auf meiner Oberlippe kühlt ab. Hier, im schwachen Fliederduft von Cynthias Lufterfrischer, fällt mir der säuerliche, schale Geruch auf, den ich verbreite. An der sauberen Kleidung, die Milt mir von zu Hause mitgebracht hat – meine alte Lieblingsjeans und ein Sweatshirt, die ich in einem anderen Leben im Schlafzimmer über einer Stuhllehne hängen gelassen hatte –, kann es nicht liegen. Ich scheine diesen Geruch aus allen Poren zu verströmen, und dann nehme ich auch meinen Mundgeruch wahr, was bedeutet, dass er in Wirklichkeit noch schlimmer stinkt. Ich rieche ganz ähnlich wie meine Schützlinge, wenn sie im Jugendasyl auftauchen und auf einen Schlafplatz für die Nacht hoffen, oder wenigstens auf eine Tasse Kaffee und fünf Minuten unter einer lauwarmen Dusche.

Sobald ich zu Hause bin, lasse ich mir ein Bad ein, denke ich automatisch und sehe schon die überdimensionale ovale Wanne vor mir. Bloß fahre ich ja nicht nach Hause, also gibt es auch kein heißes Bad, jedenfalls nicht sofort.

»Kann ich jetzt mein Telefon zurückhaben?«, erkundige ich mich.

»Du hast kein Telefon mehr«, erklärt Cynthia unumwunden. Als ich im Rückspiegel ihre Augen sehe, bleibt mir meine bissige Erwiderung in der Kehle stecken. Dank ihrer regelmäßigen Botox-Termine bietet ihr Gesicht einen gleichbleibend angenehmen, glatten Anblick, doch trotz des lähmenden Gifts gelingt es ihr, mir einen tödlichen Blick zuzuwerfen. Da beschließe ich, lieber still zu sein.

Als wir in die ruhige Straße einbiegen, an deren Ende ihr Haus steht, setze ich mich auf und sehe mich um. Früher wohnten meine Adoptiveltern in einer waschechten Gated Community, bis zu ihrer Scheidung, die aus heiterem Himmel kam und sogar mich überraschte. Der darauf folgende Umzug aus dem Retortenluxushaus in das hübsche Einfamilienhaus im viktorianischen Stil in einem Wohnviertel der oberen Mittelschicht war für Cynthia ein Abstieg, über den sie nie hinweggekommen ist. Seitdem verachtet ihre leibliche Tochter sie. Ich meinerseits war froh, aus diesem Luxushaus rauszukommen. Vielleicht weil ich all die Erinnerungen an das Leben gleich nach dem Brand nur zu gern hinter mir ließ. Vielleicht gefiel mir aber schlichtweg unser neues Häuschen, das wie ein Zuhause roch – vielleicht nicht wie mein Zuhause, aber immerhin.

Im Moment stehen überall Autos – nicht die urigen Toyota-SUVs und in die Jahre gekommenen Jeeps unserer Nachbarn, sondern andere Autos, Transporter mit großen Logos. Bei einigen davon ragen diese verräterischen Sendemasten aus dem Dach wie in einem Cartoon.

»Milton«, sagt Cynthia in diesem reservierten, aber dennoch gebieterischen Ton. Er nickt, zieht die Jacke aus und wirft sie mir über. Sie ist groß genug, um mich vollständig zu verdecken, wie ein großes warmes Zelt, das nach ihm riecht. Bloß ist das in diesem Moment alles andere als tröstlich.

»Was ist denn da los?«, frage ich und spähe unter dem Kragen hervor.

Er wirft mir einen so entschuldigenden Blick zu, dass es schon an Mitleid grenzt. »Komm, Addie.«

Wir drängeln uns durch den Schwarm von Reportern, und ich sehe nur Beine und Füße: meine eigenen einst weißen Arbeitsschuhe, Milts braune Lederstiefel, Cynthias rötlich braune Blockabsätze und ihre stämmigen nylonbekleideten Waden vor mir. Und von allen Seiten drängen weitere Schuhe auf mich zu, Halbschuhe, Sneakers, Pumps, und Stimmen stürmen auf mich ein, überwältigend laut trotz der Jacke, die mich vom Kopf bis zur Mitte des Oberschenkels einhüllt.

»Haben Sie einen Kommentar für uns, Andrea? Was können Sie uns über das, was passiert ist, sagen?«

Milton brüllt sie an, sie sollen mich verdammt noch mal in Ruhe lassen oder etwas in der Art – den genauen Wortlaut verstehe ich nicht. Cynthias schrille Stimme fällt ein: »Bitte gehen Sie. Im Moment redet sie mit niemandem.« Endlich öffnet sich die Haustür, verschluckt uns und schließt sich wieder hinter uns. Ich werfe die Jacke so vehement von mir, wie meine von den Schmerzmitteln betäubten Muskeln es erlauben, und sehe gerade noch, wie Cynthia die beiden Schlösser absperrt und zusätzlich den Riegel vorschiebt.

»Das hätte ich mir schlimmer vorgestellt«, sagt Milt.

»Schlimmer?«, zischt Cynthia. »Wie könnte es noch schlimmer sein?«

Da merke ich, dass es mir reicht. »Einer von euch wird mir jetzt verdammt noch mal sagen, was los ist«, fauche ich. »Wird’s bald?«

Wie auf Befehl drehen sie sich zu mir um, und ihre Mienen werden weicher.

»Addie«, sagt Milt in diesem beschwichtigenden Ton, den er auch bei dem Gespräch vor ein paar Monaten einsetzte, als wir uns auf eine Auszeit einigten.

»Du solltest in dein Zimmer gehen und dich ausruhen«, mischt Cynthia sich ein. »Um Himmels willen, du hast eine Gehirnerschütterung. Du kannst nicht klar denken.«

»Ich glaube, im Augenblick bin ich hier die Einzige, die klar denkt.«

Cynthia sieht Milt an, halb flehend, halb entnervt. Er kommt sehr bedächtig zu mir, so, als wollte er ein Wildpferd zähmen, und nimmt meinen Arm. Ich schüttele ihn ab. Er packt noch einmal zu, fester diesmal, und das erinnert mich daran, dass er ein Sportler ist, der nach wie vor an fünf Tagen die Woche trainiert, während das Schwerste, was ich in den letzten Jahren gehoben habe, eine Bierdose war. Dann führt er mich die Treppe hinauf zu meinem alten Zimmer, gleich neben dem meiner Schwester.

»Ich sage das nur ungern, Addie, aber diesmal solltest du auf sie hören«, murmelt er mir ins Ohr.

»Was ist passiert? Lüg mich nicht an, Milt. Nicht auch du. Bitte. Was ist passiert?«

»Nichts, worüber du dir Sorgen machen musst. Nichts, was dich betrifft.«

»Habe ich was Falsches getan?«

»Nein.«

»Habe ich … habe ich jemanden angefahren? Habe ich jemanden getötet?«

KAPITEL 5

Als die Tür meines alten Zimmers sich hinter Milt und mir schließt, ist es, als wären wir fast zehn Jahre durch die Zeit in die Vergangenheit gepurzelt. Hier habe ich nur von etwa meinem sechzehnten bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr gelebt, und ich war mir sicher, Cynthia hätte sofort nach meinem Auszug alles heruntergerissen und das Zimmer in ein hübsches, gesichtsloses, steifes »Gästezimmer« für hypothetische Gäste, die niemals kommen würden, verwandelt. Doch sie hat es gar nicht angerührt. Wobei ich mit Einrichtung und persönlicher Note sowieso nicht viel am Hut hatte. Die Tapete ist noch dieselbe wie bei unserem Einzug damals: hellblau mit silbernen Blümchen. Es gibt ein Einzelbett mit einem grauen Überwurf, eine Frisierkommode, eine Kommode mit Schubladen und einen dieser eingebauten Kleiderschränke, in die nie etwas hineinpasst, mit einer Lamellentür, die nicht richtig schließt. Und am wichtigsten: der Fernseher auf der Frisierkommode, halb dem Bett zugewandt. Ein Fernseher, den Cynthia Gott sei Dank vergessen hat.

Die Fernbedienung ist schon vor Jahren verloren gegangen, deshalb benutze ich den Einschaltknopf am Gerät selbst – es ist einer dieser alten Kästen, die man heutzutage nur noch auf dem Sperrmüll findet. Damals, als ich mit zwölf Jahren in die Familie Boudreaux kam, galt es noch als etwas Besonderes, einen Fernseher im Zimmer zu haben. Meine Schwester hatte sogar einen Computer.

Erfreulicherweise erwacht der Fernseher mit dem typischen Brummen flackernd zum Leben, der Ton ist vor dem Bild da. Anders als in Kinofilmen oder Fernsehserien, wo die Leute immer direkt bei der Nachrichtensendung landen, die sie suchen, muss ich durch alle möglichen Werbespots und frühmorgendliche Zeichentrickserien zappen, bis ich einen Nachrichtensender finde.

Es geht gerade um irgendeine Wirtschaftskrise irgendwo auf der Welt, bestimmt wirklich wichtig, aber im Moment könnte ich vor Frust den Fernseher zertrümmern. Hinter mir räuspert sich Milt.

»Addie …«

»Nenn mich nicht Addie.«

»Andrea. Willst du das wirklich tun?«

Ich mache mir nicht die Mühe, ihm zu antworten.

»Andrea, mach den Fernseher aus.«

»Ich finde es sowieso raus«, knurre ich. Und wie auf Befehl wechselt jetzt das Bild, und im nächsten Augenblick füllt das lebensgroße Gesicht meines Bruders den Fernsehschirm aus.

Vor Schreck verschlägt es mir den Atem. Der alte Fernseher verzerrt seine Züge ein bisschen, lässt klare Linien verschwimmen und leuchtende Farben trübe aussehen. Dies ist mein Bruder als Erwachsener, ein herber Kontrast zu dem Bild von vor fünfzehn Jahren, das sich mir unauslöschlich eingeprägt hat: rußbedeckt, mit wildem Blick, das Feuerzeug in der Faust, deren Knöchel sich grellweiß von dem Schmutz und der Asche abheben.

Alle sagten immer, er werde zu einem Herzensbrecher heranwachsen. Ich weiß nicht, ob ich den Mann, den ich da sehe, als Herzensbrecher beschreiben würde. Sein Gesicht, das einmal versprach, markante Züge und ausgeprägte Wangenknochen wie die unserer Mutter zu entwickeln, ist stattdessen hager und kantig geworden, mit Adlernase und dünnen, blassen Lippen, die er so fest aufeinanderpresst, dass sie fast nicht zu sehen sind. Sein Haar ist zu lang und müsste dringend geschnitten werden, aber das betont nur die deutliche M-Form des vorzeitig zurückweichenden Haaransatzes. Sogar seine rötlich blonde Haarfarbe, geerbt von dem leiblichen Vater, den wir nie richtig kennengelernt haben, scheint verblasst zu sein, ausgeblichen von der Zeit, Mangelernährung oder einem ungesunden Lebenswandel. Die Stoppeln an Wangen und Kinn sind ungleichmäßig verteilt und wirken ungesund, und seine Augen sind stumpf und dunkel, wie die Fenster eines verlassenen Hauses, lange nachdem die letzten Lichter ausgegangen sind.

Mein erster Gedanke ist: Das ist alles ein Versehen, das ist er gar nicht. Nicht mein schöner, allseits beliebter Bruder, der Goldjunge. Aber eigentlich wusste ich schon Bescheid, als ich Milts Blick im Krankenhaus sah. Tief im Inneren habe ich immer gewusst, dass das irgendwann passieren würde.

Was hast du getan, Eli? Um Himmels willen, was hast du getan?

Meine Knie geben nach, und gleich darauf sitze ich am Fuß meines alten Betts auf dem Boden.

Sein Gesicht verschwindet, und jetzt zeigen sie die Nahaufnahme eines baufälligen zweigeschossigen Doppelhauses. Überall flattert Polizeiabsperrband wie eine Halloweendekoration.

»… gegenwärtig von der Polizei gesucht, nachdem die Leiche einer jungen Frau in einer Wohnung im Nordosten von Denver aufgefunden wurde. Sollten Sie etwas über den Verbleib des Verdächtigen wissen, rufen Sie bitte …« Wieder wechselt das Bild. Jetzt laufen in einer dringlichen roten Schrift Informationen und eine Telefonnummer über den Bildschirm. Und ehe ich endlich ausatmen kann, gehen die Nachrichten weiter. Das Bild wechselt wieder zur Sprecherin.

Wie betäubt beobachte ich die Bewegungen ihrer mit perlrosa Lipgloss geschminkten Lippen. Sie könnte jetzt über Gott weiß was reden. Ich höre nicht mehr zu.

Das war’s also?

Milton stöhnt, und da wird mir klar, dass ich die Frage laut gestellt habe. »Wie meinst du das: ›Das war’s‹? Er hat jemanden getötet.«

»Das wissen wir nicht«, sage ich automatisch.

»Doch. Die Reporter im Vorgarten wissen es jedenfalls.«

»Sobald sie den Namen gehört haben, ist denen doch schon einer abgegangen«, fauche ich. Mein Blick klebt am Fernseher. In Erwartung dessen, was jetzt garantiert kommt. »Das ist alles. Aber das heißt nicht, dass es auch stimmt.«

Milt seufzt. »Was ich nicht verstehe, ist, warum du ihn jetzt verteidigst.«

»Ich verteidige niemanden. Vielleicht findest du ja, ich sollte auch einfach voreilige Schlüsse ziehen wie alle anderen?«

Wie aufs Stichwort ist im Fernsehen jetzt wieder mein Bruder zu sehen. Bloß ist es diesmal ein anderes Foto, eines, an das ich mich erinnere, das ich wiedererkenne, und mein Herz tut so weh, als wäre es von einer Kugel getroffen. Es ist das Klassenfoto aus dem Jahr, in dem wir zwölf wurden – der verschwommene lila-blaue Hintergrund, den sie in der Turnhalle aufgehängt hatten, grell angestrahlt von zwei starken Scheinwerfern, die jedes abstehende Härchen und jeden Teenagerpickel hervorhoben und hässliche Lichtreflexe auf Zahnspangen und Brillengläsern warfen, für alle Ewigkeit auf Hochglanzpapier gebannt. Aber Eli sieht wundervoll aus. Er blickt nicht direkt in die Kamera wie auf diesem anderen, neueren Bild – ein erkennungsdienstliches Foto? –, sondern hat den Kopf ein Stückchen nach rechts gedreht und einen Mundwinkel zu einem vielsagenden Grinsen hochgezogen, ein niedlicher Junge kurz vor der Verwandlung in einen gut aussehenden Mann.