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Das Thriller-Debüt von Nina Laurin - das Neueste für Fans dunkler, rasanter Psychospannung aus den USA. Eigentlich hat Lane Moreno längst aufgegeben. Seit zehn Jahren versucht die 24-Jährige im Drogennebel zu vergessen, was man ihr angetan hat: wie sie als Kind entführt und vier Jahre lang missbraucht wurde, bis ihr hochschwanger die Flucht gelang; dass man ihren Peiniger nie gefasst hat, weil sie sich nicht erinnern konnte; dass ihre Tochter zur Adoption freigegeben wurde. Doch als Lane eines Tages an einem Vermisstenplakat vorbeistolpert, starrt ihr die Vergangenheit mitten ins Gesicht: Die Gesuchte – Olivia Shaw, 10 Jahre alt – ist praktisch ihr Ebenbild. Um Olivia zu retten, muss Lane sich ihren Dämonen stellen – und einer Wahrheit, die sie zerstören könnte.
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Seitenzahl: 409
Veröffentlichungsjahr: 2018
Nina Laurin
Wenn die Angst dich einholt Psychothriller
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Eigentlich hat Laine Moreno längst aufgegeben. Seit zehn Jahren versucht die 24-Jährige zu vergessen, was man ihr angetan hat: wie sie als Kind entführt und vier Jahre lang missbraucht wurde, bis ihr hochschwanger die Flucht gelang; dass man ihren Peiniger nie gefasst hat, weil sie sich nicht erinnern konnte; dass ihre Tochter zur Adoption freigegeben wurde. Doch als Laine eines Tages an einem Vermisstenplakat vorbeiläuft, starrt ihr die Vergangenheit mitten ins Gesicht: Die Gesuchte – Olivia Shaw, 10 Jahre alt – ist praktisch ihr Ebenbild. Um Olivia zu retten, muss Laine sich einer Wahrheit stellen, die sie zerstören könnte.
Prolog
KAPITEL EINS
KAPITEL ZWEI
KAPITEL DREI
KAPITEL VIER
KAPITEL FÜNF
KAPITEL SECHS
KAPITEL SIEBEN
KAPITEL ACHT
KAPITEL NEUN
KAPITEL ZEHN
KAPITEL ELF
KAPITEL ZWÖLF
KAPITEL DREIZEHN
KAPITEL VIERZEHN
KAPITEL FÜNFZEHN
KAPITEL SECHZEHN
KAPITEL SIEBZEHN
KAPITEL ACHTZEHN
KAPITEL NEUNZEHN
KAPITEL ZWANZIG
KAPITEL EINUNDZWANZIG
KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
KAPITEL DREIUNDZWANZIG
KAPITEL VIERUNDZWANZIG
KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG
KAPITEL SECHSUNDZWANZIG
KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG
KAPITEL ACHTUNDZWANZIG
KAPITEL NEUNUNDZWANZIG
KAPITEL DREISSIG
KAPITEL EINUNDDREISSIG
KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG
KAPITEL DREIUNDDREISSIG
KAPITEL VIERUNDDREISSIG
KAPITEL FÜNFUNDDREISSIG
DANKSAGUNG
Ella, 2004
Die Nacht ist so hell, dass ihr die Augen wehtun. Sie ist an die gleichbleibend dunkle Kellerdecke gewöhnt, so niedrig, dass sie nur knapp aufrecht stehen konnte, daher blendet sie der Nachthimmel. Sie ist an die Grabesstille im Keller gewöhnt; all die leisen nächtlichen Geräusche sind ein Anschlag auf ihre Trommelfelle und zerren an ihren Nerven. Am liebsten würde sie die Augen zukneifen und sich die Hände auf die Ohren pressen, aber sie beherrscht sich und stolpert weiter am Straßenrand entlang, obwohl sich bei jedem Schritt winzige Steinchen in ihre Fußsohlen bohren.
Sie ist es nicht mehr gewohnt zu laufen. Ihre geschwächten Beine zittern vor Anstrengung. Jede Bö, die auf die erhitzte Haut ihrer nackten Arme und Beine trifft, lässt sie frösteln, und als ein großer eisiger Tropfen mitten auf ihrer Stirn landet, zuckt sie zusammen. Um sie herum platschen weitere Tropfen auf den Boden, und die Luft wird kälter; sie zittert. Regen, denkt sie, als es ihr endlich gelingt, das Wort aus den umnebelten Tiefen ihres Gedächtnisses zurückzuholen. Das ist Regen. Nichts, wovor man Angst haben muss, nur Wasser vom Himmel.
Die Erinnerung an das Wasser, das ihr eimerweise über den Kopf geschüttet wurde, ihr in Nase und Mund lief, wenn sie zu schreien versuchte, lässt sie dennoch zusammenzucken. Als die vereinzelten Tropfen zu einer endlosen Wand aus eisigem Wasser werden, geben ihre Knie nach. Der Schotter schürft ihr die Haut auf, doch sie spürt es kaum. Sie kann ihren Sturz mit den Händen abfangen. Verdutzt betrachtet sie ihre Handgelenke. Da ist kein Seil, keine Kette. Stattdessen winden sich wulstige Narbenstränge darum, stellenweise noch verschorft.
Benommen starrt sie auf ihre Hände, kann den Blick nicht von ihnen abwenden.
Ihre Hände. Ihre Hände sind frei.
Ein Wimmern entfährt ihr, unhörbar im Prasseln des Regens auf dem Pflaster. Selbst als sie im rauschenden Regen ein Auto hört, selbst als dessen Scheinwerfer sie blenden, selbst als das Auto neben ihr anhält, kann sie den Blick nicht von ihren Händen abwenden.
Sie hat keine Kraft mehr, sich zu wehren.
Sich zu wehren, hat ihr sowieso nie etwas genützt.
Schritte knirschen über den Schotter. Jemand beugt sich über sie, schirmt sie so für einen Moment vor dem strömenden Regen ab. »Mädchen. Alles in Ordnung?«
Sie wünschte, sie könnte antworten, aber sie ist sich nicht sicher, ob sie noch eine Stimme hat. Womöglich ist ihre Stimme schon vor Monaten abgestorben, ohne dass sie es gemerkt hat. Sie würde gern antworten, aber sie hat Angst, es herauszufinden.
»Wie bist du denn hier gelandet?«
Sie hört weitere Schritte und eine andere Stimme. »Sean, verdammt. Sieh sie dir doch an.«
»Ja, ich seh’s.«
»Nein, ich meine, sieh sie dir an.« Er flucht ausgiebig. »Ich fordere Verstärkung an.«
»Wir sollten sie ins Auto legen«, sagt der Erste. Seine Stimme ist anders als die des Zweiten. Sanfter. Wohltuend. Erfüllt von einem Gefühl, von dem sie dachte, sie hätte es längst vergessen.
»Nein«, sagt der andere. »Rühr sie nicht an. Ich rufe einen Krankenwagen.«
»Spinnst du? Es regnet in Strömen. Sie klappert mit den Zähnen. Ich lege sie jetzt ins Auto, und dann kannst du so viele Krankenwagen rufen, wie du willst.«
»Vorschriften, Sean.« Der andere klingt wütend, und da bekommt sie schreckliche Angst, macht sich ganz klein und drückt die Stirn auf die Knie. Das hat zwar nie etwas genützt, aber aus irgendeinem Grund macht sie es trotzdem.
»Scheiß auf die Vorschriften«, blafft der Erste. »Sieh sie dir doch an, verdammt. Sie trägt keine Schuhe. Sie blutet.«
Endlich hebt sie den Kopf ein wenig und blinzelt. Blinkende rote und blaue Lichter dringen durch den Regenvorhang. Rot, blau, rot, blau, rot, blau. Das ist schön, denkt sie. Es ist lange her, dass sie so viel Farbe gesehen hat. Da muss sie weinen, aber vielleicht ist es auch nur der Regen, der ihr in die Augen läuft.
Sie versucht, sich zu erinnern, was ein weiß-blaues Auto mit roten und blauen Lichtern zu bedeuten hat, aber es fällt ihr nicht ein.
Ein leises Geräusch, jemand kniet sich neben sie. Hastig drückt sie den Kopf wieder auf die Knie.
»Hey Kleine«, sagt er. Es ist der Erste, der mit der guten Stimme. »Alles in Ordnung, Kleine?«
»Sean«, blafft der mit der bösen Stimme im Hintergrund.
»Verpiss dich, Murphy. Sie ist nur ein kleines Mädchen.«
Sie blinzelt sich den Regen aus den Augen und sieht ihn zum ersten Mal an, nur einen Augenblick lang, dann lässt der Regen ihr wieder alles vor den Augen verschwimmen, aber sein Bild brennt sich ihr ins Gedächtnis. Er hat große, dunkle, mandelförmige Augen, und sie blicken mitfühlend, besorgt und traurig.
Und da reißt einfach etwas in ihr, und die schier endlos lange angestauten Schluchzer sprudeln alle auf einmal aus ihr heraus. Sie bricht zusammen, und ihm bleibt nichts anderes übrig, als sie aufzufangen; seine Arme sind warm und trocken und – und sicher.
Sie hatte längst vergessen, wie es sich anfühlt, in Sicherheit zu sein.
Die andere Stimme, den Mann, der hinter ihnen flucht, hört sie kaum; sie nimmt nichts mehr wahr als ihre Schmerzen, ihr Leid und seine warme Gegenwart, deshalb hört sie den anderen nicht sagen:
»Verdammt, es ist dieses Mädchen. Das vermisste Mädchen. Ella Santos.«
Laine, Gegenwart
Normal zu sein, ist etwas, was man wirklich gut vortäuschen kann, wenn man sich richtig Mühe gibt. Zuerst muss man sich selbst davon überzeugen, dann folgen die anderen schon, wie Schafe, die von einer Klippe springen. Man verhält sich so normal wie möglich, man tut so, als ob. Diese Fassade der Normalität mag seidenpapierdünn sein, aber man findet schnell heraus, dass niemand es eilig hat, daran zu kratzen, geschweige denn, nach Schwachstellen darin zu suchen. So kann man sich durch das ganze Leben hangeln, von einer nichtssagenden Tätigkeit zur nächsten, nie das Muster durchbrechen, dann merkt keiner was. Darauf zähle ich jedenfalls.
Als ich Olivia Shaw zum ersten Mal sehe, weiß ich, dass das nicht mehr lange funktionieren wird.
Normalerweise bin ich um sieben im Supermarkt und habe um zwei Schluss. Danach gehe ich entweder joggen oder mache ein Nickerchen, bis ich zur zweiten Schicht muss. Ich jogge mindestens zweimal pro Woche, normalerweise dreimal, und wenn ich es nicht zwischen den Schichten schaffe, dann morgens noch vor der Arbeit. Als ich das einmal einer anderen Kassiererin erzählte, sagte sie, sie wünschte, sie hätte meine Disziplin, und ich nickte nur, denn was soll man darauf schon sagen? Seitdem rede ich möglichst wenig mit anderen über das, was ich außerhalb der Arbeit mache. Ich habe diesen Job jetzt seit fast sechs Monaten, für mich eine halbe Ewigkeit, und es kann nicht mehr lange dauern, bis auffällt, dass ich mich von den Kollegen fernhalte.
Diese andere Kassiererin ist heute nicht da. Ich habe sie schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen, vielleicht hat die Marktleiterin sie für eine andere Schicht eingeteilt, vielleicht hat sie sie auch gefeuert, ich weiß es nicht. Die Marktleiterin ist Charlene, und sie sieht auch aus wie eine Charlene: Gesundheitsschuhe, Dauerwelle und Lippenstift in dem immer gleichen kühlen Farbton, den man schon 1989 hätte vom Markt nehmen sollen. Ich vermute, sie hält sich für so was wie einen mütterlichen Typ, aber mir ist nicht entgangen, wie sie mich angesehen hat, als ich eine Viertelstunde zu spät kam. Die Luft draußen ist so schwül, als würde man unter Wasser atmen, und meine Haare kräuseln sich hartnäckig, obwohl ich sie gerade vor einer Stunde mit dem Glätteisen bearbeitet habe. Ich bin noch immer verschwitzt, dabei habe ich mich soeben umgezogen und trage jetzt meine Arbeitskleidung, das violette Sweatshirt mit dem Supermarktlogo über der rechten Brust, darunter mein Name: LAINEY M. M., weil ich hier nicht die einzige Lainey bin; die rundliche junge Frau, die so unschuldig versuchte, sich mit mir anzufreunden, war Lainey R. Ist sie wohl immer noch, wenn auch vielleicht nicht in diesem Laden. Hiermit wollte sie das Eis brechen: Oh, guck mal, wir haben denselben Vornamen, was für ein Zufall! Ich habe ihr nicht gesagt, dass niemand mich Lainey nennt, jedenfalls niemand, der für mich zählt.
Ist auch egal. Ich habe mir den Namen nicht mal selbst ausgesucht. Sie haben ihn im Krankenhaus nach dem Zufallsprinzip ausgewählt, den Vornamen irgendeiner Soap-Opera-Heldin und dazu einen gewöhnlichen Nachnamen. So weit verbreitet und unauffällig wie möglich. Damit verschwinde ich in der Masse, so lautete die Begründung.
Und es hat funktioniert, das mit dem in der Masse Verschwinden, jedenfalls bis heute. Heute schiebt mir Charlene, die Marktleiterin, ein paar Flyer zu, die ich neben den gläsernen Eingangs- und Ausgangstüren aufhängen soll. Ich bin noch ein bisschen tranig, nehme die Flyer mechanisch entgegen und vergesse ganz, dass heute nicht Sonntag ist und ich das schon gemacht habe, die üblichen Flyer mit den wöchentlichen Sonderangeboten ja schon aufgehängt habe: Rinderhack drei neunundneunzig das Pfund, Tomatencremesuppe, konzentriert, drei Dosen für vier Dollar. Erst als mein Blick auf die Flyer fällt, sehe ich, was ich da in der Hand halte, und mein Gedankentrott gerät ins Stocken.
Es ist nichts Ungewöhnliches. Nichts, was nicht schon ein paar Mal passiert wäre, seit ich in diesem Supermarkt arbeite. Einmal war es der sechsjährige Junge, der eine Woche später gefunden wurde und dessen Vater aus der Stadt abgehauen war, weil er sich nicht mit dem geteilten Sorgerecht abfinden wollte, das andere Mal eine ältere Frau aus der Nachbarschaft, bei der man Selbstmord befürchtete. Niemand weiß, was aus ihr geworden ist, ich schon gar nicht, aber eines Tages kam ich zur Arbeit, und das Plakat war weg, ersetzt durch neue Sonderangebote – Cantaloupe-Melonen, Brokkoli und Chips unserer Hausmarke. Wer weiß, vielleicht hat sie sich wirklich umgebracht. Aber sie ist nicht die Art von vermisster Person, die mich interessiert.
Heute allerdings erblicke ich auf den Flyern sie, Olivia Shaw, Alter: zehn Jahre.
Es ist ein typisches Vermisstenplakat der Polizei von Seattle, oben ein Foto und darunter eine Personenbeschreibung in ordentlichen Spalten. Das Foto ist von sichtlich guter Qualität und in Farbe, aber die Farbkartuschen des Druckers waren wohl fast leer, und die Farben sind ineinander verlaufen wie auf einem dieser Polaroidfotos.
Olivia Shaw wird seit vergangenem Dienstag vermisst. Zuletzt gesehen wurde sie vor dem Eingang ihrer Grundschule in Hunt’s Point in einer weißen Frühlingsjacke und rosa Stiefeln. Mein Hirn registriert die Informationen mechanisch, jedes Wort brennt sich mir ins Gedächtnis, und zugleich hake ich distanziert und systematisch die einzelnen Punkte ab. Wie Teile eines Kaleidoskops fügen sie sich ineinander.
Falls Sie wissen, wo Olivia Shaw sich aufhält, oder sachdienliche Informationen haben, wenden Sie sich bitte an …
Bilder blitzen vor meinem inneren Auge auf und zerfallen sofort zu schwarzem Staub, wie ein Traum, an den ich mich zu erinnern versuche. Ich habe in den letzten zehn Jahren viel Zeit damit verbracht, mir die Gesichter von Mädchen auf Vermisstenplakaten anzusehen, und mich immer wieder gefragt, wer mich in jenem Keller ersetzt hat. Aber sie waren nie ganz im richtigen Alter, hatten nie ganz das richtige Aussehen, es waren nie ganz die richtigen Begleitumstände. Bis zu Olivia Shaw, Alter zehn Jahre, morgen seit einer Woche vermisst.
Aus meinen Recherchen in unzähligen schlaflos verbrachten Nächten weiß ich, dass die meisten Entführungsopfer innerhalb von achtundvierzig Stunden tot sind.
Du hast Glück gehabt, Ella.
Ich zwinge mich, das Gesicht auf dem Foto zu betrachten, mich in ihre leicht verwischten Züge zu vertiefen, bin wie gebannt.
Olivia Shaw könnte mein Spiegelbild sein, wenn man dreizehn Jahre zurückspulte. Unbändige dunkle Locken umgeben ihren Kopf wie eine Aureole – wie meine, wenn ich sie nicht mit dem Glätteisen quäle. Dunkle Haut, wie meine. Ihre Augen – die Farbe ist wegen des unscharfen Ausdrucks nicht zu erkennen, aber laut Personenbeschreibung sind sie grau.
Irgendwann dringt zu mir durch, dass jemand meinen Namen sagt, meinen anderen, neuen Namen. Das ist meine Chefin. Es kommt mir vor, als wäre meine Wirbelsäule zu porösem Stein geworden, und mein Hals könnte brechen, wenn ich den Kopf zu schnell drehe. Ihr Gesicht drückt Verwirrung aus.
»Das Klebeband«, sagt sie und blinzelt mit ihren dünnen, mascaraverklebten Wimpern.
Das Klebeband? Oh. Das Klebeband. Unwillkürlich kratze ich mich unter dem langen Ärmel meines Sweatshirts am Handgelenk. Charlene hält mir das durchsichtige Klebeband hin und wirkt zunehmend verärgert. Ich benötige fünf Schritte, um den Abstand zwischen uns zu überwinden und ihr das Klebeband abzunehmen. Dabei rutscht mein Ärmel trotz des relativ eng sitzenden Bündchens hoch, und mein Handgelenk wird sichtbar. Für den Bruchteil einer Sekunde zuckt ihr Blick dorthin, genauso, wie Leute verstohlene Blicke auf ein entstelltes Gesicht werfen: Sie starren hin, aber nur halb, und sehen sofort so vehement weg, dass man sich wünscht, sie würden einfach offen glotzen, sich ihren morbiden Kick abholen und fertig. Ich kann hier keine Armstulpen tragen; »Accessoires« sind nach dem Dresscode nicht erlaubt. Deshalb habe ich mir angewöhnt, ständig die Ärmel herabzuziehen, ein Tick, der sich auch außerhalb des Supermarkts hält.
Alles in allem gibt es wahrscheinlich schlimmere Angewohnheiten.
Das Geräusch beim Abrollen des Klebebands macht mir eine Gänsehaut. Ich halte das Plakat ans Glas, klebe erst eine Ecke, dann die andere fest und gebe mir zu viel Mühe, es ganz gerade aufzuhängen. Als ob ihr das helfen würde. Ich weiß, das mache ich nur, um noch einmal den Text lesen, das Foto betrachten und mir beides für immer und ewig in die Netzhäute einbrennen zu können. Um Olivia Shaw meiner stetig wachsenden mentalen Sammlung von Verschwundenen einzuverleiben. Nur weiß ein Teil von mir jetzt schon, dass dieses Stück meiner Sammlung anders ist als die anderen.
Die automatische Eingangstür öffnet sich zischend, und als ich hindurchgehe, summen meine Muskeln vor Anspannung. »Charlene«, höre ich mich sagen, »ich gehe eine rauchen.«
Sie weist mich darauf hin, dass wir in fünf Minuten öffnen, aber länger brauche ich sowieso nicht. Schon bin ich auf dem Weg nach draußen, wobei ich meine Taschen abtaste und mich frage, was ich mit meiner Notfallpackung Kippen gemacht habe. Vielleicht ist sie in meiner Jacke, die ganz hinten im Gebäude ist, in den schuhkartongroßen Spind im Pausenraum gestopft. Pech gehabt. Aber ich glaube, eine Zigarette würde mir jetzt sowieso nicht helfen. Stattdessen hole ich mein Telefon aus der Tasche, starre aufs Display, bis es mir vor den Augen verschwimmt, und gebe das Passwort ein. Ich vertippe mich drei Mal, bis das Gerät endlich entsperrt ist, dann öffne ich den Browser und tippe fieberhaft ins Suchfeld.
Noch etwas, was ich von meinen nächtlichen Streifzügen durchs Internet weiß: Entführer, Vergewaltiger, Serienmörder, die hören nicht einfach irgendwann auf. Sie werden aufgehalten. Der Mann, der mich – beziehungsweise Ella – entführt hat, wurde nie gefasst. Aber in den letzten zehn Jahren gab es kein weiteres Mädchen.
Jetzt schon.
In Büchern und Filmen stirbt die seelisch gebrochene Frau am Ende immer. Manchmal gestattet man ihr eine letzte heldenhafte Tat, eine letzte sarkastische Bemerkung, bevor sie abtritt. Vielleicht opfert sie sich für den wahren Helden, vielleicht ist ihr Tod auch bloß ein sinnloser Unfall, ein Nachgedanke. Aber sie stirbt immer, weil sie zu besudelt ist, um weiterzuleben.
Jedes Mal, wenn ich sie sterben sehe, bin ich neidisch. Das hätte ich sein sollen, vor langer Zeit.
Es wäre besser für alle gewesen, wenn ich einfach gestorben wäre, wie sie jahrelang gedacht hatten – bis ich wieder auftauchte –, besonders für mich, das namenlose, stumme Geschöpf, das aus Ella Santos’ Überresten geboren wurde, verabscheuenswert, eine lebende Tote.
Sie mussten diesem stummen Geschöpf, diesem Frankensteins Monster voller Narben und Nähte, einen beliebigen neuen Namen geben, denn das Geschöpf konnte nicht sprechen, um sich selbst einen auszusuchen. Das Höchste, was ich zustande brachte, war, das Y am Ende von Lainey wegzulassen und den Namen in Laine, mit nur einer Silbe, zu ändern. Klingt wie lane, Fahrspur, also etwas, was man auf einem Highway findet.
Welcher Aussetzer im Kopf meines Entführers ihn dazu brachte, dass er das Risiko einging, mich am Leben zu lassen, werde ich wahrscheinlich nie genau wissen. Aber die Frage lässt mich nicht los. Und den Verdacht, dass irgendeine namenlose Macht im Universum mich für etwas noch Schlimmeres aufspart, kann ich auch nicht abschütteln.
Während meine Laufschuhe jetzt rhythmisch aufs Pflaster knallen und die Erschütterungen mir bis ins Mark gehen, frage ich mich unwillkürlich, ob es das jetzt ist.
Ich wurde verschont, damit ich etwas tun kann, damit ich der Nächsten helfen kann. Dann ein dunklerer Gedanke: Ich wurde verschont, damit ich zusehen kann, wie das alles noch einmal passiert, ohne dass ich etwas dagegen tun kann.
Entschlossen fixiere ich mich auf das Brennen in meiner Lunge und meinen Beinmuskeln, aber das kann meine Gedanken nicht lange von dem heißen Eisen in meiner Tasche ablenken, gleich neben meinem Telefon, einmal, zweimal, dreimal gefaltet, bis das Papier sich nicht mehr falten ließ. Charlene gab mir vier Plakate, aber ich habe nur drei aufgehängt, gleich neben den grellgelben Zetteln, die ganze Hühner im Sonderangebot bewerben. Meine Chefin hat hohe Ansprüche, alles an ihr weist darauf hin, und wahrscheinlich fällt es ihr auf, aber hoffentlich denkt sie dabei nicht an mich. Bestimmt glaubt sie, ein Kunde hätte es abgerissen und aus unbekannten Gründen mitgenommen.
Ich ertappe mich mit der Hand in der Tasche, wie eine Diebin, aber da ist es schon zu spät. Mein Handrücken streift den dicken Rand des gefalteten Plakats, und um mich abzulenken, hole ich stattdessen mein Handy aus der Tasche und sehe aufs Display. Mich ruft nie jemand an, und ich bin in keinem sozialen Medium unterwegs, im Gegensatz zu so ziemlich allen meinen Altersgenossen. Niemand hat mir ausdrücklich gesagt, dass ich mich davon fernhalten soll – es ist bloß ein tief sitzender Instinkt, zu stark, um dagegen zu handeln: der Instinkt, mich zu verstecken.
Zuerst entdecke ich den entgangenen Anruf, dann die Benachrichtigung, dass mir jemand auf die Mailbox gesprochen hat. Wie konnte ich das überhören? Mein Herz beginnt zu rasen, und das hat nichts mit der körperlichen Anstrengung zu tun, die meiner Raucherlunge zusetzt. Noch so ein instinktives Wissen: Entgangene Anrufe und besonders Nachrichten auf der Mailbox sind niemals gute Neuigkeiten. Ich kämpfe gegen das Zittern in meinen Händen an, wähle die Nummer meiner Mailbox und stöhne innerlich, als zuerst quälend langsam Datum und Uhrzeit genannt werden. Ein Knistern, ein kurzes Rauschen, dann dringt eine vertraute Stimme mit starkem nasalen Akzent an mein Ohr, und himmlische Erleichterung breitet sich wie Balsam in meiner Brust aus. Mein Herz hat davon allerdings noch nichts mitbekommen und rast weiter. Es ist meine Kollegin. Ich konnte ihre Nummer nicht erkennen, weil sie von der Arbeit aus angerufen hat, von dem uralten Münzsprecher, den sie aus Gott weiß welchen Gründen behalten. Ich bin so überwältigt von dem Gefühl, irgendwie noch mal davongekommen zu sein, dass ich sogar vergesse, mich über das zu ärgern, was sie sagt: Ich soll früher zur Arbeit kommen, weil die Sowieso nicht aufgetaucht ist. Ohne das Ende der Nachricht abzuwarten, lege ich auf.
Also habe ich keine Zeit mehr für ein Nickerchen vor der zweiten Schicht. Auch gut, ich könnte jetzt sowieso nicht schlafen. Aber ich hatte für diese zwei Stunden andere Pläne, und die müssen jetzt bis spät in die Nacht warten – was mir im Moment vorkommt wie in hundert Jahren. Seit Olivia Shaw mir von diesem Plakat entgegenblickte, vergeht die Zeit anders. Sie ist nichts Flüchtiges mehr, das verrinnt, während ich unbeteiligt zusehe. Jetzt hat sie etwas Beklemmendes, als hätte ich vergessen zu atmen und müsste jeden Mundvoll Luft ganz bewusst in die Lunge saugen und drücken, wenn ich nicht ersticken will.
Oben in meiner Wohnung schließe ich die Tür hinter mir ab und lege die Kette vor, auch wenn ich in nicht einmal einer Stunde schon wieder losmuss, was mir gerade genug Zeit lässt, mich fertig zu machen. Deshalb brauche ich diesen zweiten Job, opfere Schlaf und geistige Gesundheit: weil ich diese Wohnung brauche. Das Leben mit Mitbewohnern hat nicht so toll funktioniert – Überraschung, Überraschung –, und allein vom Lohn einer Kassiererin kann man in dieser Stadt keine Wohnung mieten. Nicht mal eine so miese Wohnung wie diese, in der miesesten Straße im miesesten Viertel. Zumal ich ja nicht nur die Miete aufbringen muss. Ich bin eine dreiundzwanzigjährige Frau, die Make-up und Kleidung und manchmal sogar Schmuck braucht, wobei meine Auswahlmöglichkeiten in diesem Bereich ein bisschen eingeschränkt sind.
Und andere Sachen.
Ich habe die Wohnung sogar ganz gemütlich hinbekommen. Sie ist zwar nicht mal dreißig Quadratmeter groß, aber jeder Zentimeter gehört mir. Ich habe Möbel aus einem Goodwill-Wohltätigkeitsladen und aus dem großen Gratissupermarkt, in den sich der Bürgersteig bei Umzügen verwandelt: einen schmalen Schreibtisch, der so alt ist, dass man ihn fast antik nennen könnte, einen Stuhl, der beinahe dazu passt. Die eingebaute Küchenarbeitsfläche ist zu klein, um daran zu essen, weshalb der Schreibtisch zugleich als Esstisch dient. Dafür habe ich einen hübschen kleinen Nachttisch von IKEA. Na ja, nicht von IKEA, aber ich glaube, da stammt er ursprünglich her. Jemand hat ihn weggeworfen, weil eine Ecke abgestoßen ist und man das billige Sperrholz unter dem Lack sieht. Ein Bettgestell habe ich nicht, nur eine Matratze auf dem Boden, wobei die ganz anständig ist – das Bett wird meine nächste große Investition. Je nachdem, wie ich die nächsten Stunden/Tage/Wochen überstehe. Falls ich weiterhin rechtzeitig daran denke zu atmen.
Ich bin verschwitzt und erwäge, kurz zu duschen, verwerfe die Idee aber. Mir ist jetzt nicht danach, nackt zu sein. Also halte ich ein Handtuch unter den Wasserhahn und schrubbe mir damit Achselhöhlen und Brust – unter meinem Supermarkt-Sweatshirt. Das Handtuch ist auch nass noch kratzig, und ich fühle mich, als hätte mich jemand mit Stahlwolle abgerubbelt. Als ich das Sweatshirt ausziehe, merke ich, dass meine Brust voller roter Flecken ist, die hoffentlich wieder verschwunden sind, bis ich zur Arbeit muss.
Die Kleidervorschrift bei meiner zweiten Stelle ist ziemlich simpel. Es wird keine Arbeitskleidung gestellt – entweder können sie sich die nicht leisten, oder es ist ihnen egal. Man kann tragen, was man will, Hauptsache, es ist weiß. Die anderen Frauen klagen, dass auf weißem Stoff jeder Fleck zu sehen ist und er im Schwarzlicht fast durchscheinend wird, aber ich finde, in Weiß vermittelt mein windschnittiger Körper die Illusion von Kurven, was hilfreich beim Trinkgeld ist. Meine beiden identischen Arbeitskleider sind aus billigem Polyester, 20 Dollar im Sonderangebot bei einer der Fast-Fashion-Ketten, aber sie haben einen schönen Ausschnitt, und der Rock geht bis zur Mitte der Oberschenkel.
Dann die Stiefel, kniehoch, vorn abgerundet und mit klobigen Absätzen, die mich ein paar Zentimeter größer machen, aber trotzdem bequem genug sind, um die halbe Nacht darauf zu stehen. Ich besitze jede Menge Stiefel in allen Formen und Farben – Stiefel sind sozusagen mein Ding, wenn auch nicht ganz freiwillig. Die einzige Alternative sind Basketballschuhe, aber die kann ich nicht ausstehen. High Heels trage ich nie, und Sandalen auch nicht, nicht mal im Sommer. Auch keine flachen Ballerinas oder diese Mary Janes mit den Plateausohlen und den zierlichen Knöchelriemchen.
Frauen mit Narbenringen um die Knöchel haben da keine große Auswahl. Ein Arschloch, mit dem ich mich leider eine Zeit lang getroffen habe, erzählt immer noch rum, dass ich beim Ficken die Stiefel anlasse.
An den Armen lange Stulpen, die bis zum Ellbogen reichen, und darüber rechts und links je drei Armreifen. Grundierung, unter den Augen Concealer, Augenbrauenstift, ein Hauch Highlighter auf Wangenknochen und Lippenherz, eine Beautyprozedur wie aus der Frauenzeitschrift. Ohne Make-up habe ich ein unscheinbares Gesicht, bis auf meine großen braunen Augen, die ein verliebter Idiot in einem anderen Leben vielleicht seelenvoll genannt hätte, und ich weiß, wie ich sie betonen kann. Ich ziehe breite Lidstriche mit dunkelblauem Kajal, in die inneren Augenwinkel kommt ein bisschen Silber. Dann jede Menge Lipgloss, der die Lippen dunkler wirken lässt, wie getrocknetes Blut. Zuletzt kratze ich ein bisschen Mascara aus dem abgestoßenen Fläschchen, das ich wirklich ersetzen muss, sobald ich die zehn Kröten mal übrig habe. Das Ergebnis ist klumpig, aber ich bezweifle, dass das im Dunkeln jemandem auffällt.
Fast fertig. Ich sehe aufs Handy: Die Zeit reicht noch, und der Verkehr wälzt sich um diese Zeit normalerweise in die Gegenrichtung. Das Supermarkt-Sweatshirt liegt noch auf dem Badezimmerboden wie eine fröhliche violett-pinke Pfütze, und ich hechte hin, um Schlüssel und Portemonnaie aus der Tasche zu nehmen, bloß fällt dabei das Plakat heraus und landet vor meinen Füßen.
Mit wild klopfendem Herzen nehme ich es auf, falte es auseinander und streiche es auf der Küchenarbeitsplatte glatt. Mit der Fingerspitze fahre ich den ebenmäßigen, runden Umriss ihres Gesichts nach, die eine Locke, die aus ihrem von einem Gummi gehaltenen Pferdeschwanz entkommen ist und seitlich absteht.
Falls Sie wissen, wo Olivia Shaw sich aufhält, oder sachdienliche Informationen haben, wenden Sie sich bitte an …
Ich sollte dort anrufen, schießt es mir durch den Kopf, und ich greife sogar schon nach meinem Handy. Dort anrufen und was sagen? Alles wurde schon vor vielen Jahren gesagt, und was hat das gebracht?
Bevor die Versuchung zu stark wird, schnappe ich mir das Blatt und renne damit durchs Zimmer zu meinem Bett am Fenster. Ich vermeide tunlichst jeden weiteren Blick auf das Plakat, hebe die Matratze an und schiebe es darunter, ganz oben auf den Stapel mit Ausdrucken, zusammengefalteten Zeitungsartikeln und anderen Plakaten, die ich im Lauf der Jahre überall in der Stadt gesammelt habe, vergilbt und vom Regen ausgeblichen. Jetzt ist Olivia Shaw Teil meiner Sammlung. Solange ich sie dort festhalten kann, schleicht sie sich vielleicht nicht in meine Gedanken, blitzt ihr Gesicht vielleicht nicht jedes Mal, wenn ich blinzele, vor meinem inneren Auge auf, als wäre es auf die Innenseiten meiner Lider tätowiert.
Genug davon. Ich bin spät dran. Eilig stecke ich Portemonnaie und Schlüssel in die Tasche meiner Kunstlederjacke, dann fällt mir noch etwas ein, und ich ziehe die Schublade meines Nachttischchens auf. Schnappe mir das Messer, das unter einem Stapel jahrealter Boulevardmagazine mit abgegriffenen Titelseiten liegt. Stecke es zu Handy und Portemonnaie in die Tasche.
Jedes Mal, wenn ich abends aus dem Haus gehe, hoffe ich insgeheim, dass ich es brauche. Aber bisher musste ich es noch nie einsetzen.
Wie befürchtet komme ich zu spät. Die Nachtschicht im Silver Bullet Gentlemen’s Club, wie das Striplokal so hübsch heißt, hat schon angefangen, als ich ankomme. Ein paar Mädchen aus der Tagschicht schlurfen an mir vorbei, die Jogginghose in die Uggs gestopft, Matchbeutel über der Schulter. Die andere Thekenbedienung, eine ehemalige Stripperin aus Osteuropa, die sich Chloe nennt, in Wirklichkeit aber Natalia irgendwas heißt, steht schon hinter der Theke und winkt mir zu, und an dem leicht verzweifelten Lächeln, das im Schwarzlicht gelb aufblitzt, erkenne ich, dass ich Ärger mit dem Chef kriege.
Natalia ist der Mensch in meinem Leben, der einer Freundin am nächsten kommt. Wir sind nach der Arbeit ein paar Mal zusammen ausgegangen, und ich war ein, zwei Mal bei ihr zu Hause – wo es hübscher ist, als ich gedacht hätte; sie hat ein Haus mit zwei Schlafzimmern am Stadtrand gemietet. Oder vielleicht gehört es ihr auch, der Lohn für die ganze Zeit auf Plexiglas-Stilettos – und das muss sie lange gemacht haben, auch wenn ich sie noch nie direkt danach gefragt habe. Ihre Gesichtshaut ist glatt wie ein Kinderpopo, unterstützt von Make-up plus Unterspritzungen in den Lippen und an den ohnehin schon markanten Wangenknochen; ihr Haar ist so stark gebleicht, dass es leuchtet, und mit so vielen Extensions aufgeplustert, dass es dichter als meins ist. Aber zwischen uns steht dieser Altersunterschied von zehn, zwanzig Jahren, nicht greifbar, aber immer präsent, ebenso wie der schwere Duft ihres Kaufhausparfüms. Sie sagt ständig, dass ich als Stripperin viel mehr verdienen würde, dass ich meine guten Jahre vergeude, wenn ich mir an der Kasse und hinter der Theke den Rücken ruiniere, obwohl ich auch auf der anderen Seite stehen und Hunderte von Dollars kassieren könnte. Ich habe darüber nachgedacht. Flexible Arbeitszeiten, gutes Geld, und ich könnte einfach diese Dominastiefel tragen, um die Narben an meinen Knöcheln zu verbergen, dazu breite Armbänder – wie die Mädchen mit den Drogenproblemen von der Sorte, für die man Nadeln braucht. Und die Bauchnarbe, tja, da gibt es hier viel Schlimmeres, und zur Not könnte ich sie ja mit Make-up abdecken. Natalias Kaiserschnittnarbe ist fast genauso hässlich, und auch darauf habe ich sie nie angesprochen – ich frage nicht, sie sagt nichts.
Ich bin nicht gerade prüde, aber bisher habe ich ihr immer erklärt, dieser Job sei nichts für mich. Das ist eine Grenze, die ich nicht überschreiten möchte, fürs Erste.
Apropos Job: Ich sollte mich wohl besser beim Chef einschleimen, solange ich noch einen Job habe. Aber seltsamerweise kümmert es mich nicht; das Problem kommt mir unwirklich vor, als ginge es um eine Fernsehsendung, die ich jeden Abend sehe, und nicht um mein eigenes Leben. Was hingegen ganz real ist, ist das gespenstische Gesicht auf diesem Plakat. Olivia Shaw. Alter: zehn Jahre. Zuletzt gesehen …
Ich frage mich ja schon irgendwie, ob da nur meine Fantasie mit mir durchgeht. Ob ich mich bloß an zufälligen Details festklammere und sie aus reiner Verzweiflung miteinander verknüpfe. Aber etwas an ihrem Blick auf diesem Plakat hat mich erschauern lassen, als liefe ein Eistropfen unter meiner Haut lang. Als suchte sie nach mir, und nicht umgekehrt.
Na toll. Vielleicht drehe ich jetzt doch noch durch, wie es offenbar sowieso alle von mir erwarten. Allmählich denke ich schon genauso wie diese Psychos. Es war ihr Blick, Herr Richter, Sir. Ich habe es in ihren Augen gesehen, und da konnte ich nicht anders.
Ich bin mir sicher, dass irgendjemand irgendwo alle meine Internetsuchen gespeichert hat, jedenfalls habe ich mich gründlich über das alles informiert. Devianzen, Wahnvorstellungen, Entmenschlichung. Immer wenn ein Mädchen vermisst wird, egal wie alt, zeigen sie im Fernsehen die Angehörigen, die ein namenloses Publikum anflehen, ihnen zu helfen, ihren Liebling wiederzufinden; die weiterhoffen, wo es keine Hoffnung mehr gibt.
Sosehr ich auch danach gesucht habe, habe ich doch keinen einzigen Fall gefunden, in dem das wirklich funktioniert hätte. Vielleicht finde ich es deshalb nicht so schlimm, dass um mich niemand im Fernsehen geweint hat, als ich vermisst wurde, weil es ja noch nie jemandem geholfen hat.
Keiner weiß genau, an welchem Datum ich verschwand, schon gar nicht ich. Sie haben ein Zeitfenster von einer Woche ermittelt, und selbst das ist nur ein Annäherungswert.
Mein Verstand gibt einfach keine Ruhe, wie bei einem dieser Psychos. Wie ein Kind, das stur den Schorf von einer halb verheilten Schramme kratzt, lege ich immer wieder den Finger auf alle meine wunden Stellen, betätige absichtlich sämtliche Auslöser – und daran herrschte bei mir noch nie Mangel. Jedenfalls nicht in den letzten zehn Jahren. Fast mein halbes Leben. Immer wieder lasse ich mir die Einzelheiten durch den schmerzenden Kopf gehen, bis er ganz wund ist, bis mir die Hände zittern und mir das beschlagene Bierglas, das ich über die Theke schieben will, fast aus der Hand rutscht.
Gerade als ich mich umdrehe, setzen sich zwei weitere Männer an die Bar. Sie sehen mich an, als hätte ich laut gebrabbelt, ohne es zu merken, und ein neuer Paranoiaschub überkommt mich. Ich beuge mich vor und frage sie, was sie trinken wollen.
Einer sieht jung und irgendwie durchtrieben aus, der andere muss Ende dreißig sein, und seine wettergegerbte Haut hat einen dunkleren Farbton. Ein bisschen wie meine. Puerto-Ricaner? Wer weiß? Kubaner? Ich kann sein Gesicht nicht gut erkennen, weil er halb im Schatten sitzt, aber etwas daran, an der Form seines Kiefers, kommt mir bekannt vor. Die beiden scheinen zusammen hier zu sein, bloß dass der Zweite viel netter gekleidet ist als sein Kumpel in dem verwaschenen Hockeytrikot, das an seinen mageren Schultern hängt wie ein Lumpen. Nein, der hier hat eine Jacke. Eine schöne Jacke. Woher könnte ich jemanden kennen, der eine so schöne Jacke trägt? Muss aus Wolle oder so sein, so schwarz, dass sie das Licht zu schlucken scheint. Und sein Schal ist geradezu peinlich modisch. Entweder hat er eine Ehefrau, die so was für ihn aussucht, oder er ist andersrum. Was, da er gerade in einer Tittenbar hockt, unwahrscheinlich ist, aber man kann nie wissen.
Der Durchtriebene bestellt ein alkoholfreies Michelob. Hey, vielleicht ist er wirklich andersrum, und die beiden stehen auf Babyspiele – und unser Laden dient ihnen entweder als Tarnung für ein verbotenes Treffen, oder sie suchen hier irgendeinen abartigen Kick. Ich grinse, blecke dabei unwillkürlich die Zähne und sage ihm, dass wir so was nicht haben.
Vielleicht irre ich mich ja, aber ich glaube, der in der schönen Jacke lacht leise. Der Durchtriebene bestellt, ohne mit der Wimper zu zucken, eine Cola. Ich bin versucht, vorwitzig nachzufragen, ob er eine Diätcola meint – die haben wir nämlich auch nicht, das ist unmännlich oder so –, aber der mit der schönen Jacke wirft mir einen scharfen Blick zu, und die Worte bleiben mir im Hals stecken. Als ich mich umdrehe, um die Cola aus dem Kühlschrank zu holen, spüre ich seinen Blick auf mir.
Mich starren ja jeden Abend reichlich Männer an, selbst wenn ich mich nicht dazu aufraffen kann, mich aufzutakeln. Die Montagabendstammgäste sind nicht wählerisch – die würden alles angaffen –, aber der hier hat den Teil, wo er mich mit Blicken auszieht, übersprungen, und scheint stattdessen meinen Kopf zu durchleuchten. Ich bekomme eine Gänsehaut und kann mich gar nicht schnell genug wieder umdrehen. Rasch nehme ich ein Glas, schöpfe damit milchige, angetaute Eiswürfel auf und schiebe es zusammen mit der verdammten Cola über die Theke.
Der mit der schönen Jacke legt die zehn Dollar auf die Theke. Meine Hand schwebt über dem Geldschein, aber er hält ihn noch mit den Fingerspitzen fest, und ich will seine Hand nicht berühren. Widerling. Verdammter Widerling.
Tja, der wird gleich merken, dass es mehr als ein Wollsakko braucht, um mich einzuschüchtern. Ich zwinge mich, seinem Blick zu begegnen, und lasse mein professionelles Lächeln erlöschen. Das habe ich von den Tänzerinnen gelernt, und es wirkt wahre Wunder. Die unmissverständliche Aussage lautet: Schieb die Kohle rüber, Alter, und lass den Scheiß.
Er gibt den Zehner frei. Ich will schon die Hand auf den zerknitterten Schein knallen, da sagt er einfach so: »Lainey. Lainey Moreno?«
Diese Stimme.
Meine Hand schwebt noch immer über dem Geldschein. Ich sehe hoch und begegne seinem Blick, einem elektrisierenden Blick. Vor meinem geistigen Auge bildet sich eine Art schwarzer Rauch, verfestigt sich, nimmt Gestalt an. Aber bevor ich das Bild klar sehen kann, beugt er sich vor.
»Lainey, ich bin Detective Ortiz von der Polizei Seattle. Ich …«
Das fegt die letzten Zweifel hinweg. Mir geht nicht etwa ein Licht auf – es ist eher eine Explosion mit einem Knall und Knistern und einem Hagel aus winzigen, tödlichen Splittern. Etwas Fremdes übernimmt die Kontrolle über meine Beine, ein animalischer Instinkt, der erst ein, zwei Mal geweckt wurde. Ich denke nicht nach, sondern drehe mich einfach um und flüchte durch die schmale Personaltür am anderen Ende der Theke.
Der Durchtriebene brüllt: »Scheiße!« Eins der anderen Mädchen kreischt. Ich höre einen Barhocker umfallen und weiß, ohne zurückzublicken, dass der mit der schönen Jacke direkt über die Theke springt und mir hinterherjagt.
Die Tür fällt hinter mir zu. Ich wünschte, es gäbe einen Riegel, aber selbst wenn – meine Hände zittern zu stark. Im Lagerraum ist es stockfinster, überall türmen sich Kartons und Bierkästen, und einen Moment lang glaube ich, ich könnte mich verstecken – mich in irgendeiner Ecke zusammenrollen und still und leise sein, bis es vorbei ist.
Dann geht krachend die Tür auf, und aus dem Klub fällt trübes rötliches Licht herein. Ich wirbele herum und laufe weiter, schlängele mich durch das Labyrinth aus Kartons. Er ist hinter mir, seine Schritte sind erstaunlich leicht und gehen in dem Brausen in meinen Ohren fast unter. Jetzt stolpert er über irgendwas und flucht leise. Ich nutze die Gelegenheit und hechte zur Tür, zum Lieferanteneingang, der auf die Gasse hinter dem Klub führt.
Kühle Luft hüllt mich ein, überzieht meine erhitzte Haut mit einem schmutzig feuchten Film. Mein Atem steigt in so dichten Schwaden auf, dass sie mir die Sicht vernebeln. Die Lichter über mir verschwimmen und verwischen, während ich gierig die feuchte Luft einatme und weiterrenne, mitten durch die Pfützen.
Meine Stiefel hängen wie ein totes Gewicht an meinen Knöcheln. Im Nu bin ich außer Atem, und gleichzeitig spüre und höre ich ihn hinter mir, immer näher.
Und währenddessen – während er unausweichlich aufholt, während er von hinten mein Kleid packt –, frage ich mich, warum ich eigentlich weglaufe.
Ich habe nichts zu verbergen. Ich habe nichts Falsches getan.
Als er mich nach hinten reißt, platzt ein Schrei aus mir heraus. Ich rutsche auf dem schlüpfrigen Pflaster aus, stürze, drehe mich im Fallen und lande auf der Seite. Schmutzwasser spritzt mir ins Gesicht, und der Aufprall verschlägt mir den Atem.
Er dreht mir den Arm auf den Rücken, bis ich jaule.
»Lainey«, sagt er. Ich kann sein Gesicht nicht sehen. Aus dieser Perspektive sehe ich nur ein Stück rissigen, glänzend nassen Asphalt direkt vor meinen Augen, und darüber hohe Ziegelmauern. Aber seine Stimme. Seine Stimme trifft mich im Innersten. Ich erinnere mich an sie, und in diesem Moment klingt sie unendlich vorwurfsvoll.
Er lockert seinen Griff, gibt mich aber nicht frei; immerhin lassen die höllischen Schmerzen in meiner Schulter nach, und er drückt mich nicht mehr aufs Pflaster, sodass ich den Kopf heben und durchatmen kann.
»Lassen Sie mich los«, würge ich hervor. So oft habe ich von diesem Augenblick geträumt, damals im Krankenhaus und hinterher in der Klapse, in den einsamen, finsteren, beängstigenden Momenten, allein spätnachts. Es war wie eine warme Decke um meine Schultern: sein Gesicht, seine Augen, seine Stimme. Soweit ich mich daran erinnern konnte.
So habe ich mir unsere erste – zweite – Begegnung nicht vorgestellt. So habe ich mir meine ersten Worte an ihn nicht erhofft.
Zu meiner Überraschung lässt er mich tatsächlich los. Ich versuche aufzustehen, stemme mich mit den Händen vom Asphalt hoch. Meine Arme verkrampfen sich, fühlen sich an, als wollten sie durchbrechen wie Streichhölzer. Er räuspert sich, und da fällt mir auf, dass er mir die Hand reicht. Ich werfe einen Blick auf meine eigene kalte, klamme, schmutzige Hand und rappele mich aus eigener Kraft hoch. Mein Kleid ziert dort, wo ich auf dem Asphalt lag, ein Rorschachmuster aus Schmutzflecken, und überall sind Fäden gezogen – reif für die Tonne.
»Warum sind Sie weggelaufen?« Mein Blick lässt ihn kalt. Er ist älter geworden, fällt mir zu meiner Verwirrung auf. Na logisch. Er ist ja kein unsterblicher Engel. Er ist ein Mensch aus Fleisch und Blut. Bloß war er für mich immer so viel mehr als das.
Seine Haare – an den Schläfen sind sie stellenweise grau. Vielleicht war das ja auch schon vor zehn Jahren so, und ich war bloß zu benommen, um es zu bemerken. Seine Haut sieht anders aus, und er hat einen Dreitagebart, an den ich mich nicht erinnere. Aber seine Augen sind genauso wie an dem Tag, an dem er mich fand. Ich muss immer noch den Kopf heben, wenn ich ihm in die Augen sehen will.
»Ich bin Polizist, Lainey. Sie hätten nicht weglaufen dürfen.«
»Ich weiß, wer Sie sind«, sage ich.
»Ach?«
Auch wenn es mir schwerfällt, ich lasse mir meine Gefühle nicht an der Stimme anmerken. »Ich erinnere mich an Sie.« Ich schlucke. »Bin ich verhaftet?«
»Ich weiß nicht. Warum sind Sie weggelaufen?«
Ich senke den Kopf. Die Haare fallen mir ins Gesicht.
»Wissen Sie, worum es hier geht?«
»Nein«, lüge ich.
»Sehen Sie mich an, Lainey.«
»Laine«, sage ich barsch.
»Was?«
»Laine. Nur meine Psychotante nennt mich Lainey.«
Ich habe keine Ahnung, wieso ich ihm das erzähle. Er ist nicht der Mensch, an den ich mich erinnere, nicht der Mensch, den ich mir vorgestellt habe, und er ist nicht meinetwegen hier, so viel ist mir schon klar. Aber er nickt, er kapiert es.
»Laine.« Irgendwie klingt es aus seinem Mund besser, sanfter. »Können Sie jetzt wie ein normaler Mensch mit mir reden? Ich will Ihnen keine Handschellen anlegen müssen.«
In diesem Augenblick fällt sein Blick auf meine Hände. Ich sehe ebenfalls hin und drehe den Armreifen am rechten Handgelenk. Gleichzeitig heben wir den Kopf und sehen uns in die Augen. Ich kann seine Miene nicht deuten, sosehr ich es auch versuche; sie ist so undurchdringlich wie trübes Wasser.
»Kommt drauf an«, sage ich.
»Versprechen Sie mir, dass Sie nicht abhauen.«
Ich schlucke den Kloß im Hals runter, damit ich antworten kann. »Wenn ich verhaftet werde, könnte mich das in Schwierigkeiten bringen, aber das wussten Sie schon.«
Er schnaubt. »Ich werde Sie nicht verhaften. Vorausgesetzt, Sie reden mit mir. Hören Sie mir zu, und beantworten Sie alle meine Fragen. Im Moment unterhalten wir uns noch inoffiziell. Sorgen wir dafür, dass es so bleibt.«
Ich lasse ihn im Glauben, dass mein Schweigen Ja bedeutet.
»Laine.« Er denkt gerade noch rechtzeitig daran. »Es geht um ein vermisstes Mädchen.«
Ich nicke knapp.
Bedächtig nennt er den Namen Olivia Shaw, ohne den schweren, wachsamen Blick von mir abzuwenden. Wartet darauf, dass ich mich irgendwie verrate.
»Was ist mit ihr?« Meine Stimme klingt dünn und brüchig.
»Sie wird jetzt seit einer Woche vermisst. Sie ist zehn Jahre alt.« Er wartet auf eine Reaktion von mir, aber den Gefallen tue ich ihm nicht.
»Lässt Sie das völlig kalt?«
»Das hat nichts mit mir zu tun«, würge ich hervor.
»Olivia Shaw ist adoptiert.«
Ich kneife die Augen zu. Mein Atem geht stockend und zu schnell, und mein donnernder Herzschlag dröhnt mir in den Ohren. Außerdem knirsche ich mit den Zähnen, aber das merke ich kaum. »Sie verschwenden Ihre Zeit. Wie kommen Sie darauf, dass ich was darüber weiß?«
»Laine – sie ist Ihre Tochter.«
Sie ist nicht meine Tochter. Sie ist Jacqueline Shaws Tochter.«
Das war ein Schnitzer, aber jetzt ist es zu spät. Jetzt weiß er, dass ich weiß. Er weiß, dass ich mich über sie informiert habe.
»Sie empfinden nichts für sie? Kein Gefühl von …«
Tränen brennen in meinen Augen. Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergeht, bis ich wieder sprechen kann.
»Was soll ich denn verfickt noch mal Ihrer Meinung nach für sie empfinden?«
Meine Worte sind hässlich, brutal und grausam. Er zuckt zusammen, und ich wünschte, ich könnte sie zurücknehmen, aber zugleich brodelt eine überbordende, erstickende Wut in mir. Die den Schmerz verdrängt. Was soll ich für dieses Mädchen empfinden? Für das Kind, dessen Vater mich drei Jahre lang in einem Keller gefangen hielt, das …
Für ein Mädchen, das ich nicht einmal im Arm gehalten habe, auch nicht eine Minute. Ich war weggetreten, trieb auf einem Meer aus Betäubungsmitteln dahin, und als ich wach wurde, war sie schon weg. Ich habe nie erfahren, ob sie adoptiert wurde – sei es von Nachbarn oder ganz am anderen Ende des Landes – oder ob es eine Totgeburt war.
»Ich hatte damit nichts zu tun«, zische ich. »Also verschwenden Sie nicht länger Ihre Zeit.«
Halb erwarte ich, dass er etwas tut, etwas sagt. Mich vielleicht schlägt; ich verdiene es. Aber zu meiner Enttäuschung und Wut wartet er geduldig ab, bis ich weiterrede.
»Tja, tut mir leid, Sie zu enttäuschen, aber ich habe sie nur ein einziges Mal gesehen, und zwar auf einem Vermisstenplakat an einer Bushaltestelle. Lassen Sie mich jetzt bitte endlich gehen?«
»Tut mir leid«, sagt er. »Aber das kann ich nicht.«
»Ich habe nicht versucht, sie mir wiederzuholen«, sage ich heiser, »falls Sie sich das fragen.«
»Ich habe nichts dergleichen gesagt.«
»Was denken Sie dann? Warum sind Sie hier?« Im tiefsten Inneren kenne ich die Antwort wohl schon oder vermute es zumindest. »Was wollen Sie in Wirklichkeit von mir? Warum sind Sie hier aufgetaucht? Das hätte doch auch irgendjemand anders machen können. Warum bin ich so wichtig?«
»Erstens leite ich diese Ermittlungen. Ich würde da niemand anders schicken. Zweitens … wollte ich inoffiziell mit Ihnen reden. Ich weiß über Ihre Situation Bescheid. Ich wollte Ihnen keine Unannehmlichkeiten machen.«
»Tja, das haben Sie aber schon. Jetzt verliere ich wahrscheinlich meinen Job.«
Die Stille in der Gasse ist so durchdringend, dass sie knistert und summt wie elektrischer Strom. Sogar das Wummern der Bässe im Klub, das gedämpft durch die mit Graffiti bedeckte Mauer zu uns dringt, ist nicht mehr als Hintergrundrauschen.
»Ich versuche, Ihnen zu sagen, dass der Mann, der Ihnen das angetan hat, möglicherweise Ihre leibliche Tochter in seiner Gewalt hat. Und das lässt Sie völlig kalt?«
Alles dreht sich. Der glänzende Asphalt, die Mauerziegel, der dunkle, schiefergraue Himmel, der fast nicht von den Dächern zu unterscheiden ist. Verschwommene Lichter.
»Wie können Sie es wagen?« Meine belegte Stimme verrät die Tränen schon, bevor sie überhaupt fließen.
»Ich will es einfach wissen. Echte Neugier.«
Ich weiß nicht, was über mich kommt. Meine Faust fliegt in die Höhe und rast auf sein Gesicht zu. Ganz vage ist mir schon klar, dass ich es damit wirklich verbockt habe, aber meine Faust lässt sich nicht mehr aufhalten.
Anstatt mich abzuwehren oder mein Handgelenk zu packen, neigt er kaum merklich den Kopf. Meine Fingerknöchel streifen bloß sein Kinn, dann fällt mein Arm schlaff herab.
Wir starren uns an, ich voller Entsetzen und er mit einem eigenartigen Funkeln in den dunklen Augen – es wirkt fast wie Interesse. Die dünne Haut an meinen Fingerknöcheln brennt, nachdem sie über seine Bartstoppeln geschabt ist – das einzige Anzeichen dafür, dass dies wirklich geschehen ist. Ich versuche nicht, wegzulaufen, ich senke bloß den Kopf und strecke die Hände vor mich, die Handflächen nach oben.
»Verhaften Sie mich, wenn Sie wollen«, flüstere ich.
»Das werde ich nicht tun, Laine.«
»Warum nicht? Ich habe Sie angegriffen. Ich habe nicht kooperiert.« Die Tränen auf meinen Wangen trocknen schon.
»Ich bin nicht hier, um Ihnen das Leben zu versauen. Ich will nur Olivia das Leben retten.«
In meiner Brust krampft sich etwas zusammen, als er mir eine bedruckte Karte reicht, mit einer Adresse, einer Telefonnummer. Darunter ist mit blauer Tinte eine weitere Nummer notiert.
»Kommen Sie morgen auf die Polizeistation. Wir brauchen Ihre Aussage, Sie müssen uns erzählen, wo Sie an dem Tag, an dem sie verschwand, waren.« Dann sieht er wohl, dass ich mich versteife. »Sie sind nicht verhaftet, und niemand wirft Ihnen irgendetwas vor. Es ist reine Routine.«
»Und wenn ich nicht komme?«
Nur ein Atemwölkchen verrät seinen geduldigen Seufzer. »Sie können mich inoffiziell auf meinem Handy erreichen. Falls Ihnen irgendetwas einfällt. Oder falls Sie einfach nur reden möchten.«
Mit spitzen Fingern nehme ich die Karte entgegen. »Na gut.«
Er geht davon, ohne sich noch einmal umzusehen, und da wird mir klar, er ist sich völlig sicher, dass ich kommen werde.
Und ich bin es wohl auch.
Die Sache mit Sean Ortiz ist nämlich die:
Er war der erste Mensch, den ich nach drei Jahren Gefangenschaft sah. Das war unsere erste und zugleich einzige Begegnung, bis vor zehn Minuten. Sean Ortiz war damals Verkehrspolizist. Ich war nicht sein Problem. Es war reiner Zufall, dass er beschloss anzuhalten, als er durch den ewigen Regenvorhang von Seattle hindurch etwas Seltsames entdeckte. Seine einzige Aufgabe war, jemand anders zu rufen, jemanden, der mich ihm abnehmen und sich mit mir befassen würde.
Was dann ja auch passierte. Irgendwelche fremden Leute mit hellgrünem Mundschutz legten mich auf eine Krankentrage, und das Letzte, woran ich mich erinnere, ist ein Sanitäter, der mir eine Nadel in den Arm schob und dabei etwas Beruhigendes murmelte, als wäre ich ein Hund, den er einschläfern wollte.
Danach sah ich Sean Ortiz nicht wieder. Wobei mich das nicht überraschte. Ich war sicher, dass er nicht einmal groß an mich dachte.
Aber o Mann, was habe ich an ihn gedacht.
Das ist wohl das, was meine wohlmeinende Psychotante einen Bewältigungsmechanismus nennt – Affektverlagerung, wie sie es formulierte. Aber so viel weiß ich: Während andere Mädchen in meinem Alter für funkelnde Vampire und zottelige Musiker schwärmten, schwärmte ich für Sean Ortiz. Oder jedenfalls für das mentale Foto, das ich von ihm hatte, jene wenigen, kurzen Augenblicke bei strömendem Regen und Blaulicht, das Foto, das mit jedem Jahr unschärfer wurde wie ein vergilbendes Zeitungsbild, bis das, was mir blieb, mehr Traumbild als Realität war.
Das machte mir nicht viel aus. Wo mein Gedächtnis versagte, sprang meine Fantasie ein.
