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Hast du Angst vorm bösen Wolf? Eine junge Frau wird im Wald entführt. Zurück bleibt nur ein Rotkäppchen-Umhang und ein Korb. Kurz darauf wird eine Leiche gefunden – und ein blutverschmierter goldener Schuh. Detective Inspector Lyla Rondell setzt sich auf die Spur des Täters, der bald als der »Grimm-Ripper« Schlagzeilen macht. Dabei ahnt sie nicht, wie tief sie selbst in die Geschichte verstrickt ist. Die britische Bestsellerautorin Alexandra Benedict ist zurück mit einem Thriller, in dem der böse Wolf auf jeder Seite lauert. Die gefeierte Kriminalautorin Katie erwacht in einem abgeschlossenen Dachzimmer – entführt von einem maskierten Mann, der sich »der Wolf« nennt. Seine Forderung: Sie soll moderne Märchen schreiben, in denen Aschenputtel und Rotkäppchen sterben. Was Katie verfasst, setzt der Wolf in die Tat um. Weigert sie sich, wird sie selbst das Opfer seines tödlichen Spiels. Während Katie verzweifelt versucht, Hinweise für die Polizei in ihre Geschichten einzubauen, beginnt Detective Inspector Lyla Rondell mit den Ermittlungen. Auf diesen Fall hat sie seit fünfundzwanzig Jahren gewartet. Damals verschwand ihre beste Freundin spurlos, zurück blieb nur ein angebissener vergifteter Apfel. Die neuen Morde tragen dieselbe Handschrift: Eine junge Frau wird mit einem goldenen Schuh ermordet, ein Geschwisterpaar mit Lebkuchenkrümeln im Wald gefunden. Doch das ist nicht alles: Schon bald erkennt Lyla, dass sie selbst Teil eines viel größeren Plans ist.
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Seitenzahl: 433
Veröffentlichungsjahr: 2026
Alexandra Benedict
Böser, böser Wolf
Es war einmal ein Mörder ...
Thriller
Aus dem Englischen von Henning Ahrens
Tropen
Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe zum Zeitpunkt des Erwerbs.
Tropen
www.tropen.de
J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH
Rotebühlstraße 77, 70178 Stuttgart
Fragen zur Produktsicherheit: [email protected]
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Little Red Death« im Verlag Simon & Schuster UK Ltd, London
© Alexandra Benedict 2025
Published by arrangement with Simon & Schuster UK Ltd
1st Floor, 222 Gray’s Inn Road, London, WC1X 8HB
Für die deutsche Ausgabe
© 2026 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
Alle deutschsprachigen Rechte sowie die Nutzung des Werkes für Text und
Data Mining i.S.v. § 44b UrhG vorbehalten
Cover: Zero-Media.net, München
unter Verwendung mehrerer Illustrationen von © FinePic®, München (Rotkäppchen, Wald) und mauritius images/Alexandra Shkarupa/Alamy/Alamy Stock Photos (Rosenranken)
Gesetzt von Dörlemann Satz, Lemförde
Gedruckt und gebunden von CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 978-3-608-50284-8
E-Book ISBN 978-3-608-12539-9
Für Verity Rose Red
Zu Ehren Angela Carters und aller Fairy Gothmothers
Rotkäppchen aber dachte: »Du wirst dein Lebtag nicht wieder allein vom Wege ab in den Wald laufen.«
Brüder Grimm
Prolog
Liebe Leser:innen,
es war einmal jemand, in etwa jetzt, der sollte sterben. Tief im Wald war ein Mensch dazu bestimmt, sein betrübliches Ende zu finden. Aber das wissen Sie natürlich. Das Wort »Mörder« steht auf dem Cover dieses Buches, für das Sie (hoffentlich) bezahlt haben. Sehen Sie der Tatsache ins Auge: Sie sind literarische Auftragsmörder. Sie sind für alles Folgende mitverantwortlich.
Wenn auch in weit geringerem Maß als die Autorin.
Wie Katzen töten Autor:innen jährlich Tausende und kommen doch ungeschoren davon. Sie hinterlassen Leichen, Brotkrumen und Nebelkerzen, die Leser:innen in ihren Körben sammeln können, und trotzdem wird nichts getan, um sie zu stoppen. Deshalb habe ich eine Autorin eingesperrt. Wären Sie mit allen Wassern gewaschene Leser:innen, dann könnten Sie diesen Fall selbstverständlich lösen und die Opfer retten. Für ein Ende wie im Märchen.
Um das zu vollbringen, müssen Sie sich in den Wald wagen. Nehmen Sie Ihren Korb mit. Ich werde dort warten. Auf Sie.
Jenseits der Bäume, hinter dem Wald
Eins
Die Autorin wünschte sich, sie wäre nie erwacht. Alles tat ihr weh. Ein Tinnitus trommelte wie eine Pauke in ihrem Brummschädel. Katie lag im Dunkeln auf einem Bett, weich und pieksig zugleich, wie die Worte ihrer Großmutter. Es war nicht ihr eigenes Bett.
Panik flammte in ihr auf. Wo bin ich? Ringsumher nur tiefes Dunkel, in dem Ungeheuer lauerten. Diese Schwärze ängstigte sie weit mehr als ein weißes Blatt Papier. Obgleich Mitte vierzig, knipste sie vor dem Schlafengehen nach wie vor ihre regenbogenbunte Nachtleuchte an, um sich der Albträume zu erwehren, die sie seit ihrer Geburt plagten.
Sie musste ein Licht finden. Als sie sich hochstemmte, stach etwas in ihre Handfläche. Halme hatten das Laken durchbohrt. Das Bett war ein bezogener Heuballen.
Sie schwang sich herum und spürte kalte Fliesen unter den Füßen. Ihr war kalt, und sie schlang die Arme um den Oberkörper, fror aber noch stärker, als sie merkte, dass sie statt ihres Kleides einen viel zu weiten Pyjama trug.
Jeder Herzschlag war eine quälende Frage. Wie war sie an diesen Ort gelangt? Wer hatte sie letzte Nacht entkleidet?
Sie tastete nach dem buchförmigen Anhänger mit dem kostbaren Inhalt, der an ihrem Schlüsselbein lag. Wenigstens der war ihr geblieben. Sie rief sich ihre bruchstückhaften Erinnerungen an den letzten Abend ins Gedächtnis. Sie war ausgegangen, was selten geschah – ein blutroter Cocktail im bläulichen Licht einer Bar. Sie hatte sich zu rasch betrunken. War allein heimgegangen, überfordert von den Sinneseindrücken. Längs des laubgesprenkelten Flusses. Hatte auf einer Bank aus der Wasserflasche getrunken. Dann ein Sack über dem Kopf. Luftholen durch grobes Leinen. Erstickende Gerüche nach Kiefern, Holzrauch und Äpfeln. Das Ruckeln und Schlingern einer Autofahrt.
»Hallo?« Der Klang ihrer bebenden Stimme, die mit jedem Ruf leiser wurde. Sie tapste mit ausgestreckten Armen durch den Raum. Nach einer gefühlten Ewigkeit ertastete sie eine Wand, schließlich einen Lichtschalter.
Blinzelnd betrachtete sie das schräge Dach. Den Bücherschrank mit Taschenbüchern. Die Tapete mit dem Dornendickicht roter Rosen. Dunkle Holzkommoden. Ein Kabuff mit Klo, das früher vielleicht ein begehbarer Schrank gewesen war. Verdunkeltes Fenster, davor ein Stuhl und ein einsamer Schreibtisch. Darauf eine Schreibmaschine, daneben ein Stapel weißes Papier.
Sie rannte zur Tür und rüttelte am Griff. Die Tür war zugesperrt, sie bewegte sich nicht einmal in den Scharnieren. Die kleine Luke auf Augenhöhe war verschlossen. Solche Luken kannte sie aus Filmen, grimmige Wärter glotzten die Eingekerkerten an.
Sie lief zum Fenster, um das Rollo aufzuziehen. Abendliches Zwielicht stahl sich durch die Gitterstäbe und tauchte den Raum in Sepiabraun. Sie konnte nur Baumwipfel sehen, manche in vollem Ornat, andere schon halb entkleidet durch ihre herbstliche Burleske. In der Ferne kräuselte sich Rauch aus einem roten Schornstein. Das einzige Anzeichen menschlichen Lebens.
»Hilfe!«, schrie sie durch einen schmalen Riss in der Scheibe. Die Bäume ließen sich nicht einmal zu einem Rascheln herab. »Kann mich jemand hören?«
Eine Elster schnappte sich ihre Worte im Flug und verschwand.
Katie war auf einem Dachboden eingesperrt. Saß in der Falle.
Ihr Puls pochte rasant, wie zum Alarm, sie spürte, wie Panik ihr die Kehle zuschnürte. Sie musste Ruhe bewahren. Ihren Autorinnenkopf aktivieren – der die Wendungen und Widrigkeiten im Leben der von ihr erschaffenen Personen ausgetüftelt hatte. Autorinnen und Autoren, so Nabokov, sollen ihre Protagonisten auf einen Baum scheuchen und dann mit Steinen bewerfen. Katie liebte es, ihre Figuren aus den ausweglosen Situationen zu erlösen, in die sie sie gebracht hatte. Genau wie diese musste sie jetzt den Steinen ausweichen und einen Weg nach unten suchen. Also los.
Den Kopf zur Seite gelegt, zwängte sie ihr Gesicht zwischen die Gitterstäbe mit der abblätternden Farbe. Sie befand sich ganz oben in dem hohen Haus, tief unten verlief ein Wassergraben, der wie ein Zerrspiegel schimmerte. Steinplatten führten im Zickzack über den Graben und von dort in einen dichten Wald.
Es war eine kurze Autofahrt gewesen sein, vorausgesetzt, sie hatte unterwegs nicht wieder das Bewusstsein verloren, sie befand sich also vermutlich noch im New Forest. Und wenn sie dort war, dann würde man sie finden. Der Rauch deutete auf ein nahes Haus hin – wenn sie fliehen könnte, dann würde sie dorthin laufen. Zuflucht suchen.
Wenn sie es aus dem Haus schaffte. Wenn. Ein so banales und doch so bedeutsames Wort.
Ihr Entführer hatte Setting und Takt vorgegeben, für Fenstergitter und Türschloss gesorgt. Hier war nicht Katie die Autorin. Sondern irgendjemand anderes.
Während sie zurück zur Tür ging, schrie sie: »Das ist Entführung und Freiheitsberaubung. Dafür bekommt man lebenslänglich.« Ihren letzten Roman hatte sie aus der Perspektive eines Entführers und Mörders geschrieben, sie wusste also, wie es lief. Mehr oder weniger.
Aber was, wandte ihr Autorinnengehirn ein, wenn du nicht befreit, sondern ermordet werden wirst, weil du deinem Entführer vor Augen geführt hast, wie gravierend sein Verbrechen ist?
»Lassen Sie mich frei«, schrie Katie mit brechender Stimme, »dann vergessen wir die Sache. Sie können mir gern die Augen verbinden, damit ich nichts sehe. Ich werde auch niemandem davon erzählen, versprochen.« Die Lüge der Verzweifelten. Wer’s glaubt, wird selig. »Man wird mich vermissen. Die Polizei wird bald hier sein. Wir könnten uns gemeinsam eine Erklärung für mein Verschwinden ausdenken.«
Keine Reaktion. Aber man hörte sie. Davon war sie überzeugt. Die Stille kam ihr vor wie höhnisches Gelächter. Wenn der Entführer ihren Alltag gut genug kannte, um sie kidnappen zu können, dann wusste er auch, dass ihre Abwesenheit nur von ihren Katzen – Carter, Cattwood und Jackson – bemerkt werden würde. Bei der Vorstellung, wie sie durchs Haus huschten und nach ihr maunzten, schnürte es ihr die Brust zu. Gott sei Dank gab es einen Futterautomat – Jackson war ein verfressenes Biest –, der sie drei Mal pro Tag versorgte. Sie hätten genug Futter für etwa zehn Tage, dazu einen Katzenbrunnen und eine Katzenklappe. Sollte sie nicht heimkehren, dann würden sie ein neues Zuhause finden. Als sie sich vorstellte, wie sie sich im Schoß fremder Leute wie Kommata einrollten, breitete sich Traurigkeit in ihrem Bauch aus.
Man würde ihre Abwesenheit erst nach Wochen bemerken. Menschen, die Romane schrieben, waren Einzelgänger, die sich zumeist einigelten und nur an seltenen, alkoholseligen Abenden versammelten, um über Verleger zu lästern, so wie gestern. Wie jedes Jahr hatte Katie sich mit anderen Krimiautoren und -autorinnen der Südküste zu Cocktails und Karaoke zusammengefunden. Das nächste Krimi-Festival stand aber erst im nächsten Frühjahr an, und Angehörige, die sich für sie interessierten, hatte Katie nicht; dazu ihre fatale Neigung, Nachrichten zu ignorieren – man würde sie also erst vermissen, wenn ihr neues Manuskript überfällig wäre, also Ende Januar, zumal ihr Nachbar gerade im Sabbatical verreist war und nicht bemerken würde, dass ihre Mülltonnen nicht draußen standen.
Angst presste ihr die Lunge zusammen. Kein Ritter in strahlender Rüstung würde ihr zu Hilfe eilen. Macht nichts, sagte sie sich. Zurück zum Plot. Nur ich selbst kann mich retten.
Ein Luftzug säuselte um ihre Fußknöchel. Als sie den Blick senkte, bemerkte sie eine Katzenklappe in der Tür – vielleicht ein Ausweg.
Hoffnung blitzte auf. Sie untersuchte die Klappe. Diese saß bombenfest, und selbst wenn es ihr gelänge, sie abzumontieren, würde höchstens ein Arm hindurchpassen. Sie öffnete die Klappe und spähte in den Flur. Das Licht einer staubigen Glühlampe fiel auf weiß lackierte Dielenbretter und eine Tapete mit Efeu-Muster, die bis unter die Decke reichte, als wäre das Haus innen überwuchert. Gegenüber gab es eine weitere Tür, ebenfalls mit Luke und Katzenklappe, hinter der womöglich eine weitere Katie gefangen saß. Direkt vor ihrer Tür stand eine gesprungene Schale mit einem Briefumschlag darin und einem Apfel, der so rot war, als wäre er kandiert. Sie hatte genug Märchen gelesen, um zu wissen, dass sie ihn besser nicht essen sollte.
Der Umschlag war nicht zugeklebt – während sie ihn durch die Klappe zog, kam ihr der Gedanke, dass ihr Entführer vermutlich keine DNA-Spuren hatte hinterlassen wollen. Sie zupfte einen zusammengefalteten Briefbogen heraus, edles Papier, dick und glatt und gelblich wie Pergament. Sie hätte sich ähnliches Papier gekauft und dann in einer Schublade verstaut, um bei Gelegenheit schöne, geistreiche Briefe darauf zu schreiben, ein Vorhaben, das sie wohl nie in die Tat umgesetzt hätte.
Auf dem Papier stand, in karmesinroter Tinte und schwungvoller Handschrift, ein Gedicht.
Du sitzt hier fest, um einzusehen,
dass Worte über Leichen gehen.
Du wirst ein Märchen für mich schreiben,
in dem die Helden grausam leiden,
modern und trickreich ausgestaltet,
ein Setting, wo das Schicksal waltet.
Ich werd’s mit meiner Hand vollenden,
werd’ Menschen in die Hölle senden.
Ich will Schneewittchens Blut verspritzen
und Rumpelstilzchens Bauch aufschlitzen.
Entweder sie – oder du bist tot.
Du kannst entscheiden, was dir droht.
Immer wieder las Katie die Verse, in ihrer zunehmenden Panik drohten ihr die Worte zu entgleiten. Wenn sie es richtig sah, verlangte ihr Entführer von ihr, sich Morde im Märchenstil auszudenken, die er dann in die Tat umsetzen würde. Zwar hatte sie auf dem Papier schon zig Menschen getötet, aber nie auch nur im Traum daran gedacht, dass sich Tinte in Blut verwandeln könnte.
Hinter der Tür auf dem Flur gegenüber war ein Schluchzen vernehmbar.
Mit vor Hoffnung pochendem Herzen öffnete Katie die Katzenklappe. »Hallo!«, rief sie durch die Klappe. »Kannst du mich hören?«
Das Weinen verstummte, sie hörte ein Schlurfen, und dann wurde die andere Klappe ein Stückchen angehoben. »Sei leise!«, flüsterte eine brüchige Frauenstimme.
Katie versuchte, sich zu zügeln, obwohl sie am liebsten vor Freude gejauchzt hätte – sie wusste jetzt, sie war nicht allein. »Ich bin leise, versprochen. Ich heiße Katie. Und du?«
»Der Wolf hat gesagt, ich soll nicht mit dir reden.«
»›Der Wolf‹? So nennt er sich?« Katie erschauderte. Für so einen Namen musste man gleichzeitig an Größenwahnsinn und Minderwertigkeitskomplexen leiden. Vielleicht so ein Incel-Typ, der Frauen einkerkerte, weil er keine Freundin fand? Wozu wäre er noch imstande?
»Ich nenne ihn so. Du wirst schon merken, warum. Er hat mir seinen Namen nie verraten.«
»Wie viele sind wir hier?« Katie stellte sich ein Puppenhaus voller Entführungsopfer vor.
»Bis er dich geschnappt hat, war nur ich hier.«
»Was will er von uns?« Katies panikerfüllte Stimme hallte durch den Flur.
»Sei still!«, zischte die Frau. Die Katzenklappe fiel zu.
»Entschuldige«, flüsterte Katie. »Bitte sprich mit mir. Ich weiß nicht, was hier gespielt wird.«
Die Katzenklappe wurde einen Spalt geöffnet. »Du musst dir überlegen, ob du seine Forderung erfüllen willst«, zischte die Frau. »Ich hab mich geweigert, deshalb hat er dich entführt.«
»Und wie hat er auf deine Weigerung reagiert?«
»So.« Sie schob eine blutige, schwärzlich verfärbte Hand durch die Klappe. »Jetzt überlegt er, wie er mich töten wird.« Bei dem Wort »töten« brach ihre Stimme. »Lass mich in Ruhe, ich will einfach nur schlafen.« Sie holte schmerzerfüllt Luft, zog ihre Hand zurück und entfernte sich schlurfend von der Klappe, bis ihr Wimmern nicht mehr zu hören war.
Wieder allein, las Katie mit rasendem Herzen ein weiteres Mal das Gedicht ihres Entführers.
Entweder sie – oder du bist tot.
Das Leben eines Menschen lag in ihrer Hand; ihres wiederum lag in der Hand des Entführers. Und wenn sie bedachte, was er ihrer Kollegin angetan hatte …
Katie setzte sich an den Tisch und legte ihre zitternden Finger auf die Schreibmaschinentasten. Eine Idee zu Aschenputtel keimte in ihr auf, aber sie konnte die Tasten nicht drücken. Ein kranker Geist würde ihre fabulierten Morde in die Tat umsetzen. Wie konnte sie in dem Wissen schreiben, dass ihre Worte blutige Realität werden würden?
Aus dem Fenster auf die Bäume starrend, bemerkte Katie, wie sich am Boden etwas bewegte. Eine graue Gestalt schälte sich aus dem grünen Laub und trat an den Wassergraben.
Katie erstarrte, als der große Mann mit Wolfsmaske zu ihrem Fenster aufsah. Er schrieb mit einer bleichen Hand etwas in die Luft, neigte den struppigen Kopf und zog dann einen Finger über seinen haarigen Hals. Galle verätzte ihre Kehle. Die Botschaft des Wolfs war unmissverständlich: Schreib oder stirb.
In Katies Gedanken begann sich eine Geschichte herauszukristallisieren, und sie wandte sich wieder der Schreibmaschine zu. Sie schloss die Augen und wünschte sich in Gedanken: gerettet zu werden, befreit zu werden. Sie betete, dass das genügen würde. Sie begann, auf die trägen Tasten einzuhacken, ihr Beschluss stand fest.
Ihr eigenes Leben zu retten. Und eine Frau zum Tod zu verurteilen.
Zwei
Von K. T. Hexen
LadyAshley Agnelli suchte in ihrem Schrank nach Kleidung, in der sie weniger reich aussah. Gar nicht so leicht. Sogar ihre legeren Sportklamotten waren von einem Taubengrau, das Wohlstand signalisierte. Es war zwecklos. Wenn sie heute Abend ins Cindies wollte, musste sie zuPrimark.
Sie ließ sich von ihrem Chauffeur zu dem liebevoll »Primani« genannten Laden fahren und betrat, in original Armani gehüllt, den flirrenden Polyester-Palast. Während sie überlegte, was sie zuerst in Angriff nehmen sollte, sah sie zu, wie drei Freundinnen in einer Grabbelkiste mitSlipdresses wühlten, die jedem Lover einen statischen Stromschlag verpasst hätten. Lachend stopften sie Kleider in Einkaufstaschen, groß wie Hummerfallen. Wie gern wäreAshley mit ihren Freundinnen genauso entspannt gewesen.
Heute Abend wollte sie mit den Berkeley-Schwestern, die ebenso schön wie gehässig waren, zu einer Neunziger-Party in den Club in Southampton, wo das Motto lautete, »sich gegenseitig an Proll-Schick zu überbieten, die geschmacklosesten, billigsten Fetzen zu tragen und den süßesten Typen abzuschleppen«.
Ashley hatte zugesagt, weil es Emma Berkeleys Geburtstag war, und Emma war auf die Idee gekommen, »mit dem Pöbel anstatt mit den Schnöseln zu feiern«. SowohlAshley als auch Emma und ihre Schwestern hatten noch nie in der Sofaritze nach Kleingeld kramen müssen, um die Gasrechnung zu bezahlen, oder einen Kurzzeitkredit aufgenommen: Sie kannten nur die Klänge vonCafé del Mar aus den Boxen ihrer Jaguars undCrème de la Mer auf ihren gebotoxten Gesichtern.
Eine kleine Frau mit langen, braunen Haaren und Hakennase steuerte aufAshley zu. Auf ihrem Namensschild stand: »Rowan, Kundenservice.« Sie ähnelte Belinda,Ashleys Mutter – arm geboren, reich geheiratet und zu früh verstorben. Belinda war mit der Kleidung der Reichen ausstaffiert worden, darin aber stets ein Fremdkörper geblieben.
»Kann ich helfen, meine Liebe?«, fragte Rowan.
»Ich will heute Abend in einen Club und suche Kleid und Schuhe«, antworteteAshley. Kummer nagte an ihrem Herzen. Sie war mit ihrer Mutter nie gemeinsam einkaufen gewesen.
Rowan klatschte in die Hände und eilte durch das Geschäft. Sie schleppte ein Gebirge aus Kleidern und Schuhen an, hinter dem sie regelrecht verschwand. »Mir nach!«
Ashley probierte in einer winzigen Umkleidekabine jedes Stück an, ihre Arme ruderten aus den Trägern, Knöpfe flogen. Der Lichtschein der Deckenleuchten war ebenso unbarmherzig wie der Spiegel.
Rowan saß im Schneidersitz im Umkleidebereich und zwitscherte jedes Mal wie ein Singvogel, wennAshley erschien. »Bezaubernd, wirklich! Aber ganz ideal ist das noch nicht. Zieh mal das goldene Kleid an.«
Ashley schloss die Vorhänge und schlüpfte in ein kratziges Kleid mit durchsichtigem Futter, das an ihren Beinen klebte. Im Spiegel sah sie darin, na ja, heiß aus. Der Stoff schimmerte. Es sah nicht wie ein 9,99-£-Kleid aus. Sie dachte lieber nicht darüber nach, wer es für welchen Hungerlohn hergestellt hatte.
Ein Paar goldener Stilettos lugte unter dem Vorhang hervor. »Und dazu die hier!«, zirpte Rowan.
Ashley schlüpfte hinein. Trotz der mörderisch hohen und schmalen Absätze waren sie so bequem wie Lammwollslipper von Prada.
Als sie heraustrat, drehte sie eine wackelige Pirouette. Rowan blinzelte Tränen aus ihren Augen. Sie reichteAshley eine kleine diamantene Tiara und ein goldenes Täschchen mit Handgelenkschlaufe, nicht größer als einiPhone 16. »Perfekt.«
»Vielen herzlichen Dank«, sagteAshley, nachdem sie sich umgezogen und das goldene Ensemble zusammengefaltet hatte. Sie standen im Eingang zum Umkleidebereich, umgeben von verschmähten Tops und verwaisten Bügeln.
»Gern geschehen, Liebes. Und nun ab mit dir und viel Vergnügen.«
Ashley zögerte, sie wusste nicht, ob sie Rowan ein Trinkgeld oder einen Kuss geben sollte, dann ging sie.
»Aber denk dran, du musst um Mitternacht zu Hause sein«, rief Rowan ihr nach.
Ashley drehte sich um und wollte fragen, was sie damit meinte, aber Rowan war schon verschwunden. Dort, wo sie gestanden hatte, lag nun ein Häufchen brauner Federn.
AlsAshley später mit ihren Einkäufen durch die stille Tiefgarage zu ihrem Auto ging, dachte sie immer noch an Rowans Worte: Das war ganz sicher ein Scherz gewesen – was sonst? Clubs kamen erst nach Mitternacht in Schwung; vor vier Uhr früh zu gehen, war definitiv nichtde rigueur.
Von ihrem Chauffeur keine Spur, also fischteAshley ihren eigenen Schlüssel aus der Handtasche. Während das Auto piepend und blinkend entriegelte, hörte sie hinter sich Schritte. Bevor sie reagieren konnte, wurde sie von einem Stoß in den Rücken umgeworfen. Der Boden sauste ihrem Gesicht entgegen. Trotz Benommenheit und blutender Nase versuchte sie wegzukriechen, doch ein Paar brauneBrogues stampfte auf ihre Hände.
Ein Mann hockte sich neben sie; er roch nach Kiefernnadeln. »Nein, Aschenputtel, heute gehst du nicht zum Ball.«
Ashley versuchte zu schreien, während sie von dem Mann zum benachbarten Auto geschleift wurde, doch eine seiner Hände verschloss ihr den Mund. Mit der anderen hob er etwas auf, das aus ihrerPrimark-Tüte gefallen war – einer der neuen goldenen Schuhe. Er holte damit aus und schlug ihr gegen die Schläfe.
Alles wurde schwarz.
Drei
In der Badewanne liegend, fragte sich Detective Inspector Lyla Rondell, ob sie sich untenrum rasieren sollte. Ach, Quatsch. Wen wollte sie verarschen. Man würde sie ja nicht nackt sehen. Und wenn jemand ein Problem mit einem struppigen Busch hätte, dann könnte er sie mal gernhaben. Oder eben nicht gernhaben. Nein, das wäre eine Red Flag, wie wenn man zu Hause keine Bücher stehen hatte.
Außerdem, dachte Lyla, als sie das Glas Rotwein vom Rolltisch nahm, soll ich mich entspannen. Nachdem sie den Redbury-Fall gelöst hatte, war sie von Rebecca, genauer gesagt Detective Chief Inspector Winton, ihrer Chefin, frühzeitig in den Feierabend entlassen worden. Lyla war seit zwanzig Jahren nicht mehr vor achtzehn Uhr zu Hause gewesen.
»Darf ich auch nach Hause, Boss?«, hatte Jimmy gefragt. Jimmy Cornick – großes Herz, große Augen, struppige Haare – war Lylas bester Constable, in mancher Hinsicht auch ihr bester Freund.
»Laut Instagram hast du dich am Sonntag beim Kitesurfen amüsiert, während Lyla auf dem Fußboden gehockt und Tausende Dokumente gewälzt hat, um ein Verbrechen aufzuklären. Also schreibst du jetzt auf, was du im Rahmen dieses Falls von ihr gelernt hast, egal, wie lange es dauert.«
Lyla hatte ein schlechtes Gewissen. Sie sah in Jimmy immer den kleinen, hilflosen Jungen, obwohl er mit vierunddreißig nur fünf Jahre jünger war als sie. Er war erst seit wenigen Jahren bei der Polizei, zuvor hatte er lange als Personal Trainer gearbeitet, machte seine mangelnde Ermittlungserfahrung aber durch einen geradezu sagenhaften Optimismus wett. »Vielleicht sollte ich bleiben, um ihm zu h…«
Rebecca zeigte auf sie, ihre Augen blitzten. »Du wirst dich jetzt entspannen, das ist ein Befehl. Nimm ein Bad, lies ein Buch, hol dir was zu essen, und iss früh genug, um nicht tonnenweise Magen-Tabletten schlucken zu müssen … was immer du magst. Du sagst nie Nein zur Arbeit, also mache ich das für dich. Und wehe, du gehst ans Telefon.«
Leichter gesagt als getan. Lyla wäre nicht mal während einer Aromatherapie-Massage am Kretischen Meer zur Ruhe gekommen. Unaufhörlich rasten Gedanken durch ihren Kopf wie auf einer Autobahn, wechselten die Fahrstreifen, ignorierten jedes Tempolimit. Wenn sie sich entspannte, hatte sie Verkehrslärm im Ohr und die Abgase sämtlicher Fahrbahnen in der Nase:
Ich muss bei der Bücherei neun Bücher abgeben und zwei verlängern, ich sollte denen von meiner Diagnose erzählen, dann muss ich vielleicht kein Bußgeld zahlen
Schon wieder schwarzer Schimmel in den Fugen, der muss dringend entfernt werden
Seien wir ehrlich, ich hoffe, bald gibt’s ’ne frische Leiche
Mein Magen rumpelt wie die U-Bahn. Nach dem Bad hol ich mir wirklich was zu essen. Paneer Tikka wäre super, dazu Peshwari Naan
Aber dazu müsste ich das Schreiben der Psychologin ausgraben, und hab ich das in der Schublade mit Krimskrams versenkt, und wenn ja, in welcher, es gibt ja mehr als nur eine
Genau wie mein Schnurrbart
Was macht das aus mir?
Und ein Sabzi Jalfrezi
Was für ein Chaos, ich blick nicht mehr durch, muss mir dringend noch mal den Bob-Meakin-Fall anschauen, da stimmt was nicht, und ich sollte die Wiederholung von Bob’s Full House auf BBC 4 gucken
Jimmyhat mich scherzhaft Poirot genannt
Mord ist mein Lebensinhalt
Vielleicht doch lieber ein Chana Daal?
Ob Robert Smith wohl Bob genannt wurde von den anderen Bandmitgliedern, die er seit seiner Kindheit kannte?
Dieser dreiste Mistkerl.
Was bin ich ohne den Tod?
Ob Allison Fisch-Tikka, Samosas und Knoblauchreis bestellen würde, wenn sie noch am Leben wäre?
NICHT ANALLISONDENKEN.
Im Hintergrund dieser Gedanken klingelte es immer lauter in ihren Ohren. Entspannung war Folter.
Auf dem Beistelltischchen blinkte ihr Handy. Es war Rebecca.
Lyla trocknete eine Hand am Handtuch ab, das an der Tür hing, und drückte dann auf die grüne Taste. »Wenn das ein Kontrollanruf ist, dann kann ich selbstzufrieden und mit vielen Kraftausdrücken bestätigen, dass ich mich ›entspanne‹, und zwar im …«
»Ich würde ja sagen: ›Warum gehst du ans Telefon, das hab ich doch verboten‹, aber ich freue mich trotzdem. Wir brauchen dich.«
Lyla stand auf, das Wasser schwappte gegen ihre Knie. »Wo?«
»Im Blackwater Arboretum. Ein Spaziergänger hat vor einer Stunde beobachtet, wie jemand eine Frau in den Wald gezerrt hat. Der Zeuge musste sich entfernen, um uns anzurufen, weil er dort kein Netz hatte, und als er zurückkam, war niemand mehr da.«
Lyla wartete, ob noch etwas kam. Es musste mehr dahinterstecken, sonst hätte Rebecca nicht angerufen.
»Unter den Sachen, die vor Ort gefunden wurden, ist eine Postkarte, adressiert an DI Lyla Rondell.«
Lyla kannte das Blackwater Arboretum am Ornamental Drive ebenso wenig wie viele andere Perlen des New Forest, etwa die BeaulieuAbbey oder Peppa Pig World. Keine gemeldeten Verbrechenkein Besuch. Sie wünschte, sie könnte sich ebenso unbeschwert im Wald vergnügen wie der BBC-Naturbursche Chris Packham, dem sie mal in Brockenhurst begegnet war, genauer gesagt im Co-op, noch genauer gesagt in der Abteilung mit den supergesunden Produkten, aber sie wollte auf keinen Fall beim Wandern jemandem über den Weg laufen, den sie verhaftet hatte, oder in einem Tearoom von einem Pflichtverteidiger dabei ertappt werden, wie sie Sahne auf einen Scone häufte.
Vielleicht konnte man den New Forest nur genießen, wenn man sich bei Anbruch der Nacht hineinwagte. In der heimischen Region die nächtliche Touristin spielte. Obendrein war dies ihre bevorzugte Jahreszeit – Ende Oktober. Wenn der Herbst Gericht hielt. Wenn die Dunkelheit zeitig kam und erst zum Frühstück wieder ging.
Sie fühlte sich ungewohnt seelenfriedlich, während sie durch das Laub raschelte und nach Kastanien trat. Die Taschenlampe erhellte den Weg, der zwischen hohen Eichen, Kastanien- und Mammutbäumen hindurchführte. Ihre Gedanken bewegten sich nur auf einer Fahrspur, und sie überholten einander selten. Dicke, erdbraune Stämme säumten den Weg, hoch über ihr tuschelte unsichtbares Laub über den bevorstehenden Sturz in den Herbst.
Ein Eichhörnchen flitzte auf den Kiesweg und starrte sie an, im Taschenlampenschein verharrend.
»Kann ich dir helfen, Kleines?«, fragte sie. »Ich hab’s leider eilig.«
Das Eichhörnchen blinzelte zwei Mal, dann huschte es auf einen Baum. Hoffentlich, dachte Lyla, war dieses Blinzeln kein Nagetier-Hilferuf. Als sie die Lampe schwenkte, um den Weg des Tiers zu verfolgen, blitzte etwas Metallisches auf. Sicher eine Bierdose. Die lokalen Teenager trafen sich gern im Wald.
Jimmy und Rebecca standen auf einer Lichtung. Jimmys Haare waren zerzaust, Rebeccas dagegen saßen wie immer perfekt, waren wellig und voll und glänzten im Schein von Lylas Lampe. Keine Spurensicherung: Das Revier in Lyndhurst war zwar für den New Forest verantwortlich, innerhalb der Constabulary von Hampshire und der Isle of Wight aber eine kleine Einheit. Superintendent Greenock, wegen seines Temperaments und der vielen Leute, die ihm gern mal die Schnauze poliert hätten, »Groucho« genannt, hielt nichts davon, sein Budget für die Spurensicherung zu »verplempern«.
Ein jüngerer Mann saß am Rand der Lichtung auf einem Baumstumpf und tätschelte unaufhörlich seinen Hund. Dieser ließ den Schweif auf den Waldboden klatschen, als würde er mit jemandem tief unter der Erde kommunizieren. Beim Näherkommen sah Lyla, dass Rebecca und Jimmy in einem großen Kreis aus Pilzen standen. Ein an Metallstangen befestigtes Absperrband bildete einen größeren Kreis, die Bäume wiederum den äußersten.
»Nochmal meine Entschuldigung für den Anruf«, sagte Rebecca. »Ich mach’s wieder gut, versprochen.«
»Ich bin lieber hier. Das Entspannen stresst mich.« Lyla blieb in respektvollem Abstand stehen und zeigte auf die Pilze. »Ihr seid ziemlich mutig.«
»Wie meinst du das?« Jimmy sah sich um.
»Ihr steht in einem Hexenring.«
»Die Pilze?« Er senkte den Blick. »Sind die giftig?«
»Weiß nicht, ich bin keine Mykologin.«
»Wie meinst du …«
»Hat man euch nie davor gewarnt, einen Hexenring zu betreten?«, unterbrach ihn Lyla.
Jimmys Grimasse verriet, dass er sich wieder einmal fragte, ob sie Witze machte. »Was?«
»Wer einen solchen Ring betritt«, sagte Lyla, »kann ins Reich der Feen entführt werden, und zwar für immer. Wenn man Glück hat, bleibt man auf dieser Welt, wird aber gezwungen, mit ihnen zu tanzen. Und von diesem Tanz wird man nur durch den Tod erlöst.«
»DI Rondell sieht wie immer das Positive an der Sache.« Rebecca entfernte sich zaghaft aus dem Ring.
Jimmy folgte ihr, wobei er mit seinen plastikumhüllten Schuhen einem Pilz auswich. »Seit wann interessierst du dich für Folklore?«
Lyla zuckte mit den Schultern. »In den Gutenachtgeschichten meiner Oma ging’s immer um Kobolde, Banshees und Morrigan.« Das traf zu, doch sie verschwieg den eigentlichen Grund für ihr Interesse.
Rebecca lächelte zärtlich. »Du offenbarst immer neue Seiten, Lyla.«
»Verdammt, Boss! Die Feen dürfen weder deinen noch meinen Vornamen erfahren, sonst haben sie uns am Arsch. Namen sind mächtig.« Lyla sagte das nur halb im Scherz.
»Die Polizei ist mächtiger, würde ich sagen.« Rebecca klang jetzt ernst. »Wie wäre es, wenn wir uns wieder mit unserem möglichen Verbrechen befassen?«
»Das ist der Zeuge?« Lyla deutete mit dem Kopf in Richtung des jungen Mannes.
»Ja. Jimmy hat seine Aussage aufgenommen«, antwortete Rebecca.
»Er wirkt aufrichtig«, sagte Jimmy. »Ist ziemlich mitgenommen. Wirft sich vor, nicht gehandelt zu haben.«
»Und warum hat er nicht gehandelt?«, fragte Lyla.
»Er meinte, er hätte immer geglaubt, in so einem Fall eingreifen zu können, war dann aber wie versteinert. Ich habe ihm erklärt, das sei normal. Helden sind dünn gesät.«
»Gibt nur wenige, die nicht fliehen, erstarren, kuschen oder vor Risiken zurückscheuen«, sagte Rebecca mit vielsagend betrübtem Unterton.
»Konnte er Täter und Opfer beschreiben?«
Jimmy holte sein Notizbuch hervor. »Das Opfer war eine blonde Frau, schlank, überdurchschnittlich groß. Sie ist stolpernd gelaufen, war wohl nicht ganz bei Bewusstsein. Der Mann war über einen Meter achtzig, ›kräftig, aber nicht stämmig‹, trug eine Jeans und dunkle Schuhe, außerdem hatte er die Kapuze eines grauen Hoodies aufgesetzt. Der Zeuge hat ihn nur von hinten gesehen, aber seine Bewegungen haben darauf hingedeutet, dass er relativ jung ist. Vielleicht in den Dreißigern. Die Frau war jünger.«
»Wohin hat er sie verschleppt?«, fragte Lyla.
Jimmy zeigte nach Osten in den Wald. »Er ist zwischen den beiden Bäumen verschwunden. Der Zeuge hat die beiden kurz darauf aus den Augen verloren – es hat schon gedämmert. Er konnte ein Foto mit dem Handy machen, aber darauf ist wenig zu erkennen. Vielleicht lässt sich noch was rausholen.«
Lyla sah Rebecca an. »Du hast eine Postkarte erwähnt?«
»Sie wurde mitten im Hexenring gefunden.« Rebecca zerrte Handschuhe über ihre Finger, warf Lyla ein Paar zu, holte die Beweismitteltasche, öffnete sie und reichte ihr die Karte.
Lyla nahm sie behutsam entgegen. Die Vorderseite zeigte eine handgezeichnete Landkarte, wie sie in Souvenirshops verkauft wurden, mit vielen Cottages, Bäumen und Sehenswürdigkeiten. Kein Detail war maßstabsgetreu, es sei denn, die Ponys im New Forest waren hundert Meter groß.
Auf der Rückseite stand eine Nachricht:
Liebe Lyla,
schön, dass du da bist! Ist ewig her – fünfundzwanzig Jahre, aber wer zählt da schon nach. Hast du mich vermisst? Du warst so jung. Ich wette, damals hast du zum letzten Mal gut geschlafen.
Spielst du mit Rondellkäppchen? Weißt du, was die Karte zu bedeuten hat? Nein, wohl kaum. Du bist weder scharfsinnig noch phantasievoll genug. Deshalb ein, zwei gut gemeinte Tipps: Das Mäntelchen ist für dich, nur wirst du in einer Grimmen Nacht wohl trotzdem frieren – nimm einen Schluck aus der Thermosflasche im Korb. Außerdem wird dich in den nächsten Tagen ein Tod wärmen. Herauszufinden, wer ich war und bin, warum ich all das hier tue und weshalb ich dich ausgewählt habe, wird ein rauschender Ball für dich sein.
Bis dahin kannst du mich im Wald suchen.
»Warum ist die Karte an dich adressiert?«, fragte Rebecca.
Lyla schwieg. Vollgepumpt mit Adrenalin, sprintete sie bis zum Rand der Lichtung. Ihre Gedanken waren so zielgerichtet und gebündelt wie der Strahl ihrer ins Dunkel gerichteten Taschenlampe.
»Was ist denn?«, wollte Rebecca wissen, als sie sie einholte, dicht gefolgt von Jimmy.
»Auf der Postkarte steht was von Mantel und Korb. Die Sachen müssen hier irgendwo sein.«
Jimmy und Rebecca eilten wortlos an gegenüberliegende Seiten der Lichtung, um ein Dreieck zu bilden. Während sie die Lichtstrahlen ihrer drei Taschenlampen ins Dunkel richteten, wurde Lyla von tiefer Dankbarkeit dafür erfüllt, zu diesem Team zu gehören.
»Ich hab sie.« Jimmys Stimme bebte. Als Lyla zu ihm stieß, richtete er die Taschenlampe auf Schulterhöhe geradeaus. Das Licht fiel auf einen Baum, zwanzig Meter tief im Wald. »Da hinten, der Riesenmammutbaum.«
An einem Ast hing ein langer, dunkelroter Mantel. Darunter stand ein aufgeklappter Picknickkorb, in dem eine Thermosflasche und eine goldene Handtasche lagen.
Roter Mantel. Korb.
Es geschieht.
»Was geschieht?« Rebecca sah Lyla eindringlich an.
Offenbar hatte sie laut gedacht. »Ich habe so etwas seit vielen Jahren erwartet, war also darauf gefasst.«
»Geht’s dir gut?« Jimmy klang leise, unsicher.
»Hat es mit der Postkarte zu tun?«, fragte Rebecca.
Lyla schloss ihre Augen und versuchte, sich von den losen Seiten der Erinnerungen, die durch ihren Kopf flatterten, nicht ablenken zu lassen. »Diesen Monat ist es exakt fünfundzwanzig Jahre her, dass meine beste Freundin Allison verschwunden ist, damals war sie noch ein Teenager. Der einzige Hinweis war ein Apfel, der auf ihrem Bett lag, halb rot, halb grün, und mit Zyanid vergiftet.«
»Sie wurde verschleppt?«, fragte Jimmy.
»Das habe ich immer gedacht«, antwortete Lyla. »Warum sollte man sonst den Apfel so zurücklassen, wie eine Botschaft, wie eine Provokation?«
»Halt mal, du sprichst von ›Schneewittchen‹?«, fragte Rebecca.
Jimmys Blick zuckte ratlos von einer Frau zur anderen.
»›Schneewittchen‹ ist der Name, den die Presse einer Teenagerin gegeben hat, die zu Beginn der Zweitausender in dieser Gegend verschwunden ist. Der Apfel war angebissen, wenn ich mich recht erinnere.«
»Die Spuren der Zähne entsprachen Allisons Zahnschema«, ergänzte Lyla.
»Die Sache war ein großes Rätsel«, fuhr Rebecca fort, »man wusste nicht, ob sie weggerannt oder entführt worden war oder ein anderes Schicksal erlitten hatte.«
Bei Rebeccas Ton – professionell, distanziert – zog Lyla empört den Kopf zurück. »Sie wurde entführt.« In ihrem Inneren brodelte Wut. »Hätte Allison abhauen wollen, dann hätte sie es mir gesagt.« Und ich wäre mitgekommen. »Jetzt ist eine weitere Frau verschleppt worden, und an ihrer Stelle finden wir Korb und Mantel.«
»Du meinst, wenn Allison Schneewittchen war, ist diese Frau Rotkäppchen.« Jimmys Augen wurden noch größer.
»Ich weiß nicht, ob das eine stichhaltige Verbindung ist«, sagte Rebecca verhalten.
»Auf der Postkarte heißt es, der Mantel sei für mich.« Lylas Stimme bebte.
Rebecca ergriff ihre Arme. »Du zitterst ja.«
Lyla senkte den Blick auf ihre Hände, die tatsächlich zitterten und wie taub waren. Sie schien hoch über der Szene zu schweben, aus ihrem Körper katapultiert worden zu sein, sie sprang durch die Baumwipfel wie ein Eichhörnchen.
»Du stehst unter Schock«, fuhr ihre Chefin fort. »Dieser Fall weckt sicher jede Menge Erinnerungen.«
Der Hund des Augenzeugen bellte zustimmend am Rand der Lichtung. Lyla wünschte sich, einen professionellen Grund dafür zu haben, ihr Gesicht in seinem Fell vergraben und seinen massigen Körper umarmen zu können. Manchmal konnte man nur von Tieren getröstet werden.
»Am besten, wir bringen dich und den Zeugen aufs Revier«, sagte Rebecca, indem sie Lyla einen Arm um die Schultern legte.
»Nein!« Lyla versuchte, sich loszureißen. »Wir müssen den Wald durchsuchen.«
Rebecca drehte Lyla so, dass sie ihr ins Gesicht sehen konnte. »Tut mir leid, Liebes, aber das muss nach Vorschrift laufen.« Sie sagte das behutsam, aber bestimmt, als wäre Lyla ihr Kind. »Wir dürfen nicht blindlings handeln, Beweise zertrampeln oder gar zerstören.«
Lyla starrte ins Dunkel, sie versuchte, zwischen den Bäumen etwas zu erkennen. Allisons Entführer befand sich im Wald; da war sie sich ganz sicher. Könnte sie doch seinen Spuren folgen. Vielleicht wäre Allison – wider jede Wahrscheinlichkeit – auch dort.
Lyla wäre am liebsten in den Wald gestürmt, um den Wolf zu suchen, aber Rebecca hatte recht, sie mussten planvoll vorgehen, sonst würden sie ihre Ermittlungen gefährden. »Einverstanden. Aber es soll später regnen – die Spurensicherung muss herkommen. Sofort.«
Rebecca ließ Lyla los, holte ihr Handy heraus und scrollte zu Grouchos Nummer. »Ich werde den Superintendent darum bitten. Er wird allerdings nicht erfreut sein.«
Lyla war schon zum Parkplatz unterwegs, da wurde sie von Jimmy untergehakt. »Wie geht es dir?«, fragte er, nachdem er sichergestellt hatte, dass der mittlerweile zitternde Zeuge und sein Hund nichts hören konnten.
Lyla schwieg eine Weile. »Trotz allem fühle ich mich seltsam gefasst.« Andererseits war ein Gehirn wie das ihre stets auf Krisen vorbereitet.
»Warum hast du mir nie davon erzählt?«, fragte er. »Von Allison. Ich kenne dich seit drei Jahren. Und die ganze Zeit hast du eine so große Sache für dich behalten?«
»Ja, eine große Sache, Punkt.« So groß, dass sie ihr ganzes Leben beherrscht hatte.
Aus den Augenwinkeln nahm sie ein Glitzern wahr. Es war der metallische Schimmer, den sie auf dem Hinweg bemerkt hatte. Sie blieb stehen und richtete ihre Taschenlampe darauf, ging dann hin, um es besser sehen zu können. Es war keine Dose. Vor dem Stamm einer Eiche lag ein einzelner hochhackiger Schuh, von der gleichen goldenen Farbe wie die Handtasche. Auf der Spitze war ein blutiger Fingerabdruck zu sehen, Wirbel und Grate waren so klar und deutlich erkennbar wie auf einem im Revier aufgenommenen Foto.
Mit pochendem Herzen bat sie Jimmy, ihr eine Beweismitteltasche rüberzuschmeißen, ohne näherzukommen.
»Was gibt’s denn?«
»Wir haben es offenbar mit einem weiteren Märchen zu tun.« Sie bemühte sich, gefasst zu klingen. »Wir müssen nach Aschenputtel suchen.«
Vier
Als die Nacht allmählich den Wald unter sich begrub, wurde Katies Gefühl der Einsamkeit noch verstärkt. Weder sah sie Vögel, noch konnte sie Eichhörnchen beobachten, hörte nur die sporadischen Rufe von Eulen und Ringeltauben. Im Oktober schaute sie abends gern Slasher-Filme, knabberte Popcorn und kuschelte mit ihren Katzen. Nun löste die früh hereinbrechende Dunkelheit jene Isolationsgefühle und Ängste aus, denen man mithilfe von Horrorfilmen und Krimis vorübergehend entrinnen konnte.
Das hätte sie jetzt gebraucht. Zerstreuung.
Als sie ihren Blick über die Regale in ihrem Gefängnis gleiten ließ, erlebte sie jedoch eine freudige Überraschung. Sie entdeckte zahlreiche Bücher, die sie liebte oder schon lange hatte lesen wollen. Alice im Wunderland. Die Chroniken von Narnia. Der goldene Kompass und die zwei Folgebände. Eine deutschsprachige Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Blaubarts Zimmer von Angela Carter. Die Eleganz des Tötens und Die Seelen von London; The Museum of Last Things und Vellichor; Carnevil und Dark Sky Park. Sarah Waters und Sarah Pinborough. Almond, David und Katharine. Adams, Douglas und Guy. Alles von Stephen King, Clive Barker und Ray Bradbury. The Day I Fell Into a Fairytale. The Ten Thousand Doors of January … Bücher, die Leserinnen und Leser in andere Welten versetzten.
Katie hatte sich als Kind hinter Geschichten versteckt, in Höhlen aus Papier Zuflucht gesucht: vor ihrem Mangel an Freunden und Freundinnen, vor dem Gespött der anderen, weil sie schon mit zehn Brüste bekommen hatte, vor ihrer jugendlichen Sehnsucht nach Liebe. Als erwachsene Autorin gab sie sich der Hoffnung hin, anderen und sich selbst einen Schutzraum bieten zu können. Sie saß hier fest, aber vielleicht konnte sie wenigstens in die Leben fiktiver Personen flüchten.
Die vielen Bücher ließen vermuten, dass ihr Entführer ebenso wie sie viel las. Er schien sich, bedachte sie seine in jambische Tetrameter verpackten Sticheleien und Forderungen, für eine Art Dichter zu halten. Vielleicht könnte sie ihm schmeicheln, sein Ego bedienen, Bewunderung für sein Werk heucheln. Sie würden über Literatur diskutieren, bei einem Gespräch über die Brontë-Schwestern Gemeinsamkeiten entdecken; vielleicht ließe sich aufgrund der geteilten Liebe zu Wörtern eine emotionale Verbindung aufbauen, vielleicht würde er sie daraufhin freilassen oder wenigstens nicht töten.
Oder wollte er ihr gar nichts antun? Sie hatte die Entführung relativ unbeschadet überstanden, er war also nicht brutal vorgegangen, obendrein hatten Studien gezeigt, dass Menschen, die gerne lasen, empathischer waren als solche, die nicht auf dem mühsamen Umweg über Seiten und Kapitel in die Leben anderer eintauchten.
Nein. Das war Wunschdenken. Die Frau im Zimmer gegenüber war misshandelt und zum Tod verurteilt worden, weil sie nicht für ihren Entführer schreiben wollte.
Um aus diesem Haus entkommen zu können, musste sie einen kühlen Kopf bewahren. Das Vorhandensein der Bücher bewies noch lange nicht, dass sie dem Wolf auch gefielen, womöglich hatte er sie nicht einmal gelesen. Er hatte ihren Alltag gut genug gekannt, um sie entführen zu können, es wäre also ein Kinderspiel für ihn, ihren Goodreads-Account einzusehen, ihre Gastbeiträge für Blogs zu lesen, ihre Vlogs zu verfolgen oder auf Festivals, bei denen sie aufgetreten war, in der ersten Reihe zu sitzen.
Sie zog Some Kind of Fairy Tale von Graham Joyce aus dem Regal und schlug die erste Seite auf. Dort stand in ihrer eigenen, saubersten Handschrift: »Katie, 2016«. Mit hämmerndem Herzen blätterte sie in den anderen Büchern. Fast alle gehörten ihr. Misery war durch butterige Fingerabdrücke verunstaltet, sie hatte damals im Bett Toast gefuttert; ihre Ausgabe von Das Parfüm wies auf dem Schnitt einen dunklen Daumenabdruck auf, Zeugnis einer heißen Schokolade mit Kakaopulver. Zerknitterte Rücken; vergilbte Seiten; alles ihr Eigentum. Sogar die Textbücher für A-Levels und Uni, inklusive ihrer krakeligen Notizen zu Assonanz und Alliteration, Anthropomorphismus und Prokrastination, standen da.
Viele dieser Bücher stammten aus ihrem Haus, vermutlich waren sie vor der Entführung geholt worden, nicht ganz wenige hatten sich sogar in ihrem Lager befunden. Offenbar hatte ihr Entführer sie ausspioniert, ihre Schlüssel gestohlen oder nachgemacht, vielleicht das teure Vorhängeschloss geknackt, das sie hatte kaufen müssen.
Hatte er sie zusammen mit ihren Büchern eingesperrt, um sie zu trösten oder um sie zu quälen? Oder beides?
Katie taumelte wie betäubt zum Schreibtisch und knabberte an dem Essen, das dort, mitsamt einer Thermosflasche mit Tee, abgestellt worden war. Sie hielt es angesichts der Umstände für sinnvoll, sich durch Essen zu betäuben, das vermutlich eine Belohnung für ihren Schreib-Gehorsam war. Das erste Kapitel schilderte die Entführung einer jungen, reichen Frau und basierte sowohl auf Aschenputtel als auch auf dem, was sie selbst letzte Nacht erlebt hatte. Sie hatte es nicht über sich gebracht, ihre Protagonistin zu töten, nicht einmal auf dem Papier, also hatte sie das Kapitel mit einem Cliffhanger beendet und die Seiten durch die Katzenklappe geschoben, als draußen der Himmel allmählich schamhaft errötet war.
Wie immer, wenn sie Wörter auf eine Seite geworfen hatte, war sie sowohl erschöpft als auch euphorisiert gewesen und auf dem Heuballen eingeschlafen, ohne sich zugedeckt zu haben. Bei ihrem Erwachen – die Sonne hatte schon im herbstlichen Zenit gestanden – hatte sie Croissants, ein Käsebrötchen und eine Thermosflasche auf dem Tisch erblickt. Heißhungrig hatte sie gegessen und dabei Krümel auf den Papierstapel regnen lassen, ohne daran zu denken, dass das Essen vielleicht vergiftet war. Nun dachte sie an nichts anderes mehr – obendrein erwachte ihre Befürchtung, im Schlaf vom Wolf beobachtet worden zu sein.
Irgendwo im Haus knallte eine Tür. Jemand ging die Treppe hinauf, sie hörte Schritte, dazu ein Geräusch, als würde etwas über die Stufen geschleift werden.
»Nein!«, schrie eine Frau. »Lassen Sie mich gehen, ich verrate auch nichts, versprochen!«
Katie erstarrte. Er hatte noch eine Frau verschleppt. Oh, nein. Bitte nichtAshley.
Die Geräusche wurden lauter und gipfelten in einem Rumms, der im Zimmer unter ihr ertönte. Eine Männerstimme drang zu ihr hinauf, die Worte waren unverständlich.
Katie legte ein Ohr auf den Fußboden und hörte die Frau antworten.
»Ich heiße nicht Ashley, ich heiße Grace. Bitte lassen Sie mich gehen.«
Die Männerstimme war tief und eisig. »Es gibt keine Grace. Nicht mehr. Ab jetzt bist du Lady Ashley Agnelli.«
Sie biss in ihre Fingerknöchel, um nicht zu schreien.
»Meine Familie hat Geld«, schrie Grace. »Jede Menge Geld. Wir können die Polizei aus allem raushalten!«
Eine reiche anstelle einer armen Frau entführen zu lassen, war für Katie eine reizvolle Vorstellung gewesen, als sie, nachdem sie stundenlang ins Dunkel gestarrt hatte, mitten in der Nacht endlich zu schreiben begonnen hatte. Sie hatte geschildert, wie Ashley, also ihre Version von Aschenputtel, mit ihrem eigenen Schuh bewusstlos geschlagen wurde, ohne ernsthaft in Betracht zu ziehen, dass dies als Handlungsvorlage dienen könnte. Ohne zu bedenken, was dies für ein Opfer bedeutete.
Wäre Grace jetzt tot, wenn Katie ihre Protagonistin im ersten Kapitel hätte sterben lassen?
Unten stampfte der Wolf durch das Zimmer, schlug die Tür zu und schloss ab.
»Rufen Sie meinen Onkel an«, schrie Grace. »Er wird jede Forderung erfüllen.« Als keine Antwort kam, hämmerte sie gegen die Tür. »Ich leide an Klaustrophobie, bitte sperren Sie mich nicht ein!«
Katie wurde von einem Schuldgefühl überwältigt wie von einer reißenden Flut. Sie war dafür verantwortlich, dass Grace hier war, sie musste also auch dafür sorgen, dass sie gemeinsam entkamen. Verzweifelt versuchte sie, einen positiven Aspekt zu finden. In Büchern und Filmen kamen manche Helden und Heldinnen davon, indem sie sich mit jemandem verbündeten. Sie verdrängte, dass in den meisten Fällen einer der Verbündeten auf der Strecke blieb.
Sie zog den Teppich vom Fußboden und suchte nach einem Spalt. Fast alle Dielenbretter waren massiv, die Spalten aufgefüllt, aber dicht beim Schreibtisch gab es ein Brett mit einem fünf Zentimeter langen Spalt, durch den der darunterliegende, tageslichthelle Raum zu sehen war. »Hallo?«, flüsterte sie.
Zunächst gab es keine Reaktion, dann war unten ein Schlurfen zu hören. Katie konnte durch den Spalt eine dunkle Silhouette erkennen.
»Wer ist da?«, stieß Grace angsterfüllt hervor.
»Ich bin Katie. Ich wurde auch verschleppt. Ist alles in Ordnung mit dir?« Idiotische Frage.
Grace sprach mit tränenerstickter Stimme. »Die Kopfschmerzen bringen mich um. Er hat mich geschlagen. Brutal. Und mein Rücken muss aufgeschrammt worden sein – ich glaube, er hat mir einen Verband angelegt.«
»Er muss mich irgendwie betäubt haben, bevor er mich entführt hat. Ich kann mich an nichts erinnern.« Katie sprach weiter im Flüsterton. Die Frau im Zimmer gegenüber hatte sie gewarnt, dass der Entführer kein Gespräch zwischen ihnen mitbekommen dürfe.
»Ich bin Grace.« Sie klang nicht wie die Protagonistin, die Katie im Sinn gehabt hatte. Der Entführer hatte keine gute Wahl getroffen. Grace hörte sich viel zu naiv an, viel jünger, sogar einsamer. Als würde sie abends im Bett mit ihrem Teddy kuscheln. »Tut er …« – ihr versagte die Stimme – »… tut er dir etwas an?«
»Nicht seit der Entführung«, beruhigte Katie sie. »Er spricht nicht mit mir, stellt bloß etwas zu essen und zu trinken hin.« Sie verschwieg seinen Befehl, etwas zu schreiben. Alles zu seiner Zeit.
»Wie lange bist du schon hier?«
»Einen Tag. Hier oben ist eine weitere Frau eingesperrt, gegenüber von meinem Zimmer, aber ich weiß weder, wann er sie verschleppt hat, noch wer sie ist.«
»Wir sind zu dritt?« Grace begann wieder zu weinen. »Was will er von uns?«
»Ich weiß nicht. Tut mir leid.« Katie drehte es den Magen um. Wie sollte sie ihr gestehen, dass der Entführer sie aufgefordert hatte, Grace aus dem Leben zu schreiben?
Tritte polterten auf der Treppe zum Dachboden.
»Er kommt. Wir reden später weiter.« Katie warf den Teppich auf die Dielen und griff nach einem Buch. Sie setzte sich zitternd auf ihr Heuballenbett.
Die Person kam vor ihrer Tür zum Stehen. Etwas Metallisches wurde abgestellt, dann entfernten sich die Schritte im Flur und verhallten schließlich auf der Treppe.
Nachdem sie ein paar Sekunden gewartet hatte, kniete sich Katie vor die Katzenklappe. Vor den Dachbodenzimmern stand jeweils ein goldenes Tablett, jedes mit einem roten Umschlag, einem Sandwich und einer Karaffe Wein mit dazu passendem Glas.
Die gegenüberliegende Katzenklappe wurde geöffnet, und die Frau erschien, fettige Haare vor dem Gesicht. Selbst aus der Entfernung war erkennbar, dass sie lange nicht mehr gewaschen worden waren. Seit wann saß sie hier fest? Katie hätte sie am liebsten in den Arm genommen und ihr versichert, dass alles gut wird; um im Gegenzug dieselbe Beteuerung zu hören. Nur war die Frau unerreichbar, und nichts war gut.
»Du hast Angst, ich weiß«, begann sie vorsichtig. »Ich auch, aber wir müssen einander helfen, wenn wir fliehen wollen.«
Die Frau schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht.« Sie wich zurück, dann griff sie nach dem Brief. »Tut mir leid.« Ihr Gewisper kroch durch den Flur zu Katie, dann wurde das Gespräch durch das Zufallen der Katzenklappe jäh beendet.
Wieder am Tisch sitzend, versuchte Katie, ihre Enttäuschung zu verdauen, und starrte den Umschlag an. Sie fürchtete sich vor der darin enthaltenen Botschaft, doch am Ende gewann ihre Neugier die Oberhand. Vor dem Fenster wob eine Spinne ihr Netz zwischen den Gitterstäben. Sie hielt kurz inne und hob ein Bein, als wollte sie ihre Kollegin grüßen, die Geschichten spann.
Nachdem Katie den cremefarbigen Briefbogen herausgefischt hatte, las sie die Anweisungen:
Ganz nett, dein Kriminal-Gekrakel,
nur hat es einen schweren Makel.
Ich wollte mörderische Märchen,
kein Wiegenlied für Kuschelbärchen.
Ich muss vor Wut schon fast erröten,
du sollst nicht schonen, sondern töten.
Ich rate, Skrupel aufzugeben,
denn sie muss sterben, willst du leben.
Dein Aschenputtel muss krepieren,
sonst kann ich nichts mehr garantieren.
Für alle gilt die Endlichkeit.
Ihr Tod ist allerhöchste Zeit.
Fünf
Die Uhr ruckelte über die Ziffer zehn, durch das schmale, hohe Fenster war der pupillendunkle Himmel zu sehen. Normalerweise befragte Lyla in diesem heruntergekommenen Raum mit Siebzigerjahre-Ambiente und flauschigem Mobiliar andere Menschen. Nun wurde sie selbst befragt, in einem überdimensionierten Sessel versinkend, neben sich eine Taschentuchpackung, die auf ihre Tränen wartete.
Jimmy saß mit besorgter Miene auf dem Sofa gegenüber. »DCI Winton kommt gleich, sie fordert bei der Forensik ein paar Gefallen ein. Äh – Moment.« Er zuckte zurück, eine Hand auf dem Mund. »Hätte ich das erzählen dürfen? Du bist schließlich eine Zeugin.«
»Keine Sorge, ich weiß ja, wie es läuft«, erwiderte Lyla.
Rebecca trat ein und setzte sich neben Jimmy. »Entschuldige, Lyla, ich musste noch was regeln. Lass uns anfangen, ja? Erzählst du uns bitte, was sich vor fünfundzwanzig Jahren ereignet hat?« Sie schlug einen gedämpften, einfühlsamen Ton an.
Lyla zupfte eine stachelige Feder aus dem Kissen auf ihrem Schoß. »Sei nicht zu nett. Sonst fang’ ich noch an zu heulen und höre nicht mehr auf.«
Sowohl Rebecca als auch Jimmy setzten sich gerader hin und bemühten sich um eine professionelle Miene. Rebecca gelang es besser. »Schön, beginnen wir also nicht mit Gefühlen, sondern mit Fakten.« Sie schaute auf ihre Notizen. »Zum Zeitpunkt des Vorfalls warst du fünfzehn, korrekt?«
Lyla zuckte zusammen. Die Bezeichnung »Vorfall« setzte Allison und ihr Schicksal herab, wie wenn ein Fleischer ein ehemals lebendiges Herz in Schrumpffolie verpackte. »Ja, genau wie Allison.« Ihre Geburtstage lagen nur eine Woche auseinander, sie hatten stets gemeinsam gefeiert. Den Fünfzehnten hatten sie beide nicht zu Hause begehen dürfen, stattdessen waren sie im Kino in Brockenhurst in eine Doppelvorstellung gegangen, Fight Club und The Sixth Sense.
»Erzähl uns von Allison«, schlug Rebecca vor.
»Sie war meine beste Freundin, schon von klein auf. Unsere Mütter haben denselben Geburtsvorbereitungskurs besucht, und wir waren dann gemeinsam in Spielgruppen, im Kindergarten und in der Schule, bis wir Teenager waren.« Diese Fakten waren zwar korrekt, wurden ihrer Beziehung aber nicht gerecht. Sie waren nicht bloß zusammen aufgewachsen, sondern zusammengewachsen. Verbunden und verzahnt – sie wussten ohne Worte, was die andere dachte. Eine Geste, ein Blick, ein Grinsen – mehr brauchte es nicht. Sie waren nur einmal getrennt gewesen, als die dreijährige Allison mit einer Meningitis im Krankenhaus in Poole gelegen hatte, zeitweise taub und blind. Trotzdem war Lyla überzeugt, damals in Gedanken Allisons Flüstern gehört zu haben.
Schwer zu sagen, wann sie sich in Allison verliebt hatte, doch ihre Liebe füreinander war nie erloschen. Sie hatten Familie gespielt und in Allisons Garten zigmal geheiratet. Sie waren davon ausgegangen, ein Leben lang zusammenzubleiben. Das hätte sich in späteren Jahren ändern können; sie hätte sich verändern können. Vielleicht hätten sie sich allmählich entfremdet. Aber Allison war verschwunden, deshalb war ihre gemeinsame Geschichte an jenem Oktobertag steckengeblieben.
»Wie würdest du deine Beziehung zu Allison beschreiben?«, fragte Rebecca, nachdem Lyla eine Zeitlang geschwiegen hatte.
»Wir waren unzertrennlich.« Bis sie getrennt worden waren.
Rebecca nickte ermutigend, als könnte sie Lyla mit jedem Auf und Ab ihres Kopfes weitere Worte entlocken. »Erzähl doch bitte von der Nacht, als sie verschwand.«
»Ich hab bei Allison übernachtet.« Erinnerungen überschlugen sich – sie hatten Carrie, Die Reise ins Labyrinth und Withnail and I auf dem großen Fernseher im Wohnzimmer geschaut. Allison hatte Lylas Haare gehalten, als diese Cointreau und Kirschlikörpralinen erbrochen hatte. Erste Küsse, die nach Zahncreme und Zukunft schmeckten.
»Waren Allisons Eltern zu Hause?«, fragte Jimmy.
»Sue, ihre Mum, hatte ihre wöchentliche Nachtschicht bei den Samaritern in Southampton, sie saß dort am Telefon. Ihr Dad wollte uns nicht stören, er hat in seinem Häuschen hinten im Garten gearbeitet. Als er wieder reinkam, lagen wir schon im Bett, es muss also nach zwei Uhr früh gewesen sein.«
»Du hast in Allisons Zimmer übernachtet?«, fragte Jimmy.
