Boys Don't Cry - Malorie Blackman - E-Book

Boys Don't Cry E-Book

Malorie Blackman

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Beschreibung

Dante hat gerade seinen Abschluss gemacht. Er träumt von der Zukunft, da steht seine Exfreundin mit einem Baby vor der Tür - seinem Baby! Als Melanie verschwindet, muss Dante allein klarkommen. Emma stellt sein Leben komplett auf den Kopf, doch zum Glück sind da noch Dantes pragmatischer Vater und sein jüngerer Bruder. Der Männerhaushalt meistert das Leben mit Baby so gut es geht. Und Dante lernt, seine neue Rolle anzunehmen.

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EPUB
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Seitenzahl: 347

Veröffentlichungsjahr: 2011

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MALORIE BLACKMAN

BOYS DON’T CRY

Aus dem Englischen von Christa Prummer-Lehmair und Katharina Förs

Lübbe Digital

Vollständige E-Book-Ausgabe des in der Bastei Lübbe GmbH & Co. KG erschienenen Werkes Lübbe Digital in der Bastei Lübbe GmbH & Co. KG Die englischsprachige Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel »Boys don’t cry« bei Random House Children’s Books, London Copyright © 2010 by Oneta Malorie Blackman Copyright © 2011: für die deutschsprachige Ausgabe Boje Verlag in der Bastei Lübbe GmbH & Co. KG, Köln Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten Aus dem Englischen von Christa Prummer-Lehmair und Katharina Förs Textredaktion: Katja Theiß, Mainz Umschlaggestaltung: Manuela Städele Einband-/Umschlagmotiv: © plainpicture/Cultura Datenkonvertierung E-Book: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-8387-0826-3 Sie finden uns im Internet unter: www.luebbe.dewww.boje-verlag.de Bitte beachten Sie auch: www.lesejury.de

Für Neil und Lizzy,

in Liebe – wie immer

1 DANTE

Viel Glück heute. Hoffe, du kriegst, was du willst und brauchst.

Lächelnd las ich die SMS, die mir meine Freundin Collette geschickt hatte. Aber ich lächelte nicht lange, dazu war ich zu kribbelig. Donnerstag. Bekanntgabe der A-Level-Ergebnisse, der Abschlussnoten! Zugegeben, ich hätte nicht gedacht, dass ich so nervös sein würde. Ich war mir sicher, gut abgeschnitten zu haben. Das heißt, ich war mir fast sicher. Aber eben dieses fast brachte mich schier um. Zwischen dem Einsammeln der Prüfungsunterlagen und der Benotung lagen unzählige Möglichkeiten. Vielleicht hatte derjenige, der meine Arbeit benotete, am selben Tag sein Auto zu Schrott gefahren oder gerade Beziehungsstress – es konnte Gott weiß was passiert sein, das den Prüfer in eine tierisch schlechte Laune versetzt hatte, die er dann an meiner Arbeit ausließ. Verflucht noch mal! Ein kosmischer Strahl konnte meine Arbeit getroffen und sämtliche Antworten verändert haben – und zwar bestimmt nicht zum Besseren.

»Sei kein Idiot – du hast bestanden«, sagte ich mir.

Es war ganz einfach. Ich musste bestehen. Eine Alternative gab es nicht.

Gute Zensuren in vier Fächern brauchte ich, nicht mehr und nicht weniger. Damit konnte ich zur Uni gehen. Auf und davon, bloß weg von hier. Und auch noch ein Jahr früher als alle meine Freunde.

Du hast bestanden …

Denk positiv! Ich versuchte, von irgendwo ganz tief in meinem Innern Zuversicht zu schöpfen. Dann fühlte ich mich noch idiotischer und hörte wieder auf damit. Aber es war eben doch so, wie Dad immer sagte: »Die Versuchung lauert an jeder Ecke, aber manche Gelegenheit bietet sich nur einmal.« Und ich wusste nur allzu gut, dass die Abschlussergebnisse meine Chance waren, nicht nur durchzustarten, sondern abzuheben und zu fliegen. Dad hatte haufenweise solche Glückskeks-Sprüche auf Lager. Seine »Lebensweisheiten«, wie er sie nannte, waren lauter langweilige Moralsätze, die mein Bruder Adam und ich uns schon tausendmal hatten anhören müssen. Aber wann immer wir uns bemühten, Dad das begreiflich zu machen, entgegnete er: »Ich habe alle Chancen, die mir das Leben bot, vertan. Und ich will verdammt sein, wenn ich zulasse, dass meine Söhne es ebenso machen.« Mit anderen Worten, Pech gehabt!

Dante, hör auf, dir Sorgen zu machen. Du hast bestanden …

Das Studium war ja nur Mittel zum Zweck. Klar freute ich mich auf die Uni, darauf, neue Leute kennenzulernen, neue Dinge zu erfahren, woanders zu wohnen und völlig unabhängig zu sein. Aber ich dachte viel weiter. Sobald ich einen anständigen Job hatte, würde sich alles ändern – oder zumindest, sobald ich mein Studiendarlehen zurückbezahlt hatte. Hauptsache, meine Familie musste nicht mehr jeden Penny zusammenkratzen. Ich konnte mich gar nicht daran erinnern, wann wir das letzte Mal im Ausland in Urlaub waren.

Mit drei ungeduldigen Schritten war ich am Wohnzimmerfenster. Schob den schmutzig grauen, an ein Spitzendeckchen erinnernden Vorhang zur Seite, starrte die Straße auf und ab. An diesem Augustmorgen strahlte die Sonne bereits früh warm und hell. Vielleicht war das ein gutes Omen – wenn man an so etwas glaubte. Was ich, ehrlich gesagt, nicht tat.

Wo zum Teufel blieb der Briefträger?

Wusste er denn nicht, dass er meine ganze Zukunft in seiner Tasche hatte? Schon komisch, ein einziges Blatt Papier würde über den Rest meines Lebens entscheiden.

Ich muss die Prüfung bestehen … unbedingt …

Die Worte geisterten mir im Kopf herum wie ein lästiger Ohrwurm. Noch nie in meinem ganzen Leben hatte ich mir etwas sehnlicher gewünscht. Vielleicht, weil die Prüfungsergebnisse mein Leben waren. Meine ganze Zukunft hing von einem Stück Papier und den paar Buchstaben der Benotung ab – je weiter vorn im Alphabet, desto besser!

Ich ließ den Spitzenvorhang zurückfallen und wischte mir die staubigen Hände an der Jeans ab. Warum fühlte sich der Staub an schmuddeligen Gardinen irgendwie klebrig an? Ich nahm sie kritisch unter die Lupe. Wann waren sie das letzte Mal mit Waschlauge in Berührung gekommen? Sie hingen da, seit ich Mum geholfen hatte, sie anzubringen. Wie lange war das her? Ungefähr neun Jahre, so um den Dreh? Immer wenn ich mit Staubsaugen dran war, saugte ich sie mit dem Staubsaugerrohr ab, in der Hoffnung, auf diese Weise einen Teil des Drecks zu entfernen. Aber mittlerweile war das Gewebe zu brüchig dafür. Dad versprach immer wieder, sie zu waschen oder neue zu kaufen, aber irgendwie schaffte er weder das eine noch das andere. Ich ließ den Blick durch das Zimmer schweifen und überlegte, womit ich mir die Wartezeit vertreiben konnte. Um auf andere Gedanken zu kommen … mich abzulenken …

Wie aufs Stichwort klingelte es. Einen Herzschlag später war ich an der Tür und riss sie voll ängstlicher Erwartung auf.

Es war nicht der Briefträger.

Es war Melanie.

Ich starrte sie an. Erst nach ein paar Sekunden sah ich, dass sie nicht allein war. Ich starrte auf den Buggy neben ihr.

»Hallo, Dante.«

Ich sagte kein Wort. Meine ungeteilte Aufmerksamkeit galt dem Baby im Buggy.

»K-kann ich reinkommen?«

»Ähm … ja, sicher. Natürlich.« Ich trat beiseite. Melanie schob den Buggy an mir vorbei. Stirnrunzelnd schloss ich die Tür hinter ihr. Sie blieb im Flur stehen und kaute auf ihrer Unterlippe herum. Abwartend sah sie mich an, wie eine Schauspielerin, die auf ihren Einsatz wartet. Dabei wusste sie doch, wo das Wohnzimmer war, sie kannte unser Haus.

»Geh ruhig rein.« Ich deutete auf die offene Tür.

Als ich ihr folgte, schwirrten die Gedanken in meinem Kopf herum wie Bienen. Was tat die denn hier? Ich hatte sie ewig nicht gesehen … mindestens anderthalb Jahre. Was wollte sie?

»Bist du Babysitterin?« Ich zeigte auf das Bündel im Buggy.

»Ja, könnte man so sagen«, antwortete Melanie und sah sich die vielen Familienfotos an, die Dad links und rechts von Mums Lieblingsvase aus Bleikristall auf der Fensterbank und überall im Raum aufgestellt hatte. Auf manchen war ich, auf mehr davon Adam; die meisten jedoch zeigten Mum. Nur aus dem letzten Jahr vor ihrem Tod gab es keine. Ich weiß noch, dass Dad sie damals fotografieren wollte – er knipste ständig –, aber Mum hatte es nicht zugelassen. Und nach ihrem Tod hatte Dad die Kamera nicht wieder in die Hand genommen. Mel ließ den Blick von Foto zu Foto gleiten, studierte jedes eingehend. Ehrlich gesagt wusste ich nicht, was daran so faszinierend war.

Während Melanie mit den Fotos beschäftigt war, nutzte ich die Gelegenheit, sie richtig anzusehen. Sie wirkte wie immer, vielleicht ein bisschen schlanker, aber das war auch schon alles. Zu ihren schwarzen Jeans trug sie ein hellblaues T-Shirt, darüber eine dunkelblaue Jacke. Ihre dunkelbraunen Haare schienen kürzer als früher, kürzer und stacheliger. Aber sie war nach wie vor umwerfend, mit den größten braunen Augen, die ich je gesehen hatte, eingerahmt von den längsten dunkelsten Wimpern. Ich warf einen kurzen Blick auf das Bündel im Buggy, das wie gebannt die Lampe in der Mitte der Zimmerdecke betrachtete.

»Wie heißt es?«

»Sie heißt Emma.« Pause. »Möchtest du sie mal nehmen?«

»Nein. Ich meine, ähm, … nein, danke.« Meine Antwort kam in panischer Hast. War Melanie denn komplett irre? Auf keinen Fall wollte ich ein Baby halten. Und sie hatte mir immer noch nicht verraten, was sie eigentlich hier wollte. Nicht dass ich mich nicht über ihren Besuch gefreut hätte. Aber es war eben schon so lange her. Melanie war vor über anderthalb Jahren von der Schule abgegangen und seitdem hatte ich weder etwas von ihr gesehen noch gehört. Auch sonst hatte das keiner, soweit ich wusste.

Und jetzt war sie bei mir zu Hause.

Als hätte sie meine Gedanken gelesen, sagte sie: »Ich bin weggezogen zu meiner Tante und nur für einen Tag hier, um eine Freundin zu besuchen. Da ich gerade in der Nähe war, dachte ich, ich könnte mal vorbeischauen. Ich hoffe, es stört dich nicht.«

Ich schüttelte den Kopf und rang mir ein Lächeln ab. Plötzlich war ich verlegen.

»Genau genommen reise ich heute noch ab«, fuhr Melanie fort.

»Zurück zu deiner Tante?«, fragte ich.

»Nein. Hoch in den Norden. Ich werde eine Weile bei Freunden wohnen.«

»Schön.«

Schweigen.

»Kann ich dir was anbieten? Was zu trinken?«, sagte ich schließlich.

»Mmh … einen Schluck Wasser vielleicht. Wasser wäre gut.«

Ich ging in die Küche und füllte ein Glas am Wasserhahn. »Bitte.« Zurück im Wohnzimmer reichte ich es ihr.

Das Glas zitterte ein wenig, als Melanie es an die Lippen hob. Nach zwei oder drei Schlucken stellte sie es auf dem Fensterbrett ab. Dann zog sie eine Schachtel aus ihrer Jackentasche, nahm eine Zigarette heraus und steckte sie sich zwischen die Lippen. »Macht’s dir was aus, wenn ich rauche?«, fragte sie, während sich die Flamme ihres Feuerzeugs längst dem Zigarettenende näherte.

»Ähm … Mir nicht, aber Dad und Adam schon. Besonders Adam. Der ist ein fanatischer Nichtraucher, und sie kommen beide bald nach Hause.«

»Wie bald?«, fragte Melanie scharf.

Ich zuckte die Schultern. »In einer halben Stunde oder so.«

Warum klang ihre Stimme so angespannt? Einen Augenblick lang hatte sie fast … panisch gewirkt.

»Ach, gut. Na ja, bis dahin hat sich der Geruch verzogen«, meinte Mel und zündete sich ungerührt die Zigarette an.

Verdammt. Ehrlich gesagt war ich auch nicht gerade scharf auf den Qualm. Melanie zog an der Zigarette, als wollte sie den gesamten Tabak darin einsaugen. Sie schloss ein paar Sekunden lang die Augen, ehe sie durch die Nasenlöcher graue Rauchkringel ausstieß. Potthässlich sah das aus. Und der Geruch breitete sich unaufhaltsam im Raum aus. Ich seufzte innerlich. Adam würde durchdrehen. Schließlich öffnete Melanie die Augen und ließ ihren Blick über mich gleiten, sagte aber kein Wort. Noch einmal inhalierte sie, als wäre die Zigarette eine Sauerstoffflasche und ihre einzige Luftquelle.

»Ich wusste gar nicht, dass du rauchst«, bemerkte ich.

»Hab vor etwa einem Jahr angefangen. Eines der wenigen Vergnügen, die mir geblieben sind«, erklärte sie.

Wir beäugten einander. Ein Schweigen, angespannt wie ein straffes Gummiband, breitete sich zwischen uns aus. Meine Güte. Was sollte ich jetzt bloß sagen?

»Also … wie geht’s dir? Was hast du so getrieben?« Erbärmliche Fragen, aber mehr fiel mir nicht ein.

»Ich habe mich um Emma gekümmert«, antwortete Melanie.

»Ich meine, abgesehen davon?«, hakte ich mit leichter Verzweiflung nach.

Ein leises Lächeln umspielte einen von Melanies Mundwinkeln. Sie zuckte die Schultern, sagte aber nichts darauf. Stattdessen wandte sie den Kopf ab, um sich weiter im Zimmer umzusehen.

Schweigen.

Das Baby fing an zu brabbeln.

Wenigstens ein Geräusch, das die irritierende Stille durchbrach.

»Und du?«, fragte Melanie, hob das Baby aus dem Buggy und drückte es mit dem linken Arm an sich, während sie die Zigarette in den rechten Mundwinkel schob. »Was hast du so getrieben?« Sie blickte mich dabei nicht an, sondern ließ ihre Augen auf dem Ding auf ihrem Arm ruhen. Das Ding brabbelte lauter und versuchte sich enger an sie zu kuscheln. »Wie sehen deine Pläne aus, Dante, jetzt nach den Prüfungen?«

Zum ersten Mal, seit sie hier war, richtete sie offen den Blick auf mich und wandte ihn nicht gleich wieder ab. Und der Ausdruck in ihren Augen war erschreckend. Ihr Gesicht hatte sich gar nicht so sehr verändert, seit ich sie zuletzt gesehen hatte, ihre Augen hingegen schon. Sie wirkten … irgendwie älter. Und trauriger. Ich schüttelte den Kopf. Da ging nur mal wieder die Fantasie mit mir durch. Melanie war nicht mehr oder weniger gealtert als ich.

»Momentan warte ich auf die Ergebnisse«, entgegnete ich. »Sie sollten eigentlich heute kommen.«

»Was meinst du, wie du abgeschnitten hast?«

Ich kreuzte die Finger und hielt sie hoch. »Ich hab mich total reingehängt, aber wenn du das jemandem verrätst, wirst du das bereuen!«

»Gott bewahre! Dass nur bloß niemand herausfindet, dass du … tatsächlich gelernt hast. Keine Angst, bei mir ist dein Geheimnis sicher«, sagte Melanie lächelnd.

»Wenn ich bestanden habe, gehe ich zur Uni und studiere Geschichte.«

»Und danach?«

»Journalismus. Ich möchte Reporter werden und Artikel schreiben, die jeder lesen will.«

»Etwa für eines dieser Klatschmagazine?«, hakte Melanie nach.

»Himmel, nein! Doch kein Promireporter. Wie langweilig wäre das denn, untalentierte Hohlköpfe zu interviewen, die nur deswegen berühmt sind, weil sie ständig in den Medien präsent sind. Nein, danke«, erwiderte ich und lief allmählich für das Thema warm. »Ich will richtige Nachrichten schreiben. Über Kriege und Politik und solches Zeug.«

»Ah, das klingt schon mehr nach dem Dante, den ich kenne«, sagte Melanie. »Warum?«

Die Frage überraschte mich. »Wie bitte?«

»Warum reizt es dich so, über solches Zeug zu berichten?«

Ich zuckte die Achseln. »Mir ist die Wahrheit wichtig, denke ich. Jemand muss dafür sorgen, dass die Wahrheit berichtet wird.«

»Und dieser Jemand bist du?«

Ich hatte wohl ziemlich wichtigtuerisch geklungen. Verlegen lächelte ich. »Wusstest du das denn nicht? Dante Leon Bridgeman ist nur mein Erdenname. Auf meinem Heimatplaneten nennt man mich Dantel-Eon, Kämpfer für Wahrheit und Gerechtigkeit und freie Computerspiele für alle.«

Melanie schüttelte den Kopf, ihre Lippen zuckten. »Allmählich fällt mir wieder ein, warum ich dich so mochte.«

Mochte? »Vergangenheitsform?«

Sie warf einen kurzen Blick auf das Baby in ihren Armen. »Ich hatte andere Dinge im Kopf, seit wir uns getrennt haben, Dante.«

»Zum Beispiel?«

»Zum Beispiel Emma.«

»Wessen Baby ist sie? Ist sie mit dir verwandt?«

Genau in diesem Augenblick fing das Baby zu quengeln an. Verdammt! Es klang, als stimmte es sich auf ein langes, lautes Gebrüll ein.

»Sie braucht eine frische Windel«, erklärte Melanie. »Nimm sie mal kurz. Ich muss meine Zigarette entsorgen.«

Melanie hielt mir das Baby entgegen und drehte sich bereits weg, sodass ich keine andere Wahl hatte, als es zu nehmen. Sie verließ den Raum und ging in die Küche. Die Zigarette zu entsorgen, war mittlerweile eigentlich überflüssig, denn inzwischen stank sowieso der ganze Raum nach Qualm. Das Baby am ausgestreckten Arm zog ich den Kopf in den Nacken wie eine Schildkröte, um die größtmögliche Distanz zwischen mich und das Ding zu bringen. Ich hörte Wasser aus dem Hahn laufen, dann den Deckel des Abfalleimers zuklappen. Da ich es kaum erwarten konnte, dieses Ding in meinen Händen wieder loszuwerden, horchte ich angespannt.

Mel kam zurück. Mit geübtem Griff öffnete sie die überdimensionale marineblaue Tasche, die hinten am Buggy hing, holte eine blassgelbe Plastikmatte mit buntem Blumenmuster heraus, legte sie auf den Boden und strich sie glatt. Dann förderte sie noch eine Wegwerfwindel, eine kleine orangefarbene Plastiktüte und einige Feuchttücher zutage. Mit einem geknickten Lächeln nahm Melanie mir das Baby ab, was ich widerstandslos geschehen ließ. Mein erleichterter Seufzer war lauter als beabsichtigt. Aber verdammt! So bald wollte ich das nicht noch mal erleben. Ich sah zu, wie Melanie sich auf den Teppich kniete, um das Baby auf die Plastikmatte zu legen. Während ich die Fenster zum Lüften öffnete, fing Mel an, lauter albernes Zeug zu reden.

So was wie: »Soll ich dir die Windel wechseln? Ja, du bekommst eine schöne frische Windel. Das ist fein, nicht wahr?«  

Und es sollte noch schlimmer kommen. Zu meinem Entsetzen knöpfte Melanie nämlich jetzt den gelben einteiligen Strampelanzug auf und zog behutsam die Babybeinchen heraus. Sie hatte doch hoffentlich nicht ernsthaft vor, das Wickeln hier auf unserem Teppich zu erledigen? Sah ganz danach aus. Heftig! Ich wollte sie davon abhalten, aber mir fiel rein gar nichts ein, was ich hätte sagen können. Wie gelähmt sah ich zu, wie Melanie die Wegwerfwindel aufriss.

Igitt!

Die Windel quoll über vor Kacke. Klebriger, ekliger, megastinkender Babykacke. Erstaunlicherweise gelang es mir, mein Frühstück bei mir zu behalten. Trotzdem wich ich blitzartig zurück und flüchtete mich in die entlegenste Ecke. Fast als hätte die Windel Beine bekommen und würde mich durchs Zimmer jagen.

»Schau ruhig zu«, meinte Melanie. »Da kannst du was lernen.«

Ja, klar!

»Es ist ganz einfach«, fuhr Melanie fort. »Du hebst ihre Beine an den Fersen leicht an, bis sich der Po von der Windel löst, dann wischst du sie schön ordentlich sauber.« Melanie ließ die Tücher auf die schmutzige Windel fallen. »Anschließend ziehst du die alte Windel unter dem Po hervor und legst eine saubere drunter. Danach klebst du sie zu, nicht zu fest und nicht zu locker. Siehst du? Es ist wirklich einfach, so einfach, dass sogar du es schaffen würdest.«

»Ja, aber warum sollte ich das wollen?«, fragte ich.

Also im Ernst, puh!

Nachdem Melanie die dreckige Windel in der orangefarbenen Plastiktüte verstaut und diese oben verknotet hatte, knöpfte sie den Strampelanzug wieder zu, drückte Emma an sich und wiegte sie sanft. Die unglaublich langen Wimpern des Babys streiften seine Wangen, als es die Augen schloss. Melanie reichte mir die Tüte mit der schmutzigen Windel. Ich zuckte entsetzt zurück.

»Kannst du das bitte in euren Mülleimer werfen?«, bat sie lächelnd.

»Ähm … Die Küche ist noch da, wo sie vorher war – das kannst du genauso gut selbst erledigen.«

»Hältst du dann bitte Emma so lange?«

O Gott. Kacke oder Baby? Baby oder Kacke?

Ich nahm Mel die Windeltüte ab und hielt sie mit spitzen Fingern auf Armeslänge. Vorsichtig setzte ich mich damit in Bewegung, entschied mich dann aber spontan für eine Eilbeförderung. Eindeutig die bessere Wahl. Ich sprintete also in die Küche, ließ die Tüte in den Treteimer fallen und schrubbte mir anschließend die Hände im Spülbecken wie ein Chirurg vor der Operation. Mels Gelächter im Ohr kehrte ich zurück ins Wohnzimmer. Melanie sah mich amüsiert an und lächelte, dass sich Fältchen um ihre Augen bildeten. Ich kapierte nicht ganz, was so komisch war, aber Mels breites Grinsen rief eine Menge unerwünschter Erinnerungen wach. Erinnerungen an Ereignisse, die ich zwar nicht vergessen, aber irgendwo so tief vergraben hatte, dass ich kaum noch an sie herankam. Ich setzte mich, verwirrter denn je. Was wollte Melanie eigentlich hier? Dass sie gerade in der Nähe gewesen war, klang nicht wirklich plausibel.

»Mel, warum …«

»Pscht. Sie ist eingeschlafen«, flüsterte Melanie. Sie legte das Baby so sanft zurück in seinen Buggy, dass es sich nicht rührte. Dann richtete sie sich auf und kaute wieder auf ihrer Unterlippe herum. Ich blieb sitzen. Plötzlich, wie aus einer spontanen Eingebung heraus, griff Melanie in ihre überdimensionale Tasche und zog ein gefaltetes, beige-rosa Blatt Papier heraus.

»Lies das«, sagte sie und streckte mir das Blatt hin.

Ich zögerte. »Was ist das?«

»Lies!«

Stirnrunzelnd nahm ich ihr das Papier aus der Hand und faltete es auseinander.

Ich starrte sie an. »Du … du bist die Mutter?«

Melanie nickte langsam. »Dante, ich … ich weiß nicht, wie ich es dir … na ja, schonend beibringen soll.«

Sie brauchte gar nichts zu sagen. Die Geburtsurkunde erklärte eine ganze Menge und sagte dennoch zu wenig. Melanie hatte ein Baby. Sie war Mutter. Es machte mir ziemliche Mühe, das zu verdauen. Melanie war in meinem Alter. Und sie hatte ein Kind?

»Dante, ich muss dir was sagen …«

Mel war noch nicht mal neunzehn. Wie konnte sie so blöd sein, in unserem Alter schwanger zu werden? Hatte sie noch nie von der Pille gehört? Kinder waren was für Leute Ende dreißig mit Hypotheken und festen Jobs und einem dicken Bankguthaben. Kinder waren was für jene traurigen Figuren, die nichts anderes mit ihrem Leben anzufangen wussten.

»Dante, hörst du mir zu?«

»Hä?« Es wollte mir immer noch nicht in den Kopf, dass Mel Mutter war.

Melanie holte tief Luft, dann gleich darauf noch einmal. »Dante, du bist der Vater. Emma ist unsere Tochter.«

2 ADAM

Wie ätzend war das denn? Ich war schon mit mörderischen Kopfschmerzen aufgewacht und von da an lief alles nur noch schief. Unten beim Frühstück beging ich den Fehler, mir anmerken zu lassen, wie sehr mir der Schädel dröhnte.

»Schon wieder Kopfschmerzen, Adam?«, erkundigte sich Dad stirnrunzelnd, als ich mich an den Küchentisch setzte.

Ich nickte. Eine gigantische Gnuherde trampelte durch meinen Kopf. Wieder einmal.

»Schlimm dieses Mal?«, fragte Dad.

»Schon einigermaßen.« Ich rieb mir mit den Fingern die Schläfe. Seit ein paar Wochen hatte ich in unregelmäßigen Abständen wirklich schlimme Kopfschmerzen.

»Warum springst du nicht mal über deinen Schatten und versuchst es mit Schmerztabletten?«, grummelte mein Bruder Dante.

»Weil mein Körper ein Tempel ist«, informierte ich ihn. »Du weißt, dass ich nichts davon halte, Pillen einzuwerfen.«

»Bei Kopfschmerzen ein paar Paracetamol zu nehmen, hat wohl kaum etwas mit Pillen einwerfen zu tun«, argumentierte Dante.

»Ich nehme grundsätzlich keine Tabletten, okay?«, fuhr ich ihn an.

»Dann leide eben«, meinte Dante gleichmütig.

»So geht’s nicht weiter, Adam«, mischte sich Dad ein. »Du musst jetzt wirklich mal zum Arzt.«

Auf keinen Fall. Definitiv nicht! »So schlimm ist es nicht, Dad«, wehrte ich rasch ab.

»Adam, du hast in letzter Zeit viel zu oft Kopfschmerzen.«

»Das kommt von der Hitze«, erklärte ich und schob meine Schüssel Cornflakes beiseite. Schon beim bloßen Anblick hätte ich am liebsten gekotzt. »Ich muss mich nur ein bisschen hinlegen. Es fühlt sich an, als bekäme ich eine Migräne.«

»Das mit deinen Kopfschmerzen geht jetzt seit dem Spiel gegen die Colliers Green School«, meinte Dante nachdenklich. »Bist du sicher, dass du …?«

»Fang du nicht auch noch an«, fuhr ich ihn an.

Dante bedachte mich mit einem frostigen Blick. »Oh, entschuldige, dass mir deine Gesundheit am Herzen liegt.«

»Ich kann es einfach nicht ertragen, wenn du dich aufführst wie eine Glucke«, teilte ich meinem Bruder mit. Das war ein bisschen unfair, ich weiß. Aber in meinem Wortschatz gab es nur ein Wort, das schlimmer war als »Arzt«, nämlich »Krankenhaus«. Schon trat mir der Schweiß aus allen Poren – und ich hasse es, zu schwitzen.

»Was für ein Spiel?«, erkundigte sich Dad.

»Das war keine große Sache«, sagte ich. Ich wollte das jetzt wirklich nicht ausdiskutieren.

»Adam hat einen Ball an den Kopf gekriegt«, erklärte Dante. »Aber gottlob ist sein Kopf ja vollkommen leer, deshalb wurde nichts beschädigt.«

»Adam, das hast du mir ja gar nicht erzählt«, sagte Dad vorwurfsvoll.

»Es gab nichts zu erzählen«, entgegnete ich. »Ich habe den Ball geköpft, hätte mich stattdessen aber wohl besser ducken sollen.«

»Dass sie dich überhaupt für das Spiel aufgestellt haben, überrascht mich sowieso«, meinte Dante. »Da hatten sie wohl null Wahl.«

»Hör mal Dante, warum scherst du dich nicht zum …?« Ich war kurz davor, ihm gründlich die Meinung zu geigen.

»Dante, das ist wirklich nicht gerade hilfreich«, sagte Dad.

»Dann sag ich eben gar nichts mehr«, schmollte mein Bruder und konzentrierte sich wieder auf seine Schüssel mit Haferflocken.

»Dad, ich muss nicht zum Arzt. Es sind doch bloß Kopfschmerzen.« Die wegen Dante und Dad nur schlimmer wurden. Ich brauchte nichts weiter als einen dunklen, ruhigen Ort.

Dad schüttelte den Kopf. »Adam, warum hast du nur so eine Abneigung gegen alles Medizinische?«

»Nicht gegen alles. Gegen ein Heftpflaster habe ich nicht das Geringste einzuwenden.«

Dad erhob sich abrupt. »Schluss. Aus. Dieses Mal kommst du mir nicht so davon, Adam. Zieh deine Schuhe an. Ich bringe dich zum Arzt.«

Nein. Nein. NEIN.

»Musst du nicht zur Arbeit? Wenn wir jetzt zum Arzt fahren, müssen wir mindestens eine Stunde warten, bevor wir drankommen«, sagte ich. Verzweiflung stahl sich in meine Stimme.

»Da kann man nichts machen«, entgegnete Dad ungerührt. »Allein kriegst du es nicht auf die Reihe, deshalb muss ich eben mit.« Er wandte sich zum Gehen. »Ich rufe bei der Arbeit an und gebe Bescheid, dass ich später komme. Du machst dich inzwischen fertig, Adam.«

Als Dad den Raum verlassen hatte, hob Dante den Kopf und grinste mich an.

»Dante, du musst mich da rauspauken«, flehte ich.

»Geht nicht, Kumpel. Dieses Mal nicht. Tut mir leid«, sagte Dante feixend. Es tat ihm überhaupt nicht leid. »Sieh’s doch mal so: Du musst nur zum Arzt, nicht an den gefürchteten Ort mit ›K‹.«

»Herzlichen Dank auch«, brummelte ich finster.

»Gern geschehen, Arschgesicht«, sagte mein Bruder. »Jederzeit wieder.«

Da saß ich nun in unserem Auto, direkt auf dem Weg zum Arzt. Und mir fiel beim besten Willen nichts, aber auch gar nichts ein, wie ich das verhindern konnte.

3DANTE

Melanies Worte trafen mich wie eine Kugel zwischen die Augen. Ich starrte sie an, suchte in ihrem Gesicht nach einem Zeichen, irgendeinem Zeichen dafür, dass sie einen Scherz gemacht hatte. Doch Melanie verzog keine Miene. Ich sprang aus dem Lehnsessel auf, um ihr eine Retourkutsche für das zu verpassen, was sie gesagt hatte, aber meine Knie gaben nach und ich sackte wieder in den Sessel. Dabei hielt ich den Blick unverwandt auf Melanies Gesicht gerichtet. Ich sagte nichts. Konnte nichts sagen. Konnte nicht denken, so sehr hämmerte mein Herz.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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