Brennende Gischt - Sabine Weiß - E-Book

Brennende Gischt E-Book

Sabine Weiß

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6,99 €

Beschreibung

Die entstellte Leiche eines Sylter Pastors im Keller eines ausgebrannten Hauses. Eine Wasserleiche am Strand. Ein alter Mann, vergiftet mit einem Drogencocktail. Kaum meinen Liv Lammers und ihre Kollegen von der Flensburger Kriminalpolizei, eine heiße Spur zu haben, geschieht ein neuer Mord und rückt alles in ein völlig neues Licht. Unter der glänzenden Oberfläche tun sich Abgründe auf - auch bei der Polizei. Denn ein Unbekannter platziert "Beweise", um Livs Ermittlungen in die falsche Richtung zu lenken ...

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EPUB

Seitenzahl: 457

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Inhalt

Cover

Über die Autorin

Titel

Impressum

Prolog

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Anmerkung und Dank

Über die Autorin

Sabine Weiß, Jahrgang 1968, arbeitete nach ihrem Germanistik- und Geschichtsstudium als Journalistin. 2007 veröffentlichte sie ihren ersten Historischen Roman, der zu einem großen Erfolg wurde und dem viele weitere folgten. Sie liebt es, im Camper auf den Spuren ihrer Figuren zu reisen, um direkt an den Schauplätzen zu recherchieren. Nach SCHWARZE BRANDUNG ist BRENNENDE GISCHT ihr zweiter Kriminalroman. Sabine Weiß lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in der Nähe von Hamburg.

Sabine Weiß

BRENNENDEGISCHT

Sylt-Krimi

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

Copyright © 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Stefanie Kruschandl, Hamburg

Das Gedicht auf S. 195f. sowie seine Übersetzung wurden mit freundlicher Genehmigung zitiert nach: Nils Århammar: Die Syltringer Literatur. In: Margot und Nico Hansen (Hrsg.): Sylt. Geschichte und Gestalt einer Insel. Itzehoe-Voßkate 1967, S. 220-230, hier S. 226.

Titelillustration: © Nejron Photo/shutterstock; © set/shutterstock; © Nejron Photo/shutterstock; © 44111/shutterstock; © Lightboxx/shutterstock; © stefan johansson/shutterstock

Umschlaggestaltung: Manuela Ständele-Monverde

eBook-Erstellung: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-5655-7

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Prolog

Eine letzte Berührung noch, dann war es getan. In seinen Adern prickelte es, als der Körper unter ihm erkaltete. Es war ein köstliches Gefühl, ganz so, als ob der Lebensgeist des anderen auf ihn übergehen würde. Mit dem Absterben der letzten Körperzelle war dieses mickrige Leben vorbei. Er hingegen blühte auf. Nie hätte er für möglich gehalten, was mit ihm geschah. Jeden anderen hätte das, was er in den letzten Stunden erfahren hatte, zerschmettert. Aber ihn hatte es befreit. Endlich hatte sich ihm die Wahrheit offenbart. Ihn traf keine Schuld – tief in seinem Inneren hatte er es schon immer gewusst.

Solange es ging, genoss er die Nähe des Toten. Befriedigt bemerkte er, dass sich auf Hals und Nacken Leichenflecke bildeten. Es fiel ihm schwer, sich von dem Leichnam zu trennen. Er wollte zusehen, wie sein Opfer sich zersetzte, wie es verfaulte, verging. Dieser Tote war sein Werk. Er war der Schöpfer seines Schicksals. Von nun an würde es für ihn keine Grenzen mehr geben.

1

Braderup, Donnerstag, 13. Oktober, 19:26 Uhr

Im letzten Augenblick schnappte die Zentralverriegelung zu. Der Mann hämmerte von außen gegen das Glas – so heftig, dass das Autofenster knirschte. Der Schlüssel klirrte in ihren Fingern. Ihr Herz stolperte. Panik trieb ihr Tränen in die Augen. Sie trat das Gaspedal durch. Aufheulend bäumte der Wagen sich auf und holperte über die Feldmark. Heidekraut und Buschwerk kratzten am Unterboden. Der Lichtregler, sie fand ihn nicht. Unvermittelt schrammten die Scheibenwischer über das Glas. Endlich flammten die Scheinwerfer auf. Da war der Pfad! Erleichterung durchströmte sie.

Sie wusste, dass es besser wäre zu bleiben. Es über sich ergehen zu lassen. Die Sache hinter sich zu bringen. Aber das war leichter gesagt als getan. Sie hatte seine Wut bereits erlebt. Andere Menschen konnten sich so etwas schwer vorstellen.

Hinter sich hörte sie ihn schreien. Sie trat das Gaspedal durch. Der Wagen schlingerte, ehe er in ein Schlagloch krachte und stecken blieb. Sie zuckte zusammen, als die Faust erneut das Dach traf. Da war er wieder. Sein Schattenriss zeichnete sich bedrohlich vor dem Nachthimmel ab. Hassblitzende Augen. Geiferbeschlagene Scheiben. Todesangst schnürte ihr den Atem ab. Wenn er sie jetzt in die Finger bekäme, würde es übel enden, das wusste sie. Die Reifen drehten durch, aber der Wagen kam nicht vom Fleck. Ihr Atem zitterte, und beinahe musste sie erbrechen. Die Luft war dick, sie stank nach Schweiß und Sperma, nach Abgasen und Gummi. Jetzt bückte er sich. Was hatte er vor? Beim Hochkommen wog er einen Stein in der Hand. Verzweifelt stemmte sie erneut den Fuß auf das Pedal. »Allmächtig Göt ön Hemel, biwaari üüs«, stieß sie hervor.

2

Flensburg, 19:55 Uhr

Es klingelte.

Schon wieder.

Liv ließ ihre Großmutter mit den Fernsehnachrichten allein und öffnete.

»Können wir zu Sanna?« Zwei Mädchen, hibbelig von einem Fuß auf den anderen tretend. Hochgebundene Zöpfe, dezent geschminkt, in den Händen Smartphones und Chipstüten.

»Na, ihr lasst es ja zum Ende der Ferien nochmal so richtig krachen.« Liv ließ die Freundinnen ihrer Tochter herein und verbiss sich ein Grinsen. »Bleibt ihr über Nacht, oder werdet ihr nachher von euren Eltern abgeholt?«

Die Mädchen kicherten verschwörerisch. »Das ist doch keine Übernachtungsparty, Frau Lammers.«

Liv rief nach ihrer Tochter. Natürlich hörte Sanna nichts. Wie auch, bei der lauten Musik und dem Gelächter? Wie viele Freundinnen waren inzwischen in Sannas kleinem Zimmer? Sechs? Acht? Ob die Jugendlichen daran dachten, zwischendurch auch mal das Fenster zu öffnen? Oder brauchten Vierzehn- und Fünfzehnjährige keine Luft?

»Wir wissen ja, wo sie ist.«

Schon stürmten die Mädchen die Treppe hoch. Unter großem Hallo wurden sie begrüßt. Irgendjemand drehte die Musik noch etwas lauter, und nun sangen die ersten mit. Das überdrehte Gackern der Jugendlichen war bis ins Wohnzimmer zu hören. Unwillkürlich musste Liv lächeln. War sie auch so gewesen? Sie konnte sich nicht daran erinnern, obwohl ihre eigene Jugend noch nicht so lange her war; sie war ja erst neunundzwanzig. Die Mädchen hatten auf jeden Fall Spaß. Und was noch besser war: Sie hingen nicht irgendwo herum.

Nach der Achterbahnfahrt der letzten Monate war es außerdem schön, dass Sanna mal wieder gute Laune hatte. Liv war mit sechzehn Mutter geworden und hatte ihrer Tochter verschwiegen, wer der Vater war. Erst vor drei Monaten hatte sie es Sanna notgedrungen erzählen müssen – und seitdem hing der Haussegen noch öfter als sonst bei einer pubertierenden Tochter schief. Liv hatte auf die Sommerferien gehofft, auf die gemeinsame Fahrt mit dem VW-Bus durch Schottland, aber ständiger Regen hatte dazu geführt, dass sie sich nur noch mehr auf die Nerven gegangen waren. Der Herbst bot die Zeit für einen Neuanfang.

Nun scheuchte Liv liebevoll ihren Hund vom Sofa und setzte sich neben Elise. Die alte Dame konsumierte die Nachrichten wie ein Hörspiel, strickend und ohne auf die Bilder zu achten, was wohl auch besser für das seelische Gleichgewicht war.

»Bist du sicher, dass ich dich mit diesem Hühnerhaufen allein lassen kann?«, fragte Liv.

Ihre Großmutter schmunzelte. »Mit denen werde ich schon fertig, die sind doch drollig. Außerdem hat es auch Vorteile, wenn mit Mitte siebzig das Gehör nachlässt.«

Liv drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Elises Humor und Toleranz waren einfach großartig. Was wäre sie nur ohne ihre kleine Familie, die lediglich aus Tochter und Großmutter bestand? An der Garderobe band Liv ihre langen blonden Haare zum Chignon und schlüpfte in Bikerboots, bevor sie ihre Jacke und die Tasche mit den Drumsticks holte. Sie freute sich auf die Bandprobe.

In diesem Augenblick klingelte es wieder. Dieses Mal war es jedoch nicht die Tür, sondern ihr Handy. Ihr Kollege Hennes.

Liv pfefferte in düsterer Vorahnung die Schlagzeugstöcke in die Vitrine und nahm das Gespräch an. Ihre Bandkollegen würden wenig begeistert sein, wenn die Schlagzeugerin vor ihrem ersten Konzert die Probe ausfallen ließ.

»Was ist los?« Sie lauschte konzentriert. »Gib mir fünf Minuten, um ein paar Sachen zusammenzupacken.« Als sie geendet hatte, sah ihre Großmutter sie fragend an.

»Ich muss nach Sylt, heute noch«, sagte Liv.

»Ach je, der arme Mensch«, meinte Elise bedrückt. Liv tat es leid, dass ihr Job die alte Dame belastete, aber sie arbeitete nun mal bei der Mordkommission. »Und dann noch auf Sylt, wenn das man gut geht!« Elise schüttelte die flott gestuften Haare und fing sich wieder. »Wohin musst du genau?«

»Nach Braderup.«

»Wenigstens besteht da keine Gefahr, dass du Ocke über den Weg läufst …«

Liv lächelte bemüht. Ihr Vater war nicht mehr sehr mobil. Was ihn nicht weniger gefährlich machte. Und dann war da noch ihre Schwester, die ebenfalls in Morsum lebte.

Als sie aus dem Haus trat, lag Flensburg unter ihr wie eine Spielzeugstadt. Die bunten Lichter der vielen Bars und Restaurants am Hafenrand funkelten im Dunkel. Eine späte Yacht lief in die Förde ein. Über Jürgensby lag der Herbstdunst. Vor den alten Kapitänshäusern nickten die letzten Dahlien im Wind. Sie lief ein paar Schritte den Stadthügel hinunter, doch da holperte der Dienstwagen der Flensburger Polizei schon über das Kopfsteinpflaster auf sie zu. Der Einsatz konnte beginnen.

Auf Sylt gab es zwar eine Kriminalpolizei, wenn es jedoch um Verbrechen gegen das Leben ging, rückten K1 und K6, Mordkommission und Kriminaltechnik, aus der Fördestadt an.

»Na, das muss ja ein Freudentag für dich sein. Endlich wieder in die alte Heimat«, begrüßte Hennes sie und gab Gas, kaum, dass Liv saß.

»Ich würde es keinen Freudentag nennen, wenn ein Mensch umgebracht wurde«, sagte Liv trocken. Sie war zwar auf Sylt geboren worden und dort aufgewachsen, hatte aber ein gespaltenes Verhältnis zu der Nordseeinsel. Vor Jahren hatte sie sich geschworen, keinen Fuß mehr auf Sylter Boden zu setzen. Aber dann war sie im letzten Mai zu einem Mordfall gerufen worden, und Sylt hatte sie erneut in seinen Bann geschlagen. Schnell schnallte sie sich an; bei dem Tempo, das Hennes an den Tag legte, schien er den letzten Autozug noch erreichen zu wollen. Ansonsten blieb ihnen nur ein Bummelzug – und dann mussten sie den Wagen auf dem Festland stehen lassen.

Hennes klemmte sich eine selbstgedrehte Zigarette hinter das Ohr. Im Zwielicht warfen die schulterlangen, dünnen Haare und die huckelige Nase Schatten auf das Gesicht des Endfünfzigers.

»Botersen-Evers und die anderen Spusis sind unterwegs. Ich hab schon am Bahnhof angerufen, ein paar Minuten wird der Zugführer auf uns und die Kriminaltechniker warten. Der Klugscheißer von der Rechtsmedizin kommt mit dem Bummelzug nach.«

Liv wollte keine Zeit mit Hennes’ Vorurteilen verplempern und kommentierte diese abfällige Bemerkung nicht. Als sie in Handewitt auf die Landstraße rasten, telefonierte sie mit Uwe Brigleb; der Kommissar von der Kripo Sylt leitete den Ersten Angriff. Doch die Durchführung der ersten kriminalistischen Maßnahmen gestaltete sich dieses Mal schwierig. Abgesehen davon, dass der Tote, der in einem Haus in Braderup entdeckt worden war, keines natürlichen Todes gestorben war, wussten sie bislang wenig. Selbst der Anrufer, der den Notruf abgesetzt hatte, war anonym geblieben. Und noch etwas erschwerte den Einsatz: »Ist das Feuer schon unter Kontrolle?«, wollte Liv von dem Sylter Kollegen wissen.

3

Braderup, 22:16 Uhr

Der Leuchtturm ließ seinen bleichen Finger über Inselgeest und Hügelgräber streichen. Er vermischte sich mit dem Schein der Polizeilampen und riss sich wieder los, unberührt von dem, was dort zutage gefördert wurde. Sie parkten am Rand eines Feldwegs in einem durch Plastikbänder abgetrennten Areal. Um sie herum verloschen die Lichter der Einsatzwagen. Die nächtliche Landschaft wirkte friedlich, aber Livs Herz schlug Sechzehntel, wie immer, wenn sie zu einem Einsatz gerufen wurde. Der Beginn einer Ermittlung war wie Jazz, man wusste nie, was einen erwartete.

Beim Aussteigen riss der Wind Liv beinahe die Autotür aus der Hand. Die Haare schlugen ihr ins Gesicht. Noch schnell in den Wollpulli schlüpfen und den selbstgestrickten Loop überziehen – es würde eine lange, kalte Nacht werden.

Der Geruch nach Krähenbeeren, Kühen und Watt schlich sich in ihr Bewusstsein – und der Gestank des Brandes. Die qualmende Ruine der Reetdachkate duckte sich zwischen krummen Kiefern und zerzausten Heidehügeln, als scheue sie das Licht der Polizeistrahler. Ein Schauder kroch über Livs Rücken. Nur ein paar Mauern waren noch übrig. Verkohlte Überreste eines Lebens. Vernichtet, was jemandem lieb und teuer gewesen war. Sie gingen den abgesperrten Pfad entlang. Neben Liv klickte es.

»Ich könnte hier nicht leben. Würde mich beobachtet fühlen, von dem da.« Das Glühen von Hennes’ Zigarette wies auf den Leuchtturm, der zwischen Braderup und Kampen wachte.

Liv hatte keinen Kopf für Plauderei, wollte ihren Kollegen aber bei Laune halten. Hennes’ Stimmungstiefs waren nicht nur innerhalb der Mordkommission gefürchtet. »Wir können nur hoffen, dass jemand etwas beobachtet hat. Allerdings sind die nächsten Häuser weit weg.«

»Und ich dachte, hier auf der Insel ist bald jede Ecke bebaut.«

Sie unterdrückte ein Seufzen. »In Braderup stehen die Gebiete um die vielen Hügelgräber unter Naturschutz. Der Besitzer dieser Kate muss eine Ausnahmegenehmigung bekommen haben.«

»Gekauft haben, meinst du wohl«, murmelte Hennes. »Auf Sylt ist doch alles käuflich. Wobei, wenn ich so viel Kohle hätte, würde ich mich nicht mit so einer Hütte abgeben. Schon gar nicht in diesem verlassenen Kaff. Kaum Einwohner, nur Zweitwohnungsbesitzer, den finsteren Buden nach zu urteilen.«

»Braderup war früher nicht mal ein Dorf, bloß eine Ansammlung von Bauernhöfen. Hat auch keinen echten Dorfkern«, musste Liv ihm recht geben.

Und dennoch war Brererep, das Dorf am Abhang, wie es auf Nordfriesisch hieß, begehrt, weil Heide, Watt und Weißes Kliff einfach grandios waren. Die schwarz glitzernden Heidebuckel mit den zerzausten Kiefernhecken wirkten jetzt jedoch unheimlich. Die Sagen, die mit Braderup verbunden waren, gehörten zu den düstersten Sylts. Liv erinnerte sich an Geschichten über verborgene Goldschätze und tödliche Rachsucht. Bevor sie weiter abschweifen konnte, erdete der Gedanke an die Kläranlage, den Flughafen und ehemalige Kieskuhlen in der Nähe des Ortes sie schnell wieder.

Beinahe hatten sie den Einsatzort erreicht. Tatsächlich wirkten die rußigen Mauerreste der Reetkate auch auf Liv kümmerlich; das Haus war winzig gewesen. Der Wahnsinn um das Kampener Waterküken fiel ihr ein, das teuerste Haus auf Sylt, für das vor einigen Jahren jemand sage und schreibe knapp fünf Millionen Euro hingeblättert hatte – für dreißig Quadratmeter.

Die Kommissare ließen die Kriminaltechniker an sich vorbeiziehen und nahmen die Szenerie in sich auf. In dem knappen Jahr, in dem Liv beim K1 war, hatte sie versucht, ihre Wahrnehmung zu trainieren; jedes Detail konnte wichtig sein. Ein einsames Haus. Keine direkten Nachbarn, aber Wege und Trampelpfade, abgebrochene Äste und Fußspuren. Hunde japsten aufgeregt. Vermutlich waren die Hundeführer mit ihren Suchhunden angekommen. Die Johanniter auf Sylt hatten eine sehr erfahrene Rettungshundestaffel, die die Brandruine und die Umgebung nach Spuren absuchen würde.

Etwas Weißes flatterte im Wind: Über dem Fundort der Leiche wurde das Polizeizelt aufgebaut. Denn die Reetkate wirkte von außen zwar klein, hatte aber trotzdem einen Keller. In diesem befand sich noch immer die Leiche, in Löschwasser schwimmend, das in die Vertiefung abgeflossen war. Diese Lage war der reinste Horror für jeden Kriminaltechniker, weil Flammen und Wasser die Spuren gleichermaßen vernichtet haben könnten. In einiger Entfernung wurde ein Feld abgesperrt und ausgeleuchtet. Was hatte man dort gefunden? Ein Wagen der Kampener Feuerwehr wachte neben der Brandruine. Liv sah Schutzpolizisten, die Schaulustige, Journalisten und Fotografen an der Absperrung zurückhielten. Ein Mordfall auf Sylt versprach hohes Klatschpotenzial, fette Schlagzeilen und exorbitante Zeitungsauflagen.

Hinter ihnen stolperte jemand heran. Auch Momke Nebber kam spät. Der Sylter Kommissar trug unter dem Mantel einen Anzug aus Rohseide. Lederslipper hatte er sich unter den Arm geklemmt, die Hosenbeine bauschten sich über den Gummistiefeln. Der dreißigjährige Musterfriese – blond, rotbackig und blauäugig – wirkte wie ein stylisher Bauer auf dem Weg zum Schützenball. Sein Gesicht hellte sich bei Livs Anblick auf.

»Moin, Lammers. Heute mal nicht mit dem Wagen über den Hindenburgdamm gerast?«, begrüßte Momke sie grinsend.

Liv lächelte dünn. »Bietet sich ja nicht immer an.« Seine gute Laune schien ihr unpassend für den Anlass. Sie konnte auch nicht sicher sein, dass es wirklich ein Scherz war. Als im Mai, bei ihrem letzten Fall auf Sylt, Gefahr im Verzug gewesen war, hatte Liv sich zu diesem ungewöhnlichen und verbotenen Anreiseweg genötigt gesehen, was zu einigem Aufsehen geführt hatte. Zudem hatte Liv eine Sicherheitslücke bei der Sylter Kripo ausfindig gemacht, was ihre Beliebtheit nicht gerade gesteigert hatte; der Maulwurf war nicht dingfest gemacht worden. Gerade mit Momke hatte es wiederholt Streit gegeben. Ohnehin hatte Liv ein reserviertes Verhältnis zu Momke, wie zu allen ehemaligen Schulkameraden, was mit ihrer Hassliebe zu Sylt zu tun hatte. Als sie als Jugendliche von der Insel geflohen war, hatte sie sich geschworen, nie zurückzukehren. Es war anders gekommen … Andererseits hatten Momke und Hennes ihr geholfen, als sie im Mai in eine lebensgefährliche Situation geraten war. Viel Last für einen lockeren Umgang.

»Und du? Feiner Zwirn – auf einem Ball gewesen?«, fragte sie höflich.

Momke lächelte beseelt. »Ich mache mit meiner Verlobten einen Tanzkurs, möchte mich ja in ein paar Monaten bei der Hochzeit nicht blamieren. Eigentlich habe ich keine Bereitschaft. Die Nachricht habe ich erst nach dem dritten Walzer gehört.«

Hennes gab ein ersticktes Stöhnen von sich. »Ich geh schonmal vor. Hab Besseres zu tun, als über Anfahrtswege und die extravagante Kleidung der Sylter Kommissare zu quatschen. Du musst ja Unsummen verdienen, Momke, dass du dir den Fummel leisten kannst.«

»Na, für die Hochzeit …«, wollte Momke sich rechtfertigen, aber Hennes war schon losgestapft.

Liv respektierte Momkes Engagement. Auch beim K1 gehörte die stille Bereitschaft zum Ehrenkodex, was bedeutete, dass man sich in der Freizeit bereit- und beim Alkohol zurückhielt. »Lustig, dass du gerade jetzt hier bist, Liv«, fuhr Momke fort und strahlte sie an. »Unser informelles Ehemaligentreffen ist nächste …«

Davon wollte Liv nichts hören. Als sie sah, dass Hennes mit dem Leiter der Spurensicherung und Rabia, einer Sylter Kommissarin, zusammentraf, beschleunigte sie ihren Schritt. Die Kollegen standen vor einem Einsatzwagen der Polizei, in dem nun das Equipment für die Spurensicherung vorbereitet wurde. Unter dem argwöhnischen Blick von Karlpeter Botersen-Evers, dem Leiter der Spurensicherung, drückte Hennes die Zigarette an seiner Schuhsohle aus; den Stummel ließ er in seiner Jeansjacke verschwinden. Botersen-Evers leuchtete mit der Taschenlampe das Areal vor der Brandruine ab.

»Wer ist denn hier so rumgetrampelt? Sind das Ihre Fußspuren? Tsstss«, zischte er die Deutsch-Syrerin Rabia an. Kopfschüttelnd bedeutete er einem Mitarbeiter, dass er Rabias Sohlenprofil sichern sollte, um später Trugspuren auszuschließen. Liv tat die Kollegin leid. Sie hatte mit dem obersten Spurensicherer auch schon zu kämpfen gehabt.

»Der Erste Angriff ist vorschriftsmäßig angelaufen«, verteidigte Rabia sich. »Wir haben zwei Areale abgesperrt. Auf einem befinden sich Reifenspuren. Zwei Wagen, vermutlich. Es sieht aus, als ob einer der Wagen länger gestanden hätte. Polizisten und Suchhunde überprüfen die Gegend auf Spuren.«

»Hoffentlich machen die nicht noch mehr kaputt«, fauchte Botersen-Evers und rieb sich die Hände mit Desinfektionsspray ab, bevor er Handschuhe anzog und einen durchgekauten Kaugummiklumpen einsammelte, den er in einen Asservatenbeutel fallen ließ.

»Wie sieht es am Fundort aus?«, wollte Liv von ihren Kollegen wissen.

Rabia blinzelte nervös. »Schlimm, glaube ich. Eng, nass, schwierig. Ich habe nur von Weitem einen Blick darauf geworfen. Die Leiche liegt am Kellereingang im Löschwasser. Je weniger da herumlaufen, desto besser. Ich bin froh, dass ich anderen Spuren nachgehen kann«, gestand sie ein. »Uwe kommt gleich, der weiß sicher mehr.«

In diesem Augenblick trat Uwe Brigleb hinter den Mauerresten hervor und näherte sich ihnen. Er sprach mit einem Feuerwehrmann und tippte gleichzeitig eine Notiz in sein Smartphone. Wegen seiner peniblen Art war Uwe der perfekte Aktenführer – und was noch besser war: Er übernahm die undankbare Aufgabe willig.

Uwe begrüßte die Flensburger Kommissare formlos, schließlich hatten sie vom Autozug aus noch telefoniert: »Die letzten Glutnester sind unter Kontrolle. Wenn die Feuerwehr nicht so schnell alarmiert worden und noch schneller hier gewesen wäre, sähe es anders aus. Die Identität des Opfers steht noch nicht fest. Wir haben auch kein Fahrzeug gefunden, nur Reifenspuren Richtung Golfplatz.«

»Und ich dachte, ihr hättet den Mord aufgeklärt und wir könnten gleich wieder verschwinden«, meinte Hennes.

Liv nahm einen Schutzanzug und reichte ihrem Kollegen einen weiteren. »Nice try. Du kommst um dein Lieblingsoutfit nicht herum«, sagte sie und wandte sich an Uwe: »Also fassen wir zusammen: Ein anonymer Anrufer hat um 19:38 Uhr einen Notruf abgesetzt. Gleich darauf hat eine gewisse Frau Opahk den Brand gemeldet. Beim Löschen fanden die Feuerwehrleute die Leiche.«

»Das ging dann ja schnell. Ich dachte, bei der Sylter Freiwilligen Feuerwehr hapert’s, weil es in den Dörfern kaum noch Einwohner und nur noch Touristen gibt«, sagte Hennes und hüpfte auf einem Bein, als sich sein Fuß bei dem Versuch, den Schutzanzug über sein ausgebleichtes Jeansensemble zu ziehen, vertüdelte.

»In Kampen läuft alles ein bisschen anders«, meinte Uwe.

Liv war bereits fertig umgezogen. »Am Telefon sagtest du, der Besitzer der Reetkate könne es nicht sein.«

»Herr Zurssen ist vor vierzehn Tagen gestorben, er war schwer krank. Wir haben in der Kürze der Zeit noch nicht herausfinden können, wer seitdem Zugang zu dem Haus hatte. Ich erreiche Zurssens Anwalt einfach nicht.«

Sie beobachtete, wie erste Spurenkarten befestigt wurden, Botersen-Evers den Einsatzleiter der Feuerwehr befragte und der Polizeifotograf Aufnahmen machte. »Weiß man schon etwas über die Brandursache? Könnte das Feuer gelegt worden sein, um den Mord zu verschleiern?«, fragte Liv.

»Die Untersuchung wird wohl eine Weile dauern. Den Brand könnte alles Mögliche verursacht haben. Brandstiftung ist nicht auszuschließen. Wir werden nacheinander gehen müssen, der Fundort ist eng. Schmale Kellertreppe. Kleiner Treppenfuß mit einer Tür, die in den Keller führt. Die Leiche bietet keinen schönen Anblick. Wir haben uns bislang davon ferngehalten, weil das Löschwasser kontrolliert abgepumpt und gefiltert werden muss, damit keine Spuren verloren gehen.« Uwes Stimme klang etwas heiser.

Liv wusste, dass Mordfälle viele Kommissare belasteten. Sie konnte das nachvollziehen, doch bei ihr überwog der Wille, diese furchtbarsten aller Verbrechen aufzuklären und den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Dennoch schien sich eine eiserne Klammer um ihre Brust zu legen, als Uwe sie zur Leiche führte.

Blutige Furchen an den Wänden verrieten, dass der Mann verzweifelt um sein Leben gekämpft hatte. In einer dunkelroten Scharte glaubte Liv das abgebrochene Stück eines Fingernagels zu erkennen. Schon markierte einer der Spusis den Sachbeweis mit einer Spurentafel. War der Mann gestürzt und hatte versucht, sich an den Wänden hochzuziehen? Der Körper trieb bäuchlings auf einer Lache Löschwasser. Die Beine wiesen auf eine massive Tür, der Kopf war schief auf die unterste Stufe gesackt. Haare und Kleidung klebten an der Haut des Mannes. Die sichtbare Seite seines Gesichts war eine blutrote, blau geschwollene Masse. Die Kommissare nahmen aus sicherer Entfernung die Wunden in Augenschein. Der Schädel schien gebrochen, das Jochbein zerschmettert. Aber es gab auch Kratzer am Hals, Prellungen, hellrote Flecken.

Liv machte sich Notizen in einem alten Schulheft und versuchte, ruhig weiterzuatmen, aber die Eisenklammer ließ kaum eine Regung zu. Dass hier kein natürlicher Tod vorlag, war offensichtlich. Ablauf???, schrieb Liv und überlegte zugleich. Der Mann war gestürzt, hatte versucht, die Treppe hochzutaumeln, doch dann waren ihm die Flammen entgegengeschlagen. Immer näher war das Feuer gekrochen, bis … Der Gedanke schoss ihr durch den Kopf, dass der Mann ja noch Glück gehabt hatte: Verbrannt war er nicht. Die Rußfinger der Flammen auf der Holztäfelung endeten etwa einen Meter von ihm entfernt. Bei lebendigem Leibe zu verbrennen, wie die Hexen im Mittelalter, war für Liv eine Schreckensvorstellung. Was für eine irrationale Überlegung, denn welche Ermordung war nicht grausam?

Liv spürte das Pochen ihrer Halsschlagader und sog verhalten die Luft ein. Hennes warf ihr einen kritischen Blick zu. Sie würde sich nie an den Anblick von Leichen gewöhnen. Warum auch? Wäre es nicht schrecklich, so abgestumpft zu sein, dass sie der gewaltsame Tod eines Menschen nicht mehr berührte? Sie fragte sich, welcher Weg den Mann hierhergeführt und was sein Leben vorzeitig beendet haben mochte. Hatte er falsche Entscheidungen getroffen, sich Feinde gemacht, oder war er einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen?

Die Kleidung des Mannes waberte im Wasser, das noch immer kontrolliert abgepumpt wurde. Liv hielt ihren Blick an den sanften Bewegungen der dunklen Hosenbeine und des grauen Hemdes fest. Etwas Halbmondförmiges zeichnete sich nun unter dem Mann ab. Ein Fremdkörper …

»Was ist im Keller?«, wollte Hennes in diesem Augenblick wissen.

»Vorratsräume, Abstellkammern und eine Garage, meint Helene Opahk. Aber das Garagentor ist von außen mehrfach gesichert …«, sagte Uwe in einiger Entfernung.

»Und ihr seid nicht die Panzerknacker, schon klar.«

Frau Opahk – hatte sie nicht die Feuerwehr gerufen? Was hatte sie hier im Haus zu suchen?

»Was hat die denn damit zu tun?«, kam Hennes ihrer Frage zuvor.

»Das können wir doch auch oben klären«, meinte Liv. Auf dem Weg treppauf sprach sie eine Mitarbeiterin des K6 an – wie hieß sie noch: Ute, Uta? »Könnt ihr den Gegenstand unter der Leiche bergen? Vielleicht gibt er uns einen Hinweis auf die Identität des Opfers.« Die Frau sagte zu, Botersen-Evers darauf hinzuweisen.

Liv schob sich etwas gefasster die schmale Treppe hoch. Oben angekommen bot sich ihr erneut der Schauder erregende Anblick: Die geschwärzten Ruinen stachen in den Nachthimmel, unter ihren Füßen schmatzte ein Matschbrei, in dem sich die Lichter der Polizeifluter brachen. Angekokelte Einbände von Büchern und Fotos, ein geschmolzenes Metallstück – es sah aus wie ein Spielzeugauto. Bislang waren sie davon ausgegangen, dass der Besitzer hier allein gelebt hatte. Hatte es doch weitere Bewohner gegeben? Ob das Löschwasser jede Spur unbrauchbar gemacht hatte? Würden sie wenigstens die Tatwaffe finden? So, wie die Wunden aussahen, hielt Liv es für wahrscheinlich, dass der Mann seinen Schädelverletzungen erlegen war.

Polizisten mühten sich weiterhin, das Zelt aufzustellen, das den Fundort schützen sollte, aber die Plane ächzte und bebte im Wind wie ein übergroßes Kite-Segel. Wolkenfetzen verdeckten die Sterne, und das Licht des Leuchtturms wirkte im Dunst weichgezeichnet. Schwarz grenzten sich der Leuchtturm und das Gurt Brönshoog, das größte Hünengrab Sylts, gegen den Himmel ab.

Livs geschärfte Sinne nahmen eine Vielzahl von Geräuschen wahr: das Kläffen der Suchhunde, das Summen der Lampen und Wasserpumpen, sie glaubte sogar, das auflaufende Meer zu hören. Wieder zog eine Gänsehaut über ihren Rücken, dieses Mal aber war es die Erinnerung, die sie erschauern ließ. Sie brauchte nicht nachzusehen, noch immer konnte sie am Rauschen unterscheiden, ob Ebbe oder Flut war.

Sylt lag ihr in den Genen, ging ihr direkt ins Blut. Mit einem tiefen Atemzug brach sie ihre Beklemmung auf. Sie war überzeugt davon, dass sie herausfinden würden, was dem Ermordeten zugestoßen war, wenn sie nur hart genug dafür arbeiteten – und dazu war sie bereit.

Thermoskannen standen bei den Mannschaftswagen im Heidekraut. Uwe hielt Liv, nachdem sie sich aus dem Schutzanzug befreit hatte, einen Becher hin. Liv lehnte ab; ihr war zu flau im Magen für Kaffee. Sie suchte in ihren Taschen nach einem Kaugummi, fand aber nur ihre fingerlosen Drummer Gloves. In diesem Augenblick wird der Ersatzschlagzeuger das Set für das Konzert einstudieren, dachte sie wehmütig, aber was sie hier tat, war wichtiger. Hennes zog Tabak und Blättchen hervor und drehte eine Zigarette. Stumm ließen sie das Gesehene wirken. Mücken umsirrten sie in der windgeschützten Ecke, ungewöhnlich viele, so spät im Jahr.

Liv holte tief Luft. »Sieht nach erheblicher Gewaltanwendung aus. Eine Beziehungstat?«, brach sie das Schweigen und wedelte eine Mücke weg, die im Landeanflug auf ihre Stirn war.

»Die Treppe heruntergefallen ist er auf jeden Fall nicht«, sagte Hennes und zitierte damit – ob willentlich, wusste Liv nicht zu sagen – eine Ausrede geprügelter Frauen, die sie allzu oft bei Fällen häuslicher Gewalt gehört hatte. »Oder auf jeden Fall nicht nur.«

»Eine Schlagwaffe hat man bislang noch nicht gefunden?« Uwe verneinte Livs Frage. »Könnte der Tote Zurssens Erbe sein? Ein Verwalter oder eine Art Hausmeister?«

»Wir haben nur in die Taschen gefasst, die wir erreichen konnten, ohne die Leiche zu bewegen. Da war nichts. Und Zurssens Anwalt geht einfach nicht ans Telefon.«

Hennes zündete die Zigarette an und rauchte gierig. »Dann müssen wir jemanden hinschicken. Das hättet ihr schon längst tun sollen! Ein brutaler Gewalttäter und Brandstifter läuft hier frei herum!«, platzte er heraus. »Überhaupt – wir sind viel zu wenige! Bente hätte wissen müssen …« Hennes zupfte sich einen Tabakkrümel von der Zunge und schüttelte zornig den Kopf. »Konnte mehr über den Unbekannten herausgefunden werden, der den Notruf abgesetzt hat? Auch noch nicht? Was ist mit den Funkdaten? Wir müssen wissen, wer Zugang zum Haus hatte! Was ist mit dieser Frau Opahk?«, konzentrierte Hennes sich zu Livs Erleichterung wieder auf den Fall.

»Sie hat für Zurssen gearbeitet. Für ihn eingekauft und ab und zu geputzt«, wusste Uwe.

»Und ganz zufällig hat sie als Erste den Brand bemerkt?«, wunderte Liv sich.

»Frau Opahk hat wohl aus Gewohnheit einen Blick auf das Haus.«

»Ist das so? Hat sie jemanden gesehen?«

»Angeblich nicht.«

»Das wäre ja auch zu schön gewesen! Wo ist sie jetzt?«

Uwe drehte das Fitbit-Armband an seinem Handgelenk, das ihm einen jugendlichen Touch gab. »Wir haben sie nach Hause geschickt. Die Ärmste war ganz schlecht beieinander …«

»Nach Hause geschickt?«, fuhr Hennes auf. »Eine Zeugin? Sie könnte sogar die Täterin sein und sich längst aus dem Staub gemacht haben!«

Uwe wurde blass, das war im grellen Licht der Polizeischeinwerfer gut zu erkennen. »Frau Opahk … Ich glaube kaum … sie wohnt ganz in der Nähe … und wo es ihr doch so schlecht ging …«, stotterte er.

»Gerade diese heftige Reaktion könnte ein Zeichen sein, dass sie in den Mord verwickelt ist«, warf Liv ein.

»Das ist doch reine Spekulation! Statistisch gesehen ist der Mörder jemand aus der Familie oder dem näheren Umfeld. Frau Opahk hingegen …«, wollte Uwe sich verteidigen.

Ihr Gespräch wurde unterbrochen. Raschelnd näherte sich die Frau aus dem Spurensicherungsteam in ihrem Schutzanzug. »Ich soll euch sagen, dass im Löschwasser unter dem Toten ein Beffchen lag.«

Die Kommissare wechselten überraschte Blicke. Jetzt war Liv der Name wieder eingefallen. »Danke, Oda.« Sie wandte sich an ihre Kollegen. »Ein Beffchen tragen vor allem evangelische Pastoren. Was hat es hier zu suchen? Ist es dem Opfer aus der Tasche gefallen? Ist der Tote ein Pfarrer von der Insel? Hat ihn denn niemand von euch erkannt?«, fragte sie.

»Ich sagte doch, dass wir die Leiche nicht umgedreht haben. Und vom Gesicht erkennt man ja nicht gerade mehr viel.« Uwe zog sein Handy heraus. »Ich versuche noch einmal, Zurssens Anwalt zu erreichen.«

»Du schickst jemanden hin – oder fahr selbst! Wir nehmen uns Frau Opahk noch einmal vor. Wollen wir mal hoffen, dass sie tatsächlich zu hause ist. Sonst gibt es Ärger«, sagte Hennes drohend. Uwe wurde noch eine Spur bleicher.

Vorsorglich rief Liv bei der Zeugin an, aber Helene Opahk war nicht zu erreichen. Hennes telefonierte währenddessen mit Bente, um Verstärkung anzufordern, und Liv hörte, wie die beiden erneut aneinandergerieten. Auch in Flensburg wurde wegen aktueller Einsätze jeder Mitarbeiter gebraucht. Hennes hatte noch immer nicht verwunden, dass Hasselbrecht ihn übergangen hatte. Die Chefin des K1 hatte sich beurlauben lassen, um ihren schwerkranken Mann zu pflegen. Dass sie Bente als ihren Stellvertreter benannt hatte, hatte niemanden aus dem Team überrascht – außer Hennes. Er war zwar älter als Bente, aber durch seine schroffe Art als Teamleiter denkbar ungeeignet. Hasselbrechts Kompetenz und Erfahrenheit fehlten im Team. Das K1 war dennoch zusammengewachsen – nur Hennes nutzte jede Gelegenheit, um Bentes Entscheidungen zu kritisieren. Wenn Hennes jetzt erfahren würde, dass Frau Opahk nicht da war, würde er auch mit Uwe einen erneuten Streit vom Zaun brechen.

»Bente kommt morgen, gemeinsam mit Andreas. Immerhin. Endlich kompetente Kollegen«, sagte Hennes, nachdem er sein Telefonat beendet hatte.

Meinte er mit diesem Gestichel gegen inkompetente Polizisten etwa auch sie? Anfangs hatte Hennes oft über Livs Jugend und Unerfahrenheit geklagt. Sie beschloss, die Bemerkung zu ignorieren. »Helene Opahk geht nicht ans …«

In diesem Moment trat ein Feuerwehrmann zu ihnen, ein kerniger Typ, wie sie auf diesen Feuerwehrleute-Kalendern posierten, die für einen guten Zweck verkauft wurden. »Habe ich richtig gehört – Sie suchen die Dame, die den Brand gemeldet hat?«

»Ja, genau.«

»Frau Opahk ist vor einer Weile wieder hier aufgetaucht. Sie war völlig aufgelöst, deshalb haben wir ihr ein Plätzchen im LF 10 angeboten. Wir halten hier ja ohnehin noch bis in die Puppen Brandwache. Ich kann Sie zu ihr bringen.«

Als Liv und Hennes ihn zum Löschfahrzeug begleiteten, meinte der Feuerwehrmann zu ihr: »Ich habe übrigens die Leiche gefunden. Wenn Sie mich also auch noch befragen wollen, stehe ich zu Ihrer Verfügung.« Es klang, als habe er ganz und gar nichts dagegen, sich eingehend mit Liv auszutauschen.

»Wir wenden uns dann an Sie«, ließ Hennes ihn schroff abblitzen.

Auf der Rückbank des Feuerwehrwagens saß, in eine Wolldecke eingemummelt, eine hochgewachsene Frau um die vierzig. Im Schein der kleinen Autolampe wirkte ihr Gesicht schmal, ein Eindruck, der durch die straff nach hinten gebundenen, rötlich schimmernden Haare noch verstärkt wurde. Ihre Hände umschlossen einen Becher mit dampfendem Inhalt. Neben ihr auf der Rückbank lag ein Dackel, der den Kopf auf ihren Oberschenkel gebettet hatte. Der Hund döste und hob kaum die Augenlider, als sie eintraten.

Liv und Hennes stellten sich vor. Helene Opahk studierte ihre Ausweise so ausgiebig, als würde sie darin eine geheime Botschaft finden, während die Mücken erneut über die Kommissare herfielen; auch sie schienen sich in dem Auto wohlzufühlen.

Mit bebender Stimme begann Frau Opahk zu sprechen: »Ich war vorhin schon wieder zu Hause und wollte gerade bügeln. Das beruhigt mich, wissen Sie … Aber dann musste ich immer wieder an den Brand denken, die vielen Polizisten. Meine Nerven haben verrückt gespielt. Was ist denn nur passiert?«

Liv blickte sie fest und – wie sie hoffte – vertrauenerweckend an. Trotz des Zeitdrucks half es bei einer Mordermittlung nicht, Hektik auszustrahlen; das verunsicherte die Zeugen nur. »Was passiert ist? Genau das wollen wir herausfinden. Sie haben den Brand gemeldet. Erzählen Sie uns bitte, was genau vorgefallen ist.«

Helene Opahks Hände schimmerten gepflegt, als sie den Becher abstellte und ihren Dackel streichelte. »Wir waren spazieren, der Wastl und ich. Es war dunkel, aber wir hatten keine Angst. Es ist ein friedliches Eckchen, hier passiert ja nichts.« Hennes schnalzte leise, woraufhin die Zeugin ihm einen irritierten Blick zuwarf. Liv tat so, als habe sie es nicht gehört. Dass dieser Mann sich nicht ein Mal zusammenreißen konnte! »Da habe ich die Flammen bemerkt und gleich die Feuerwehr angerufen.«

»Haben Sie jemanden in der Nähe der Reetkate gesehen? Waren Spaziergänger oder Jogger unterwegs?«

Frau Opahk schüttelte den Kopf. »In Braderup ist nicht viel los um diese Zeit.«

»Sie waren für Herrn …«, Hennes konsultierte seinen Notizblock, »Zurssen tätig?«

»Ich hab für ihn eingekauft und geputzt. Ein feiner Herr, nur leider sehr krank. Hat das Haus nicht mehr verlassen. Aber was soll das mit dem Brand zu tun haben?« Helene Opahk strich fahrig eine Mücke von ihrer Wange und hinterließ dabei einen Blutstreifen.

»Nichts«, beruhigte Liv sie. »Wir haben uns nur gewundert, wieso Sie so gut über das Innere der Kate einschließlich des Kellers Bescheid wissen. Haben Sie gewartet, bis die Feuerwehr da war?«

»Ich konnte ja nichts tun, das war schlimm! Das schöne Haus, ein Jammer ist es. Die vielen Antiquitäten und Bücher! Das Haus war voll davon, wissen Sie.«

Liv fiel das geschmolzene Spielzeugauto ein. »Laut unserer Recherche hatte Herr Zurssen keine Kinder. Ist das richtig?«

»Ganz alleine war er, der Arme. Aber er liebte nun mal Antiquitäten.«

»Was im Keller ist, wissen Sie aber nicht?«, fragte Hennes.

»Denken Sie etwa, ich schnüffele herum?« Helene Opahk klang etwas feindselig.

»Als Zugehfrau sieht man ja so einiges …«

»Was unterstellen Sie mir! Herr Zurssen hat mir vertraut!«

Liv nickte zustimmend. »Sie müssen sehr traurig über seinen Tod sein.«

Die Frau verschränkte ihre Arme und umfasste ihre Ellenbogen. »Das bin ich wirklich«, sagte sie leise.

»Wissen Sie, wer nach dem Tod von Herrn Zurssen Zugang zu dem Haus hatte?«

»Keine Ahnung, der Anwalt, nehme ich an. Ich hatte keinen Schlüssel. Herr Zurssen war da sehr eigen. Er hat mich eingelassen, mir gesagt, was ich für ihn tun konnte, mir genaue Einkaufslisten gegeben. Nordseekrabben, egal, was sie kosten, Krebse, wenn frisch, Hagebuttengelee aus der Sylt-Rose, Morsumer Kartoffeln und Milch vom Wochenmarkt, dazu stilles Mineralwasser – dabei ist das Trinkwasser auf Sylt doch so gut, das habe ich ihm immer wieder gesagt …«

»Sie haben also ein Auto?«, unterbrach Hennes ihren Redefluss.

»Einen kleinen Ford. Er steht an der Straße. Warum?«

»Wir müssen die Reifenspuren mit denen am Tatort vergleichen.«

Helene Opahk hob verschreckt die Augenbrauen. »Warum das denn? Ich habe nicht … Ich war doch nicht …« Sie knetete ihren Hund mehr, als dass sie ihn streichelte. »Ich wollte doch nur helfen – und jetzt werde ich dafür bestraft. Was ist das nur für eine Welt!«

Liv lächelte sie beruhigend an. »Sie werden doch nicht bestraft. Das ist ganz normale Polizeiarbeit. Reine Routine. Wir müssen sichergehen, dass der Täter gefunden wird«, erklärte sie.

Ein Beben ging durch den Körper der Frau. »Täter? Es hat also nicht nur gebrannt. Jemand ist gestorben. Ich wusste es doch, deshalb sind Sie hier! Ist sie … Wurde sie …« Helene Opahks Stimme brach.

Sie, schrieb Liv und machte dahinter drei Ausrufezeichen.

»Sie? Wen meinen Sie mit ›sie‹?«, fragte Hennes scharf.

Die Zeugin versteifte sich. »Sie … die Leiche – das ist es doch, oder? Ein toter Mensch ist gefunden worden! Oh, Herr im Himmel!« Sie begann zu weinen.

Liv legte ihre Notizen beiseite, konnte die Frau aber kaum trösten. Minutenlang bebte und schluchzte Helene Opahk in ihren Armen.

Als die Tränen versiegt waren, sagte Liv: »Ihre Worte hörten sich so an, als hätten Sie bereits geahnt, dass jemand zu Tode gekommen ist. Als wüssten Sie …«

Helene Opahk tupfte ihre Tränen ab, auch der Blutfleck auf der Wange wurde mit weggewischt. »Nein, ich habe mich nur … missverständlich ausgedrückt.« Sie schwieg und gab auch auf weitere Nachfragen nichts preis.

Hennes wechselte das Thema. »Wer ist der Erbe des Besitzes?«

Die Zeugin mied seinen Blick. »Das müssen Sie den Anwalt fragen.«

»War Herr Zurssen gläubig? Ging er regelmäßig in die Kirche? Bekam er Besuch von einem Pfarrer?«

»Herr Zurssen war ein gläubiger Christ, aber ich glaube nicht, dass er das Haus überhaupt je verlassen hat. Wenn ich ihm erzählte, was ich erlebt habe, hat er sich immer so gefreut. Er konnte gar nicht genug von meinen Berichten bekommen.« Sie schlug die Wolldecke zurück und machte Anstalten, sich zu erheben. Seufzend kam auch der Dackel auf die Beine. Der Hund wirkte altersschwach und reckte sich ausgiebig. »Sind Sie jetzt fertig? Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich weiß«, sagte Helene Opahk. Als Liv und Hennes keine Einwände erhoben, nahm die Frau ihren Wastl auf den Arm und kletterte aus dem Wagen. Ohne ein weiteres Wort verschwand sie hinter dem Feuerwehrmann, der geschickt einen Schlauch aufrollte. Auch die letzten Glutnester waren also erloschen.

»War das jetzt unbedingt nötig? Frau Opahk hat den Brand gemeldet und ist keine Verdächtige!«, brach es aus Liv heraus. Sie war froh, aus dem Feuerwehrwagen zu kommen; hier draußen wurden die Mücken wenigstens vom Wind in Schach gehalten.

»Was regt sie sich denn so auf?«

Liv sah Hennes kopfschüttelnd an. »Jemand ist eines unnatürlichen Todes gestorben! Das mag unser Berufsalltag sein, aber für andere Menschen ist es ein Schock!«

Hennes schien das wenig zu beeindrucken. Ungerührt fuhr er fort: »Und warum lungert sie hier herum? Selbst du müsstest mitbekommen haben, dass sie lügt. Das war kein Versprecher!«

»Was meinst du mit: ›selbst du‹?«

»Na, etwas naiv bist du schon.«

»Findest du?! Zumindest habe ich keine Vorurteile.«

»Wie wer?!«

Hennes war noch brummiger als sonst! Zornig ließ Liv ihn stehen und marschierte zum Einsatzwagen, um dort ihre Gesprächsnotizen zu vervollständigen. Einen ausführlichen Bericht würde sie erst später schreiben, aber da Hennes ihr den Papierkram vermutlich sowieso überlassen würde, war es gut, schonmal ein paar Stichpunkte zu notieren, solange die Eindrücke noch frisch waren. Als sie beim Schreiben aufsah, bemerkte sie, dass inzwischen auch Sebastian Gerlich eingetroffen war. Der junge Rechtsmediziner kam aus Kiel und hatte damit einen doppelt so langen Anfahrtsweg. Er war kundig und ehrgeizig, was sie hoffen ließ, dass er ihnen bald eine erste Einschätzung zu Todeszeit und -ursache liefern würde.

Plötzlich stand Uwe vor ihr. Er wirkte noch immer beunruhigt. Vermutlich machte Hennes’ Drohung ihm zu schaffen.

Hatte er etwas zu ihr gesagt? Liv war sich nicht sicher, zu sehr war sie auf ihre Arbeit konzentriert gewesen. »Ich will nichts zu Hennes’ Verhalten sagen. Du weißt, wie er ist. Es ist besser, ich halte mich da raus«, meinte Liv abweisend.

Uwe zog eine Grimasse. »Hennes ist und bleibt ein Stinkstiefel, aber darum geht es nicht. Es ist deine Schwester. Annika ist hier.«

»Wie bitte?!« Liv fuhr auf und klappte das Notizbuch mitten im Satz zu. Ihre Schwester lebte zwar auf Sylt, aber was zur Hölle hatte Annika hier am Tatort zu suchen?

»Wir müssen ihr einen Platzverweis erteilen, weil sie die Brandruine fotografiert hat und sich weigert, die Fotos zu löschen. Ich dachte, das dürfte dich interessieren.«

Uwe wies ihr den Weg zur fraglichen Stelle in der Nähe der Absperrung. Vor einem Phaeton, einem Luxuswagen, der vor lauter Understatement nach nichts aussah, diskutierte Annika mit einem jungen Schutzpolizisten. Dieser knetete einen Zettel in der Hand und war mit der Situation offensichtlich überfordert. Annika trug unbeirrt ihre gefühlte Überlegenheit zur Schau. Ihr Valentino-Kostüm, das dem jungen Mann seinen Preis förmlich ins Gesicht zu schreien schien, unterstrich ihren Auftritt noch. Liv hatte es schon immer gehasst, wenn jemand glaubte, sich Respekt kaufen zu können.

»Ich übernehme das«, sagte Liv bestimmt und bemerkte, wie der Schutzmann zusammenzuckte. Er war knapp zwanzig, hatte Pausbacken und hektische Flecken auf dem Hals. Im gleichen Moment tat ihr ihre Schroffheit leid. Sie durfte nicht vergessen, dass sie zwar nur einige Jahre älter, aber dennoch durch ihren Posten eine Respektsperson war. Die Mordkommission galt als Paradedisziplin der Polizei, die von den anderen Abteilungen alles sofort bekam, was sie benötigte. Trotzdem konnten sie froh sein, dass die Schutzleute ihre Ermittlung so engagiert unterstützten.

Plötzlich wehte ein Geräusch aus der Ferne herüber. Die Suchhunde schlugen an. Einen Augenblick war Liv abgelenkt. Hatten die Hunde endlich etwas gefunden, das einen Hinweis auf Opfer oder Täter gab? Am liebsten wäre sie sofort hingeeilt. Aber es half nichts – erst musste sie die Angelegenheit mit Annika in Ordnung bringen.

Ihre Schwester begrüßte sie mit einem falschen Lächeln. »Liv. Hätte ich mir ja denken können.«

»Was willst du hier?«, fragte Liv schroff. Zu behaupten, dass das Verhältnis der Schwestern nicht das beste war, wäre untertrieben. Genau genommen hatten sie seit ihrem Bruch vor vielen Jahren kein Verhältnis mehr. Äußerlich boten sie einen scharfen Kontrast, denn Liv trug wie meist Belstaffjacke, Wollpulli, Bikerboots und Jeans.

Der Schutzpolizist hatte nervös ihren Wortwechsel verfolgt. Jetzt reichte er Liv das Formular für den Platzverweis. »Danke für deine Hilfe, Urs«, sagte sie mit einem Blick auf sein Namensschild. Der junge Mann nickte knapp und hatte es dann sehr eilig wegzukommen.

Bevor Liv es verhindern konnte, riss Annika ihr den Bogen aus der Hand und zerfetzte ihn.

Liv schnappte nach Luft. Nur mühsam konnte sie ihre Wut beherrschen. »Was erlaubst du dir?! Das ist ein offizielles Dokument!«

Annika lächelte schmallippig. »Verklag mich doch. Deine eigene Schwester, das wäre ja nichts Neues – nach dem, was du Jan im Frühsommer angetan hast.«

»Ich … Jan angetan?! Du bist doch verrückt!«

Jan war ihr Neffe und hatte im Mai von sich aus Kontakt zu Liv gesucht, was Annika zu Tobsuchtsanfällen getrieben hatte. Als ältere Schwester hatte Annika immer versucht, Liv zu kontrollieren. Dass sich ihr inzwischen nicht nur Liv, sondern auch ihr eigener Sohn entzog, konnte Annika anscheinend kaum ertragen.

»Nein, ich sehe glasklar.« Annika zupfte eine Strähne ihres blondierten Haares über die Zornesfalte auf ihrer Stirn. »Ich konnte es kaum glauben, als ich gehört habe, dass Zurssens Haus abgebrannt ist. Das musste ich unbedingt für potenzielle Investoren dokumentieren. Hier kann nur noch Tabula rasa gemacht und neu gebaut werden. Das ist unsere Chance.«

Liv war fassungslos. »Eure Chance?! Was für ein Schicksal dahintersteckt, interessiert dich wohl gar nicht!«

Annika überging diese Bemerkung und erklärte mit funkelnden Augen: »Dass Armin Zurssen hier lebte, war tatsächlich eine Überraschung. Niemand wusste davon, nicht einmal Vater.«

Allein die Erwähnung ihres Vaters weckte Livs Fluchtinstinkte, sie riss sich jedoch zusammen. »Zurssen?! Fragst du dich gar nicht, was ich hier tue? Denkst du wirklich nur an deinen Vorteil?«

Annika hatte kaum zugehört. »Ich denke an unseren Vorteil, wie Vater, ja. Das habe ich von ihm gelernt. Dank mir hat unser Unternehmen im letzten Jahr eine Umsatzsteigerung von zweiundzwanzig Prozent verzeichnet. Darauf bin ich stolz. Im Gegensatz zu dir, dem Schandfleck der Familie, weiß ich, was Familiensinn bedeutet. Ich habe natürlich gleich Kontakt zu Pastor Casabione aufgenommen – ein charmanter Mann übrigens. Das Grundstück ist ein echtes Sahneschnittchen. Aber leider Bestandsschutz – das hat sich ja wohl nun erledigt.« Annika betrachtete zufrieden das Foto auf dem Display ihres Handys.

Liv schob die Fäuste tief in die Taschen. Am liebsten hätte sie Annika das Smartphone aus der Hand geschlagen. Gleichzeitig hatten Annikas Worte etwas in ihr ausgelöst, das sich wie ein Stromstoß anfühlte. »Pastor Casabione?«

»Zurssens Nachlassverwalter. Ursprünglich aus Tirol, aber schon lange auf Sylt. Das wusstet ihr noch nicht?« Annika lächelte spöttisch.

Liv simste Hennes den Namen. »Du solltest jetzt besser gehen«, sagte sie. »Du behinderst eine Mordermittlung. Aber vorher löschst du die Fotos.«

»Ich denke gar nicht daran! Das habe ich auch schon diesem kleinen …« Endlich begriff Annika. »Mord?«, echote sie.

»Ja, Mord«, entgegnete Liv grimmig. »Wann hast du zuletzt mit Casabione telefoniert?«

»Wieso? Ist er …?«

»Beantworte meine Frage!«, forderte Liv so scharf, dass Annika zusammenzuckte. Diesen Ton kannte ihre Schwester sonst wohl nur von ihrem Vater. Liv erschauderte bei dem Gedanken. Sie hasste Ocke Lammers für das, was er ihr angetan hatte, hasste jeden Zug dieses Mannes, den sie an sich selbst entdeckte. »Los, sag es mir«, setzte sie etwas freundlicher hinzu.

Nervös drehte Annika einen der Ringe an ihren Fingern. »Vorgestern. Ein Bekannter hatte mir die Information zugespielt. Der Pastor will erst einmal den kompletten Nachlass sichten, bevor er sich an den Verkauf macht. Natürlich haben ihn bereits andere Interessenten kontaktiert. Aber wir haben gute Argumente, um Casabione zu überzeugen, wenn es so weit ist. Nach der Zeitungsnotiz habe ich mich allerdings doch gefragt …«

»Zeitungsnotiz?«, fiel Liv ihr ins Wort. Es nervte sie, dass ihre Schwester einen Wissensvorsprung hatte.

»Heute stand in der Zeitung, dass Zurssen hier in Braderup gestorben ist und Casabione als Nachlassverwalter für das Erbe eingesetzt wurde«, verkündete Annika.

Livs Herz schlug eine Synkope. So eine Notiz sprach sich schnell herum und war eine Einladung für Diebe. Jeder, der die Zeitungsausgabe gelesen hatte, konnte sich auf die Suche nach dem Haus machen, um dort einzubrechen.

»Gib mir jetzt das Handy. Oder lösch die Fotos selbst«, befahl sie ihrer Schwester. Annika lachte gezwungen, tat aber sonst nichts. »Dann werde ich das Gerät wohl beschlagnahmen müssen. Kann ein paar Wochen dauern, bis du es wiederbekommst. Nach Paragraf 164 der StPO ist sogar eine Festnahme von Störern bei der Tatortarbeit möglich.« Erst diese Drohung fruchtete. Unwillig kam Annika Livs Aufforderung nach. »Du wirst von uns hören. Und nun geh endlich«, sagte Liv zu ihrer Schwester.

»Du hast mir gar nichts zu sagen«, zischte Annika.

Würde denn dieser Grabenkampf nie aufhören? Liv sammelte aufgewühlt das Platzverweis-Puzzle ein und wandte sich ab. Sie musste mit Hennes sprechen.

»Hark Casabione, Pfarrer des Kirchspiels Eidum, 38 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder. Ist heute Abend nicht zu Hause aufgetaucht. Seine Frau sagte am Telefon, er würde arbeiten. Bei seinem Handy springt nur die Mailbox an«, berichtete Hennes, als Liv den Mannschaftswagen erreichte. »Ich habe schon jemanden mit einem Foto zu Gerlich geschickt. Vielleicht kann er den Toten mithilfe des Fotos identifizieren.«

Liv hatte inzwischen die Zeitungsnotiz gefunden und las sie von ihrem Smartphone ab:

Wie erst jetzt bekannt wurde, verstarb letzte Woche in Braderup Armin Zurssen. Der mehrfache Millionär gehörte in den Sechziger- und Siebzigerjahren zum Jetset der Insel, bevor er sich ins Privatleben zurückzog. Nicht einmal die direkten Nachbarn wussten, dass er in einer bescheidenen Reetkate am Rande des Naturschutzgebiets Braderup lebte. Sein Vermögen hat Zurssen dem Kirchspiel Eidum vermacht, wo sich Pastor Casabione um die Verwendung kümmern soll. Wollen wir hoffen, dass der Geistliche die Millionen zum Wohle der Insel einsetzen wird.

Nach dem letzten Satz sah Liv in die Runde.

»Ich lese die Zeitung eigentlich immer, aber das muss ich übersehen haben«, meinte Uwe verlegen.

»Ich habe auch nichts davon gewusst. Kenne ihn gar nicht«, sprang Momke ihm bei.

»Man kann ja nicht jeden kennen, auch nicht auf Sylt. Was also ist geschehen? Vermutlich war Casabione mit dem Nachlass beschäftigt und wurde von einem Einbrecher überrascht, der ihn niederschlug«, spekulierte Hennes.

»Oder der Einbrecher war bereits im Haus.« Liv klopfte mit der Fingerspitze einen Rhythmus auf ihren Arm. »Also kein Mord, sondern Totschlag? Oder ein bedauernswerter Unfall? Dieser Unbekannte, der den Notarzt gerufen hat, war vielleicht der reuige Einbrecher?«

»Wie aber brach das Feuer aus? Hat jemand den Brand gelegt, um seine Spuren zu verwischen?«

»Die Hunde haben in einem Gebüsch bei den Wagenspuren ein Fahrrad entdeckt. Wir müssen herausfinden, ob es Opfer oder Täter gehörte.«

»Und Frau Opahk? Hat sie etwas beobachtet, verschweigt es aber? Kannte sie Casabione? Gibt es eine Verbindung zwischen den beiden? Hat sie deshalb bei der Aussage so heftig reagiert?«

Rabia näherte sich aus Richtung der Wagenspuren. Sie lächelte in die Runde. »Habe ich da Casabione gehört? Was ist mit ihm? Wir gehen ab und zu in seinen Gottesdienst«, sagte sie.

Alle Augen wandten sich ihr zu.

Eine halbe Stunde später umringten die Kommissare die Bahre. Der Leichensack war geöffnet. Das Gesicht des Toten hatte im Scheinwerferlicht die Farbe von Meerschaum nach dem Sturm. Liv legte den Arm um Rabia. Ihre Leiche hatte einen Namen.

»Pastor Casabione war ein guter Mensch. Erst neulich waren wir wieder in der Kirche. Seine Predigten waren immer so lebendig, so lebensnah«, brachte Rabia erstickt hervor.

Liv war noch dabei, die Information sacken zu lassen. Ein Pastor hatte naturgemäß mit unzähligen Menschen zu tun, was den Kreis der Verdächtigen noch zusätzlich zur Zeitungsnotiz erweiterte. Spuren hatten sie kaum – Feuer und Löschwasser hatten sicher das meiste vernichtet. Zeugen gab es bislang auch nicht.

Der Rechtsmediziner schloss den Leichensack und machte sich zum Aufbruch bereit. Hennes folgte ihm, und auch Liv löste sich von Rabia.

Sebastian Gerlich wusste, was sie von ihm erwarteten, reagierte jedoch abweisend.

»Es würde unsere Arbeit wirklich sehr erleichtern, wenn Sie …«, begann Liv.

»Die Totenstarre hatte bereits eingesetzt. Wenn man dann noch den Abfall der Körpertemperatur berücksichtigt, trat der Tod vermutlich zwischen 18 und 21 Uhr ein«, sagte Gerlich kühl. Auf seiner runden Lennonbrille spiegelten sich die Polizeifluter, sodass sie seine Augen nicht sehen konnte.

»Der Schlag wurde Casabione anscheinend vor dem Tod zugefügt. Zumindest legen dies die Blutspuren nahe. Können Sie schon eine Einschätzung abgeben, was die Todesur–«, begann Liv.

»Fürs Spekulieren werde ich nicht bezahlt, das wissen Sie ja«, unterbrach Gerlich sie.

»Rechtsmedizin ist keine Hexerei, genauso wenig wie eine Mordermittlung«, knurrte Hennes. Sebastian Gerlich schob statt einer Replik die Brille fest auf den Nasenrücken. Der junge Mann mit den widerspenstigen Locken war empfindlich, was Zweifel an seiner Kompetenz anging – was Liv nachvollziehen konnte. Sie musste selbst gegen Vorurteile ankämpfen, weil manche sie mit ihren neunundzwanzig Jahren zu jung für die Mordkommission hielten.

»Die Todesursache war eine Kohlenmonoxidvergiftung, schätze ich«, setzte Hennes hinzu und genoss das Erstaunen seiner Zuhörer, das auf diese Aussage folgte.

»Eine CO-Intoxikation ist tatsächlich in Betracht zu ziehen, zumal auch die Nagelbetten des Toten hellrot verfärbt sind«, bestätigte Gerlich. »Wenn Sie meinen Bericht partout nicht abwarten wollen und damit die endgültigen Ergebnisse: Der Bruch des Jochbeins war sicher schmerzhaft, aber nicht tödlich. Vor seinem Tod erlitt Casabione etliche Prellungen, die jedoch auch von einem Sturz stammen könnten, zumindest, wenn man die Hutkrempenregel anwendet. Diese Regel besagt …«

»Danke, wir wissen Bescheid«, schnitt Hennes ihm das Wort ab. Auch Liv hatte gelernt, dass Verletzungen über einer gedachten Hutkrempenlinie eher auf Schläge zurückzuführen waren, die darunter eher auf Stürze. Allerdings war die Sachlage, soweit sie sich erinnerte, bei Treppenstürzen schwieriger.

Der Rechtsmediziner fuhr ungerührt fort: »Darüber hinaus finden sich Kratzspuren an Hals und Wangen. Was die Verletzungen und die Schlagwaffe angeht, werden weitere Untersuchungen nötig sein. Auf DNA-Spuren des Täters brauchen Sie vermutlich nicht hoffen«, beendete Gerlich das Gespräch.

Triumphierend sah Hennes Liv an, als der Rechtsmediziner mitsamt der Leiche abgefahren war. »Da habe ich den Klugscheißer ja mal überrascht, was? Aber für diese Diagnose braucht man keine Kristallkugel, die hellroten Flecken sind Anzeichen genug.«

»Die Flecken habe ich auch gesehen, aber wohl nicht richtig eingeordnet«, gab Liv zu.

Hennes sah zufrieden in die Ferne, wo der Leuchtturm die Landschaft in Scheiben schnitt. »Nicht so einfach, wenn man von einer Todesart nur in Fachbüchern gelesen, sie aber noch nie zu Gesicht bekommen hat, was? Berufserfahrung ist eben unbezahlbar.«

Die Kommissare kamen am Mannschaftswagen für eine Zwischenbesprechung zusammen. Die Nachtkälte hatte sich über sie gesenkt, und Liv war froh über ihren Wollpulli. Vielen Polizisten war inzwischen die Müdigkeit ins Gesicht geschrieben. Gleichzeitig hatte eine fiebrige Anspannung sie erfasst. Der brutale Mord an dem Pfarrer machte nicht nur sie betroffen, sondern würde auch viele Sylter schockieren. Es war ihre Pflicht, diesen Schock durch eine schnelle Aufklärung des Falls zu mildern.

»Die Identität des Toten ist geklärt. Für das, was uns jetzt erwartet, sind wir zu wenige, das ist klar. Flensburg hat die Lage nicht richtig eingeschätzt. Bente hätte gleich ein größeres Team zusammenstellen sollen. Aber wir machen das Beste draus.«

Momke wollte etwas sagen, aber Hennes ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Bei der Leiche wurden keine persönlichen Gegenstände gefunden, keine Brieftasche, kein Handy. Beides trug Hark Casabione jedoch immer bei sich, sagte seine Frau am Telefon. Wir müssen die Suche danach fortsetzen, um einen Hinweis darauf zu finden, was er an diesem Abend vorhatte. Wo war er? Wen hat er getroffen? Sein Leben muss durchleuchtet werden. Hatte er Feinde? Hat er sich unbeliebt gemacht? Sind Vorbestrafte auf der Insel, die für diese Tat infrage kommen? Klappert nochmal die Nachbarn ab. Hier standen zwei Autos – wie sahen sie aus, wem gehörten sie? Irgendjemand muss doch etwas gesehen haben!«

Momke tunkte seinen Teebeutel ins Wasser und drückte ihn schließlich am Rand des Bechers aus. Er wollte ihn in einen am Mannschaftswagen angebundenen Müllbeutel werfen, traf aber nur den Reifen. Schnell klaubte er den Teebeutel auf und warf ihn weg. »Das hört sich nach reichlich Arbeit für uns an. Und was macht ihr als Erstes?«, fragte er.

Hennes rieb sich über den Nasenhöcker. »Wir gehen zur Witwe. Oder möchte einer von euch gerne die Todesnachricht überbringen?«

Betretenes Schweigen. Obgleich Liv damit gerechnet hatte, spürte sie, wie sich ihr Magen zusammenkrampfte.

»Jetzt, mitten in der Nacht, wollt ihr die Familie aufsuchen?«, fragte Rabia zweifelnd.

Liv schluckte mühsam und räusperte sich. »Die Gefahr, dass sich die Identität des Toten herumspricht, ist zu groß«, sagte sie. »Habt ihr die Nummer der Seelsorge zur Hand? Des KIT? Ist vielleicht einer der Rettungskräfte in Krisenintervention ausgebildet?«

»Wir reden über eine Pfarrersfrau. Die hat den direkten Draht zu Gott. Brauchen wir da wirklich das Kriseninterventionsteam?«, fragte Hennes zweifelnd.

»Vermutlich kann gerade sie Beistand gebrauchen«, meinte Liv.

4

Westerland, 14. Oktober, 0:38 Uhr

Der Junge schrie. Liv vermutete, dass er ungefähr zehn Jahre alt war. Sein Alter richtig einzuschätzen fiel ihr schwer, weil der Junge behindert oder – besser ausgedrückt – ein Mensch mit Lernschwierigkeiten war. Seine etwa drei Jahre ältere Schwester wollte ihn festhalten, aber immer wieder machte sich der Kleine los. Sein Brüllen war erschreckend und zugleich herzerweichend. Erst seine Mutter konnte ihn durch eine liebevolle Umarmung bändigen.