Brennendes Watt - Fynn Jacob - E-Book
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Brennendes Watt E-Book

Fynn Jacob

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Beschreibung

An der rauen Nordsee droht eine dunkle Gefahr

Iska van Loon, erfahrene Beamtin der Nationale Politie, und der ehrgeizige Kriminalhauptkommissar Marten Jaspari stehen vor einem brisanten Fall. Luuk Raand, Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma, die das LNG-Terminal bei Eemshaven schützt, wird tot am Strand von Borkum angespült. Eine Spur führt zu radikalen Umweltschützern, die Missstände bei der Erdgasverarbeitung aufdecken wollen, eine andere in das undurchsichtige private Umfeld des Opfers. Als schließlich im Hamburger Hafen der Kapitän eines Containerschiffes verschwindet, erreicht der Fall ungeahnte Dimensionen. Iska und Marten müssen alles riskieren, um zu verhindern, dass an der Nordsee ein flammendes Inferno ausbricht ...

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Seitenzahl: 312

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Das Buch

Iska van Loon, erfahrene Beamtin der Nationale Politie, und der zielstrebige Kriminalhauptkommissar Marten Jaspari stehen vor einem brisanten Fall. Luuk Raand, Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma, die das LNG-Terminal bei Eemshaven schützt, wird tot am Strand von Borkum angespült. Eine Spur führt zu radikalen Umweltschützern, die Missstände bei der Erdgasverarbeitung aufdecken wollen, eine andere in das undurchsichtige private Umfeld des Opfers. Als schließlich im Hamburger Hafen der Kapitän eines Containerschiffes verschwindet, erreicht der Fall ungeahnte Dimensionen. Iska und Marten müssen alles riskieren, um zu verhindern, dass die Nordsee sich in ein Flammeninferno verwandelt.

Der Autor

Fynn Jacob heißt im richtigen Leben Christian Kuhn und lebt in Langenfeld in der Nähe seiner Geburtsstadt Köln, ist der Nordsee und ihren Inseln jedoch schon seit Kindertagen verbunden. Die unter seinem bürgerlichen Namen veröffentlichten Kriminalromane »Nordseedämmerung« und »Nordseedunkel« spielen auf den ostfriesischen Inseln Juist und Norderney, die neue Romanreihe um Marten Jaspari und Iska van Loon an unterschiedlichen Orten sowohl an der deutschen als auch der niederländischen Nordseeküste.

Kuhn ist Mitglied im SYNDIKAT e. V., dem Verein für deutschsprachige Kriminalliteratur. Mehr unter www.kuhnchristian.de

Lieferbare Titel von Fynn Jacob / Christian Kuhn

Nordseedämmerung

Nordseedunkel

Die Toten von Friesland

Das Blut der Nordsee

FYNN JACOB

BRENNENDES WATT

Kriminalroman

Ein Fall für Jaspari und van Loon

WILHELMHEYNEVERLAGMÜNCHEN

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Originalausgabe 03/2025

Copyright © 2025 dieser Ausgabev by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR)

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Agentur EDITIODIALOG, Dr. Michael Wenzel (www.editio-dialog.com).

Redaktion: Catherine Beck

Umschlaggestaltung: bürosüd, www.buerosued.de

Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg

ISBN 978-3-641-32375-2V002

www.heyne.de

Für Dich. Danke für die Reise! (Du weißt schon.)

01

Borkum, Donnerstag, 21. Mai06:00 Uhr

Ein unförmiger schwarzer Punkt lag am Strand, in der kleinen Bucht unterhalb des Holzbohlenpfads, der vom Deich über den Dünenkamm führte, er war im rot-goldenen Licht des frühen Morgens auch über die Entfernung hinweg gut auszumachen. Bastian kniff die Augen zusammen. Ob da mal wieder irgendein Unrat angeschwemmt worden war? Das kam leider öfter vor, als ihm lieb war, hier war zwar ein Naturschutzgebiet, aber der Schifffahrtsweg der Außenems war nicht weit weg. Das, was da lag, war doch ziemlich groß … Ein Schwarm Möwen kreiste darüber, ab und zu landeten einige von ihnen, hoben dann wieder ab. Er musste schlucken, als er eine Ahnung bekam, was dort liegen könnte.

»Ach du Sch…« Neben ihm hatte Hagen durch das Teleobjektiv seiner Kamera auf das Motiv gehalten und nah herangezoomt. Es klickte, als er den Auslöser bewegte. Deswegen waren sie ja hier, um Fotos zu machen. Wenn auch von anderen Motiven. »Das ist keine Robbe oder so. Das … das sieht aus wie ein …« Er schluckte. »Das könnte ein Mensch sein.«

»Hin!« Bastian bemerkte, dass sein Herz schneller schlug. Ein Betrunkener, der gestern nicht mehr den Weg nach Hause gefunden hatte? Wie ging noch mal Erste Hilfe? »Wir müssen da hin!«

»Ja, ja.« Hagen legte den Schutzdeckel auf das Objektiv und verstaute hektisch die Kamera in der Fototasche. Bastian fiel in einen Laufschritt, die Bohlen unter seinen Turnschuhen boten guten Halt. Hinter gelbem Strandgras und flachen Büschen schaute die Bucht hervor, trocken gefallenes Watt, dunkler Sand, Priele, in denen sich glitzernd die Sonne spiegelte. Der Gezeitenwechsel war gerade vorbei, es war kurz nach Niedrigwasser, das Meer war weit weg. Leichter Wind zog von Süden zu ihnen herüber. Hinter sich hörte er Hagen, bereits außer Atem.

Er erreichte den Strand. Nach wenigen Metern sprang er über den Spülsaum, über Algen und Kleinstmüll, den die letzte Flut angeschwemmt hatte. Jetzt war das Ziel schon besser zu erkennen, es war tatsächlich ein Mensch, ein Mann, er lag auf dem Bauch, das Gesicht von ihnen weggedreht, auf halbem Weg zum Wasser. Am Hinterkopf war trotz der Haare eine Wunde zu erkennen, wie eine Art Kerbe, als wäre der Schädel eingedrückt worden. Schwarze Kleidung, offenbar eine feste, lange Hose, eine schwarze Weste über einem schwarzen Shirt, die bloßen Arme lagen verdreht am Körper. Nicht gut. Bastian beschleunigte ein weiteres Mal die Schritte, der Sand unter ihm war noch nass und schlickig. Ihm graute vor dem, was er sehen könnte. Die Kleidung, wie die Uniform von … Ja, das sah aus wie die Uniform von diesen Security-Typen, mit denen sie in Eemshaven aneinandergeraten waren.

»Nicht anfassen!« Hagen kam in deutlich langsamerem Laufschritt hinterher.

Bastian bremste ab, als er den Mann erreicht hatte, eine letzte Möwe, die noch auf dessen Schulter gesessen hatte, spreizte die Flügel und hob ab. Tot, wusste Bastian. Keine Frage. Grauschwarze Haarsträhnen klebten an der aufgedunsenen Gesichtshaut, in der Wange und in den Augenhöhlen waren Wunden zu erkennen, blutleer, seltsam abstrakt. Er schlug sich die Hand vor den Mund.

»Das ist …«

Auch Hagen war jetzt neben ihm angekommen, stützte sich japsend auf seiner linken Schulter ab.

»Ja.« Bastians Magen verkrampfte sich. Er hatte genug gesehen, mehr als genug. Und vor allem wiedererkannt.

»… der von ... letztens«, vollendete Hagen trotzdem seinen Satz.

Ja, genau. Tausend Gedanken rasten durch seinen Kopf. Genau hier. Das konnte doch gar nicht wahr sein, aber da lag er. Sein Körper angespült von der nächtlichen Flut, in einer letzten Lache Meerwasser, das sich in der Kuhle unter ihm gesammelt hatte, in der einsamsten Bucht von Borkum.

Einsam …

Waren sie noch allein? Hektisch drehte er sich um. Niemand zu sehen. »Lass uns abhauen!«

»Was …?« Hagen schaltete langsamer. »Wir müssen …«

»Schnell!«, unterbrach Bastian seinen Kumpel und schubste ihn von der Leiche weg. »Lass uns abhauen!«

Er rannte, so schnell es irgendwie ging, zum Wanderweg. Schlug nicht die Richtung ein, aus der sie gekommen waren, sondern zum Krüppelwäldchen der Greunen Stee. Hier war die Chance besser, niemandem zu begegnen. Er betete, dass er mit seiner Annahme recht hatte. Vögel flogen unweit von ihnen auf, während sie durch die einsame Landschaft aus wilden Wiesen, Prielen und flachen Büschen und Bäumen hasteten.

02

Aurich, Donnerstag, 21. Mai12:00 Uhr

Marten Jaspari teilte das faustgroße Stück Snirtjebraten vorsichtig mit dem Messer, es glitt beinahe hindurch, das Fleisch war ganz zart. Seine Mutter lächelte ihn von der anderen Seite des Tisches stolz an. Seitdem seine Eltern wegen der Beförderung von Papa damals aus Hannover hierher nach Aurich gezogen waren, war es eines ihrer Hobbys gewesen, die ostfriesische Küche zu perfektionieren. Die beiden hatten ihn eingeladen; er sollte an seinem Geburtstag nicht allein sein, hatte ihm Mama geraten, sie würde auch kochen. Es war eine Art Befehl gewesen. Tatsächlich lief ihm das Wasser im Mund zusammen. »Es sieht super aus, Mama.«

»Danke!« Sie rang sich ein Lächeln ab.

»Ich finde das nicht gut, Marten.« Sein Vater schaute missbilligend zu ihm rüber, während er Soße über Kartoffeln und grünen Bohnen verteilte. »Hast du dir das auch gut überlegt?«

Was für eine Frage. Marten merkte, wie bereits der Ärger in ihm hochkochte.

»Oder ist das auch wegen, also, äh, weil du jetzt nicht mehr mit Katharina …« Mama klang so unglücklich, wie sie aussah.

»Es ist noch gar nichts entschieden.« Er atmete tief durch. Keinen Streit, nicht heute. »Ich schaue mir einfach an, welche Möglichkeiten mir offenstehen.«

Besteck klapperte auf den Tellern. Die Lampe über dem Tisch verteilte ihr altes gelbliches Licht, wie immer schon. Am Essplatz befand sich kein Fenster, sodass das Tageslicht nur gedämmt vom Wohnzimmer herüberschien und sich zwischen den Eichenholzmöbeln und den dunklen Bildern verlor. Seinen dreiunddreißigsten Geburtstag hatte er sich anders vorgestellt, und jetzt standen auch noch die Pfingstfeiertage an. Zum Feiern war ihm eh nicht zumute, eigentlich wäre er am liebsten allein geblieben. Das Gespräch verlief zäh, weil Papa stets alles bewertete, was er tat und sagte. Und Marten lag daran, ihm nicht allzu viel Gelegenheit dazu zu geben. Vielleicht hätte er ihnen nicht von seiner Bewerbung auf die Stelle beim Verfassungsschutz in der Kölner Zentrale erzählen sollen. Er wusste, dass er gute Chancen hatte. Jan, sein Kontakt dort aus alten Tagen, hatte das schon angedeutet. Es wäre ein Neuanfang. Raus aus dem Polizeidienst, neue Aufgaben, neue Kollegen, vor allem eine neue Umgebung. Neue vier Wände.

»Aber das ist doch herumeiern. Erst das BKA, dann das. Hü und hott.«

Es war aus Papa herausgeplatzt, Marten hatte schon erkennen können, dass es in ihm gearbeitet hatte.

»Man weiß doch, was man selbst möchte. Und danach handelt man dann. So einfach ist das.«

Ja, so einfach war das. Papa war immer Polizist gewesen, durch und durch, und zielstrebig. Noch immer sprachen die Kollegen ehrfürchtig von dem Herrn Polizeidirektor, auch wenn er schon seit ein paar Jahren in Pension war. Martens Wechsel zum Bundeskriminalamt letzten Herbst hatte er nur schweren Herzens gutheißen können, weil sie aufgrund des höheren Gehalts einer Beförderung gleichkam.

»Oder willst du von uns weg? Wie Ben?« Mama hatte diese Stimme aufgesetzt, die erst ganz normal klang, am Ende dann aber, als würde sie nur mühsam verschleiern können, dass ihr Herz gerade brach. Das war zwar durchschaubar, aber trotzdem unfair. Sein jüngerer Bruder lebte inzwischen in den USA und kam nur sporadisch zu Besuch nach Europa. Mama merkte, dass sie übertrieben hatte. »Jedenfalls läufst du weg. Und mir fällt es ebenfalls schwer, das gut zu finden.«

Aber er fühlte sich nun mal nicht mehr wohl hier in der alten Heimat, auf eine gewisse Art falsch. Natürlich war es wegen Katharina. Sie waren seit dem Ende der Schulzeit zusammen gewesen, hatten eine gemeinsame Wohnung gehabt und eigentlich auch eine gemeinsame Zukunft. Aber es hatte irgendwie nicht mehr gepasst. Jetzt wohnte sie in Hamburg, sie hatten sich im März getrennt, na ja, letzten Endes hatte sie es vielleicht eher gemerkt als er. Schon letzten Sommer ihre Affäre in London … Er hatte es zuerst nicht wahrhaben wollen.

Jetzt musste er die Situation endlich annehmen, wie sie nun einmal war. Einen Neuanfang machen. Entscheidungen treffen. Was eignete sich besser dafür als ein neues Jahr, wenn nicht ein neues Lebensjahr? Okay, er hätte es den beiden vielleicht schonender beibringen können. Fingerspitzengefühl war nicht immer seine Stärke. Es vibrierte in der Hosentasche, dann kam der bekannte Klingelton. Das Diensthandy?

»Das Büro?« Er wunderte sich, er hatte auf »Nicht stören« eingestellt, nur wenige Nummern wurden durchgestellt. Umständlich beförderte er das Handy hervor.

»Hast du doch vergessen, den Urlaubsantrag für heute einzureichen?« Papa und Vorwürfe, das war eine Symbiose.

»Jaspari. Was gibt es?«

Der Kollege am anderen Ende der Leitung verband ihn mit einem externen Anrufer. Hauptkommissar Stephanus, der auf Borkum die Wache leitete, Marten hatte ihn einmal zu einer Tagung in die Niederlande begleitet. Direkt an der Grenze gelegen, ergab es sich des Öfteren, dass Stephanus mit den Kollegen aus dem Nachbarland zusammenarbeitete. Heute Morgen hatten sie wohl die Leiche eines niederländischen Staatsbürgers geborgen, der seit zwei Tagen vermisst worden war. Die Spurensicherung hatte Gewalteinwirkung mit einem stumpfen Gegenstand am Hinterkopf festgestellt, der Bericht der Pathologie stand aber noch aus. Und für die länderübergreifende Zusammenarbeit bei ungeklärten Todesfällen und schweren Straftaten war das BKA zuständig, ganz konkret er selbst. Er zwang sich, geduldig zuzuhören, bis Stephanus fertig war. »Danke. Sichern sie den Fundort, ich komme mit der nächsten Fähre vorbei.«

»Ich denke, Sie müssen sich nicht beeilen.« Stephanus musste sich räuspern, vielleicht, um ein Schmunzeln zu unterdrücken. »Der ist wieder überflutet. Die Spurensicherung ist schon wieder auf dem Rückweg. Im Moment kann ich Ihnen lediglich ein paar Fotos anbieten.«

Okay, das war aus Stephanus’ Bericht nicht herauszuhören gewesen. Sie besprachen die weitere Vorgehensweise. Marten entschied, dass er erst einmal zusammen mit den Kollegen aus den Niederlanden die Details zu dem Fall aufnehmen würde, danach konnte er sich immer noch überlegen, ob ein Besuch vor Ort auf der Insel notwendig war.

Als er auflegte, sah Mama ihn ärgerlich an. »Wenn du schon so unhöflich bist, bei Tisch den Anruf anzunehmen, hättest du wenigstens uns in Ruhe essen lassen können.«

»Entschuldigt, bitte.« Hektisch schlang er das restliche Essen hinunter. Der Urlaub war gerade beendet worden. Hoffentlich konnte er Iska schnell erreichen. Wahrscheinlich schon, sie hatte die spiegelgleiche Position bei der niederländischen Nationale Politie wie er beim BKA, und eigentlich war sie immer im Dienst. Sein Ärger war verflogen.

»Viel Erfolg, Junge.« Der Ärger von Papa offensichtlich auch, ein gewisser Stolz oder zumindest Genugtuung waren deutlich herauszuhören.

Borkum. Katharina. Erinnerungen stiegen hoch. Er war lange nicht mehr da gewesen.

03

Delfzijl. Donnerstag, 21. Mai16:30 Uhr

Iska van Loon umfasste mit der linken Hand unsicher den Kopf von Manou Seymore, genannt Manou Raand, den diese gegen ihre Schulter gepresst hatte. Schluchzend lag die Frau trotz ihrer fünfundvierzig Jahre in ihren Armen wie ein hilfloses Baby, nachdem sie und Marten ihr die Nachricht vom Tod ihres Mannes überbracht hatten. In ihrer gesamten Dienstzeit war ihr das noch nicht passiert, sie hatte bisher so etwas immer für eine schamlose Übertreibung in Fernsehfilmen gehalten. Aber jetzt war es real. Oder spielte die Frau ihnen etwas vor? »Es ist in Ordnung. Es ist in Ordnung.«

Das Wohnzimmer, in dem sie sich befanden, war modern und hell eingerichtet, ein riesiger Fernseher beherrschte den Raum, umgeben von zwei hohen gläsernen Vitrinen. Randlose Drucke auf Acrylglas, bestimmt zwei mal zwei Meter in der Abmessung, zeigten Schwarz-Weiß-Fotografien von New York: das Empire State Building, die Brooklyn Bridge. Auf den Bildern waren keine Menschen zu sehen, auch nicht von Manou oder Luuk, obwohl sie erklärt hatte, dass sie die Aufnahmen selbst angefertigt habe. Es wirkte seltsam steril. Die weiße Ledercouch, auf der sie saßen, war riesig, auf dem Wohnzimmertisch davor stand ein Strauß künstlicher Frühlingsblumen.

Sie spürte etwas Nasses am Hals. Tränen. Vorsichtig streichelte sie Manou Raand über die gelockten Haare. Das hatte sie zuletzt bei Maaike gemacht, als ihre Tochter von ihrem ersten Freund verlassen worden war, diesem Mistkerl. Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken ab. Hoffentlich klappte es noch mit dem gemeinsamen Kurzurlaub mit Maaike und Marc, mit ihrem Ex-Mann Daniel und dessen Freundin. Erika hieß die, sie hatte sich fest vorgenommen, sich den Namen zu merken. Der erste Urlaub als Patchworkfamilie. Maaike und Marc lebten schon seit Jahren bei ihrem Vater, eigentlich waren nur die drei die eigentliche Familie und sie selbst eine Art Gelegenheitsmutter, jedes zweite Wochenende. Sie hatte Distanz zu ihnen gehalten, erst im letzten Jahr hatte sich der Kontakt wieder normalisiert. Der Kurzurlaub sollte so etwas wie eine Generalprobe sein, ob das auch zukünftig öfter möglich war. Sie hatte sich fest vorgenommen, es nicht zu vermasseln. Dieser Todesfall passte eigentlich gar nicht in ihre Planung.

Luuk Raand war von Manou Raand bereits am Dienstagabend vermisst gemeldet worden, als er von der Arbeit nicht zurückgekommen war. Iska hatte sich die Fallakte der örtlichen Kollegen kommen lassen. Bisher hatten sie nur die Grundzüge des Falls aufgenommen. Als Mitarbeiter des Sicherheitsunternehmens AllSecure war er auf dem schwimmenden LNG-Terminal von Noordzeegas in Eemshaven eingesetzt, offensichtlich hatte er seine Schicht zwar begonnen, aber nicht beendet. Raands Auto, ein neuer Tesla Model 3, stand noch immer auf dem Parkplatz vor Noordzeegas. Eine sofort eingeleitete Suche war ergebnislos verlaufen, auch sein Handy konnte nicht geortet werden. Raand blieb verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Zwei Tage lang … und jetzt war er in Borkum wiederaufgetaucht, wortwörtlich. Sie stemmte die weinende Ehefrau behutsam nach oben. Es reichte langsam.

Manou Raand wischte sich mit der Hand über die geröteten Augen. »Ich bin peinlich, oder?«

»Nein, nein. Nichts könnte in dieser Situation peinlich sein. Wir möchten helfen.« Iska suchte nach den richtigen Worten. »Schaffen Sie ein paar erste Fragen? Damit wir mit den Ermittlungen anfangen können.«

Manou Raand nickte, holte ein Taschentuch hervor, tupfte zuerst über ihr Gesicht und putzte sich danach die Nase. »Ja. Natürlich. Fragen Sie!« Sie reckte das Kinn, holte tief Luft.

»Ihr Mann, Luuk Raand. Kam es öfter vor, dass er … länger wegblieb? Dass er eine Zeit lang nicht auffindbar war?«

»Nein. Nein, nicht.« Sie schluckte. »Ich meine, natürlich, jeder von uns hat sein eigenes Leben, und wenn er sich mit seinen Kumpels oder Arbeitskollegen traf, dann bin ich normalerweise nicht dabei gewesen. Das kam öfter vor, aber ich hab mir nie Sorgen gemacht oder so, er hat mir immer Bescheid gegeben, wenn es mal etwas länger wurde.«

»Gut, danke.« Iska war froh, dass die Frau sich so schnell gefangen hatte. »Hat ihr Mann in der letzten Zeit etwas erwähnt, dass er sich Sorgen machte? Wirkte er beunruhigt oder so?«

»Ich weiß nicht.« Manou Raand blickte nach schräg links oben. »Nicht direkt. Er war ein wenig verschlossener als sonst. Wir … wir hatten einen kleinen Streit, na ja, ich weiß es nicht.« Sie presste die Lippen aufeinander. Es war ihr anzusehen, dass sie es bereute, den letzten Satz ausgesprochen zu haben.

»Darf ich fragen, um was es in dem Streit ging?«

»Es war etwas Privates.« Manou Raand hielt die Luft an, hob die Hand. Nickte sich selbst in Gedanken zu. »In Ordnung. Er wollte, dass wir es noch einmal mit Kindern versuchen. Aber ich habe mich zu alt dafür gefühlt, er wollte es nicht wahrhaben. Es war ein leidiges Thema. Nichts Neues.«

»Danke.« Iska nickte. Fürs Erste wollte sie es dabei belassen, vielleicht musste man später noch einmal darauf zurückkommen. »Ihr Mann … wissen Sie denn, ob er vielleicht mit jemand anderem Streit hatte? Gab es irgendwelche Konflikte mit Nachbarn, mit Kollegen, mit wem auch immer?«

Es war ihr anzusehen, dass sie über den Themenwechsel erleichtert war. »Nein, nicht wirklich. Ich meine, Luuk ging einem Konflikt eigentlich nicht aus dem Weg.« Sie musste auflachen. »Das wäre in seinem Beruf ja auch schlecht gewesen.«

»Mit Kollegen und so kam er auch klar? Mit den Chefs? Geriet mal mit irgendwem aneinander?«

»Ja … Warten Sie. Wie war das noch mal?« Sie schob die Haare nach hinten. »Mir fällt es jetzt erst wieder ein. Er hat letztens von so einem Vorfall erzählt. Er ist da mit einer Demo oder so aneinandergeraten.«

»Kam das öfter vor?«

»Nein, gar nicht. Eigentlich ist der Job bei Noordzeegas extrem ruhig. Da passierte nie was, Überwachungskameras im Auge behalten, Rundgang, acht Stunden, fertig. Deswegen fiel das so auf.«

»Was war denn?«

»Umweltschützer. Von Blue Home meine ich, sie wissen schon.«

Die Gruppe war europaweit für ihre teilweise spektakulären Aktionen bekannt. Aus Protest gegen die Steigerung der Erdölimporte hatten sie erst letzte Woche in Berlin den Potsdamer Platz mit schwarzer Farbe geflutet, die erst Tage später wieder vollständig entfernt werden konnte. Als entschieden wurde, dass Kerosin für Flugzeuge weiter subventioniert wird, verteilten sie mehrere Bombenattrappen auf Flughäfen und legten damit große Teile des Luftverkehrs lahm.

»Die sind mit einem Boot in den Hafen eingedrungen. Sind ganz nah dran an das Terminal, was total gefährlich ist. Er musste mit einem Kollegen ebenfalls in ein Boot steigen, um die Wahnsinnigen zu vertreiben. Es gab wohl auch Handgreiflichkeiten, die haben richtig zugelangt, so hat er mir das jedenfalls geschildert. Es dauerte, bis die Aktivisten aufgegeben haben. Er war richtig wütend darüber.«

»Wie lange ist das her?«

»Ach, das war vor Kurzem, vielleicht vorletztes Wochenende oder so …«

»Hat sich das noch mal wiederholt? Oder hat sich etwas daraus ergeben?«

»Nein, nichts. Jedenfalls hat er davon nichts mehr erzählt.«

»Wurde denn die Polizei nicht informiert?«

»Das weiß ich nicht. Da müssen sie seine Chefs fragen.«

»Gut. Das werden wir klären.« Sehr ungewöhnlicher Vorfall. Zufall? »Gab es ansonsten noch Ungewöhnliches, Besonderheiten, einfach Sachen, die anders waren als sonst?«

Manou Raand überlegte einen Augenblick. »Nein, tut mir leid, da kann ich ihnen nicht weiterhelfen.« Sie blickte zwischen ihr und Marten, der bisher schweigend danebengesessen hatte, hin und her.

»Eine letzte Frage, wenn sie gestatten …«, schaltete sich ihr deutscher Kollege doch noch ein.

Martens Niederländisch hatte sich verbessert, auch wenn der Akzent unverkennbar war. Normalerweise unterhielt sie sich mit ihm auf Deutsch, da fühlte er sich wohler.

»Ihr Mann wurde auf deutschem Staatsgebiet gefunden. Hatte er Kontakt nach Deutschland? Früher oder erst in jüngerer Zeit?«

Die Frau des Verstorbenen schüttelte den Kopf. »Nein, nicht dass ich wüsste.«

»Danke sehr.« Sein Blick wanderte von der Befragten zu ihr, nickte ihr zu. Nein, er hatte auch keine weiteren Fragen.

Iska stand auf, bedankte sich, wünschte Manou Raand viel Kraft. Dann erhoben sie sich.

Die Witwe begleitete sie in den Flur, nickte ihnen in der Eingangstür ein letztes Mal zu, bevor sie diese verschloss. Gemeinsam mit Marten lief sie den kurzen Fußweg durch den Vorgarten, links und rechts kleine Apfelbäume, eine akkurat geschnittene Hecke. Überhaupt war alles sehr gepflegt.

»Wilde Geschichte, mit den Aktivisten«, murmelte Marten neben ihr.

»Hm.« Sie wusste noch nicht, was sie davon halten sollte. Irgendetwas störte sie in dem Haus, das sie gerade verlassen hatten. Es war unpersönlich gewesen. Als hätten sie ein Haus aus dem Katalog betreten. Sie konnte sich nicht an Schnappschüsse, Fotos von Freunden, nicht einmal an ein Hochzeitsfoto erinnern.

Als Marten schon wieder auf dem Weg nach Aurich war, wies sie die üblichen Routinetätigkeiten an. Befragungen von Nachbarn und Freunden, Auswertung der Daten von Raands Mobilfunkprovider. Erst mal die ersten Ergebnisse abwarten, überlegte sie.

Es könnte schwierig werden mit ihrem Urlaub.

04

Eemshaven. Freitag, 22. Mai10:30 Uhr

»Klappt es mit unserem Wochenende?« Seine Stimme kam leicht verzerrt aus den Lautsprechern. Sie konnte heraushören, dass es ihm unangenehm war nachzufragen. Wahrscheinlich wuschelte er sich jetzt wieder durch seine immer noch dunklen, nur an den Schläfen ergrauten Haare, sodass sie aussahen, als wäre er gerade erst aufgestanden. Sie mochte das.

»Ich weiß es nicht, Daniel. Ich weiß es nicht. Es tut mir leid.« Iska räusperte sich. »Du, ich habe einen Kollegen hier bei mir, wir sind gerade unterwegs.«

»Ja, klar.« Sie wusste, dass er gerade die Stirn in Falten legte. »Du, das ist kein Problem, das weißt du, oder? Aber sag bitte Bescheid, sobald du abschätzen kannst, ob es klappt, in Ordnung?«

»Ja klar. Ich melde mich.«

»Um vier endet die Schule der beiden.«

»Bis dahin weiß ich Bescheid, versprochen.«

»Gut. Danke dir.« Er machte diese Pause, in der er sein Lächeln aufsetzte. »Viel Erfolg, Iska.«

»Danke dir.« Sie atmete aus, dann beendete sie das Gespräch. Vom Beifahrersitz blickte sie Marten skeptisch an. Es wäre ihr lieber gewesen, er hätte das Gespräch mit ihrem Ex nicht mitgehört. Sie nahm die erste Abfahrt des Kreisverkehrs und lenkte den Wagen auf das Hafengelände. »Ich konnte es ihm noch nicht sagen.«

»Verstehe.«

Das bezweifelte sie. Eigentlich hatte sie Daniel einfach nicht absagen wollen, nicht vor Marten ein Beziehungsgespräch führen wollen oder so was in der Art. »Der richtige Zeitpunkt, etwas mitzuteilen … Es hört nicht auf. Es ist eigentlich genauso wie in einer Beziehung. Also eine Art Beziehung, die man führt und doch nicht führt.«

»Ich mag es, wenn du sarkastisch bist.« Marten grinste. »Das gibt mir ja Hoffnung für die Zukunft.«

»Es hört nie auf.«

Gedankenversunken fuhren sie durch den Energiepark Eemshaven, einem der wichtigsten Zentren der niederländischen Energieversorgung. Hier befanden sich ein Kohlekraftwerk, ein Gaskraftwerk sowie mit dem Windpark Westereems auch ein Vorreiter und bedeutender Produzent regenerativer Energie. Nicht zufällig hatte sich hier auch eines der wichtigsten Rechenzentren Europas angesiedelt. Ein reines, riesiges Gewerbegebiet ohne feste Einwohner, das um vier große Hafenbecken herum entstanden war. Sie erreichten das östlichste Becken, in dem die beiden riesigen LNG-Terminals schwammen, die von Noordzeegas betrieben wurden. Unförmige Blöcke, aus den roten Schiffsrümpfen ragten komplizierte Aufbauten und Rohrsysteme in Weiß hervor.

Iska hielt auf dem Besucherparkplatz direkt neben dem Eingang. Nur ein paar Plätze weiter stand der Tesla von Raand, sie hatte bereits die Spurensicherung angewiesen, sich den Wagen vorzunehmen. Zusammen mit Marten stieg sie aus und ging zu dem einfachen Backsteingebäude, an das sich zu beiden Seiten der mit Stacheldraht gesicherte, massive Zaun anschloss, der das Betreten des unmittelbaren Hafengebiets verhinderte. Ihr Kommen war angekündigt, die Tür öffnete sich, ein jugendlich wirkender Mittvierziger in schwarzem Anzug, weißem Hemd und mit hellblauen Augen reichte ihnen die Hand.

»Ole Sigurdson, ich bin der Betriebsleiter des Terminals hier.«

»Es freut mich, Sie kennenzulernen.« Iska erwiderte den knappen, aber festen Händedruck, stellte erst sich und dann Marten vor.

Sie folgten ihm in ein kleines Büro, dessen runder Tisch bereits mit fünf Kaffeetassen gedeckt war. Tanya Hendriks in einem grauen Blazer stellte sich als Geschäftsführerin von AllSecure vor. Ein Herr aus der Rechtsabteilung mit einer markanten Hornbrille und gestutztem Bart gesellte sich zu ihnen und schenkte ein, während sie die üblichen Begrüßungsfloskeln austauschten. Dann wechselte sie in einen schärferen Ton. »Herr Sigurdson, wie kann es sein, dass Herr Raand einfach während seiner Schicht verschwinden konnte? Und wie und wann ist sein Verschwinden aufgefallen?«

»Tja.« Der Betriebsleiter knetete verlegen die Hände, sah zum Tisch und erst dann zu ihr zurück. »Herrn Raand war in der Woche seines Verschwindens die Nachtschicht zugeteilt, also von 22 Uhr bis 6 Uhr morgens. Nachts sind nur wenige Mitarbeiter operativ am Terminal tätig, vielleicht zwanzig. Sie können das Betriebsgelände über ihre Zugangsausweise betreten, Herr Raand hat eigentlich keinen direkten Kontakt zu ihnen.«

»Also, Herr Raand hat seine Schicht begonnen, und erst, als er abgelöst wurde, ist sein Verschwinden bemerkt worden?«

»So ist es. Morgens um sechs Uhr.« Hendriks hatte geantwortet. »Die Nachtschicht wird nur von einer Person wahrgenommen, im Gegensatz zu den Tagesschichten, weil wir da auch noch Pförtneraufgaben übernehmen. Ich bin zutiefst besorgt über diese Geschehnisse. Bis zu der tragischen Nachricht von seinem Tod konnte das Verschwinden von Herrn Raand nach wie vor nicht erklärt werden.«

Iska bemerkte den Unterton in der Antwort der Leiterin. Wollte sie ihnen einen Hinweis geben, dass hier etwas verschwiegen werden könnte? Gut, also behutsam Fakt für Fakt einsammeln. »Welche Aufgaben umfasst denn die Tätigkeit von Herrn Raand?«

»Die Sicherheit der Betriebsanlage«, antwortete nun wieder Sigurdson. »Das heißt, eingehende Alarme aufnehmen und bewerten. Die Monitore in seinem Büro zeigen die Livebilder der Überwachungskameras, außerdem gibt es Bewegungsmelder auf dem Gelände und an Bord des Terminals. Des Weiteren sind zwei Rundgänge pro Schicht zu neuralgischen Punkten des Terminals vorgesehen. Und natürlich, falls ein Alarm ausgelöst wird, nachsehen, was genau los ist.«

»War das denn in der betreffenden Nacht der Fall?«, nahm Iska den Ball auf.

»Nein, es gab keine Alarme. Es war durchgehend ruhig, wie eigentlich fast immer.«

Eigentlich? Iska beschloss, direkt darauf einzugehen. »Fast immer? Eigentlich fast immer?«

Sigurdson knetete weiter seine Finger, biss sich auf die Unterlippe. Als der Rechtsanwalt beinahe unmerklich nickte, sprach er weiter. »Es gab in den letzten Wochen Zwischenfälle mit Aktivisten von Blue Home. Diese Umweltschützer, Sie wissen schon. Sie haben zweimal versucht, sich unbefugt dem Terminal zu nähern.«

»Was genau ist passiert?«

»Das erste Mal versuchten sie, den Zaun zu überwinden, um ans Hafenbecken zu gelangen. Das zweite Mal sind sie mit einem Großschlauchboot in das Hafenbecken gelangt und haben sich den Terminals genähert. Das ist aus Gründen der Betriebssicherheit verboten, aber auch zu ihrem eigenen Schutz. Dieses kleine Boot inmitten dieser riesigen Schiffe. Die Leute befanden sich in akuter Lebensgefahr.«

»Und dann?«

»AllSecure hat beide Situationen professionell gemeistert. Die Aktivisten haben beide Male das Betriebsgelände wieder verlassen.«

»Einfach so? Oder kam es zu Handgreiflichkeiten?«

»Beim ersten Mal nicht. Als Herr Raand die Stelle in der Umzäunung erreicht hatte, gaben die Aktivisten nach Aussage von Herrn Raand ihren Versuch sofort auf.«

»Und beim zweiten Mal?«, stellte Marten die offensichtliche Frage.

»Die Situation war durchaus heikel.« Hendriks übernahm die Antwort. »AllSecure unterstützt nicht nur Noordzeegas, sondern auch andere Unternehmen im Energiepark mit Sicherheitsdienstleistungen. Unter anderem steht uns dazu auch ein kleines offenes Boot zu Verfügung. Herr Raand und ein weiterer Kollege, der für den Hafen arbeitet, haben das Boot genutzt, um das der Aktivisten … abzudrängen.«

»Wie kann ich mir das vorstellen? Abdrängen?«

Der Rechtsanwalt zuckte mit den Schultern. »Nun, es wurde … physisch daran gehindert, weiter zu den Terminals vorzudringen.«

»Physisch … Sie haben es gerammt?«

»Wie genau vorgegangen wurde, entzieht sich unserer Kenntnis. Jedenfalls wurde die Situation bereinigt, es kamen nach meiner Kenntnis auch keine Menschen zu Schaden.«

Sigurdson und die Leiterin von AllSecure nickten.

»Haben Sie die Polizei eingeschaltet?«

»Wir haben sie erst nachträglich über den Vorfall informiert. Uns ist daran gelegen, die Sache zu deeskalieren.« Er räusperte sich, setzte ein schiefes Lächeln auf. »Diese Aktivisten, ich denke, sie handeln im guten Willen. Wir möchten vermeiden, dass ihnen Unannehmlichkeiten bereitet werden.«

Eine Lüge, so plump, dass sie sich darüber ärgerte. Was war wirklich passiert? »Weswegen waren die Aktivisten denn da? Was genau wollten sie überhaupt genau erreichen?«

»Wir wissen es nicht.« Der Anwalt faltete die Hände auf dem Tisch. Es war offensichtlich, dass er mehr nicht preisgeben würde.

»Gab es oder gibt es Anschuldigungen von Blue Home gegen Sie?«

»Wir würden Umweltschutzauflagen nicht einhalten. Das, was allen LNG-Betreibern vorgeworfen wird. Aber ich kann ihnen sagen, da ist nichts dran. Wir bewegen uns in absolut legalem Fahrwasser, wenn ich das so sagen darf. Leider sind wir trotzdem zum Feindbild geworden.« Er legte den Kopf etwas schief. »Können wir denn noch etwas zu ihren Ermittlungen zum Tod von Herrn Raand beitragen?«

Sie nahm die Spitze gegen sie durchaus wahr, wollte ihn aber noch nicht ganz vom Haken lassen. »Diese Vorfälle, von denen sie sprachen – fanden die nachts statt?«

»Nein, tagsüber.«

»Aber beide Male war Herr Raand an den Vorfällen beteiligt?«

»Ja, unsere Mitarbeiter wechseln alle zwei Wochen ihre Schicht«, sagte Hendriks nickend. »Ich möchte aber noch hinzufügen, dass Herr Raand sich bisher stets einwandfrei verhalten hat. Seine Personalakte ist tadellos. Er arbeitet seit knapp vier Jahren hier, und uns sind keinerlei Fehlverhalten oder auch nur Beschwerden über ihn bekannt.«

Gut, erzählen konnte die Leiterin viel. »Wir müssen trotzdem in die Personalakte Einsicht nehmen, reine Formalität. Außerdem benötigen wir eine Aufstellung aller Mitarbeiter, mit denen Herr Raand in den letzten drei Monaten gemeinsam Dienst hatte.« Sie wandte sich an den Betriebsleiter. »Und wir möchten gern mit allen Mitarbeitern sprechen, die am Tag seines Verschwindens hier am Terminal gearbeitet haben.«

»Natürlich.« Sigurdson griff in die Innentasche seines Jacketts und holte einen gefalteten Papierbogen heraus. »Wir haben diese Anfrage erwartet.«

»Danke.« Sie nahm den Bogen entgegen, faltete ihn auseinander. Eine ausgedruckte Excel-Liste. Vollständiger Name, Tätigkeit, Adressangaben. Dem Namen nach ausschließlich Männer. Sie nickte, das war gut vorbereitet. Dann kam ihr ein Gedanke. »Nur um sicherzugehen: Waren außer ihren Mitarbeitern noch weitere Personen an Bord des Terminals?«

»Nein. Unseres Wissens nicht.«

»Ihres Wissens?«

»Die Mitarbeiter können mit ihrem Dienstausweis die Zugangstür öffnen. Wir können ihnen gern die Logdateien der Zutrittsverwaltung geben. Aber grundsätzlich wäre es natürlich möglich, dass Herr Raand weiteren Personen die Tür geöffnet hat.«

Marten räusperte sich. »Also wissen wir nicht genau, wer sich zum Zeitpunkt seines Verschwindens hier aufgehalten hat?«

»Nicht mit absoluter Gewissheit, nein.«

Marten sah zu ihr herüber. Die Angelegenheit bekam langsam einen gewissen Beigeschmack. Mal sehen, was sie noch erwartete. »Außerdem möchten wir das Büro von AllSecure einsehen. Und dann zeigen Sie uns bitte den Weg, den Herr Raand auf seinem nächtlichen Patrouillengang genommen hat.«

Sigurdson erhob sich, atmete aus, während er sein Jackett zuknöpfte. »Gern.«

Das Büro der Sicherheitsleute befand sich nur ein Zimmer weiter. Ein bulliger Mann erhob sich grußlos von seinem Schreibtischstuhl, als sie den Raum betraten. Vielleicht zehn Quadratmeter, ein Schreibtisch, davor zwanzig Monitore, ein Festnetztelefon, ein Haken in der Wand, an dem eine orange Warnweste hing, drei Spinde, die aussahen, als ob sie von der krijgsmacht aussortiert und dann von AllSecure übernommen worden. Die Auflösung der Überwachungskameras war überraschend gut. In den letzten Jahren hatte sich die Qualität da erheblich verbessert. Sie versuchte, dem Mitarbeiter etwas zu Luuk Raand zu entlocken, aber der brachte kaum ein Wort heraus, ohne zu seiner Chefin zu gucken.

»Wie war Herr Raand denn so im persönlichen Umgang?«

»Luuk war schwer in Ordnung.« Er überlegte kurz. »Mit ihm konnte man abends immer gut feiern gehen. Da ging eigentlich immer etwas.«

»Wie, da ging immer etwas?«

»Na …« Er verstummte erneut für einen Augenblick. »Er war halt ganz beliebt.«

»Bei wem?«

»Na, bei allen.« Mehr fiel ihm nicht ein.

Sigurdson reichte ihnen einen weißen Helm und Besucherausweise, die sie an ihre Jacken klemmen sollten. Dann betraten sie über eine überdachte Gangway das schwimmende Terminal. Er führte sie durch schmale Gänge, die ganz in Weiß gehalten waren, unter ihren Schritten hallte das Metall.

»Können Sie mir ganz grob erklären, wie eigentlich ein LNG-Terminal funktioniert?« Iska holte zu Sigurdson auf, der Gang war genau breit genug, damit sie nebeneinanderlaufen konnten. Zum einen interessierte sie das tatsächlich, zum anderen schien er derjenige ihrer drei Ansprechpartner zu sein, dem am ehesten Informationen zu entlocken waren.

»LNG ist ja Gas, das in flüssiger Form von Tankern bis zu diesem Terminal gebracht wird. Hier erwärmen wir es vorsichtig, um es dann in das Gasnetz einzuspeisen.«

»Steht das Gas dann nicht unter ungeheurem Druck, wenn es angeliefert wird?«

»Nein, das genau nicht.« Der Mann blühte sichtlich auf. »Das Gas wird lediglich heruntergekühlt, auf minus 164 Grad Celsius. Bei dieser Temperatur wird Erdgas flüssig. Und flüssiges Erdgas hat dann nur ein Sechhundertstel des vorherigen Volumens. Damit ist es weitaus einfacher zu transportieren. Die LNG-Tanker sind sozusagen riesige umherfahrende Eisschränke.« Eine Wendeltreppe führte nach oben, er ging voraus. Nach drei Etagen konnte Iska wieder neben ihn treten.

»Ist es nicht sehr gefährlich, das LNG wieder … aufzutauen? Also, ist das kompliziert?«

»Nein, das ist im Grunde ein ganz einfaches physikalisches Wärmetausch-Verfahren, umgekehrt zu einem Kühlschrank. Im Prinzip wärmen wir das LNG vorsichtig wieder auf, dazu nutzen wir das Meerwasser, das die entsprechenden LNG-Tanks umspült, und etwas kälter wieder ins Meer zurückgegeben wird.«

»Und das passiert alles hier an Bord?«

»Ja. Das Terminal ist mehr oder weniger autark. Alles, was für den Betrieb der Anlage notwendig ist, befindet sich auch hier. Deswegen sind auch keine weiteren Betriebsstätten an Land notwendig.«

Sie kamen an einigen Büros vorbei, in einigen wenigen brannte Licht, nur vereinzelte Mitarbeiter waren zu sehen, die meisten trugen Jeans und Hemd. »Das Operating« erklärte Sigurdson kurz.

Die nächste Tür führte zum Außendeck. Eine heftige Böe schlug ihr ins Gesicht, als sie nach draußen traten. Weiß lackierte Stahlröhren führten aus den Unterdecks hinauf, verzweigten über ihnen, führten in Tanks unterschiedlicher Größe und wieder heraus. Links von ihr, hinter einem brusthohen Geländer, befand sich das Flachdach des Backsteinbaus, das mit Kieseln bedeckt war, davor konnte Iska ihr Auto erkennen.

»Was genau soll AllSecure hier bewachen?«, fragte Iska.

»Es geht mehr um eine Art Sichtkontrolle. Dass offensichtlich keine äußeren Schäden zu erkennen sind und sich keine Unbefugten hier befinden. Deswegen müssen hier alle den Ausweis offen tragen, aber man kennt sich natürlich auch.«

Sigurdson ging weiter, zur anderen Seite des Oberdecks. Hier war hinter dem Geländer das Hafenbecken zu sehen. Vorsichtig neigte sie den Kopf nach unten. Tief unter ihr klatschten Wellen gegen den Rumpf. Ein Stück Treibholz schwamm dort, es sah aus wie ein Rest einer Europalette. Recht zügig wanderte es unter ihnen her.

Marten tat es ihr gleich, dann sah er sie nachdenklich an. »Ziemliche Strömung da unten.«

Iska nickte, sie wusste, was er andeuten wollte.

»Ja, zurzeit ist Ebbe. Wir befinden uns mitten in der Emsmündung. Der Gezeitenstrom ist durchaus stark«, bestätigte Sigurdson ihren Gedanken, ohne dass sie ihn ausgesprochen hatte.

Dann führte sie Sigurdson wieder in das Innere des Schiffs.

*

Es war bereits fünfzehn Uhr, als sie das Betriebsgelände von Noordzeegas wieder verließen. Im Rückspiegel wurde der Besucherparkplatz immer kleiner.

»Arbeitshypothese.« Marten sah zu ihr hinüber. »Was immer genau passiert ist, ein Unfall oder was auch immer, es ist hier auf dem Terminal passiert. Vielleicht auf seinem Rundgang. Er fiel über die Reling ins Wasser und wurde danach bis nach Borkum getrieben, wo er zwei Tage später angespült wurde.«

»Klingt plausibel. Wir sollten das mal checken lassen, ob das von den Strömungen her überhaupt möglich wäre.« Energisch schaltete Iska vom dritten in den vierten Gang hoch. Viel zu schnell für die Straße, sie nahm den Fuß wieder vom Gas, ließ den Wagen weiterrollen. Sie atmete schwer aus. Tatort in den Niederlanden, das hatte sie befürchtet. Das hieß, sie würde den Großteil der Ermittlungen leiten müssen. Eigentlich eine Aufgabe, die sie gern übernommen hätte – aber nicht jetzt. Nicht dieses Wochenende.

In Gedanken ging sie die Liste ihrer möglichen Stellvertreter durch, aber nein, nicht am Anfang der Ermittlungen. Da wurden die wichtigen Weichen gestellt. Sie konnte es sich schlicht nicht leisten, jetzt nicht an Bord zu sein. Die Kapitänin durfte nicht fehlen. »Ich rufe nachher Daniel an, dass ich dieses Mal nicht dabei sein kann.« Sie hatte es in den Raum hineingesagt und erwartete auch keine Antwort von Marten. Es musste nur raus. Sie schluckte die Enttäuschung hinunter.

»Und wenn es am Ende nur ein dummer Unfall war? Willst du deswegen wirklich das Wochenende aufgeben?«

»Ich hab das Gefühl, da steckt mehr dahinter«, wehrte sie ab. »Und ich kenne dich gut genug, um zu erkennen, dass du das auch denkst.«

Marten hatte die Arme verschränkt, sah nachdenklich nach vorne. »Okay, okay, nehmen wir mal an, es wäre kein Unfall.« Er nahm sein Smartphone heraus und begann zu tippen. »Von den Auffälligkeiten her … Blue Home ist doch unsere wesentliche Spur, oder?«

»Vielleicht. Wir wissen noch nicht viel über Luuk Raand und sein Verhältnis zu Kollegen und so weiter.« Skepsis hin oder her, sie sollte Marten recht geben. Die Vorfälle mit den Aktivisten waren das Einzige, was sie im Moment in der Hand hatten. »Vielleicht. Ja, denke schon, da sollten wir reingehen.«