Briefe an ein viel zu früh geborenes Kind - Adelheid Bürkle - E-Book

Briefe an ein viel zu früh geborenes Kind E-Book

Adelheid Bürkle

5,0

Beschreibung

Sonja ist schwanger und freut sich auf ihr Baby. Aber es kommt alles anders, als geplant. Das Baby kommt zu früh auf die Welt und kämpft ums Überleben in einem Brutkasten.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 179

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS



Inhaltsverzeichnis

Kapitel: Du

Kapitel: Warum heutzutage noch Kinder gebären?

Kapitel: Hauptsache, du bist gesund!

Kapitel: Eine Vorsichtsmaßnahme: Die Fruchtwasseruntersuchung

Kapitel: Fruchtwasseruntersuchung – ja oder nein?

Kapitel: Klatschmohn – Teil 1

Kapitel: Reise in die USA

Kapitel: Namenssuche

Kapitel: Klatschmohn – Teil 2

Kapitel: Meinungsverschiedenheiten

Kapitel: „Ein Kind? Na, da werden Sie etwas erleben!“

Kapitel: Es kam anders, als wir dachten

Kapitel: Das Leben hatte sich verändert

Kapitel: Liebe auf den ersten Blick?

Kapitel: Versorgung rund um die Uhr – Teil 1

Kapitel: Ein Häufchen Mensch

Kapitel: „Frühchen-Eltern“ sind anders als andere Eltern

Kapitel: Versorgung rund um die Uhr – Teil 2

Kapitel: „Kangarooing“

Kapitel: Dein Gastspiel auf der Frühgeborenen-Station

Kapitel: Was hast du nur?

Kapitel: Deine Kameraden auf der Station

Kapitel: „Eine Selbsthilfegruppe – klar, dort gehen wir hin!“

Kapitel: Leistenbruch gefällig? Wir haben zwei zu bieten…

Kapitel: Ein Baby ist teuer, aber es gab Menschen, die an dich dachten

Kapitel: Endlich darfst du nach Hause!

Kapitel: Wie Firmen versuchen, Mütter zu benachteiligen

Kapitel: Du bist heute schwerbehindert

1. Kapitel: Du

Mein lieber Peter,

ein Roman soll dies werden, am besten ein Roman in Briefform. Irgendjemand sagte einmal zu mir, ich könnte gut Briefe schreiben. Ich weiß nicht mehr, wer dies gesagt hat.

Darum möchte ich dir einen Roman schenken, einen Roman über dich. Einen Roman, den du später einmal lesen kannst. Wenn du überhaupt einmal die Fähigkeit, lesen zu können, besitzen wirst – denn wer weiß das schon. Aber ein Roman bietet mir viele Möglichkeiten. Ich darf Personen- und Ortsnamen ändern, wenn ich eigene Erfahrungen einfließen lasse. Ich kann bei „nicht-medizinischen Ereignissen“ meine ganz eigenen Erklärungen finden, die ich in einem Erfahrungsbericht nicht geben könnte.

Ja, ich schreibe auf, wie es war. Vielleicht hilft dieses Buch auch anderen „Frühchen“ eines Tages zu begreifen, wie sie in dieses Leben geworfen wurden. Vielleicht hilft dieses Buch betroffenen Eltern und allen Leuten, die sich über früh geborene Babys informieren wollen.

Du kamst in mein Leben im Dezember 1998 – genauer gesagt, erfuhr ich endgültig von deiner Existenz an diesem 23. Dezember 1998. Ein eisiger Wintertag ohne Schnee. Ein Tag, an dem man am besten vorsichtig mit dem Auto fuhr – denn es konnte ja irgendwo Glatteis lauern. Ein Tag, an dem viele Leute schon an Weihnachten, Urlaub und Skifahren dachten. Ich hatte noch einen Termin beim Frauenarzt wahrzunehmen – und danach wusste ich Bescheid. Danach wusste ich, dass du da warst, dass du in mir zu wachsen, zu werden begonnen hattest.

„Wenn Gott will und wir leben, dann sind wir ab August zu dritt!“ sagte ich zu Patrick am Telefon.

Patrick, so heißt dein Vater. Der vollendete Vater schlechthin, ein Familienmensch durch und durch. Patrick. Er wollte schon immer ein Kind, und am 23. Dezember 1998 konnte ich ihm berichten, dass ich schwanger war.

Ich heiße Sonja Geddes, war 36 Jahre meines Lebens Single – bis ich Patrick heiratete. Und ein halbes Jahr nach unserer Hochzeit hatte ich die Bestätigung, dass ich dich, mein liebes Kind, erwartete.

Dein Vater wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Ich hörte nur sein Atmen. Freute er sich? Ja, ich denke, er freute sich sehr. Jeder Mann ist zuerst einmal gerührt, erschrocken oder erstaunt, wenn er hört, dass seine Partnerin schwanger ist. Und nun bekamen wir ein Kind - dich! Die Vermutung, die wir schon seit Wochen hegten, wurde an diesem 23. Dezember 1998 bestätigt: Ich war schwanger. Jetzt gab es eine Begründung für die seit Tagen fällige Periode, für die Tatsache, dass ich schnaufte, wenn ich auf einmal mehrere Treppen bestiegen hatte, und für diverse andere Unpässlichkeiten – für die Tatsache, dass ich mich plötzlich anders fühlte.

Ich fragte deinen Vater nicht: „Freust du dich denn nicht?“ Denn ich wusste: Er freute sich, wünschte er sich doch schon seit Jahren eine Familie. Nicht nur eine Ehefrau, nein, mindestens ein Kind, das lachend durch das Haus in seiner kleinen Heimatstadt Aliceberg tollte und es mit Leben erfüllte. Und nun war dieses Kind, nämlich du, unterwegs. Wurde es nicht schon lange Zeit für ihn, endlich Vater zu werden? Immerhin würde er Anfang März des folgenden Jahres seinen 40. Geburtstag feiern. In diesem Alter hatten schon andere Väter beinahe erwachsene Kinder.

Nun hatte Patrick die Gewissheit: es hatte geklappt, ich war schwanger. Und er wusste, das war nicht ganz selbstverständlich.

Wie viele Paare „übten“ jahrelang und bekamen doch kein Kind? Übung macht den Meister – so sagt man, aber Übung macht noch lange kein Kind. Vielleicht hatte es geklappt, weil Patrick sich Anfang November 1998 sehr fit fühlte. Er investierte eine Woche Urlaub, um mit seinem Bruder Ewald im obersten Stockwerk des Hauses in Aliceberg zu arbeiten. Sie wollten aus den ungenutzten Räumen im zweiten Stock eine gemütliche Wohnung zaubern – mit Blick auf die Martinskirche, in ruhiger Wohnlage, mit Holzdecke, reinweißen Wänden. Eine Wohnung, die man vielleicht einmal vermieten konnte und deren Räume irgendwann von seinen Kindern bewohnt werden würden. Dann, wenn sie älter waren.

Bis dahin jedoch war es noch lange Zeit. Patrick freute sich auf dich, auf das heranwachsende Leben in mir. Denn wenn ein Mann eine Frau fürs Leben gefunden hat und in seinem Beruf auf beiden Beinen steht, dann wird es Zeit, dass sich Nachwuchs einstellt und der Mann Vater wird. Dein Vater und ich hatten uns schon oft über dieses Thema unterhalten und auch diverse Bücher gelesen. Patrick verstand manche Männer nicht. Männer, die nicht Väter werden wollten. Männer, die ein Kind für zu hinderlich erachteten, um Reisen zu planen, große Anschaffungen ins Auge zu fassen und diverse Freiheiten auszuleben. Aber sicherlich würden genau diese Männer eines Tages diese Entscheidung bereuen. Manche Männer wünschten sich Kinder von ganzem Herzen, konnten aber aus unterschiedlichsten Gründen keine bekommen – diese Männer waren zu bedauern. Wenn aber ein Mann Vater werden will und es sich erwiesen hat, dass dies möglich ist, dann gibt es allen Grund zur Freude.

Und so freute sich auch Patrick, dein Vater. Ich sah nicht, wie er sich freute, denn ich hörte ihn ja nur durchs Telefon, ich sah nicht in sein Gesicht. Aber ich spürte, wie er sich freute. Wahrscheinlich dachte er noch nicht daran, wie sich das Leben ändern würde. Nicht, weil er den Tatsachen nicht ins Auge sehen wollte. Sondern, weil er diesen Weg Schritt für Schritt gehen mochte.

Er dachte, die Zeit als Familie würde schön werden. Auch wenn du uns nachts wecken würdest, wenn wir eine Weile lang keine langen und weiten Reisen mehr machen könnten, wenn es finanziell ein bisschen enger werden würde.

Er freute sich, denn es würde schön werden. Er wusste, es konnte Komplikationen geben – schon während der Schwangerschaft, bei der Geburt, danach. Er wusste schon immer, Kinderkriegen – eigentlich ein normaler Vorgang - gehört zum Schwierigsten auf Erden. Aber solange Gott Kinder auf die Welt setzt, hat er die Hoffnung in die Menschheit noch nicht aufgegeben. Und so vertraute er mein Leben und deines Gott an. Gott würde uns beide an seiner großen Hand nehmen und uns führen und leiten.

Und er freute sich, weil ich endlich zu ihm ziehen würde. Von der Kleinstadt Mirandabach, wo ich während der Woche wohnte und arbeitete, in seine Heimatstadt Aliceberg.

Zwei Menschen sind noch keine Familie, und mit mir war er „nur“ verheiratet, aber nicht verwandt. Du, mein liebes ungeborenes Kind, würdest mit uns beiden verwandt sein. Ein schöner Gedanke? Wir dachten so. Sogar ein romantischer Gedanke, wenn man sich so liebt, wie wir uns liebten. Du würdest uns mehr verbinden als alles andere.

Und mit diesem Gedanken gingen wir in unsere Betten – Patrick in Aliceberg, ich in Mirandabach. Am nächsten Tag feierte man Weihnachten. Wir hatten bereits unser schönstes Weihnachtsgeschenk an jenem Abend erhalten.

Du warst es – und die Tatsache, dass du begannst, heranzuwachsen.

2. Kapitel: Warum heutzutage noch Kinder gebären?

Mein lieber Peter,

weißt du, wie das ist, wenn eine Frau Kinder bekommt? Nein, ich denke, man kann diesen Zustand nicht nachempfinden, wenn man noch nicht selbst schwanger war und ein Kind geboren hat. Männer werden diesen Zustand ohnehin nie nachempfinden können. Sie können einfach nicht fühlen wie Frauen, wie werdende Mütter. Das Leben ändert sich für eine Frau, die schwanger ist. Auch für mich änderte sich das Leben.

Du begannst in mir heranzuwachsen, und das war eine völlig neue Situation für mich. Eine Situation, die ich noch nie erlebt hatte. Konntest du mich hören, wenn ich sprach? Dort in meinem Bauch? Hörtest du schon damals genau, was meine Gesprächspartner und ich sagten? Fühltest du genau, was ich dachte? Auch wenn du noch kleiner war als ein Streichholz, auch wenn du nur ein winziger Punkt warst auf einem Ultraschallbild beim Frauenarzt. Ich weiß es nicht. Viele Psychologen haben Bücher geschrieben über das Seelenleben von ungeborenen Kindern. An einigen Theorien mag etwas Wahres dran sein.

Du kanntest diese Welt noch nicht, in der wir leben. Aber du hattest schon immer einen unbändigen Lebenswillen. Du wolltest in diese Welt hineingeboren werden, das spürte ich ganz deutlich.

Ich wusste, dass Gott dort einen Platz für dich geschaffen hatte.

Auch wenn viele Leute der Ansicht sind:

„Du liebe Zeit! In diese Welt kann man doch keine Kinder setzen!“

Aber warum denn nicht? Warum müssen Kinder abgetrieben wer-den? Warum können sie nicht selbst entscheiden, ob sie leben wollen oder nicht?

„Soll man in diese Welt überhaupt noch Kinder setzen? In diese Zeit voller Oberflächlichkeit, Kriege, Hungersnöte, Herzinfarkte und Hektik?“ So dachten beispielsweise Bekannte von mir – ein Ehepaar, das eine Patenschaft für ein Tier im Frankfurter Zoo übernommen hatte. Das sei nützlicher, als ein Kind in die Welt zu setzen. Und ein Kind hinderte die beiden auch am Reisen. Sie liebten Fernreisen, hatten schon viele Länder gesehen. Zum Beispiel Kanada, die USA, Australien, Neuseeland, Indien und China. Ich war auch schon viel gereist, aber ich hatte vor, mich auf ein Kind einzulassen. Und – wer sagte denn, dass ich nie wieder reisen würde? Aufgeschoben war nicht aufgehoben!

Hörtest du mich also? Welche Gedanken machtest du dir über uns Menschen?

Viele denken, in dieser Welt sei es fünf vor zwölf. Ja, diese Welt ist wirklich verrückt – Katastrophen, Kriege, Mord und Totschlag! Aber solltest deswegen du nicht geboren werden? Gott allein entscheidet über Leben und Tod. Der lebendige Gott, an den ich glaubte. Der lebendige Gott, der allen, die an ihn glauben, ewiges Leben verheißt.

Aber viele Leute sehen keine Hoffnung mehr, sie glauben nicht an Gott, sie glauben höchstens noch, dass sie im nächsten Leben als Gänseblümchen oder Legehenne wiedergeboren werden. „Reinkarnation“ nennt man das. Was für ein Schwachsinn! Und dann wollen diese „Reinkarnationsgläubigen“ wieder die Mühsal eines ganzen Lebens durchlaufen – nein!

Ich war optimistisch – und wollte in diese Welt ein Kind setzen! Und deswegen ließ ich mich auf die Schwangerschaft mit dir ein. Deswegen nahm ich all die Unpässlichkeiten in Kauf, die eine Schwangerschaft bot. Man muss bei allen Vorhaben das Ergebnis sehen – und ich sah dich vor meinem inneren Auge. Ein strampelndes, hübsches, lachendes Baby. Deswegen nahm ich die Mühen auf mich, deswegen ließ ich es zu, dass sich mein Leben änderte.

Wirst auch du jemals deine Existenz begreifen? Den Sinn deines Lebens?

3. Kapitel: Hauptsache, du bist gesund!

Lieber Peter,

weißt du, wie es ist, wenn man sich nach vielen Jahren Single-Dasein für eine Ehe entscheidet? Für das Zusammenleben mit einem Partner, für ein geordneteres Zusammenleben, als ich es bis dahin kannte? Eine Umstellung ist es, ja, aber ich wollte mich darauf einlassen. Ich liebte deinen Vater über alles, ich war auch nie abgeneigt gegen Kinder, warum sollte ich keine haben?

Ich lebte beinahe zehn Jahre in Mirandabach. Ich war einst die typische Single-Frau. Eine Frau, von der man nie glaubte, dass sie einmal heiraten würde. Eine Frau, von der man nie glaubte, dass sie einmal Kinder bekommen würde. Aber nun war es soweit, und ich war gewillt, mein Geheimnis so lange wie möglich für mich zu behalten.

Als ich wusste, dass ich schwanger war, hoffte ich auf eine schöne und möglichst unkomplizierte Zeit. Patrick und ich dachten das, was viele werdenden Eltern denken: „Das Geschlecht unseres Kindes ist uns egal.“ Aber wir hofften: „Hauptsache, unser Kind ist gesund!“

Du fühltest dich wohl in meinem Bauch. Obwohl es dunkel war. Zumindest bestätigte mir das mein Frauenarzt. „Alles in Ordnung!“ meinte er immer. Und: „Sie können tun und lassen, was Sie wollen“. Ich konnte dir am Anfang deines Daseins nichts anderes als Dunkelheit bieten – und eine ausgewogene Ernährung. Du kanntest ja nichts anderes als diese Dunkelheit. Deine Augen würden sich noch entwickeln. Bisher bekamst du alles Notwendige aus der Nabelschnur. Du bekamst das zu essen, was ich aß.

Ich vertrug auf einmal keinen Kaffee mehr. Und so wollte ich das Opfer bringen und keinen Kaffee während der Schwangerschaft trinken. Damit es dir und mir gut ginge.

Ich wollte ein gesundes Kind zur Welt bringen. Aber wer will das nicht? Die Werbung zeigt uns gesunde, zufriedene Babys, und genau solch ein Kind wollte ich auch. Es sollte die Krönung der Liebe zwischen deinem Vater und mir sein. Natürlich sollen Eltern nicht grundsätzlich pessimistisch sein und ständig an alle möglichen Gefahren denken. Aber sie müssen sich vor Augen halten, dass folgendes geschehen kann:

Die Frau hat soeben entbunden – und da ertönt die erste Nachricht im Kreißsaal: „Es gab leider eine Komplikation...!“

Die frisch gebackenen Eltern fragen den Arzt, versuchen, die Gedanken der Schwestern zu lesen, und glauben dann zu spüren, dass das Krankenhauspersonal nicht alles sagen will.

Irgendwas ist mit dem Kind. Irgendwas ist nicht in Ordnung.

Vielleicht ist das Kind mongoloid? Oder es leidet an einem offenen Rücken? Und was bedeutet ein mongoloides Kind? Vielleicht ein junger Mensch, der nie selbst seinen Lebensunterhalt verdienen kann und ständig von den Eltern abhängig ist. Ein Mensch, der vor sich hinsabbert und herumgrölt – unverständlich. Blicke von empörten Leuten auf der Straße und dann ein mitleidiges Lächeln nach dem Motto: „Ach – ist das Ihr Kind? Sie Ärmste!“

Andererseits: jedes Wesen ist ein Geschöpf Gottes. Sollte man die Kinder nicht so nehmen, wie Gott sie einem gibt? Und wenn ein Kind mongoloid sein sollte, wird Gott genug Kraft schenken, das durchzustehen.

In der Theorie hört sich alles recht einfach an. War es wirklich in der Praxis ebenso?

Ich war bereits 37 Jahre alt, ich war zum ersten Mal schwanger und gehörte somit zu den Spät-Gebärenden. Da schwebte ein gewisses Risiko wie ein Damoklesschwert über mir: vielleicht könntest du, mein liebes Kind, mongoloid sein! Wollte ich mir mit einem solchen Kind die Freude am Leben nehmen lassen? Wollte ich wegen eines solchen Kindes meinen Job aufgeben? War ich stark genug, alle Nachteile zu verkraften, die ein mongoloides Kind mit sich bringt?

Ich war schon immer gegen Abtreibung gewesen, aber auf einmal ließ ich mich verunsichern. Ich steckte im Zwiespalt, denn ich liebte meinen Job. Mein Frauenarzt drängte mich während jeder Untersuchung, von der 10. bis zur 14. Schwangerschaftswoche in einer Klinik eine Fruchtwasseruntersuchung vornehmen zu lassen. Dabei sticht ein Arzt mit einer dünnen Nadel durch die Bauchdecke in die Fruchtblase und entnimmt 10 Milliliter Fruchtwasser. So kann man erkennen, ob ein Kind einmal mongoloid sein wird oder einen offenen Rücken hat.

„Sie haben keinerlei Risiko während der Fruchtwasseruntersuchung“, meinte Dr. Obermann, der Frauenarzt, der mich betreute, am 8. Januar 1999, dem zweiten Untersuchungstermin. „Ich schicke Sie in eine Klinik, in der man sehr gute Erfahrungen auf diesem Gebiet vorzuweisen hat.“

Ich fühlte mich elend. Ich war hin- und hergerissen, während ich auf die Waage stieg, damit eine Arzthelferin diese Daten in meinen brandneuen Mutterpass aufnehmen konnte. Ich war hin- und hergerissen, als diese Arzthelferin vergeblich versuchte, Blut aus meinem rechten Arm zu entnehmen. Die Vene rollte sich zusammen, und ich litt Schmerzen. Und immer noch stand die Frage im Raum: Fruchtwasseruntersuchung – ja oder nein?

Eine harmlosere Variante zur Früherkennung von Mongolismus und offenem Rücken ist die Chorionzottenbiopsie. Dabei entnimmt der Arzt mit einer Hohlnadel durch die Scheide oder die Bauchdecke Ge-webe der Chorionzotten.

Wie ein Kranz umgeben diese Zotten die äußere Haut der Fruchtblase. Der Arzt benötigt nur einen winzigen Bruchteil dieser Nährzellen. Aber diese Untersuchung ist nicht so zuverlässig wie die Fruchtwasseruntersuchung.

„Überlegen Sie es sich bis zum nächsten Mal“, verabschiedete sich der Frauenarzt von mir. Gedankenverloren schritt ich nach Hause, meine Gedanken schlugen Purzelbäume. Ich wusste nicht: Fruchtwasseruntersuchung – ja oder nein?

Ich fragte Patrick, deinen Vater, und wir überlegten gemeinsam. „Du wirst dich besser fühlen, wenn du die Fruchtwasseruntersuchung hast vornehmen lassen!“, meinte Patrick schließlich.

„Warum willst du eine Fruchtwasseruntersuchung machen lassen?“, fragte meine Mutter am Telefon. „Bei uns ist noch nie ein mongoloides Kind geboren worden – und in Patricks Familie doch auch nicht! Also besteht bei dir doch kaum ein Risiko!“

Ich nickte, aber ich konnte mich immer noch nicht unbeschwert und sorgenfrei auf dich, mein Kind, freuen. Welche schwerwiegenden Entscheidungen man in einer Schwangerschaft treffen muss, merkt man erst dann, wenn man schwanger ist!

Ich fragte meine Schwester Astrid, die in einem Krankenhaus arbeitete. Zuerst riet diese von einer Fruchtwasseruntersuchung ab. Nachdem sie jedoch diverse Ärzte gefragt hatte, riet sie doch zu einer Fruchtwasseruntersuchung:

„Weißt du, 35 Prozent aller mongoloiden Kinder werden von Frauen ab 35 Jahren geboren. Das sind Frauen, die keine Fruchtwasseruntersuchung vornehmen ließen. Die restlichen 65 Prozent gebären gesunde Kinder – so wie die meisten Frauen, die jünger als 35 Jahre alt sind. Ihnen wird die Fruchtwasseruntersuchung noch nicht von der Krankenkasse bezahlt – also lassen sie diese nicht vornehmen!“

Anschließend besorgte Astrid für mich einen Termin zur Fruchtwasseruntersuchung am 23. Februar 1999. Das Krankenhaus, in dem Astrid arbeitete, nahm tatsächlich Fruchtwasseruntersuchungen vor – mit gutem Erfolg! Am besten in der 15. oder 16. Schwangerschaftswoche – diese Zeit sah man für das Kind am ungefährlichsten an.

Ehrlich gesagt: ich fürchtete mich vor dem Stich in die Bauchdecke. Tat das nicht tierisch weh? Wurde man vorher eigentlich betäubt? Und wie sah es mit dir aus? Würdest du diese Untersuchung unbeschadet überstehen?

Aber ich wollte zu den umsichtigen Schwangeren gehören. Den Schwangeren, die mehr tun, als nur die notwendigsten Untersuchungen vornehmen zu lassen. Und dein Vater wollte mir keine medizinischen Ratschläge erteilen. Er war kein Arzt – er war Elektroniker, der schon seit einigen Jahren Regler reparierte.

Mir blieb nichts anderes übrig, als meinem Frauenarzt zu vertrauen. Er riet nicht nur zu dieser Untersuchung – er drängte mich dazu.

4. Kapitel: Eine Vorsichtsmaßnahme: Die Fruchtwasseruntersuchung

Ich hatte mich zur Fruchtwasseruntersuchung hinreißen lassen und befand mich immer wieder in einem Gewissenskonflikt. War es richtig, was ich da tat? „Kein Problem“, hörte ich immer noch die beruhigende Stimme meines Frauenarztes Dr. Obermann, es gäbe unterdessen kaum Abgänge nach einem solchen Eingriff, es handle sich dabei um eine Routineuntersuchung.

Dennoch quälte mich die Angst. Ich freute mich, wenn alles endlich überstanden war.

Meine anfängliche Schwangerschaftsübelkeit nahm allmählich ab. Von der 12. bis 14. Woche durchlebte ich Perioden von zwei bis drei Tagen, während derer mir gar nicht schlecht war. Anschließend kroch die Übelkeit wieder in mir hoch, und das positive Gefühl, dass sich mein Körper endlich an die Schwangerschaft gewöhnt habe, war wie weggeblasen.

Am 22. Februar, abends, reiste ich in die Großstadt, in der Astrid lebte und arbeitete. Mit gemischten Gefühlen. „Morgen um diese Zeit wird alles vorbei sein“, schoss es mir durch den Kopf, während ich versuchte, mich auf das heitere Buch aus Dänemark „Meerjungfrau sucht Mann fürs Leben“ zu konzentrieren. Eine nette Lektüre, kurzweilig. Ein Buch, das versuchte, mir meine „Mutterschaft“ ein bisschen schmackhaft zu machen.

Astrid holte mich vom Bahnhof ab. Mit der Stadtbahn fuhren wir in die Nähe des Krankenhauses, wo Astrid arbeitete und in dessen Schwesterntrakt sie ein hübsches Einzimmerappartement gemietet hatte. Wir aßen und unterhielten uns den ganzen Abend. Später duschte ich mich. Als nachträgliches Geburtstagsgeschenk überreichte mir Astrid ein Buch mit Vornamen und deren Bedeutung. Wir gingen einige Vornamen durch und machten eine „Hit-Namensliste“. Patrick meldete sich noch telefonisch und erkundigte sich, wie es mir ginge. Wir plauderten ein Weilchen.

Auf dem Buch mit den Vornamen war ein fröhliches, strampelndes Baby abgebildet. Ich ertappte mich, dass mir das Baby auf diesem Titelbild außerordentlich gefiel. Ein gesundes pausbackiges Baby – wie gerne wollte auch ich solch ein Baby eines Tages in den Händen halten dürfen.

Und so wurde es erst Mitternacht, als wir das Licht löschten. Nach zwei Telefongesprächen zwischen Astrid und ihrem Gatten Oliver, der die Woche über in einer anderen Stadt lebte und arbeitete. Sie sagten sich lange und ausgiebig „gute Nacht“ (was für ein Glück, dass es schon damals die günstigen Vorwahlnummern gab).

Am nächsten Tag klingelten mindestens drei Wecker in verschiedenen Ecken, bevor Astrid und ich uns aus dem Bett bewegten. Astrid stellte sich immer so viele Wecker, um auch ja nicht zu verschlafen. Sie hatte auf einer Matratze am Boden geruht und mir ihr Bett überlassen. Wir frühstückten, ich rannte vier Male aufs Klo, weil ich Durchfall hatte. War er durch Aufregung verursacht? Ich verspürte keine, aber mein Darm rebellierte.

Gegen halb acht nahm ich Platz in der Warteecke der Frauenklinik. Eine Dame in Weiß fragte die wartenden Patientinnen, warum sie da seien. Viele Damen aller Altersgruppen schienen wohl eine Spiegelung vor sich zu haben - ihnen wurden die gleichen Fragen gestellt: ‚Haben Sie heute Morgen nichts getrunken, nichts gegessen, nicht geraucht, keinen Kaugummi gekaut?’ Sie bejahten alle, wurden mit weißen Operations-Kitteln ausgestattet und füllten emsig irgendein Formular aus. Ich dagegen wurde angewiesen zu warten, bis die Damen an der Anmeldung hinter dem Glasfenster ihre Arbeit aufnahmen.