Briefe - Friedrich Nietzsche - E-Book

Briefe E-Book

Friedrich Nietzsche

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Beschreibung

Fast 200 seiner Briefe aus den Jahren 1861 bis 1889. Die Serie "Meisterwerke der Literatur" beinhaltet die Klassiker der deutschen und weltweiten Literatur in einer Sammlung.

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Seitenzahl: 713

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Briefe

Friedrich Nietzsche

Inhalt:

Friedrich Nietzsche – Biografie und Bibliografie

1861

1862

1863

1864

1865

1866

1867

1868

1869

1870

1871

1872

1873

1874

1875

1876

1877

1878

1879

1880

1881

1882

1883

1884

1885

1886

1887

1888

1889

Briefe, Friedrich Nietzsche

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849616243

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Friedrich Nietzsche – Biografie und Bibliografie

Namhafter philosophischer Schriftsteller, geb. 15. Okt. 1844 in Röcken bei Lützen, gest. 25. Aug. 1900 in Weimar, war der Sohn eines Pfarrers, der zeitig starb, wurde von seiner Mutter in Naumburg a. S. erzogen, besuchte die Landesschule Pforta und studierte von 1864–67 in Bonn und Leipzig klassische Philologie. Frühreif, ein bevorzugter Schüler Ritschls, erhielt er noch vor seiner Promotion (1869) einen Ruf als außerordentlicher Professor der klassischen Philologie an die Universität Basel, wurde 1870 schon ordentlicher Professor daselbst, welche Stellung er bis 1870 bekleidete. In diesem Jahre nötigte ihn ein schweres Augenleiden, verbunden mit Überreizung des Gehirns, sein Amt aufzugeben, nachdem er schon den Winter 1876/77 in Sorrent zugebracht hatte. Von da ab führte er, beständig schriftstellerisch äußerst tätig, ein Wanderleben, hielt sich mit Vorliebe in Venedig, in der Schweiz, in Turin, Genua, Nizza, bisweilen auch in Leipzig und Naumburg auf, bis er im Frühjahr 1889 in Turin nach übermäßiger geistiger Anstrengung und zu starkem Gebrauch von Schlafmitteln geisteskrank wurde. Kürzere Zeit brachte er in der Heilanstalt in Jena zu, wo ihm keine Genesung wurde; dann lebte er wieder bei seiner Mutter in Naumburg und nach deren Tode in treuester Pflege seiner Schwester zu Weimar in einer oberhalb der Stadt gelegenen Villa, wo sich jetzt das Nietzsche-Archiv befindet (vgl. Kühn, Das Nietzsche-Archiv zu Weimar, Darmst. 1904). Mit Rich. Wagner war er längere Jahre eng befreundet, brach aber den Verkehr später mit ihm hauptsächlich wegen dessen religiösen Ansichten ab. Im persönlichen Umgange sehr gewinnend, aber doch die Einsamkeit liebend, ging er in seinen Schriften schonungslos gegen alles ihm nicht Gefallende vor. Als Stilist ist er in der Gegenwart unübertroffen, seine Sprache hat oft einen geradezu bestrickenden Zauber, und ihr ist zum Teil die große Wirkung seiner Werke zuzuschreiben.

Seine schriftstellerische Laufbahn begann N. mit kürzern philologischen Arbeiten über Theognis und Diogenes Laertius, aber schon in seiner ersten größern Schrift: »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« (Leipz. 1872), wandte er sich von der rein philologischen Methode ab, indem er sich von allgemeinen philosophischen und künstlerischen Anschauungen, namentlich solchen Schopenhauers u. Wagners, leiten ließ. Derselben Richtung folgt er auch, zugleich ein deutsches Kulturideal anstrebend'. in den »Unzeitgemäßen Betrachtungen« (4 Stücke, Leipz. 1873–76), verläßt sie aber in seinen weitern aphoristischen Werken: »Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister« (Chemn. 1878–80, 3 Tle.); »Morgenröte. Gedanken über moralische Vorurteile« (das. 1881); »Die fröhliche Wissenschaft« (das. 1882), wo der Glaube an Ideale preisgegeben, der Mensch als reines Naturprodukt betrachtet wird, auch die Sittlichkeit sich mit ihren Gesetzen nicht von höhern Mächten oder der allgemeinen Vernunft, sondern aus den natürlichen Trieben der Menschen herleiten soll. So hatte N. mit aller sittlichen und religiösen Tradition gebrochen, war nicht mehr an Vorurteile, nicht mehr an die sogen. ewigen Gesetze der Vernunft gebunden, namentlich nicht an die christliche Welt- und Lebensanschauung, von der diese unsre Welt im Gegensatz zu einer erdichteten jenseitigen mißachtet werde, bei der die natürlichen Triebe des Menschen nicht zu ihrem Rechte kämen, aber die Schwäche der Unterwerfung für das Höhere gelte. Der Mensch muß nach N. seine Instinkte möglichst befriedigen, sich selbst zum Zweck seines Daseins setzen, diesen nicht außer sich, nicht in selbstlosen Handlungen suchen, er muß sich selbst leben, den Willen zur Macht, den er hat, möglichst zur Erfüllung bringen, die Tugenden nicht über sich stellen, nicht ihnen dienen, sie vielmehr als sein Machwerk betrachten. So zeichnet N. die Gestalt des Übermenschen, der nur sich selbst will und sich seine Welt gewinnt, für den nur gut ist, was er will, der weltfreudig und stark ist in seinem Wollen und alles, was sich ihm entgegenstellt, niederwirft, nichts von Ergebung weiß, nichts von Mitleid, das nur die Tugend des Schwachen ist. Nicht alle können gleiche Macht und gleichen Genuß haben, nur gemäß ihrer verschiedenen Stärke können die einzelnen das Ziel des Menschen erreichen; deshalb gibt es auch nicht gleiche Rechte für alle Menschen: der Starke hat das Recht, der Schwache muß ihm zur Erreichung seiner Ziele dienen. Diese Gedanken sind ausgeführt in. »Also sprach Zarathustra« (1.–3. Teil, Chemn. 1883 bis 1884; 4. Teil, Leipz. 1891); »Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel zu einer Philosophie der Zukunft« (Leipz. 1886); »Zur Genealogie der Moral« (das. 1887); »Der Fall Wagner« (das. 1888); »Götzendämmerung oder Wie man mit dem Hammer philosophiert« (das. 1889). Alle diese Werke sind in einer Reihe von Auflagen erschienen. Von »Also sprach Zarathustra« sind schon 50,000 Exemplare gedruckt. Von der Gesamtausgabe der »Werke« Nietzsches enthält die erste Abteilung (Leipz. 1895, 8 Bde.) das von N. selbst Veröffentlichte und außerdem: »N. contra Wagner«, »Der Antichrist. Versuch einer Kritik des Christentums« und »Gedichte«. Eine 1893 schon begonnene (von Peter Gast) mußte nach Ausgabe von 5 Bänden abgebrochen werden. Der »Antichrist« ist das erste Buch des nicht vollendeten philosophischen Hauptwerkes Nietzsches: »Der Wille zur Macht. Versuch einer Umwertung aller Werte«, dessen unvollendete weitere drei Bücher den Titel haben: »Der freie Geist. Kritik der Philosophie als einer nihilistischen Bewegung«, »Der Immoralist. Kritik der verhängnisvollsten Art von Unwissenheit der Moral«, »Dionysos, Philosophie der ewigen Wiederkunft«. Von der ersten Abteilung der Werke ist 1899 auch eine Ausgabe in kleinerm Format erschienen. Die zweite Abteilung der Gesamtausgabe ist in 7 Bänden 1901–04 erschienen und enthält aus den ungedruckten Papieren Nietzsches die unvollendeten Schriften und Fragmente, Entwürfe, Nachträge und Aphorismen. Übersetzungen der ersten Abteilung der gesamten Schriften ins Englische und Französische erschienen in London 1897 ff. und Paris 1899 ff. Von Nietzsches gesammelten Briefen sind 3 Bände veröffentlicht worden (Berl. u. Leipz. 1900–05), besonders wichtig sind die an Erwin Rhode und Malvida v. Meysenbug. Das »Leben Fr. Nietzsches« ist von seiner Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche (Leipz. 1895 bis 1904, 2 Bde.) geschrieben. Das Werk enthält auch viele Briefe und Aufzeichnungen Nietzsches. Sein Bildnis s. Tafel »Deutsche Philosophen II«.

Die Nietzscheschen Ansichten haben viele Gegner gefunden, wie dies bei dem vielen Paradoxen und Umstürzenden in ihnen natürlich, anderseits auch viele Freunde besonders in der jüngern Generation, in dieser zum Teil wegen der Zersetzung des Traditionellen. Im ganzen hat die Verehrung Nietzsches nach seinem Tod eher noch zu-als abgenommen; namentlich hat sein »Zarathustra« große Verbreitung und Bewunderung erfahren. Man fängt an, das dauernd Wertvolle bei N., namentlich sein Streben nach einer höhern Kultur und seinen Individualismus anzuerkennen und betont, daß N. selbst eine vornehme reine Natur voller Ideale war, und daß niedriger Egoismus in seiner Lehre keine Stelle findet. Manche seiner Ansichten freilich, so die von ihm selbst hochbewertete von der ewigen Wiederkunft des Gleichen, finden wenig Anerkennung. Infolge der verschiedenen Stellung zu N. ist eine große Reihe von Schriften und Abhandlungen über ihn, gegen ihn und für ihn erschienen, von denen hier nur die wichtigsten genannt sein mögen: O. Hansson, Friedrich N. (Leipz. 1890); Kaatz, Die Weltanschauung Fr. Nietzsches (Dresd. 1892–93, 2 Tle.; 2. Aufl. 1898); L. Stein, Fr. Nietzsches Weltanschauung und ihre Gefahren (Berl. 1893); Andreas-Salomé, Friedr. N. in seinen Werken (Wien 1894); Steiner, Friedr. N., ein Kämpfer gegen seine Zeit (Weim. 1895); Meta v. Salis-Marschlins, Philosoph und Edelmensch (Leipz. 1897); Th. Ziegler, Friedr. N. (Berl. 1900); Schellwien, Max Stirner und Friedr. N., Erscheinungen des modernen Geistes und das Wesen des Menschen (Leipz. 1892); Alex. Tille, Von Darwin bis N. Ein Buch Entwickelungsethik (das. 1895); Riehl, Fr. N. der Künstler und der Denker (Stuttg. 1897, 3. Aufl. 1901); Deussen, Erinnerungen an F. N. (Leipz. 1901); Vaihinger, N. als Philosoph (Berl. 1902, 3. Aufl. 1905); Richter, F. N. Sein Leben und sein Werk (Leipz. 1903); Ewald, Nietzsches Lehre in ihren Grundbegriffen (Berl. 1903); Drews, Nietzsches Philosophie (Heidelb. 1904); Lichtenberger, La philosophie de Fr. N. (Par. 1898, 6. Aufl. 1901; deutsch, 2. Aufl., Dresd.1900); J. de Gaultier, De Kant à N. (2. Aufl., Par. 1900) und N. et la réforme philosophique (das. 1905); Seillière, Apollon ou Dionysos. Étude critique sur F. N. (das. 1905; deutsch, Berl. 1905); Zoccoli, Federico N. La filosofia religiosa, la morale, l'estetica (Modena 1898, 2.Aufl. 1901); Orestano, Le idee fondamentali di Fed. N. (Palermo 1903).

1861

1.

 An Gustav Krug und Wilhelm Pinder

  [Pforta, 14. Januar 1861]

Liebe Freunde. Nun sind die schönen Tage schon wieder vorüber, wo wir uns länger und häufiger sprechen konnten, vorüber die Zeiten, die in der Erwartung so hoffnungsvoll, in der Erinnerung so trostreich sind. Um nun sowohl meinem gegebnen Versprechen zu genügen, als auch um wieder einmal mich gemütlich mit Euch wenn auch nicht persönlich so doch im Geiste zu unterhalten, schicke ich mich jetzt an einige Worte an Euch zu richten, weniger über das, was ich erlebt, genossen, gehört, gesehen, als über einige Ideen, deren wir ja schon in den jüngst verfloßnen Stunden so viel gegenseitig austauschten. Denn was sollte ich von meinem jetzigen Leben berichten? Daß wir viel zu tun haben? Daß die Arbeit noch durch Feriengedanken gestört wird? Daß die Zeit für Lieblingsbeschäftigungen gering, ach leider! zu gering ist? Das habt Ihr ja alles schon selbst erfahren und erfahrt es noch. Weshalb sollte ich da noch Euren Mißmut vergrößern? Fürwahr, es ist doch viel angenehmer, aus dem tyrannischen Reich des Zwangs in die Gebiete des freien Willens zu flüchten. Ohne weitere Umschweife will ich deshalb mich zu dem Stoff wenden, der jetzt Eure Aufmerksamkeit kurze Zeit fesseln möge. Und dieser Stoff betrifft die Umgestaltung des Oratoriums. Wenn man bis jetzt immer geglaubt hat, das Oratorium nehme in der geistlichen Musik dieselbe Stelle ein, die die Oper in der weltlichen, so scheint mir dies unrichtig, ja eine Herabsetzung zu sein. An und für sich ist schon das Oratorium großartig einfacher, ja so muß es als erhebende, und zwar streng religiös erhebende Musik sein. So verschmäht das Oratorium alle andern Mittel, deren sich die Oper zur Wirkung bedient; es kann von niemand für etwas Begleitendes wie die Opernmusik doch für die Menge noch ist, gehalten werden. Kein andrer Sinn wird hier erregt außer dem Gehör. Auch ist der Stoff unendlich einfacher und erhabener, ja großenteils ist er bekannt und allen, auch dem Ungebildeten ohne Mühe verständlich. Deshalb, glaube ich, steht das Oratorium in seiner Musikgattung höher als die Oper, indem es also in den Mitteln einfacher, in den Wirkungen unmittelbarer ist und seiner Verbreitung nach wenigstens allgemeiner sein sollte. Wenn letzteres nicht so ist, so muß man die Ursachen nicht in der Musikgattung selbst, sondern teils in der Behandlung teils in dem geringen Ernst unsrer Zeit suchen. Was die Behandlung nun anbetrifft, so ist diese erstens zu kompliziert und läßt noch den Mangel an Einheit empfinden. Wie kann ein Tonwerk, in eine Menge kleiner unzusammenhängender Teile zerspalten, einen einigen und vorzüglich einen heiligen Eindruck machen! Deshalb halte ich dafür, daß das Ganze nur in wenige aber größere Teile zerfalle, die sich dem Gang der Ereignisse anschließen und einen durchgängig einigen Charakter tragen. Zweitens liegt ein Nachteil in der viel zu künstlichen, altväterischen Behandlungsweise, die mehr in die Studierstube paßt als in unsre Kirchen und Säle und die dem Ungebildeten in der Musik das Verständnis erschwert, ja unmöglich macht. Nun ist zwar richtig: Ein solches Werk kann und soll nicht bei einmaliger Anhörung durchdacht und auserkannt, sondern empfunden werden. Und daß eine Fuge auch von Ungebildeten empfunden werden kann, wird niemand leugnen, besonders wenn sie knapp und kräftig ist und nicht durch unzählige Takte mißlautend und langweilig durchgeführt wird. Der Hauptgrund aber, daß das Oratorium zu wenig populär, ist wohl darin zu suchen, daß die Musik oft zu unheilig mit Weltlichem gemischt ist. Und das ist das Haupterfordernis, daß sie in allen Teilen das Heilige, Göttliche auf der Stirn trägt. Also muß ein jedes Oratorium diesen drei Forderungen genügen, nämlich überall einen einigen zusammenhängenden Charakter zeigen, dann tief zu Gemüt dringen und endlich stets streng religiös und erhebend sein. Dazu tritt nun noch ein Erfordernis, das aber wirklich notwendig und unumgänglich ist. Ich meine nämlich die Ausstoßung des Rezitativs und einen entsprechenden Ersatz. Es läßt sich nun einmal eine rein unpoetische Erzählung schlechterdings nicht absingen, ohne einen störenden und trennenden Eindruck hervorzubringen. Als entsprechender Ersatz läßt sich auch so eigentlich kein andres Musikstück erdenken. Wenn die Erzählung aber unumgänglich notwendig ist, so müßten nach meiner Meinung die Worte zu der begleitenden Musik gesprochen werden. So träte dann ein neues Element, nämlich das melodramatische, zu dem Oratorium. Sonst muß aber, so viel nur irgend möglich ist, alles Unsingbare vermieden werden und lieber die etwa fehlenden Zwischenglieder, die sich bei bekannten Erzählungen der Zuhörer so leicht ergänzen kann, durch musikalische Zwischensätze von ähnlichem Charakter wie die Erzählung ausgefüllt werden. –

Da ich hoffe, in den nächsten Briefen meine weitern Gedanken darüber gegen Euch auszusprechen, und mich meine Zeit drängt, muß ich jetzt wohl schließen. Sind denn die Noten angekommen? Ich bin sehr gespannt darauf. Nächstens werden wir ja uns auch gegenseitig unsre Januarsendungen schicken, von Wilhelm empfange ich vielleicht auch noch eine verspätete Dezemberlieferung. Schreibt mir doch recht bald einmal: ich sehne mich so nach einem Brief, da ich so abgeschlossen und getrennt von Euch bin. Sonst wünsche ich, daß es Euch immer recht wohl geht und Ihr auch mitunter an Euren Freund in Pforta denkt.

Semper nostra manet amicitia

2.

 An Elisabeth Nietzsche

  [Pforta, Ende November 1861]

  von Deinem Bruder

Liebe Liese. Da ich Dir lange schon einen Brief schuldig war, will ich Dir jetzt einen recht feinen schreiben, wenn nicht meine klobige Feder mich daran hindern sollte. Ich werde Dich wahrscheinlich von weiter nichts als von – Weihnachten unterhalten können. Es ist ja auch jetzt unser Lieblingsgedanke und ist es alle Jahre um diese Zeit gewesen. Stelle Dir nun recht gemütlich einen meiner ersten Ferienabende vor, wie wir in warmer Stube, mit oder ohne Lampe dasitzen und uns gegenseitig unsre Wünsche vorzählen. Währenddem bereiten drüben Mama und Tante Rosalie geheimnisvolle Werke und

– wir lauschen,

wenn sie heimlich Worte tauschen;

und ein ungewöhnlich Rauschen,

bald ein Flüstern, bald ein Knistern

macht uns nach den Wundern lüstern,

und das geisterhafte Weben,

Hin- und wieder 'nüber Schweben

macht uns beben usw.

Ich hoffe, Du wirst mit Deinen Wünschen noch nicht so entschlossen sein, daß ich Dir nicht wenigstens einige Vorschläge zur Güte machen könnte. Ich habe eine ziemliche Anzahl wünschenswerter Bücher und Musikalien aufgeschrieben und will Dir so einiges mitteilen. Von letztern z. B. scheint mir sehr passend für Dich ein Werk Schumanns, desselben, der die zerbrochne Fensterscheibe komponiert hat.

Und zwar sind es seine schönsten Lieder überhaupt; es ist »Frauenliebe und Leben«, Gedichte von Chamisso, und muß so ungefähr 20 Sgr. kosten. Der Text ist gleichfalls wunderschön. Von Büchern kann ich Dir zuerst zwei theologische Werke anempfehlen, die Dich und mich sehr interessieren werden. Ich habe sie selbst aus dem Munde Wenkels loben gehört, für Dich sicherlich bedeutungsvoll. Beide sind von Hase, dem berühmten in Jena lebenden Professor, den ich selbst beinahe einmal gehört hätte, der nämlich der geistvollste Verfechter des idealen Rationalismus. »Das Leben Jesu« (1,6) ist das eine und Kirchengeschichte (2 T. 6) das andre. Beide oder vielmehr jedes einzeln ungefähr 1 [T.], 15 Sgr. – Schreib an mich, wenn Du die spezielle Adresse haben willst. Oder willst Du Dir vielleicht ein englisches Buch wünschen? Ich an Deiner Stelle würde ganz entschieden Byron englisch lesen, der 1 T. 25 Srg. kostet. Ich könnte Dir noch verschiedne Bücher aufschreiben, nun will ich meine Wünsche sagen. In Hinsicht auf Musik also wünsche ich mir Paradies und die Peri von Schumann für Klavier solo arrangiert. Das ist etwas Entzückendes für jedermann, also auch für Dich. Dann Shelleys poetische Werke übersetzt von Seybt. Das erste kostet etwa 2 Taler, wenn es durch Gustav besorgt wird. Das letztere 1 T. 10 Srg. Ich würde mich ganz ungemein freuen, wenn ich beides bekäme, denn es sind meine einzigen Wünsche. Da fällt mir übrigens etwas ein, das ich Dir doch erzählen muß. Ich war nämlich Sonntag Mittag zu Herrn Dr. Heinze zu Tisch eingeladen, wo sehr fein gegessen wurde und noch hübscher gesprochen. Dann ist Dr. Volkmann der neue Lehrer bereit, englische Privatstunden zu geben. Es haben sich eine Menge gemeldet, ich denke aber doch erst Ostern beizutreten. Augenblicklich studiere ich ja Italienisch noch privatim. Lateinisch, Griechisch, Hebräisch, wo das erste Buch Mose gelesen, Deutsch, wo das Nibelungenlied in der Ursprache gelesen wird, Französisch, wo in der Klasse Karl XII. gelesen, in einem Kränzchen mit dreien außer mir Athalie, Italienisch wo im Kränzchen Dante gelesen wird. Wenn das nicht vorläufig genug ist, da weiß ich nicht, besonders da im Lateinischen zugleich Vergil, Livius, Cicero, Sallust gelesen, im Griechischen Ilias, Lysias, Herodot gelesen wird. Nun leb wohl und freu Dich über diesen bedenklich langen Brief

Sonntag auf Wiedersehn in Almrich

Dein Fritz

3.

 An Elisabeth Nietzsche

  [Pforta, Ende November 1861]

Menzel,Geschichte der letzten vierzig Jahre 1816-56, 2 Bände, Stuttgart 1859. 1 T. 28 Srg.

Barrau,Geschichte der französischen Revolution 1789-99, 2 Bände, Brandenburg 1859. 1 T. 6 Srg.

beides Berlin, Gsellius.

Liebe Lisbeth. Das sind meine Wünsche, die sich seit gestern insoweit geändert haben, daß ich mir überhaupt nichts Musikalisches wünsche. Diese geschichtlichen Werke sind für mich aber außerordentlich wünschenswert, Du mußt wissen, daß ich mich jetzt sehr für Geschichte interessiere. Außerdem habe ich gar keine Wünsche; wenn Du mir etwas schenken willst, so schenke mir ein Stück Streichpomade, die für meine Haare mir lieb wäre. Daß Du Dir »Frauenliebe und Leben« nicht schenken zu lassen wünschst, ist mir unlieb zu hören, erstens da die Opposition doch aus einem Munde herrührt, der mir überhaupt über solche Schönheiten kein Urteil zu haben scheint, und zweitens, weil ich weniger an das Singen als an das Vorspielen gedacht habe. Zum Singen freilich möchte es jetzt für Dich zu schwer sein, einzelnes wenigstens. Wenn Du also nicht wünschst, da könnte ich Dir andere Sachen, von Schubert z. B., vorschlagen. Freust Du Dich nicht ganz entsetzlich auf Weihnachten? Es ist freilich schade, daß ich mir nichts Musikalisches wünschen kann. Ich werde mir aber in den Ferien mehreres abschreiben und es Euch dann vorspielen. So ist es doch viel billiger. Wir wollen recht schöne Ferien verleben. Du kannst mir übrigens einen schleunigen Gefallen tun. Morgen brauche ich ganz unbedingt den Bettüberzug, sende ihn mir in der Kiste und außerdem den Band von Beckers Weltgeschichte, der die Reformation enthält, und den letzten Band der neusten Geschichte desselben Werkes. Bitte vergiß es ja nicht! Sonst habe ich nichts weiter zu schreiben. Mein erster Wunschzettel gilt also nicht mehr. Mache die Tanten aber mit dem neuen noch nicht vor Donnerstag bekannt. Bei der Bestellung achte ja auf dieselben Worte, wie ich aufgeschrieben habe. Lebe recht schön wohl! Grüße Mamma vielmal wenn sie wiederkommt.

Dein Fritz

Nochmals anders entschlossen, aber auch nun fest. Ich habe die obigen Wünsche verworfen und wünsche mir

Arnd,Geschichte der französischen Revolution 1789-99, 6 Bände, Braunschweig 1851, gebunden, Berlin, Gsellius 3 Tl.

weiter nichts. Sag es den Tanten.

4.

 An Franziska Nietzsche und Elisabeth Nietzsche

  [Pforta, 5. Dezember 1861]

Liebe Mamma! oder Liebe Lisbeth! wer gerade den Brief zuerst liest. Du konntest Dir denken, daß ich mich nach so vielen Veränderungen meiner Wünsche, noch einmal anders entschließen könnte, und so ist es denn auch wirklich gekommen. Ich bin auch wieder zur Musik zurückgekehrt, denn ich kann mir eine Bescherung gar nicht recht ohne etwas Musikalisches denken. Ich hoffe, die Wahl ist gut, auch für Dich. Ebenso ist das Buch höchst interessant, vielleicht auch für Dich. Auf der andern Seite werde ich beides so aufschreiben, daß der abgerissne Zettel dem Buchhändler gezeigt werden kann. Eine Änderung ist jetzt gar nicht mehr möglich, schon der Zeit wegen nicht. Der Gedanke kam mir über Nacht, denn ich schwankte sehr heftig. Ein Werk über die Französische Revolution mir zu wünschen, war eigentlich überflüssig, da die besten und teuersten Werke in der Bibliothek sind. Auch glaube ich immer bescheidner in meinen Wünschen geworden zu sein, natürlich ohne der Mildtätigkeit irgendwie Schranken setzen zu wollen. Ich danke Dir übrigens schön, liebe Lisbeth, daß Du mir alles richtig besorgt hast, auch für die Äpfel danke ich recht sehr. Wie wird es denn mit Sonntag in Almrich? Bitte bringt mir doch den Wallenstein von der Tante Lina mit, wir haben eine Charakteristik des Antonio Piccolomini aus demselben zu machen. –

Sonnabend über zwei Wochen! Es ist ein entzückender Gedanke! Ihr glaubt nicht, wie ich mich auf Weihnachten freue, das wunderschöne Weihnachten! Jetzt sind noch ziemlich arbeitsvolle Wochen. Aber dann! Sonnabend früh als nur irgend möglich, komme ich, es wird herrlich! Nicht wahr, der Onkel Burkhardt ist mit den kleinen Kusinen doch auch mit da? Ist die Mamma wieder zurückgekommen? Schreibt mir nur recht bald!

Euer Fritz

Eine große Neuigkeit! Heute ist Donnerstag und morgen wird deshalb – Freitag sein –

Wir verreisen doch nicht etwa Weihnachten? Vorigen Sonntag bin ich noch etwa sieben Minuten bei Gustav gewesen, der mich dann nach Pforta begleitete. –

Erkältungen sind jetzt überaus häufig. Die Krankenstube ist übervoll, es sollen neue Räume eingerichtet werden, Breithaupt ist auch drüben. Ich leide an Heiserkeit und Schnupfen. Weihnachten macht alles gut!

Übrigens habe ich noch einen Wunsch, nämlich irgendeine Photographie eines lebenden berühmten Mannes, z. B. Liszt oder Wagner oder eine Photographie aus dem Shakespearealbum des berühmten Kaulbach (z. B. zu Macbeth) eine einzelne kostet allerdings 271/2 Srg. Es soll eine Zierde für mein Album sein. Sie sind großes Format.

Ihr seht jedenfalls, daß ich die mannigfachsten Wünsche habe. Ihr müßt mir nun aber auch so schreiben, was Ihr Euch wünscht.

1862

5.

 An Franziska Nietzsche

  [Pforta, Ende Februar 1862]

Liebe Mamma! So hast Du nun die liebe Lisbeth auf lange Zeit fortgebracht, die sich gewiß recht zurücksehnen wird und sich wenig heimisch in dem großen Dresden wissen wird. Du selbst hast dort gewiß einige schöne Tage, besonders in Rückerinnerung an vergangne Zeiten erlebt; denn durch die Zeit wird alles teuer, was uns einmal in Freude und Erstaunen versetzt hat. Und schwer wirst Du von Dresden und Lisbeth geschieden sein – das weiß ich recht wohl. – Wie es nun mit ihren Verhältnissen steht, davon weiß ich gar nichts; schreib mir recht lang und ausführlich, wie wir uns überhaupt etwas ausführlicher schreiben können, da Du weniger Zeit zur Wirtschaftsbesorgung verwenden brauchst. Wenn sie nur in einer recht vornehmen Pension untergebracht ist! Mir will Dresden nicht recht gefallen, es ist nicht großartig genug und in seinen Eigenheiten, auch in Sprache den thüringischen Elementen zu nahe verwandt. Wäre sie z. B. nach Hannover gekommen, so hätte sie völlig verschiedene Sitten, Eigentümlichkeiten, Sprache kennengelernt; es ist immer gut, wenn der Mensch, um nicht einseitig zu werden, in verschiedenen Regionen erzogen wird. Sonst als Kunststadt, kleine Residenz, überhaupt zur Ausbildung von E[lisabeths] Geist wird Dresden völlig genügen und ich beneide sie gewissermaßen. Doch glaube ich, in meinem Leben noch viel dergleichen genießen zu können. Im allgemeinen bin ich begierig zu hören, wie sich Elisabeth in ihren neuen Verhältnissen macht. Ein Risiko ist so eine Pension immer. Aber ich habe viel gutes Zutraun zu Elisabeth. – Wenn sie nur noch hübscher schreiben lernte! Auch wenn sie erzählt, muß sie diese vielen »Ach« und »Oh's«, »Du kannst gar nicht glauben, wie herrlich, wie wundervoll, wie bezaubernd usw. das war« das muß sie weglassen. Und so vieles, was sie hoffentlich in feiner Gesellschaft und bei größerem Aufpassen auf sich selbst vergessen wird. – Nun, liebe Mamma. Montag kommst Du doch heraus? 4-7 ist die Aufführung. Herrn Dr. Heinze habe ich um ein Billet angesprochen. Einen großen Gefallen tätest Du mir, wenn Du mir etwa 1/2 Mandel Eier und Zucker heraussendetest, da zu unsern Proben, täglich zweimal, und am Haupttage dreimal eine solche Stimmreinigung unumgänglich nötig ist. Lebe recht schön wohl, liebe Mamma!

Dein Fritz

Zum Lesen, wofür Du viel Zeit nun haben wirst, schlage ich Dir Auerbachs »Barfüßele« vor, was mich hoch entzückt hat. –

6.

 An Franziska Nietzsche

  [Pforta,] Montag, 25. 8. 62

Liebe Mamma! Du kannst Dir vorstellen, wie mich des lieben Onkels großes UnglückA1 erschreckt hat; versichere ihn und die liebe Tante meines herzlichsten Beileides; ich möchte so gern ihm irgendeinen Dienst erweisen, ich weiß aber gar nicht, was ich tun könnte. Auf der andern Seite muß ich ja auch meine Glückwünsche bringen zu der Vermehrung seiner lieben Familie; wie seltsam doch Glück und Unglück aneinandergrenzt!

Leider Gottes bin ich jetzt wieder einmal von meinen fatalen Kopfschmerzen heimgesucht und befinde mich deshalb schon seit einer Woche auf der Krankenstube. Der Herr Doktor hat mir heute also geraten und erlaubt, nach Naumburg zu reisen und dort meine Wasser- und Spaziergehekur vorzunehmen. Ich gehe also heute, Montagmittag, nach Naumburg und wohne in unserm Logis, um dort ein ganz stilles Leben ohne alle Musik und sonstige Aufregung zu führen. Herr Dr. hat mir die nötigen Diätvorschriften gegeben, Du brauchst also in keiner Weise Sorge für mich zu haben und auch keineswegs von Merseburg, wo Du sicherlich sehr nötig bist, fortzureisen. Vielleicht ist gerade ein Leben, das ich ganz allein führe, für mich das allerbeste. Also bitte, ängstige Dich nicht, liebe Mamma, wenn ich alles vermeide, was mich aufregen kann, werden ja die Kopfschmerzen schwinden; aber ich denke jetzt etwas länger fortzubleiben, damit womöglich ich sie mit Stumpf und Stiel ausrotte.

Ich freue mich übrigens sehr auf Dein und Elisabeths schließliches Kommen, das ich doch wahrscheinlich miterleben werde. Ich wünsche nur, daß Ihr alle recht gesund seid, das ist mein inniger Wunsch.

Dein Dich herzlich liebender FWNietzsche

Meine Lebensweise wird die Sache der Tante Rosalie sein, ich trinke übrigens Bitterwasser und ein Kühlungspulver; das Unangenehmste ist mir die häufige Aufregung, in die ich gerate. –

1863

7.

 An Franziska Nietzsche

  [Pforta, wohl 2. Mai 1863]

Liebe Mamma. Dein lieber Brief mit den Brustkaramellen kam mir sehr angenehm, da ich manches wieder von Euch hörte was mich ja auch sehr interessierte. Um zuvörderst nun von meinem Unwohlsein Bericht zu erstatten, so ist die Heiserkeit immer noch da und zwar unvermindert; ich trinke seit gestern Selterwasser mit Milch und das scheint die Kehle ein wenig zu erleichtern. Es wird mir allmählich grauenhaft auf der Krankenstube, besonders da heute Wetter und Himmel lustig aussehn. Obwohl ich hier arbeite, will es doch nicht viel werden, da mir immer ein oder das andre Buch fehlt. Ich mache mir Auszüge aus Hettners Literaturgeschichte des 18. Jahrh., überhaupt treibe ich viel Literaturgeschichte.

Was meine Zukunft betrifft, so sind es eben diese ganz praktischen Bedenken, die mich beunruhigen. Von selbst kommt die Entscheidung nicht, was ich studieren soll. Ich muß also selbst darüber nachdenken und wählen; und diese Wahl ist es, die mir Schwierigkeiten macht. Gewiß ist es mein Bestreben, das, was ich studiere ganz zu studieren, aber um so schwieriger wird die Wahl, da man das Fach heraussuchen muß, worin man etwas Ganzes zu leisten hoffen kann. Und wie trügerisch sind oft diese Hoffnungen! Wie leicht läßt man sich von einer momentanen Vorliebe oder einem alten Familienherkommen oder von besonderen Wünschen fortreißen, so daß die Wahl des Berufes ein Lottospiel erscheint, in dem sehr viele Nieten und sehr wenig Treffer sind. Nun bin ich noch in der besonders unangenehmen Lage, wirklich eine ganze Anzahl von auf die verschiedensten Fächer zerstreuten Interessen zu haben, deren allseitige Befriedigung mich zu einem gelehrten Manne, aber schwerlich zu einem Berufstier machen würde. Daß ich also einige Interessen abstreifen muß, ist mir klar. Daß ich einige neue hinzugewinnen muß, ebenfalls. Aber welche sollen nun so unglücklich sein, daß ich sie über Bord werfe, vielleicht gerade meine Lieblingskinder!

Ich kann mich nicht deutlicher aussprechen, die kritische Lage ist einleuchtend, und übers Jahr muß ich mich entschieden haben. Von selbst kommt es nicht, und ich selbst kenne die Fächer zu wenig.

Genug. – Ich habe eigentlich nichts weiter zu schreiben, als daß ich sehr bedauere, das BrautpaarA2 nicht in Pforta gesehn zu haben.

Grüße Lisbeth und Onkel recht sehr von mir!

Lebt recht wohl allesamt!

Fritz

8.

 An Franziska Nietzsche und Elisabeth Nietzsche

  [Pforta, 6. September 1863]

  Sonntag abends um zehn Uhr

Meine Grüße Euch allen! Nicht wahr, ein paar Zeilen von mir kommen Euch jetzt recht erwartet, da ich heute selbst doch nicht kommen konnte. Ob ich zwar gleich selbst nichts erlebt habe; hingegen dachte ich im Fluß voriger Woche einen Bogen voll der buntesten, niedlichsten Erlebnisse zu bekommen; aber die Woche ist vorübergehinkt und hat mir nur einen Zettel gebracht, aus dem ich erfuhr, daß Ihr meiner noch gedächtet und daß meine Wäsche schmutzig sein müsse, was wirklich seltsamerweise auch wahr war.

Also heute einige Zeilen, damit Ihr erfahrt, daß ich noch lebe, Bücher um mich gewälzt habe und bis nächsten Sonnabend nicht dran denken kann, aus dieser Verschanzung herauszukommen. Dabei bin ich heiter, mitunter verstimmt, erlebe bald gute und lustige bald verdrießliche Dinge, aber das Uhrwerk ist im Gang und schnurrt fort, ob eine Fliege sich auch draufsetzt oder eine Nachtigall dabei singt.

Allerdings der Herbst und seine gereifte Luft hat die Nachtigallen vertrieben, und die Fliegen haben sich dabei eine Erkältung zugezogen. Und ich liebe den Herbst sehr, ob ich ihn gleich mehr durch meine Erinnerung und durch meine Gedichte kenne.

Aber die Luft ist so kristallklar, und man sieht so scharf von Erde nach Himmel, die Welt liegt wie nackt vor den Augen.

Wenn ich minutenlang denken darf was ich will, da suche ich Worte zu einer Melodie die ich habe und eine Melodie zu Worten die ich habe, und beides zusammen, was ich habe, stimmt nicht, ob es gleich aus einer Seele kam. Aber das ist mein Los!

Nun gehen sie wieder ab, die Schwalben, die nach dem Süden zu die Segel richten, und wir singen wieder sentimental hinterdrein und schwenken die Seidel, und mancher wischt sich die Nase vor Rührung, denn der Postillon bläst: Schier dreißig Jahre bist du alt!

Das nennt man heutzutage einen Lebensabschnitt, und mancher Abiturient stellt sich jetzt das Leben wie einen Kuchen vor, von dem er das kleinere, etwas verbrannte Stück vertilgt hat, und nun geht er mit Energie und würdiger Vorbereitung daran, das größere, süßere Schnittchen zu beseitigen.

Und siehe, es bleibt ein schäbiger Rest, den nennt man Lebenserfahrung, und geniert sich, ihn den Hunden vorzuwerfen. Aus Pietät vielleicht. Denn er hat einem viel Zähne gekostet. –

Bis hierher die wahrheits- und dichtungsvolle Einleitung meines Briefes. Jetzt kommt die Hauptsache, bestehend in dem Tatbestand, daß ich Eurer oft gedenke, zweitens, daß ich weiße Taschentücher brauche, da ich vor lauter Schnupfen blühe, und drittens, daß ich folgende Noten brauche als Leibesnotdurft

Schumann, Phantasien, 2 Hefte. »Abends« usw. Kinderszenen. 1. Heft.

Volkmann, Visegrad.

Lisbeth, bitte, besorge mir beides ja recht hübsch von Domrich und schicke es mir ja Dienstag heraus. Es ist für Fräulein Anna Redtel. Ich hab's versprochen. Bitte!

Fritz

der Euch Mittwoch in Almrich zu sehn hofft;

es ist Abiturientenabgang. Lebt recht wohl!

1864

9.

 An Gustav Krug und Wilhelm Pinder

  [Pforta,] 12. Juni [1864]

  am Sonntagsmorgen geschrieben

Meine lieben Freunde, es ist wahrhaftig nicht der erste Brief, den ich nach unserer TrennungA3 voneinander beginne, aber ich hoffe es wird der erste sein, den ich vollende und wirklich absende. Öfter habe ich mich aus den Mühseligkeiten der Gegenwart herausgehoben, indem ich ein Blatt Papier nahm, an Euch die Aufschrift richtete und frohe und trübe Gedanken gleichsam vor Euch aussprach.

Ihr habt mir so angenehme und der alten Liebe so volle Briefe gegeschrieben, das muß ich hoch, sehr hoch schätzen. Denn die leichten Schaumwellen eines freien Lebens löschen leicht die alten Bilder von der Tafel der Seele ab. Verzeiht mir, wenn ich einen solchen Gedanken ausgesprochen habe. Aber gedacht habe ich ihn.

Unsre Aussichten auf eine neue Vereinigung an derselben Stätte scheinen sich nicht zu erfüllen. Wenigstens vorderhand ist kaum daran zu denken. Zwingt mich nicht weiter, mit Zahlen und Berechnungen Gründe anzugeben. Das kann ich nicht. Aber wir treffen uns jedenfalls noch einmal, ob ich nun in Bonn oder anderswo studiere; ich suche Euch sicher einmal in Eurer selbstgeschaffnen Häuslichkeit auf. Wenn Euch etwas daran liegt, von meinen gegenwärtigen Studien etwas zu erfahren, so hört dies: Ich schreibe eine große Arbeit über Theognis, nach einer freien Wahl. Ich habe mich wieder in eine Menge von Vermutungen und Phantasien eingelassen, denke aber die Arbeit mit recht philologischer Gründlichkeit und so wissenschaftlich als mir möglich zu vollenden. Ich habe mir schon einen neuen Standpunkt bei der Betrachtung dieses Mannes errungen und urteile in den meisten Punkten verschieden von den gewöhnlichen Ansichten. Die besten Sachen, die darüber geschrieben sind, habe ich gründlich durchstudiert.

Nun eine Bitte, und eine recht lästige. Es ist vor kurzem in dem Düppelkampfe auch ein junger Philolog Rintelen aus Münster gefallen. Dieser Mann promovierte mit einer dissertatio de Theognide Megarensi. Und um diese Dissertation möchte ich Euch ersuchen. Vielleicht wendet Ihr Euch persönlich an einen Professor oder an den Bibliothekar. Sie wird jedenfalls vorhanden sein. Ihr tut mir einen ungemeinen Gefallen; es ist das Neuste, was über Theognis geschrieben ist. Sobald Ihr es auftreiben könnt, übersendet es mir. Ich kann meine Arbeit nicht eher anfangen, als bis ich diese Schrift gelesen habe.

Das ist naiv von mir, aber ich kann nicht anders. Wer täte mir wohl den Gefallen eher, als Ihr, meine lieben Freunde? Aber nun erscheint es fast, als ob ich den Brief nur dieses Wunsches halber geschrieben hätte?

Meine Abhandlung über die Naturanschauung im griechischen und deutschen Volksepos muß natürlich jetzt völlig ruhen. Und bei so manchem andern tut es mir leid, daß ich auf die Universität gehe, ohne es vollendet zu haben.

Meine Hundstagsferien werden mit fortwährenden Studien aller Art ausgefüllt werden. Ich habe Mutter und Schwester gebeten Naumburg für diese Zeit zu verlassen, damit ich einsam bin.

Musik tacet. Wenn ich etwas Zeit habe, so spiele ich meistens in Gegenwart mehrerer musikliebender Menschen und muß improvisieren mit deren wohlfeiler Bewunderung. Trotzdem fühle ich mich ganz entsetzlich brach.

Gestern war hier ein Konzert oder vielmehr eine Vorlesung, denn das Konzert war die Nebensache. Der junge Koberstein las zuerst die Kraniche des Ibycus unter eines Gewitters Begleitung, sodann die berühmte Antonioszene aus Julius Cäsar, recht gut beides und so, daß man viel daraus lernen konnte.

Zur Shakespearefeier habe ich früh ein Gedicht vorgetragen, und Koberstein hat eine gute Rede gehalten. Nachmittags lasen wir vor einem großen Publikum Heinrich den IV. Ich habe den Heinrich Percy mit viel Aufregung und Wut gelesen.

Ich bitte Dich, lieber Gustav, auf das inständigste, etwas der kleinen Kompositionen, von denen Du in Deinem Briefe sprachst, zuzusenden und möglichst bald. Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser etc. so sehnet sich meine Seele nach so etwas.

So, nun wende ich die vierte Seite um, und wieder wird bald meine abgerissne Unterhaltung auf meine Namensschrift und gute Wünsche hinauslaufen. Und wenn Euch diese Zeilen alle mit ihrer melancholischen Färbung vor die Augen treten, so werdet Ihr wohl nicht in der Stimmung sein und auch nicht sein wollen, diese Färbung auf Eure Seele zu übertragen. Ich möchte es auch um alles in der Welt nicht. Je froher Ihr Euch fühlt, je mehr Ihr das Leben genießt, um so höher ist auch meine Freude, und ich bin ein Narr, wenn ich Euch durch melancholische Briefe die Laune verderbe. –

So lebt recht wohl, meine lieben Freunde, erfüllt mir meine Bitte und vergeßt mich nicht.

Euer Fritz

10.

 An Rudolf Buddensieg

  [Naumburg, 12. Juli 1864]

Mein lieber Buddensieg, bei Tische saß ich und feierte essend, trinkend und lachend meiner Schwester Geburtstag, als mir die Ankunft Ihres Briefes angezeigt wurde. Am Tage darauf bekam ich eine nochmalige dringende und höchst freundliche Einladung, durch einen Domrichschen Commis vermittelt. Und trotzdem bin ich Unmensch genug, gegen Sie und nicht am wenigsten auch gegen mich – Ihrer Einladung nicht Folge zu leisten. Gründe mündlich, ich weiß zwar nicht wann; aber es ist entsetzlich heiß, und Gründe soll mir niemand abtrotzen, am wenigsten bei einer hautablösenden Temperatur, wenn auch die Gründe so wohlfeil wie Brombeeren und langweilig wie heiße Sommertage wären.

Glauben Sie mir dies, daß ich Ihnen nicht sowohl für Ihre Einladung von Herzen dankbar bin, als besonders für die schöne Erinnerung an mich und für die Fortpflanzung unsrer gegenseitigen Interessen, unsrer musikalischen Interessen.

Und nichts wäre mir erwünschter als mich Ihnen gegenüber wieder einmal über Musik aussprechen zu können, Ihnen den musikalischen Zustand Pfortas zu schildern und Ihnen einiges über meine eignen musikalischen Bestrebungen mitzuteilen.

Was nun Ihre Gedanken über die Wirkungen der Musik betrifft, so ist die Beobachtung, die Sie an sich gemacht haben, wohl mehr oder weniger allen musikalisch organisierten Menschen eigen; indessen ist diese Nervenerregung, dieser Schauer nicht die Wirkung der Musik allein, sondern aller höhern Künste. Erinnern Sie sich des analogen Eindruckes beim Lesen Shakespearescher Tragödien. Und wie bei diesen bald ein einziges Wort, bald eine drängende und fortreißende Szene, bald ein greller Gegensatz dieses Gefühl hervorruft, so erwecken auch durchaus verschiedenartige Musikwerke einen gleichen Eindruck, einen gleichen Nervenkitzel. Denken Sie daran, daß dies bloß eine physische Wirkung ist; ihr voran geht eine geistige Intuition, die auf den Menschen bei ihrer Seltenheit, Großartigkeit und Ahnungsfülle so einwirkt, wie ein plötzliches Wunderbares. Denken Sie nicht, daß der Grund dieser Intuition im Gefühl, im Empfinden liegt; nein, gerade im höchsten und feinsten Teile des erkennenden Geistes. Ist es Ihnen nicht als ob sich etwas Weites, Ungeahntes erschlösse, spüren Sie nicht, daß Sie in ein andres Reich hinübersehen, das dem Menschen für gewöhnlich verhüllt ist?

Bei dieser geistigen Intuition tritt der Hörer dem Komponisten so nahe, als er nur treten kann. Über diese Wirkung hinaus gibt es keine in der Kunst; sie ist selbst eine schöpferische Kraft. Finden Sie den Ausdruck unpassend, den ich selbst vor zwei Jahren, als ich mehrere Bogen über diesen Gegenstand an meine Freunde schrieb, gewählt habe; ich nannte die Wirkung eine »dämonische«. Wenn es je Ahnungen höherer Welten gibt, so liegen sie hier verborgen.

Indessen ist die Materie weit, und Sie verzeihn mir, wenn ich ein paar Worte hingeschrieben habe, die wenig bedeuten. Ein Geheimnis liegt hier sicher verborgen: fragen Sie sich: Ob der Komponist immer oder selten dies Gefühl beim Schaffen habe? Ob dieser Eindruck nur von guter Musik veranlaßt werde, oder ob bei entsprechender Organisation des Menschen nur die seiner Geisteshöhe gemäße Musik diesen Eindruck gewährt? Ob man überhaupt aus diesem Eindruck einen Schluß auf die objektive Vollkommenheit eines Musikwerkes machen dürfe? Ob vorzügliche Musikwerke diesen Eindruck auf feine Naturen machen müssen? Und so der Rätsel viele. –

Ich schreibe eine Arbeit über Theognis von Megara, lateinisch; von Montag bis Sonnabend arbeitete ich daran, unmäßig fleißig und wurde fertig. Es wird wohl viel über 60 Bogenspalten geben.

Ob ich in Leipzig studiere, weiß ich nicht; zunächst hoffe ich auf Bonn, aber zu zweit, d. h. wenn meine Idee von Bonn vereitelt wird – auf Leipzig.

Ob ich mein Examen bestehen werde, weiß ich nicht; indessen hoffe ich es, wenn ich die Ferien sehr tüchtig benutze, es gut zu bestehen. Nachher schreibe ich Ihnen.

Aber nicht wahr, wir unterhalten einen Briefwechsel? Sie werden beisammen, haben Sie doch den Anfang gemacht.

Leben Sie recht glücklich. Herzlichen Dank.

Ihr FW. N.

der ärgerlich ist, Ihnen keinen bessern Brief schreiben zu können.

Aber ototoi der Hitze!

Dienstag Nachmittag 26° R. im Schatten.

11.

 An Franziska Nietzsche und Elisabeth Nietzsche

  [Bonn, 24. und 25. Oktober 1864]

  Montag früh

Liebe Mamma und Lisbeth, indem ich mich zuerst nach allen Seiten hin höflichst verneige, stelle ich mich Euch als ein Mitglied der deutschen Burschenschaft Franconia vor.

Nun, ich sehe schon, wie Ihr auf höchst merkwürdige Weise den Kopf schüttelt und einen Ausruf der Verwunderung von Euch gebt. Es ist auch wirklich vielerlei Wunderbares mit diesem Schritt verbunden, und so kann ich es Euch nicht übelnehmen. Z. B. traten fast zu gleicher Zeit sieben Pförtner der Franconia bei und zwar außer zweien sämtliche Pförtner, die sich in Bonn zusammenfanden, darunter viele, die schon im vierten Semester stehn. Ich nenne Euch einige, die Ihr kennen werdet: Deussen, Stöckert, Haushalter, Töpelmann, Stedefeld, Schleußner, Michael und ich selbst.

Natürlich habe ich mir den Schritt reiflichst überlegt und ihn in Anbetracht meiner Natur fast für notwendig erachtet. Wir sind alle zum größten Teile Philologen, zugleich alle Musikliebhaber. Es herrscht im allgemeinen ein sehr interessanter Ton in der Franconia, die alten Leute haben mir prächtig gefallen.

Vorher habe ich noch die Marchia genau kennengelernt und einige derselben mir zum nähern Umgang gewählt. Auch die Germanen habe ich besichtigt, so daß ich zu einer Vergleichung wohl berechtigt war, die aber zugunsten der Franconia ausfiel.

Ich habe bis jetzt von allen Seiten sehr viel Angenehmes und Liebes erfahren. Neulich habe ich Musikdirektor Brambach eine Visite gemacht und mich in den städtischen Gesangverein aufnehmen lassen. Mit den Märkern habe ich eine Partie nach Rolandseck gemacht; die Gegend ist prachtvoll, und wir haben einige sehr schöne Tage gehabt. Gestern fuhren die Frankonen nach Plittersdorf, dort war Kirmes, und es wurde tüchtig getanzt, bei einem Bauer Most getrunken; abends ging ich mit einem Frankonen, den ich besonders gern habe, meinem Leibburschen, den Rhein entlang nach Bonn zurück; auf den Bergen waren Weinlesefeuer. Ihr glaubt nicht, wie schön alles ist.

Neulich habe ich zufällig zu meiner größten Freude den lieben Baron von Frankenstein getroffen und ihn auf ein paar Stunden im Hotel Kley besucht. Er ist ganz derselbe liebenswürdige Mensch wie ehemals und erkundigte sich lebhaft nach Euch und den Naumburger Verhältnissen. Er wird mich in diesen Tagen besuchen. Auch Hachtmann hat mich gesprochen. Dem Dr. Wachsmuth mache ich heute Visite.

Heute gehe ich auf den Gottesacker um Schumanns, Schlegels und Arndts Gräber zu sehen. Nachmittags fahre ich mit meinen Wirtsleuten in ein benachbartes Dorf zu einer Kirmes. Es sind sehr feine und angenehme Leute, mit deren Sorge um mich ich in jeder Weise zufrieden sein kann. Ich wohne ganz allerliebst, esse recht gut, werde reinlich und pünktlich bedient und bin gern abends ein Stündchen mit ihnen zusammen. –

Jetzt eben war ich auf dem wunderschönen Friedhof und habe Robert Schumann einen Kranz dediziert. Meine Wirtin und ihre Nichte Fräulein Marie (denn Marie heißt am Rhein alles) haben mich begleitet.

Nun, liebe Lisbeth, Dir noch die spezielle Nachricht, daß unsre Farben weiß-rot-gold sind, daß unsre Mützen weiß sind mit einem rot-goldnen Rande. Dann will ich Dir einige alte Bonner Frankonen als alte Bekannte vorstellen: Max Rötger (Trüffelwurst), und Treitzschke, der sich als Redner beim Leipziger Turnfest ausgezeichnet, Fritz Spielhagen, an dessen »In der zwölften Stunde«, das in Bonn spielt, Du lebhaft denken wirst. Überhaupt ist die Frankonia höchst renomiert.

Die Kollegien haben noch nicht angefangen. Neulich habe ich von Prediger Kletschke ein Buch »Die Sündlosigkeit Jesu« von Ullmann als Geschenk erhalten mit einem außerordentlich liebenswürdigen Brief, worin er sich als »Ihnen von Herzen verbundener Freund« unterzeichnet. Ich habe mich sehr über das interessante Buch gefreut. Ich vermute, daß er Euch besucht haben wird.

Die Kaffeemaschine liefert mir jetzt morgendlich einen sehr guten Kaffee und ich bin der mir stets so lieben Geberin von Herzen dankbar.

Ich erwarte sehnlichst jetzt die Kiste und vor allem Briefe von Euch, aus denen ich den Effekt entnehmen kann, den mein Einspringen machen wird. Grüßt mir die Tante Rosalie und wer sich für mich interressiert auf das freundlichste.

Lebt recht recht wohl!

Fritz

Liebe Lisbeth, sollte Fr. Anna Redtel noch in Kösen sein, so geruhe, sie von mir zu grüßen und sage ihr, daß ich, so oft ich in Hotel Kley im Angesicht des herrlichen Siebengebirges Kaffee tränke – sie grüßen ließe. –

Dienstag Abend. Ich habe die Kiste bekommen und bin sehr froh darob, besonders über die schöne Wäsche und die schönen Notenbücher. Gestern haben wir einen sehr fidelen Nachmittag verlebt: ich habe fabelhaft getanzt.

Ich esse mit Deussen immer auf meiner Stube zusammen; wir können sehr zufrieden sein. Ich sehe wohl und munter aus und bin immer recht mäßig. Ich bin auf Theologie und Philosophie immatrikuliert. Dr. Wachsmuth ist als Professor nach Marburg berufen. – Ich habe eine hübsche Petroleumlampe. –

12.

 An Franziska Nietzsche und Elisabeth Nietzsche

  [Bonn, Ende Dezember 1864]

Liebe Mama und Lisbeth, gar zu gern möchte ich Euch einen Neujahrswunsch in Versen zuschicken, da ich Eure Vorliebe dafür kenne, aber es geht halt nimmer! Sei es nun, daß meine Ansprüche an ein Gedicht sehr gestiegen sind, sei es daß ich um einige Prozent nüchterner und – praktischer geworden bin, was gar nicht schaden könnte, – sei es endlich, daß die diabolischen Zahnschmerzen, die mich quälen, mir jede Begeisterung verjagen, fest steht, daß Verse mir heute nicht glücken. Darum wird notgedrungen Prosa antreten müssen. Dies zur Erklärung der Form meines Briefs.

Ich liebe die Silvesternächte und die Geburtstage. Denn sie geben uns Stunden, wie man sie sich freilich oft machen kann, aber nur zu selten sich macht, wo die Seele stillesteht und einen Abschnitt der eignen Entwicklung übersehen kann. In solchen Stunden werden entscheidende Vorsätze geboren. Ich pflege dann immer die Manuskripte und Briefe des verflossenen Jahres vorzunehmen und mir einige Notizen zu machen. Man ist für ein paar Stunden erhaben über die Zeit und tritt fast aus der eignen Entwicklung heraus. Man sichert und verbrieft sich die Vergangenheit und bekommt Mut und Entschlossenheit, wieder weiter seine Bahnen zu gehen. Es ist schön, wenn auf die Entschlüsse und Vorsätze der Seele – gleichsam die erste junge Saat der Zukunft – die Wünsche und Segnungen der Verwandten wie ein milder Regen fallen. Man sollte daraus nur keine Zeremonie machen, keine offizielle Nötigung. Denn wenn schon ein pflichtmäßiger Dank mich unmutig machen kann, wie viel mehr ein pflichtmäßiger Wunsch! Wo man überzeugt sein kann, daß die Seelen gegenseitig innigst zusammenstimmen, da wird der in Worte gefaßte Wunsch zu einer Höflichkeit. Und Höflichkeit geziemt sich für die Gesellschaft, aber nicht für verschlungene Seelen.

Erspart es mir deshalb, die gewöhnliche Formel von Gesundheit, Glück usw. in einer mehr oder weniger neuen Weise auszusprechen. Daß wir uns lieb haben, sehr lieb haben, meine liebe Mama und Lisbeth, das muß uns genügen. Sagt das auch den lieben Tanten. Es ist mir unmöglich zu schreiben.

Nun erzähle ich Euch, was ich erlebt habe. Eigentlich wenig. Ich bin sehr viel zu Hause gewesen und habe mich am Manfred erfreut. Am dritten Feiertag war ich in der Oper und hörte den Freischütz, der mir im ganzen, ebenso wie der Oberen, mißfiel. Die Höllenschluchtszene machte auf mich einen lächerlichen Eindruck. Gestern besuchte ich Doktor Deiters, der mir viel Schumann vorspielte. Zum Neujahr werde ich, Gott sei Dank, nur eine Visite zu machen haben, zu Prof. Schaarschmidts. Die Silvesternacht werde ich zu Hause verleben, wenn anders mich meine Zahnschmerzen nicht verlassen. Diese sind aber gegenwärtig so stark, daß ich während des Schreibens alle Augenblicke haltmachen muß und nur mit der größten Mühe Euch nicht meine Verstimmtheit zeige. Das Zahnfleisch rechts an den letzten Zähnen ist entzündet, und irgendein Zahn hohl, so daß der Nerv inkommodiert wird. Oder ich bekomme dahinten einen Weisheitszahn. Es wird auch nachgerade Zeit.

Abends ist jetzt gewöhnlich einer meiner Bekannten bei mir zum Besuch. Die schöne Stolle ist leider schon aufgegessen. Wie habt Ihr denn Euer Weihnachten verlebt? Ich erwarte sehnlichst den ersten Brief, mit dem, wie ich hoffe, zugleich das Geld für das nächste Quartal ankommt. Das erste Quartal hat mir in summa 130 Tl. gekostet. Davon fällt nun freilich eine stattliche Portion für die nächsten Vierteljähre fort, da die Gelder für Immatrikulation, Kollegien usw. bedeutend sind. Aber Du siehst, liebe Mama, daß ich mich in Bonn noch mehr einschränken muß. Länger als ein Jahr kann ich es des Geldpunktes halber hier nicht aushalten. Ich bin entschlossen, nachher nach Halle zu gehen und dort zu dienen. Mach Dir nur ja keine Sorgen, ich muß durchkommen. Über Geldsachen schreibe ich nur an den Onkel BernhardA4. Aber ich wollte Dir nach dem ersten Quartale doch Nachricht geben. Ich führe übrigens genaue Rechnungen. Der durchschnittliche Wechsel in Bonn ist 500-600. Das ist nun alles nicht sehr schön, nicht wahr? Aber ich hätte schon einen besseren Schluß des Briefes machen können, wenn nur die Zahnschmerzen nicht wären. Das schöne Tuch behagt meinem Halse wohl, ebenso die Hosenträger meinem Buckel!

Euer Fritz

1865

13.

 An Carl von Gersdorff

  Bonn am Tage der Himmelfahrt,

  [25. Mai] 1865

Lieber Freund, ich muß es Dir im voraus gestehn, daß ich Deinen ersten Brief aus Göttingen mit einer ganz besonderen Sehnsucht erwartet habe; denn ich hatte dabei außer dem freundschaftlichen noch ein psychologisches Interesse. Ich hoffte, daß er den Eindruck widerspiegeln werde, den gerade auf Dein Gemüt das Korpsleben mache und ich war versichert, daß Du Dich offen darüber aussprechen würdest.

Das hast Du denn auch getan, und ich sage Dir meinen herzlichsten Dank dafür. Wenn Du also jetzt in bezug auf das Korpsleben die Ansicht Deines verehrten Bruders teilst, so kann ich nur die sittliche Kraft bewundern, mit der Du, um im Strome des Lebens schwimmen zu lernen, Dich sogar in ein beinahe schlammiges, trübes Wasser stürzt und darin Deine Übungen machst. Verzeihe die Härte des Bildes, aber ich glaube, es ist treffend.

Indessen kommt noch etwas Wichtiges hinzu. Wer als Studierender seine Zeit und sein Volk kennenlernen will, muß Farbenstudent werden; die Verbindungen und ihre Richtungen stellen meist den Typus der nächsten Generation von Männern möglichst scharf dar. Zudem sind die Fragen über eine Neuorganisation studentischer Verhältnisse brennend genug, um nicht den einzelnen zu veranlassen, die Zustände aus eigner Anschauung kennenzulernen und zu beurteilen.

Freilich müssen wir uns hüten, daß wir dabei nicht selbst zu sehr beeinflußt werden: Die Gewöhnung ist eine ungeheure Macht. Man hat schon sehr viel verloren, wenn man die sittliche Entrüstung über etwas Schlechtes verliert, das in unserm Kreise täglich geschieht. Das gilt z. B. in betreff des Trinkens und der Trunkenheit, aber auch in der Mißachtung und Verhöhnung andrer Menschen, andrer Meinungen.

Ich gestehe Dir sehr gern, daß ähnliche Erfahrungen wie Du sie gemacht hast, bis zu einem gewissen Grade sich auch mir aufdrängten, daß mir der Ausdruck der Geselligkeit auf den Kneipabenden oft im hohen Maße mißbehagte, daß ich einzelne Individuen ihres Biermaterialismus wegen kaum ausstehn konnte; ebenfalls daß mit unerhörter Anmaßung über Menschen und Meinungen en masse zu meinem größten Ärger abgeurteilt wurde. Trotzdem hielt ich gern in der Verbindung aus, da ich viel dadurch lernte und im allgemeinen auch das geistige Leben darin anerkennen mußte. Allerdings ist mir engerer Umgang mit einem oder zwei Freunden eine Notwendigkeit; hat man diese, so nimmt man die übrigen als eine Art Zukost mit, die einen als Pfeffer und Salz, die andern als Zucker, die andern als nichts.

Nochmals versichere ich, daß alles, was Du mir über Deine Kämpfe und Unruhen geschrieben hast, meine Achtung und Liebe zu Dir nur steigern kann.

Deine Gedanken über Deinen Beruf habe ich mit dem größten Behagen gelesen. Es war mir, als ob wir uns noch einen Schritt näher hierdurch treten müßten. Über das jus habe ich keine Ansicht. Von Dir aber weiß und glaube ich, daß Du, um deutsche Sprache und Literatur zu studieren, Neigung und Fähigkeit hast, ja daß Du, was das Wichtigste ist, auch den Willen haben wirst, die bedeutenden und nicht immer interessanten Arbeitsmassen auf diesem Gebiet zu bewältigen. Wir haben im allgemeinen eine gute Vorbereitung in Pforta dazu genossen, wir haben ein ausgezeichnetes Vorbild in Koberstein, den hier unser geistvoller Prof. Springer für den bei weitem bedeutendsten Literarhistoriker unsrer Zeit erklärt hat. Du wirst in Leipzig Curtius, wichtig für Sprachvergleichung, finden, sodann Zarnke, dessen Nibelungenausgabe ich kenne und schätze, dann den eitlen Minckwitz, den Ästhetiker Flathe, den Nationalökonomiker Roscher, den Du natürlich hören wirst. Du wirst sodann mit allergrößter Wahrscheinlichkeit dort finden: unsern großen Ritschl, wie Du in den Zeitungen gelesen haben wirst. Damit ist die philosophische Fakultät Leipzigs die bedeutendste Deutschlands. Und nun kommt noch etwas Angenehmes. Sobald Du mir schriebst, daß Du nach Leipzig gehen wolltest, habe ich es auch fest beschlossen. So werden wir uns wiederfinden. Nachdem ich diesen Entschluß gefaßt hatte, hörte ich auch von Ritschls Abgang, und das bestärkte mich darin. Ich will in Leipzig womöglich gleich in das philologische Seminar kommen und muß tüchtig arbeiten. Musik und Theater können wir reichlich genießen. Natürlich bleibe ich Kamel.

Hier in Bonn herrscht immer noch die größte Aufregung, die größte Gehässigkeit wegen des Jahn-Ritschl-StreitesA5. Ich gebe Jahn unbedingt recht. Es tut mir sehr leid, ihn Michaeli verlassen zu müssen. Er ist ungemein liebenswürdig. Meine DanaëarbeitA6 ist längst abgegeben und ich bin außerordentliches Mitglied des Seminars geworden. Denke Dir, daß drei Pförtner jetzt ordentliche Mitglieder geworden sind, während bloß vier Stellen offen waren. Haushalter, Michael, Stedtefeld. Das ist ein besondrer Triumph für die alte Pforta. Zum Schulfest haben die hiesigen sämtlichen Pförtner dem Lehrerkollegium ein Telegramm zugeschickt und eine sehr freundliche Antwort erhalten. Gräfe, Bodenstein und Lauer sind in die Frankonia eingesprungen, das wirst Du wohl schon gehört haben.

Für dies Semester habe ich zunächst eine archäologische Arbeit für das Seminar zu machen. Sodann für den wissenschaftlichen Abend unsrer Burschenschaft eine größere Arbeit über die politischen Dichter Deutschlands, bei der ich viel zu lernen hoffe, aber auch gewaltig viel lesen und Material sammeln muß. Vor allem aber muß ich an einer größern philologischen Arbeit, über deren Thema ich noch nicht klar bin, arbeiten, um durch sie in das Leipziger Seminar zu kommen.

Als Nebensache treibe ich jetzt Beethovens Leben nach dem Werk von Marx. Vielleicht komponiere ich auch wieder einmal, was ich bis jetzt in diesem Jahre ängstlich vermieden habe. Ebenso wird nicht mehr gedichtet. Pfingsten ist in Köln das rheinische Musikfest, bitte komm herüber von Göttingen. Zur Aufführung kommen vornehmlich Israel in Ägypten von Händel, Faustmusik von Schumann, Jahreszeiten von Haydn und vieles andre. Ich bin ausübendes Mitglied. Gleich darauf beginnt die internationale Ausstellung in Köln. Alles Nähere findest Du in den Zeitungen.

Zum Schluß freue ich mich sehr, daß Du die »Problematischen Naturen« gelesen hast. Es ist bedauerlich, daß Spielhagen in seinem neuesten Roman »Die von Hohenstein« keine Fortschritte zeigt. Es ist ein wüstes Parteigemälde. Seine adelfeindliche Richtung in den Probl. Nat. ist hier zum ausgesprochnen Hasse geworden.

– Ich bin außer mir über Feder und Tinte, schon seit vier Seiten hat mich alle Gemütlichkeit verlassen, ich referiere bloß noch auf das trockenste einige Fakta. –

Einige Kapitel in den Probl. Nat. habe ich bewundert. Sie haben wirklich Goethesche Kraft und Anschaulichkeit. So sind gleich die ersten Kapitel Meisterstücke. Du hast doch auch die Fortsetzung »Durch Nacht zum Licht« gelesen?

Die schwächste Partie ist die Romantik im Hineinspielen der Zigeuner.

Du kennst doch Freitags »Verlerne Handschrift«? –

Ich hoffe Spielhagen diesen Sommer kennenzulernen.

So, lieber Freund, lebe recht wohl und denke meiner freundlichst. Ich freue mich auf unser Wiedersehn. Ich wünsche Dir Heiterkeit und Frohsinn, vor allem einen Menschen, dem Du Dich näherstellen kannst. Verzeihe mir meine unausstehliche Schrift und meinen Mißmut darüber, Du weißt, wie sehr ich mich darüber ärgere, und wie meine Gedanken dabei aufhören.

Dein treuer Freund Fr. Nietzsche

14.

 An Elisabeth Nietzsche

  Bonn, am Sonntag nach Pfingsten,

  [11. Juni 1865]

Liebe Lisbeth, nach einem so anmutigen, mit mädchenhaften Dichtungen durchflochtenen Brief, wie ich ihn zuletzt von Dir empfing, würde es Unrecht und Undank sein, Dich noch länger auf Antwort warten zu lassen, besonders da ich diesmal über ein reiches Material zu verfügen habe und ich nur mit großem Behagen die genossenen Freuden im Geiste »wiederkäue«:

Zuvor muß ich jedoch eine Stelle Deines Briefes berühren, die mit ebenso pastoraler Färbung als lamaartiger Herzlichkeit geschrieben ist. Mache Dir keine Sorgen, liebe Lisbeth. Wenn der Wille so gut und entschieden ist, wie Du schreibst, werden die lieben Onkels nicht zu viel Mühe haben. Was Deinen Grundsatz betrifft, daß das Wahre immer auf der Seite des Schwereren ist, so gebe ich Dir dies zum Teil zu. Indessen, es ist schwer zu begreifen, daß 2 × 2 nicht 4 ist; ist es deshalb wahrer?

Andrerseits, ist es wirklich so schwer, das alles, worin man erzogen ist, was allmählich sich tief eingewurzelt hat, was in den Kreisen der Verwandten und vieler guten Menschen als Wahrheit gilt, was außerdem auch wirklich den Menschen tröstet und erhebt, das alles einfach anzunehmen, ist das schwerer, als im Kampf mit Gewöhnung, in der Unsicherheit des selbständigen Gehens, unter häufigen Schwankungen des Gemüts, ja des Gewissens, oft trostlos, aber immer mit dem ewigen Ziel des Wahren, des Schönen, des Guten neue Bahnen zu gehn?

Kommt es denn darauf an, die Anschauung über Gott, Welt und Versöhnung zu bekommen, bei der man sich am bequemsten befindet, ist nicht vielmehr für den wahren Forscher das Resultat seiner Forschung geradezu etwas Gleichgültiges? Suchen wir denn bei unserem Forschen Ruhe, Friede, Glück? Nein, nur die Wahrheit, und wäre sie höchst abschreckend und häßlich.

Noch eine letzte Frage: Wenn wir von Jugend an geglaubt hätten, daß alles Seelenheil von einem anderen als Jesus ist, ausfließe, etwa von Muhammed, ist es nicht sicher, daß wir derselben Segnungen teilhaftig geworden wären? Gewiß, der Glaube allein segnet, nicht das Objektive, was hinter dem Glauben steht. Dies schreibe ich Dir nur, liebe Lisbeth, um dem gewöhnlichsten Beweismittel gläubiger Menschen damit zu begegnen, die sich auf ihre inneren Erfahrungen berufen und daraus die Untrüglichkeit ihres Glaubens herleiten. Jeder wahre Glaube ist auch untrüglich, er leistet das, was die betreffende gläubige Person darin zu finden hofft, er bietet aber nicht den geringsten Anhalt zur Begründung einer objektiven Wahrheit.

Hier scheiden sich nun die Wege der Menschen; willst Du Seelenruhe und Glück erstreben, nun so glaube, willst Du ein Jünger der Wahrheit sein, so forsche.

Dazwischen gibt es eine Menge halber Standpunkte. Es kommt aber auf das Hauptziel an.

Verzeihe mir diese langweilige und nicht gerade gedankenreiche Auseinandersetzung. Du wirst Dir dies alles schon oftmals und immer besser und schöner gesagt haben.

Auf diesen ernsten Grundstock will ich aber nun ein um so lustigeres Gebäude aufführen. Ich kann Dir diesmal von wunderschönen Tagen erzählen.