Brombeerblut - Cornelia Briend - E-Book
SONDERANGEBOT

Brombeerblut E-Book

Cornelia Briend

0,0
4,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 4,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Die große Saga im Irland der Wikingerzeit. Im Jahr des Herrn 982. Die junge Irin Ceara wird in der Normandie von einer Familie norwegischer Siedler erzogen. Als die Verbindung zum Clan ihrer Mutter abreißt, verliert sie bei den Normannen jede Aussicht auf die Zukunft, die ihr vorherbestimmt war. Da erreicht sie der Ruf jenes Mannes, der bisher abstritt, ihr Vater zu sein. Als Fremde kehrt Ceara in das Land ihrer Geburt zurück, um die Ehe mit einem Bündnispartner ihres Vaters einzugehen. Doch die blutige Fehde mit dem Nachbarstamm macht auch vor ihr nicht Halt. In dem jungen Clanführer Finn findet sie einen unerwarteten Mitstreiter im Kampf um ihr Überleben. Gemeinsam machen sie sich daran, den uralten Zwist zwischen ihren Völkern zu beenden. Cearas Beobachtungsgabe und ihre ungewöhnliche Fähigkeit, mit dem Kohlestift Bildnisse von verblüffender Ähnlichkeit zu schaffen, erweisen sich dabei als Segen und Fluch zugleich. Als sie das Konterfei ihres Verlobten anfertigt, bringt sie sich damit in Lebensgefahr. Ein abenteuerlicher Weg beginnt: zwischen Kohlestift und Waffengeklirr, Liebe und Verlust, Rache und... Brombeeren. Begeisterte Leserstimmen: "Ich kann ["Brombeerblut"] Fans historischer Bücher nur empfehlen. Es ist nicht nur exzellent recherchiert, sondern auch so spannend, dass ich es in einem Rutsch durchgelesen habe."

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 427

Veröffentlichungsjahr: 2014

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Cornelia Briend

Brombeerblut

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Die große Saga in Irland zur Wikingerzeit.

Im Jahr des Herrn 982. Die junge Irin Ceara wird in der Normandie von einer Familie norwegischer Siedler erzogen. Als die Verbindung zum Clan ihrer Mutter abreißt, verliert sie bei den Normannen jede Aussicht auf die Zukunft, die ihr vorherbestimmt war. Da erreicht sie der Ruf jenes Mannes, der bisher abstritt, ihr Vater zu sein. Als Fremde kehrt Ceara in das Land ihrer Geburt zurück, um die Ehe mit einem Bündnispartner ihres Vaters einzugehen. Doch die blutige Fehde mit dem Nachbarstamm macht auch vor ihr nicht Halt. In dem jungen Clanführer Finn findet sie einen unerwarteten Mitstreiter im Kampf um ihr Überleben. Gemeinsam machen sie sich daran, den uralten Zwist zwischen ihren Völkern zu beenden. Cearas Beobachtungsgabe und ihre ungewöhnliche Fähigkeit, mit dem Kohlestift Bildnisse von verblüffender Ähnlichkeit zu schaffen, erweisen sich dabei als Segen und Fluch zugleich. Als die junge Ceara das Konterfei ihres Verlobten anfertigt, bringt sie sich damit in Lebensgefahr. Ein abenteuerlicher Weg beginnt: zwischen Kohlestift und Waffengeklirr, Liebe und Verlust, Rache und … Brombeeren.

 

Vorbemerkung

Einige der irischen Namen wurden im Interesse der Lesefreundlichkeit in vereinfachter Schreibweise wiedergegeben. Für Interessenten befindet sich eine Liste der Originalnamen im Anhang.

Inhaltsübersicht

Personen- und Ortsregister

Zitat

Prolog

Kapitel 1 - Cotentin

Kapitel 2 - Éirinn

Kapitel 3 - Die Rabenburg

Kapitel 4 - Konterfei

Kapitel 5 - Tod im Wald

Kapitel 6 - Spidal

Kapitel 7 - Verhör

Kapitel 8 - Drei Dunkelheiten

Kapitel 9 - Lochlann

Kapitel 10 - Bean sí

Kapitel 11 - Verdacht

Kapitel 12 - Freund und Feind

Kapitel 13 - Finn

Kapitel 14 - Der Möwenfelsen

Kapitel 15 - Iomáin

Kapitel 16 - Lochlanns Festung

Kapitel 17 - Orla

Kapitel 18 - Rauch

Kapitel 19 - Pulsschläge

Kapitel 20 - Brian Boru

Kapitel 21 - Richterspruch

Kapitel 22 - In saecula saeculorum

Epilog

Danksagung

Anhang

Anhang

Quellenangaben

Personen- und Ortsregister

Das Volk der Ifernan

Sitz des Königs: die Rabenburg

Eógans Festung: Cahercommaun

ein Kloster: Colmcille

 

Brendan mac Cuinn, König der Ifernan

Ceara [’kera], Brendans Tochter

Niall O’Cuinn, Brendans Sohn, Cearas Bruder

Eógan [ohn], Königsanwärter, Cearas entfernter Vetter

Orla, Brendans verstoßene Ehefrau, Cearas Mutter

Enya, Brendans Gemahlin

Áine, Cearas Kinderfrau

Esnad, eine alte Frau

 

Das Volk der Corco Mruad [’korko m’rua]

Sitz des Königs: Caher Lochlann

Finns Burg: der Möwenfelsen

das Hospital: Spidal

ein Dorf: Ballygowan

 

Lochlann, Königsanwärter

Finn mac Cein, Clanführer der Dubcron

Bressal, Finns gewählter Nachfolger

Ida, Finns Schwester

Donn, Idas Ehemann

Dáirinn [dorin], Heilerin

Dána, Finns erste Ehefrau

Crón, Finns Tochter

Abbán, Finns Bruder, Abt

Teyg, Barde

Eilis, Finns Mutter

Laidir, Finns Oheim

Sorcha, Laidirs Frau

Conor, Lochlanns Bruder

Selbach, der Schmied

Máel, alternder König der Corco Mruad

Flann, Cass, Rónán, Cúan, Clansmänner

 

Cearas Pflegefamilie in der Normandie

Ásmundr, Pferdezüchter

Hallveig, seine Frau

Ivar, Ásmundrs Sohn, Cearas Ziehbruder

 

Sonstige

Brian Boru vom Stamm der Dalcassier, König von Munster

Olcán, Prinz der Fidgente

Ross, Fergal, Odrán, Olcáns Gefolgsleute

Donal O’Davoren, Rechtskundiger

Malachy O’Neill, Hochkönig

Bran, ein Junge

 

Tiere

Archú [arku], Olcáns Hund

Síoda [schida], Finns Pferd

Riche and rare

Riche and rare were the gems she wore

And a bright golden ring on her wand she bore.

But oh! Her beauty was far beyond

her sparkling gems and snow-white wand.

 

»Lady! Dost thou not fear to stray

So lone and lovely through this bleak way?

Are Erin’s sons so good or so cold

As not to be tempted by woman or gold?«

 

»Sir Knight! I feel not the least alarm,

No son of Erin will offer me harm.

For though they love woman and golden store,

Sir Knight, they love honour and virtue more.«

 

On she went, and her maiden smile

In safety lighted her round the green isle

And blest forever is she who relied

Upon Erin’s honour and Erin’s pride.

 

(Thomas Moore, 1779–1852)

Prolog

Anno domini 982, irische Westküste

Sieben currachs legten in jener Neumondnacht an. Die Insassen sprangen ins Wasser und zogen die leichten Lederboote an den Strand. Jeder von ihnen trug eine Streitaxt und ein Kurzschwert am Gürtel. Auf ein Zeichen des Anführers hin verschwand ein Trupp längs des Ufers, während die anderen den Abhang erklommen. Vorsichtig tasteten sie sich in der Dunkelheit voran, denn der Kalkstein unter ihren Füßen wies gefährliche Spalten auf. Als der Grund weicher wurde, wussten sie, dass sie das Tal erreicht hatten. Hier bedeckte eine grasbewachsene Erdschicht den Felsen. Die Siedlung war nicht mehr weit.

»Die Fackeln!«

Ein Funke wurde geschlagen; die Flamme sprang von Mann zu Mann. Umrisse von Gebäuden traten schemenhaft aus der Schwärze – runde Flechtwerkhütten, aber auch ein paar hölzerne Langhäuser, wie die Nordmänner sie bauten. Die Dächer waren mit Binsen und Moos gedeckt.

Der Anführer zog sich eine Maske übers Gesicht. Die Herren dieses abgelegenen Landstrichs hatten die Schwäche besessen, ein paar kriegsmüde nordische Eindringlinge zu dulden und ihnen Grund und Boden zum Siedeln abzutreten. Als wären sie nicht mit drachenköpfigen Schiffen gekommen! Als hätten sie auch nur eines der sieben Königreiche unversehrt gelassen! Morden und Plündern, das war ihr wahres Handwerk. Sie hatten der Insel das Wertvollste geraubt, was sie zu bieten hatte: Gold und Sklaven. Und doch hatten diese hartgesottenen Krieger ihre leichtgläubigen Gastgeber davon überzeugt, dass sie lieber Bauern waren, die Land bestellen wollten, begabte Handwerker und gewiefte Händler. Sie hatten sich Bündnisse mit den Landesherren erkauft, hatten Waren und ihre Kampfkraft gegen ein lauschiges Plätzchen zum Wohnen eingetauscht, und waren schneller zu Brüdern und Ehemännern der Einheimischen geworden als gedacht.

Doch heute Nacht würde sie der Zorn der Rächer Éirinns treffen!

Der Anführer hob die Hand. Seine Männer kletterten über den Steinwall, der das Dorf umschloss, und verteilten sich auf die Häuser. Sie warfen ihre Fackeln auf die Dächer und versperrten alle Ausgänge. Im Nu loderten überall Brände auf und erleuchteten den Schauplatz. Erste Schreie mischten sich in das Prasseln des gierigen Feuers. Die Bewohner der Hütten erwachten und warfen sich gegen die Türen, doch diese ließen sich nicht öffnen. Als die Angreifer die Ausgänge endlich freigaben, drängten sich die Menschen hustend ins Freie. Die Frauen und Kinder wurden ergriffen und beiseite geschleift, bevor sie wussten, wie ihnen geschah. Die vom Qualm halb erstickten Männer erfassten kaum, woher die Gefahr drohte. Streitäxte fuhren auf sie nieder. Die Angreifer führten die Waffen präzise mit nur einer Hand, den ausgestreckten Daumen am Griff. Kein eisenverstärkter Helm, kein Kettenhemd hielt diesen Klingen stand, und hier trafen sie auf ungeschütztes Fleisch. Nur wenigen gelang es, Gegenwehr zu leisten, nur Vereinzelte fanden den Weg zum Unterschlupf.

Als sich zwischen den Häusern nichts mehr regte, kein Schrei mehr zum Himmel stieg und die Intensität des Feuers nachließ, rief der Anführer:

»Fergal, das Vieh! Ross, der unterirdische Gang!«

Alles lief wie geplant. Der größte Teil der Männer trieb die Rinder und Schafe von der Weide, holte die Schweine aus den Verhauen und band dem Geflügel die Beine zusammen, um es besser forttragen zu können. Sie plünderten den Speicher, füllten Säcke mit Brot, Käse und Räucherfisch, fanden die Getreidevorräte und die Fässer mit Met.

Der Anführer ging mit Ross zu der Stelle, wohin sich einige der Dorfbewohner geflüchtet hatten. In fast jedem Dorf gab es ein in die Erde gegrabenes Verlies, das zum kühlen Lagern von Lebensmitteln wie Butter oder Bier bestimmt war, aber auch als Versteck oder sogar als Fluchtweg dienen konnte. Er wusste nicht, ob dieses hier als verzweigte Höhle oder als Stollen mit einem zweiten Ausgang angelegt worden war.

Vor dem gemauerten Eingangsloch traten ihnen zwei bewaffnete Männer entgegen.

»Keinen Schritt weiter, ihr Hunde!«

Der Anführer lachte.

»Und wer will mir das verwehren? Du etwa, Däne, dessen Thorhammer dort um den Hals sich allmählich in ein zahmes Kreuz verwandelt?«

Ohne Vorwarnung ließ er seine Axt auf den Mann niedersausen, aber dessen Gefährte war wachsam und fing den Hieb mit seinem Schmiedehammer ab. Der Angreifer sprang zurück, packte sein Schwert mit der rechten und die Axt mit der linken Hand und drang erneut vor. Diesmal parierte der Nordmann den Streich, jedoch nur den rechtshändig geführten, und sein Schwert zersplitterte dabei. Die Axt traf ihn am Oberschenkel und ging glatt durch diesen hindurch. Noch bevor er begriffen hatte, was geschehen war, stürzte er zu Boden.

Ross bereitete dem anderen Verteidiger ein schnelles Ende. Der maskierte Anführer beugte sich bereits zum Eingang des Verlieses hinab, als der Verwundete anfing zu brüllen und vor Schmerz zu zucken. Doch sein Feind achtete nicht weiter auf ihn. Er betrachtete ungerührt das Gestrüpp aus Mistgabeln und Spießen, das ihm aus dem Erdloch entgegenstarrte.

»Bring es wenigstens zu Ende!«, schrie der Mann am Boden. »Töte mich, du verfluchter Hurensohn!«

Der Anführer schaute auf ihn herab. Blut spritzte im Rhythmus des Pulsschlags aus dem Beinstumpf. Die Hand des Verwundeten tastete nach dem Schwertgriff. Ross schickte sich an, ihm die Kehle durchzuschneiden.

»Lass nur«, sagte der Maskierte, »das Sterben schafft er auch allein.«

Langsam schob er das Schwert des Dänen mit der Stiefelspitze aus der Reichweite von dessen ausgestrecktem Arm.

»Meinen Gruß an Odin!«, höhnte er. »Waffenlos brauchst du dir die Mühe nicht zu machen, du wirst keinen Einlass in die Halle der Helden finden. Dein Herumgefuchtel kann man schwerlich als Kampf bezeichnen. Oder eignet dich die Wunde allein den Göttern zu? Dann solltest du mir danken, bevor du gehst.«

Dann wies er auf das unterirdische Verlies: »Ausräuchern!«

Achselzuckend machte sich Ross ans Werk, stapelte die Trümmer von Zäunen, Tischen und Stühlen zu einem Haufen vor dem Höhleneingang auf und hielt die Fackel daran. Der Sterbende winselte wie ein Tier.

»Pass auf, dass keiner herauskommt!« Der Maskierte wandte sich ab und verließ die Stätte der Verwüstung. »Dann wollen wir uns mal die Weiber vornehmen.«

Die Frauen und Kinder hatte man außerhalb des Dorfes zusammengetrieben und nach ihrem Alter in drei Gruppen aufgeteilt. Sie jammerten und schluchzten.

»Ruhe!«

Im Vorbeigehen packte der Mann eine ältere Frau und presste ihr seinen Dolch unters Kinn.

»Wenn ihr nicht sofort still seid, ergeht es euch wie dieser hier.«

Er schnitt ihr die Kehle von einem Ohr bis zum anderen auf und ließ sie fallen. Nach einem vielstimmigen Entsetzensschrei verstummten die anderen, eingeschüchtert.

»Schafft die Kinder zu den Booten! Seht zu, dass ihr sie noch heute Nacht auf den Weg nach Limerick bringt! Dort wartet immer ein Sklavenhändler mit seinem Schiff und bietet gute Preise.«

Die Frauen erhoben Protestgeheul und versuchten, die Reihe ihrer Bewacher zu durchbrechen, doch sie drängten nur gegen blanken Stahl.

»Haltet eure Zungen in Zaum! Wenn auch nur eine von euch das Maul aufmacht, wird eins der Kinder erstochen, mir egal, welches.«

Und so begleiteten nur das unterdrückte Wehklagen und die hilflos ausgestreckten Arme der Mütter den kleinen Zug, der sofort von der Dunkelheit verschlungen wurde.

»Nun seid ihr dran, Männer. Ihr habt euch eure Belohnung verdient. Nur eins: Wechselt einander ab, ich will nicht, dass ihr die Bewachung unseres Fangs vernachlässigt!« Er schritt die Reihe junger Frauen und Mädchen ab. »Diese hier sind mit ein bisschen Glück noch Jungfrauen, sie werden nicht angerührt, verstanden? Die anderen da, die am lautesten nach den Blagen geschrien haben, gehören euch. Aber passt auf, dass ihr ihnen nicht die Gesichter ruiniert! Ausgeschlagene Zähne und gebrochene Nasen mindern ihren Wert in Limerick. Die Rothaarige hier, die ist für mich.«

Diesmal erhob sich ein Sturm von Verwünschungen. Unbeeindruckt ergriff der Anführer die von ihm ausgewählte Frau und zerrte sie ein Stück von den anderen weg. Hinter einem Felsen warf er sie zu Boden und hielt sie dort mit seinem Körper fest. Wie gewohnt erregte ihn die Gegenwehr. Es ging doch nichts über ein verzweifeltes Weib, das er vollkommen beherrschte! Mit Leichtigkeit zwangen seine Knie ihre Beine auseinander. Den Unterarm stützte er auf ihre Gurgel, wovon sie beinahe bewusstlos wurde und aufhörte, mit den Armen zu rudern. Mit der anderen Hand schob er ihre Röcke hoch und befreite sein hartes Glied aus der Kleidung. Dann gab er ihre Kehle frei und hielt ihr die Hände über dem Kopf fest. Röchelnd rang die junge Frau nach Luft, während er, seinen eigenen Schmerz genießend, in ihren Widerstand eindrang.

Als die Männer ausgiebig auf ihre Kosten gekommen waren, schleppten sie die überlebenden Frauen zu den Booten. Die breite, den Dänen gestohlene Knarr, die weiter draußen ankerte, nahm sie an Bord. Die wertlosen alten Weiber ließen sie in der Finsternis zurück.

Kapitel 1

Cotentin

Normannische Küste

Die untergehende Sonne hatte das Wattenmeer in Brand gesteckt. Feurigen Aalen gleich schlängelten sich die Priele der steigenden Flut entgegen. Schon umspülte das Wasser die schroffen Felsen am anderen Ende der Bucht wie flüssiges Gold.

Doch wie fing man ein solches Strömen und Gleißen mit dem Kohlestift ein? Der Blick der Zeichnerin wanderte von den Klippen zu dem fleckigen Stück Pergament auf ihren Knien. Ein schüchterner Umriss, getreues Abbild des Kaps, lag schon auf dem Blatt. Probeweise, Strich um Strich, verstärkte sie die Konturen und Schatten des steinigen Reliefs. Ihr Felsen begann, ein wenig räumlicher aus der Illusion einer hellen Wasserfläche hervorzutreten. Doch dem überirdisch anmutenden Lichtwunder vor ihren Augen würde sie niemals gerecht werden können. Warum schickte Gott ihr so wundervolle Bilder, wenn er sie gleichzeitig mit solchem Unvermögen strafte?

Dabei glaubte Ceara fest daran, dass sie einer besonderen Gnade teilhaftig geworden war. Sie hatte schon immer gut beobachtet und Bemerkenswertes entdeckt, wo andere gar nicht hinschauten. Als Kind teilte sie ihr Entzücken über die Schönheit der Schöpfung gern mit anderen:

»Schaut nur, die hübschen rosa Punkte auf der Spinne!«

Meistens hatte da schon jemand seinen Fuß auf die Spinne gesetzt. Um sich die Gegenstände ihrer Faszination zu bewahren, fing sie an, sie zu zeichnen. Wer immer ein Stück Birkenrinde oder gar einen Fetzen abgenutzten Pergaments übrig hatte, hob es für sie auf. Sie versuchte sich an Kohle- und Rötelstiften. Für richtige Farben war ihr Zeitvertreib natürlich nicht wichtig genug; auch machte sich niemand die Mühe, sie darin zu unterrichten. Dennoch wurde ihre Fertigkeit durch Ausprobieren und Vergleichen mit den Jahren immer besser, und sie erntete sogar hin und wieder Lob für eine gelungene Ähnlichkeit.

Doch an diesem Abend haderte sie wieder einmal mit sich und ihrer Ungeschicklichkeit.

Könnte sie doch nur die Farben einfangen! Der Strand glänzte blond, über dem Meer dominierten Blaugrau und Lavendel, während die Düne im Abendlicht rosengolden schimmerte wie Brokatstoff und sich weiter oben mit einer grauen Borte aus stacheligem Ginster schmückte.

Seufzend wandte Ceara sich wieder ihrer armseligen, schwärzlichen Zeichnung zu. Sie ergänzte sie noch um ein paar Felsbrocken, ein Büschel Strandgras und kräftige Schatten, so dass der Eindruck entstand, der Betrachter liege hinter dem Grasbüschel auf dem Bauch und spähe auf das brennende Meer hinaus.

Eine kühle Böe ließ das Pergament flattern und überzog ihren Arm mit einer Gänsehaut. Höchste Zeit aufzubrechen. Sie packte Skizze und Kohlestift in ein eigens dafür angefertigtes röhrenförmiges Lederfutteral, hängte es sich über den Rücken und stieg von ihrem Aussichtspunkt ins Dorf hinab.

»Nun, Helgi, ist meine Bestellung fertig?«

»Ein Korb voll Muscheln und Austern, in Seetang gebettet, und ein Korb Fisch vom heutigen Fang, ganz wie gewünscht«, entgegnete der Fischer. »Richte Hallveig meinen Gruß aus. Der Met ist ihr wieder vorzüglich gelungen.«

Ceara ließ sich durch Kreuzchen auf Hallveigs Liste bestätigen, dass Mehl, Butter und Met, die Waren, die sie am Vormittag von Ásmundrs Hof hergekarrt hatte, der erwarteten Gegenleistung entsprachen, wechselte ein Abschiedswort mit der Fischersfrau und machte sich auf den Heimweg.

*

Es ging bergan. Sie spannte sich vor den zweirädrigen Karren. Hecken zogen vorbei, Reihe um Reihe, die vor dem Seewind flüchteten, ihn aber dennoch brachen. Ihr war heiß geworden, doch nun kam der schattige Hohlweg, der sich durchs Gelände fraß und über dem sich die Kronen des Gesträuchs wie zu einem Dach zusammenschlossen. Der Schweiß auf ihrer Stirn war längst wieder getrocknet, als sich der Weg auf eine Landschaft öffnete, die wie ein buntgeflecktes Spielbrett vor ihr lag. Felder, Wiesen und Weiden, voneinander getrennt durch Wälle aus struppigen Sträuchern und Bäumen, die vorzeitig das letzte Tageslicht stahlen. Sie waren uralt und undurchdringlich, schützten die Feldfrüchte vor dem Wind, hielten Wildschweine ab und boten vielen kleinen Geschöpfen Unterschlupf. Hier fanden Kräuterfrauen ihre Heil- und Zauberpflanzen und hielten Zwiesprache mit den Geistern. Und hier fand sie selbst, Ceara, die hübschesten Motive für ihre Zeichnungen. Vögel, Blumen und Beeren, zarte Spinnweben und Schneckenhäuser.

Während ihr Karren den dämmrigen Pfad entlangrumpelte, flogen ihre Gedanken Ivar entgegen. Ásmundrs ältester Sohn hatte als Erster aufgehört, ihre Spinnen und Käfer zu zertreten. Bald danach hatte er es abgelehnt, weiter mit dem Stock gegen sie zu fechten. Ásmundr ließ sie noch so lange im Übungshof gewähren, bis sich außer ihm selbst kein Gegner mehr für ein Mädchen fand, das kein Kind mehr war. Schließlich gab er seiner Frau Hallveig recht, der Stockkampf sei keine angemessene Beschäftigung für eine junge Herrin.

Junge Herrin, als ob! In Ásmundrs Haushalt scherte ihre vornehme Herkunft niemanden. Seit der Unterhalt, den ihre nebelhaften Angehörigen regelmäßig übers Meer schickten, ausgeblieben war, arbeitete Ceara wie alle anderen auf dem Anwesen, um sich ihr Brot zu verdienen.

»Es war der Wunsch deiner Mutter, dass du in Ásmundrs Haus erzogen wirst«, wurde Áine, die vertraute Behüterin ihrer Kindheit, nie müde zu sagen. »Du solltest dankbar sein und abwarten, wie sie weiter entscheidet.«

Grund zur Dankbarkeit bestand durchaus. Ceara war sorgfältig im Lesen und Schreiben sowie im christlichen Glauben unterwiesen worden. Hallveig, die aus Dublin stammte, war, wie die meisten Nordländer dort, bereits Christin gewesen. Ásmundr hingegen nahm es mit der Religion nicht so genau und suchte es den alten Göttern ebenso wie dem neuen Gott möglichst recht zu machen. Als Ziehtochter war Ceara genau wie die leiblichen Töchter der Familie zu einer tüchtigen Wirtschafterin erzogen worden, die mit vierzehn Jahren einem eigenen Haushalt hätte vorstehen können.

Doch genau hier lag die Schwierigkeit. Kein Norweger und auch keiner der fränkischen oder bretonischen Nachbarn in dem dünn besiedelten Landstrich hatte je um sie geworben. Sie besaß nichts, um sich den Nordmännern zu empfehlen. Sie hatte keinen verlässlichen Stammbaum und weder Verwandtschaft noch Vermögen hinter sich, nichts, was einem Ehemann Nutzen eingetragen hätte. Ein Norweger erwartete im Falle einer Fehde Unterstützung von der Familie seiner Frau. Doch wer würde sich wohl aus dem entfernten Éirinn aufmachen, um einem freien Nordmann gegen die Versuche des Jarls von Rouen beizustehen, ihn und sein Land der Normandie einzuverleiben? Lachhaft!

Mit ihrem eigenartig spitz geschnittenen Gesicht, ihren Katzenaugen und ihrer rauhen Stimme galt sie nicht einmal als schön. Und sie hielt sich selbst auch nicht für liebenswert. Da ihr sogar die eigene Mutter die Liebe versagt hatte, warum sollte sie jemals in den Herzen anderer einen Platz verdienen? Nicht einmal Ivar würde sich so weit vergessen, obwohl er sie mit sanfteren Augen ansah als die meisten. Selbst wenn sie noch jahrelang am Feuer seiner Eltern auf ihn wartete, so würde er bei jeder Heimkehr doch nie zu ihr zurückkommen. Er würde ihr kein eigenes Feuer geben.

Hätte Ceara ihr Dasein beschreiben sollen, so wäre »halb« das passende Wort gewesen. Mit sechzehn Jahren stand sie im Zenit ihres Lebens. Und immer hatte sie alles nur halb gehabt, halb gekonnt, halb gewagt und halb erreicht. Nie war etwas im Zusammenhang mit ihr vollkommen.

Als sie noch ein Kind war, hatte sie sich eingeredet, dass ihre Mutter sie bei sich behalten hätte, wäre sie nur hübscher und verständiger gewesen. Aber ihre Mutter hatte sie fortgegeben, als sie vier Jahre alt war, zu Menschen, deren Sprache sie nicht verstand. Ihre Pflegeeltern hatten sicher ihr Bestes getan, aber sie spürte die Grenzen. Sie war keine von ihnen.

»Hast du meine Mutter gekannt?«

Áine, die Kinderfrau, in deren Armen sie die heimatliche Insel damals verlassen hatte, nickte. Sie besaß eine unendliche Geduld, wenn es darum ging, ihrem Schützling über die Jahre hinweg die Gründe nahezubringen, die ihre Mutter zu ihrem Handeln bewogen hatten.

»Ja, ich kannte sie, wenn auch nur flüchtig. Wir sind miteinander verwandt. Sie heißt Orla, und wenn du wissen willst, wie sie damals aussah, brauchst du nur in den Wassereimer dort zu schauen.«

»Hmpf.«

»Sie war mit Brendan vermählt, einem wohlhabenden und einflussreichen Fürsten aus Munster, dem sie schon einen Sohn geboren hatte. Jahrelang ließen weitere Kinder auf sich warten, und so nahm Brendan sich eine Nebenfrau. Als sie dann doch noch einmal schwanger wurde, bezichtigte Brendan sie des Ehebruchs und verstieß sie.«

Die näheren Umstände des Unglücks blieben Ceara verborgen; sie erfuhr lediglich, dass Orla ungerecht behandelt worden war und sich in ein Kloster zurückgezogen hatte.

»Mehr weiß ich auch nicht, denn damals war ich selbst noch ein Kind und lebte bei meinen Eltern«, entschuldigte sich Áine. »Aber ich erinnere mich, dass unser Clan gegen Brendan rebellierte, weil er Orlas Ehre in den Schmutz gezogen hatte. Es gab ein paar Tote, und Orla, die sich die Schuld dafür gab, ging noch vor deiner Geburt ins Kloster. Dort lernte sie Hallveig kennen, die zu jener Zeit eine ihrer frommen Verwandten aus Dublin auf einer Pilgerreise begleitete. Sie wurden Freundinnen, und als Hallveig ihr vier Jahre später ankündigte, sie werde Ásmundr heiraten und ihm aufs Festland folgen, bat Orla sie, ihre Tochter in Pflegschaft zu nehmen, wie es in Éirinn üblich ist. Vor allem, um dich dem Zugriff deines Vaters zu entziehen. Ihr Clan würde für die daraus erwachsenden Kosten aufkommen. Ásmundr war es recht, und so bekam Ivar, sein Sohn aus erster Ehe, nicht nur eine neue Mutter, sondern auch eine kleine Ziehschwester dazu.«

*

Ceara schreckte aus ihren Gedanken auf. Hinter großen Holunderbüschen kamen die Schilfdächer von Ásmundrs Anwesen in Sicht. Sein Wohlstand ließ sich auf den ersten Blick erkennen. Schafe, Ziegen und braune Rinder mit langen Hörnern grasten auf der Weide. Auf einer Koppel standen Pferde, deren Schönheit und Stärke nicht nur vom Jarl und seiner Gefolgschaft, sondern auch vom Frankenkönig sehr geschätzt wurden. Zu Ásmundrs Kunden zählten sogar ein paar Anführer aus dem fernen Éirinn. Einmal im Jahr begleitete er eine Schiffsladung erstklassiger Streitrösser nach Dublin.

Ceara stieß das schwere Palisadentor auf und betrat die Siedlung. Sofort fiel ihr auf, dass Besuch eingetroffen war. Vor dem Stall waren die Burschen damit beschäftigt, drei Pferde abzubürsten, die sie gerade erst abgesattelt hatten. Ein Haufen Gepäck stand noch am Flechtzaun.

»Na, Herfa, endlich zurück? Das wurde aber auch Zeit!«, rief ihr der unausstehlichste der Stalljungen zu. Er wusste genau, wie sehr Ceara es hasste, wenn man sie Herfa nannte – was leider oft geschah, seit Hallveig einmal halb im Scherz damit angefangen hatte –, denn es bedeutete die Hässliche. Konnten die anderen sie nicht einfach in Ruhe lassen? Der Bursche wies mit dem Kopf auf das Haupthaus. »Du steckst in Schwierigkeiten, sie warten schon ungeduldig auf dich.«

Sie erschrak. »Wieso, wer ist denn gekommen?« Rasch lud sie die Fischkörbe ab. Wurde ihre Hilfe bei der Bewirtung der Gäste benötigt?

»Jedenfalls kein Bräutigam für dich«, lachte der Stalljunge sie aus. »Wahrscheinlich sollst du die Gästekammern ausfegen und den Männern die Stiefel ausziehen.«

Wortlos verstaute Ceara den Karren im Verschlag neben dem Pferdestall und klemmte sich einen Korb unter jeden Arm. Die Fische kamen gleich hinters Haus, wo die Mägde sie ausnehmen und an die Darre oder in den Räucherofen hängen würden, und die Schalentiere in den Vorratsraum; sie würden heute Abend frisch verspeist werden. Kurz tauchte sie ihre Hände in den Wassereimer, um die Fischschuppen abzuspülen, und rieb sie an ihrer Schürze trocken. Dann strich sie sich die losen Haarsträhnen hinter die Ohren, atmete tief durch und ging in den Wohnraum.

Ásmundr, Ivar und Hallveig winkten gerade drei Männer näher ans Feuer, während Áine Met ausschenkte. Bei ihrem Eintreten sahen die Fremden neugierig auf, doch da Ásmundr sie nur mit einem beiläufigen »Da bist du ja, Dottla« begrüßte – er nannte sie oft Töchterchen – und Hallveig sie keines Blickes würdigte, schloss Ceara, dass der widerwärtige Bursche draußen sich nur einen Scherz mit ihr erlaubt hatte. Niemand wartete auf sie, niemand brauchte ihre Dienste. Erleichtert stellte sie sich an ihren Webrahmen, der zwischen einer Bank und dem Regal an der Wand lehnte – Hallveig duldete keine Untätigkeit –, und ergriff das Schiffchen. Flink glitt es durch die Kettfäden, die Tongewichte unten begannen ihre leise Musik zu klimpern.

Der Mann, der für die unerwarteten Gäste sprach, bediente sich in der Unterhaltung eines gequälten Lateins, das Ásmundr, geschult im Umgang mit fremdländischen Kunden, recht gewandt erwiderte. Als der Wortführer erklärte, er komme aus Hibernia, horchten alle auf. Ein möglicher Käufer vielleicht, der schon vor dem alljährlichen Pferdemarkt das Angebot sichten wollte? Das versprach ein gutes Geschäft. Es war die rothaarige Áine, die zuerst in ihre gälische Muttersprache verfiel, was der Mann mit Begeisterung aufnahm.

»Wenn Ihr in diesem vortrefflichen Haus meine Sprache sprecht«, sagte er, »fällt mir mein Anliegen gleich viel leichter. Darf ich mich dem Hausherrn noch einmal in verständlicheren Worten vorstellen? Ich bin Eógan, Connlas Sohn, und ich komme aus dem Königreich Munster von der Insel Éirinn, die man in der Sprache der Gelehrten, die ich nur sehr mangelhaft beherrsche, Hibernia nennt. Dies sind meine Reisegefährten. Wir suchen einen Mann namens Ásmundr.«

Cearas Umgang mit der Sprache ihrer Vorfahren war bis jetzt ihren Unterhaltungen mit Áine vorbehalten gewesen und nie ernsthaft auf die Probe gestellt worden. Hallveig behauptete immer, seit ihrer Jugendzeit in Dublin alles vergessen zu haben, und Ásmundr hatte einfach nie daran gedacht, mit seiner Pflegetochter in deren Muttersprache zu reden, obwohl er sie leidlich beherrschte. Ceara freute sich, den Gast dennoch mühelos zu verstehen.

»Ihr habt ihn gefunden. Was führt Euch zu uns, Eógan, Connlas Sohn?«, fragte Ásmundr. »Interessiert Ihr Euch für den Einjährigen, den Ihr auf der Koppel in Augenschein genommen habt?«

»Ein herrliches Tier, das muss ich schon sagen«, erwiderte Eógan anerkennend. »Aber mein Auftrag hat nichts mit Pferden zu tun. Ich soll ein Mädchen ausfindig machen, von dem man mir sagte, dass Ihr, mein verehrter Gastgeber, es in Eurer Obhut habt. Ihr Name ist Ceara, Tochter des Brendan.«

Ceara, die bei ihrer Arbeit der Runde den Rücken zugekehrt hatte, drehte sich überrascht herum. Ivar und Áine schauten sie an, die beiden anderen betrachteten den Sprecher misstrauisch.

»Kennt Ihr dieses Mädchen, und ist es noch bei Euch?«

»Was habt Ihr mit ihr vor, falls dem so wäre?«, fragte Ásmundr vorsichtig.

»Ich wurde von Orla, Cearas Mutter, beauftragt. Sie wünscht, dass meine Kusine nach Éirinn zurückkehrt, und hat mich bevollmächtigt, sie in ihre Heimat zu bringen.«

»Eure Kusine?« Hallveig beäugte den schwarzhaarigen jungen Mann mit dem gleichen Argwohn, den sie sonst für Cearas Freundschaft zu ihrem Stiefsohn Ivar übrig hatte.

»Verzeiht, Herr, auf welche Weise seid Ihr mit meiner Mutter verwandt?«, platzte Ceara heraus. Sie stolperte vor Aufregung durch die Beugungsformen ihrer wenig gebrauchten Muttersprache.

»Dann bist du es also, Ceara?«, rief Eógan erfreut und sprang auf. Sofort wich Ceara zurück. »Ich bitte um Verzeihung für mein Ungestüm, liebes Mädchen, aber ich freue mich so, dich gefunden zu haben! Über deine Mutter sind wir nicht miteinander verwandt. Mein Vater war der Oheim deines Vaters Brendan. Er war einst Stammesführer der Ifernan. Seit seinem Tod hat mein älterer Vetter, also dein Vater, diesen Rang inne.«

»Aber Orla und Brendan sind miteinander verfeindet!«, wandte Ceara ein. »Wie kommt es, dass meine Mutter meine Rückkehr wünscht und mein Vater den Boten dazu schickt?«

Eógan legte die Hände zusammen. »Ich bedaure, es sagen zu müssen, aber Orlas Clan wurde durch Kriege mit seinen Nachbarn ausgelöscht.« Áine schlug sich mit einem Laut des Entsetzens die Hand vor den Mund, aber keiner außer Ceara achtete darauf. »Es ist niemand mehr da, der für deinen Unterhalt in dieser Familie zahlen könnte oder der auch nur wüsste, dass es dich gibt, außer deiner Mutter. Sie möchte, dass für dich gesorgt ist – das heißt, falls du hier nicht schon versprochen oder gar verheiratet bist.« Sein Blick glitt über die Gesichter der Anwesenden, die allesamt verneinten. »Darum hat sie sich mit der Bitte um Unterstützung an Brendan gewandt. Er soll für dich tun, was er kann.«

»Wie, er hat eingewilligt, ihr zu helfen, obwohl er sich nicht für meinen Vater hält?«

»Ceara … Brendan hat seine Entscheidung, Orla zu verstoßen, schon bald bereut und das Kind, also dich, von ihrer Sippe zurückgefordert – was in meinen Augen dafür spricht, dass er seine Vaterschaft anerkennt. Das spielt aber eigentlich gar keine Rolle. Nach dem Gesetz zählt ein Kind, das eine verheiratete Frau von einem anderen Mann bekommt – versteh mich nicht falsch, ich sage nicht, dass es so war! –, als Kind ihres Ehemanns, bis sich der leibliche Vater meldet, seine Vaterschaft beweist und sein Kind zurückkauft.«

Zurückkaufen? Ceara schüttelte verständnislos den Kopf. Welcher vernünftige Mann würde denn, noch dazu bloß für ein Mädchen, Ärger und Unkosten auf sich laden, wenn naturgemäß schon ein anderer die Ausgaben für das Kind bestritt? Merkwürdig, diese Hibernier. Sie selbst war das keinem Mann wert gewesen, soviel stand fest. Niemand hatte versucht, sie zurückzukaufen. Bedeutete das also, dass jener Brendan sie mit Recht als seine Tochter beanspruchen und zurückholen durfte?

»Zu dem Zeitpunkt, als er das erstmals vorhatte«, fuhr Eógan fort, »war Orla schon ins Kloster gegangen, und das Kind – du – war unauffindbar. Man wusste nur, dass sie dich einer Ausländerin anvertraut hatte. Erst vor ein paar Wochen, als Orla ihm Botschaft schickte, hat Brendan erfahren, wo du zu finden bist. Und hier bin ich, um dich in deine Heimat zurückzubegleiten.« Er wandte sich wieder Ásmundr und Hallveig zu. »Ihr lieben Leute! Die traditionelle Dauer der Pflegschaft, wie sie in den sieben Königreichen üblich ist, ist schon ein wenig überschritten, aber Brendan wünscht sich nichts sehnlicher, als seine Versäumnisse von sechzehn Jahren an seiner wiedergefundenen Tochter gutzumachen. Es wird ihr an nichts fehlen, seid unbesorgt. Er ist ein Fürst vom selben Stamm wie der König von Munster und hat gute Verbindungen.« Er zog einen Lederbeutel unter dem Mantel hervor und hielt ihn Ásmundr hin. »Dieses Silber sollte euren Aufwand der letzten zwei Jahre wohl ausgleichen.«

»Ich begreife nicht ganz«, entgegnete Ásmundr und übersah den Beutel, »was dieser Brendan so plötzlich mit einer Tochter im heiratsfähigen Alter will. Sie wird ihn eine Mitgift kosten, die er ohne sie erst gar nicht aufzubringen bräuchte.«

Hallveig war Eógan rasch mit dem Silber behilflich. »Der Mann ist ihr Vater, sein Pflichtgefühl hat die Oberhand gewonnen, so einfach ist das. Ich hoffe jedoch, Ihr könnt Euch ausweisen, junger Mann. Wir können Ceara nicht einfach mit einem Unbekannten ziehen lassen.«

Eógan zückte einen goldenen Ring mit einem blauen Stein und legte ihn in Hallveigs Hand. »Den schickt Euch Orla in der Hoffnung, dass Ihr ihn wiedererkennen möget.«

»Und das tue ich ganz sicher! Diesen Ring habe ich damals an ihrem Finger gesehen.«

»Ganz recht.« Eógan lächelte. »Sie bittet Euch, ihn als Dank für Eure Aufopferung und Eure Treue zu behalten.«

Damit schienen alle Zweifel an der Ehrlichkeit des Boten ausgeräumt. Während Ásmundr, Hallveig und Eógan begannen, sich über die Einzelheiten der Reise zu verständigen, saß Ivar wie vom Donner gerührt daneben. Ceara fühlte seinen Schmerz; auch sie würde ihn vermissen. Benommen legte sie das Webschwert beiseite, mit dem sie den letzten Schussfaden angeschlagen hatte, und ging vor die Tür. Sie musste einen Moment allein sein, um die Neuigkeit zu verkraften, die ihr Leben umwälzen sollte. Doch Ivar stand auf und folgte ihr. Seiner argwöhnischen Stiefmutter war es zu verdanken, dass er sie nicht einholte. Ceara hörte ihren gedämpften Wortwechsel durch die Wand.

»Wie kannst du das zulassen, Mutter! Wir können sie doch nicht einfach mit einem völlig Fremden ins Ungewisse schicken!«

»Natürlich haben wir sie gern, Ivar, aber sie ist nicht unser Kind, und wir müssen die Wünsche ihrer Eltern respektieren. Dieser junge Mann ist ihr Verwandter, er wird nicht lange ein Fremder für sie bleiben. Und so ungewiss ist ihre Zukunft nicht. Ihr Vater ist ein wohlhabender Mann und wird sie gut verheiraten. Was kann sich eine Frau Besseres wünschen?«

»Vielleicht, mit den Menschen zu leben, die sie gern hat und die ihr vertraut sind?«

»Um Himmels willen, das sind doch Kindereien! Hier bei uns hat sie keine Aussichten. Wir haben selbst drei Töchter unterzubringen, wenn die Zeit kommt. Und welcher Mann kann es sich schon leisten, ein mittelloses Mädchen zu heiraten, das ohne Verbindungen und von umstrittener Herkunft ist?«

»Seit wann ist Ceara für dich von umstrittener Herkunft?« Ivar klang empört.

»Orlas Mann behauptete, sie habe sich von einem anderen schwängern lassen, um ihr Ansehen als Hauptfrau nicht zu verlieren. Sie und ihre Familie beteuerten natürlich ihre Unschuld, und als ihre Freundin habe ich das geglaubt. Aber ganz sicher kann man sich nicht sein. Brendan wird seine Gründe gehabt haben. Kein Rauch ohne Feuer, wie man sagt. Es ist ein großes Glück für Ceara, dass er sie zurückhaben will. Er erkennt sie als legitimes Kind an und wäscht sie von dem Makel rein, ein Bastard zu sein. In unserer Umgebung aber würde der Zweifel bleiben.«

»Es gab keinen Zweifel, bevor du ihn nicht in die Welt gesetzt hast!«

»Du wirst erwachsen, Ivar, und musst an dein Fortkommen denken. Es ist an der Zeit, Gefühle, die dir hinderlich werden, hinter dir zu lassen. Dazu gehört diese Vernarrtheit. Du wirst am Hof des Jarls Frauen begegnen, die lohnenswerte Verbindungen darstellen, und für diese musst du offen sein. Die schöne Kindheitserinnerung bleibt dir ja erhalten.«

Damit ließ Hallveig ihn stehen. Ivar tappte wie ein Blinder durch die Tür, lehnte sich neben Ceara an die Hauswand, ergriff ihre Hand und stieß immer wieder mit dem Hinterkopf gegen das Holz. Sie hätte es ihm am liebsten nachgetan.

Kapitel 2

Éirinn

Der Händler runzelte die Stirn, als Ceara begann, mit beiden Händen seinen Karren zu durchwühlen.

Na, und wenn schon, dachte sie, warum hielt er nicht besser Ordnung zwischen seinen Waren? Hätte er die Pergamente säuberlich nach Größe und Güte gestapelt, würde ein jeder sogleich finden, wonach er suchte. Wie aber sollte sie in diesem eselsohrigen Durcheinander ein paar geeignete Bögen für ihre Zeichnungen aufspüren?

Vellum oder anderes feines Pergament aus Lamm- oder Kalbsleder war natürlich viel zu teuer, als dass sie es sich für ihren Zeitvertreib hätte leisten können. Wenn sie aber von minderwertigem Palimpsest die alte Tinte herunterkratzte, wurde es für ihre Zwecke noch einmal brauchbar. Angenehmer als Birkenrinde war es allemal, denn der Kohlestift glitt leichter darüber hin und verschmierte weniger. Dafür nahm sie die fleckige Oberfläche und die Mühe der Vorbereitung gern in Kauf. Zudem nutzte sie jedes kostbare Blatt beidseitig bis in die letzte Ecke. Seit sie ihre Pflegefamilie verlassen hatte, war ihr Vorrat an Zeichenunterlagen erschöpft, und dieser Jahrmarkt war eine gute Gelegenheit, sich einen neuen anzulegen.

Sorgsam traf sie ihre Auswahl und streckte gerade die Hand nach einem besonders schönen, glatten Bogen aus, als ihr dieser durch die Finger gezogen wurde. Von der anderen Seite des Wagens hatte ein Kunde ebenfalls danach gegriffen. Es wäre ja auch zu schön gewesen! Aber der Preis für einen Codex rescriptus dieser Güte überstieg ohnehin ihre Mittel. Sie seufzte resigniert und bündelte ihre magere Ausbeute. Da bemerkte sie, dass der Mann von gegenüber ihr das Pergament wieder zuschob. Für einen kurzen Moment, über den Karren hinweg, begegnete sie seinem Blick. Ein freundliches Kopfnicken, dann entfernte er sich.

Augen, grau wie Sturmwolken. Sie sah sie noch vor sich, als der Verkäufer ihr Stück Silber abwog und sie ihre Schätze zusammenrollte und im Lederfutteral verstaute. Und auch noch, als sie und ihre Vertraute Áine von ihren jungen Begleitern eingeholt wurden, die sich lachend einen Weg durch die Menge der Kauf- und Schaulustigen bahnten. Alle vier, ihr Vetter Eógan, seine beiden Krieger und Niall, Cearas Bruder, der sie im Hafen von Cork in Empfang genommen hatte, besaßen das dunkle Haar jenes mythischen Volkes, das die Insel schon vor Urzeiten bevölkert hatte und aus viel südlicheren Gefilden zu stammen schien. Sie hoben sich von den zahlreichen Blondschöpfen der Kelten und auch der Nordmänner ab, die sich seit mehreren Generationen an den Küsten angesiedelt hatten.

»So versonnen, Kusine? Man könnte meinen, du wandeltest im Reich der Träume. Ist dir vielleicht gerade ein funkelnder Elf erschienen?«

»Wann wirst du endlich aufhören, mich mit deinen Albernheiten zu behelligen, Eógan?« In gespielter Entrüstung wandte sich Ceara zu dem breitschultrigen jungen Mann um. »Ich kenne dich erst seit zehn Tagen, und schon scheint mir, dass in deinen Oberarmen mehr Inhalt zu finden ist als in deinem Kopf.«

»Du hast dir heimlich meine starken Arme angesehen, hm?« Eógan zwinkerte ihr zu. »Das ist ein vielversprechender Anfang.«

»Der leider ohne Fortsetzung bleiben wird, da du den Auftrag hast, mich bei meinem Vater abzuliefern, und sonst gar nichts.«

»Dein heftiges Bedauern darüber ist Balsam auf meine Wunden.«

»Mein Bedauern hält sich in Grenzen. Wer wollte schon in deiner Trutzburg mitten im Feindesland leben?«

Ceara hatte Eógan während ihrer einwöchigen Überfahrt schnell in ihr Herz geschlossen. Es fehlte ihm weder an Witz noch an Verstand, und auf den Mund gefallen war Eógan genauso wenig wie sie selbst, wenn sie erst einmal ihre Schüchternheit überwunden und Vertrauen gefasst hatte.

»Kusine, du solltest die wundervolle Verteidigungsanlage erst einmal sehen, bevor du ein Urteil fällst. Sie ist ein Meisterwerk strategischer …«

»Ja, ja, du hast schon besungen, wie gefällig sie inmitten einer grauen Steinwüste am Steilhang klebt. Und auch, wie bereitwillig die Menschen, die du dort unterjochst, dir Tribut zahlen. Ein friedvolles Leben stelle ich mir anders vor.«

»Du und ein friedvolles Leben?« Eógans erstaunlich violettblaue Augen blitzten. »Du beschwörst doch sicher Eifersucht und Kriege herauf, wo du gehst und stehst, Unglückselige.«

»Kein Grund zur Beunruhigung. Um mich haben sich die Jungen noch nie geprügelt.«

»Grünschnäbel! Hier, wo es richtige Männer gibt, die deine Vorzüge zu erkennen wissen, wird sich das schnell ändern. Dürfte ich mich um deine Gunst bemühen, würde ich jeden Rivalen das Fürchten lehren.«

Ceara rollte mit den Augen. »Wie überaus männlich und erwachsen!«

Áine lachte. Zum ersten Mal, seit sie das Schiff verlassen und den Boden Éirinns betreten hatten, schien sie die zwölf Jahre ihrer Aufopferung im Dienste Orlas hinter sich zu lassen. Sie war nur wenig älter als die vier jungen Männer und genoss ihre Gesellschaft mit dem gleichen Übermut wie ihr Schützling.

»Ja, er ist ein großer Held – mit dem Maul!«, leistete auch Niall, der ihnen bisher nur vergnügt zugehört hatte, seinen Beitrag. Er war mit demselben Fuchsgesicht geschlagen wie Ceara, mit leicht schräg stehenden Augen, hohen Wangenknochen und einem spitzen Kinn. Ungerechterweise stand es ihm als Mann. Vielleicht lag es aber auch an dem ungewöhnlichen Ernst, der sich viel zu früh über seine Züge gelegt hatte. Die dunkelblaue Schärpe, die ihn als Angehörigen der Leibwache König Brians auswies, machte ihn noch ansehnlicher. Ceara beschloss, in Zukunft öfter Blau zu tragen, auch wenn sie keine so glänzende Laufbahn vor sich hatte wie er. »Eógan würde eine Frau vor allen Bösewichten der Welt beschützen – außer vor sich selbst, versteht sich«, schloss er. »Nimm dich in Acht vor ihm!«

»Glaubst du nicht, dass deine Schwester bei mir in Cahercommaun gut aufgehoben wäre?«, beharrte Eógan.

»Nicht so gut wie in der Rabenburg«, entgegnete Niall.

Nachdenklich blieb Ceara stehen. »Ich begreife nicht, Niall, warum meine Mutter ihr ursprüngliches Vorhaben aufgegeben hat. Nach allem, was zwischen ihr und Brendan vorgefallen ist? Nach allem, was sie unternommen hat, um mich vor ihm zu verbergen? Nach ihrem eigenen Verschwinden aus meinem Leben?«

»Sie hatte keine andere Wahl, um dir zu deinem Geburtsrecht zu verhelfen, nachdem sich niemand aus ihrer Sippe mehr für dich einsetzen kann.«

Mitfühlend sah Ceara Áine an, die schweigsam geworden war, seit sie erfahren hatte, dass ihr ganzer Clan ausgelöscht war und niemand sie hier willkommen heißen würde. Sie schob den Arm unter den ihrer mütterlichen Freundin, um sie ihrer Zusammengehörigkeit zu versichern. Dann sagte sie zu ihrem Bruder: »Ich habe meine Mutter nicht mehr gesehen, seit ich vier Jahre alt war. Ich erinnere mich kaum noch an sie. Plötzlich taucht sie wie ein Geist aus dem Nichts auf und bestimmt über mein Leben. Das fühlt sich unheimlich an!«

»Ich weiß, Ceara, mir geht es ebenso.« Niall senkte die Stimme, als sei ihm dieses Geständnis unangenehm. »Ich war acht, als mich meine Erzieher über Christi Geburt nach Hause schickten und ich feststellen musste, dass meine Mutter während meiner Abwesenheit fortgejagt worden war. Niemand aus dem Haushalt hatte es für nötig erachtet, mich davon in Kenntnis zu setzen. Ich habe sie jahrelang schmerzlich vermisst, obwohl ich von Stund an dazu angehalten wurde, sie für eine Ehebrecherin zu halten.«

»Und ich bin in der Überzeugung aufgewachsen, dass ihr damit Unrecht getan wurde!«

»Natürlich.« Er nickte beschwichtigend. »Sie gibt ihre Rache an Brendan auch nur in deinem Interesse auf.«

Ceara seufzte. Offensichtlich hatte ihr Bruder seinen eigenen Anteil an Verletzungen davongetragen.

»Erzähl mir von deinem Vater und seinem Wohnsitz, Niall, damit ich weiß, was mich erwartet.«

»Brendans Festung heißt die Rabenburg. Sie liegt in einem schönen Landstrich voll schimmernder Seen und grüner Hügel.«

»Das hört sich hübsch an.«

»Ist es auch. In den Tälern des Westens liegen große Torfmoore und fruchtbare Äcker. Im Osten ist es eher flach. Und zum felsigen Land der Corco Mruad hin wird Kalkstein gebrochen. Aber das langweilt dich sicher.« Er streifte sie mit einem prüfenden Blick.

»Nein, im Gegenteil. Wer sind die Corco Mruad?«

»Unfreundliche Nachbarn. Sprich ihren Namen lieber nicht so laut aus, es wimmelt hier nur so von denen«, warnte Niall. »Ein unvorsichtiges Wort ins falsche Ohr, und wir müssen uns womöglich für den Bruch des Jahrmarktsfriedens verantworten.«

Ceara hielt das für einen Scherz und lachte. Sie ließ ihren Blick umherschweifen, konnte im Getümmel aber keine finsteren Gestalten ausmachen, sondern nur die verlockendsten Handelsgüter: frische Würste und Gebäck, Lederwaren und Stoffe, Hausrat und Keramik, Kräuter und Schmuck. Sie bedauerte, nicht mehr genug Silber zu besitzen, um sich eine Elle der schönen blauen Borte zuzulegen, die ihr ein leichter Windstoß ins Gesicht flattern ließ. Sie hob die Hand, um sie beiseite zu schieben, und sah erneut den Mann, der ihr das Pergament überlassen hatte. Er legte einer wohlgekleideten Frau ein Armband ums Handgelenk und küsste ihre Fingerspitzen. Als er den Kopf hob, blieb sein Blick wieder kurz an Ceara hängen. Hastig wandte sie sich ab.

»Und, Niall, wie muss ich mir Brendan mac Cuinn selbst vorstellen?«

»Er ist der toísech, das heißt das Oberhaupt des Volkes der Ifernan vom Stamm der Dalcassier. Wir stammen von Ifernan ab, dem Sohn des Corc, Nachfahre des Cormac Cas in fünfzehnter Generation. Und ich weiß gar nicht, was es da zu lachen gibt, Schwesterchen! Ein langer, lückenloser Stammbaum mit Namen aus ruhmreicher Vergangenheit ist den Männern Éirinns das Wichtigste auf der Welt.« Er grinste.

»Das kenne ich von den wilden Söhnen Rollos her«, seufzte sie. »Die geben sich auch mit nichts weniger als den Göttern Asgards als Stammvätern zufrieden. Aber verschone mich einstweilen mit dem Stammbaum! Ist Brendan noch verheiratet? Hat er eine Familie?«

»Seine jüngste Nebenfrau heißt Enya. Wir haben einen Bruder und eine Handvoll Schwestern. Und unser verdienstvoller Vetter hier wurde zu seinem tánaiste gewählt.« Er klopfte Eógan auf die Schulter.

»Tánaiste? Schon wieder ein Wort, das ich noch nie gehört habe.«

»Es bedeutet Stellvertreter und Nachfolger. Jedem toísech oder Oberhaupt wird sogleich ein tánaiste zur Seite gestellt, der seinen Platz einnimmt, falls der Anführer stirbt oder für sein Amt untauglich wird. Das verhindert, dass der führerlose Clan um die Spitze rangelt und auseinanderfällt.«

Ceara wandte sich an Eógan. »Du wurdest gewählt? Wäre nicht Niall als ältester Sohn der natürliche Nachfolger seines Vaters?«

Niall antwortete an Eógans Statt. »In Éirinn wählen wir unsere Anführer aus einer Gruppe von Kandidaten aus, um den Fähigsten zu finden. Das muss nicht unbedingt der älteste männliche Nachkomme sein. Es genügt, bis zu einem gewissen Grad von demselben königlichen Vorfahren abzustammen. Weiter bringen einen Blutsverwandtschaft und Geburtsrecht nicht. Alter und Vermögen hingegen, aber auch besondere Verdienste spielen eine Rolle.«

Eógan errötete bescheiden. »Niall wäre ein hervorragender Nachfolger gewesen, aber er hat auf den Rang verzichtet, um sich ganz dem Dienst in König Brians Leibwache zu verschreiben. So eine Wahl geht nicht immer ohne Streitereien ab, aber wenn die Mehrheit sich entschieden hat – wie in diesem Fall für mich –, hat es ein Rebell schwerer aufzubegehren. Du kommst in das Haus eines wohl etablierten und unangefochtenen Häuptlings.«

Niall zwinkerte. »Unser Vater legt allerdings Wert darauf, König genannt zu werden.«

»König?« Ceara pfiff anerkennend. »Warum nicht gar! Gibt es denn in Éirinn genug Königreiche für alle, die diesen Titel begehren?«

»Es gibt hier mehr Könige als Kirchen, Schwester. Über den sieben Provinzkönigen steht der Hochkönig, unter ihnen eine Vielzahl von Häuptlingen geringeren Ranges: Herren über einen tuath – das ist ein Kleinkönigtum –, Herrscher über mehrere tuatha, wie unser Vater einer ist, außerdem Stammesführer, Clanführer, Edelleute mit und ohne Viehbesitz … Und sie alle liegen miteinander im Streit. Willkommen in Éirinn, Ceara!«

*

Drei Tagereisen später, nachdem sie die große Ansiedlung Limerick, wo die Dänen Handel trieben, hinter sich gelassen hatten, verabschiedete sich Niall von der kleinen Gruppe.

»Ich freue mich, dich endlich kennengelernt zu haben, Schwester, und hoffe, dich schon bald auf der Rabenburg wiederzusehen. Mein Dienst ruft mich jetzt nach Kincora, wo der König von Munster Hof hält.«

Er lenkte sein Pferd ostwärts zum Lough Derg, während Ceara und Áine in Begleitung von Eógan und seinen Kriegern ihren Weg nach Nordwesten fortsetzten, dem stillen Grenzland zwischen Nordmunster und Connacht entgegen.

Kapitel 3

Die Rabenburg

Orte wie jenen, auf den sie zuhielten, hatte Ceara in Éirinn nun schon öfter erblickt. Als riesiger Hügel dominierte er die Landschaft vor dem Hintergrund zweier Seen. Eine Anzahl ringförmiger Erdwälle war der Festung vorgelagert. Dazwischen graste Vieh, hier und da wurde auch Gemüse gezogen. Auf der Hügelkuppe aber thronte wie eine Krone eine übermannshohe Mauer aus unbehauenen Feldsteinen. Dahinter war nichts anderes zu erkennen als Baumwipfel, deren sommersattes Grün jetzt im Erntemonat stumpf und staubig wurde.

Eine Brücke führte über die schmalste Stelle eines Flüsschens, das die beiden Seen verband. Drei Bewaffnete traten aus dem Wächterhaus heraus. Sie grüßten, als sie Eógan und seine Krieger erkannten, und zogen sich wieder zurück. Laut polterten die Pferdehufe über die Holzbohlen. Leute kamen neugierig aus ihren Hütten zwischen den Wallanlagen und neigten vor Eógan die Köpfe. Auch ein paar junge Männer, die sich auf einer freien Grasfläche bei einem Ballspiel die Zeit vertrieben, hielten inne und schauten ihnen nach.

In die Erdwälle waren mit Steinblöcken befestigte Durchgänge eingearbeitet, auch diese bewacht. Es ging im Zickzack aufwärts. Schließlich erreichten sie ein großes Eichentor. Wie durch Zauberhand öffnete es sich, und sie lenkten ihre Pferde in den Innenhof der Anlage. Ceara staunte.

Mindestens ein Dutzend Gebäude hatten in der Ringfestung Platz. Das größte von allen war rechteckig, zweistöckig, hatte Mauern aus Stein und ein Dach aus Eichenschindeln. Die übrigen Häuser bestanden aus Flechtwerk, waren sauber verputzt und besaßen hübsche Strohdächer. Auf den ersten Blick konnte sie ein Backhaus, ein Brauhaus, ein Küchengebäude und eine nach vorn offene Scheune erkennen. Unter den Bäumen stand eine Kapelle. Der Rest mochten Ställe und Schlafquartiere sein. Um die Befestigungsmauer herum lief eine hölzerne Plattform, die auf Treppen zu erklimmen war und den Wachposten als Rundgang diente. Es wimmelte von Menschen.

Eógan half den Frauen vom Pferd und führte sie auf das Haupthaus zu.

»Wartet hier kurz, ich sage Bescheid, dass ihr da seid.«

Ein Türwärter ließ ihn ein. Nervös wechselte Ceara einen Blick mit ihrer Gefährtin. Brendan, der sich König der Ifernan nannte, musste äußerst vermögend sein. Und sehr beschäftigt, denn er ließ sie vor der prächtigen, aus Eibenholz geschnitzten und vergoldeten Tür stehen und von neugierigen Augen anstarren. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sich die Tür öffnete. Die beiden Frauen betraten eine riesige, holzgetäfelte Halle. Tische und Bänke standen an den Wänden. Überall hingen bunte Teppiche aus Wolle und Seide. Der Mittelgang führte geradewegs auf ein loderndes Feuer zu, dessen Rauch durch eine Öffnung im Dach abzog. Dahinter stand auf einer Estrade ein Stuhl mit geschnitzten Arm- und Rückenlehnen, und darauf saß ein Mann, der in Grün und Purpur gekleidet war. Die Leute aus seiner Umgebung zogen sich beim Herannahen der beiden Frauen in den Hintergrund zurück. Eine Meute aufgeregter Jagdhunde hingegen stürzte sich hechelnd auf die Neuankömmlinge und beschnüffelte sie. Eógan pfiff sie zurück. Cearas Schritte wurden langsamer, verunsichert durch das mangelnde Entgegenkommen Brendans und das peinliche Bewusstsein, dass ihre von der Reise verdreckten Kleidersäume die Binsen vom Fußboden mit sich schleiften.

Endlich standen sie am Feuer, und wenigstens von diesem ging Wärme aus. Der Mann auf dem Thron drehte weiterhin seinen Trinkbecher in den Händen und musterte sie. Dann erhob er sich so brüsk, dass Ceara zusammenfuhr, stieg die Stufen hinunter und kam auf sie zu. Er war nicht besonders groß, doch kräftig gebaut. Seine farbenfrohe, mit Goldborte besetzte Tunika reichte ihm fast bis an die Knöchel. Das Gesicht, wo es nicht unter ergrauendem Bart und buschigen Augenbrauen verschwand, war unter zwei unbeweglichen Querfurchen auf seiner Stirn in Strenge erstarrt. Er mochte Mitte vierzig sein. Noch nie hatte Ceara einen Mann gesehen, der so mit Gold behängt war wie er: ein juwelenbesetztes Diadem um den kurzgeschorenen, oben bereits kahlen Schädel, ein Halsreif, tropfenförmige Ohrringe, Spangen und Broschen, Armreifen und Fingerringe mit roten und grünen Steinen. Sogar an die Daumen hatte er sich jeweils einen Ring gesteckt. Er sah sie scharf an, erwartend, ja geradezu fordernd, dass sie die Augen niederschlug, und so senkte sie sittsam den Blick. Er wanderte einmal um sie herum, um sie von allen Seiten zu begutachten.

»Orlas Statur, ihre Gesichtszüge, ihre Augen!«, hörte Ceara eine Stimme wie Metall, als rufe sein Goldgeschmeide ein tönendes Echo hervor. »Sie könnte Nialls Zwilling sein. Wie soll ich mir da sicher sein, ob mein Blut in ihren Adern fließt? Ist sie unserer Sprache mächtig, Eógan?«

»Wie wäre es, wenn du Ceara selbst danach fragtest, mein König?«

Dankbar sah sie Eógan an. Es dünkte sie, als gehöre zu dieser Äußerung eine gewisse Portion Mut, so freundlich sie auch vorgebracht worden war. Dass sie plötzlich einen Namen hatte, schien Brendan ein wenig zu verstören. Er blieb vor ihr stehen.

»Ist es wahr, kannst du verstehen, was ich sage?«

»Ich habe alles verstanden, was gesprochen wurde.«

Was war an ihrer Erwiderung falsch? Eógan blinzelte warnend und schüttelte kaum merklich den Kopf. Hatte sie verärgert geklungen? Nun, sie hatte auch allen Grund dazu!

»Fremder Akzent und unbeholfene Ausdrucksweise! Und man hat sie tatsächlich nach ihrer Großmutter benannt, der grässlichen Vettel! Ceara … Ha, das ist allerhand! Und was hat man dir im Ausland beigebracht, … Ceara?«

»Ich kann lesen und schreiben, ein wenig Latein und natürlich die lingua danica. Mein Gälisch wird sich auch bald bessern, das verspreche ich.« Eógan schüttelte wieder den Kopf und wies mit den Augen nach unten. »Nähen habe ich gelernt, Herr, weben, Bier brauen, Fisch räuchern und Brot backen.«

»Das ist immerhin etwas«, beschied Brendan. »Mein Silber und der Lapislazuli sind an deine Erzieher also nicht vergeudet. Ich heiße dich auf der Rabenburg willkommen, Tochter. Du kannst mit deiner Dienerin im grianán, dem Frauenhaus, wohnen.«

Ein Wedeln seiner Hand zeigte an, dass Ceara und Áine entlassen waren. Weder hatte er ihnen gesagt, wie er angeredet werden wollte, noch ihnen Zeit gelassen klarzustellen, dass Áine keine Dienerin war, sondern aus derselben vornehmen Familie stammte wie Orla und darum mehr Respekt verdiente. Kaum standen sie vor der Halle, da erhob sich drinnen die ärgerliche Stimme Brendans: »… habe es nicht nötig, mir von dir Vorschriften machen zu lassen!«