Raureifzeit - Cornelia Briend - E-Book

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Cornelia Briend

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Beschreibung

Die dramatische Fortsetzung des spannenden historischen Romans »Brombeerblut« von Cornelia Briend. Die Geschichte Cearas, die in der Normandie begann, setzt sich nun in Irland fort. Normandie, Frühjahr des Jahres 985: Zuversichtlich besteigt der junge Normanne Ivar in Begleitung zweier Gefährten ein Handelsschiff. Sein Auftrag lautet, einige fränkische Schwerter nach Irland zu schmuggeln. Es ist die letzte Bewährungsprobe, die Ivar noch von seinem Traum trennt: Gefolgschaftskrieger des Herzogs der Normandie zu werden. Doch sein Auftrag scheitert und Ivar sieht sich in Irland dem Zorn des dänischen Plünderers Sigdan ausgesetzt. Ceara, als Ivars Ziehschwester in der Normandie aufgewachsen, lebt seit zwei Jahren als Witwe beim Stamm ihres Vaters in Irland. Ihr einziger Trost ist ihre kleine Stieftochter Crón. Als diese entführt wird, nimmt Ceara die Verfolgung auf. Schon bald steht sie Ivar gegenüber. Um Crón zu retten, muss sie zwischen Misstrauen und alter Verbundenheit wählen, während Ivar vor der Entscheidung zwischen alten Träumen und neuen Zielen steht.

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Seitenzahl: 1013

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Cornelia Briend

Raureifzeit

Historischer Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Die dramatische Fortsetzung des spannenden historischen Romans »Brombeerblut« von Cornelia Briend. Die Geschichte Cearas, die in der Normandie begann, setzt sich nun in Irland fort.

Normandie, Frühjahr des Jahres 985: Zuversichtlich besteigt der junge Normanne Ivar in Begleitung zweier Gefährten ein Handelsschiff. Sein Auftrag lautet, einige fränkische Schwerter nach Irland zu schmuggeln. Es ist die letzte Bewährungsprobe, die Ivar noch von seinem Traum trennt: Gefolgschaftskrieger des Herzogs der Normandie zu werden. Doch sein Auftrag scheitert, und Ivar sieht sich in Irland dem Zorn des dänischen Plünderers Sigdan ausgesetzt.

Ceara, als Ivars Ziehschwester in der Normandie aufgewachsen, lebt seit zwei Jahren als Witwe beim Stamm ihres Vaters in Irland. Ihr einziger Trost ist ihre kleine Stieftochter Crón. Als diese entführt wird, nimmt Ceara die Verfolgung auf. Schon bald steht sie Ivar gegenüber. Um Crón zu retten, muss sie zwischen Misstrauen und alter Verbundenheit wählen, während Ivar vor der Entscheidung zwischen alten Träumen und neuen Zielen steht.

Inhaltsübersicht

Kapitel 1: Biss des Winters

Kapitel 2: Windstille

Kapitel 3: Schneematsch

Kapitel 4: Aufwind

Kapitel 5: Wintersonne

Kapitel 6: Seenebel

Kapitel 7: Hagelschlag

Kapitel 8: Fallwind

Kapitel 9: Ruhe vor dem Sturm

Kapitel 10: Blutiger Schnee

Kapitel 11: Kälte

Kapitel 12: Gewitterfronten

Kapitel 13: Wetterleuchten

Kapitel 14: Dämmerung

Kapitel 15: Tödliches Morgenrot

Kapitel 16: Helle Monde

Kapitel 17: Mitternachtssonne

Kapitel 18: Raureif

Kapitel 19: Eisnadeln

Kapitel 20: Zwielicht

Kapitel 21: Halo

Kapitel 22: Stern am Nachthimmel

Kapitel 23: Spätfrost

Epilog

Personenverzeichnis

Worterklärungen

Nachwort

Danksagung

Kapitel 1: Biss des Winters

Rabenburg, Wohnsitz des Brendan mac Cuinn, Irland

Da da lan da lan la la dan …« Die Magd stimmte einen neuen Rundgesang an, ohne die flinke Arbeit ihrer Finger zu unterbrechen. Sie wiegte sich dabei, als brächten erst ihre Bewegungen, das unermüdliche Drehen der Spindel und das Zupfen an der Wolle, den Puls des Liedes hervor. Sobald die anderen Frauen es erkannten, fielen sie in den Kehrreim ein. Vom nächtlichen Wanderer sangen sie, der Fuß vor Fuß setzte, Fuß vor Fuß, bis er an einen See kam, so tief, so tief, an dem ihn Grauen erfasste. Ihm erschien eine Frau, deren Gewand weiß, ach so weiß war … Die Flämmchen der Tranlampen im Raum tanzten dazu ihren flackernden Reigen.

Ceara kannte mittlerweile alle Lieder, die der gleichförmigen Tätigkeit der Frauen die Langeweile nahmen, und summte leise mit. Eine Fußspitze stieß an ihr Schienbein und lenkte ihren Blick auf die tadelnd zusammengezogenen Augenbrauen ihrer Stiefmutter Eithne. Mit einem ungehaltenen Kopfnicken forderte diese sie auf mitzusingen.

Ceara seufzte. Wieder eine der kleinen Quälereien, die ihr das Leben schwermachen sollten. Sie konnte nun einmal nicht singen wie die Hausherrin, deren kräftige dunkle Stimme den Höhen der anderen eine wohltönende Dichte verlieh, oder wie die kleine Úna, ihre jüngste Halbschwester, die wie eine Lerche trällerte und darüber gern ihren Faden vergaß. Widerwillig, doch ergeben mischte Ceara ihre heisere Stimme dazu. Das Zischen zweier Nachbarinnen ließ nicht lange auf sich warten und gab ihr zu verstehen, dass ihre Misstöne nicht willkommen waren. Eithne schien zufrieden.

Gleichmütig klemmte Ceara sich ihren Spinnrocken zwischen die Knie. Sie hatte schon anderen Kummer ertragen müssen. Schmerzen, die sie kaum hatten atmen lassen. Die sorgsam ausgeteilten Nadelstiche ihrer Stiefmutter erschienen ihr dagegen nur ermüdend.

»Du singst absichtlich falsch!«, warf Eithne ihr vor. »Du lässt keine Gelegenheit aus, uns zu verärgern.«

»Es bereitet dir doch Vergnügen, mich zu schelten«, flüsterte Ceara zurück und stülpte ein neues Büschel gekämmter Schafwolle über den Rocken. »Genieße es, solange du kannst.«

Ein Räuspern ließ sich vernehmen. Der Streit nahm immer den gleichen Verlauf und eignete sich schon lange nicht mehr zum Tratsch hinter vorgehaltener Hand. Er störte nur den Frieden des Frauengemachs. Eithne warf einen warnenden Blick in die Ecke, aus der das Räuspern gekommen war, und lehnte sich zurück, ihr Gesicht verschwand wieder im unsteten Halbdunkel des Feuerscheins.

Ceara kreuzte ein Leinenband um die Wolle, damit sie nicht vom Stab rutschte. Vielleicht musste sich Eithne wirklich bald eine neue Lieblingsbeschäftigung suchen. Es drängte sie, dieses Haus, in dem sie nur ein schlechtgelittener Gast war, für immer zu verlassen. Nur zwei Wege führten für sie aus der Rabenburg hinaus – eine neue Ehe oder der Eintritt in ein Kloster. Ihr Vater, Brendan mac Cuinn, verhandelte ununterbrochen mit Clans, an deren Bündnis ihm gelegen war, und würde über kurz oder lang erneut einem der Anführer ihre Hand versprechen. Mit ihren nunmehr achtzehn Jahren wurde es für Ceara höchste Zeit, ein Auskommen zu finden. Von den Mitteln, die ihr nach ihrer kurzen Ehe zugefallen waren, konnte sie nicht unabhängig leben. Eine Frau erwarb für jedes Jahr, das sie mit ihrem Mann verbrachte, einen Anteil am gemeinsamen Vermögen. Dieser ermöglichte es ihr später, wenn der Mann sich einer fruchtbaren Jüngeren zuwandte, sich in Würde zurückzuziehen. Als Witwe aber, viel zu jung für einen erwachsenen Sohn, der für sie sorgen konnte, bestimmte wieder der Vater über sie. Und da ihr der einzige erfüllende Ort, den sie sich je gewünscht hatte, vom Schicksal so rasch wieder genommen worden war, blieb ihr nur, auf einen neuen Ehemann zu warten.

Und der andere Weg? Sie haderte mit sich. Das Vorbild ihrer Mutter, die ihr Dasein im demütigen Grau einer kleinen klösterlichen Gemeinschaft fristete, spendete ihr keinen Trost. Die Vorstellung eines stillen Skriptoriums hingegen, in dem sie, umgeben von Tinte, Feder und Pergament, einem friedlichen Tagewerk nachginge und von den Menschen, die wie ein Schwarm angriffslustiger Stechmücken um sie herumsummten, unbehelligt bliebe, zog sie an manchen Tagen unwiderstehlich an. Warum war sie diesen Schritt nicht längst gegangen? Auf der Rabenburg strafte man sie täglich für das Vergehen, sich für einen Mann entschieden zu haben, den ihr Vater nicht guthieß. Was sie sich selbst vorwarf und was ihr den Weg ins Kloster verwehrte, ahnte niemand: Dass sie den Geliebten nicht fest genug gehalten hatte, als der König ihn fortrief, und er nicht zurückgekehrt war. Und dass sie sein Kind im Stich gelassen hatte. Solange sie mit der göttlichen Vorsehung, die ihr das Kostbarste genommen hatte, so wenig Frieden fand, fühlte sie sich nicht bereit für den Rückzug in Seinen Schoß.

Sie zwirbelte einen feinen Faden aus der Wolle hervor und verband ihn mit dem Ende des Garns, das sich schon auf der Spindel befand. An ihrer Hand funkelte noch immer der Ring, mit dem er sich ihr versprochen hatte. Nie würde sie ihn ablegen, es sei denn, man hackte ihr den Finger ab. Wenn sie seinen Namen dachte, zog ein Schatten über sie hin, hörte sie den hohen, durchdringenden Schrei der bean sí, der ihr das Mark gefrieren ließ. Finn. Ihr Beschützer, ihr Freund, ihr Mann. Ihre Liebe zu ihm war ihr Schutzwall gewesen, die einzige Antwort auf hereinstürmende Gewalt und Falschheit. War Fürsorge und Hingabe. Seine Wärme vertrieb ihre Angst, heilte ihren Schmerz, machte sie endlich ganz. Auf ihre gemeinsame Kraft hatte sie vertraut. Vor zwei Jahren, nur wenige Wochen nach ihrer Hochzeit, war sein Leben am Rande eines Schlachtfelds in Connaught ausgelöscht worden. Kein Sommer hatte seither ihr Blut aufgetaut.

Daumen und Mittelfinger der rechten Hand drehten die Spindel. Tagein, tagaus die gleichen Handgriffe, der gleiche Singsang. Von ihrem Zeigefinger geführt, spulte sich der Faden sauber um den Stab auf. So hatte sie es einst von Hallveig, ihrer Ziehmutter, gelernt. Sicher saßen auch die Frauen von Ásmundrs Hof zu dieser Stunde beisammen und spannen.

Während der Wanderer aus dem Lied von der weißen Frau mit einem Pfeil im Herzen verwundet wurde, betrachtete Ceara ihr Leinenband, das die Wolle hielt. Sie hatte es mit blauem und rotem Garn bestickt, als sie sechs Jahre alt war. Die Farben waren in den zwölf Wintern, die seither vergangen waren, durch das häufige Anfassen und Binden vergilbt, aber noch immer erinnerten sie Ceara an das Zuhause ihrer Kindheit. Hallveig hatte ihre Töchter und Mägde ebenso mit der Fußspitze getreten, wie Eithne es nun bei Úna tat, da diese durch Unachtsamkeit den Faden verknotet hatte. Von dessen Makellosigkeit hing die Güte des Gewebes ab, aus dem die Kleider für die Familie und die Angehörigen des Haushalts geschneidert wurden. Diese Sorge teilte die kleine Úna jedoch noch nicht. Trotzig warf sie ihren Rocken auf den Boden und stürmte aus der Kammer. Mit einem strengen Blick in die Runde erhob sich Eithne und folgte ihrer Tochter, um sie am Ohr zu ihrer Pflicht zurückzuholen.

Ceara fröstelte bei dem Gedanken an den schneidenden Wind, der draußen um die Gebäude pfiff und wohl in diesem Augenblick nach den Röcken des kleinen Mädchens schnappte. Sie fror ununterbrochen, seit sie wieder in der Burg ihres Vaters lebte, selbst hier in der Kammer, in der ein Feuer prasselte und zahlreiche Tranlampen brannten. Es war die Kälte der Verlassenheit, die ihr in die Knochen gedrungen war. Eithnes kühle Herablassung ihr gegenüber konnte Ceara in gewisser Weise verstehen; sie war eine Tochter aus erster Ehe und damit ein Eindringling in Eithnes Haushalt. Die Gereiztheit ihres Vaters jedoch wurde ihr von Tag zu Tag unerträglicher. Waren Eithnes Spitzen wie ein gelegentlicher Schauer aus feinen Eiskristallen, so wehte sie von Brendan der Hauch eines zugefrorenen Flusses an. In jedem Wort, in jeder seiner herrischen Anweisungen lag der Vorwurf, sie trüge die Schuld daran, dass seine Erwartungen an ihre erste Ehe enttäuscht worden waren.

Im Sommer vor zweieinhalb Jahren hatte er, der König der Ifernan, sie von ihrer Ziehfamilie aus der Normandie weggeholt, um sie seinem sorgfältig angelegten Machtspiel zuzuführen. Jahrelang hatte er gegen den Nachbarstamm, die Corco Mruad, Krieg geführt, angestachelt, wie sich zu spät herausstellte, von Olcán, jenem falschen Freund und Verbündeten, den Ceara hatte heiraten sollen. Finn mac Cein von den Corco Mruad hatte den Verrat Olcáns aufgedeckt und das Blutvergießen zwischen den Stämmen beendet. Brendan war zum ersten Mal im Leben gezwungen gewesen, einen Fehler zuzugeben. Die Bloßstellung beschämte ihn, ein Gefühl, das ihm bis dahin fremd gewesen war. Es verdross und verunsicherte ihn, weshalb er seine Feindseligkeit gegen die Corco Mruad nie ganz hatte überwinden können. Doch Finn war ein über die Grenzen seines Volkes hinaus bekannter und geschätzter Heiler und hatte einen hohen Gelehrtenrang innegehabt, der seinen Ehrenpreis dem eines Königs gleichsetzte. So konnte Brendan sich seiner Eheschließung mit Ceara am Ende nicht widersetzen. Ihre Liebe hatte den Friedensschluss besiegelt.

Nach Finns Tod hatten seine Verwandten ihr einen Mondzyklus lang das Verweilen in ihrem gemeinsamen Heim gewährt, um abzuwarten, ob sie sein Kind trug. Als offenbar wurde, dass dem nicht so war, hatte Bressal, der nachfolgende Clanführer, die Burg auf dem Möwenfelsen seinem neu gewählten Stellvertreter zugesprochen. Er selbst hatte das von Finn erbaute große Haus in der Hospitalssiedlung zum neuen Häuptlingssitz erhoben, damit seine Gemahlin, die Heilerin Dáirinn, ihrer Wirkungsstätte nahe sein konnte. Für Finns alte Mutter und seine Tochter aus erster Ehe wurde von der Gemeinschaft des Clans gesorgt, aber für seine Witwe war kein Bleiben mehr. Brendan hatte sie mit ihrem Anteil am gemeinsamen Ehevermögen zu ihrem eigenen Volk zurückgeholt. Seither saß sie hier in der Rabenburg, fror und spann, spann und fror.

Früher, auf Ásmundrs Hof, waren die Winter auch kalt gewesen, aber dort hatte Ceara der Umgang mit vertrauten Menschen gewärmt. Beinahe sehnte sie sich sogar zurück nach dem Gelächter der Stalljungen, die Spottlieder auf ihr Fuchsgesicht sangen. Schickte Hallveig sie damals mit einer Besorgung in die Kälte hinaus, zählte sie an den Fransen ihres Tuches oder an den Tonbechern auf den Wandbrettern ab – ja, nein, vielleicht –, ob sie Ivar, ihren Ziehbruder, draußen um die Ecke biegen sähe, wie er ein Pferd von der Koppel in den Stall führte und ihr dabei zulächelte. Diese Erinnerung hatte sie lange von innen gewärmt. Sie seufzte wieder. Ein Meeresarm trennte sie nun voneinander. Wie viele Gezeiten hatten seither ihre Spuren im Sand auf der anderen Seite fortgespült? So restlos getilgt, dass wohl kaum eine Erinnerung an sie übriggeblieben war. Nie hatte sie Kunde erhalten, nie Antwort auf ihre Botschaften bekommen. Nun wartete sie nicht länger. Ein sauberer Schnitt war letztlich das Beste. Hallveig mochte erleichtert sein, dass Ceara Ivars Fortkommen nicht länger im Wege stand. Von Ásmundr allerdings, der ihr ein liebevollerer Vater gewesen war, als es Brendan je sein könnte, hatte sie ein Wort über sein Wohlergehen und seine Zuneigung ersehnt. Was hatte ihn davon abgehalten, ihr wenigstens Segenswünsche zu ihrer Vermählung zu schicken? War ihm womöglich ein Unheil widerfahren? Krankheit, eine Verletzung im Pferdestall, ein Brand, der das ganze Anwesen verschlungen hatte? Ein Schiffbruch?

Sie löste den Blick von dem bestickten Band und richtete ihn auf die Vorsängerin, die jetzt davon träumte, wie gern sie doch einen gewissen Mann aus dem Nachbartal zum Gatten hätte.

Ob Ivar sich seine Träume erfüllt hatte? Wie so viele junge Männer lechzte er damals danach, in der Reihe der bewunderten Krieger des Jarls zu stehen. Dank des väterlichen Vermögens war es ihm sicherlich nicht schwergefallen, sich mit einem guten Schwert auszustatten. Vielleicht kämpfte er in großen Schlachten und sein Name war in aller Munde. Ceara wusste nicht, was in der Normandie und im Frankenreich vorging und wer dieser Tage wen bekriegte. Sie mochte sich auch nicht vorstellen, was Ivar wirklich erlebte, wenn er tat, was seine verwegenen Träume ihm gezeigt hatten. Für einen Mann bedeutete das Schwertgerassel Ehre und reiche Beute. Für eine Frau bedeutete Krieg immer nur den möglichen Verlust derer, die sie liebte. Sie hoffte, dass er wenigstens unversehrt war und es lange bliebe.

Der Mann aus dem Lied besaß alle Tugenden, aber leider, wie sich herausstellte, auch ein Weib. Eifersüchtig wünschten die Sängerinnen der Frau, sie möge sich doch ein Bein brechen! Úna, die als Gefangene ihrer Mutter wieder hereingetrottet kam, fand dieses Ende so erheiternd, dass sie darüber zu schmollen vergaß. Das brachte ihr einen Klaps auf den Hinterkopf ein.

»Es ist verwerflich, anderen Unglück an den Hals zu wünschen! Ich will dieses Lied nie wieder hören, habt ihr verstanden!« Dann wandte Eithne sich an Ceara: »Tu mir den Gefallen und geh in die Küche. Sag Bescheid, sie sollen heute Wild auftragen. Eógan ist gekommen.«

Cearas Herz machte einen Sprung. Von allen Überraschungen, die sie in diesem Haus erlebt hatte, war Eógans Auftauchen die einzig freudige. Eógan war der Vetter ihres Vaters und dessen tánaiste, sein gewählter Stellvertreter. Einstmals würde er ihm als Stammesführer der Ifernan nachfolgen. Seit er Ceara von Ásmundrs Hof abgeholt und in Brendans Auftrag nach Irland gebracht hatte, waren sie Freunde. Er stand ihr im Alter näher als seinem Vetter. Bereitwillig erhob sie sich und steckte den Spinnrocken hinter ihren Gürtel, ohne den Drall der Spindel zu verlangsamen. Gesponnen wurde auch im Gehen.

Sobald sie den grianán, das Frauengemach der Burg, verlassen hatte, erschauerte sie in der kalten Zugluft. Sie eilte in Richtung Küche. Die Tür stand offen, schon im Gang schlugen ihr köstliche Suppendüfte entgegen. Sie tauchte in die wohlige Wärme und das Geschwätz der Mägde ein. Der Eintopf im Kessel warf plätschernde Blasen, eine Magd hackte lautstark mit einem großen Messer Zwiebeln auf einem Brett, die Köchin summte, während sie in einer Schüssel vor dem Bauch Eier verrührte. Ein Mädchen trug eine Silberplatte für die abendliche Tafel herein, die so kalt war, dass sie im Dampf beschlug. Cearas rechte Hand zuckte. Früher hätte sie mit dem Finger ein Bildchen in die beschlagene Oberfläche gemalt. Alles, was sich zum Zeichnen eignete, schien damals wie von selbst mit ihr zu verwachsen, um in ein paar Strichen abzubilden, was sie sah. Heute fürchtete sie sich davor, denn ganz gleich, ob sie im Sand kritzelte oder mit einem Kohlestift vor einem Stück Birkenrinde saß, unter ihrer Hand entstand nur immer ein und dasselbe Gesicht. Das Antlitz Finns, über den man in Brendans Rabenburg nie sprach.

Voll Dankbarkeit erinnerte sie sich an ihre gemeinsame Zeit. Finn hatte über Jahre seine Beobachtungen zu den Heilmitteln, die er einsetzte, aufgezeichnet und gedachte, sie in einem Buch zusammenzufassen. Vergeblich versuchte er jedoch, die Pflanzen bildlich darzustellen. Noch heute rührte Ceara der Gedanke an die Wachstafeln mit seinen kindlich unbeholfenen Kritzeleien. Ihm fehlten das Auge und die Gabe, eine Blüte oder eine Wurzel, die prall und rund vor ihm lagen, auf eine glatte Fläche zu bannen. Viele kostbare, selbstvergessene Stunden saßen sie in der Pergamentenkammer auf dem Möwenfelsen beisammen und lernten voneinander. Er zeigte Ceara die Pflanzen und erklärte, welcher Teil davon welche Wirkung entfaltete, und sie brachte ihm bei, wie man die Wölbung und Tiefe eines Stängels mit zwei einfachen Griffelstrichen einfangen konnte. Die Blicke, die sie dabei tauschten, ihr Lachen und der Klang seiner Stimme hatten sich ihrem Gedächtnis unauslöschlich eingeprägt. Noch immer fühlte sie seine Hand auf der ihren liegen, wenn sie zeichnete und er der Bewegung nachspürte, um sich bei seinem eigenen Versuch daran zu erinnern. Als er sich auf König Brians Geheiß kurz vor den ersten Schneeflocken dem Heer anschloss, bat er Ceara um zwei Dinge: auf seine Tochter Crón achtzugeben und die Arbeit an den Zeichnungen fortzusetzen, bis er wiederkäme. Getreulich hatte sie seinen Wunsch erfüllt. Crón überstand den Winter unbeschadet, doch er sah es nicht mehr. Sie zeichnete, besessen, betäubte den Schmerz, lauschte dem Echo seines Daseins, das noch in den Pergamenten wisperte. Er hatte leidenschaftlich für seine Kunst gebrannt – sie war an der ihren ausgebrannt. Als die letzte Blüte gemalt war, verstummte Finns Stimme in ihrem Ohr, wie sie für alle anderen längst verstummt war. Sie versuchte, sie zurückzuholen, indem sie mit dem Kohlestift sein Gesicht heraufbeschwor. Doch sie scheiterte an dem Schmerz, der damit einherging, und stürzte in die größte Trostlosigkeit ihres Lebens. Seither ruhte ihre Zeichenmappe auf dem Boden der Kleidertruhe. Sie hatte sie nie wieder angerührt.

»Was steht Ihr da im Weg herum?«

Ceara zuckte zusammen. Die Köchin war auf sie aufmerksam geworden. »Wenn Ihr mir etwas zu sagen habt, sagt’s und macht die Tür hinter Euch zu, wenn Ihr geht!«

Steif richtete sie ihren Auftrag aus. Sogar die Bediensteten ließen sie spüren, wie wenig man sie in diesem Haus brauchte. Manchmal fand sie in sich selbst nicht genug Raum für ihre Trauer, dann drängte diese hinaus und flehte um Beistand. Doch sie stieß nur gegen kalte Mauern.

*

Brendan wünschte allein mit Eógan und seinen Männern zu speisen, was die Frauen dazu verdammte, im grianán zu bleiben. Enttäuscht löffelte Ceara den Eintopf, den man aus der Küche gebracht hatte, doch auch dieser schmeckte nach der barschen Abfuhr der Köchin bitter. Sie hatte sich so sehr auf das Wiedersehen mit Eógan gefreut! Ihr diese Freude zu verderben, gehörte zu Brendans kleinlicher Bestrafung. An Tagen wie diesem fühlte sie sich unendlich verletzlich. Könnte sie ihren Vater doch versöhnen, damit die Qual aufhörte! Ein einziges Mal nur hatte sie gewagt, sich gegen ihn aufzulehnen, und Finn ihre Hand geschenkt. Würde es ihn zufriedenstellen, wenn sie seine Wünsche erfüllte und den Mann heiratete, den er als nächsten für sie erkor? Auf eines konnte sie sich verlassen: Brendans Stolz und Ehrgeiz waren noch größer als seine Abneigung gegen sie und würden dafür sorgen, dass sie nicht unter ihrem Wert vermählt wurde. Willigte sie in eine solche Verbindung ein, so wäre sie auf immer von seiner Willkür erlöst. Wenn der neue Gatte nur nicht wieder so ein ehrloser Schandkerl wäre wie der erste, den er ausgewählt hatte!

Zornige Männerstimmen näherten sich. Ceara hob den Kopf und tauschte einen hoffnungsvollen Blick mit Eithne. Deren Miene erhellte sich ebenfalls. Der tánaiste kam, wie es sich gehörte, um der Herrin des Hauses seinen Gruß zu entbieten.

»Ich will nicht, dass du es ihr sagst!«, hörte man Brendan im Gang.

»Du kannst mir nicht den Mund verbieten.«

»Lass dir nicht einfallen, mich anzuflegeln, Eógan!« Die Warnung kam verhalten, wirkte aber gefährlicher als die Wut. Ceara konnte sich gut vorstellen, dass ihr Vater dabei die Hand ans Messer legte. Er war der König und dies war sein Haus.

Einen Augenblick war es still, dann sagte Eógan: »Das liegt mir fern. Dennoch werde ich es ihr ausrichten.«

Es pochte an der Tür, lauter als schicklich. Eithne gab ihrer Dienerin den Wink zu öffnen, und die beiden Streithähne traten ein. Brendans cholerische Säfte hatten sein Gesicht gerötet, eine Ader trat deutlich an seiner Schläfe hervor. Auf dem kahlen Schädel über seinem ergrauten Haarkranz glänzte der Schweiß. Man sah ihm an, dass ihm der Besuch zuwiderlief, aber zu Cearas Beruhigung trug er keine Waffe am Gürtel.

Auch Eógan wirkte verärgert, nur machte ihn der Versuch, dies vor den Frauen zu verbergen, neben Brendan umso anziehender. Er grüßte verlegen, strich sich das dunkle Haar aus der Stirn und bat für das unangemeldete Hereinplatzen um Vergebung. Sein Blick suchte Ceara. Die Falte zwischen seinen Brauen glättete sich, als sie sich bemühte, ihr Glück über das Zusammentreffen in ein strahlendes Lächeln zu legen.

»Welche Wonne, dich zu sehen, tánaiste!« Der Spott in Eithnes Stimme bewies, dass ihr Cearas Gefühle nicht entgangen waren und sie sie dafür foppte. Die Wärme ihrem Besucher gegenüber war jedoch echt. »Sag, Eógan, wie geht es deiner Frau und deinem Sohn?«

Eógan war vor wenigen Tagen zum ersten Mal Vater geworden, woran die Burgbewohnerinnen regen Anteil nahmen.

»Beide sind wohlauf. Connla ist ein prächtiger kleiner Bursche.«

»Ich hoffe, dass König Brians Kriegsvorbereitungen dich nicht allzu bald vom heimischen Feuer wegreißen, damit du dem Kleinen beim Wachsen zuschauen kannst.«

»Weibischer Unfug!«, knurrte Brendan. Eógan war sein Heerführer und würde im nächsten Feldzug mit dem Aufgebot der Ifernan und ihrer Verbündeten ein Stützpfeiler von Brian Borus Streitmacht sein. Ceara wusste aus eigener Erfahrung, dass häusliche Angelegenheiten keinen Mann zurückhielten, wenn die Trommeln riefen.

Eithne warf ihrem Gemahl einen vernichtenden Blick zu. »Glaubt nicht, wir wüssten nichts von den Vorgängen jenseits unserer Mauern, nur weil ihr beide uns von eurem Kriegsrat fernhaltet.«

Brendan machte eine wegwerfende Handbewegung, Eógan lächelte verbindlich. »Kein Kriegsrat, Eithne. Ich komme heute nur als friedlicher Bote mit einer Nachricht für Ceara.«

Alle Köpfe flogen zu ihr herum. Ceara schluckte überrascht. Wer konnte ihr etwas ausrichten wollen? Warnend packte Brendan seinen Vetter beim Arm. Dann war es wohl keine Einladung von der jungen Wöchnerin, Ceara möge ihr Gesellschaft leisten. Eine solche hätte er sicher nicht so harsch zurückgewiesen. Ihr zweiter Gedanke galt Ásmundr. Sollte endlich doch ein Lebenszeichen aus der Normandie eingetroffen sein? Oder war es eine Todesbotschaft – war jemand von ihnen gestorben?

»Schweig still, ich wünsche es nicht!«

Angesichts des rauen Tons keimte eine Ahnung in Ceara auf, und sie wusste nicht, ob diese sie erwartungsvoll oder ängstlich stimmte. Als Heerführer stand Eógan mit allen Stämmen der Nachbarschaft in Verbindung, und wenn Brendan so heftig zu verhindern trachtete, dass sie etwas erfuhr, konnte es sich nur um eine Nachricht von den Corco Mruad handeln.

Ihre Beklemmung wuchs. Was wollte Brendan ihr verheimlichen, und warum? Gab es gute oder schlechte Neuigkeiten? Wenn Wort von Finns Angehörigen für sie kam, musste es um seine Mutter oder seine Tochter gehen, die sie bei ihrem Abschied von der Schwiegerfamilie zurückgelassen hatte. Wie konnte Brendan so grausam sein, sie im Ungewissen zu lassen?

»Ist Crón etwas zugestoßen?«, fragte sie bange.

»Nein, keine Sorge, Ceara, ich bringe frohe Kunde.« Eógan legte seine Hand auf die seines Vetters, die noch immer an ihm zog, und sah ihn eindringlich an. Mit einem zornigen Schnaufen ließ Brendan seinen Arm los.

»Könnten wir das an einen anderen Ort verlegen, mein König?« Eógan warf einen Blick auf Eithnes Frauen und Mägde, die wie gebannt an seinen Lippen hingen.

Noch bevor Brendan sich entschieden hatte, ob er den Machtkampf hier und jetzt für sich entscheiden sollte – Ceara war sicher, dass Eógan ihm den Sieg überlassen würde –, rief Eithne: »Ihr habt euren Herrn gehört. Geht!« Sie winkte alle ihre Frauen an ihm vorbei aus dem Raum.

»Danke, Eithne.« Eógan zwinkerte ihr zu, bevor er sich zu Brendan umdrehte. »Sei nicht so griesgrämig, Vetter. Das Ansinnen der Corco Mruad ist harmlos und zeugt bei rechter Betrachtung von Ehrerbietung gegen dich und deine Sippe.«

»Ehrerbietung?« Brendan wandte sich Ceara zu und betrachtete sie von oben bis unten, als habe sie ihn angespuckt. »Eine Frechheit ist es! Und meine Antwort lautet: Nein.«

»Möchtet ihr uns nicht endlich verraten, worum es geht?« Eithne stellte die Frage, die Ceara in der Kehle feststeckte. Worüber ärgerte er sich nur so maßlos?

»Gewiss«, beeilte sich Eógan. »Ceara, ich komme von Conor, dem König der Corco Mruad. Er bat mich, dich wissen zu lassen, dass die Tochter des Finn mac Cein ihr siebtes Lebensjahr vollendet hat und in Kürze den Möwenfelsen verlassen wird, um der Obhut ihrer neuen Erzieher übergeben zu werden.«

Ceara atmete auf. Der kleinen Crón ging es gut! Sie war immer ein zartes Kind gewesen und hatte so manches Mal Anlass zur Sorge gegeben. Aber nun hatte sie die anfälligste Zeit hinter sich gelassen und war bereit, ins nächste Alter einzutreten. Eine Ziehfamilie, meist Freunde, Gefolgsleute oder der Gefolgsherr, sorgte für eine standesgemäße Erziehung oder das Erlernen eines Handwerks. Daraus erwuchs ihre nächste Sorge: »Wem soll Crón anvertraut werden?«

»Conor weiß um den regen Anteil, den du an dem Kind nimmst«, sagte Eógan. »Es wird dich freuen zu hören, dass ihr Vormund, Abt Abbán, sie nach Clonmacnoise schickt.«

»Wirklich?« Das war in der Tat das Beste, was sie hatte erwarten können! Demnach war es Finns Bruder Abbán gelungen, den großen Meister der Buchmalkunst, Colmán, für die weitere Ausbildung des Mädchens zu gewinnen. Nach allem, was Ceara an erstaunlichen und wunderbaren Berichten gehört hatte, war Clonmacnoise nicht nur eines der bedeutendsten Klöster der Insel, sondern auch ein unvorstellbar märchenhafter Ort mit einer Schule, an der vielfältige Künste und Wissenschaften gelehrt wurden, mit Werkstätten erlesenster Handwerke und einem Markt, der Händler aus fernen Ländern anzog. Könige und Fürsten schickten ihre Kinder zur Erziehung nach Clonmacnoise. Crón würde, so hatte Abbán es ihr einmal beschrieben, in halbklösterlicher Umgebung aufwachsen und hätte später die Wahl, der religiösen Gemeinschaft beizutreten oder ihrem Clan mit ihren besonderen Fertigkeiten im Schreiben und Zeichnen nützlich zu sein. Welch glänzende Aussichten für Finns Kind!

Sie hatte ihre eigene Liebe zu Kohlestift und Pergament an ihre Stieftochter weitergegeben, während sie sich in den Tagen und Wochen nach Finns Tod in seine Manuskripte vertieft und seine heilkundlichen Abhandlungen mit Federzeichnungen versehen hatte. Crón beobachtete sie in dieser Zeit aufmerksam und verlangte schnell, ein Gleiches zu tun. So hatte Ceara ihr die Grundlagen der Zeichenkunst vermittelt. Abt Abbán, Finns einziger noch lebender Bruder, war ein verständiger Mann, der die Begabung seines Mündels zu fördern gedachte. Wie sich zeigte, hatten sein Einfluss, Cróns Abstammung und gewiss ein guter Preis dafür gesorgt, dass der Buchmaler das kleine Mädchen in die Lehre nahm.

Eógan sprach mit einem Seitenblick auf Brendan weiter: »Da du am Anfang ihrer Berufung standest, unterbreitet er dir den Vorschlag, dich ihrem Geleitzug anzuschließen und sie bis an die Pforte zu bringen, die sie zu ihrer Vollendung führt.«

Ceara stockte der Atem. Freude durchzuckte sie. Sie hatte nur so kurze Zeit dazugehört, dass es sie nicht überrascht hätte, längst vergessen zu sein. Und nun lud der König der Corco Mruad sie ein! Conor hatte zwar einen Grund, ihr dankbar zu sein, hatte sie doch damals dazu beigetragen, seine entführten Söhne ausfindig zu machen. Auch hatte er Finn sehr geschätzt. Aber dass er um ihre Zuneigung zu Crón wusste und ihr noch einmal die Gelegenheit schenkte, mit ihr zusammenzutreffen, zeugte von außergewöhnlichem Feingefühl und rührte Ceara zu Tränen. Wie schmerzhaft sehnte sie sich danach, Finns geliebtes Kind noch einmal an sich zu drücken! Wie dürsteten ihre Augen danach, jenen Schritt zu sehen, der Crón über die Schwelle einer Welt brachte, die Ceara damals verschlossen geblieben war. Einer Welt voller Licht und Gerüche, in der Federkiele und Pinsel, Farben und Pergamente sie einluden, ihre bescheidenen Gaben zu vervollkommnen.

Flehend sah sie von Eógan zu Eithne, die noch unentschlossen an ihrer Unterlippe kaute, und weiter zu Brendan, dessen Entscheidung sie bereits kannte.

Seit sie verwitwet war, unterband Brendan so gut wie jeden Besuch zwischen dem Möwenfelsen und der Rabenburg. Nur wenige Male hatte Ceara ihre Stieftochter am Rande eines Festes oder bei einer Messe im Kloster von Abt Abbán getroffen. Zu tief saß Brendans Groll gegen Finn und die Seinen.

»Wann?«, fragte sie leise. »Wann wird sie nach Clonmacnoise aufbrechen?« Verwehrte man ihr schon die Reise, wollte sie wenigstens in Gedanken zur rechten Zeit an der Seite des Kindes sein.

»Zum Fest der heiligen Brighid.«

Das war Anfang Februar, zum Beginn der hellen Jahreszeit. Ein gutes Omen! Ceara hatte in der Eintönigkeit der Spinnkammer aufgehört, die Tage zu zählen, schätzte aber, dass sie noch zwei oder drei Wochen von Cróns Aufbruch trennten.

Um jedwedem Einwand zuvorzukommen, bekräftigte Brendan seine Meinung mit Nachdruck: »Die Corco Mruad nehmen sich Freiheiten heraus, die ihnen uns gegenüber nicht zustehen. Was bildet sich dieser unbedarfte Rotzlecker, den sie sich an die Spitze gesetzt haben, eigentlich ein, eine Königstochter der Ifernan wegen solcher Nichtigkeiten zu belästigen? Es ist an der Zeit, dem Burschen eine Lehre zu erteilen.«

Eógan hob beschwichtigend die Hände. »Ich bin überzeugt, dass Conor nur äußerst gewissenhaft darauf achtet, unser Bündnis zu pflegen und die Ifernan auch bei geringeren Anlässen nicht zu übergehen. Ceara hat sich die Wertschätzung der Corco Mruad erworben und soll mit dieser Einladung geehrt werden. Damit ehren sie auch dich.«

»Ha! Seit Beginn dieser leidigen Geschichte lassen sie nicht davon ab, uns eine Frau zu entfremden, deren Pflichten längst wieder bei ihrem eigenen Volk liegen.«

Entfremden, dachte Ceara bitter. Nirgends hatte sie sich weniger dazugehörig gefühlt als im Schoß der eigenen Sippe, und Brendan tat alles, damit dies so bliebe. Nicht an Cróns Reise teilnehmen zu dürfen, legte sich mit jedem Herzschlag grauer und schwerer auf ihr Gemüt.

»Ich halte die Sache nicht für so gewichtig, darüber in Zank zu geraten«, sagte Eógan. »Aber bedenke dies, Brendan: In Kürze muss ich eine Streitmacht ausheben. Der letzte Feldzug hat uns große Verluste gebracht. Du weißt, wie schwierig es ist, noch Männer für den Krieg zu gewinnen. Daher sollten wir lieber um Unterstützung werben, als die Corco Mruad ausgerechnet jetzt vor den Kopf zu stoßen. Das ist mein Rat als Heerführer.«

Brendan kratzte sich den Bart und sah Eithne an. »Solange ich sie nicht wieder verheiratet habe, wird es nie aufhören. Immer wird es einen Anlass für sie geben, dorthin zurückzuwollen und ihre verdammte Schuldigkeit mir gegenüber nicht zu tun.«

»Du übertreibst«, entgegnete Eógan. »Harrt Ceara etwa nicht seit zwei Jahren pflichtschuldig hier aus, während dein Feilschen um den vorteilhaftesten Vertrag kein Ende findet? Würde sie geduldig warten, wenn sie nicht bereit wäre, sich dir zu fügen? Sie hätte in dieser Zeit längst ins Kloster gehen und dich auf deinen Abwägungen sitzen lassen können.«

Nur Eithnes Eingreifen war es zu verdanken, dass Brendan seinen tánaiste nicht ohrfeigte. »Bedenke, mein Lieber«, fuhr sie mit erhobener Stimme dazwischen, »dass es nie falsch sein kann, einen eigenen Faden in die Stoffe der anderen zu weben. Cearas gute Beziehungen zu den Corco Mruad könnten sich eines Tages als Segen für uns erweisen.«

»Dass Weibern nie etwas anderes einfällt als ihre Handarbeit!«

Eithnes Bild vom Webstuhl brachte Cearas Gedanken vom Vormittag zurück. Ein sauberer Schnitt hatte sie schon von ihrer normannischen Ziehfamilie getrennt. Ein nicht ganz so sauberer, aber nicht minder endgültiger von Finn. Wenn ihre Liebe zu Crón – die einzige, die ihr geblieben war – der Zukunft im Wege stand, für die sie sich entschieden hatte, dann musste sie auch hier einen Schnitt setzen. Je empfindungsloser sie danach zurückbliebe, desto besser wäre es für sie. Ein gebrochenes Herz konnte man nicht mehr verletzen.

»Wenn es Euch so sehr missfällt, Vater, werde ich den Faden zu den Corco Mruad ein für alle Mal durchtrennen«, sagte sie erstickt. »Crón geht für eine lange Zeit fort. Wenn sie zurückkehrt, werde ich, Eurem Wunsch gemäß, nicht mehr hier sein, weil ich verheiratet bin. Bitte gewährt mir die Gnade, so von ihr Abschied zu nehmen, dass ich die Scherben von gestern nicht ins Morgen mitnehmen muss.«

Eógan sah sie mitleidig an. Bitten nützt nichts, schien er ihr zu sagen. Man musste Brendan immer seinen Vorteil vor Augen führen, und der war in diesem Fall schon ausgespielt. Ohne seine Zustimmung würde sie keinen der unliebsamen Menschen des Nachbarstammes je wiedersehen. Eithne wartete lippenkauend auf Brendans Antwort.

»Den Faden durchtrennen«, wiederholte dieser, und es sah aus, als kaue auch er auf den Worten herum. Dann entspannte sich seine Miene, das Bild schien ihm zu gefallen. »Nun gut«, sagte er, »gewähren wir den Corco Mruad ein letztes Mal die Ehre deines Besuchs. Sie werden schon bald begreifen, dass du zu Höherem berufen bist. Zu weit Höherem. Ich erwarte allerdings, dass sie sich erkenntlich zeigen und du danach keine Botschaften mehr von ihnen empfängst. Eógan, du bist mir dafür verantwortlich, dass Ceara Mitte Februar wieder hier im grianán steht! Und zwar bester Laune!«

Verblüfft sahen sie einander an. Mit einem so raschen Einlenken hatte niemand gerechnet. Vor Ceara stiegen die lebhaftesten Vorstellungen auf. Einmal noch würde sie Finns Blut nahe sein, einmal die Wunder von Clonmacnoise schauen, ein letztes Mal den freien Wind in ihrem Haar spüren. Von diesen Erinnerungen würde sie für die verbleibenden Jahre ihres Lebens zehren.

»Gewiss«, versicherte Eógan. »Ich werde Ceara nach Cathair Lochlainn begleiten und sie auch rechtzeitig wieder zurückbringen.«

Brendan verzog in mürrischer Zufriedenheit das Gesicht. »Sorge dafür, dass dieser Grünschnabel Conor mein Entgegenkommen richtig versteht. Ich erwarte, dass er mit einem anständigen Aufgebot zur Heerschau erscheint. Damit mein Feilschen, wie du es nennst, Früchte trägt, darf ich mich vor König Brian und seinem engeren Kreis nicht zum Gespött machen.«

Kapitel 2: Windstille

Fécamp, Normandie

Eine Füchsin, dieses Mädchen. Feuerschein tanzt über das Dreieck ihres Gesichts. Weckt den Schalk in ihren Augen. Drängt die Furcht zurück. Er streckt die Hand aus, nähert sie Fingerbreit um Fingerbreit ihrer Wange. Wenn ihn nur nicht wieder der Mut verlässt! Sie wartet, zur Flucht bereit. Wittert zu Hallveig hinüber, die sich jeden Augenblick zu ihnen umdrehen kann. Ihr Kinn bebt, harrt seiner Berührung. Er fühlt bereits, wie sie es in seine Handfläche schmiegen wird. Erahnt die flaumige Wärme ihrer Haut. Dann wäre alles gesagt, alles entschieden. Hallveig könnte herumfahren und sie erwischen, sie hätte ihrer Liebe nichts mehr entgegenzusetzen.

»Nun beweg schon deinen Arsch, Ivar! Hoch mit dir!«

Das Rütteln an seiner Schulter riss Ivar vom Feuer weg, das ihn eingelullt hatte, und heraus aus der Heimeligkeit seiner inneren Bilder. Ihn schwindelte, er kniff die Augen zu. »Lasst mich in Ruhe! Verzieht euch!«

Die anderen grölten. »Hör auf zu lallen, Goldlocke, und schieb dich aus der Bank! Wir gehen nach Hause.«

Jemand legte sich Ivars linke Ellenbeuge um den Hals und wuchtete ihn hoch. Dabei streifte Ivars Hand über einen kahlgeschorenen Schädel. Aha, also war es Gunnar, dieser Besserwisser! Zeit, dem einmal einen Dämpfer zu verpassen. Als sich Ivars Kopf von der Tischplatte löste, an der noch sein Traumgespinst klebte, holte er aus und rammte Gunnar seine freie Faust unters Kinn. Doch es fühlte sich nicht an wie sonst, wenn er zuschlug. Und das Geschrei, das ihm gleich darauf durch die Ohren fuhr und sein Hirn in Scheiben schnitt, war auch nicht Gunnars, sondern das einer Frau.

»Pass doch auf, verdammter Flegel!«

Nun hagelte es auch noch Knuffe von der anderen Seite. Alle Behaglichkeit war dahin. Mühsam hob Ivar die Augenlider und streckte den Arm aus, der nicht um Gunnars Nacken lag, um sich der Fäuste zu erwehren, die ihm Dellen in die Rippen trommelten. Doch verflixt, seine Knochen gehorchten ihm nicht! Sein Arm ruderte nur ziellos auf dem Tisch herum und fegte dabei das Geschirr zu Boden.

»Jetzt reicht es aber, du besoffenes Schwein! Das wirst du mir ersetzen!«

Das Weib schubste ihn mit Nachdruck aus der Bank. Hätte Gunnar ihn nicht festgehalten, als gelte es, ihm die Gelenke auszukugeln, so wäre Ivar lang hingeschlagen. Nun jedoch kam er auf die Füße und stolperte gegen Magnus, der sich seine andere Ellenbeuge über die Schulter hievte. Ha, gar nicht so einfach bei dessen Bauchumfang. Vor ihm zeterte Herdis, die Wirtin der Spelunke. Mit der war er eigentlich immer gut ausgekommen. Was hatte sie auf einmal?

»Lilla, sieh nach, ob er noch ein Stück Silber einstecken hat!«

Ach ja, Lilla, die dralle neue Dirne. Die hatte es ihm vorhin in der Kammer über dem Schankraum besorgt. Richtig gut war die gewesen! Und dabei zotig wie ein Stallknecht. Jetzt fingerte sie mit einem Grinsen viel zu tief unter seinem Gürtel herum. Dumm, dass er gerade keine Hand frei hatte, sonst würde er ihr das Schandmaul stopfen, und zwar mit …

»Seine Börse ist schlaff, die gibt nichts mehr her.« Schadenfroh zog das Luder die Hand zurück. Machte ihr wohl Spaß, einen Wehrlosen zu demütigen.

»Wenn er abgebrannt ist, warum hast du ihn dann weitersaufen lassen, du dumme Gans? Nimm ihm den Armreif ab! In diesem Haus wird ihm nichts mehr angekreidet!«

Ivar wollte etwas einwenden – nicht seinen Armreif! –, aber seine Zunge füllte den ganzen Mund aus. Ihm entfuhr nur ein tiefes, rollendes Rülpsen.

»Lass gut sein, Weib«, kam es von Gunnar. »Hier.« Er schnippte etwas Blinkendes in Herdis’ Richtung.

»Na also! Nun schafft ihn gefälligst raus, bevor er mir alles vollkotzt! Und sagt ihm, er braucht sich hier nicht noch einmal blicken zu lassen, wenn er nicht zahlen kann!«

Die Tür krachte hinter ihnen zu. Draußen ließ der Frost seine Faust auf Ivar niedersausen. Der Boden unter seinen Füßen löste sich in nichts auf.

*

Unter ihm schwankt es. Bäuchlings liegt er zwischen Wasserfässern und Eimern im Stauraum des Schiffs. Neben ihm seine Beute, ein Sack, halb gefüllt mit glänzendem Tand. Schüsseln und Kannen. Diese wird er, wie alle es tun, bei ihrer Heimkehr zum Aufteilen auf einen Haufen schütten. Das Mädchen aber, das unter ihm liegt, gehört ihm allein! Das hat er eben deutlich gemacht, als er sie vor aller Augen in Besitz genommen hat. Sie hat sich ein bisschen gewehrt, aber jetzt ist sie still. Zu still. Und zu flach. Seine Hand grapscht nach ihr – und tastet ins Leere.

Es war immer dieselbe nagende Unzufriedenheit, die beim Erwachen an seinem Bett stand. Versager!, kicherte sie für gewöhnlich als Morgengruß. Der Abwechslung halber auch mal Armes Schwein! oder Hirnverbrannter Schafskopf!, je nachdem, was ihm der vorangegangene Tag beschert hatte. An den gestrigen Abend fehlte die Erinnerung, also war heute wohl Elender Saufkopf! an der Reihe. Prompt warf ihn ein stechender Kopfschmerz aufs Lager zurück und bestätigte seinen Verdacht. Verdammt, hatte er etwa das letzte väterliche Silber zu Herdis’ Huren in die Schenke getragen? Er stöhnte und wälzte sich herum, bis die Übelkeit ihm gebot, lieber stillzuliegen. Es stank in dieser fensterlosen Kammer. Kein Wunder bei zehn meist ungewaschenen Männern, die auf altem Stroh schliefen, Schweiß und Bier ausdünsteten und furzten. Wenn er sich jetzt auch noch übergab, würde er vor Ekel verrecken.

Der Feldzug, der gerade hinter ihnen lag, hatte ihm wieder nicht die ersehnte Gelegenheit geboten, sich vor seinen Mitkämpfern auszuzeichnen. Ein Aufgebot seines Kriegsherrn Richard, des dritten Jarls der Normandie, hatte das Heer des Frankenherzogs Hugues Capet verstärkt, als dieser mit sechshundert Mann gegen Compiègne zog. Lothar, der König der Franken, hatte dort eine Versammlung seiner Edlen einberufen, um den Erzbischof von Reims einer Unbotmäßigkeit wegen abzuurteilen. Herzog Hugues, nach dem König der mächtigste Mann im Frankenreich und ein Freund des Erzbischofs, war diesem zu Hilfe geeilt. Richard der Furchtlose hatte den Schwager mit seiner normannischen Streitmacht unterstützt. Nach kurzem, heftigem Kampf gegen die zahlenmäßig unterlegenen Königstreuen, die vor den Stadtmauern lagerten, war es den Truppen des Herzogs gelungen, die Versammlung zu zerstreuen. Es hatte keiner verwegenen Heldentaten bedurft, den Gegner vor Compiègne zu besiegen. Nun hieß es für Ivar, den verdienten Sold zu fassen, aus der Pflicht entlassen zu werden und einmal mehr nach Hause zurückzukehren, ohne im Dienst aufgestiegen zu sein.

Er war zweiundzwanzig Jahre alt, man fand, dass es langsam Zeit für ihn wurde, eine Ehefrau auf den Hof zu bringen. Wenn es nach seinem Vater Ásmundr ginge, wäre die Sache schnell ausgehandelt. Björn, ein angesehener Bauer aus der Nachbarschaft, mit dem Ivar vor zwei Jahren auf víking gezogen war, hatte eine Tochter. Ein blutjunges Ding namens Svanhvit, das seinen Ansprüchen genügen würde, wenn er einst das väterliche Gestüt übernahm.

Ivar jedoch stand der Sinn weder nach der Pferdezucht seines Vaters noch nach einem gelegentlichen Ausflug an fremde Küsten. In der kleinen Welt des heimatlichen Hofes war es ihm schon seit geraumer Zeit zu eng geworden. Er hatte seinen Ehrgeiz auf ein höheres Ziel gerichtet: Der Hausmachtdes Jarls wollte er angehören. Diese bestand aus Männern, die ob ihrer Waffenkunst gefürchtet, ob ihres stolzen Auges und ihres Verdienstes bewundert und ob der glänzenden Schmuckstücke an ihren Armen und Kleidern beneidet wurden. Schon als kleiner Junge hatte er mit offenem Mund gelauscht, wenn am Feuer von den kühnen Waffentaten seiner Vorfahren gesungen wurde. Sein Ahnherr Ingvar Hinriksson hatte zum Gefolge des großen Rollo gehört, als dieser aus Møre verbannt worden war, war mit ihm zusammen ins Frankenreich gekommen und hatte Paris und Burgund geplündert. Als er im Alter von über fünfzig Jahren vor Chartres fiel, hinterließ er seinem Sohn Hinrik nicht nur ein Vermögen, sondern auch sein Schwert, mit dem sich Hinrik Ingvarsson im Dienste seines Jarls ein gutes Stück aus dem Land heraushackte, das Ásmundr und seine Sippe noch heute bewohnten.

Für Ivar gab es keine schönere Vorstellung, als seinerseits für einen großen Anführer zu streiten, mit ihm fremde Lande zu unterwerfen, sich Anerkennung für seine Tapferkeit und reiche Belohnung zu verdienen. Im Vergleich dazu schien ihm das Leben seines Vaters fad, der nur den Besitz verwaltete, der aus den Händen anderer auf ihn übergegangen war. Ivar wollte selbst für die Mehrung seines Wohlstands sorgen und einst ebenso am Feuer besungen werden wie seine Vorväter Ingvar und Hinrik.

Dazu musste er sich allerdings erst einmal als außergewöhnlicher Krieger hervortun, und die lange Zeit des Friedens, die die Herrschaft Richards des Furchtlosen mit sich brachte, bot jungen Männern wie ihm nicht viele Gelegenheiten, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.

Getreu der Übereinkunft, die Richards Großvater Rollo vor siebzig Jahren mit Frankenkönig Karl dem Einfältigen geschlossen hatte, galt es, frisch anreisenden Plünderern die Einfahrt in die Mündung der Seine zu verwehren. Das große Blutbad von Paris sollte sich nicht wiederholen. Um die Franken vor den Männern aus dem Land der Seen und kalten Fjorde zu schützen, setzte ihr König Karl die ersten nordischen Eroberer gegen ihre eigenen Landsleute ein und trat ihnen als Gegenleistung das Land an der Seinemündung ab. Seither schützten die Normannen das Land der Franken und mehrten ihren eigenen Einfluss. Der Heerbann wurde nur noch selten ausgerufen, etwa, um eine Meuterei niederzuschlagen oder einen Grenzstreit zu schlichten. All diese Geplänkel waren jedoch nicht das, wovon Ivar träumte.

Wer von einem Kriegsherrn wie Richard bemerkt werden wollte, musste sich kampfesfreudig zeigen. Ásmundr hatte seinem Sohn von Kindesbeinen an die Handhabung von Schild, Schwert und Axt beigebracht. Schon früh folgte Ivar dem Heerbann und hatte bereits an mehreren Kriegszügen des Jarls teilgenommen. Aufregend war auch der Raubzug an die angelsächsische Küste gewesen. Damals war er mit Nachbar Björn und fünfundzwanzig Rauflustigen aus der Gegend in einer Snekka aufgebrochen, einem schnellen Langschiff mit dreizehn Rudersitzen und einem geschnitzten Drachenkopf am Bugsteven. Unterwegs schlossen sie sich einer größeren Flotte an, die sich später entlang der Küste von Wessex verteilte. Im Schutz der Dämmerung legten sie an und schlugen zu, hier ein Dorf, dort ein Kloster. Ebenso schnell waren sie wieder mit ihrer Beute im Nebel verschwunden. Ivar hatte ein paar glänzende Schüsseln und Kannen zusammengerafft und sich in dem allgemeinen Schrecken ein Mädchen über die Schulter geworfen, das ihm auf der Flucht vor die Füße gestolpert war. Was hätte er darum gegeben, seine erste eigene Sklavin auf das väterliche Anwesen zu bringen! Doch die Göre wehrte sich wie eine böse Wespe, er strauchelte, und als er den Kopf aus dem Dreck hob, war sie ihm schon ein gutes Stück entwischt. Er sah ihre Mutter auf sie zustürzen und sie mit sich fortziehen. Noch heute fragte er sich, was ihn davon abgehalten hatte, ihr nachzusetzen. Seine Nachbarn hätten ihm Achtung gezollt, seine Familie die wertvolle Arbeitskraft zu schätzen gewusst. Doch er hatte nur seinen Beutesack aufgehoben, sich die Knie abgestaubt und ihr nachgesehen. Ohne Gefangene war er zum Schiff gewatet. Aus der Traum, sich an einer jungen Sklavin die Hörner abzustoßen! Das besorgten jetzt Herdis’ Huren.

Trotz dieser Schlappe wusste Ivar, dass er das Zeug zum Krieger hatte. Der Umgang mit Waffen war das, was er am besten konnte.

Seine Stiefmutter Hallveig verstand Ivars Eifer, sich die Gunst des Landesherrn zu erkämpfen, besser als ihr selbstgenügsamer Gatte Ásmundr. Sie hoffte insgeheim, dass er eines Tages eine Frau mit nennenswerter Verwandtschaft aus dem Umfeld des Jarls heimführte.

Seine Blase begann zu drücken. Die Erinnerung an seinen Traum von der Sklavin klebte ihm unangenehm an den Schenkeln. Fluchend stemmte er sich von seinem Lager hoch, griff sich an den Schädel und wankte zur Tür. Draußen schlug ihm der Verwesungsgeruch des Küchenabfallhaufens entgegen. Er erbrach sich an der hinteren Hauswand. Wenigstens würde es ihm nun gleich bessergehen. Er keuchte und blinzelte in die dünne Wintersonne, suchte an ihrem Stand zu ergründen, wie lange er außer Gefecht gewesen war. Mittag war jedenfalls lange vorbei. Er nestelte seinen Hosenbund auf, um sich zu erleichtern.

Was konnte er tun? Wie sollte er seinen Eltern erklären, dass seine Hoffnung auf eine ehrenvolle Kriegerlaufbahn sich auch diesmal zerschlagen hatte? Und dass er erneut mit leeren Taschen heimkehrte, anstatt einmal, nur ein einziges Mal, etwas zum Wohlstand der Familie beizutragen. Sein stolzes Plündergut damals war daheim nur müde belächelt worden, und sein Sold reichte gerade aus, um sich die Enttäuschung wegzusaufen. Blieb ihm also nichts anderes übrig, als in den Handel seines Vaters einzusteigen und Gäule zu verkaufen?

Als sein Pissestrahl gegen die Holzwand prasselte, fiel ein Schatten darüber. Ivar wandte kaum den Kopf. Die Sonne spiegelte sich auf einer Glatze und sandte einen sengenden Schmerz durch sein Auge, also konnte es sich nur um Gunnar handeln, der sich neben ihn gestellt hatte und ebenfalls blankzog.

»Du hast dir gestern ganz schön den Helm geflutet. Du schuldest mir zwei Silbermünzen!«

Ivar stöhnte und schüttelte seinen Schwanz aus. »Du musst warten, bis ich meinen Sold im Beutel habe. Ich bin völlig abgebrannt.«

»Warten ist nicht so meine Stärke, weißt du«, grunzte Gunnar. »Ich gehe gleich mit, damit du nicht auf den Gedanken kommst, deinen Sold Lilla in die Fotze zu schieben.«

»Tu, was du nicht lassen kannst.« Ivar seufzte. Er hatte nicht gern Schulden, schon gar nicht bei Gunnar, denn wenn der Sechs-Fuß-noch-was-Mann sich vor einem aufbaute, wurde es ganz schön dunkel. Es war das Beste, ihn zufriedenzustellen, solange er es konnte.

Er wankte hinüber zu der großen Steinwanne, die im Hof stand, zerrte sich die Tunika herunter und tauchte seinen Kopf in das eiskalte Wasser. Verdammich, das brannte, als würde ihm die Schwarte versengt! Er bekam den Mund voll Wasser, schlug mit der flachen Hand auf den Beckenrand und riss seinen Kopf wieder heraus. Das lange, nasse Haar klatschte ihm wie eine eisige Peitsche über den Rücken, und während er ausspuckte und nach Luft rang, schüttelte es ihn am ganzen Leib. Aber wenigstens war er jetzt wach und halbwegs ernüchtert. Er stieg aus Stiefeln und Hose und begann, sich zu waschen.

*

Angetan mit seiner letzten vorzeigbaren Tunika stiefelte Ivar an Gunnars Seite ins Tal hinab. Schon von Weitem erblickte er den felsigen Vorsprung, auf dem die Abteikirche gebaut wurde, die Richard dem Kloster der Heiligen Dreifaltigkeit stiftete. Die Mönchsgemeinschaft hatte sich auf Betreiben des Jarls in unmittelbarer Nachbarschaft seines Geburtsortes Fécamp angesiedelt. Schon in wenigen Jahren würde die neue Kirche geweiht werden können. Noch erstreckte sich in der Senke allerdings eine riesige Baustelle. Granit- und Marmorblöcke, Holzstapel und dicke Taue lagerten zwischen den Bauhütten und den Unterkünften der Handwerker, und über allem hing eine Glocke aus feinem Staub. Das Schlagen der Hämmer und die Zurufe der Arbeiter klangen bis zu Ivar herüber.

Etwas abseits des emsigen Treibens lag der Lieblingswohnsitz des Jarls, ein vergleichsweise bescheidenes Anwesen mit flachen Reetdächern. Es war keine turmgekrönte Festung wie die von Rouen, auch keine Zitadelle wie Bayeux, sondern eine einfache alte Wohnanlage von mittelmäßigem Verteidigungswert. Doch der Jarl hing mit kindlicher Liebe an diesem Fleckchen Erde, auf dem er vor etwas mehr als fünfzig Jahren das Licht der Welt erblickt hatte.

Ivar und Gunnar hielten gleich auf den Ehrenhof zu; sie kannten die Örtlichkeiten von früheren Anlässen. Der steinerne Nordflügel war das größte Gebäude, dessen Erdgeschoss sie als gewöhnliche Berufene des Heerbanns jedoch nie betraten. Es war Richards Gefolgschaftskriegern vorbehalten.

Eine Holztreppe führte vom Hof zu einer Empore hinauf, hinter der sich die Räume für Empfänge, Beratungen und Festmahle befanden. Oben an der Brüstung lehnten zwei Leibwächter, deren Dienst gerade vorbei war. Einer der beiden lockerte seinen Schwertgurt und ließ die Schultern kreisen, der andere nahm einen tiefen Zug aus einer Kanne und stöhnte wohlig. Neidvoll schaute Ivar zu ihnen hinauf. Die Verzierungen ihrer Schwertscheiden glänzten. Waren es Geschenke des Jarls? Halblaut, mit der Überlegenheit der Eingeweihten, tauschten sie sich über einen hohen Gast und eine bevorstehende Waffenübung aus. Ivar brannte darauf, sich endlich einmal mit ihnen, den Besten des Landes, zu messen. Eine Bartaxt wollte er in Händen halten, die die Angehörigen der Hausmacht so meisterhaft zu führen verstanden, und nahe dabeistehen, wenn Richard listenreich die Geschicke seines Herzogtums lenkte.

Er kannte die beiden vom Sehen und hob grüßend die Hand, um von ihnen bemerkt zu werden. Sie wirkten so lässig! Nur einer der beiden antwortete mit einem sparsamen Wink. Vielleicht verscheuchte er auch nur eines der Ascheflöckchen, die von der Baustelle herüberwehten.

Linker Hand lag der Südflügel, der das domus ducale, die Privatgemächer des Jarls und seiner Gemahlin Emma, beherbergte. Rechter Hand begrenzte nur ein langgezogenes Lagerhaus den Hof. Der Sold wurde den Kriegern an einem Tisch ausgezahlt, der am Fuße der Holztreppe stand. Als der Zahlmeister sie kommen sah, nahm er seine kleine Messingwaage zur Hand.

»Ist wohl gestern Abend spät geworden, was, Jungs?« Wohlwollend zwinkerte er ihnen zu. »Wie heißt ihr beiden noch mal?«

Sie nannten ihre Namen, die der Mann auf der vor ihm liegenden Liste abstrich. Dann begann er, ihren Verdienst in Münzen abzuzählen und, wo es nicht reichte, ein paar Stücke Hacksilber abzuwiegen. Als er Ivar seinen Anteil aushändigte, hielt er inne.

»Warte mal. Ivar Ásmundrsson, sagtest du? Ich soll dir ausrichten, dass du dich bei Vitus melden sollst. Er ist da drin.« Er wies mit dem Kopf auf das Gebäude hinter sich.

»Bei Vitus? Ich?« Ivar schaute vom Zahlmeister zu Gunnar. »Was will er von mir?«

»Das wird er dir schon sagen. Geh nur hinein.«

Vitus war nach dem Jarl und seinen Beratern einer der wichtigsten Männer am Hof, denn er befehligte die Krieger der Hausmacht. Von seinen Waffentaten auf Schiffsplanken und zu Lande wussten viele Sänger zu berichten. In Ivars Achtung und Bewunderung stand er damit ganz oben. Alle seine Bestrebungen waren darauf gerichtet, eines Tages unter dem Befehl dieses Mannes zu stehen.

Gunnar schnalzte mit der Zunge. »Erst meine Münzen, Goldlocke!« Er wackelte fordernd mit den Fingern. »Besten Dank. Und nun geh schon!«

Mit klopfendem Herzen betrat Ivar den Nordflügel, in den sonst nur Würdenträger vorgelassen wurden. Seine Augen brauchten eine Weile, sich an das Dunkel in dem Raum zu gewöhnen. Es brannten nur zwei Fackeln. Ein Wachposten ging ihm voran und klopfte an eine Tür.

»Hier ist der Mann, den Ihr zu sprechen wünscht, Vitus.«

»Er soll hereinkommen!«

Vitus Blákaldur, der »Kaltblütige«, stand hinter einem Tisch. Eine Kerze erhellte von unten sein Gesicht und ließ seine Augen funkeln. Er war ein magerer, sehniger Mann, dem man nicht ansah, dass er der beste Kämpfer des Jarls war.

»Du bist Ivar, Sohn des Ásmundr?« Er sprach leise, als solle keines seiner Worte nach außen dringen.

»Ja, Herr.«

»Wer hat dir den Umgang mit dem Schwert beigebracht?«

Warum fragte er danach? War das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? »Mein Vater, als ich ein Junge war. Später dann die Kampfmeister, die die Krieger im Aufgebot drillen.«

»Du hast dich mehrmals um einen Platz im Gefolge beworben.«

Seine Anfragen waren also an den Hauptmann herangetragen worden! Sein Herz schlug schneller. »In der Tat, Herr.«

»Warum? Wenn ich richtig unterrichtet bin, hast du ein mehr als erstrebenswertes Erbe in Aussicht.«

»Ja, das stimmt.« Kam Vitus sein Wunsch unbegründet und eitel vor? Wollte er den lästigen Bewerber ein für alle Mal abweisen? Oder stellte er gerade seine Beharrlichkeit auf die Probe? »Aber es gibt Dinge, die mir besser liegen. Dazu gehört der Umgang mit Waffen jedweder Art. Ich bin unerschrocken im Angesicht des Feindes. Mein Körper ist gestählt, hat kaum je Verwundungen davongetragen. Ich möchte meine Ergebenheit und den Nutzen, den ich als Krieger erbringen kann, ganz in den Dienst des Jarls stellen.« Für einen richtigen Mann konnte es gar keine andere Bestimmung geben. Zu den Auserwählten zu gehören, mochte bedeuten, die eigene Lebensspanne zu verkürzen, aber diesen Preis war er für die höchste Anerkennung zu zahlen bereit.

»Und wenn der Jarl dich mit deinen Fähigkeiten an anderer Stelle braucht?«

»Dann …« Ivar würgte ein Bröckchen Enttäuschung hinunter. Nicht als Krieger? Was dann? Nun, sein Können, worin auch immer es sonst bestand, schien gefragt zu sein. »Dann bin ich selbstverständlich genauso bereit, seine Befehle auszuführen.«

Vitus wies auf den Schemel, der neben Ivar stand, und setzte sich ebenfalls. »Ich habe dich beobachten lassen, seit man mir deine Gesuche zur Kenntnis brachte. Du brüstest dich nicht zu Unrecht. Der Jarl sucht tüchtige Waffenschwinger wie dich. Du führst einen gottgefälligen Lebenswandel, sieht man einmal von deinen häufigen Besuchen bei den Huren ab«, Vitus verzog den Mund – nachsichtig oder tadelnd? –, »und hast deine Treue bewiesen.«

Ivar verneigte sich zum Zeichen bescheidenen Danks. Innerlich aber machte er einen Luftsprung. Ein solches Lob aus Vitus’ Mund wog alle Ernüchterungen auf, die er in den letzten Monaten hatte einstecken müssen. Worauf nur wollte der Hauptmann hinaus?

»Dein Vater züchtet Pferde?«

»So ist es.«

»Wie ich höre, fährt er jedes Jahr im Frühling hinüber nach Hibernia, um den Markt von Dyflin zu beliefern.«

»Auch das ist richtig.« Seine Zunge stolperte vor Aufregung über die wenigen Laute.

»Wie ist es, reichen seine kaufmännischen Beziehungen über Dyflinarskiri hinaus?«

Was, um alles in der Welt, war Dyflinarskiri? Beschämt über seine Unwissenheit senkte Ivar den Blick auf seine Hände, die er zwischen den Knien knetete. »Das entzieht sich meiner Kenntnis, Herr.«

»Dann finde es heraus.« Vitus beugte sich vor, seine Stimme wurde zu einem fast verschwörerischen Raunen. »Man empfahl dich als zuverlässigen und ehrlichen Mann. Als einen, der den Ehrgeiz hat, mehr aus sich zu machen.«

Ivar horchte auf. Wurde ihm wirklich gerade eine Möglichkeit geboten, sich zu beweisen? »Ich tue mein Bestes, Herr.«

»Davon gehe ich aus. Ich möchte dich einer letzten Probe unterziehen und dich mit einem Auftrag betrauen. Wenn du ihn zu meiner Zufriedenheit ausführst, werde ich über deine Aufnahme in die Gemeinschaft der Jarlskrieger wohlwollend nachdenken. Ist das ein Angebot?«

»Und ob, Herr! Euer Vertrauen ehrt mich.« Ein Trommelwirbel rüttelte Ivars Brust. Es war so weit! Endlich würde er sein Schicksal bei den Hörnern packen können.

»Lass mich kurz erklären, worum es geht. Ich brauche einen Mann mit guten Verbindungen nach Hibernia. Jemanden, dem der Erfolg der Aufgabe so am Herzen liegt, dass er mit seinem Leben dafür einsteht. Einen Mann, der alles dabei zu gewinnen hat.« Vitus machte eine bedeutungsvolle Pause und sah ihn an.

»Ihr habt ihn gefunden.« Ivar verschränkte die Hände fest ineinander und hoffte, dass man ihnen ihr Zittern nicht anmerkte.

»Gut. Ich will, dass du etwas nach Hibernia bringst. Was es ist und dass du es bei dir trägst, muss unter allen Umständen geheim bleiben. Einer unserer dänischen Landsleute, der dort drüben ansässig ist, bestellte es, und ich war in der glücklichen Lage, es ihm zu beschaffen. Nun brauche ich einen Boten, der die Ware hinüber- und die Gegenleistung verlässlich zu uns zurückbringt. Du hast günstige und unauffällige Reisemöglichkeiten und kannst die Erfahrung und Beziehungen deines Vaters ausnutzen. Fühlst du dich der Aufgabe gewachsen?«

»Selbstverständlich, Herr!« Ein geheimer Auftrag, der ihn an fremde Gestade führen würde. Güter, die beschützt werden wollten. In ihn gesetztes Vertrauen, das es zu bestätigen galt. Alles entsprach Ivars Neigungen. »Wo soll ich die Ware abliefern?«

»Ah, ein echter Kaufmannssohn, nicht zu neugierig, dafür zielbewusst! Ganz nach meinem Geschmack! Du wirst meinen Abnehmer an einem See treffen, der Lough Rí genannt wird. Die Hälfte des Kaufpreises hat er im Voraus beglichen.« Ein Schatten geisterte über das Gesicht des Hauptmanns. Vielleicht hatte er sich auch nur weiter ins Dunkel zurückgelehnt. »Die noch ausstehende Bezahlung erfolgt bei Empfang der Ware. Es geht um erhebliche Werte, Ivar. Daher die Notwendigkeit, mit einer gut gerüsteten und notfalls kampferprobten Begleitung zu reisen, wie sie die Schiffsbesatzung deines Vaters darstellt. Auch aus diesem Grund ist meine Wahl auf dich gefallen.«

Ivars Ohren glühten. Dieser Auftrag würde seinem Leben endlich den richtigen Anstoß geben. War das Unternehmen von Erfolg gekrönt, stünde er bald als Gefolgschaftskrieger hinter Richard, als Gleicher unter den Ausgezeichneten. Scheiterte er allerdings, käme er nie wieder bei Vitus und dem Jarl zu Gnaden. Vielleicht bedeutete es sogar seinen Tod. Auch für andere bürdete er sich Verantwortung auf, die er nie zuvor hatte schultern müssen. Wenn etwas schiefginge, zöge er Ásmundrs Mannschaft mit ins Verderben. Doch daran wollte er jetzt nicht denken. Dies war eine einmalige Gelegenheit, für die kein anderer so geeignet war wie er. Die Aussicht auf die Zukunft, die er sich immer erträumt hatte, gab den Ausschlag für seine Entscheidung.

»Wie lauten Eure Anweisungen?«

»Guter Mann! Überschlafe mein Angebot eine Nacht und komm morgen früh wieder. Wenn du dann noch immer bereit bist, den Auftrag zu übernehmen, teile ich dir die Einzelheiten mit und übergebe dir die Ware. Dann musst du sogleich den Heimweg antreten, um deinem Vater den Entschluss mitzuteilen, dass du ihn auf seiner diesjährigen Fahrt begleiten möchtest. Ich brauche nicht zu betonen, dass du niemanden, weder Familie noch Freunde, über unsere Angelegenheit ins Vertrauen ziehen darfst. Ab jetzt bist du zum Stillschweigen verpflichtet über alles, was hier gesprochen wurde und noch gesprochen wird. Schwöre mir das.«

»Ich habe verstanden, Herr. Ich schwöre es.« Leicht schwindelig erhob sich Ivar und schüttelte die kräftige Hand, die Vitus ihm entgegenstreckte. »Auf morgen also.«

*

Mit Schwung öffnete Ivar die Tür und trat in den Vorraum hinaus. Dort stieß er um ein Haar mit einer Frau zusammen, die so dicht vor ihm stand, als hätte sie gelauscht. Vom Tageslicht geblendet, versuchte er, ihr Alter und ihre Reize abzuschätzen, und hatte schon ein neckendes Wort auf der Zunge für den Fall, dass sie jung und hübsch wäre. Doch er verschluckte es. Dürr, zusammengekniffene Lippen, den bitteren Duft von Lavendelwasser hinter sich herziehend, strebte sie dem Ausgang zu. Eine Vornehme aus dem Gefolge der Jarlsfrau, nichts für ihn. Er wollte die Tür hinter sich schließen, da scholl Vitus’ Stimme aus dem Raum: »Almodis, Ihr hier?«

Wie ertappt blieb die Frau stehen. »Mein Gemahl?«

Ivar blies die Luft aus den Backen. Das wäre beinahe schiefgegangen! Er beeilte sich hinauszukommen.

»Was wollte er?« Lässig stieß sich Gunnar von der Hauswand ab, an die er sich während des Wartens gelehnt hatte.

»Nichts.«

»Ach was, nun rede schon!«

»Lass mich zufrieden, ich muss nachdenken.«

»Brauchst du vielleicht einen zweiten Kopf dazu? Einen, der weniger hohl klingt als dein eigener, sollten irgendwelche Geistesblitze einschlagen?«

»Geh mir nicht auf den Sack, Mann!« Ivar schlug einen schnelleren Schritt an, konnte Gunnar auf dessen längeren Beinen jedoch nicht abschütteln.

»Worüber musst du nachdenken, Goldlocke?«

»Sag ich dir nicht.«

»Oho, dann ist es wohl keine Beförderung, denn die würdest du ohne zu zögern annehmen.« Gunnar klopfte ihm gutmütig auf den Rücken und zählte die verbleibenden Möglichkeiten an den Fingern ab. »Wenn es der Überlegung bedarf, ist es eine Entscheidung zwischen Ja und Nein. Ein Vorschlag, den man annehmen oder ablehnen kann. Oder die Frage, wie man den Karren wieder aus dem Dreck zieht. Steckst du irgendwie in Schwierigkeiten, Ivar? Komm schon, erzähl es mir, vielleicht kann ich dir helfen. Du weißt doch, ich habe von uns beiden das überlegene Hirn.«

»Hör auf zu bohren, du Zecke!«

»Der Zahlmeister sagte, vor dir wären schon zwei andere bei Vitus gewesen.«