Brook Evans - Susan Glaspell - E-Book

Brook Evans E-Book

Susan Glaspell

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Beschreibung

Liebe, Tod, Emanzipation und Schicksal sind die großen Themen dieses mehrere Generationen begleitenden Romans. Am Anfang steht die erste Liebe der jungen Naomi Kellogg. Nach dem Verlust ihres Geliebten Joe Copeland heiratet sie Caleb Evans und folgt ihm nach Colorado, doch sie lebt allein für ihre Tochter Narzissa. Irgendwann steht die Tochter vor der Entscheidung des pflichtbewussten, frommen Lebens, dass Caleb repräsentiert, und dem der Mutter, die ihr ein freies, selbstbestimmtes Leben wünscht.

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Liebe, Tod, Emanzipation und Schicksal sind die großen Themen dieses mehrere Generationen begleitenden Romans. Am Anfang steht die erste Liebe der jungen Naomi Kellogg. Nach dem Verlust ihres Geliebten Joe Copeland heiratet sie Caleb Evans und folgt ihm nach Colorado, doch sie lebt allein für ihre Tochter Narzissa. Irgendwann steht die Tochter vor der Entscheidung des pflichtbewussten, frommen Lebens, dass Caleb repräsentiert, und dem der Mutter, die ihr ein freies, selbstbestimmtes Leben wünscht.

SUSAN GLASPELL wurde 1876 in Davenport, Iowa geboren. Sie studierte, arbeitete als Reporterin und wurde zu einer bekannten Romanautorin und Dramatikerin. Für das Theaterstück „Allison’s House“ (1931) erhielt sie den Pulitzer-Preis für Theater. Sie starb 1948 in Provincetown, Massachusetts.

Der Titel der englischsprachigen Originalausgabe lautet: Brook Evans (1928). Die Übersetzung folgt der Ausgabe Leipzig/Wien: Tal & Co Verlag 1929. Orthografie und Interpunktion wurden den Regeln der neuen Rechtschreibung angepasst.

Inhaltsverzeichnis

Erster Teil

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Zweiter Teil

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Dritter Teil

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Vierter Teil

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Fünfter Teil

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Erster Teil

I

Ihre Mutter kam in die Küche, betrachtete die wenigen glänzenden grünen Erbsen, die kaum noch den Boden des Napfes bedeckten, blickte dann auf den Haufen geschlossener Schoten im Korb und rief mit nachsichtigem Lächeln: »Naomi!« Wenn sie einen so schonungsvollen Tadel aussprach, wurde das ›O‹ in dem Namen ihrer Tochter ganz besonders klingend und gedehnt. »Ja, Mädel, woran denkst du bloß?«

Während Naomi eine neue Schote aufdrückte und fünf Erbsen in den Napf rollen ließ, lachte sie halblaut vor sich hin. Wenn sie nun ihrer Mutter wirklich sagen würde, woran sie dachte? Ihr Lächeln wurde sehnsüchtig, ihr Blick folgte dem Lauf des Baches, dessen Windungen durch die Bäume schimmerten, und in ihren Gedanken erstand jene einsame Uferstelle, über der ein so betäubender Duft von Narzissen lag … Die Mutter betrachtete sie, wie sie träumerisch über die grünen Schoten gebeugt dasaß, und sagte bloß hilflos und schwach: »Ach Gott«. Sie hatte eine ganz eigene Art, ihren Kummer in diese zwei Worte zu legen, wenn ihr ein Kuchen nicht gelingen wollte, oder wenn sie sich anderen wichtigen Lebensfragen gegenüber sah, die sie nicht zu meistern vermochte. Nachdem sie sich aber durch einen Blick nach dem Herd überzeugt hatte, dass ihr Kuchen diesmal nichts zu wünschen übrig ließ, fuhr sie heiterer fort: »Nun, Rosie wäre mit den Erbsen schon längst fertig.«

Naomi lachte. Natürlich wäre ihre kleine Schwester Rosie schon längst fertig. Wovon hätte auch Rosie mit ihren zwölf Jahren träumen sollen! Aber jetzt begannen Naomis Finger fieberhaft zu arbeiten. Die Erbsen trommelten geradezu in den Napf, und Schote fiel auf Schote. Sie wollte ja vor dem Abendbrot noch ein Bad nehmen und ihr neues blaues Kleid herrichten, das sie heute noch anziehen musste – ohne dass jemand darum wissen sollte.

Als wollte sie ihre Mutter dafür entschädigen, dass sie ein Geheimnis vor ihr verbarg, begann sie ein lebhaftes Gespräch mit ihr. Wo nur ihr siebenjähriger Bruder Willi so lange blieb, der mit dem kleinen Seares fortgegangen war, um ›Landstreicher‹ zu spielen. Dieses Spiel bestand darin, dass sie von Haus zu Haus zogen und sich als Bettler ausgaben.

»Mein Gott!«, rief Mutter Kellogg. »Sie werden doch hoffentlich nicht auch bei Frau Copeland betteln!«

»Oh,« entfuhr es Naomi und es klang ganz entsetzt, »so etwas werden sie doch nicht tun!«

»Ich hoffe,« setzte Annie Kellogg verdrießlich hinzu, »dass ihnen das nicht einfallen wird.«

Naomi blickte zur Mutter auf. Nein, kein Mensch ging je mit einer Bitte zu Maria Copeland, nicht einmal im Spiel. Und bestimmt niemand, der den Namen Kellogg trug. Sie wollte Frau Copeland gewiss nie um etwas bitten, sie würde das auch nicht notwendig haben.

»Was ist denn eigentlich mit dieser Frau Copeland los?«, fragte sie tastend. »Na, sie ist eben eigentümlich«, antwortete ihre Mutter. »Sie hat keine Freunde, keinen Verkehr, sie will mit niemandem etwas zu tun haben. Sie war schon immer so. Sie dünkt sich besser als alle anderen Menschen.« »So«, sagte Naomi vor sich hin, als wäre ihr dies alles neu. »Aber warum ist sie so?« »Warum? Ja, woher soll ich das wissen?«

Da fiel plötzlich der Schatten einer menschlichen Gestalt über den Küchenboden. Ein Mann trat vom Feld herein, Caleb Evans stand in der Türe. – Um Gottes willen, jetzt wird ihn Mutter zum Abendessen einladen! –

»Ja, Caleb,« begrüßte ihn die Mutter, während sie seine Hand schüttelte, »so sind Sie also zurückgekommen!« »Ja, ich bin zurückgekommen«, bestätigte er mit jener Fistelstimme, die es den Andächtigen in der Kirche oft so schwer machte, ernst zu bleiben, wenn er vorbetete. Er reichte Naomi seine schlaffe Hand. »Nun, Naomi« – die letzte Silbe ihres Namens verlor sich im Falsett – »Ihre Mutter versteht es aber, Sie einzuspannen!«

»Ja, ja«, gab sie zurück und sah geflissentlich auf ihre Erbsen nieder, denn sie wollte dem liebevollen Blick ausweichen, der ihr aus seinen kleinen Augen, zu denen er so wenig zu passen schien, immer entgegenstrahlte.

»Also machen Sie sich’s nur gemütlich, Caleb. Mein Mann wird gleich vom Feld nach Hause kommen. Ich will schnell noch einen Pfannkuchen fürs Abendessen bereiten; vielleicht haben Sie derlei in Colorado nicht bekommen. Auch von der Torte ist noch etwas da, die Naomi gestern gebacken hat.«

»Da kann ich mich ja geradezu einen Glückspilz nennen!«, sagte Caleb, und die arme Naomi musste tun, als hätte er eine überaus witzige Bemerkung gemacht.

Frau Kellogg erzählte ihm, während sie am Herd hantierte, wie sehr ihn alle in der Kirche vermisst hätten. Bruder Baldwin hätte erst letzten Sonntag, nach dem Gottesdienst gesagt, er hoffe, Bruder Caleb Evans bald wieder in der Gemeinde begrüßen zu können.

»Ja …«, begann Caleb zögernd.

»Sie tragen sich doch nicht mit der Absicht, ganz von uns zu gehen?«, rief Naomis Mutter.

»Frau Kellogg,« sprach er, während er die Beine kreuzte und vor lauter Feierlichkeit noch unsicherer wurde, »ich bin allerdings nur zurückgekommen, um meine Angelegenheiten hier zu ordnen.« Dabei blickte er bedeutungsvoll nach Naomi.

Die wurde nun freundlicher zu ihm. Sie erkundigte sich, was er dort drüben beginnen wolle. Er erzählte von dem Land, das er erworben hatte und das in einem Gebirgstal lag. »Was man dortzulande eben Tal nennt«, meinte er lachend. Meilen und Meilen sei es lang, so ungefähr hundert, und ebenso breit. Eigentlich hätte es die Form einer ganz großen Speiseplatte. Und erst die Berge! Die wären so hoch, wie die Kelloggs sie nicht einmal noch auf Bildern gesehen hätten, und das ganze Jahr läge Schnee auf ihnen.

»Mein Gott,« rief Frau Kellogg, »wie kann man in einer solchen Gegend leben?«

»Oh, es ist ein herrlicher Flecken Erde«, entgegnete Caleb, und er erzählte des Langen und Breiten von den neuen Berieselungsanlagen, die es dort gäbe, und von den Kartoffeln, die dort so groß wie Rüben würden. Naomis Vater kam vom Felde, und Caleb begann mit ihm ein ausführliches Gespräch über die Landwirtschaft in Colorado.

»Auch schön ist’s dort,« sagte er mit einem Blick auf Naomi, »Blumen wachsen dort wild wie das Gras. Und der Sonnenuntergang! Wenn die Sonne im Westen versinkt, glühen die Berge im Osten rot, als wären sie in Blut getaucht.«

»Ist das möglich!«, hänselte ihn Frau Kellogg in freundschaftlichem Ton. Caleb schwärmte von seinem neuen Besitz. Während er sich so in Eifer redete, konnte man fast seine sonstige Unbeholfenheit und Schüchternheit vergessen. Sogar Naomi richtete während des Abendessens manche Frage an ihn.

»Noch nie habe ich Caleb so viel sprechen gehört«, meinte Frau Kellogg, nachdem Caleb den Hausherrn in die Scheune begleitet hatte, während sie mit Naomi den Tisch abräumte.

»Ja,« gab Naomi zu, »er war ganz unterhaltend.«

Aber jetzt hätte sie gern gesehen, wenn er schon gegangen wäre! Sie hatte ja noch ihr blaues Kleid mit dem weißen Unterkleid anzuziehen! Würde es ihr überhaupt gelingen, um halb neun fortzukommen? Sie konnte Joe nicht warten lassen, und ihn heute nicht mehr zu sehen – das würde sie nicht überleben! Sehnsüchtig sah sie zum Bache hin, während sie hinter dem Hause das Tischtuch ausschüttelte. Ihr Vater und Caleb prüften die neue Mähmaschine; Caleb betrieb in der Stadt eine Eisenwarenhandlung und deshalb setzte man voraus, dass er auch von Maschinen etwas verstehen müsse. Aber wann endlich würde er nach Hause gehen? »Ich habe heute Abend noch zu arbeiten«, kündigte sie ihrer Mutter in entschiedenem Tone an. Naomi besuchte das Seminar.

»Vorher musst du dich aber ein wenig Caleb widmen.«

»Vater widmet sich ihm ja.« Und es war wirklich eine ungelöste Frage, ob Calebs Besuche Naomi oder den Eltern galten. Wenn man nur sein Alter in Betracht zog, passte er allerdings besser zu Naomi, aber als einer der führenden Männer der Kirchengemeinde stand er wieder der älteren Generation näher.

»Vater wird bald zu Bett gehen wollen. Sei nett zu Caleb, Naomi! Er ist doch den ersten Abend in der Heimat und ist ein so guter Mensch.« Die letzten Worte sprach die Mutter mit ihrer ›frommen Stimme‹, und wenn sie diesen Ton anschlug, so schien es Naomi immer, als wäre ein wenig Unaufrichtigkeit dabei, obwohl sie sich nie ganz klar darüber war. »Mein Gott, wie wird er in der Kirche fehlen!«

›Nett‹ zu sein war natürlich alles, was man in diesem Falle Naomi zumuten konnte. Und selbst ihre Mutter dachte nicht daran, etwas anderes von ihr zu verlangen – gegenüber einem Mann, der so aussah wie Caleb. Dabei war sein Aussehen noch weniger befremdlich als sein Wesen. Er kam Naomi immer wie eine Figur aus einem dummen Theaterstück vor, die es im wirklichen Leben gar nicht geben könnte, und die dieses Bewusstsein selbst niemals loszuwerden vermochte. Sogar Leute, die weniger vom Leben wussten als ihre Mutter, hätten zugegeben, dass ein Mädchen, das mit einem Joe Copeland innig befreundet sei, nie etwas anderes als ›nett‹ gegen einen Caleb Evans sein könnte.

Naomi ging in ihr Zimmer, um ihr Haar zu bürsten, und während sie jene Locke an der Stirne betrachtete, die Joe so sehr an ihr liebte, lächelte sie bei dem Gedanken daran, wie nah sie ihm stand, ohne dass irgendjemand es vermutete, und wie viel sie einander bedeuteten. Doch ihr glückliches Lächeln wich rasch dem Ausdruck tiefen Kummers. Warum durften sie sich nicht offen wie andere Liebespaare blicken lassen? Joes Mutter hätte ihre unsinnigen altmodischen Ansichten endlich begraben können! Konnte sie erwarten, dass er sein ganzes Leben an ihrem Schürzenband hängen würde? War er denn nicht schon einundzwanzig Jahre alt? Warum zögerte Joe nur so lange, seiner Mutter die Wahrheit zu sagen! Doch er wollte es ja jetzt bald tun, sehr bald. Und das musste er auch, denn was würden ihre Eltern sagen, wenn ihnen zu Ohren käme, dass der verbotene Verkehr heimlich weitergehe.

Naomis Vater glaubte, er hätte der Sache ein Ende gemacht. Die Copelands wären nicht besser als die Kelloggs, so hatte er gesagt, auch wenn sie ein größeres Haus und etwas mehr Land besaßen. Und wenn Maria Copeland nicht zugeben wolle, dass ihr Sohn sich öffentlich mit Naomi zeige, dann müsse Joe sich auch damit abfinden, das Haus der Kelloggs nicht mehr zu betreten. Dies wurde Joe bedeutet, als er einmal höchst verlegen nach Ausflüchten suchte, mit denen er vermeiden wollte, ein Fest mit Naomi gemeinsam zu besuchen, auf dem er seine Mutter treffen konnte. Seither sahen sie einander nicht mehr bei Naomi, sondern an einer verschwiegenen Stelle des Baches.

Sie hörte ihren Vater unten im Hofe von den Copelands sprechen und lief zum offenen Fenster. Da vernahm sie, wie ihr Vater Caleb von der neuen, wunderbaren Mähmaschine berichtete, die sich die Copelands angeschafft hatten. Er hätte sie heute von der Wiese aus zum ersten Male arbeiten gesehen; sie sei ein wahres Wunderwerk und in der ganzen Gegend wäre noch nichts Ähnliches gesehen worden.

»Naomi!«, rief ihre Mutter mit gedämpfter Stimme aus der Küche. »Sie kommen jetzt herein.«

Frau Kellogg erzählte im Hausflur ihrem Gast allerlei Ereignisse aus der Kirchengemeinde, dann ging sie die Treppe hinauf, um sich zu überzeugen, dass Rosie ihr Versprechen gehalten hatte und zu Bett gegangen war. Vater Kellogg gähnte einige Male und meinte schließlich: »Ich bin heute seit fünf Uhr früh auf den Beinen und muss morgen wieder so zeitig heraus. Ich denke, ich werde euch junge Leute nun allein lassen.« Er lachte, als hätte er einen Scherz gemacht, und es war ja wirklich fast ein Scherz, Caleb als jungen Mann zu bezeichnen. Naomi, die das Lachen ihres Vaters ein wenig verwischen wollte, begann Caleb eifrig von ihrem Studium zu erzählen.

Es wurde dunkel. Freundliche Nacht senkte sich lockend und schützend nieder. Durch die Baumkronen sah Naomi das Blinken der Sterne. Sie konnte das Bächlein hören, dessen Stimme das Raunen der Bäume begleitete, jenes Bächlein, das von den Copelands kam und dem Joe, wie er immer sagte, seine Grüße für sie mitgab. Ja, so sagte Joe, ihr Freund. Und sie horchte nach der Botschaft, die ihr das Bächlein von ihm zuflüsterte, während sie die schmalen reglosen Schultern Caleb Evans betrachtete, der vor ihr saß, und auf dessen dürren Hals das Licht aus der Diele fiel. Er wäre besser im Schatten geblieben.

Jetzt verließ Joe wohl sein Haus, um jene verschwiegene Windung des Baches aufzusuchen, wo sie beide, geschützt vor den Blicken aus den zwei Elternhäusern, einander zu treffen pflegten. Er wird sich ans Ufer setzen oder vielleicht auf die Wiese strecken, und seine Hände werden mit den Narzissen spielen, die dort so dicht wachsen. Und wenn sie kam, würde er aufspringen und seine Arme um sie schlingen. »Naomi!«, würde er flüstern, »Naomi!«, und glücklich mit ihr sein, und niemand würde sie stören. Sie schloss die Augen und meinte, den schweren Duft der Narzissen herüberwehen zu spüren …

»Es ist das Land der Zukunft«, tönte Calebs Fistelstimme in ihren Traum. »Wenn erst die Zuckerfabrik …«. Sobald sie zu Worte kommen konnte, sagte sie: »Nur eine üble Seite hat das Seminar, dass wir so viel lernen müssen. Sogar heute Nacht habe ich noch zu arbeiten.«

»Wirklich«, warf Caleb hin, ohne ihren Wink zu verstehen. Und während er versonnen einen langen Grashalm zerzupfte, fuhr er in seinem eigenen Gedankengang fort: »Ich werde in ungefähr zwei Monaten wieder in Colorado sein. Würden Sie nicht gern mit mir gehen?« Er fragte dies in einem Tone, als wollte er glauben machen, es handle sich nur um einen Scherz.

»Oh, so weit von der Mutter fort – ich müsste mich ja fürchten!«, antwortete sie lachend im gleichen Ton.

»Wir würden ein neues Heim gründen.« Das war kein Scherz mehr, das war ein Heiratsantrag.

»Ich danke Ihnen, Caleb,« sagte sie freundlich, »aber das kann nicht sein.« Und im Stillen fügte sie eifrig hinzu: »Das ist ja unmöglich!«

»Es ist nicht ganz so einsam dort, wie Sie vielleicht denken«, fuhr er in seiner salbungsvollen Weise fort.

»Es gibt auch junge Leute in der Stadt und es sind nur drei Meilen bis dahin. Sie sollen Pferd und Wagen haben …«

»Sie werden ein liebes junges Mädchen in dieser Stadt finden, Caleb«, sagte sie freundlich.

»Ich will aber keine andere!« Und als er jetzt zu ihr aufblickte, las sie ein Begehren in seinen Augen, das sie von ihm abrücken ließ, denn diese Glut wollte sie nur in Joes Augen aufleuchten sehen. Sie sprang auf und sagte mit ruhiger Würde: »Es tut mir leid, Caleb, aber ich teile Ihre Gefühle nicht. Und Sie werden nicht böse sein, wenn ich jetzt an meine Aufgaben gehe.«

II

»Einen Heiratsantrag hat er dir gemacht? Einen ganz richtigen Heiratsantrag, Naomi?« Joes funkelnd klare Augen ruhten auf ihrem Antlitz, das ihm zugewendet war. Joes weiche, betörende Stimme – des Geliebten Stimme! – hüllte sie ein, sein warmes, glückseliges Lachen klang ihr ins Ohr; dort am Bach, weit entrückt der schlafenden, ahnungslosen Welt, allein mit ihm unter dem schirmenden Dach der Bäume, durch das die funkelnden Sterne blitzten, auf dem duftenden Teppich, den die Narzissen ringsum bildeten – oh, wie glücklich war Naomi in Joes starken Armen und wie fröhlich stimmte sie in sein Lachen ein!

Er hielt sie ein wenig von sich ab.

»Doch das Wichtigste hast du mir ja noch nicht gesagt! Hast du seinen Antrag angenommen, Naomi?« Er beugte sie zurück und neigte sich über sie. »Hast du ja gesagt, Naomi?« Immer wieder stellte er diese Frage, mit leiser, glühender Stimme – Joe, ihr Geliebter.

»Siehst du, wie sich die Narzissen im Bache spiegeln, und die Sterne mit ihnen?«, fragte sie später, während sie ihre Haare wieder in Ordnung brachte. »Nein,« erwiderte Joe, »ich sehe die Sterne nur in deinen Augen spiegeln.« Ein leichter Wind brachte von den Wiesen den Duft des frisch gemähten Grases.

»Und sie ist wirklich wie ein menschliches Wesen«, erzählte ihr Joe von der neuen Mähmaschine. »Sie hat Kinnladen und Zähne und lange Arme, die eine ganze Ladung Heu in die Höhe heben und genau wissen, was sie damit zu tun haben. Ich würde mich gar nicht wundern, wenn sie plötzlich ›Hallo‹ riefe!«

Und wieder lachten sie beide von Herzen, ihr Lachen gehörte zu ihnen, wie der Duft zu den Narzissen. Jetzt werde die Heumahd bald vorüber sein, meinte Joe. Sie wendete ihm ihr Gesicht zu, auf dem noch verklärend der Rausch der letzten Stunde lag, und ihre Augen blickten sehnsüchtig zu ihm auf. Er verstand sie und ergriff ihre beiden Hände, um sein Gelöbnis zu bekräftigen.

»Ja, Naomi. Ich werde mein Wort halten.« Er hatte versprochen, seiner Mutter nach der Ernte zu sagen, dass er und Naomi heiraten würden.

»Warum …« begann sie zögernd, schmerzlich dem Gedanken nachsinnend, wie viel glücklicher sie sein könnte, wenn Joe und seine Mutter nicht so feindlich gegen Joe und Naomi ständen. »Warum ist das nur?«

»Was ist? – Was meinst du?«, fragte er; doch sie wusste, dass er sie verstanden hatte, denn sie fühlte, wie er innerlich ein wenig von ihr abgerückt war und wie sich etwas von der frostigen Atmosphäre auch um ihn legte, die seine Mutter immer umgab.

»Warum bloß kann mich deine Mutter so gar nicht leiden?«

»Oh, sie kann dich ja gar nicht so schlecht leiden, Naomi, sie will nur nicht, dass ich dich so gut leiden mag.«

»Ja, aber warum nicht?«

»Wie kann ich das wissen?«, sagte er, im gleichen Ton, in dem ihre Mutter von Frau Copeland gesprochen hatte. »Vielleicht ist sie eifersüchtig?« Sie lachten, doch dieses Lachen brachte sie einander nicht näher. »Siehst du, Vater ist schon so lange tot, und ich bin das einzige Kind. Bei uns zu Hause ist es nicht so wie bei euch, Naomi. Mir gefällt es bei euch besser, ihr seid alle so fröhlich und freimütig; jeder sagt offen heraus, was er sich denkt, statt es – in sich zu verschließen«, schloss er unsicher den Satz. »Mutter ist gewohnt, Allzu vieles allein zu tragen. Was sie fühlt und denkt, behält sie für sich. Seit Jahren ist das so.«

›Und sie hält sich für besser als uns‹, setzte Naomi in Gedanken seine Rede fort. Bei den Copelands war alles, wie es sein soll – aber nicht mehr. Naomi war einige Male drüben gewesen, ehe die Sache zwischen ihr und Joe zum Zerwürfnis der Eltern geführt hatte. Alles dort im Haus war an seinem rechten Platz, aber es roch zu sehr nach Reinlichkeit. Frau Copelands Augen hinderten einen, sich in ihrem überreinen Hause gemütlich zu fühlen. Alle möglichen Dinge gab es, über die zu sprechen in ihrer Gegenwart unmöglich schien. Doch warum fürchtete auch Joe sich vor seiner Mutter?

Als hätte er gefühlt, wie sie mit ihren Gedanken ihm entglitten war, legte Joe seine Arme um sie und hielt sie ganz fest umschlungen. Er wusste, wie er ihre Verstimmungen bekämpfen konnte. »Du liebst mich doch, Joe? Nicht wahr, du liebst mich?«

»Ja, ich liebe dich, Naomi«, flüsterte er. Sie wusste, dass er die Wahrheit sprach, und diese Liebe verklärte ihr die ganze Welt.

»Ich muss jetzt gehen«, sagte sie, doch es fehlte ihr die Kraft, sich loszureißen. Mit dieser Liebe wollte sie sich ganz erfüllen, um sie mit sich zu nehmen. Mit geschlossenen Augen lag sie auf dem weichen Boden, Joe saß neben ihr, doch ohne sie zu berühren, als wollten sie jedes für sich dem Gefühl nachsinnen, das sie vereinte. Sie sog den Duft der Narzissen ein, die um ihr Lager standen, und ihre Hand liebkoste Blütenblätter, die weicher und zarter als Samt waren. Leises Rauschen und Knacken kam von den Bäumen, als schritte etwas Geheimnisvolles durch die Welt, klar und vertraut floss der Bach. Sie öffnete die Augen und blickte zu den Sternen auf.

»Wie nur die Menschen in solchen Nächten schlafen können!«, rief sie lachend. Und doch lag auch in ihr schon die süße Schwere des Schlafes; ihre Glieder, ihr Leib sehnten sich danach, hier zu ruhen, wo der Duft der Narzissen und das Rauschen der Bäume das gleiche zu gebieten schienen: Schlafe!

»Nein,« rief sie aufspringend, »ich darf nicht.« Sie schritten dem Bache entlang bis fast zum Haus der Kelloggs. Dann umarmte er sie innig und flüsterte:

»Naomi!«

»Einmal werden wir nicht mehr Abschied nehmen müssen«, sagte sie.

»Bald werden wir vereint sein – für alle Tage und alle Nächte«, antwortete er, und voll Staunen über dieses nahe Glück hielten sie einander bei den Händen.

»Gute Nacht, mein Joe!«

»Gute Nacht, geliebte Naomi!«

III

Von Kelloggs Haus konnte man den Besitz der Copelands nicht sehen, wohl aber von der Hauptstraße aus, ehe man in den Seitenweg abbog, der zu den Kelloggs führte. Wie stets, wenn Naomi nachmittags mit ihren Freundinnen von der Schule heimfuhr, blickte sie auch heute hinüber. Das stattliche weiße Haus lag auf einer leichten Anhöhe, doch es machte durchaus keinen freundlichen Eindruck. Für eine Witwe und ihren Sohn schien es viel zu groß, und vielleicht wirkte es deshalb so frostig auf Naomi. Auch die gestutzten Bäume, die davor standen und die man in jener Gegend gar nicht gewohnt war, erhöhten den steifen Eindruck, den das Anwesen machte. Frau Copeland stand vor dem Hause im Gespräch mit einem Manne, der am Zaun arbeitete, doch schien sie ihm eher Anordnungen zu geben, als mit ihm zu sprechen. Sie hielt sich aufrechter als Naomis Mutter.

Der Wagen hielt, wie stets, an der Abzweigung, denn die andern Mädchen fuhren auf der Hauptstraße weiter, während Naomi in den Seitenweg einbog, um zu Fuß nach Hause zu gelangen. Sie war froh, sich von ihren Freundinnen zu trennen, um ungestört all dem nachzusinnen, was sie verwirrend und beklemmend erfüllte. Und sie liebte diese schmale unebene Straße, mit Bäumen zu beiden Seiten, hinter denen sich blumengeschmückte Wiesen dehnten. Zur Rechten lag der Besitz der Copelands, jetzt wieder hinter einem langgestreckten wellenförmigen Hügel verborgen; aber nach der andern Seite konnten die Blicke in unendliche Fernen schweifen. Man sah Wiesen an Wiesen und Felder an Felder in der langgestreckten Ebene, die sich bis zur Stadt hinzog, und dahinter ein sanftes Hügelland. Herrliches Illinois! Felder mit fruchtbarer, schwarzer Erde, und grünwogende Halme, weidende Kühe und Pferde, die schwere Lasten auf schmalen Wegen zogen. Da und dort arbeiteten landwirtschaftliche Maschinen wie phantastische Tiere. Das ganze Land war an der Arbeit, und langsam dahinziehende weiße Wolken gaben jenem Spätnachmittag ein so eigenartiges Licht, durch das alles so besonders erschien, so – so wie Liebe verklärt und verschönt.

Dann senkte sich der Hügel zur Rechten, und Naomi konnte die Felder der Copelands überblicken. Da sah sie etwas, das einem Ungeheuer mit vielen Armen und Beinen glich: die neue Mähmaschine. Die Männer, die ringsherum standen, sahen ganz klein aus. Joe lief mit erhobenen Armen hinzu, als grüßte er in freudiger Erregung dieses Wunderwerk. Er ging umher und beugte sich nieder und schien seinen Leuten den Mechanismus zu erklären. Wie stark er war, und mit welcher geschmeidigen Sicherheit er sich bewegte! Das Ungetüm machte eine weitausholende, schwerfällige Bewegung, mit der es das Heu zusammenraffte, dann kraftvoll in die Höhe warf, um es mit Riesenarmen wieder aufzufangen, und hinter sich zu schlichten. Joe stand daneben und warf lachend den Kopf zurück … »Ich würde mich gar nicht wundern, wenn sie plötzlich ›Hallo‹ riefe!«…

Naomi schlenderte weiter und beobachtete ihn, wie er mit den ihr so vertrauten Bewegungen die Männer anwies und die Maschine beherrschte. Hinter ihm lagen die Schatten der Hügel, ihn selbst trafen voll die Strahlen der sinkenden Sonne. So arbeitete er auf eigenem Boden, voll Kraft, voll lachender jugendlicher Kraft. – »Gute Nacht, geliebte Naomi«, – hatte er gesagt.

Wilhelm Kellogg ließ die Heugabel ruhen und sah seiner Tochter entgegen, wie sie, ihren Pack Bücher schwingend, herankam. Ein Kranz von Blumen lag um ihren Strohhut und ihr rosa Kleid war zerdrückt. »Hallo Naomi,« rief er fröhlich und kam an die Hecke, um mit ihr zu sprechen, »nun, hast du heute irgendetwas gelernt?« Denn trotz jener Sache mit Joe Copeland stand Naomi mit ihrem Vater sehr gut. Der alte Kellogg war heiter und gütig, aber auch unbeugsam in seinen Grundsätzen. Was mit der Bibel und der Kirche zusammenhing, darin verstand er keinen Spaß.

»Ach, du willst wohl mit Naomi nach Hause gehen, Patsy«, sprach er zu dem braungefleckten Wachtelhund, der ihm schweifwedelnd nachgelaufen war. »Geh nur, geh nur!«, redete er ihm zu, weil er genau wusste, dass Patsy sich nicht von ihm trennen würde.

Naomi lachte. Vater machte immer die gleichen Scherze mit dem Hund. Seit Jahren waren sie Kameraden; immer, wenn Patsy zu Hause gelassen wurde, saß er zitternd am Gittertor und lugte nach seinem Herrn aus. Kaum sah er ihn von fern, so machte er einen Satz und raste mit wildem Jaulen die Straße hinunter. »Vater kommt!«, wussten alle im Haus. Das Tor wurde schnell geöffnet und nie versäumte Vater sein Pferd Lady anzuhalten, damit Patsy zu ihm auf den Wagensitz springen konnte, um fröhlich bellend und stolz mit seinem Herrn in den Hof einzuziehen.

Hohe Bäume standen vor dem Kelloggschen Besitz und ließen das Haus noch niedriger erscheinen, als es war. Wie schön und schattig lag es da! Die Drossel sang in den Ulmen, der frische Bach erzählte von der vergangenen Nacht.

»Bist du’s, Naomi?«, rief Frau Kellogg aus der Küche. Dunkelrote Kirschen lagen vor der Mutter und ihr frischer Duft erinnerte Naomi an das kühle Moos, das ihre Hand in der Nacht gestreichelt hatte. Die Zweige vor dem Fenster warfen Schatten durch den Raum, doch wo die vollen Sonnenstrahlen die Kirschen trafen, glühten sie purpurrot.

Die Mutter sah müde aus. »Ich will dir helfen«, sagte Naomi.

»Ruh erst ein wenig aus, Liebling. War es heiß in der Stadt?«

Naomi ging in ihr Zimmer, in den ebenerdigen Raum an der Ecke des Hauses, dem Esszimmer gegenüber. Die Lage des Zimmers erlaubte es ihr, davonzuschleichen, um Joe zu treffen, wenn die andern schon im oberen Stock schliefen. Sie liebte dieses ebenerdige Zimmer, von dem sie abends die Frische des Grases aufsteigen fühlte, wenn sie im Fenster lehnte. Gern ging sie spät nachts, wenn alle andern schon schliefen, noch vor das Haus, um sich dem Bach ganz nahe zu fühlen, den auch Joe in seinem Zimmer hören konnte.

Ja, sie wollte Mutter helfen. Vorhin in der Küche war es ihr aufgefallen, wie viel gebückter ihre Mutter einherging als Frau Copeland. Und die hatte doch auch viel gearbeitet, allerdings immer nur für sich selbst, und niemals hatte der Gedanke an andere ihr Leben getrübt. »Ach Gott!«, hörte sie eben ihre Mutter klagen. Rosie hatte ihr erzählt, dass Willi den großen rosa Geraniumstock zerbrochen hatte, als er aus dem Fenster gesprungen war, um dem kleinen Seares nachzujagen.

Naomi sah in den Spiegel, um ihren Hut abzunehmen und die Haare glattzustreichen. Sie runzelte die Brauen, denn sie war müde und in solchen Augenblicken fand sie sich gar nicht hübsch. Manchmal sah sie vorteilhaft aus, andere Male wieder gar nicht. Doch als sie dann, im Begriff ihr Kleid abzustreifen, ihre Arme in die Höhe streckte, Hals und Kopf zurücklehnte und aus halbgeschlossenen Augen nochmals in den Spiegel sah, da war sie wieder mit sich zufrieden. Es verflüchtigte sich, aber es kam ebenso rasch wieder zurück – das, was sie schön erscheinen ließ. Sie nahm Joes Bild aus der Lade; sie hatte es versperrt, als Vater sagte, er dürfe nicht mehr ins Haus kommen. Musste alles geheim bleiben, dann sollte auch das Bild ein Geheimnis sein. Sie betrachtete Joes Züge, sein Lächeln auf dem Bilde – eigentlich kein Lächeln, nur der Beginn eines Lächelns – seine tiefen Augen; dann sah sie im Spiegel wieder sich selbst an und errötete über das halb abgestreifte Kleid.

Mutter hatte gesagt, sie sollte erst ein wenig ausruhen, und sie fühlte sich auch wirklich müde, denn letzte Nacht war es spät geworden. Sie legte sich auf das große Nussholzbett. Ihr Zimmer war zu diesen Spätnachmittagsstunden besonders schön. Sie liebte die Rosenknospen der Tapete. Und so viel kühler und angenehmer war der Raum, seit der Teppich fortgegeben und der Fußboden grau gestrichen war, wie sie es bei ihren Schulkolleginnen in der Stadt gesehen hatte.

Sie blätterte in einem Magazin. Italien! Ein Land voll Romantik. Terrassen an Hügellehnen, Orangenhaine, Weingärten und Olivenbäume. Um Liebe wussten diese Italiener, Liebe glühte aus ihren Augen, klang aus ihren Stimmen. Seit Jahrhunderten sangen sie Liebeslieder, kämpften und starben sie für Liebe. Nachtigallen! Venedig! Murmeln von Wasser und glühendes Geflüster …

Das Heft entfiel ihrer Hand, im Halbschlaf dachte sie an dieses Land der Liebe. Der Duft der Narzissen kam durch das Fenster, hell klang der Schlag der Drossel. Der Bach murmelte … das plätschernde Wasser von Venedig … Glühendes Geflüster durch Jahrhunderte … sie fühlte sich Joe ganz nahe, seine Augen liebten sie, seine Stimme flüsterte. …

Sie riss sich empor. Durch ihren Wachtraum waren hastige Schritte geklungen. Die Stimme ihres Vaters, erregt, halblaut: »Annie! Annie!« Er berichtete etwas in der Küche. Ein entsetzter Laut aus dem Mund ihrer Mutter machte ihr Angst.

Sie eilte in das Esszimmer hinüber, stand in der offenen Küchentür. Vater und Mutter wandten ihr den Rücken. Ihr Vater begleitete seine Worte mit weiten Bewegungen seiner Arme: »Er erklärte ihnen eben, wie sie arbeitet. Er muss irgendeinen unrichtigen Hebel gestellt haben, denn mit einem Mal kamen sie hervor, diese eisernen Zähne, wie das Maul eines Löwen – sie gruben sich in seinen Körper …«

»Oh!«, wimmerte Frau Kellogg, die Hände gegen ihren Mund gepresst. »Oh! Oh! Oh!«

»Und der schwere Balken schlug auf ihn nieder …«

»Auf wen?«, kreischte Naomi.

»Oh – oh, mein Liebling!« Ihre Mutter lief zu ihr hin, doch Naomi hielt sie von sich ab und blickte starr auf ihren Vater.

»Auf wen?«

»Ja, Naomi – auf ihn.«

»Nein … nein …«

»Ja – Joe.«

»Verletzt?«, hauchte sie. »Du meinst … er ist verletzt?« »Ich meine – er ist tot, Tochter.«

IV

Die Blätter waren rot geworden, doch Naomi hatte sie in diesem Jahr nicht angesehen. Die Drosseln waren fortgezogen, der Bach war angeschwollen. Wenn sie ihr Schlagen auch vermisste, wenn sie sein Rauschen auch hörte, sie wusste nichts von dem, was sie hörte oder vermisste.

»Bei den Copelands haben sie das letzte Getreide eingeführt«, sagte ihr Vater eines Tages beim Mittagessen. Da erhob sie sich vom Tisch und ging in ihr Zimmer. »Wilhelm!«, mahnte ihre Mutter. »Sie muss sich doch endlich wieder zusammennehmen«, gab der Vater zurück.

Die Felder der Nachbarn waren abgeerntet. Und wenn das Korn eingebracht war, hätte sie Joe heiraten sollen … Sie saß da und blickte auf sein Bild. Später kam ihre Mutter zu ihr herein. »Caleb Evans ist gekommen, Liebling. Willst du nicht mit ihm sprechen?« »Ach Mutter – bitte, verlang‘ das nicht von mir.« Es klang so verzweifelt, dass Annie Kellogg sich niedersetzte, ihre Tochter betrachtete und ihre Sorge mehr und mehr wachsen fühlte. Anfangs war es ihnen verständlich gewesen, dass Joes Tod Naomi so erschüttert hatte. Sie und Joe waren doch bis vor kurzem so innig befreundet gewesen, und es schien, als wäre sie ihm auch weiter gut geblieben. Vielleicht hatte sie sogar gehofft – arme Naomi! – es würde eines Tages wieder anders werden. Doch als der Sommer dem Ende zuging und Naomi bleich und verändert blieb, nichts sprach und kaum aß und schlief, hatte ihre Mutter versucht, ihr Vernunft zu predigen. »Du musst dich jetzt endlich aufraffen, Naomi, dich zwingen, nicht immer daran zu denken! Es war ein schwerer Schlag, ja, aber schließlich,« sie hatte sich Mühe gegeben, es so zart wie möglich auszudrücken, »wart ihr doch nicht richtig verlobt und es wäre auch nie dazu gekommen, das weißt du ja. Und – und es ist nicht recht, dass du dich so in deinen Kummer verrennst. Du musst wieder anfangen, wie die andern Mädchen zu leben, sonst gibt’s leicht ein Gerede.«

Naomi hatte keine Antwort gegeben. Sie hatte bloß ihre Hände ineinander gepresst und zur Seite geschaut. Nur ihrem Vater gegenüber hatte sie einmal die Wahrheit gestreift. Er hatte sie weinen gehört, als er eines Tages an ihrem Zimmer vorbeiging, und war bei ihr eingetreten. »Du lässt dich zu sehr gehen! Und – nicht wahr? – Joe hat doch schließlich auf dich verzichtet. Ist es nicht so, Naomi?«

»Niemals hat Joe auf mich verzichtet!«, flammte sie damals auf. »Wir liebten einander. Im Herbst wollten wir heiraten.« Ihr Vater wusste nichts darauf zu sagen. An all dies dachte die Mutter, als sie jetzt zu sprechen begann: »Ich glaube, es würde dir guttun, mit Caleb zu sprechen, auch wenn du keine Lust dazu hast. Manchmal soll man sich dazu zwingen, etwas zu tun. Selbst Leute, die miteinander verheiratet waren, müssen solche Trennungen ertragen. Denke doch, wie viel schlimmer es gewesen wäre …«

Naomi hob ihren Blick und schaute ihre Mutter an. Und die war nicht imstande weiterzureden, obwohl sie nicht wusste, warum.

Aus Furcht, man würde sie zwingen hinüberzukommen, um mit Caleb Evans über den Verkauf seines Ladens zu sprechen, schlüpfte Naomi durch die Hintertüre aus dem Haus, an der Scheune vorbei und lief zwischen den Bäumen ihrem Bache zu. Sie schritt den Weg, den sie oft so gegangen war, um Joe zu treffen.

Es war nicht das erste Mal seitdem, dass sie hier ging. In Hochsommernächten, wenn alle im Haus schon schliefen, war sie aufgewacht und fortgegangen, als wollte sie ihren Geliebten treffen, als würde das Leben, das in ihr unterbrochen worden war, in diesen Sommernächten nach Erfüllung drängen. Oft wusste sie kaum, was sie tat; dann wieder überließ sie sich dem Traum, ihn an dem vertrauten Platz zu finden, und ihre Füße folgten dem Pfad, den sie kannten, und sie wartete am Bach bei den Narzissen. Eines Nachts, als ihr die Stille unerträglich geworden war, lief sie umher und rief laut seinen Namen; in jener Nacht warf sie sich auf den Boden, riss mit verzweifelten Händen die Blumen aus und noch auf dem Heimweg schluchzte sie: »Joe … Joe!«

Nun aber saß sie ganz still an jenem Plätzchen, wo sie mit Joe geruht hatte; ihre Hände lagen im Moos, Blätter fielen in den Bach. Joe. Wo war Joe? Wie war es möglich, dass sie einander so viel gewesen waren und dass er fortgehen durfte und sie zurückbleiben musste, um allein all das zu fühlen, was sie einst gemeinsam empfunden hatten? Was sollte sie tun? Wie konnte sie in einer Welt leben, in der Joe nicht mehr war?

Es machte ihr Mühe, sich zu erheben. Sie war jetzt oft so unbeholfen. Obwohl sie so wenig aß, schien sie in letzter Zeit schwerer geworden. Plötzlich griff ihre Hand nach der Stütze des Baumes. Was bedeutete dieses seltsame Schwindelgefühl?

Sie hatte sich keine Gedanken gemacht, keine Befürchtungen gekannt. Was denken und fürchten hätte können, war in ihr erstorben. Jetzt aber, zum ersten Mal, begann sie zu überlegen. Monate waren vergangen. Konnte es – sollte es möglich sein?

Nein, natürlich nicht, so etwas gab es ja nicht wirklich; nie für einen selbst. Doch wieder und stärker noch fühlte sie dieses Schwindelgefühl, das sie nie vorher gekannt hatte. Dort, bei den Narzissen am Bache, wo sie einander geliebt hatten, fühlte sie zum ersten Mal Joes Kind, das sich in ihr regte.

V

Rascher kam man zu den Copelands, wenn man die Felder überquerte und dem Bach folgte. Doch diesen Weg wollte sie heute nicht gehen. Sorgfältig und schlicht gekleidet schritt sie in tiefem Ernst, fast feierlich, die Straße entlang, von ihrem Haus zu jenem, in dem Joe gelebt hatte. »Ich will einen kleinen Spaziergang machen«, hatte sie ihrer Mutter gesagt. »Oh, wie mich das freut!«, hatte Frau Kellogg ausgerufen, denn sie hatte Naomi schon oft vergeblich zugeredet, eine ihrer Freundinnen aufzusuchen. »Soll Rosie mit dir kommen?« – »Nein, Mutter.« – »Willst du nicht Patsy mitnehmen?« – »Nein, Mutter.«

Wie ruhig sie war und wie weit fort mit ihren Gedanken. Frau Kellogg begleitete sie in den Hof. Der Novemberwind ging ihnen durch Mark und Bein. »Keine schöne Zeit zum Spazieren gehen! Es sieht nach Regen aus.«

»Leb‘ wohl, Mutter,« gab Naomi zurück. Sie hatte ihre Handschuhe angezogen und trug ihr Taschentuch in der Hand, wie zum Kirchgang. Langsam schritt sie aus. Bei Copelands waren einige Fensterladen geschlossen. Düster sahen die kleinen gestutzten Bäume aus. Sie hatte den Glockenzug bewegt und wartete lange auf der Freitreppe. Was sollte sie tun, wenn Frau Copeland nicht öffnen kam? Durfte sie zu dem hinteren Eingang gehen? Nein, ihr schien, das durfte sie heute nicht.

Schließlich öffnete eine Verwandte Frau Copelands, die bei ihr wohnte, ein wenig die Türe. »Ich möchte Frau Copeland sprechen«, sagte Naomi.

»Sie nimmt fast keine Besuche mehr an«, erwiderte die Frau unsicher.

»Ich weiß. Aber es handelt sich um Wichtiges.«

»Ihr Name …«

»Ich bin Naomi Kellogg.«

»Ach so – eine der Töchter unseres Nachbarn.«

»Ja. Und ich komme wegen einer sehr wichtigen Sache.«

Die Türe wurde weiter geöffnet, Naomi trat ein. »Nun, ich will sehen«, meinte die große, hagere Frau, die ›altjüngferliche Tante‹, wie Joe sie immer genannt hatte. Wieder schien sie unsicher zu zögern, doch dann sagte sie: »Sie können ja immerhin im Wohnzimmer warten.«

In dem kalten Raum saß Naomi auf der äußersten Kante eines mit Rosshaar gepolsterten Stuhles. Auf dem Mitteltisch stand ein Bild von Joe, das gleiche, das auch sie hatte. Während sie es noch betrachtete, trat jemand ins Zimmer; es war die Frau von vorhin. »Frau Copeland kann Sie nicht empfangen.« Naomi stand auf. »Sagen Sie ihr, es handelt sich um Joe.

Sagen Sie ihr, es betrifft etwas, das sie erfahren muss.« Sie saß wieder dort und betrachtete das Bild. Dann stand Joes Mutter in der Tür.

Sie war sehr gealtert und hatte sich doch nicht verändert. Sie tat Naomi leid. Dadurch wurde es ihr leichter, das zu sagen, was zu sagen sie gekommen war, denn sie war ja da, um ihr etwas zu bringen. Furcht fühlte sie nicht. Seit jenem Augenblick in später Nacht, als ihr klar geworden war, was sie tun musste, kannte sie keine Furcht.

Frau Copeland sprach nicht, sie setzte sich nicht, so blieb auch Naomi stehen. »Es handelt sich um Joe«, begann sie. Joes Mutter, obgleich sie fahler zu werden schien, stand unbeweglich wie vorher. Sie wusste, dass niemand ihr nahezutreten wagte. »Sie wollten nicht, dass wir – Freunde wären«, fuhr Naomi fort. Frau Copeland richtete sich ein wenig steifer auf, obwohl ihr das nicht so leicht wie früher fiel. »Aber wir waren es doch«, sprach Naomi weiter. »Wir trafen einander, am Bach, wenn alle schliefen.«